Meißner Künstler:Friedrich August Wittig
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[93] Friedrich August Wittig,[1] geb. zu Meißen den 23. März 1823. Der Vater war Schäfer in Kobitzsch, übernahm aber später eine kleine Schankwirtschaft in der Stadt. Nach der Schulzeit kam Wittig zu dem Steinmetzen Gareis in die Lehre, welcher bald nach Dresden verzog und für Rietschel arbeitete. Als dort der junge Lehrling die Werke Rietschels sah, regte sich in ihm mächtig und stark die Liebe zur Kunst und sein höchstes Verlangen war, in das Atelier Rietschels eintreten zu dürfen. Nach mehrfachen vergeblichen Versuchen gelang es endlich durch Vermittelung des Professors Leuteritz. Wittig wurde einer der treuesten Schüler seines Meisters, und in späteren Jahren bis zum Tode Rietschels bestand, besonders von Rom aus, ein niemals getrübter regster Verkehr zwischen beiden. Die Darstellung Oppermanns über das Verhältnis beider noch in der zweiten Auflage von Rietschels Leben S. 168 ist [94] unrichtig; übrigens hat Oppermann in Lützows Zeitschrift 1876 eine Berichtigung gegeben. 1843 bezog Wittig die Dresdner Akademie, an welcher sich besonders Hähnel und Schnorr seiner annahmen. Seine erste Arbeit war ein Basrelief „Der Raub des Hylas“, welches der sächsische Kunstverein ankaufte und in Abgüssen verbreiten ließ. Infolge dieser ersten Leistung erhielt er von Dr. Curtius in Leipzig den Auftrag zu zwei großen Reliefs für ein Landhaus. In Kinderfriesen stellte Wittig daran allegorisch die Landwirtschaft und den Gartenbau dar und fand damit lebhafte Anerkennung. Sein nächstes Werk „Siegfrieds Abschied von Kriemhild“ erwarb wieder der sächsische Kunstverein. Dasselbe verschaffte ihm auch 1848 das große Reisestipendium, durch welches ihm das Land seiner Sehnsucht, Italien, erschlossen wurde. Nach einem längeren Aufenthalte in München, wo er besonders die Werke von Cornelius studierte und mit Schwind und Genelli in nähere Verbindung trat, begab er sich zunächst nach Florenz zum Studium der alten Florentiner Schule und 1850 nach Rom. Daselbst richtete er sich ein eigenes Atelier ein und schuf in demselben zuerst die schöne Gruppe einer „Charitas“, dann zwei Reliefs „Ganymed, wie er dem Adler Jupiters aus einer Schale zu trinken gibt“ und „Hebe, die Pfauen der Juno fütternd“, beide für einen Speisesaal bestimmt, später ein Relief „Die Loreley“ und eine nach England bestimmte überlebensgroße Gestalt eines Jägers. In diese Zeit fällt auch die Entstehung seiner berühmten Gruppe „Hagar und Ismael“, welche 1854 in Berlin ausgestellt wurde. Die erste Würdigung dieses großartigen Kunstwerkes gab Eggers in seinem Aufsatze: Kunst und Künstler zu Rom 1853/54: „Hagar ist mächtig, michelangelesk, Ismael ein wundervoller Knabenkörper, in jedem Muskel verschmachtend. Was aber die Gruppe in unsern Augen hochstellt, ist nicht dieser oder jene einzelne Vorzug der Erfindung oder Ausführung, sondern der Umstand, daß wir ein viel gedachtes und entsprechend ausgeführtes Werk in ihr besitzen von tiefem gedanklichen Inhalt und einer Großartigkeit der Auffassung, wie sie nur selten gefunden wird“. Vier Jahre später entstand auf Bestellung der Gräfin von Dohna-Denhofstädt für den Altar ihrer Schloßkapelle in Ostpreußen „Die Grablegung Christi“ von einer unbeschreiblichen Tiefe und Innigkeit der Empfindung. Über sie ist seiner Zeit eine ausführliche Besprechung als Sonderdruck (woraus?) erschienen unter dem Titel: Die Grablegung Christi. Marmorrelief von August Wittig. – Über jene römischen Jahre der künstlerischen Thätigkeit Wittigs urteilt Eggers a. a. O.: „Wittig ist unbedingt [95] unter den jüngeren Künstlern Roms der bedeutendste, teils durch sein kräftiges Talent, vorzüglich auch durch Ausdauer und eisernen Fleiß. Seine Arbeiten sind voller Wahrheit; es sind der künstlerischen Seele entsprungene Gedanken.“
