Meißner Künstler:Heinrich Crola (Croll)

Julius Eduard Braunsdorf Lebensläufe Meißner Künstler (1888) von Wilhelm Loose
Heinrich Crola (Croll)
Anton Dietrich
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[9] Heinrich Crola (Croll),[1] Sohn des Großkaufmanns Croll in Neustadt-Dresden, wurde daselbst den 6. Mai 1804 geboren. Trübe häusliche Verhältnisse bedingten frühzeitig schon die Erziehung des Knaben durch die Großeltern mütterlicherseits in Meißen. Sie waren der Landschaftsmaler an der Manufaktur Joh. Karl Maucksch (s. w. u) und dessen zweite Frau Charlotte Eleonore, Tochter des Bossierers Lück. Bei ihnen verlebte er die Jahre der Kindheit, von welcher er viel später in einem 1847 begonnenen Tagebuch eine ausführliche Schilderung gibt, die als ein fesselnder Bericht aus der Väter Zeit und über damalige Zustände unserer Stadt hier Platz finden möge: „Meine Schulbildung fiel in die Zeit der französischen Kriege. In dem an der Elbe romantisch gelegenen Meißen hatten sich die Verwandten mütterlicherseits meiner angenommen. Ich wurde in die dortige Stadtschule gethan, wodurch ich auf einmal mit hunderten von Knaben verschiedenen Alters und Herkommens [10] in Berührung kam. Ein zur Reformationszeit aufgehobenes Franziskanerkloster mit dunklen, altertümlichen Kreuzgängen, eingeengt von Mauern, Zwingern, Dächern, war der Tummelplatz der damaligen Jugend des Städtchens. Die Lehrer bestanden in einem Rektor, zwei Konrektoren(?), einem Hilfslehrer und einem Schreibmeister. Die Namen von zwei der Lehrer habe ich noch behalten; der eine Konrektor hieß Magister Rittrich, der andere Herr Schreibemeister Mai. Alle bewohnten das Kloster. Der Rektor mit einer fuchsig roten Perücke, eine Figur, wie sie heut zu Tage allenfalls noch in komischen Stücken auf der Bühne gesehen wird, war ein altes, verhuzeltes, aber unsäglich gelehrtes Männlein, das vergebens trotz aller schulmonarchischen Würde die zuchtlose Bande von Buben aller Art im Zaum zu halten suchte und so der Gegenstand heimlichen Spottes und derjenigen Jungenstreiche war, welche sich aller Orten und aller Zeiten in den Schulen finden und gleichen. Außer dieser Schule besuchte ich noch Privatstunden, in denen Natur- und Völkerkunde, Latein und bei einem Franzosen Seigée Französisch gelehrt werden sollte.“ Ein langwieriges Augenleiden brachte oft Monate lange Unterbrechungen der Schule und machte vielen Aufenhalt im Freien nötig. „Ein beneidenswertes Leben seliger Freiheit bevorzugte mich dadurch vor vielen meiner Altersgenossen und Spielkameraden, deren sich jedoch noch genug fanden, diese Freiheit auch ohne ärztliche Verordnung mit mir zu teilen. Jeder Nachmittag wurde bei gutem und schlechtem Wetter bis zum Dunkelwerden im Umherstreifen der Fluren, Thäler, Berge, Büsche und Wälder, die das Meißner Land so anmutig machen, verbracht. – Ein vieljähriger treuer Gefährte dieses Lebensabschnittes war ein gleichaltriger Bursche Namens Reuß [† als Maler an der Manufaktur, bis zum Tode eng befreundet mit Crola], dem sich ein älterer lustiger, aber leichtsinniger Vetter Namens Fröhlich zugesellte. Dieser blies ziemlich gut Flöte, so daß ich gern dabei war, wenn er mit dieser in der Tasche kam und uns aufforderte, mit ihm nach diesem oder jenem Dorf zu gehen. Oft saßen wir dann auf den braunen duftenden Heidehügeln, in der Tiefe die strömende, blau schimmernde Elbe, über ihr in ferner Luft die Türme Dresdens, noch weiter zurück die Umrisse der sächsischen und böhmischen Grenzgebirge, um uns die wohlbekannten Fluren und