Meißner Künstler:Anton Dietrich

Heinrich Crola (Croll) Lebensläufe Meißner Künstler (1888) von Wilhelm Loose
Anton Dietrich
Franz Dietrich
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

[18] Anton Dietrich.[1] Herr Historienmaler Dietrich in Dresden teilt über seinen Lebensgang mit: „Mein Vater war der Schneidermeister Ignaz Dietrich in Meißen, wo ich den 27. Mai 1833 geboren bin. Ich erhielt in der Taufe den einzigen Namen Anton, über welchen ich nie recht entzückt war. Als ich einmal meinen Vater fragte, warum ich gerade diesen Namen erhalten habe, meinte er, wenn ich ein tüchtiger Mensch würde, so würde ich dem Namen Ehre machen, und wenn nichts aus mir würde, so wäre er gut genug für mich. So habe ich denn denselben bis auf den heutigen Tag ohne zu murren getragen. [19] Jeder empfängliche Mensch muß sich freuen, wenn er in Meißen geboren ist und daselbst seine Jugendzeit verleben konnte. Es wird wenig Städte geben, welche so viel Anregendes für die jugendliche Phantasie bieten, als das alte liebe Meißen in meiner Jugend. Die Wälder der Umgegend, das idyllische Triebischthal, die mächtigen Granitblöcke der sagenumwobenen Riesensteine, das alte Kloster vor der Stadt, die Albrechtsburg, die innere Stadt und noch vieles andere boten der Jugendlust die herrlichsten Plätze. Höchst interessant war auch unser altes Schulhaus in dem Franziskanerkloster. Dort wirkte unser lieber hochverehrter Rektor Dietrich wie ein kleiner König, und wohl alle seine noch lebenden Schüler gedenken seiner mit Dankbarkeit. Er war ein echter Knabenlehrer, streng, aber gerecht. Die Duckmäuser waren ihm zuwider; er verzieh leicht einen frohen, mutwilligen Streich, aber nie eine Gemeinheit. Die Hauptsache aber war, daß wir etwas Tüchtiges bei ihm lernten. Auch Konrektor Scharfe, den ernsten Mann mit den tiefblickenden Augen habe ich in dankbarem Andenken. Den Zeichenlehrer Köhler darf ich auch nicht vergessen; er war der erste Lehrer von so manchem tüchtigen Künstler. Rektor Dietrich suchte mich mehrfach zu bereden, in die polytechnische Schule in Dresden einzutreten, um Ingenieur zu werden, aber meine Lust zum Malen war größer, und nachdem Superintendent Dreschke als höchste Autorität meine Zeichnungen sehr gelobt und erklärt hatte, daß ich Maler werden müsse, so war der Rektor auch einverstanden. Mein Vater war ein sehr intelligenter Mann; er hatte großes Interesse für Poesie und Künste, vor allem aber für Geschichte und bildende Kunst. Es ist mir noch heute erstaunlich, wenn ich an seine lebhafte Auffassung, sein Verständnis für die Kunst und seine mir gegebene Anregung zurückdenke. Er war auch darauf bedacht, daß wir Kinder etwas Tüchtiges lernen sollten; ich erhielt Extrastunden in Raumlehre, Freihandzeichnen und in französischer Sprache. Mein Vater war sofort einverstanden, als ich meinen Wunsch aussprach, Maler zu werden, wie dies auch der Fall war, als später mein jüngerer Bruder Franz denselben Wunsch hegte. Ich wurde 1847 Schüler der Kunstakademie in Dresden. Bei meinen Studien nahmen sich besonders Ludwig Richter, der Kupferstecher Thäter und Professor Peschel meiner an. Auch die Professoren Rietschel und Hähnel haben mir vielfaches Interesse bewiesen; letzterem habe ich besonders als selbständiger Künstler viel Förderung zu danken. Schon in den untern Klassen der Akademie hatte ich erkennen gelernt, daß meine Schulbildung für einen Künstler nicht