MKL1888:Desinfektion
[705] Desinfektion (franz.), das Verfahren, durch welches man der Gesundheit schädliche Stoffe, besonders die als Überträger von Krankheiten, als Ansteckungsstoffe, erkannten mikroskopischen Organismen, die Bakterien, zu zerstören sucht. Bisweilen rechnet man zur D. auch die Maßregeln, welche vorbeugend gegen die Entstehung oder Ausbreitung der Ansteckungsstoffe ergriffen werden, und häufig verwechselt man D. mit Desodorisation, indem man die Schädlichkeiten von den durch übeln Geruch sich bemerkbar machenden Stoffen ableitet und den gewünschten Erfolg erreicht zu haben glaubt, sobald dieser Geruch verschwunden ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß übelriechende Gase, welche aus faulenden Substanzen, Exkrementen etc. sich entwickeln und der Luft der Wohnräume sich beimischen, nachteilig sind, und insofern sind alle Maßregeln wertvoll, welche eine gründliche Beseitigung dieser Gase erreichen. Der Wert des Eisenvitriols, der Manganlaugen etc. besteht darin, daß sie gewisse Fäulnisprodukte, wie Schwefelwasserstoff- und Ammoniakgas, binden und die Verbreitung [706] solcher Gase aus Abtrittsgruben, Klosetten etc. verhindern. Dagegen ist es selbstverständlich vollkommen zwecklos, den Geruch der übelriechenden Gase durch stark riechende Räuchermittel zu maskieren. Die schädlichen Gase bleiben in dem Raum, und sie entgehen nur durch die Räucherung der Wahrnehmung, weil die entwickelten Wohlgerüche stärker als jene auf unser Geruchsorgan wirken. Die einfachste Ventilation würde in diesem Fall sehr viel wirksamer sein, da durch sie die schädlichen Gase beseitigt werden. Freilich würde auch gute Ventilation auf die Dauer wenig ausrichten, wenn nicht die Quelle jener Gase verstopft wird. Und dies gilt für alle Desinfektionsmaßregeln, denen man nicht den Kampf gegen Schädlichkeiten aufbürden soll, die auf andre Weise leicht und sicher beseitigt werden können. Es wäre thöricht, Zimmer desinfizieren zu wollen, in welche aus unreinen, feuchten Kellern, aus Kanälen, Abtritten etc. beständig schädliche Gase eindringen, auf deren feuchten Wänden Tapeten verrotten, unter deren Dielen unreiner Schutt lagert, der gelegentlich durch einsickerndes Scheuerwasser angefeuchtet wird. Hier sind diese Übelstände zu beseitigen, und dann wird meist eine besondere D. gar nicht mehr erforderlich sein. Reinlichkeit, Trockenheit, reichliche Ventilation sind von der Gesundheitspflege als so wichtige Faktoren für das Wohlbefinden in den Wohnräumen anerkannt worden, daß auf sie in erster Linie zu achten ist. Nachdem dies aber geschehen, bleibt noch für die D. ein weites Gebiet, auf welchem große Anstrengungen gemacht werden müssen, wenn der Erfolg gesichert werden soll. Die neuern Untersuchungen haben gelehrt, daß die chemischen Produkte der Fäulnis, welche sich zum Teil durch übeln Geruch sehr bemerkbar machen, viel weniger zu fürchten sind als die Mikroorganismen, welche jene Fäulnisprozesse begleiten und vielleicht als deren fermentartig wirkende Urheber zu betrachten sind. Ein Mittel, welches nur die übeln Gerüche beseitigt, ohne jene Organismen zu töten, leistet also sehr wenig, und es war ein außerordentlicher Fortschritt, als man den scharfen Unterschied zwischen Desodorisation und D. machen lernte und vom Desinfektionsmittel verlangte, daß es jene Organismen töten müsse. Nun sind, wie es