MKL1888:Südafrikanische Republik
[417] Südafrikanische Republik, seit 1884 offizieller Name des früher Transvaal genannten Freistaats in Südafrika (s. Karte bei Artikel „Kapland“), erstreckt sich von dem Vaalfluß im Süden über den Wendekreis hinaus bis zum Limpopo im N. und wird im W. und N. begrenzt von Britisch-Betschuanaland, im O. von Portugiesisch-Ostafrika und Swasiland, im Süden von der Neuen Republik, Natal und der Oranjefluß-Republik und umfaßt 308,200 qkm (5597 QM.) mit Einschluß der Neuen Republik (s. d.), als Distrikt Vrijheid einverleibt, 315,590 qkm (5681 QM.). Die Bodengestaltung der Republik wird wesentlich bedingt durch den Verlauf zweier Gebirge. Durch das eine derselben, die Drakenberge mit der 2188 m hohen Mauchspitze, ein nordsüdlich sich hinziehendes Plateau, das steil gegen O. abfällt, gegen W. aber sich allmählich abdacht, wird das Land geteilt in eine größere und höher gelegene westliche Hälfte und eine kleinere östliche, welch letztere in eine sandige Ebene übergeht, aus welcher als Grenzscheide gegen portugiesisches Gebiet der lange nordsüdlich verlaufende Höhenzug des Lebombo hervorragt. Das zweite Gebirge besteht aus einer Reihe westöstlich verlaufender Ketten (Magalisberge, Witwatersrand), welche wiederum die S. R. in einen südlichen höhern Teil, das Hooge Veld, und einen nördlichen tiefern, das Bosch Veld, trennen. Diese Bergzüge bilden auch in klimatischer Beziehung eine Scheide. Im Hochfeld sind die Tage im Winter zwar warm, nachts aber sinkt das Thermometer gewöhnlich unter den Gefrierpunkt, und die Drakenberge sind häufig mit Schnee bedeckt, im Buschfeld aber sind die Winter milder, [418] und es gedeihen dort Kaffee, Baumwolle, Zuckerrohr u. a. Auch östlich von den Drakenbergen ist es wärmer; infolge der vom Indischen Ozean her wehenden Südostpassate ist die Ostseite regenreich, während die westlichen Hochebenen arm an Regen sind. Die Regenzeit fällt in den Sommer. In dieser Zeit herrschen im Buschfeld Fieber, während das Hochfeld eine der gesündesten Gegenden der Erde ist. Hier leben die Buren im Sommer, im Winter ziehen sie mit ihren Herden ins Buschfeld. Die Pflanzenwelt in den einzelnen Gebieten ist sehr verschieden. Das Land trägt fast durchgehends den Charakter der Steppe, aber während das Hochfeld fast ganz aus weiten, einförmigen Grassteppen besteht, ist das Buschfeld mit dichtem, vielfach undurchdringlichem Strauchwerk bedeckt, in dem man nur einzelne offene Stellen antrifft. Hier finden sich auch Adansonien und andre tropische Gewächse. In Klüften am Ostabhang des Tafellandes trifft man noch majestätische Urwälder aus Gelbholzbäumen (Taxus elongata), Eisen- und Stinkholz und Mimosen; Akazien, Proteen, Euphorbia candelabrum etc. charakterisieren die Hochebenen der Mittelstufen. Mais, Kafferkorn, Hirse, Bohnen, Erbsen, Melonen werden kultiviert. In der Tierwelt herrschen Antilopen vor, Springböcke finden sich auf den grasreichen Hochebenen noch in Herden. Gnus, Zebras und Quaggas, Giraffen, Büffel, Elefanten und Nashörner sind selten geworden, ebenso Löwen, Leoparden und Hyänen sowie der Strauß. Krokodile hausen in den Flüssen; giftige Schlangen sind zahlreich, in den nordwestlichen, nördlichen und östlichen Grenzgebieten erschwert die Tsetsefliege die Viehzucht. Von einheimischen Haustieren fanden die Europäer Rinder, Schafe mit Fettschwänzen, Ziegen und Hunde vor, Pferde und Merinoschafe wurden eingeführt. Viehzucht bildet die Hauptbeschäftigung der Ansiedler. Sehr fruchtbar sind die kahlen Hochebenen des Südens. Mais, Korn, Hirse, Hülsenfrüchte, Zuckerrohr, Wein gedeihen hier sehr gut. Das Land ist reich an Gold, Silber, Kupfer, Graphit, Nickel, Kobalt, Blei, Steinkohle, Zinn, Salz, Alaun u. a. Gold wurde seit 1871 gefunden, in größern