hinreiche. Ich suchte durch Lesen [20] mich weiter zu bilden; leider hatte ich damals keinen Ratgeber, welcher mir den rechten Weg zeigte. Natürlich erwachte auch die Freude am Theater, und es wurde am Essen Geld gespart, um abends im Theater sich begeistern zu können. Da ich am Tage in der Akademie arbeitete, wurde die Nacht zum Lesen genommen; ich erinnere mich, daß ich Wilhelm Meisters Lehrjahre von Sonnabend abends die Nacht ununterbrochen bis Sonntag Abend fertig gelesen habe, und war sehr betrübt, daß ich die Wanderjahre nicht sofort bekommen konnte. Dieses fieberhafte Lesen brachte mich oft in krankhafte, aufgeregte Stimmung; so wurde ich, als ich nachts Don Juan von Lord Byron las und an die Stelle kam, wo Don Juan und seine Gefährten Schiffbruch leiden, durch die gewaltige Dichtung so ergriffen, daß ich für die Rettung der Schiffbrüchigen betete. Die Tagesarbeit in der Akademie, das viele Lesen und viele Komponierversuche in der Nacht und wohl auch körperliche Erkältung waren Schuld, daß mich ein schleichendes Nervenfieber überfiel. Ich war dem Tode nahe und mußte neun Monate von aller Arbeit fern bleiben. Nachdem ich die akademischen Klassen durchgemacht hatte, trat ich in das Meisteratelier des Professor Bendemann, blieb aber nur ein Jahr dessen Schüler, da er öfter krank und längere Zeit abwesend war. Bendemann war ein vortrefflicher Lehrer; das habe ich erst später mehr und mehr einsehen gelernt. Ich malte bei ihm ein Selbstporträt und zeichnete mancherlei Kompositionen, so auch zu einem deutschen Geschichtswerke, zu welchem eine große Zahl der bedeutendsten Künstler Zeichnungen lieferte; auch mir und zwei älteren Mitschülern war es vergönnt, unsere ersten Sporen in der Kunst zu verdienen. Als ich Bendemanns Atelier verließ, wurde ich Schüler des großen Meisters Schnorr von Carolsfeld; ich malte ein kleines Bild „Genofeva im Walde,“ welches der sächsische Kunstverein ankaufte. Leider hatte ich schon seit Jahren um meine Existenz schwer zu kämpfen; es blieb mir auch nichts von dem Honorar dieses Bildes übrig. Ich konnte ein anderes nicht ausführen, sondern mußte lange Zeit illustrieren und für Kunsthändler arbeiten, so daß ich das Atelier Schnorrs nicht besuchen konnte. Dazu kam ein ernster Zwiespalt. Ich hatte von einem alten vornehmen Herrn einen Auftrag erhalten; er stellte dabei an die Kunst sehr gemeine Anforderungen, und da ich nicht darauf einging, höhnte er mich in so frivoler Weise, daß ich mich hinreißen ließ, ihm einen sehr geharnischten Brief zu schreiben. Wie der Herr diese Sache Meister Schnorr mitgeteilt hat, weiß ich nicht; die Wahrheit hat er jedenfalls nicht gesagt, denn sonst hätte der [21] edle Meister mir recht gegeben, daß ich gegen so frivole Zumutungen, wenn auch in jugendlicher Hitze etwas heftig, loszog. Ich erhielt einen Brief meines Meisters, in welchem er sein Bedauern aussprach, daß ich nicht mehr sein Schüler sein könne. Obwohl ich schon lange Zeit das Atelier nicht besucht hatte, so traf mich dieser Schlag doch tief innerlich; ich fühlte mich wie verfemt. Der Abschluß des innern Kampfes war, daß ich Gott um Kraft bat, beweisen zu können, daß ich diesen Schlag nicht verdient habe, und mein edler Meister Schnorr hat später mit der That, als er den rechten Sachverhalt erfuhr, tausendfältig alles wieder gut gemacht. Für meine künstlerische Entwickelung war diese Relegierung gar nicht so unglücklich; anfangs