Ortschaften, welche jede eine besondere Erinnerung oder Merkwürdigkeit für uns enthielt. Wie lieblich klangen da in den stillen, heiteren Sommerabenden die zusammenstimmenden Flöten in ihren sich suchenden und findenden Sexten, Quinten [11] und Terzen, welche von den beiden Spielern Reuß und Fröhlich in meist ländlichen und volkstümlichen Weisen nicht ohne musikalisches Gefühl geübt wurden. – Mein Großvater mütterlicherseits, ein Original, dessen Blütezeit in die Jahre 80 und 90 des vorigen Jahrhunderts fiel, war ein genialischer Freidenker zu Gunsten einer ziemlich materialistischen Lebensauffassung, die ihm das sogenannte philosophische Zeitalter imputiert haben mochte. – Er starb nahe an 70 Jahre, nachdem unsägliche Schicksalsschläge und die mannigfachsten Plagen dieses Lebens ihn betroffen. – Die Großmutter, klein, beweglich, von ungemeiner Lebenszähigkeit, eine vortreffliche Hausfrau nach gewissem altbürgerlichen Begriff. Sie hatte ihre Kindheit zu Frankenthal in Schwaben verlebt. Als ich ein kleiner Junge war, fand ich ihre Erzählungen von Geschichten meist ungeheuerlicher, spukhafter Natur, die ihrer eigenen Kindheit hinwiederum in Schwaben überkommen waren, ganz gruselig anziehend. Sie war eine eifrige, altprotestantische Lutheranerin, deren tiefes Mißtrauen gegen das Papsttum überall Schlingen sah und jeden Katholiken einer Art von Seelenverkäuferei und Seelenverräterei fähig hielt, daher sie auch über meinen Aufenthalt in München sehr in Sorgen war und mich, als ich sie im Jahre 1836 von da aus einmal besuchte, aufs Gewissen befragte, ob man mich in diesem erzkatholischen Lande nicht etwa herumgekriegt habe. Sie pflegte ihren Abendsegen mit lauter und vielfach mit Seufzern unterbrochener Stimme zu beten. Am Schlusse desselben kamen Bitten um leibliche Wohlfahrt vor; so auch Bitten um Abwendung der Naturplagen, der Elemente, der Pest; auch die Türken kamen darin vor. Sie erreichte das hohe Alter von 86 Jahren. Das Bild dieser Eltereltern gleicht dem Jahrhundert, aus welchem sie in die gegenwärtige Zeit herübertraten, und Gott habe sie selig und gebe ihnen eine fröhliche Auferstehung. – So wuchs ich denn inmitten einer Bevölkerung heran, deren Grundcharakter im ganzen bei vieler Gutmütigkeit doch ein leichter, sorgloser und lockerer genannt werden kann. Auch knüpfen sich an das Meißner Land, die Stadt und das damalige Geschlecht noch eine Reihe der lebendigsten und eindringlichsten Bilder, vorzugsweise aus der Zeit der Franzosenherrschaft. Ich sah, ein 9–l0jähriger Knabe, noch den Pomp und Glanz der militärischen Machtvollkommenheit Bonapartes vor und nach dem russischen Feldzuge. Ich sah das schöne, rote Regiment bärmütziger Leibgarde, 1300 großer schöner Männer in Parade, welche der König von Sachsen Napoleon als Ehrengeleit zu folgen befohlen. Von einer Terrasse herab [12] zeigte mir der Großvater den kleinen grauen Mann neben dem Könige von Sachsen im Wagen. Und welche Kriegsheere, welche meilenlange, endlose Züge schimmernder Kürassiere, französischer, italienischer, polnischer Garden, dazu das Getöse der rasselnden Geschütze und endloser Trainzüge, die dem gewaltigen Kriegsfürsten folgten. Die deutschen und russischen Armeen sahen wir meist im hastigen, treibenden Rückzuge, so nach den Schlachten von Lützen, Bautzen und Dresden, unter ihnen die österreichischen Mannschaften im schrecklich heruntergekommenen Zustand. Namentlich vergegenwärtigen sich mir die erschütternden Scenen des Kriegselendes beim Anblick der vielen Tausende von Österreichern, welche