scheint, sehr viele bei Fäulnisprozessen auftretende Bakterien der menschlichen Gesundheit nicht nachteilig, und manche der gefährlichsten organisierten Krankheitsübertrager mögen in ihrer Entwickelung durch Fäulnisprozesse keineswegs begünstigt werden; dennoch muß man bis jetzt annehmen, daß faulende Stoffe im allgemeinen als Nährboden für Bakterien deren Vermehrung und Verbreitung befördern, und so werden sich alle Desinfektionsmaßregeln auf Unterdrückung von Fäulnisprozessen richten müssen. Die neuere Zeit hat aber auch direkte Beobachtungen über die Widerstandsfähigkeit der hier in Betracht kommenden Organismen gegen äußere Angriffe gebracht und damit angefangen, den Boden zu schaffen, von welchem aus allein der Wert bestimmter Desinfektionsmaßregeln beurteilt werden kann. Freilich richteten sich diese Beobachtungen nur auf bestimmte Organismen, und es scheint, als ob durchaus nicht alle gleich lebenskräftig sind, ja es ist bekannt, daß manche, welche Dauersporen erzeugen, dadurch die Fähigkeit besitzen, sehr energischen Angriffen zu widerstehen, und selbst nach langer Zeit aus dem Zustand der Ruhe wieder zu regster Lebensentfaltung übergehen können. Im allgemeinen sind die Bakterien sehr viel widerstandsfähiger, als man glauben möchte, und es hat sich mit Sicherheit herausgestellt, daß z. B. Räucherungen mit Chlor in belegten Krankenzimmern, also in einem Grade, daß Menschen dabei noch ohne Beschwerde atmen können, daß Besprengungen mit Karbolsäure, welche die Luft mit intensivem Karbolgeruch füllen, kaum eine andre Bedeutung haben als Räucherkerzen und vielleicht insofern mehr schaden, als nützen, als sie eine Sicherheit vortäuschen, die durchaus nicht vorhanden ist.
Im deutschen Reichsgesundheitsamt hat man die einzelnen Desinfektionsmittel auf ihre Wirksamkeit geprüft, indem man dieselben in berechneter Menge in geschlossenen Gefäßen auf künstlich gezüchtete Bakterien von Milzbrand, Rotlauf, Septichämie etc. sowie auf deren Dauersporen einwirken ließ und nach verschieden langer Einwirkung diese Bakterien auf ihre Lebensfähigkeit prüfte. Nach den Ergebnissen bezeichnet man als zuverlässige Desinfektionsmittel solche, welche alle Mikroorganismen und ihre Keime töten, während die unzuverlässigen dies nur in bedingtem Grad erreichen. Es ist auch zu beachten, daß manche Desinfektionsmittel nur die Lebensthätigkeit der Bakterien herabsetzen, die sich gewissermaßen wieder erholen, nachdem die Einwirkung des Desinfektionsmittels aufgehört hat. Man darf ferner nicht vergessen, daß die Bakterien und ihre Keime sich durch die Luft verbreiten, so daß ein desinfizierter Gegenstand, sobald er mit der Luft wieder in freie Berührung gekommen ist, in kürzester Zeit von neuem infiziert werden kann, wenn nicht durch die D. eine solche Veränderung mit demselben vor sich gegangen ist, daß er für die Bakterien und ihre Entwickelung keinen Boden mehr bietet.
Der D. unterliegen bewohnte Räume und die in denselben befindlichen Gegenstände, Möbel, Betten, Kleidungsstücke und Wäsche, allerlei Abfallstoffe und Exkremente, dann auch Leichen und Kadaver sowie lebende Menschen und Tiere. Die Verschiedenartigkeit dieser Fälle fordert auch ein sehr verschiedenartiges Verfahren und eine Auswahl unter den Desinfektionsmitteln, welche zum Teil sehr beachtenswerte Nebenwirkungen ausüben und dadurch in manchen Fällen unanwendbar sind.