mußte ich zwar noch fortillustrieren, doch kam eines schönen Tags der Maler Karl von Binzer, der Sohn des berühmten Burschenschafters, und erzählte mir, daß er einen großen monumentalen Auftrag für den Grafen Hohenthal im Schloß Dölkau auszuführen habe. Er bat mich, ihm die Kartons zu seinen Kompositionen zu vergrößern; dies habe ich zu seiner großen Zufriedenheit gethan. Später ließ er mich auch einige selbständige Bilder ausführen. Ich lernte durch ihn die Fresko- und Temperamalerei kennen und malte unter seiner Leitung meine ersten Wandbilder, die allegorischen Gestalten Religion, Kraft und Sieg und zwei Trompeterchöre. Karl von Binzer war ein schöner, hochgebildeter, sehr talentvoller Maler; er wirkte in verschiedener Weise sehr günstig auf mich ein. An der Dresdner Akademie war trotz des vielen Vortrefflichen, was sie bot, doch eine gewisse Angstmachung fühlbar; ich hatte immer mit Zittern und Zagen eine Arbeit begonnen; durch Binzer bekam ich einen freiem Blick über vielerlei; er stärkte meinen Mut und mein Selbstvertrauen, so daß ich es wagte, an große monumentale Entwürfe zu denken. Obwohl Binzer älter und mir gegenüber ein fertiger Künstler war, so trog er mir doch seine Freundschaft an, und als er nach Weimar berufen wurde, begleitete ich ihn. Wir verlebten den Winter daselbst, wo ich unter andern ein Ölbild „Opfer Abrahams“ ausführte, welches in den Besitz der Herzogin von Sagan kam. – Das Leben in Weimar war sehr anregend. Der Großherzog war und ist gewiß noch ein sehr kunstsinniger hoher Herr; er besuchte oft unser Atelier. Den Malern Genekli, dem alten Preller, Wislicenus, Graf Kalkreuth, Graf Harrach, von Wille, dem Dichter Hoffmann von Fallersleben, Staatsanwalt Genast, Liszt und noch manchen andern bedeutenden Persönlichkeiten begegnete man oft im engern Verkehre; ich trat einigen, besonders dem genialen Genelli, sehr nahe. Den Sommer über [22] malten Binzer und ich fleißig in Dölkau. Bei einem Besuche in Dresden redete mir Professor Hähnel zu, bei der Konkurrenz um das große Reisestipendium mich zu beteiligen. Da es dazu nötig war, eine größere Arbeit in einem akademischen Atelier auszuführen, ich aber nach dem früher Vorgefallenen nicht sofort in Schnorrs Atelier wieder eintreten konnte und in ein anderes nicht wollte, so vermittelte Professor Hähnel die Sache. Ich erhielt eine sehr freundliche Einladung Schnorrs zu einem Besuche, bei welchem mich der hochverehrte Meister in herzlichster Weise aufnahm; er sagte, daß es ihm eine große Freude sein würde, wenn ich in sein Atelier wieder eintreten wolle, ich sollte mir den besten Platz aussuchen, und er versprach mir auch, daß er mir Zeit seines Lebens ein treuer väterlicher Freund bleiben würde. Dies Versprechen hat er in edelster Weise gehalten. – Schnorr von Carolsfeld ist der großartigste Maler, welcher je in Sachsen geboren wurde; wer ihm näher getreten ist, weiß aber auch, daß er eine der edelsten und reinsten Künstlernaturen war. Er suchte in diesem Sinne auf seine Schüler einzuwirken, und die, welche ihn verstanden, haben gewiß für ihr ganzes Leben einen belebenden Funken erhalten. Aber im gewöhnlichen Sinne war er kein Lehrer. Sein Geist war ausgefüllt von gewaltigen Gestalten der Religion, Geschichte und Romantik; mit Leichtigkeit hätte er die Arbeiten seiner Schüler zu bedeutenden Werken umändern können, aber er legte nur selten Hand an die Schülerarbeiten. Was