die Franzosen in der Schlacht bei Dresden gefangen genommen hatten und welche sie am linken Elbufer herab durch Meißen trieben. Lauter lange, hagere Menschen mit pulvergeschwärzten, finsteren, niedergeschlagenen Gesichtern. Sie wurden von berittenen Armeegendarmen der französischen Truppen eskortiert, welche rechts und links mit unbarmherzigen Klingenhieben den stockenden Marsch der hinfälligen Kolonnen im Gang zu erhalten suchten. An einer Straßenecke stand auf einem erhöhten Hausthürentritt eine Frau, deren Herz der Anblick der verhungerten Gefangenen erbarmte. Sie hatte in ihrer zusammengerafften blauen Schürze viele Stücke geschnittenen Brotes zusammengefaßt und warf sie in die Reihen. Die Armen rauften und schlugen sich um die Stücke, bis die Klingen der Dränger auf ihre Leiber und Köpfe prallten und die Furcht vor Mißhandlungen die Begierde des Hungers überwand. Noch gedenke ich der schauerlichen Nacht, in der sich die von Lützen her retirierenden Preußen, die Schiffbrücke hinter sich anzündend, für die Nacht in dem Dorfe Cölln zu setzen suchten, als auch schon die Granaten der französischen Geschütze von dem Hofe des Martinskirchhofes aus über den Fluß hinweg in feurigen Bogen zischend und pfeifend drüben einschlugen und in weniger als zehn Minuten die weitgestreckten, mit Stroh gedeckten Bauernhöfe Reihe bei Reihe in Brand steckten. Wenngleich wir diesseits des brennenden Dorfes eine halbe Stunde entfernt waren, so hörten wir aus unsern Bodenluken trotz dem unaufhörlich hallenden Krachen der französischen Geschütze doch ganz deutlich das Angstgeschrei der Bauern und das Gebrüll ihres Viehes. Am anderen Morgen waren die Preußen fort und die Stellen, wo sie bivouaquiert hatten, nur durch dampfende Trümmerhaufen erkennbar. Und welch ein Greuel und Jammer von zerschossenen, verbrannten, hilflosen und verkommenen Menschen! Welche Kontraste kriegerischen Pompes und unbegreiflichen [13] Elends so grausiger Art, daß stumpfsinnige Gleichgiltigkeit und eine ihr gleiche Sittenverwilderung durch den täglichen Anblick derselben herrschend wurde. Ein krepiertes Stück Vieh oder ein menschlicher Kadaver wurde mit derselben Gleichgiltigkeit im Vorübergehen gesehen. Daß die Spitalwärter die über Nacht im Spital gestorbenen Soldaten am Morgen nackend aus den obern Stocken des zu einem Lazarett eingerichteten Gewandhauses durch die Fenster auf das Pflaster herunterwarfen, wo sie die Leichenkarren aufluden, fand niemand empörend; höchstens, daß dann und wann die Neugierde durch einen außerordentlichen Fall angeregt wurde. So war eine Stunde unterhalb der Stadt eine große, im Geviert gebaute, mit Stroh gedeckte Mühle, an der Leipziger Straße gelegen, zu einem fliegenden Lazarett bestimmt worden, wenngleich weder Thür noch Fenster mehr darin zu finden war; genug, die Typhus- und Ruhrkranken wurden dahin gebracht, denn so lautete die Ordre. Da lagen die todmatten und sterbenden Menschen über einander gehäuft auf Stroh, als plötzlich die Mühle in Brand geriet, und was sich nicht aus den Fensteröffnungen zu stürzen vermochte, erstickte und verbrannte bis auf eine kleine Anzahl, welche eines noch kläglicheren Todes starben, indem sie durch die Glut in die im Hofe befindliche Grube voll Mistjauche getrieben wurden, aus welcher man die versengten Rücken der in ihr Erstickten hervorragen sah. O, wenn doch die jetzige Generation es recht zu Herzen nehmen wollte, durch wie viel Blut, Jammer und Elend der Segen des Friedens erkauft worden ist.“ So weit zunächst das Tagebuch.