Das Chlor steht in altbewährtem Ruf als Desinficiens durch sein starkes Oxydationsvermögen; man entwickelt dasselbe am besten durch Übergießen von Chlorkalk mit Salzsäure und wendet es zur D. von Wohnungen, Krankenzimmern etc. an. Das Chlor besitzt zwar keine absolut sichere desinfizierende Wirkung, besonders da sich seine Wirkung wesentlich auf die Oberfläche erstreckt; indessen wird es, in hinreichender Menge entwickelt, zur völligen D. leerer Räume sicher genügen. Zu diesem Zweck räumt man das zu desinfizierende Zimmer gänzlich aus, schafft vornehmlich auch alle Kleidungsstoffe und Möbel heraus, beseitigt vorteilhaft die Tapeten, da alle diese Stoffe durch das Chlor angegriffen werden, wäscht Fußboden, Wände, Fenster und Öfen, soweit dies thunlich, mit Sublimatlösungen (s. unten), dichtet alle Fugen und Ritzen an Fenstern etc. und stellt nun den Chlorkalk in möglichst großen irdenen Schalen, um bei der Chlorentwickelung ein Überfließen zu verhindern, im Zimmer auf und zwar so, daß ein Teil in der Nähe der Decke, einer in mittlerer Höhe und einer am Fußboden placiert wird, wodurch ein möglichst gleichmäßiges Durchdringen der Luftschichten mit Chlor bewirkt wird. Um Luft durch Chlor zu desinfizieren, muß dieselbe 1–11/2 Volumprozent des Gases enthalten, und man bedarf deshalb zur Entwickelung der nötigen Menge Chlor für 1 cbm Rauminhalt 0,25 kg Chlorkalk und 0,35 kg Salzsäure. Die [707] desinfizierende Wirkung des Chlors wird bedeutend erhöht durch starke Feuchtigkeit des betreffenden Raums, die man durch Besprengen des Zimmers und Zerstäuben von Wasser vor der D. erreicht. Man thut nun von dem Chlorkalk nicht mehr als 1/2 kg in je eine Schale, umwickelt diese Masse mit Filtrierpapier und stülpt darauf möglichst gleichzeitig in jede Schale eine Flasche mit Salzsäure, worauf man sich so schnell wie möglich aus dem fest zu schließenden Raum entfernt. Den Akt des Übergießens muß man vorher mit den Gehilfen ausproben, damit keine Verletzung durch zu stürmische Chlorentwickelung stattfinde. Nach 24 Stunden öffnet man den Raum, der als gänzlich desinfiziert angesehen werden kann, wenn das Chlor möglichst vollkommen aus dem Chlorkalk entwickelt ist. Der schwache Chlorgeruch, auch in der Umgebung des Raums, verschwindet bald. Chlorwasser und Chlorkalklösungen benutzt man zu Waschungen lebender Personen, und wenn die Kleider am Leibe desinfiziert werden sollen, so muß die betreffende Person in eine kleine Bude treten, in welcher Chlor entwickelt wird. Durch eine Öffnung in der Wand steckt sie den Kopf ins Freie, um das Chlor nicht einzuatmen. In seiner Wirkung und Anwendungsweise steht das Brom dem Chlor sehr nahe. Man benutzt es in der Form des Bromum solidificatum, in welcher das Brom von poröser Kieselgur aufgesogen ist und an der Luft allmählich verdampft. Es gehören nach den neuesten Ermittelungen zu einer annähernd vollkommenen D. eines Kubikmeters Raum 40 g Brom, doch erstreckt sich auch bei diesem Mittel die D. wesentlich auf die Oberfläche der Gegenstände. Auch in wässerigen Lösungen wirkt das Brom als gutes Desinficiens bei Waschungen etc. Viel angewendet und bequem darzustellen ist die schweflige Säure, indem man sogen. Stangenschwefel auf eisernen Pfannen verbrennt, wobei man auf das Kubikmeter 20 g Schwefel rechnet. Auch hierbei unterstützt man die Wirkung wesentlich, indem man zuvor das Zimmer mit Wasserdämpfen sättigt. Die Anwendungsweise ist jedoch nicht ganz ungefährlich wegen der Feuersgefahr, und auch die desinfizierende Wirkung steht hinter der der beiden vorgenannten Stoffe zurück.