Mengen aber erst seit 1883 auf den Goldfeldern von De Kaap (Barberton) und Witwatersrand (Johannesburg); ausgeführt wurde über die Kapkolonie und Natal 1871 bis Mitte 1888 für 1,266,530 Pfd. Sterl.; Silbererze gewinnt man in der Nähe von Pretoria. Die weiße Bevölkerung wird auf 60–75,000 Seelen geschätzt, zum größten Teil Buren, nur 12–15,000 Europäer, unter den letztern auch zahlreiche Deutsche, die auf mehreren von hannöverschen Missionären gegründeten Ansiedelungen wohnen. Dazu kommt seit den letzten Jahren eine 20,000 Köpfe starke Bevölkerung, meist englischer Abstammung, auf den genannten Goldfeldern. Die Zahl der Kaffern (Betschuanen, Basuto u. a.) ermittelte der Zensus von 1886 zu 299,848 Seelen, die Gesamtbevölkerung kann daher zu 490,000 angenommen werden. Das Christentum hat trotz zahlreicher Missionäre nur teilweise unter den Eingebornen Platz gegriffen. Die Beschäftigung der Bevölkerung ist ausschließlich Naturalwirtschaft. Die Ausbeutung der großen natürlichen Reichtümer des Landes wird erschwert durch den Mangel an genügenden Transportverhältnissen. Die Ausfuhr besteht in Wolle, Rindvieh, Cerealien, Leder, Fellen, Früchten, Tabak, Butter, Branntwein, Straußfedern und Elfenbein, außerdem Gold. Die Einfuhr (1887: 1,695,978 Pfd. Sterl.) besteht in Industrieprodukten. Der Handel nimmt seinen Weg, da die S. R. vom Meer abgeschlossen ist, über D’Urban, Port Elisabeth und Kapstadt, wird sich aber, nachdem die im Bau begriffene Eisenbahn von der Delagoabai bereits bis zur Grenze (81 km) vollendet ist und jetzt nach Pretoria weitergeführt wird, zum großen Teil über die portugiesische Kolonie richten. Telegraphenlinien bestehen zwischen Pretoria und Standerton, Heidelberg und Heilbron im Oranjefreistaat und von Pretoria nach den Kaap-Goldfeldern, im ganzen 1116 km, im Bau sind 895 km. Das Land wird eingeteilt in 16 von Landdrosten verwaltete Distrikte, an der Spitze steht ein auf fünf Jahre gewählter Präsident, eine aus 46 vom Volk erwählten Mitgliedern bestehende Legislative hat die Gesetzgebung. Staatskirche ist die niederdeutsch-reformierte, doch sind alle Konfessionen geduldet. Die Staatseinnahmen fließen meist aus direkten Steuern und Zöllen; dieselben betrugen 1887: 668,433 Pfd. Sterl., die Ausgaben 721,073 Pfd. Sterl. Die öffentliche Schuld beträgt 430,000 Pfd. Sterl., davon 250,000 Pfd. Sterl. an die englische Krone; das Staatsvermögen besteht in Ländereien im geschätzten Wert von mehreren Millionen Pfund Sterling. Ein stehendes Heer gibt es nicht; im Kriegsfall werden sämtliche Bürger aufgeboten. Hauptstadt ist Pretoria.
Geschichte. Die Transvaalrepublik wurde gegründet durch holländische Buren, welche englische Mißwirtschaft aus der Kapkolonie zunächst nach Natal und dann von dort über die Drakenberge trieb, wo sie 1848 die Oranjefluß-Republik und die anfänglich getrennten, aber 1852 durch Pretorius zur Republik Transvaal vereinigten Freistaaten Potschefstroom, Zoutpansberg und Lydenburg bildeten. Diese Republik wurde in demselben Jahr von England anerkannt. Als aber das Transvaal mit Portugal in Unterhandlungen trat zum Zweck der Erbauung einer Eisenbahn nach der Delagoabai, wodurch die Ausfuhr des Freistaats von Natal, über welchen sie den Weg nehmen mußte, abgelenkt worden wäre, benutzte England einen für die Buren verderblichen Raubzug des Kaffernhäuptlings Sikukuni, um 1877 das Transvaal zu annektieren unter dem Vorgeben, dadurch die christliche Bevölkerung schützen zu wollen, in Wahrheit aber, um sich das bedrohte Handelsmonopol zu sichern. Die Proteste der Buren blieben unbeachtet. In dem nun folgenden Aufstand erlitten die Engländer bei ihrem Versuch, in das Gebiet der Republik einzudringen bei Laings-Nek (24. Jan. 1881), am Ingogo (8. Febr.) und am Majubaberg (27. Febr.) empfindliche Niederlagen, so daß England es vorzog, dem Land durch Vertrag vom 3. Aug. 1881 seine Unabhängigkeit wiederzugeben. In der 1884 abgeschlossenen Konvention nahm das Land den alten Namen „Südafrikanische Republik“ wieder an. Die Souveränität der britischen Krone wurde wesentlich beschränkt, indem nur Verträge und Verbindlichkeiten, welche die Republik mit einem Staat oder Volk (außer dem Oranjefreistaat) oder mit einem eingebornen Volksstamm einzugehen beabsichtigt, der englischen Krone zur Genehmigung zu unterbreiten sind. Als 1881 die im Westen der Republik neuentstandenen Burenfreistaaten Stellaland und Goschen sich bildeten, trat letzteres unter den Schutz der Südafrikanischen Republik, doch mußte derselbe auf einen von seiten Englands erhobenen Protest zurückgezogen werden. Zugleich proklamierte England sein Protektorat über das zwischen Transvaal und den deutschen Besitzungen an der Westküste Afrikas liegende Gebiet und über einen Landstreifen nördlich von Transvaal, somit die Buren nach diesen Seiten völlig einschließend. Und als 1884 der Burenfreistaat [419] Nieuwe Republik entstand, wodurch die Buren einen Weg zum Indischen Ozean gewinnen wollten, annektierte England auch hier das sämtliche noch freie Land und nötigte die Buren, ihre Ansprüche auf die Meeresküste zurückzuziehen. Somit war die S. R. rings von englischem Gebiet umschlossen. Nur nach der Delagoabai blieb noch ein Weg durch portugiesisches Gebiet, und hier ist denn auch bereits der Anfang zu einer Eisenbahn gemacht worden, welcher das Innere der Republik mit diesem Hafen verbinden soll (s. oben). Ein 1888 gemachter Versuch, die Burenrepublik in einem alle von Europäern gegründeten Staaten Südafrikas umfassenden Zollverband zu vereinigen, verlief ohne Ergebnis, vielmehr schlossen sich die Oranjefluß-Republik und die S. R. enger aneinander durch einen Zollverband. Vgl. Jeppe, Die Transvaalsche Republik (Gotha 1868); E. v. Weber, Vier Jahre in Südafrika 1871–75 (Leipz. 1878, 2 Bde.); Aylward, Transvaal of to-day (neue Ausg., Lond. 1881); Roorda-Smit, Die Transvaalrepublik und ihre Entstehung (2. Aufl., deutsch, Köln 1884); Nixon, Complete story of the Transvaal (Lond. 1885); Bellairs, The Transvaal war 1880–81 (das. 1885); Klössel, Die südafrikanischen Republiken (Leipz. 1888); Heitmann, Transvaal (das. 1888); Jeppe, Transvaal Book. Almanac for 1887 (Maritzburg 1887); Merensky, Erinnerungen aus dem Missionsleben in Südostafrika (Bielef. 1888).
[903] Südafrikanische Republik (früher Transvaal). Eine 5. April 1891 stattgehabte Zählung ergab eine Bevölkerung von 119,128 Weißen (66,498 männliche und 52,630 weibliche). Die ansässige weiße Bevölkerung wurde nach den Kirchenregistern auf 60,000 Personen holländischer Abstammung und auf 17,250 Personen englischer Abstammung (Protestanten, Katholiken u. a.), im ganzen aber auf 79,250 angegeben. Die eingeborne Bevölkerung gab der Zensus von 1886 auf 299,749 Seelen an (62,827 Männer, 78,394 Frauen, 158,528 Kinder), doch sind die Eingebornen an der Südwestgrenze in dem der Republik durch die Londoner Konvention von 1884 zugesprochenen Territorium sowie die Eingebornen der frühern Neuen Republik (40,000) hinzuzurechnen, so daß man die eingeborne [904] Bevölkerung auf 560,064 Seelen (115,589 Männer, 144,045 Frauen, 300,430 Kinder) berechnet. Danach kann die Gesamtbevölkerung auf 679,200 Seelen veranschlagt werden. Von der weißen Bevölkerung befinden sich nach der letzten Zählung 20,993 auf den Goldfeldern. Von den 772 Beamten der Republik waren 570 Afrikaner, 132 Holländer, 46 Engländer, 21 Deutsche. Das Schulwesen liegt in den Händen der Missionen oder privater Unternehmer, denen die Regierung 1889 eine Beihilfe von 13,925 Pfd. Sterl. zahlte; 1888 wurden in 175 