hätte dies auch genützt; er hätte die Schüler nur betrogen, denn später ohne seine Hilfe wären sie doch in ihre Unbedeutendheit wieder zurückgesunken. Jeder Schüler sollte seine Arbeiten selbst schaffen; wohl gab er gute Ratschläge, welche aber nicht immer benützt wurden. Der Meister wollte nicht, daß wir ihm sklavisch nachahmten. Er hatte sich aus eigner Kraft zum gewaltigen Künstler herangebildet und verlangte nun auch von jedem Schüler Selbstringen. Wer aufmerksam war, konnte bei Schnorr viel lernen. Ich zeichnete im Atelier einen großen Karton „Rudolph von Habsburg an der Leiche Ottokars von Böhmen nach der Schlacht auf dem Marchfelde“ und malte ein Porträt (das Porträt meiner späteren Frau). Mit diesen Arbeiten und einer Anzahl anderer kleinerer und größerer Kompositionen errang ich mir das große Reisestipendium. Mein Wunsch war, bevor ich nach Italien ging, einen Teil des Stipendiums in München verwenden zu dürfen; ich wollte bei Piloty Malstudien machen und womöglich den genannten Karton als Bild ausführen. Denn obwohl ich vollständig von den großartigen Intentionen unsrer großen Meister Cornelius, Schnorr u. s. w. innerlich [23] ergriffen war, so war ich doch auch, überzeugt, daß die moderne Technik ihre volle Berechtigung habe und die ernsten innigen Bestrebungen erst volkstümlich wirken können, wenn die äußere Erscheinung der Gestalten in natürlichster Weise gegeben wird. Mein Wunsch wurde leider nicht erfüllt, wohl aber mir erlaubt, nach Düsseldorf zu gehen. Ich bin daselbst über ein Jahr gewesen, konnte mich aber nicht entschließen, trotzdem so viele außerordentlich tüchtige Künstler in Düsseldorf schafften, in ein Atelier einzutreten. Ich fand nicht, was ich suchte und arbeitete deswegen ohne Meister. Ich führte in lebensgroßen Figuren ein Bild aus „Faust siehet Gretchen im Kerker wieder“. Das Bild wurde in Düsseldorf sehr liebenswürdig von Künstlern und der Kritik aufgenommen. Ich verkaufte es; dasselbe erwarb nach dem Tode der Besitzerin ein Kunsthändler, der es mit andern Bildern versendete, wobei es in einem Lagerraum in Bremen verbrannte. Auch in Dresden hatte das Bild auf der Ausstellung Beifall gefunden. Das Leben in Düsseldorf war vielfach anregend; ich war befreundet mit einem Kreise von jungen tüchtigen Männern verschiedenen Standes; das Leben im Künstlerverein Malkasten, einige Reisen am Rhein, besonders das altehrwürdige Köln mußten mir sehr gefallen. In Düsseldorf hatte ich auch das Glück, Cornelius das erste Mal zu sehen; er kam nach dreißigjähriger Abwesenheit auf Einladung der Künstlerschaft in seine Vaterstadt. Mein Meister Schnorr hatte mir einen Brief geschickt, den ich ihm überbrachte. Obwohl Cornelius sehr klein war, so machte er doch einen gewaltigen Eindruck durch seine tiefliegenden, wunderbar geistleuchtenden Augen. Er nahm mich sehr freundlich auf, und trotzdem er sich vorgenommen, wegen Mangel an Zeit in kein Atelier zu gehen, so besuchte er doch mein Atelier auf längere Zeit, wobei er sich sehr gütig über meine Arbeiten aussprach. – Nun ging es nach Italien; ich habe mich besonders längere Zeit in Venedig, Pisa, Florenz und Rom aufgehalten. Die Zeit meiner Reise war nicht recht günstig; der Kampf für die Vereinigung Italiens war geschlagen, Toskana, Neapel zum Königreich Italien vereinigt, Venedig, Verona u. s. w. noch österreichisch, der Kirchenstaat von den Franzosen besetzt. Es wurde lebhaft