Meißner Künstler:Hugo Oehmichen

Hans Kaspar Neidinger Lebensläufe Meißner Künstler (1888) von Wilhelm Loose
Hugo Oehmichen
Valentin Otto
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[71] Hugo Oehmichen[1] wurde am 10. März 1843 zu Borsdorf bei Leipzig geboren, wo seine Eltern ein kleines Produktengeschäft betrieben, siedelte aber nach einigen Jahren mit seinem Vater Fürchtegott Oehmichen – die Mutter verlor er so früh, daß er sie nicht kennen lernte – nach Brockwitz bei Meißen über. Hier besuchte er die Dorfschule, während sein älterer Bruder in der nahen Stadt die Schlosserei erlernte. Die Zeit, welche er den fröhlichen Spielen in der Dorfgasse abmüßigte, widmete er der Herstellung und Verbesserung eines Puppentheaters, für welches er leicht ein dankbares Publikum fand. Wenn für den geistigen Unterhalt eines solchen ein gewisser Vorrat an Stoffen und einige Phantasie erforderlich war, so verdankte er den Besitz des ersteren und die Erweckung der letzteren wohl dem Vater, der sich durch fleißige Lektüre illustrierter Zeitschriften mit den Dingen der großen Welt da draußen in Beziehung erhielt. Das mechanische Geschick aber, welches bei dieser Beschäftigung hervortrat und sich entwickelte, fand weitere Anregung durch häufige Besuche in der Lehrwerkstatt seines Bruders, und so bildete sich auch bei ihm der Gedanke aus, Schlosser zu werden, wobei er vor allem den Wunsch hegte, dermaleinst kunstreiche Beschläge und Gitter bilden zu können. Um dergleichen Werke schon im voraus zeichnen zu lernen, erlangte er es bald, an dem Zeichenunterrichte des Bruders, der eine Sonntagsschule besuchte, teilnehmen zu dürfen. Mit höchstem Eifer zur Sache legte er sonntäglich den Weg zur Stadt zurück und zwar barfuß, um die teuren Stiefel zu schonen, die er erst bei der großen Brücke anlegte.

Die guten sauberen Zeichnungen, die der Knabe lieferte, veranlaßten den wackeren Zeichenlehrer zu dem Erbieten, ihm unentgeltlichen Privatunterricht zu geben. Aus der niedrigen Wohnung des originellen, in einen Kaftan gehüllten und mit einem Lichtschirm bewehrten Alten – Köhler (s. w. o.) war sein Name –, neben welchem seine Frau für die ab- und zugehenden Schönen der Stadt allerlei Kopfputz fertigte, hat er außer einer ziemlichen Fertigkeit im Zeichnen von [72] Arabesken, Blumen und Köpfen noch ein anderes hinweggetragen: das bewußte Interesse und die Freude an beschränkten, aber friedvollen und heiteren Existenzen mit ihrer Komik und ihrem Glück.

Als Köhler sah, daß er seinem Schüler nichts mehr bieten könne, gab er ihm den Rat, in die ein sicheres Brot verheißende Zeichen- und Malschule der Königl. Porzellanmanufaktur einzutreten, die damals von Scheinert dirigiert wurde. Dieser aber, welcher sich durch einige Proben schnell überzeugte, daß in dem Knaben mehr als ein bloß kopierender Künstler steckte, empfahl ihn an die Königl. Akademie der bildenden Künste zu Dresden, welche den Vierzehnjährigen denn auch im Oktober 1857 aufnahm. Der Studiengang Oehmichens war ein regelmäßiger und erfolgreicher, und namentlich der Professor der Malklasse Adolf Ehrhardt, unter dessen Leitung er im Herbst 1860 gelangte, ließ es sich angelegen sein, ihn durch Zuweisung von Arbeiten und Stipendien für die hohe Kunst zu erhalten. Im Jahre 1861 erfolgte der erste Auftrag, nämlich das Bildnis seines alten Dorflehrers zu malen, welches die Gemeinde Brockwitz für ihre Kirche zu haben wünschte. Dann gewann er, in Hübner’s Atelier eingetreten, bald nach einander die kleine silberne und die kleine goldene Medaille, erstere im Jahre 1862 durch ein weibliches Brustbild und ein Gemälde „Aschenbrödel“, welchem ein von dem Dresdner Kunstverein angekauftes „Schneewittchen“ folgte, letztere durch den „Großvater, die Seinen segnend“ im Jahre 1864. Dieses Bild erwarb der König Johann, und indem sich der gütige Fürst über dasselbe in anerkennender und ermutigender Weise gegen dessen Urheber aussprach, erweckte er in ihm die frohe Zuversicht, sich wirklich zu den Künstlern zählen zu dürfen.