Im Frühling 1859 erhielt Wittig einen Ruf nach Düsseldorf. Die schon längst geplante und gewünschte Errichtung einer Bildhauerschule daselbst verwirklichte endlich der Kultusminister v. Bethmann-Hollweg; derselbe berief auf Empfehlung von Cornelius, Schnorr und Rietschel für die zu begründende Kunstanstalt Wittig als Professor und Lehrer der Skulptur. Anfangs lehnte dieser ab, da er für immer in Italien bleiben wollte. Erst im Spätherbst des genannten Jahres nahm er die Berufung an; 1864, nachdem er in Rom angefangene Arbeiten vollendet hatte, siedelte er nach Düsseldorf über, wo er mit großem organisatorischen Talent neben der berühmten Malerschule die neue Bildhauerschule ins Leben rief und sie zu anerkannter Höhe emporführte. Aus seinem eigenen Atelier sind seit jener Zeit eine Reihe bedeutender Kunstwerke hervorgegangen. Die Ausführung der Statue eines Auferstehungsengels wurde durch den Krieg 1866 unterbrochen. Um diese Zeit beauftragte der preußische Kultusminister Wittig, die Gruppe Hagar und Ismael in carrarischem Marmor für die Nationalgalerie in Berlin auszuführen. Der Künstler arbeitete das Modell noch einmal durch und begab sich 1869 und 1871 selbst nach Italien, um die Arbeit zu überwachen; als sie vollendet war, ernannte ihn die königliche italienische Akademie der Künste zu Carrara wegen dieser vollendeten Kunstschöpfung zum Ehrenmitglied. Es folgten dann die Arbeiten für das Leipziger Theater, die vortreffliche Büste des Cornelius, welche Wittig bei Gelegenheit der Todesfeier desselben in dreifacher Lebensgröße für die Nationalgalerie in Berlin ausführte, dann die große Bronzebüste Schadows, die auf ihrem Postament von hellgrauem Granit eine Zierde Düsseldorfs bildet, ferner eine Kolossalbüste, ebenfalls in Bronze, für eine Besitzung in Bergisch-Gladbach; drei Medaillonporträts von Phidias, Michel Angelo und Peter Vischer kamen an das auf Wittigs Anregung errichtete Museum der Gipsabgüsse in Düsseldorf und vier andere: Rafael, Michel Angelo, Dürer und Holbein an die Rheinfassade des Akademiegebäudes, diese gingen aber 1872 bei dem Brande desselben zu Grunde. Die noch erhaltenen Modelle wurden in frevelhafter Weise vermittelst Einbruchs gänzlich zerstört. Aus dem Jahre 1871 ist auch die Wittigsche Ergänzung der Venus von Melos im Louvre hervorzuheben, wozu schon verschiedene Vorschläge gemacht worden waren, von künstlerischer Seite [96] zuerst von Wittig. Er schlug vor, ihr den Schild des Mars in die Hände zu geben, des Gottes, den sie durch ihre Schönheit besiegt hat und in dessen Waffe, der Trophäe ihres Sieges, sie ihr Spiegelbild mit Wohlgefallen betrachtet. Die Wittigsche Ergänzung fand allseitige Anerkennung. Außer dieser interessanten Arbeit vollendete er für eine Schloßkapelle das Modell zu einem Grabdenkmal für einen jungen in den Befreiungskriegen gefallenen Helden. Nach 1870 sind noch folgende Werke Wittigs zu erwähnen: das Relief für das Frontispiz des Stadttheaters in Riga, die Statue der Himmelskunde für das Universitätsgebäude in Königsberg, die Statue des Descartes für die Akademie in Pest, das Standbild des Asmus Carstens für die Säulenhalle des alten Museums in Berlin (1877), die Statuen des Petrus und Paulus für eine altchristliche Kirche (1878), zwei Karyatiden für das Hauptportal des neuen Akademiegebäudes in Düsseldorf (1882). – Vielfache äußere Auszeichnungen sind dem berühmten Künstler geworden; u. a. erhielt er den roten Adlerorden vierter und dritter Klasse mit der Schleife, das Ritterkreuz I. Klasse mit Eichenlaub des Ordens vom Zähringer Löwen, die goldene Medaille der Berliner akademischen Ausstellung, die Medaille für Kunst von der Wiener Weltausstellung 1873; der Ehrenmitgliedschaft der Bildhauerakademie in Carrara ist schon gedacht.
- ↑ Taufregister der Stadtkirche z. g. J. Eigene Mitteilungen des Künstlers. Eggers, deutsches Kunstblatt 5 (1854). S. 396. Lützows Zeitschrift 1, 152. 4, 143. 5, 353–354. 6, 91. 8, 185. 11, 150. Desselben Beiblatt 2, 128. 4, 74. 151. 5, 130 u. f. 183. 8, 12. 62. 185. 226. 11, 13. 364, 545. 14, 775. 18, 273. Leipziger Illustrierte Zeitung 1873 nr. 1549. Müller, die Künstler aller Zeiten und Völker 3, 886. 4. 461. Derselbe, biographisches Künstlerlexikon. S. 563. Oppermann, Ernst Rietschel a. a. O.