gewarnt vor dem Reisen zu Lande, weil viele entlassene Soldaten, besonders Neapolitaner, als Banden zusammengeschart, die Reisenden belästigten; ich habe deswegen auch keine größeren Reisen zu Lande gemacht. Als vom Dampfwagen aus Rom sichtbar wurde, rief alles: „Roma“. Mir pochte mein Herz so wie einst, als ich das erste Mal vor dem Vorhang gesessen hatte, der die Bretter, welche die Welt bedeuten, verdeckte. [24] Über die Herrlichkeiten Roms ist wohl nicht nötig etwas zu sagen; ich habe sie angestaunt und empfunden, wie jeder andere empfängliche Künstler. Anfangs hatte ich Lust, mich für immer dort niederzulassen; doch erwachte bald die Liebe zum Vaterlande um so lebendiger, und nie bin ich recht heimisch in Rom geworden. Wenn ich nachts über das vom Mond beleuchtete Forum Romanum blickte, so erschien es mir immer wie ein Riesenkirchhof mit seinen alten verfallenen Grabmälern. Die unzähligen herrlichen Bildwerke des Altertums und der Renaissancezeit wirken anfänglich erdrückend auf einen jungen Künstler; erst nach und nach kommt man wieder zu eignem Denken und Empfinden. Für immer möchte ich nicht in Rom leben, aber jedenfalls ist der beneidenswerth, welcher von Zeit zu Zeit wieder dahin zurückkehren kann; denn die Sehnsucht, all die Herrlichkeiten wiederzusehen, wird niemand wieder los, der einen vollen Blick in das schöne Italien gethan hat. Ausgeführt habe ich in Italien kein Bild, wohl aber mancherlei Kompositionen gezeichnet, vor allem aber Natur und Kunstwerke studiert. Ich sehnte mich zum Selbstschaffen nach so gewaltigen Eindrücken. Auf der Rückreise zur Heimat sah ich in München die großen monumentalen Werke von Cornelius, Schnorr u. s. w. und wurde durch diese trotz alles vorher Gesehenem auf das tiefste ergriffen. In München lernte ich auch Kaulbach kennen, der mich sehr freundlich aufnahm. Nach Dresden zurückgekehrt, ließ ich mich als selbständiger Künstler nieder und verheiratete mich. Ich hatte meine Frau schon, als sie noch Kind war, gesehen und mich für sie interessiert; als ich sie mehrere Jahre später als Jungfrau wieder sah, war es mir klar, daß ihr Besitz zu meinem Lebensglück nötig sei, und da dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte, so haben wir sieben Jahre auf einander gehofft, bis es möglich wurde, uns für dieses Leben und für die Ewigkeit zu verbinden. Ich nahm nun ein größeres Ölbild in Angriff „Der verratene und verleugnete Heiland“. Nebenbei zeichnete ich unter anderem Illustrationen für lettische Volkslieder und führte ein Madonnenbild aus, welches auf der Ausstellung sofort verkauft wurde. Da hörte ich, daß eine neue Kreuzschule gebaut und die Aula derselben mit Wandbildern geschmückt werden sollte; ich hatte längst den sehnlichsten Wunsch, ein großes monumentales Werk auszuführen und setzte nun alles daran, zu diesem Zwecke Kompositionen zu entwerfen. Altmeister Schnorr, Professor Hähnel und der bedeutende Litteratur- und Kunsthistoriker Hermann Hettner interessierten sich für mein Streben. Die Entwürfe fanden ihren Beifall, und dank ihrem lebhaften Eintreten für [25] mich vertraute der Stadtrat zu Dresden mir diesen großen Auftrag an, obwohl eine Partei älterer Künstler in unliebenswürdigster Weise gegen mich intriguierte. Der Gedankengang, welchen ich diesen Bildern zu Grunde legte, ist folgender: Die sittliche Bildung habe ich darstellen wollen durch die Bethätigungen der Tugenden: 1. Liebe zu Gott: Das Opfer Abrahams. 