Schulen 4375 Kinder unterrichtet. Die einzige von der Regierung unterhaltene Schule ist das von 100 Schülern besuchte Gymnasium zu Pretoria. Die Zahl der englischen Schulen ist eine ziemlich bedeutende. Außer der holländischen reformierten Kirche mit 61,921 Anhängern sind vertreten die anglikanische Kirche (6581), Wesleyaner (3866), Katholiken (3000), Lutheraner (1000), Juden (2000) u. a. Neben der schon länger hier arbeitenden Berliner und der Hermannsburger Mission sind in neuester Zeit thätig die englische Kirchenmission, die wesleyanische und die schweizerische Mission und die holländische reformierte Kirche. Von 21 Zeitungen erscheinen 17 in englischer, 2 in holländischer Sprache und 2 in beiden Sprachen zugleich. Die Goldfelder haben in den letzten Jahren eine außerordentliche Zunahme ihrer Produktion gezeigt; auf den Goldfeldern von de Kaap, Lydenburg, Komati, Witwaterstrand, Potschefstroom und Klerksdorp, Malmani, Zoutpansberg und an der Murchisonkette bildeten sich 371 Gesellschaften mit 21,472,000 Pfd. Sterl. Kapital (wovon 7,306,666 Pfd. Sterl. eingezahlt sind), deren Ausfuhr von Gold über Natal und die Kapkolonie 1889: 1,444,112, 1890: 818,736 und in den ersten 6 Monaten uon 1891: 1,674,896 Pfd. Sterl. betrug. Von Witwaterstrand allein kamen 1889: 381,032 Unzen im Werte von 1,333,612 Pfd. Sterl., 1890: 494,392 Unzen im Werte von 1,730,372 Pfd. Sterl. und in der ersten Hälfte von 1891: 437,114 Unzen im Werte von 1,529,899 Pfd. Sterl. Der Wert der Einfuhr betrug 1889: 5, 1890: 5,5 Mill. Pfd. Sterl. Die Eisenbahn von der Delagoabai bis zur Grenze (81 km), welche von einer englischen Gesellschaft erbaut wurde und von einer holländischen auf dem Gebiete des Freistaates fortgesetzt werden sollte, hat keine erheblichen Fortschritte gemacht, vielleicht weil man nach Erlangung eines Hafens an der Kosibai dorthin einen Schienenweg zu legen wünscht. Von der Fortsetzung der Delagoabailinie nach Pretoria waren Ende Juli 1891 fertiggestellt 37, von der Linie Pretoria-Germiston-Vaalfluß 62 km. Die Telegraphenlinien hatten 1891 eine Länge von 6011 km, im Bau waren 262 km. Die Staatseinnahmen, die seit der Entdeckung der Goldfelder sich außerordentlich gehoben haben, betrugen 1889: 1,226,135, 1890: 1,229,060, 1891: 1,260,259 Pfd. Sterl., die Ausgaben 1889: 1,577,445, 1890: 1,531,461, 1891: 1,380,524 Pfd. Sterl. Ein Hauptposten der Einnahmen ist der Einfuhrzoll, welcher von 190,792 in 1887 auf 381,190 Pfd. Sterl. in 1890 stieg und im ersten Halbjahr 1891: 153,353 Pfd. Sterl. erreichte. Die Überschüsse aus frühern Jahren betrugen 30. Juni 1891: 180,147 Pfd. Sterl. Die öffentliche Schuld belief sich Ende Juli 1891 auf 274,254 Pfd. Sterl., wovon 200,171 Pfd. Sterl. an die englische Krone. Die 13. Febr. 1858 angenommene Verfassung wurde 23. Juni 1890 revidiert. Danach besteht der Erste Volksraad aus 24 direkt vom Volke gewählten Mitgliedern, welche im Lande geboren und seit 14 Jahren ansässig sein müssen. Der Zweite Volksraad hat 24 ebenso gewählte Mitglieder, welche 4 Jahre im Lande ansässig sein müssen. Wahlberechtigt zum Ersten Volksraad ist jeder seit 4 Jahren, zum Zweiten Volksraad jeder seit 2 Jahren im Lande anwesende Bürger. Die Exekutive (Uitvoerende Raad) besteht aus dem Präsidenten und als offiziellen Mitgliedern aus dem Staatssekretär, dem Regierungssekretär und dem Generalkommandanten sowie zwei nichtoffiziellen Mitgliedern, die sämtlich vom Ersten Volksraad gewählt werden.
Zur Litteratur: Aubert, La république sud-africaine (Ausstellungsbericht, Par. 1889); Morrison, A visit to the Transvaal (Lond. 1890); Hendrik Muller, Zuid-Afrika. Reisherinneringen (Leiden 1890); Alford, Geological features of the Transvaal (Lond. 1891); Knochenhauer, Die Goldfelder des Transvaal (Berl. 1890).