MKL1888:Zwergvölker
[1015] Zwergvölker, in Afrika vorkommende, am Schluß der menschlichen Größenskala, die sich zwischen 1900 mm (Samoaner) und 1330 mm (Obongo) bewegt, stehende Völker. Schon die Pygmäensage der Alten, deren Schauplatz nach Aristoteles in den Sümpfen am obern Nil war, weist auf Z. hin, und Herodot berichtet von „kleinen Männern, nicht einmal von mittlerer Größe“, im Innern Afrikas. Direkt mit einem afrikanischen Zwergvolk in Berührung kam zuerst ein Reisender im 17. Jahrh., der die Dongo im äquatorialen Afrika dort fand, wo 1864 Du Chaillu die Obongo sah, die nach seinen Messungen zwischen 1330 und 1525 mm hatten und sich durch schmutzig gelbe Farbe vor den weit dunklern Aschango auszeichneten, unter denen sie in kleinen Dörfern zerstreut leben. Das Vorhandensein der Obongo (besser Babongo oder Abongo) ist dann später durch die Mitglieder der deutschen westafrikanischen Expedition bestätigt worden, und namentlich haben wir durch Lenz („Mitteilungen der Wiener Geographischen Gesellschaft“ 1878) darüber nähere Nachrichten erhalten. Die Portugiesen wollen im 17. Jahrh. im Innern Afrikas ein Zwergvolk, die Baka-Baka (ba ist die Pluralbezeichnung bei den Bantusprachen), gefunden haben, was ebenfalls auf die Akka hinweist. Kölle hörte in Sierra Leone von mehreren Zwergvölkern im Innern, von denen er die Kenkob und Belsan nennt. Auch auf Madagaskar existiert, in der Provinz Betsileo, ein kleiner Stamm, die Kimo, über den trotz vieler Kontroversen nähere Nachrichten noch fehlen, und südlich von Kaffa wohnt, nach Krapfs Erkundigungen, das Zwergvolk der Doko. Auch die Buschmänner, deren Mittelgröße Fritsch zu 1444 mm angibt, müssen hierher gerechnet werden. Mehr Aufsehen als alle diese Z. machten jedoch die durch G. Schweinfurth entdeckten Akka (s. d.), welche ein ausgedehntes Gebiet im Süden der Monbuttu bewohnen und teilweise dem Monbuttukönig unterworfen sind. Die größten erreichen 1500 mm, doch maß Schweinfurth auch Individuen von 1340 mm. Ihre Farbe ist ein mattes Kaffeebraun; Haupthaar und Bartwuchs sind schwach entwickelt; der Kopf ist groß, der Bauch vorstehend, der Gang watschelnd; auffallend ist eine außerordentliche Prognathie des Schädels. Die Akka leben zerstreut in kleinen Dörfern, sind eifrige Jäger und benutzen Bogen und Pfeile als Waffe; ihr einziges Haustier ist das Huhn. Ihre Sprache ist noch unbekannt. Schweinfurth u. a. nehmen an, daß die Akka mit den Buschmännern und übrigen Zwergvölkern Afrikas die Reste einer afrikanischen Urrasse ausmachen, eine Annahme, welcher gewichtige Bedenken entgegenstehen, da die einzelnen Z. unter sich keineswegs sehr ähnlich sind und ihre gegenseitige Stellung noch nicht genügend erörtert ist. Die Ansicht, daß die Akka degenerierte Neger, die Buschmänner degenerierte Hottentoten und die Obongo degenerierte Abantu sind, gewinnt dagegen immer mehr Anhänger. Auch Stanley hörte von einer Zwergnation, den Watwa, am Aruwimi Wambuti genannt, und Serpa Pinto fand auf seiner Reise quer durch Afrika einen degenerierten Volksstamm, die Mucassequere, ebenso Wißmann bei seiner Durchquerung des Kontinents, Schütt hörte von Zwergen, den Zuata Chitu, Wolf, Wißmann, François und Grenfell fanden im Congogebiet die Batua, so daß diese Ansicht immer mehr Stützen gewinnt. Hierher gehören ohne Zweifel auch die Kenkob und Ketsan (Sân) Kölles und die Dongo Battels. Vgl. Quatrefages, Les Pygmées (Par. 1887).