Während diese Mittel wesentlich zur D. von geschlossenen Räumen angewendet werden, ist die Karbolsäure ein bewährtes Mittel bei Waschungen, Verbänden und sonstigem Krankengebrauch. Dieselbe verhütet in ausgezeichneter Weise die Entwickelung aller bösartigen Spaltpilze und eignet sich gerade deshalb sehr gut zu antiseptischen Verbänden, einem Gebiet der Desinfektionslehre, welches, gegen Ende der 60er Jahre von Lister begründet, seitdem die gewaltigsten Fortschritte in der ganzen operativen Medizin bedingt hat. Weniger sicher ist nach Kochs Untersuchungen die Wirkung der Karbolsäure auf die Dauersporen der Bakterien, doch hindert sie dieselben immerhin an weiterer Entwickelung. Man wendet die Karbolsäure in 2–5proz. wässeriger Lösung an, doch muß man gerade bei der Wundbehandlung mit starken Lösungen vorsichtig sein, da durch Resorption von viel Karbol leicht Vergiftungserscheinungen eintreten können, die sich zunächst im Auftreten von dunkel bis schwarz gefärbtem Urin, sogen. Karbolurin, äußern. Zur D. der Schwämme und Instrumente bei Operationen wird die Karbolsäure allgemein angewendet. Sehr wichtig ist, daß Karbolsäure, in Öl gelöst (Karbolöl), gar keine desinfizierende Wirkung hat. In feinster Verstäubung wird die Karbolsäure als Spray bei Operationen zur fortgesetzten D. des Operationsfeldes benutzt und in Dampfform zur D. ganzer Räume. Hierbei ist jedoch die Wirkung derselben sehr unsicher, da es nach Koch äußerst schwer ist, den nötigen Karbolgehalt auf ein Kubikmeter Raum zu konzentrieren, und es erhellt daraus, wie schon oben bemerkt, daß ein Zimmer nicht als desinfiziert anzusehen ist, sobald sich Karbolgeruch bemerkbar macht. Die Salicylsäure wird als sehr bewährtes fäulniswidriges Mittel in der Stärke von 3 auf 1000 g Wasser ebenso wie die Karbolsäure angewendet. Das Thymol wird in der Stärke von 1 : 1000 benutzt, und beide Mittel eignen sich besonders zu fortgesetztem Gebrauch bei Wundbehandlung, da sie, auch bei längerer Anwendung, keine Vergiftungserscheinungen bewirken. Von sehr guter Wirkung bei der D. von Wunden ist ferner das erst seit kurzem hierzu benutzte Jodoform, welches bei offenen Wunden und Geschwüren den Heilungsprozeß in ausgezeichneter Weise unterstützt. Bei sehr reichlichem Gebrauch des Jodoforms hat man heftige Erregungen des Nervensystems, Tobsuchtsanfälle und psychische Störungen beobachtet, außerdem ist der intensive Geruch sehr störend. Übermangansaures Kali wird vielfach zweckmäßig zu Waschungen angewandt. Hatten die bisher aufgeführten Mittel eine gute, aber keine absolut sicher desinfizierende Wirkung, so besitzen wir in dem seit kurzer Zeit allgemein eingeführten Quecksilbersublimat ein Mittel, welches schon in einer Verdünnung von 1 : 1,000,000 das Wachstum der Spaltpilze erheblich beschränkt und in einer Lösung von 1 : 1000 in wenigen Minuten auch die widerstandsfähigsten Keime der Mikroorganismen tötet. Hiermit haben wir ein absolut sicheres Mittel, welches zur D. von Wunden, Verbänden, zum Waschen der Hände und aller möglichen Gegenstände verwendet wird. Es ist geruchlos und in der starken Verdünnung wenig giftig (in konzentrierterer Form gehört das Salz bekanntlich zu den heftigsten Giften und muß daher mit der größten Vorsicht behandelt werden!). Andre chemische Mittel, wie Chlorzink, Naphthalin etc., sind als wertlos erkannt und verlassen. Von desodorisierenden Mitteln werden namentlich Eisenvitriol, welcher Schwefelwasserstoff und Ammoniak bindet, verdünnte Schwefelsäure, welche ebenfalls Ammoniak bindet, ferner Kalkmilch und Kalilauge, die den widrigen Geruch der Diarrhöekote beseitigen, angewandt. Kohle, Torfgruß und Erde wirken stark absorbierend und verhindern z. B. bei Pissoirs ebenfalls die Gasentwickelung; auch benutzt man Kohle heute sehr allgemein zur Filtration des Trinkwassers, welches durch die poröse Kohle hindurchsickert und in derselben von gelösten organischen Stoffen (aber nicht vollständig von Bakterien) befreit wird, wobei noch die Bequemlichkeit ist, daß nach längerm Gebrauch die Kohle nur bei Luftabschluß geglüht zu werden braucht, um wieder vollkommen gut zu funktionieren. Gebrannter Kalk wirkt durch seine Fähigkeit, Wasser, Kohlensäure und Schwefelwasserstoff zu binden; doch ist dabei die Entwickelung von Ammoniak störend.
