Meißner Künstler:Emil Otto Grundmann

Friedrich Moritz Grösel Lebensläufe Meißner Künstler (1888) von Wilhelm Loose
Emil Otto Grundmann
Georg Wilhelm Grünewald
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[32] Emil Otto Grundmann[1] ist den 4. Oktober 1844 zu Meißen geboren, wo sein Vater Fleischer war. Er besuchte die hiesige Bürgerschule, dann eine Zeitlang die Zeichenschule der Manufaktur und bezog im Jahre 1861 die Akademie in Dresden. Nach drei Jahren trat er in das Atelier des Galeriedirektors Prof. Hübner ein. Seine ersten selbständigen Arbeiten waren das Porträt seiner Mutter, dann das Bild seiner Schwester Marie und ein größeres Bild „Loreley“; alle diese Bilder wurden auf den Kunstausstellungen in Dresden durch silberne Medaillen [33] ausgezeichnet. Damals entstand noch ein Gemälde, eine Scene aus Schillers Kabale und Liebe darstellend, welches in Antwerpen angekauft wurde. Vier Jahre hatte er in Dresden verlebt; dann trieb es ihn zur Vertiefung seiner Studien in die Ferne. Durch Empfehlungen der Dresdner Professoren an die berühmten Maler Direktor De Keyser und Professor Van Lerius in Antwerpen fand er Zutritt in die Akademie daselbst, die damals zu den vorzüglichsten Malerschulen Europas zählte. Die Arbeiten, welche Grundmann nach ernsten Studien daselbst ausstellte, erwarben ihm mehrere Male den zweiten Preis, da Ausländer den ersten Preis nicht erlangen konnten. Nach Verlauf von mehr als einem Jahre verließ er die Akademie und arbeitete wiederum selbständig; besonders malte er Kinderscenen, welche viel Beifall fanden. Größere Reisen durch Belgien und Holland füllten außerdem die Jahre 1868 und 1869 aus. Im Winter 1869 ging er nach Paris, wo er verschiedene Bilder aus dem Volksleben fertigte, die sämtlich in Paris verkauft wurden. Von besonderem Werte waren ihm für seine Arbeiten die Ratschläge des Thomas Couture in Ecouen. Kurz vor der Kriegserklärung 1870 folgte Grundmann einem Rufe der belgischen Künstler Godfried Guffens und Jan Swerts, um mit ihnen Wandmalereien im Stadthause zu Ypern zu übernehmen; diese stellten die Geschichte der Herzöge von Burgund dar. Mit den genannten Künstlern gemeinsam malte er dann in den Kirchen und in der Kathedrale zu St. Nicholas in Flandern und St. Georg in Antwerpen. Erst 1873 kam er wieder nach Deutschland zurück und ließ sich in Düsseldorf nieder. Dort malte er ausschließlich Bilder aus dem holländischen Fischerleben, welche in Berlin, London und in Amerika Liebhaber fanden. Im Frühjahr 1876 erhielt er von Boston den Auftrag, eine Kunstakademie, welche in Verbindung mit dem Museum stehen solle, ins Leben zu rufen. Der Abschluß der Verhandlungen fand im Oktober statt, und schon anfang December reiste Grundmann nach Boston ab. Seine neue Stellung als Direktor der Akademie erforderte natürlich anfangs seine volle Thätigkeit, so daß er außer stande war, für sich zu arbeiten. Durch rastlose Mühe und Anstrengung gelang es ihm, die neu begründete Akademie zur ersten Kunstschule der Vereinigten Staaten zu erheben. Seine eigene künstlerische Thätigkeit in Amerika hat sich fast ausschließlich auf das Porträtfach beschränkt. Eines seiner berühmtesten Bilder ist das Benjamin Franklins, überlebensgroß ausgeführt. Es wurde 1884 von der Regierung angekauft und für den Sitzungssaal des Regierungsgebäudes in Boston bestimmt. Ein amerikanisches Blatt, Daily Advertiser, berichtet über das Bild [34] wie folgt: Herr Otto Grundmann hat eben ein treffliches Bild Benjamin Franklins vollendet. Es zeigt uns den Helden, aber die strahlende Milde, die dem heitern Gemüt des Weisen wohl ansteht. Dasselbe muß ein Lieblings- und Idealbild Franklins für die Bostoner unter all den Hunderten verschiedener Bilder unsers berühmten Mitbürgers werden. Der Gesamtausdruck des Bildes atmet die biedere und gewinnende Anmut des Staatsmannes, der sich seine Einfachheit und sein gutes Herz bewahrt hat. Das Bild ist als Bild bewundernswert wegen seiner lebensvollen Ruhe. Mit der Kunst, welche nicht künstelt, erzeugt es eine so wahre Gestalt, daß der Betrachter unmittelbar vor dem Werke des Malers beim Anschauen des Künstlers vergißt. Ähnlich urteilt auch Boston Evening Transscript. – Andere in Boston vielbelobte Bilder Grundmanns sind die Porträts des Rev. Dr. Waterston, der Mrs. Anna Waterston, der Miss Helen Quincy, der Miss Mabel Quincy, der Mrs. Celia Thaxter, des Mr. John Glidden, des General Samuel M. Quincy, des Mr. George Draper in Hopedale, des George Dexter aus Cambridge, des Dr. Francis Parker; das Bildnis eines Invaliden des Bürgerkriegs wurde in der Ausstellung „Mechanics Association“ mit der großen silbernen Medaille ausgezeichnet. Auch verschiedene landschaftliche Bilder entstanden, Früchte seiner ausgedehnten Reisen in Nordamerika.