Die ausgesprochene Neigung des Knaben zum Zeichnen und Malen fand anfangs keine Förderung beim Großvater; dieser hätte es lieber gesehen, er hätte sich für die Fürstenschule vorbereitet. Wie stark der innere Drang war, beweist, daß er seiner Liebhaberei, welche ihm untersagt worden war, heimlich nachging. Er stand als zwölfjähriger Knabe mit Tagesanbruch auf und hatte schon mehrere Stunden in seiner Bodenkammer gezeichnet, wenn er zum Frühstück gerufen wurde. Endlich ließ ihn der Großvater gewähren und entschloß sich, mit ihm nach Dresden zu befreundeten Künstlern zu reisen. Er wurde den Malern Klengel, Schubart und Jentzsch empfohlen, von denen die beiden ersten Professoren der Akademie waren. Sie nahmen sich des Jünglings treulich an und gaben ihm Zeichnungen zur Nachbildung. Durch den Galerieinspektor Damiani erhielt er auch die Erlaubnis zum Kopieren in der Galerie, und um ihrer Schätze willen ist er den Weg von Meißen nach Dresden hin und zurück unzählige [14] Male gelaufen. Während vieler Sommermonate machte er sich wöchentlich ein- oder zweimal mit Tagesanbruch auf, nahm ein flüchtiges Frühstück von Brot und Wasser und lief die fünf Stunden am rechten Elbufer entlang nach Dresden, wo er sich bei guter Zeit an seinem Pult in der Galerie einfand, bis gegen fünf Uhr nachmittags zeichnete und dann flugs den Rücklauf über Brießnitz wieder antrat. Wie schaute er damals zu dem Landschaftsmaler Preller aus Weimar auf, als dieser neben ihm auf herzogliche Kosten eine der schönsten Landschaften von Ruisdael kopierte! Solche Kunstfertigkeit ging über alle seine Begriffe. Hatte er so viel Geld, so blieb er auch einige Tage in Dresden; dann nahm er den Mittagstisch bei einem Feuerwerker für einen Groschen und wiederum für einen Groschen schlief er auch bei diesem. Seinen Lebensunterhalt erwarb er sich dadurch, daß er in Meißen und der Umgebung Zeichenstunden gab. 1822 starb der Großvater. Crola bot sich nun die Gelegenheit, durch Anstellung an der Fürstenschule als Zeichenlehrer, sowie als Maler an der Manufaktur sein festes Brot sich zu verdienen. Sein rastloses Streben aber, ein höheres Ziel zu erreichen, drängte ihn aus den engen Verhältnissen, in denen er lebte, heraus. Nach mancherlei inneren Kämpfen gelangte er zu dem Entschluß, in Berlin bei der Artillerie als Freiwilliger einzutreten, da er den Plan hatte, Schlachtenmaler zu werden. Damit ihn die sächsische Regierung nicht reklamieren könne, änderte er damals seinen Namen Croll in Crola um, welche Änderung nach längeren Jahren auch gesetzliche Anerkennung fand. Sein abenteuerliches Begehren fand aber keine Berücksichtigung, und so wanderte er von Berlin zu Fuß wieder nach Meißen, indem er sich durch Guitarrespiel unterwegs die Zeche verdiente. 1825 siedelte er nach Dresden über, wo er sich seinen Lebensunterhalt und die Mittel zu Studienreisen in die sächsische Schweiz durch Malen von Dosen für einen Fabrikanten erwarb. Auf der ersten Reise besuchte er in Teplitz seinen Bruder, den er lange Jahre nicht gesehen hatte; derselbe hatte sich auch zum Künstler ausgebildet und malte damals für den König von Preußen Ansichten von Teplitz. Unter den Künstlern Dresdens nahmen sich besonders Dahl und Friedrich des talentvollen jungen Malers an, aber es dauerte länger als Jahresfrist, bevor seine Bilder einige Anerkennung fanden. Die Quelle seines bisherigen Lebensunterhaltes, das Dosenmalen, versagte endlich ganz, und es trat eine harte Zeit voller Entbehrungen ein, in