[1016] Zwergvölker. Daß eine Verbindung zwischen den einzelnen Zwergvölkern, deren man bei genauerer Durchforschung Afrikas immer mehr unter den übrigen Stämmen verstreut aufgefunden hat, früher bestanden habe, gilt allen Forschern als unzweifelhaft. Die durchschnittliche Körpergröße ist als gemeinsames Merkmal dieselbe. Etwanige Abweichungen in der äußern Erscheinung können wegen der räumlichen Entfernung durch andre tellurische und klimatische Einflüsse oder durch eine verschiedene Lebensweise ihre Erklärung finden. Während einzelne Forscher die Z. anthropologisch von den sie umgebenden Völkerschaften scheiden wollen, sehen andre mit mehr Recht in ihnen nach ihren körperlichen Merkmalen nur eine Abart der Negerrasse. Von den als für sie charakteristisch angeführten Hängebäuchen, wie Schweinfurth sie bei den Akka, Fritsch sie bei den Buschmännern fanden, nahmen Emin, Casati, Stanley und Jephson nur bei ganz jugendlichen Mitgliedern etwas wahr. Der Grund für diese abweichende Erscheinung ist wohl darin zu suchen, daß die einen mehr animalische, die andern mehr vegetabilische Nahrung zu sich nehmen. Am Lulua, dem großen rechtsseitigen Zufluß des Kassai, fand Ludwig Wolf die Batua, an denen Wissmann auf seiner spätern zweiten Durchquerung Afrikas Messungen machen konnte. Die Männer (nur solche bekam man zu Gesicht) waren 1,40–1,45 m groß, von lichtgelber Farbe mit bräunlicher Schattierung, langgliederig, mager mit schönen, klugen Augen und feinen, durchaus nicht negerartigen, rosenroten Lippen. Ihre Sprache hatte etwas Singendes. Wegen ihres Pfeilgiftes waren sie bei einigen der sie umgebenden Stämme sehr gefürchtet, während andre sie verachteten. Stanley fand auf seinem Zuge zum Entsatz Emins am obern Aruwimi Zwerge, die er als Batua und Wambutti unterscheidet, und bei denen er auch Weiber und Kinder zu Gesicht bekam. Ihre Größe wechselte von 0,9–1,4 m; ihr Durchschnittsgewicht betrug 40 kg. Die Hautfarbe beschreibt er als der eines halbgebrannten roten Ziegelsteins ähnlich, die Kinnladen vorstehend, die Oberlippe in der Mitte steil nach oben geschwungen, die Gestalt wohlgeformt. Sie waren eifrige und geschickte Jäger, welche nomadisierend umherzogen, wegen ihrer tödlichen Giftpfeile bei den umwohnenden Stämmen gefürchtet, aber auch sehr geschätzt als außerordentlich wachsame Kundschafter. Jephson, der seine Größenmaße den anthropologischen Aufzeichnungen Emins entnahm, welcher eine große Anzahl gemessen hat, sagt, daß sie 1,20–1,24, nie aber über 1,245 m groß sind und auf dem ganzen Körper einen dicken Filz von steifem, graulichem Haar haben, der ihnen ein eigentümliches koboldartiges Ansehen gebe. Die Männer haben oft einen langen Bart, was bei den Negerrassen sehr ungewöhnlich ist, und beide Geschlechter einen eigentümlichen starken und höchst unangenehmen Geruch. Die Wälder schienen sie vorzuziehen, die bei Emin und Stanley verweilenden Zwerge befanden sich im offenen Lande niemals wohl, sie schienen die Sonne und die kalten Nächte nicht vertragen zu können und waren stets fieberkrank. Während die Zwergenfrauen, die im Gegensatze zu den Männern oft hübsche Formen haben, gute Dienerinnen abgeben und unermüdlich arbeitsam sind, sind die Männer weniger zu Diensten geneigt, beide aber, Männer wie Frauen, bewahren stets ein gewisses Unabhängigkeitsgefühl. Nach Jephson scheint bei diesen Zwergen Kannibalismus getrieben