Indessen spricht sich in den bisherigen Bildern das eigentliche Talent Oehmichens noch nicht aus. Indem er sich ganz der Darstellungs- und Malweise Hübners anschloß, übertrug er auf seine kleinen Gegenstände den Stil und die Farbe der großen Historie und blieb nur korrekt, wo er interessant und fesselnd hätte werden sollen. Zuerst tritt die eigenste Neigung des jungen Künstlers in den beiden folgenden Bildern „Der Schulausgang,“ 1865 von dem sächsischen Kunstverein zur Verlosung erworben und gewonnen von Gustav Halberstadt in Leipzig, und „Das Mutterglück,“ im folgenden Jahre von einem Berliner Kunsthändler erworben, einigermaßen hervor, aber man sieht es den Figuren an, daß sie erdacht, aber noch nicht wirklich beobachtet sind, und die Gewohnheit zu idealisieren wirkt auf diese Darstellungen in der Weise ein, daß statt frischer [73] Natürlichkeit und Unbefangenheit das Süße, das unbedingt Gesittete und Musterhafte erscheint.

Im Jahre 1866 unternahm Oehmichen, wie es damals nach absolviertem Studium der allgemeine akademische Brauch war, seine Romfahrt. Bei seiner nunmehr bereits erklärten Vorliebe und Anlage für die kleinen gemütlichen Stoffe der Heimat konnte ihn diese Reise in seiner Entwickelung nicht fördern, sondern im Gegenteil nur aufhalten, wie dies vielen jungen Künstlern in seiner Lage geschehen ist. Allerdings genoß er freudig das köstliche, sonnige Land und machte auch viele Studien, von denen er aber nur den geringsten Teil verwertete – er malte die übliche Familie aus der Campagna, das Grab der heiligen Cäcilia in den Calixtkatakomben und die mit Staffage versehene Kanzel in St. Lorenzo (als Farbendruck in „Deutsche Kunst in Bild und Lied“ 1871 erschienen), – aber die Kunst der Charakteristik gedieh ihm da nicht, und inzwischen hatte er versäumt, das ihm durch sein Naturell zugewiesene Darstellungsgebiet in Besitz zu nehmen.

Im Sommer 1867 nach Dresden zurückgekehrt, malte Oehmichen Porträts und arbeitete daneben an einem Gemälde „Der erste Kirchgang nach der Genesung“, der sich keineswegs in Italien, sondern in einem deutschen Dorfe ereignet. Dieses Bild, welches der Dresdner Kunstverein erwarb (gewonnen von dem Fabrikbesitzer Eckardt in Großenhain) und das als Holzschnitt in der Gartenlaube erschienen ist, wurde für ihn zum kritischen Ereignis. Denn Hübner, der seinem Schüler immer ein warmes Interesse gewidmet hatte, überzeugte sich vor demselben, daß es sich hier um ein in sich entschiedenes und in seiner Richtung beharrendes Talent für die Sittenmalerei handle, welche sich damals einer besonderen Pflege in Dresden nicht erfreute, und er war unbefangen genug, ihm dringend die Übersiedelung nach Düsseldorf anzuraten, wo er an Knaus und Vautier Vorbild und Stütze finden werde. Oehmichen folgte diesem Rate, ging im Herbst 1869, nachdem er noch ein Gemälde „Die Dorfschule“ in Dresden vollendet (Fabrikbesitzer Trübenbach in Dorfschellenberg, 1871 als Prämienblatt für den Kunstverein von E. Mohn in Schwarzkunst reproduciert), nach Düsseldorf und trat zu Vautier in ein nahes und dauerndes Verhältnis.