die nur wenige Lichtblicke fielen. Einige zu jener Zeit gemalte Ansichten aus der Umgebung [15] der Villa des damaligen Kronprinzen von Sachsen bei Loschwitz kaufte derselbe von dem Kunsthändler Arnold. Mancherlei Bemühungen bei Quandt und dem General von Schreibershofen zur Verbesserung der Lage blieben erfolglos, und so hatte Crola nur noch den heißen Wunsch, sobald wie möglich Dresden verlassen zu können. Das „engherzige und kleinmeistrige Wesen“ der dortigen Kunstverhältnisse drückte ihn wie ein Alp. 1828 erfüllte sich seine Sehnsucht. Der regierende Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha hatte einige Arbeiten Crolas bei dem Kronprinzen von Sachsen gesehen und machte ihm den Antrag, auf unbestimmte Zeit in seine Dienste zu treten. Da war „aus dem armen Teufel ein gemachter Mann“ geworden. Aber das Leben an dem kleinen Fürstenhofe, über welches das Tagebuch vieles enthält, wurde ihm „von Woche zu Woche zuwiderer“ und das Verhältnis zum Herzog löste sich bald. Mit Tornister und Guitarre wanderte der Künstler dem Harzgebirge zu, das er von der Höhe von Sondershausen im herrlichsten Morgenlichte vor sich ausgebreitet sah. In Ilsenburg am Ausgange des reizenden Ilsethales, das elf Jahre nachher seine zweite Heimat werden sollte, ließ er sich zunächst nieder und zeichnete und malte Monate hindurch. In Folge einer Einladung des regierenden Grafen Heinrich von Stolberg-Wernigerode siedelte er von Ilsenburg nach Schloß Wernigerode über. Der wohlthuende Verkehr im gräflichen Hause, das Beispiel eines christlichen Hausstandes, in welchem der alte Graf jeden Morgen die Familie und die dienende Hausgenossenschaft versammelte, um selbst eine kurze Morgenandacht zu halten, legten damals in Crola den Grund zu einer tiefen, christlichen Lebensanschauung, die mehr und mehr, freilich nicht ohne große innere Kämpfe, bei ihm Platz griff. Als im zweiten Herbste seines Aufenthaltes im Harze die gräfliche Familie sich anschickte, nach Merseburg aufzubrechen, verabschiedete sich Crola von ihr; ihn zogs zur weiteren Ausbildung mächtig nach München, wo er 1830 nach einem längeren Aufenthalte in Coburg eintraf. Da entfaltete sich nun sein Talent zur vollen Meisterschaft. Es war vor allem der deutsche Wald, namentlich der Eichenwald, der seine eigentliche künstlerische Domäne bildete und den er auf zahlreichen Studienreisen in allen deutschen Landen aufsuchte. Ein kräftiger, ernster Realismus, verwandt demjenigen des Ruisdael und Hobbema, seinen liebsten Vorbildern und neben der Natur eigentlich seinen einzigen Lehrern, schöne stimmungsvolle Lüfte und ein tiefes Studium zeichnen die Werke jener Zeit aus. Zahlreiche Bilder gingen in den Besitz der Kunstvereine zu München, Dresden, Hannover [16] u. s. w. über. Besonders hervorzuheben ist eine gioße „Eichenlandschaft“, der Geh. Rat Carus in Dresden in seinen Briefen über Landschaftsmalerei (1833) ein ehrendes Denkmal setzte, sowie ein „Sturm am Chiemsee“, beide im Auftrag des säch- sischen Kunstvereins von Busse in Hannover in Kupfer ge- stochen, welcher außerdem noch zahlreiche Blätter nach Crola radiert hat; von demselben Kunstverein wurden 1833 noch angekauft: „Seitenthai der Donau oberhalb Wien“ und „Der Schreckenstein bei Aussig“. Ferner sind zu nennen „Alpenglühen“, „Traunfall“, „Motiv an der untern Donau“, gleichfalls von Busse gestochen, „Landschaft am Chiemsee“ u. a. m. Für den Herzog von Coburg malte er Ansichten aus der Umgegend des Schlosses Greinburg an der Donau.

