MKL1888:Samen

[254] Samen, Landschaft, s. Semién.


[718] Samen.[WS 1] Die Kultursamen unterliegen zahlreichen Fälschungen, indem minderwertige S. der teurern Ware beigemischt, statt der verlangten edlen Samenart eine andre geringere Art oder Varietät oder abgelegene Ware geliefert wird, welcher man durch künstliche Mittel das Ansehen einer preiswerten guten Ware zu geben versucht hat. Bei der Prüfung der S. handelt es sich um Echtheit, Reinheit, Keimkraft, absolutes und Volumgewicht. Bei Hafer und Gerste kommt außerdem die Dicke (das Gewicht) der Spelze in Betracht, welche bei ersterm 25–30 Proz. des Gesamtkorns nicht überschreiten sollte, sowie beim Weizen der Klebergehalt und die Backfähigteit des Mehls. Farbe, Glanz und Geruch der S. sind lediglich subjektive Beurteilungsmomente und als solche oft sehr trügerisch. Die Unterschiebung minderwertiger S. geschieht sehr häufig. Bei der Wollwäsche werden aus australischer und südamerikanischer Wolle die S. der chilenischen Luzerne (Medicago denticulata und hispida) gewonnen, die man der echten Luzerne beimengt, eine gemeine wird statt edler Raps- oder Turnipsvarietät, Täschelkraut oder Labkrautsame für Raps- oder Rübsamen geliefert, und am häufigsten ist die Unterschiebung bei Grassamen. Als Verunreinigungen kommen Sand, Erdbröckchen, Spreu und fremde S. vor. Diese sind von ungleichem bonitorischen Charakter, je nachdem sie eine Kulturpflanze oder ein Unkraut, einen mehr oder weniger anspruchsvollen Konkurrenten der Kulturpflanze, Parasiten, Pilzträger oder eine Giftpflanze liefern. Die erlaubte Menge an fremden Bestandteilen in den Saatwaren ist, der heutigen hohen Ausbildung der Reinigungstechnik gemäß, sehr klein; sie beträgt bei Bohnen, Lupinen, Erbsen, Esparsette 0–0,5 Proz., bei Getreide, Saatwicken, Saatlein, Ackerspörgel, Runkel- und Zuckerrüben, Kiefern, Fichten, Raps, Rübsen bis 1 Proz., Kleearten, Serradella bis 1,5 Proz., schwedischem und Weißklee, Wundklee, Timothygras, Raigras bis 2 Proz., Wiesen- und Schafschwingel, Rispengras, Knäuelgras bis 5 Proz., Kammgras, Honiggras, Wiesenfuchsschwanz, Goldhafer, Fioringras bis 10 Proz. Diese Zahlen gelten für Mittelware. Weit gefährlicher sind die absichtlich beigemengten S., die aber vielfach, um den Betrug zu verdecken, durch Rösten getötet, dann gefärbt und geölt werden. Auch alt gewordene S. werden oft gefärbt und geölt, um ihnen einen trügerischen Schein von Frische zu geben. Färbung erkennt man unter der Lupe, Ölung bisweilen durch den Geruch oder durch die Bildung von Fettflecken auf Seidenpapier, sicherer durch Behandeln der S. mit Äther, den man auf Uhrgläschen verdunsten läßt, oder durch Kampfer (s. Getreide, Bd. 17). Zur Fälschung von Klee und Anis werden Steinchen in fabrikmäßigem Betrieb gefärbt u. bis zu 20 Proz. dem Samen beigemischt. Am gefährlichsten ist die Verunreinigung des Klees mit Kleeseide, deren größte S. durch Sieben kaum vollständig zu entfernen sind. Für die Untersuchung der S. ist die Beschaffung einer wahren Mittelprobe von größter Wichtigkeit. Erleichtert wird dieselbe durch Anwendung der von Nobbe angegebenen Klee- und Kornprobenstecher. Ebenso hat Nobbe eine Spreufege konstruiert, welche eine schnelle und verlustlose Sonderung der S. von Spreu etc. ermöglicht. Die Keimfähigkeit ist bei verschiedenen Samengattungen sehr ungleich, man nennt gute Saatware die, welche im reinen Zustand bei Getreide, Wicken, Erbsen, Lupinen, Raps, Saatlein, Spörgel zu 95–100 Proz., bei Rotklee, Luzerne, Timothygras, Raigras, Zichorie, Fichte, Kiefer zu 85–95 Proz., bei schwedischem, Weiß-, Gelb- und Inkarnatklee, Wiesenschwingel, Fioringras, französischem Raigras zu 80–90 Proz., bei Runkel- und Zuckerrüben (S.), Wundklee, Esparsette, Serradella, Knäulgras, Kammgras zu 70–80 Proz., bei Schafschwingel, Rispengras zu 50–70 Proz., bei Goldhafer, Honiggras, Wiesenfuchsschwanz zu 30–40 Proz. keimt. Neben der Keimkraft kommt die Keimungsenergie, die Zeit, innerhalb welcher unter günstigen Bedingungen der Keimprozeß in der Hauptsache sich vollzieht, wesentlich in Betracht. Zur Ausführung der Keimkraftprüfung eignet sich jedes Medium, welches die Bedingungen der Keimung: Feuchtigkeit, Wärme und Sauerstoffzutritt, einfach und sicher zu regeln gestattet. Zweckmäßig ist ein Keimbett aus mehreren Lagen angefeuchteten Fließpapiers, auch hat Nobbe einen einfachen Keimapparat aus gebranntem Thon konstruiert. Neben der Keimkraft ist das absolute Gewicht der S. beachtenswert, da das Korn neben dem Keim die Reservestoffe für die erste Ernährung der Keimpflanze enthält. Ein gut ernährtes Keimpflänzchen ist widerstands- und entwickelungsfähiger als ein schlecht ernährtes. Schwerkörniges Saatgut liefert daher unter [719] gleichen Umständen höhern Ertrag als mittel- oder leichtkörniges. Man bestimmt das absolute Gewicht durch Wägung von 2 oder 3 × 1000 Durchschnittskörnern, woraus sich dann die Zahl der Körner in 1 kg berechnet. Hierbei ist aber der Wassergehalt zu berücksichtigen, da dieser nicht selten betrügerisch erhöht wird. Auch das Volumgewicht dient vielfach als Wertmesser des Saatguts. Zur Ermittelung desselben benutzt man den von der kaiserlichen Normaleichungskommission in Berlin konstruierten automatischen Apparat zur Ermittelung des Volumgewichts an Getreide, welcher das Einfüllen und Abstreichen so korrekt vollzieht, daß die Fehler wiederholter Bestimmungen auf 1/51/30 Proz. beschränkt bleiben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vgl. im Hauptteil (Band 14): Same und Samenhandel.