Unter Vautiers Einfluß lernte unser Künstler ziemlich bald die ihm überkommene Unfreiheit in der Komposition, sowie den ängstlichen und dünnen Farbenauftrag überwinden und nahm von dem seinem Genius entsprechenden Gebiete, nämlich der Darstellung des seelischen Lebens der unteren Gesellschaftskreise im Rahmen einfacher, von der Natur beobachteter Vorgänge [74] mit festen Schritten Besitz. Schon seine beiden ersten in Düsseldorf gemalten Bilder „Schulprüfung“ und „In der Dorfkirche“ (nach Amerika verkauft) fanden den allgemeinen Beifall des Publikums, und das erstere wurde von Mohn in Kupfer gestochen, nachdem es bereits, mittels Holzschnitt reproduciert, im Daheim erschienen war. Mit dem dritten Gemälde „Die Todesbotschaft“, welches nach England ging und dann für die Galerie zu Wiesbaden wiederholt wurde (Holzschnitt in der Gartenlaube), errang er dann auch die volle Anerkennung seiner Fachgenossen in bezug auf das eigentlich malerische Können. Zu diesem Bilde – ein Landwehrmann bringt einer jungen Bäuerin die Nachricht vom Tode ihres Mannes und übergibt ihr dessen Uhr und Brieftasche – war der Künstler durch den großen Krieg angeregt worden. Er widmete demselben im Jahre 1872 noch ein zweites, bald durch den Stich vervielfältigtes Bild „Der Reconvalescent“ – ein Werk von großer Wahrheit des Ausdruckes und freundlich-sympathischer Gesamtstimmung. Die Achtung und liebevolle Teilnahme, mit welcher der junge, für das Vaterland verwundete Krieger in die Kirche geleitet und dort empfangen und betrachtet wird, ist höchst wohlthuend. Die Studien zu diesem Bilde machte Oehmichen in der Afrakirche zu Meißen.

Inzwischen hatte sich der Künstler im Jahre 1871 mit seiner Cousine Emma Dietrich aus Böhlitz bei Mutzschen in Sachsen verheiratet, und wie ihm aus dieser Ehe ein reiches Glück erwuchs, so wurde sie ihm auch die unversiegliche Quelle künstlerischer Anregungen. Wir führen die von ihm behandelten Stoffe aus dem häuslichen Leben und der Kinderschulwelt hier gleich in einer Folge auf. Aus dem Jahre 1875: „Der erste Schritt“ (N. J. Kocks zu Mühlheim a. d. Ruhr), „Der erste Zahn“; 1876: „Martinsabend in Düsseldorf“ (Rheinischer Kunstverein in Düsseldorf); 1877: „In der Nähstunde“ (derselbe Verein) und „Die kleinen Künstler“ (W. Tidemann zu Obitzkau bei Gollub); 1878: „Bei der kranken Schulfreundin“ (in Antwerpen, gestochen von Mohn); 1879: „In der Strickschule“ (Ferd. Saarburg in Neuß), „Kindergarten“ (in Amerika); 1880: „Kinder im Schnee“ (in England), „Auf dem Schulwege“ (Dombaulotterie); 1881: „Kinder, Spatzen fütternd“ (in Düsseldorf), „Nach der Christbescherung“ (in England), „Gute Nacht“ (Dombaulotterie); 1883: „Religionsunterricht“ (auf der Dresdner akademischen Kunstausstellung). Außerdem einige Bilder, deren Entstehungszeit wir nicht bestimmt angeben können, als „Stille Betrachtungen“, „Eingeschlafen“, „Gratulanten“, „Schularrest“, „Schulstrafe“, „Schreibstunde“, „Vor dem Schulwege“ (Butterbrotstreichen), [75] „Widerspenstige Schüler“, „An der Schandsäule“ (Dombaulotterie).