In Dresden hatte sich über Crola eine so vorteilhafte Meinung gebildet, daß man, wie ihm berichtet wurde, damit umging, ihn als Professor an die Akademie zu berufen; zugleich wollte man dem Könige vorschlagen, demselben ein Bild für die Dresdner Galerie in Auftrag zu geben. Die Sache zerschlug sich aber infolge des Widerspruchs mehrerer Professoren, namentlich Dahls. Man hatte Kaulbach für die Professur in Aussicht genommen. Sobald aber der an diesen ergangene Ruf bekannt wurde, ernannte ihn der König Ludwig zu seinem Hofmaler, und Kaulbach blieb in München. Nun brachten der Geheime Rat Carus und seine Anhänger Bendemann in Vorschlag und bahnten damit der Düsseldorfer Schule ihren Weg nach Dresden. Crola glaubte persönlich in Dresden etwas erreichen zu können; aber trotz aller Leutseligkeit des Prinzregenten Friedrich August kam man doch seinen persönlichen Wünschen nicht entgegen. Für die damaligen Dresdner Verhältnisse sind die Aufzeichnungen in seinem Tagebuch, sein Verkehr mit Carus, Tieck, Semper, Rietschel und anderen, besonders auch für die etwas später stattgefundenen Verhandlungen des sächsischen Kunstvereins mit den Münchner Künstlern und die Beteiligung Schnorrs von Carolsfeld an denselben, höchst wertvoll, entziehen sich aber hier der Mitteilung. Auf der Rückreise sah Crola auch Meißen nach elf Jahren wieder und besuchte die alten Freunde. Der General von Miltitz lud ihn zu sich, und der Malervorsteher Kersting (s. w. u.) sprach von der Selbständigkeit seiner Entwickelung mit Bewunderung, da er ihn als leichtsinnigen, flatterhaften Knaben gekannt habe. Auf einer längeren Studienreise in Steiermark suchte Crola die Enttäuschungen in Dresden zu vergessen. Durch den Verkauf einer Anzahl Bilder waren ihm reichliche Mittel zur Verwirklichung eines unter dem Einflüsse des Bildhauers Bandel, des Schöpfers des Hermannsdenkmals, [17] entstandenen Planes geboten, nämlich den Norden Deutschlands, dann Schweden, Norwegen und Dänemark zu bereisen. Kurz vor seiner Abreise von München lernte er noch Bendemann und Hübner kennen, welche dahin gekommen waren, um die Freskomalereien von Cornelius, Schnorr und Heß zu sehen. Im Sommer des Jahres 1838 verließ er München, zu dessen ausgezeichnetsten Künstlern er damals gehört hatte. Der König von Bayern erkannte auch später seine Bedeutung für München durch Verleihung des Maximiliansordens an. Auf seiner Wanderung kam Crola auch wieder nach dem ihm wohl bekannten Wernigerode und nach Ilsenburg zu den Freunden der Jahre 1829 und 1830. Und hier sollte die geplante große Reise ihr unerwartetes Ende finden. Er lernte in Ilsenburg seine nachmalige Gattin kennen, Frau von Weiher, eine Tochter des Bankiers Fränkel in Berlin. Es war eine Frau von seltenen Gaben des Geistes und Gemütes und von einer ganz ungewöhnlichen Begabung für die bildenden Künste. Von Jugend an hatte sie im Elternhause in lebhaftem Verkehr mit berühmten Männern auf dem Gebiete der Künste und Wissenschaften gestanden: Begas, Wach, Schadow u. a. verkehrten viel mit der Familie; Bendemann und Hübner waren derselben nahe verwandt. Die Vermählung erfolgte im Herbst 1840. Die Eheleute, welche beide einen gewissen Hang zur Einsamkeit teilten, blieben fortan in dem reizend gelegenen Ilsenburg, wo Crola bis zu seinem