Neben den chemisch wirkenden Desinfektionsmitteln gibt es noch ein souveränes, nämlich die Hitze. Während man aber früher allgemein glaubte, daß eine Temperatur von 100° ausreichend sei zur Tötung aller Bakterien, haben neueste Versuche von Koch und Wolfhügel gezeigt, daß die Keime der Bakterien in trockner, heißer Luft Temperaturen bis zu 140° längere Zeit hindurch ohne Schaden ertragen, und daß außerdem heiße Luft äußerst langsam in das Innere der Desinfektionsobjekte, z. B. Wäschebündel etc., eindringt. Besser gestalten sich schon die Resultate, [708] welche man mit Wasserdampf im Kochtopf anstellte; doch auch hier bedurfte es geraumer Zeit, um z. B. Flüssigkeiten in Flaschen zu sterilisieren, d. h. alle Keime in denselben zu töten. Die beste Anwendung der Hitze besteht in der Form von strömenden Dämpfen, und man fand, daß auch die widerstandsfähigsten Keime nach 5–10 Minuten langer Einwirkung von Wasserdampf bei einer Temperatur von 100° getötet wurden, daß außerdem Leinwandpakete, in deren Mitte Sporen eingeschlossen waren, nach ca. 30 Minuten desinfiziert waren. Praktisch erprobt ist dies Verfahren im Berliner Barackenlazarett (Moabit), wo der Verwaltungsdirektor Mercke einen vortrefflich bewährten Apparat konstruiert hat.
Der Apparat (s. Figur) ist aus Mauersteinen, die mit Zement verbunden sind, hergestellt. Er hat die
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| Eiserner Desinfektionsapparat von Mercke. a Doppelte Wand; b Thüröffnung, durch welche der auf den Rollen h längs der Schienen m bewegliche Wagen g mit den zu desinfizierenden Betten und Kleidern k hineingeschoben wird; c Kupferspiralen zum Heizen. | |
Form eines länglichen Würfels und besitzt bei einer Höhe von 2,24 m einen benutzbaren Rauminhalt von 6,5 cbm. Wandungen, Fußboden und Decke bestehen aus doppeltem Mauerwerk, welches eine Isolierschicht von 7 cm Breite zwischen sich faßt, die mit Sägespänen ausgefüllt ist und ventiliert werden kann. Von der Mitte der Decke führt ein durch eine stellbare Klappe verschließbarer Schornstein nach außen. Zugänglich ist der Apparat durch zwei an der Längsseite angebrachte eiserne Doppelthüren, von denen die innere sich leicht seitlich an der Innenwand verschieben läßt, während die äußere vermittelst eiserner Schrauben fest an einen mit Filz gepolsterten eisernen Thürrahmen angepreßt wird. Jederseits von der Thür befinden sich 5 cm oberhalb des Fußbodens zwei runde Luftzuströmungsöffnungen von 51/2 cm Weite, die verschließbar sind. Die Heizung des Apparats geschieht durch ein spiralig gewundenes, an Boden und Seitenflächen hingeleitetes Kupferrohr, welches eine hohe Temperatur zu erreichen gestattet. Beim Betrieb des Apparats wird nun Wasserdampf durch das Kupferrohr, gleichzeitig aber auch direkt in den Raum geleitet, und nachdem auf diese Weise längere Zeit hindurch Temperaturen von mehr als 100° selbst in den dicksten Ballen erzielt worden sind, wird die Ventilation in Gang gebracht.
Dies Verfahren allein bietet zur Zeit die Garantie einer ausreichenden D., und Apparate wie die beschriebenen, welche mit irgend einer Dampfmaschine, etwa mit einer Lokomotive oder Lokomobile, in Verbindung gesetzt werden können, sollten deshalb nicht nur in Krankenhäusern, sondern in allen Städten vorhanden sein, damit polizeilich die D. der Betten, Wäsche, Möbel etc. bei allen ansteckenden Krankheiten angeordnet und durchgeführt werden könnte. Die Bedingungen, welche ein guter Apparat zu erfüllen hätte, würden demnach sein: 1) eine Größe von ca. 10 cbm Rauminhalt, damit man Bettstellen, Matratzen etc. hineinbringen kann und die übrigen Gegenstände nicht allzu dicht gepackt lagern muß, sondern getrennt voneinander in Beuteln aufhängen kann; 2) Vorrichtungen, welche eine Verpackung der zu desinfizierenden Gegenstände außerhalb des eigentlichen Raums ermöglichen, so daß sie etwa, wie der abgebildete Apparat darstellt, auf einem Wagen in den Heizraum hineingeschoben werden können; 3) gute Isolierung seiner Wandungen; 4) Heizung durch heiße Dämpfe, welche von außen zugeführt und nicht etwa in oder unter dem Apparat selbst erzeugt werden; 5) eine Vorrichtung, um die trockne Hitze und gute Ventilation zu erzielen.