Andere Stoffe gewährte das Leben der kleinstädtischen und bäuerlichen Kreise, das ihm von Haus aus bekannt ist und dessen Kenntnis er auf häufig wiederholten Kunstreisen erweiterte. Seine erste derartige Reise ging an die Mosel, wo er in Moselkron die größte Ausbeute fand; dann besuchte er Schwaben, den Oberrhein, Hessen und Westfalen. Die in diesen Gegenden gesammelten Motive erscheinen in folgenden Gemälden, außer den schon früher genannten: „Kirchenschmückung vor der Trauung“ 1874, welches ihm auf der Londoner Ausstellung die silberne Medaille eintrug, desselben Ursprungs, wie das in dem gleichen Jahre vollendete „Aus dem Schwarzwald“ (im Haag) und „Die Alten“ (J. J. vom Rat zu Köln); 1875: „Flüchtige Bekanntschaft“ (Dombaulotterie); 1876: „Die Hausandacht“, ein vorzügliches, durch schlichte Wahrheit des Ausdrucks ausgezeichnetes Bild (Schulte in Düsseldorf), „Abgewiesen“ (Dombaulotterie); 1877 folgte das Gemälde „Der Steuerzahltag“ (Dresdner Galerie). Der Künstler wurde zu demselben angeregt, als er in dem alten Rathaussaale zu Rheinfelden am Oberrhein Interieurstudien machte und die Bürger und Witwen des Ortes ihre Steuern erlegen sah.[WS 1] Besonders hervorragend ist dieses Werk in der Behandlung des Interieurs, welches die Scene auf meisterhafte Weise zusammenschließt. Die Gegenwart dürfte in bezug auf diesen Punkt wenig Besseres aufzuweisen haben. Das Jahr 1878 brachte nach einer Reise in den hessischen Landen das durch Mohns Stich in weiteren Kreisen bekannt gewordene „Jubiläum des Veteranen“, eines alten Auszüglers, dem der Pfarrer eine Dekoration, der Ortsschulze ein Säckchen mit Geld zu seinem Ehrentage bringt, während die Familie Kranz und Topfkuchen gespendet hat. Überaus wahr und überzeugend ist der erstaunte, bescheidene, immerhin schon etwas stumpfe Ausdruck im Gesichte des alten Waterlooers, die Freude der Alten über die Ehre, die ihrem Manne widerfährt, und ihr eigener Stolz; höchst anziehend der Widerschein pietätvoller Teilnahme in den liebenswürdigen Zügen der verheirateten Tochter, welche diejenigen der Frau des Künstlers sind. (Stadtrat Paul Dauß in Dresden.) Ein Gemälde „Schachspieler“ (Kunstverein) schloß sich an. Im folgenden Jahre fand sich der Künstler gelegentlich des großen Schützenfestes zu Düsseldorf angeregt, die „Künstlertoilette hinter einer Schaubude“ darzustellen (Holzschnitt in Schorers Familienblatt), wobei er das feinste Maß beobachtete, und darnach wiederholte er die „Hausandacht“ (Bankrendant Pich in Düsseldorf). Im Jahre 1881 schuf Oehmichen [76] das ergreifende „Begräbnis in Westfalen“, durch Holzschnitt vervielfältigt in Schorers Familienblatt, neben dem Steuerzahltag ein Hauptbild des Meisters; dann „In der Kirche“, den „Rententag“ (England), „Kinder Spatzen fütternd“ (Privatbesitz in Düsseldorf), „Väterliche Ermahnung“, „[WS 2]Westfälische Kirchengängerin“. Im folgenden Jahre entstanden „Nach der Christbescherung“ (England), „Processierende Bauern in der Wartestube“ (Rechtsanwalt Lesky in Dresden), und auf der Dresdner akademischen Ausstellung des Jahres 1883 war der Künstler außer mit dem bereits genannten „Religionsunterricht in der Kirche“ durch den „Vetter vom Lande“ (Holzschnitt im Daheim) vertreten, ein Bild, auf welchem das Thema der unbequemen Verwandtschaft in recht drastischer Weise zur Darstellung kam. In den letzten Jahren reihten sich den genannten Bildern folgende an: 1885: „Beim Dorfschulzen“, ausgezeichnet auf der internationalen Ausstellung in Antwerpen (Holzschnitt in Über Land und Meer). In demselben Jahre: „Wo liegt Kamerun“ (Ein Schulmeister zeigt Bauern auf der Landkarte das neue Reichsland. (Holzschnitt in Schorers Familienblatt). 1886: „Gesangstunde“ (Holzschnitt in der Leipziger Illustrierten Zeitung. Erworben vom Museum in Hannover) und „Glückliches Heim“ (angekauft vom Kunstverein in Köln). 1887: „Der Witwe einziger Trost“ und „Musikalischer Versuch“. Die nicht weiter bezeichneten Bilder sind sämtlich in Privatbesitz. Das letzte Bild 1888 „Die Geschwister“ befindet sich auf der Ausstellung in Barmen.


  1. Entnommen dem Lebenslaufe Oehmichens in dem Werke: Kupferstiche nach Werken neuerer Meister in der Königl. Gemäldegalerie zu Dresden. Biographischer Text von W. Roßmann. 3. Lieferung. S. 11 bis 14 (darin auch der Steuerzahltag, gest. von R. Petzsch), sowie nach eigenen Mitteilungen des Künstlers. Vgl. ferner Lützow, Beiblatt 1874. S. 360. 578. 684. 1875. S. 443. 1877. S. 580 1878. S. 715. 1879. S. 175. 1880. S. 186. 684. 1884. S. 549. Desselben Zeitschrift 8, 120. 17, 345. Die Kunst für Alle 2, 48. 87. 371. Müller, biographisches Künstlerlexikon 1882. S. 399.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Satzzeichen ergänzt
  2. Satzzeichen ergänzt