2. Liebe zur Wahrheit: Sokrates nimmt den Giftbecher. 3. Liebe zum Vaterland: Curtius opfert sich für sein Vaterland. 4. Geistiger Mut: Luther auf dem Reichstag zu Worms. Die geistige Bildung wollte ich zum Ausdruck bringen durch Darstellung der Kulturgeschichte in ihren bedeutendsten Vertretern. 1. Unter Abrahams Opfer, Mosaische Zeit: Moses in der Mitte des Bildes umgeben von den Erzvätern, Königen, Helden und Propheten der Juden. 2. Unter Sokrates Tod, Zeit des klassischen griechischen Altertums: Homer in der Mitte umgeben von Dichtern, Geschichtsschreibern, Rednern, Philosophen und Künstlern Griechenlands. 3. Bild unter Curtius’ Selbstaufopferung, Zeit des klassischen römischen Altertums: Mittelpunkt Cäsar umgeben von Rechtsgelehrten, Geschichtsschreibern, Rednern, Philosophen, Dichtern u. s. w. 4. Bild unter Luther auf dem Reichstag zu Worms, Christus in Mitten seiner Jünger. 5. Die Zeit Karls des Großen. 6. Die Zeit der Kreuzzüge. 7. Die Zeit der Reformation. 8. Die Neuzeit. Über dem Haupteingang das Bild die Schule als allegorische Gestalt, die Jünglinge lehrend. An diesen Bildern habe ich sechs Jahre gearbeitet. Nach Ausführung derselben nahm ich das vorher angefangene Bild „Der verratene und verleugnete Heiland“ wieder auf; ich fand mich nach so langer Zeit nicht recht wieder in dasselbe hinein, malte es aber doch fertig und verkaufte es, ohne es auszustellen. Ferner malte ich während dieser Zeit ein kleines Altarbild „Das Abendmahl“ für die Zuchthauskirehe zu Waldheim und ein größeres „Die Himmelfahrt“ für die Anstaltskirche zu Hohenstein. Auch führte ich einen früher ausgedachten Cyklus von sieben Darstellungen aus dem Leben Ottos des Großen in halblebensgroßen Gestalten als Kartons aus. Diese sind photographisch von Hermann Krone herausgegeben. In diese und spätere Zeit fallen auch die Ausführungen einiger Aquarellbilder und größerer Zeichnungen: „Christus am Teiche Bethesda, den Lahmen heilend“, in Privatbesitz, „Kreuzigung Christi“ Aquarelle, von einem Kunsthändler erworben, „Geschichte der physischen Weltanschauung in acht Abteilungen“, wie sie von Humboldt im Kosmos beschrieben worden sind, Aquarellbilder, erworben von einer englischen Dame, „Homer, dem Volke singend“, und „Kolumbus, Amerika vom Schiff aus erblickend“, beides Aquarellen, von [26] einem Kunsthändler angekauft, und noch so manches andere. Um diese Zeit erhielt ich von dem Ministerium des Innern den Auftrag, für die Aula des Johanneums in Zittau monumentale Bilder auszuführen. Das gedankliche Motiv war: „Alte Kultur und neue Kultur vermittelt durch das Christentum.“ Auf einer Seite der Aula waren als allegorische Gestalten dargestellt: 1. Ägypten die Völker am Mittelmeer charakterisierend, von denen die Kultur ausging. 2. Griechenland die klassische Zeit bezeichnend. Zur andern Seite der Aula: 3. Italien die Renaissancezeit, und 4. Deutschland die Neuzeit bezeichnend. Inmitten dieser Bilder als Hauptbild: „Paulus predigt in Athen“. Unter diesem Bild läuft ein reliefartiges Friesbild, auf welchem die bedeutendsten Männer aller Zeiten dargestellt sind, durch welche der Gang der Kultur angedeutet ist. Das Hauptbild „Paulus predigt in Athen“ ist wohl das größte Monumentalbild, welches von einem Dresdner Künstler seit langer Zeit ausgeführt worden ist. Ich kann nicht umhin, recht sehr zu bedauern, daß dasselbe, welches seiner Zeit viel Beifall fand, in Zittau mehr oder weniger begraben ist. Nach Vollendung dieser Arbeiten führte ich im Auftrage des Finanzministeriums die Wandbilder in dem sogenannten Kirchensaale der Albrechtsburg in Meißen aus: 1. Gründung Meißens durch Heinrich I. 2. Verteidigung der Burg mit Hilfe tapferer Meißner Frauen. 