Fassen wir nun die Hauptgruppen der Objekte der D. zusammen, so kommen bei Kranken zur Anwendung: Karbolsäure, Salicylsäure und Sublimat zu Verbänden und Abwaschungen, auch des ganzen Körpers. Leichen von an Cholera, Flecktyphus, Pocken etc. gestorbenen Personen schlägt man in feuchte, mit Sublimat getränkte Tücher und schafft sie sobald wie möglich aus den Häusern. Die Bett- und Leibwäsche ansteckender Kranken und Verstorbenen thut man [709] gleich nach dem Gebrauch in Seifen- oder Karbollösungen und läßt sie dann durch Dampf desinfizieren. Benutzte Verbandstücke verbrennt man. Die Krankenräume selbst desinfiziert man, nachdem die Kranken evakuiert und alle transportabeln Gegenstände entfernt sind, durch Chlor oder Brom und thut gut, bei länger dauernden Epidemien öfters die Krankenräume wechseln zu lassen und die geleerten zu desinfizieren. Bettstellen, Matratzen, Decken, Teppiche u. dgl. werden durch Wasserdämpfe desinfiziert. Ärzte und Wärter schützen sich durch möglichste Reinhaltung ihres Körpers, regelmäßiges Baden und Waschen, auch mit Sublimat, häufiges Wechseln der Kleider und Wäsche, kräftige Ernährung und regelmäßiges Leben; auch muß darauf geachtet werden, daß die Wärter nicht mit andern Personen verkehren. Die Dejektionen, besonders von Cholera-, Ruhr- und Typhuskranken, sind womöglich zu verbrennen; ist dies nicht möglich, so verhindert man die Entwickelung von Gasen durch Eisenvitriol, Ätzkalk und Chlorkalk sowie durch Bestreuen mit Kohle, Torf, Sägespänen, Gips oder Erde und begießt Senkgruben, Abtritte u. dgl. mit starken Karbol- und Sublimatlösungen. Trinkwasser wird abgekocht oder mit übermangansaurem Kali so lange versetzt, bis es eben deutlich schwach rot erscheint. Trübes oder beim Stehen sich trübendes Wasser klärt man durch etwas Alaun oder reine Soda. Sehr empfehlenswert ist das Ansäen schnell wachsender Pflanzen in der Nähe von Brunnen. Vgl. „Mitteilungen des kaiserlichen Gesundheitsamtes“ (Berl. 1883); Reichardt, D. und desinfizierende Mittel (2. Aufl., Stuttg. 1881); Wernich, Desinfektionslehre (2. Aufl., Wien 1882).
[222] Desinfektion. Die D. ist noch fortwährend eine der brennenden Fragen in der Hygiene und in letzter Zeit wieder vielfach und von verschiedenen Gesichtspunkten aus bearbeitet worden. Als Ergebnisse der neuesten Untersuchungen darf etwa folgendes ausgesprochen werden. Alle Versuche, welche darauf abzielten, Räucherungen zur D. von geschlossenen Räumen anzuwenden, haben ergeben, daß auf diesem Weg niemals die zuverlässige D. eines Raums erreicht werden kann, heißen nun die Räucherungsmittel Chlor oder Brom, schweflige Säure, Sublimat oder Karbolsäure, und mag man das Mittel so konzentriert anwenden als man will. Es gelingt dies deshalb nicht, weil ein gasförmiges Desinfektionsmittel sich niemals gleichmäßig verbreitet und niemals sicher in alle Fugen und Ritzen eindringt. Räuchert man z. B. mit schwefliger Säure in einem Zimmer, in dessen Thür man zuvor von innen einen blanken Schlüssel gesteckt hat, so findet man nach der Räucherung das aus dem Schloß hervorstehende Ende des Schlüssels von der schwefligen Säure angegriffen und mit Rost überzogen, das in der Thür steckende blank. Übereinstimmend damit fand man auch bei Räucherungen Bakterienproben, welche beispielsweise auf dem Sitzbrett eines Stuhls angebracht waren, durch die Räucherung abgetötet; solche aber, welche an der Unterseite desselben Brettes befestigt waren, zeigten sich von der D. unberührt. Man muß also auf eine „D. der Luft“, so bequem dieselbe