William Reidling urteilt in seinem Aufsatze: Some Boston Artists and their Studies 1888 im American Magazin über unsern Künstler: Grundmanns Kunst ist ihrem Wesen nach deutsch in Plan und Ausführung, und jedermann muß nach Veranlagung und Ausbildung die Schule erkennen, welcher er angehört. Seine Kunst ist lauter, unverdrossen und stetig bestrebt, die Wahrheit möglichst zu erreichen. Während man vielfach der Oberflächlichkeit und Effekthascherei begegnet, zeichnen sich seine Bilder aus durch edlen Entwurf und sorgfältige Ausführung. Seine Porträts zeigen eine warme Anmut, die an Lebensfrische nichts einbüßt. In ihnen haben wir mehr als bloße Wiedergabe physiognomischer Thatsachen, mit deren gleichsam wissenschaftlicher Zusammenstellung sich viele Realisten genügen zu lassen scheinen. Ein schönes Beispiel von Grundmanns Genremalerei ist sein „Sonntagsnachmittag“ im Besitze des Rev. Dr. Waterston, der uns erlaubt hat, es im Kunststich diesem Artikel beizugeben.

Über Grundmanns Thätigkeit als Direktor der Akademie enthält 1882 Boston Evening Transscript folgende Anerkennung: Da Ferien sind, findet diese Woche eine Ausstellung von Arbeiten in der Akademie statt. Natürlich sind nur einige ausgewählte Proben aus jeder Abteilung der 140 Schüler [35] zählenden Schule ausgestellt. Aber diese beweisen hinlänglich, daß Plan und Leistungen derselben trefflich sind. Der Fortschritt im Zeichnen von der einfachen Skizze bis zum vollendeten Gemälde wird systematisch veranschaulicht. Wir haben jetzt offenbar ein Institut, welches die Notwendigkeit des Studiums der Kunst in Europa, wenn auch nicht ganz aufhebt, so doch den Kunstjünger wohl ausgerüstet dahin führt, daß er das höchste Ziel erreichen kann.


  1. Nach eigenen Mitteilungen des Herrn Direktor Grundmann und nach Auszügen aus den Zeitungen Boston Evening Transscript. Daily Advertiser. Boston Globe. Home Journal.