3. Einzug Konrads von Wettin in Meißen. Dann folgende einzelne Fürstengestalten und deren Gemahlinnen: Otto der Reiche – Hedwig von Brandenburg, Albrecht der Stolze – Sophia von Böhmen, Dietrich der Bedrängte – Jutta von Thüringen, Heinrich der Erlauchte – Konstantia von Österreich, Albrecht der Unartige – Margareta von Hohenstaufen, Friedrich der Gebissene – Agnes von Kärnthen, Friedrich der Ernsthafte – Mechtild von Bayern, Friedrich der Strenge – Katharina von Henneberg, Friedrich der Streitbare – Katharina von Braunschweig, Friedrich der Sanftmütige – Margareta von Österreich. Ferner habe ich in der anschließenden Kapelle die altertümlich gehaltenen Gestalten Ottos des Großen als Gründer des Bistums und des Bischof Benno gemalt. Nach Vollendung dieser Arbeiten nahm ich einige Ölbilder in Angriff: „Ottos des Großen Sieg über die Hunnen auf dem Lechfelde“, „Tillys Einzug in Magdeburg“, auch ein Genrebild „Besuch der Kinder beim Vater im Atelier“. Doch habe ich diese nicht vollendet, da ich mich bald bei der Konkurrenz um die Wandgemälde für das Polytechnikum in Dresden beteiligte. Ich gewann die Konkurrenz, doch verzögerte sich der Auftrag durch eine Opposition, welche [27] reale Darstellungen verlangte, während ich aus zwingenden künstlerischen Gründen, welche die gegebene Architektur bedingte, Darstellungen in idealer Form für nötig hielt. Diejenigen, welche die Opposition offen vertraten, stellten die künstlerischen Bedingungen in zweite, ihre persönlichen Wünsche aber in erste Linie. Ich habe diesen ihre Wünsche gar nicht verübelt; ich erkannte aber recht wohl, daß hier eine Macht mit im Spiele war, welche mir das Leben und künstlerische Streben in Dresden sehr verkümmern konnte, so daß ich den Beschluß faßte, nach Berlin überzusiedeln, wo man mir von maßgebender Seite sehr wohlwollend entgegenkam und Förderung meiner Bestrebungen zusicherte. Als ich einige Tage in Berlin war, erhielt ich eine Mitteilung eines Mitgliedes des akademischen Rates, daß verschiedene Mitglieder desselben sich an das Ministerium mit dem Ersuchen gewendet hätten, mich in Dresden zu halten; ich solle mich in Berlin nicht binden. Auf meine Anfrage schrieb mir Professor Hettner, ich müßte nach Dresden zurück; es würde alles geschehen, um, wie er sich ausdrückte, meine Kraft für Dresden zu erhalten, und da ich einige Zeit darauf bei einem Besuche im Ministerium Beweise großen Wohlwollens erhielt, habe ich mein Ziel in Berlin nicht verfolgt, sondern kehrte wieder nach Dresden zurück. Ich that damit einen Schritt, den ich sehr oft tief bedauert habe, denn trotzdem die sächsische Regierung und das Land alle Opfer bringen, ein frisches Kunstleben in Dresden zu schaffen, so kann doch kein Maler sich frei in großartiger Weise entwickeln, weil so viele Künstler aufeinander hocken, welche alle berücksichtigt sein wollen. Zudem sind die Parteien so feindselig zugespitzt, daß jeder, der zwischen diese kommt, mehr oder weniger erdrückt wird, während in Berlin die verschiedensten Richtungen sich groß und frei entwickeln können. Der Streit wegen der Darstellungen im