wäre, ein für allemal verzichten. Damit kommen die in flüssiger Form verwendeten Desinfektionsmittel um so mehr wieder zu ihrem Recht. Man hat deren manche neue kennen [223] gelernt, man hat aber auch manche der früher schon bekannten, welche etwas mehr verlassen waren, wieder entsprechender gewürdigt. Bevor diese aber besprochen werden sollen, muß hervorgehoben werden, daß heute als ein Hauptgrundsatz zu gelten hat: chemische Desinfektionsmittel können in ihrer Wirkung nur dann richtig beurteilt und untereinander verglichen werden, wenn die Infektionsstoffe, auf welche sie einwirken sollen, den Mitteln ohne weiteres auch alle gleich zugänglich sind. Meistens sind aber die Infektionsstoffe, d. h. die Bakterien, in den verschiedenartigsten Schmutz eingelagert, welcher oft zu zähen Massen oder festen Krusten vertrocknet, dieselben mit einer schützenden Hülle gegen die Desinfektionsmittel umgibt. Gelangen solche Krankheitsstoffe enthaltende Massen in den Körper von Menschen oder Tieren, so werden diese Umhüllungen aufgelöst, und es erfolgt die Infektion ungehindert. Es ist folglich eine Hauptbedingung jeder D. mit chemischen Mitteln, durch gründliche Reinigung die Schmutzsubstanzen, welche vorwiegend organischer Natur sind und aus Fett-, Eiweiß-, Leimsubstanzen bestehen, aufzulösen und so die Bakterien der Einwirkung der Desinfektionsmittel zugänglich zu machen. Dies hat unter Umständen wieder seine besondern Schwierigkeiten, weil manche Objekte nicht ohne weiteres einer Abwaschung, z. B. mit Seifenwasser und Soda, unterworfen werden können, ohne daß sie hierdurch unbrauchbar gemacht würden. In solchen Fällen muß entweder der Gegenstand geopfert werden, oder man wählt besondere Auskunftsmittel (so das Abreiben der tapezierten Wände mit Brot, wodurch eine sehr vollständige D. derselben sogar ohne Zuhilfenahme eines Desinfektionsmittels erreicht werden kann). Handelt es sich um abwaschbare Räume und Gegenstände, so empfiehlt es sich zum Schutz derjenigen, welche die Arbeit vorzunehmen haben, unter Umständen zunächst die Objekte mit einem Desinfektionsmittel vorläufig zu befeuchten oder abzuwaschen, sodann dieselben einer gründlichen Reinigung zu unterziehen und dann erst die eigentliche D. vorzunehmen.
Es sind also bei der D. mit chemischen Mitteln sehr mannigfache Gesichtspunkte zu beachten, und es muß das Verfahren beinahe für jeden Einzelfall besonders ausgedacht werden; die Mannigfaltigkeit der notwendigen Maßnahmen wird aber noch erheblich vermehrt dadurch, daß, wie man jetzt weiß, auch die einzelnen pathogenen Bakterien (s. d., Bd. 2 u. 17) eine sehr verschiedene Widerstandsfähigkeit besitzen, ja daß die einen derselben leichter durch dieses, die andern leichter durch jenes Desinfektionsmittel zerstört werden. Einige Beispiele mögen genügen: Die Mikrokokken, welche die Wundinfektionskrankheiten hervorrufen, werden sehr sicher und rasch durch Karbolsäure getötet, nicht so die Milzbrandsporen. Das Ouectsilbersublimat tötet sofort Milzbrandsporen, die widerstandsfähigsten Infektionserreger, welche wir kennen, ist aber zur D. des tuberkelbacillenhaltigen Auswurfs der Schwindsüchtigen völlig unbrauchbar; dieser wird dagegen durch Kreolin schon in 2proz. Lösung sicher desinfiziert. Hieraus ist ersichtlich, daß es wünschenswert sein muß, verschiedenartige Desinfektionsmittel zu kennen, so daß jedesmal nach Art der Krankheit, gegen welche desinfiziert werden soll, und nach Art des zu desinfizierenden Gegenstandes das geeignetste derselben ausgewählt werden kann. Es