Tode im Genusse eines behaglichen, sorgenfreien Daseins in künstlerischer Beschäftigung, in Musik und in wissenschaftlichen Studien, sowie in einem tief gegründeten religiösen Leben Trost und Erhebung bei mancherlei schweren Schicksalsschlägen fand. Nach 1838 sind noch folgende Bilder von ihm zu erwähnen: „Waldgebirge in Steiermark“ und eine große Waldlandschaft (beide 1838), „Die Externsteine“, ein ausgezeichnet schönes Ölgemälde, welches er 1839 der Kasse für das Hermannsdenkmal schenkte, ferner zwei kleine Waldlandschaften in Ruisdaels Geschmack, angekauft vom Kunstverein in München (1839), die „Gegend der Hermannsschlacht“, vom sächsischen Kunstverein angekauft (1840), „Aussicht vom Brocken über Wernigerode“, Eigentum des Rostocker Kunstvereins (1842), „Der Teutoburger Wald“ und „Schloß Wernigerode“ (1843). Im Jahre 1841 oder 42 wurde ihm ohne sein Zuthun auf Anregung Alexander von Humboldts von Berlin aus der Antrag gestellt, auf Staatskosten gegen Gehalt und Professorentitel eine Schule für Landschaftsmalerei in Ilsenburg zu gründen. Er lehnte ab, ebenso einen Ruf nach Dresden, der einige Zeit darauf an ihn erging. [18] Von Ilsenburg aus unternahm er noch zahlreiche Reisen nach Schweden, der Schweiz und Italien. 1850 hatte Crola die Freude, auf seinem Landsitze längere Zeit Cornelius mit Frau und Tochter zu Gaste zu haben. Frau Crola zeichnete des Meisters gelungenes Bildnis, unter welches dieser die Worte schrieb:

Zweifeln mag und grübeln im Reiche des Wissens der Forscher,

Doch in den Sphären der Kunst erleuchte der Glaube die Bahn.
P. v. Cornelius.

Ende der 50er Jahre entwickelte sich bei Crola eine schnell zunehmende Sehschwäche, welche seine künstlerische Thätigkeit, auf die ohnedies das ländliche, abgeschlossene Stillleben nicht anregend wirkte, sehr hinderte. Gleichwohl vollendete er noch 1877 ein Bild, welches er der Münchner neuen Pinakothek schenkte. Im übrigen erfreute sich Crola einer vollkommenen Gesundheit. „Der Alte vom Berge“, wie er sich selbst zu nennen pflegte, war mit seiner kraftvollen Individualität, seiner geraden, biederen Art, seiner vom frischesten, köstlichsten Humor und gesalzener Rede gewürzten Unterhaltung, seiner physisch und moralisch im schönsten Gleichgewicht stehenden Kernnatur eine in weitesten Kreisen geschätzte und verehrte Persönlichkeit. Bis in sein 74. Jahr schien er nicht altern zu wollen, da brachen schwere Schicksalsschläge, zuletzt der Tod der treuen, langjährigen Lebensgefährtin (1878) auch diese eiserne Konstitution. – Ohne vorhergegangene Leiden machte ein Schlaganfall am 6. Mai 1879 schmerzlos seiner irdischen Laufbahn ein Ende.


  1. Quellen: Das Tagebuch Crolas, welches mir vom Sohne desselben, dem Herrn Professor Crola in Düsseldorf, freundlichst überlassen worden war, und briefliche Mitteilungen desselben. Ferner ein Nekrolog im Lützowschen Beiblatt 1880. S. 530 u. f. Cottasches Kunstblatt 1836. S. 179. 1837. S. 119. 1838. S. 202, 282, 309. 1839. S. 97, 204, 287, 308. 1841. S. 91. 1842. S. 103. 1843. S. 90. Eggers, deutsches Kunstblatt 1852. S. 242. 1857. S. 219. Müller, die Künstler aller Zeiten und Völker. 1, 406. v. Biedermann, Göthe und Dresden 1875. S. 139. (Die Angaben daselbst, den Aufenthalt in Paris und Algier betreffend, sind unrichtig.)