Polytechnikum wurde geschlichtet und meine Wünsche, wenn auch nicht ohne Kampf, bewilligt. Ich legte bei dieser Arbeit die Thaten des Prometheus als sinnbildlicher Gestalt des schöpferischen Menschengeistes zu Grunde; Prometheus bringt der Urmenschheit das Feuer, lehrt den Gebrauch des Hebels als Seele der Maschine, lehrt das Schmieden und Spinnen, Bauwerke aufrichten, Brücken schlagen und die Dampfkraft zum Nutzen der Menschheit sich unterthan machen. An der Decke sind dargestellt die allegorischen Gestalten der Kunst und Wissenschaft als Zeichen, daß beide vereint am Polytechnikum wirken. Nach Abschluß dieser Arbeit hatte ich die Freude, daß aller Widerspruch geschwunden war und sogar diejenigen, welche am meisten gegen meine Bestrebungen geeifert [28] hatten, mir am lautesten Beifall zollten. Nach dieser Zeit malte ich ein großes Ölbild „Lady Macbeth nachtwandelnd“. Dasselbe ist mehrfach auch der malerischen Behandlung wegen freundlich anerkannt worden; doch ist der übermenschliche Maßstab der Gestalt, zu welchem ich mich durch so viele von mir vorher ausgeführte überlebensgroße Monumentaldarstellungen verleiten ließ, etwas salonunfähig geworden, und da die jetzigen Ausstellungen mehr als Salons behandelt werden, so kann ich mich nicht entschließen, die übermenschliche Frau Macbeth in solche zu schicken. Vielleicht findet sie einmal in einem alten Schlosse einen Platz, wo sie als Gespenst nachtwandeln kann. Seit dieser Zeit bin ich ununterbrochen für Kirchen thätig gewesen; ich habe über achtzig größere und kleinere Kartons zu Glasbildern gezeichnet: für die amerikanische Kirche und für die Lutherkirche zu Dresden, die Kirchen zu Neustadt bei Stolpen, Löbau, Konstappel, Pieschen, Hohenstein-Ernstthal, Chemnitz, Doberan in Mecklenburg und für den altehrwürdigen Dom in Riga u. s. w. Für die Kirche zu Leisnig malte ich zwei Wandbilder im Auftrage der Regierung, nachdem ich die ausgeschriebene Konkurrenz gewonnen, „Die Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande“ und „Der Einzug des Heilandes in Jerusalem“, dann ein Altarbild für Bodin in Mecklenburg „Petrus auf dem Meere durch den Heiland vor dem Versinken gerettet“, und in allerneuester Zeit habe ich ein Altarbild für Buchholz vollendet nach dem Motiv: „Kommet her alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Noch so manche andere ausgeführte größere und kleinere, mehr dekorative Arbeiten und viele Entwürfe zu Bildern habe ich nicht erwähnt. Wie aus vorstehendem zu ersehen, ist meine künstlerische Thätigkeit hauptsächlich zu bestimmten monumentalen Zwecken beansprucht worden, und da man solche Werke nicht zu Ausstellungen herumsenden kann, so bin ich außerhalb Sachsens weniger bekannt geworden.“

Zur Ergänzung des vorstehenden Lebenslaufes sei noch hinzugefügt, daß der König Albert Herrn Dietrich 1881 unter gleichzeitiger Verleihung des Albrechtsordens zum Ehrenmitglied der Dresdner Kunstakademie ernannt hat.


  1. Vgl. außerdem Leipziger Illustrierte Zeitung 1864. Müller, die Künstler aller Zeiten und Völker 4, 103. Lützow, Zeitschrift 4, 63. Beiblatt 1 (1866), 149. 3, 115. Kaulen, Freud und Leid im Leben deutscher Künstler 1878. S. 355 u. f. Müller, biographisches Künstlerlexikon 1882. S. 136. Dresdner Anzeiger 4. Januar 1878 Erläuterungen zu den auf Kosten der Dr. Güntzischen Stiftung von Anton Dietrich ausgeführten Fresken in der Aula der Kreuzschule zu Dresden.