kommen gegenwärtig folgende chemische Desinfektionsmittel in Betracht: obenan stehen die im Artikel D. (Bd. 4) aufgeführten Mittel Sublimat und Karbolsäure als diejenigen von der allgemeinsten Wirksamkeit. Sodann ist erst jetzt einem Mittel durch die bakteriologische Forschung die ihm gebührende Beachtung zu teil geworden, einem Mittel, welches wohl ohne Zweifel als das älteste Desinfektionsmittel bezeichnet werden muß: es ist dies der frisch gelöschte gebrannte Kalk. Derselbe steht in seiner Wirkung der Karbolsäure nahezu gleich, ist geruchlos, ungiftig, überall leicht zu beschaffen, billig; er eignet sich vortrefflich zu einem desinfizierenden Anstrich gemauerter oder getäfelter Wände sowie besonders zur D. von Typhus- und Cholerastühlen, überhaupt jeder Jauche, wofern sie nicht Milzbrandsporen oder Tuberkelbacillen enthält. Von den uns bis jetzt bekannten Infektionsstoffen sind diese beiden wohl die einzigen, welche durch den Kalk nicht abgetötet werden. Noch ein zweites, in den letzten Jahren etwas unterschätztes, längst bekanntes Desinfektionsmittel ist durch die neuesten Untersuchungen wieder mehr zur Geltung gekommen, nämlich der Chlorkalk. Er ist im stande, in kürzester Zeit Milzbrandsporen und Tuberkelbacillen abzutöten, allerdings nur, wenn er als dicker Brei mit denselben in Berührung kommt. Bei der Tünchung von Wandflächen, Abschlämmung von gepflastertem oder Lehmschlagboden u. dgl. ist jedoch die Anwendung in dieser Form sehr wohl thunlich. Den Kalk an Wirksamkeit noch übertreffend ist von neuen Mitteln zu nennen die Schwefelkarbolsäure, eine durch Mischung der an sich wenig wirksamen rohen Karbolsäure mit reiner Schwefelsäure hergestellte sirupartige Flüssigkeit, aus welcher 2–5proz. wässerige Verdünnungen hergestellt werden. Diese Mischungen sind im stande, Milzbrandsporen und Tuberkelbacillen zu töten; sie sind wie Kalk leicht zu beschaffen und billig. Nach den großen Überschwemmungen des Jahrs 1888 wurden sie auf Anordnung des königlich preußischen Kultusministeriums zur D. von Brunnen angewandt, nachdem eingehende Untersuchungen das Verfahren als erfolgreich erwiesen hatten. Als der Schwefelkarbolsäure chemisch verwandter Körper ist zu nennen das Kreolin (s. d., Bd. 17).
Das souveränste Desinfektionsmittel ist die Hitze geblieben; für metallene Gegenstände eignet sich am besten das Ausglühen (der Gegenstand braucht dabei nicht bis zum Glühen zu kommen, sondern muß nur so weit erhitzt werden, daß er weißes Papier, Stoff, Watte etc. bräunt, da organische Substanzen bei ca. 150° C. sich bräunen und bei dieser Temperatur sämtliche Bakterien abgetötet werden). Für alle Textilgegenstände, selbst Seide, ferner für Betten ist der strömende Dampf von 100° C. oder gespannter Dampf von etwas über 100° C. das einzige, aber unbedingt verläßliche Desinfektionsmittel. Pelz- und Lederwaren dürfen Dämpfen nicht ausgesetzt werden. Zur D. dieser Gegenstände ist noch kein nach allen Seiten befriedigendes Verfahren gefunden.
Vgl. „Mitteilungen aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt“ (Bd. 2); Wolffhügel, Schweflige Säure etc.; „Arbeiten aus dem kaiserlichen Gesundheitsamt“ (Bd. 5); Jäger, Untersuchungen über die Wirksamkeit chemischer Desinfektionsmittel etc.; Liborius, Untersuchungen über die Desinfektionswirkung des Kalks („Zeitschrift für Hygiene“, Bd. 2); Fränkel, Die desinfizierenden Eigenschaften der Kresole („Zeitschrift für Hygiene“, Bd. 6).
[185] Desinfektion, s. Gesundheitspflege.
[177] Desinfektion, s. Naturforschergesellschaft.
