Montpellier (Meyer’s Universum)

CCCCXXXXVI. Die Aussicht vom Lilienstein in der sächsischen Schweiz Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zehnter Band (1843) von Joseph Meyer
CCCCXXXXVII. Montpellier
CCCCXXXXVIII. Rotterdam
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[Ξ]

MONTPELLIER

[71]
CCCCXXXXVII. Montpellier.




Fast jedes Land hat sein Canaan, wo die Sonne wärmer scheint, und der Schöpfer des Segens Füllhorn freigebiger ausgeschüttet hat, als anderswo. Für Frankreich ist’s Languedok, jene zwischen den Pyrenäen und dem Rhonedelta ausgestreckte Landschaft, die wegen Milde des Klima’s und üppiger Fruchtbarkeit schon in der alten Welt berühmt war. Phönizier und Griechen verließen ihre alte Heimath, um sich da niederzulassen, und Römer [72] kehrten der Siebenhügelstadt und Hesperiens Gestaden den Rücken, um in Languedok’s Thälern sich Wohnsitze der Pracht und des Lebensgenusses zu erbauen. Zwar sind diese sammt ihrer Zeit längst vergangen; über ihren Schutt furcht die Pflugschaar, auf ihren Trümmern rankt die Rebe, schattet die Olive. Auch die Burgen und Schlösser der spätern Herren liegen zerbrochen auf den Höhen. Aber die Natur ist nicht kärger geworden, die Menschen sind nicht weniger froh, die Kultur des Bodens ist nicht geringer. Die ganze Landschaft ist ein Garten, und der heitere Geist der Troubadours ruht auf dem Volke, welches ihre Sprache redet.

Languedok ist ein Hügelland, wellenförmig ziehen die Höhen desselben in vielen Richtungen zwischen den Thälern fort. Jeder Landrücken ist mit Obstbäumen oder mit Reben bepflanzt, und jeder bietet von seiner Stirn Blicke in liebliche, blühende Gründe, mit zerstreut liegenden kleinen Hütten, durchströmt von silberhellen Bächen. Flecken und Landstädtchen betten sich in den breitern Thälern. Wo ein Hügel zum Berge wird, oder ein Fels aus dem Boden steigt, da krönt ihn die dunkle Ruine eines Schlosses, oder eine Kapelle schimmert mit weißem Gemäuer. Das Volk ist ein schöner, kräftiger Menschenschlag. Es verräth die Mischung mit spanischem Blute in seiner Farbe, in seinen Zügen, in seiner Kleidung. Man sieht noch häufig den weiten, runden Mantel auf den Schultern der Männer, die großen, vorn aufgeschlagenen Hüte und darunter das farbige Netz des Cataloniers. Auch die Sprache Languedok’s ist der seinigen so verwandt, daß sie dem Franzosen fast unverständlich wird. Mäßige Arbeit gibt in diesem gesegneten Lande den Menschen reichliche Mittel, ihre einfachen Bedürfnisse zu befriedigen, und das allgemeine Erdtheil, Heiterkeit des Geistes, läßt sie die Bürde leichter durch’s Leben tragen. Bei dem glücklichen Klima kennen sie Manches nicht, was den Nordländer drückt – die Sorge für Kleidung, Vorrath an Lebensmitteln und für Wärme während des Winters ist bei ihnen sehr gering. Sie haben deshalb weniger Aufforderung, sich um die Zukunft zu bekümmern; sie lachen mehr, singen mehr, ihre Festtage sind zahlreicher und bieten, leichten Kaufs, Genuß in Fülle.

Montpellier liegt inmitten dieser Landschaft auf einer mäßigen Anhöhe in einer sehr fruchtbaren und bebauten Ebene. Die Stadt ist ansehnlich, und schon von weitem treten aus der Häusermasse große, massive Gebäude und Thürme in Menge hervor, welche nebst dem, auf langer Bogenreihe weit hergeführten Aquädukt dem Orte eine imposante Fernsicht gewähren, welche die Erwartung spannt und groß macht. Doch rechtfertigt sich solche nicht; denn das Innere der Stadt ist winklich, die meisten Straßen sind eng und schmutzig, und der Geruchssinn wird in diesem Sitz der Parfümeurs, welche die feinsten Wohlgerüche in die Salons und Boudoirs der ganzen Erde spenden, um so empfindlicher beleidigt, je weniger die Vorstellung auf so Etwas vorbereitet ist. – Schöner, etwas reinlicher auch, als die Stadt selbst, sind die Vorstädte, welche bei der zunehmenden Bevölkerung ihre Häuserarme weit in den Gartenkranz strecken. – An Umfang mag Montpellier Leipzig nahe kommen. Die Gesammtzahl [73] der Häuser ist etwa 4000, in welchen 42,000 Menschen wohnen. Als Departementshauptstadt ist es der Sitz vieler Civil- und Militärbehörden, und da zugleich Handel und Industrie von ganz Nieder-Languedok hier ihren Mittelpunkt haben, so erscheint es äußerst belebt und volkreich.