zu werden. Casatis Beobachtungen im Lande der Monbuttu ergänzen die vor ihm von Schweinfurth gemachten. Nach ihm leben im S. der von den Sandeh bewohnten Gegenden, die zwischen die Stämme Medsche, Maigo, Monfu und Mabode eingeschoben sind, zahlreiche Kolonien kleiner, kühner, unabhängiger und gefürchteter Menschen. Die Efe, so nennen sie sich selber, werden von den Monbuttu Akka, von den Sandeh Tiki-Tiki, von den Monfu Moriu und von den Mabode Afifi genannt. Die einen, klein und flink, mit rötlichbrauner, reichbehaarter Haut, sind Waldbewohner, die andern, von höherm Wuchs, stärkerm Gliederbau und von dunklerer Farbe der Haut, die mit dickerm, aber spärlicherm Haar bedeckt ist, bewohnen hohe, offen gelegene Ortschaften. Die Größe wechselt zwischen 1,30 und 1,50 m. Den Kopf bedeckt überreiches, rötliches Haar, das in einzelnen Fällen braun, gekräuselt, wollig ist; erwachsene Männer haben starke Bärte, doch mit nur wenig Haaren auf der Oberlippe. Sie sind Jäger, aber keine [1017] Ackerbauer, und berauben oftmals die Felder ihrer Nachbarn. Als Krieger sind sie wegen ihrer Gewandtheit in Handhabung des Bogens, der Schnelligkeit ihrer Bewegungen und ihres angebornen Mutes sehr geschätzt. Der französische Reisende Crampel entdeckte den Zwergstamm der Bayaga im Gebiete der M’Fangs, nördlich vom Ogowe, unter 11° östl. L. und 2° nördl. Br. Die Bayaga sind Jäger, die M’Fangs dagegen Ackerbauer. Jeder Häuptling der letztern hat seine bestimmte Horde Bayagas, die im Wald in der Nähe des Dorfes, meist in der Stärke von 15 Köpfen hausen. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist die Elefantenjagd. Ihre Durchschnittsgröße ist 1,40 m; sie sind kräftig gebaut, mit vorstehenden Backenknochen, gebogener Nase, sehr kurzem Hals, gewölbter Brust, starken Armen, gekrümmten Beinen und stark vorspringenden Knöcheln. Wie bei manchen andern Zwergstämmen wurde bei ihnen der eigentümlich scheue Gesichtsausdruck bemerkt.
Bei allen beobachteten Zwergstämmen fällt die eigentümliche politisch-soziale Absonderung auf. Was ihre geographische Verbreitung betrifft, so können wir heute süd-, zentral- und westafrikanische Verbreitungsgebiete dieser Völker unterscheiden, da keiner der kleinen Stämme nördlicher als 5° nördl. Br. und östlicher als 31° östl. L. v. Gr. beobachtet worden ist. Als die westlichsten müssen die von Lenz beschriebenen Babongo am untern Ogowe gelten, als die östlichsten die von Stanley am Semliki und von Wissmann am Ubudschwe beobachteten. Außerdem fand Stanley Zwerge in einem Gebiete, das begrenzt wird durch Ugarrowas Station am Iluri im W., den Hochlandrand über dem Albertsee im O. und die Nordabhänge des Ruvenzori im S. Diese östlichen Stämme sind nach Rasse und Lebensweise nahe verwandt mit den Völkern, die in Südafrika als Buschmänner, bei den Monbuttu als Akka, am Tschuapa als Watua, bei den Mabode als Balia, im Thale des Ihuru als Wambutti und von den Wäldern nördlich vom Ruvenzori bis zum Lulua als Batua bezeichnet werden. Im südlichen Kongobecken bewohnen sie nach François ein Gebiet von der Größe Bayerns. Über den Lomami, wo Grenfell sie traf, greifen sie in das östliche Kongogebiet über, wo wir sie am obern Uëlle, ihrem nördlichsten Punkt, bis südöstlich vom Kabambarreh in Manjema finden. Junker traf ihre nomadisierenden Kolonien südlich vom Bomokandi, Serpa Pinto im SW. als fernste Glieder die Mukassequere.