Montpellier’s Luft steht seit langer Zeit in dem Ruf, den Faden des Lebens länger auszuspinnen, und Tausende und aber Tausende, die dem Grabe zueilen, werfen hier ihren letzten Hoffnungsanker aus. Aus allen Ländern Europa’s, besonders aus England, flüchten reiche Kranke hierher und suchen Schutz vor der Hand, der kein Sterblicher entrinnt. Dadurch tritt die Stadt in die Reihe der berühmtesten Kurorte, obschon sie keine heilende Quelle hat. Viele der Fremden, welche nach Montpellier kommen, verweilen daselbst mehre Jahre, und die Briten bilden eine eigene Invalidencolonie, welche sich immer wieder ergänzt, wenn auch der Tod sie lichtet, oder die Genesenen in die Heimath ziehen. Diese Menge von gebildeten Fremden, welche, ernsten Berufs ledig, darauf angewiesen sind, in der Geselligkeit Unterhaltung und Freuden zu suchen, macht die Gesellschaft gut und angenehm, und hat Einseitigkeit und Steifheit aus dem Umgang verbannt. Die schönsten Häuser in der Stadt und die anmuthigsten Villen der nächsten Umgebung sind zum Empfange der Fremden auf das bequemste eingerichtet, und ihre Besitzer beeifern sich, den gerngesehenen Gästen, welche Jahr aus Jahr ein goldene Aerndten bringen, den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Besonders sind es nervenleidende und hektische Personen, welche hier Genesung suchen. In neuerer Zeit kommen auch eine Menge vornehmer Frauen dorthin, zumal aus Rußland, um – ihre Niederkunft abzuwarten: eine freilich weit getriebene Vorsicht. Wegen des Zusammenflusses der vielen begüterten und vornehmen Kranken sind die Aeskulapsjünger zahlreich. Mehre der berühmtesten Aerzte Frankreichs haben in Montpellier Wohnsitze, und ein medizinischer Verein offenbart sein wissenschaftliches Streben durch die Herausgabe der Annales de Medicine, welche auch im Auslande in Ansehen stehen.

Der Ruf Montpelliers, als Heilort, ist demungeachtet weit größer, als sein Verdienst. Klima und Luft sind wirklich lange nicht so mild, als Aerzte und Mode es verkünden. Die Stadt liegt hoch, die Luft ist trocken, fein und scharf, und namentlich Brustkranken aus niedrigen Gegenden wird sie sehr lästig, und beschleunigt öfters Das, was sie fern halten soll. Eine Menge trauriger Erfahrungen bestätigen diese Thatsache in jedem Jahre, so daß es scheint, als consignirten die Aerzte des Auslandes viele ihrer Kranken hierher, nicht um sie genesen, sondern nur, um sie begraben zu lassen. Zeugniß geben die meisten Gärten und Anlagen um Montpellier durch die Denksteine der fern von der Heimath Verstorbenen; denn es ist Sitte, ihnen eine Ruhestätte da zu gönnen, wo sie die letzte Pflege fanden. Die für die Kranken zuträglichste Jahreszeit, und ohne Zweifel auch [74] die angenehmste des hiesigen Lebens, ist der Herbst, der bis tief im November, ja oft bis Weihnachten mit heiterer Milde waltet. Der Ueberfluß, die Mannichfaltigkeit und Vortrefflichkeit der Früchte, die er bringt, ist außerordentlich. Es ist nicht zu verwundern! denn das ganze Land ist ein Garten voll der herrlichsten Pflanzen. Alle Südfrüchte gedeihen im Freien, und aus den Feldern baut man, für den Bedarf der hiesigen Odeur- und Parfümerie-Fabriken, die köstlichsten, wohlriechendsten Blumen, wie im Norden den Flachs und die Rüben. Man sieht flurengroße Strecken mit Centifolien, Tuberosen, Heliothropen etc. etc. bepflanzt, deren Blüthen man wagenweise sammelt und zu den Essenzen verbraucht. Myrthen und Lorbeerbüsche, Cypressen, und die immergrüne Eiche wachsen an jedem Zaune, Olivenbäume beschatten die Wege.

Der große Verkehr des hiesigen Handelsstandes mit dem Auslande (es werden jährlich für mehr als zwölf Millionen Franken Wein, Pflaumen, Südfrüchte, Mandeln, Essenzen und Parfümerien in alle Weltgegenden versendet), das damit verknüpfte Reisen in ferne Länder und der tägliche Umgang mit so vielen gebildeten Fremden ruft eine Urbanität der Sitten hervor, die man nirgends in Frankreich in höherem Grade antrifft. Literatur ist hier, wo kenntnißreiche Menschen aller Nationen ohne ernste Beschäftigung leben, mehr als anderswo Bedürfniß. In den Lesekabinets, Klubbs und Kasino’s findet man die besten Journale Europa’s aufgelegt; 9 Buchhandlungen stehen in wöchentlichem, regelmäßigem Verkehre mit Paris und erhalten alle wichtigen und interessanten Erscheinungen auf dem Büchermarkte. Häufige Conzerte und ein Theater tragen zum höheren Lebensgenusse bei. Das Schauspielhaus ist schön eingerichtet und die Truppe immer eine der besten Frankreichs. Wohlfeilheit macht diese Vergnügungen allgemein zugänglich, so wie das Leben überhaupt in Montpellier wenig kostet; denn die Natur hat das Land selbst mit denjenigen Dingen, welche anderswo zu den Luxusartikeln gerechnet werden, in überschwenglicher Fülle dotirt. Die feurigsten und wohlschmeckendsten Weine, die auserlesensten Früchte sind so billig, daß sie Jedermann genießen kann; und Seefische, Austern, Wild, Geflügel etc. kommen zu niedrigen Preisen in Menge zu Markt.

In der wärmsten Jahreszeit flüchten die reichen Einwohner und Fremden aus der Stadt, und die gebildete Bevölkerung zerstreut sich in die freundlichen Landhäuser, welche auf den Höhen ein bis zwei Stunden im Umkreise zu sehen sind. Viele dieser Villen haben den Ausblick auf das nahe mittelländische Meer, und die erfrischende Seeluft macht sie zu einem angenehmen und gesunden Aufenthalt. Schon im April blüht hier die Orange, im Juni bindet die Schnitterin schon die Garben. Im September kehrt die reichere Gesellschaft zur Stadt zurück, und mit ihr das neue Leben in die geselligen Kreise.