Mozart’s Geburtshaus in Salzburg

D. Schloss Wallsee in Oesterreich Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Elfter Band (1844) von Joseph Meyer
DI. Mozart’s Geburtshaus in Salzburg
DII. Strassburg
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MOZARTS GEBURTSHAUS
in Salzburg

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DI. Mozart’s Geburtshaus in Salzburg.




Wie Meilenzeiger stellt man die Grabsteine großer Menschen in die Wüste der Weltgeschichte; es wäre vielleicht verständiger, ihre Wiegen an die Marken der Zeiträume zu setzen. Nicht der Tod, das junge Leben ist ja die Mitgift der Epochen, und nicht an klappernder Greisenhand führt der Allmächtige seine Menschheit. Auf weichen Kinderarmen schaukelt er sie von einer Zeit in die andere.

Es gehört zu den Vorzügen unserer Zeit, dies zu erkennen, und sie ehrt und schmückt daher nicht blos die Gräber ihrer Lieblinge: sie sucht auch ihre Geburtsstätten auf und ziert sie mit Kränzen. Ich lobe diesen Sinn, der die Heiterkeit mit der Ehrfurcht paart und nicht blos bei der Bahre weinen, sondern auch bei der Wiege jauchzen will. An ihren Gräbern schleichen den Geschiedenen die Mißtöne des Lebens nach; an den Stätten aber, wo der erste Keim gesproßt, der die Blüthen und Früchte eines unsterblichen Lebens trug, da kräftigt jeder Gedanke und wird zur Freudenlabung für den betrachtenden Geist. Es ist zu vergleichen wie Aufgang mit Untergang der Sonne. Jener erfrischt und erfreut; das schönste Lebewohl des Gestirns stimmt hingegen zur Wehmuth.

In dem stattlichen Salzburg, welches so traulich im Schooße der Alpen liegt, in dem weißen, großen Hause dort, wohnte einst der Conzertmeister Mozart, der Vater, und hier erblickte der große Wolfgang am 17. Juni 1756 [105] das Licht der Welt, die er erfreuen sollte. Schon in dem Kinde drängte und klopfte ein Geist, der dichterisch blühen wollte. Die Musik schien seine ganze Seele anzufüllen; die Musik wurde zur Sprache seiner frühesten Gefühle. Mozart komponirte schon im fünften Jahre, machte im siebenten Jahre mit seinem Vater die erste Kunstreise durch Europa und erregte durch seine Produktionen allgemeine Bewunderung. Es waren keine Blüthen, die, wie bei den meisten Wunderkindern unserer Tage, nur treiben, um abzufallen ohne Frucht anzusetzen: es waren die frühkräftigen Triebe des wahren Genius, der nicht lange auf die besten Früchte warten ließ. In seinem zwölften Jahre sehen wir Wolfgang auf einer Kunstreise nach Rom; im dreizehnten erhielt er das erste Ordensband, und als er bei verschlossenen Thüren in einer halben Stunde eine vierstimmige Simphonie gesetzt hatte, ernannte ihn der Papst zum Kapellmeister. Eine weitere Reise Mozarts in Italien glich einem Triumphzug. Ueberall kam man ihm mit Ehrenbezeugungen entgegen, Akademien und Vereine überreichten ihm ihre Diplome, oder wählten ihn zu ihrem Ehrenmitgliede. Man nannte ihn den Raphael der Tonkünstler, und durch seine Compositionen, die rasch nach einander erschienen, füllte er, der kaum zum Jüngling gereift war, die Welt mit seinem Ruhme an.

Heros der Kunst, blieb er doch ein Kind in allen andern Beziehungen des Lebens. Außerhalb der Musik hatte Mozart für nichts rechten Sinn. Er folgte blindlings dem Zufall, ohne Zaum und Ziel. Keine Erdensorge haftete an ihm, keine Berechnung störte seinen schaffenden Geist. Häusliche Ordnung war ihm ein Grauen, das Geld warf er weg mit beiden Händen, sobald er es erworben, Ruhm und Ehre schienen ihm eine Bürde zu seyn, keine Zierde des Lebens. Den Tag über spielte er Billard, oder er pflog in seinem Lehnsessel einer träumerischen Ruhe; ganze Nächte aber brachte er phantasierend an seinem Klaviere zu, wo er bald die schauerlichsten, bald die lieblichsten Vorstellungen seiner Seele mit Tönen ausdrückte. Am schöpfungsreichsten war die Stunde von 6 bis 7 Uhr Morgens. In dieser hat er die meisten seiner unsterblichen Werke componirt, was er gewöhnlich im Bette that. – Das Aeußere Mozart’s war unbedeutend. Sah man, ohne ihn zu kennen, den kleinen, blassen, hagern Mann, der so gar nichts Ungewöhnliches in seinen Zügen trug, und der sich durch nichts bemerklich machte, als durch ein schüchternes, zerstreutes Wesen, in Gesellschaft, so hatte man keine Ahnung von dem Genius, der sich unter so anspruchsloser Hülle verbarg. Erst wenn er den Stuhl zum Klavier rückte, offenbarte sich ein höheres Daseyn. Die Züge belebten sich, heiliges Feuer blitzte aus seinen blauen Augen, sichtbar spannte sich jeder Nerv, sein Ausdruck, seine ganze Haltung verriethen die höchste geistige Spannung. Mit dem Moment, wo er die Tasten berührte, gehörte er der Tonwelt an und dies so ganz und allein, daß selbst sein Körper während des Spiels für schmerzhafte und krankhafte Eindrücke unempfindlich war. Kein Wunder, daß sich Mozart’s Hülle bei einer so abnormen Lebensweise bald abstreifen mußte. Schon im dreißigsten Jahre klagte er über [106] Abnahme der Körperkräfte und schnelles Hinwelken. – Eines Tages kam ein Unbekannter zu ihm und trug ihm die Komposition eines Requiems zur Todtenfeier seiner Gemahlin auf. Mozart sagt zu, verlangt 200 Dukaten dafür und der Fremde zahlt sie ihm hin, um einer recht zeitigen Fertigung gewiß zu seyn. Aber dem Vergessenen entfällt seine Verbindlichkeit; die Zeit war schon abgelaufen, als ein Bote mit einem Mahnungsbrief des Bestellers erscheint. Mozart, sich entschuldigend, geht nun an die Arbeit und gibt sich ihr mit solchem Feuer hin, daß er alles andere darüber vergißt und seinem schwachen Körper anderthalb Tage lang sogar jede Nahrung, jede Erholung versagt. Seine Frau entreißt ihm zuletzt mit Gewalt die Partitur – zu spät! Mozart sinkt zusammen, wird krank und stirbt. – So feierte er in seinem letzten Werke gleichsam seine eigene Verklärung.

Mozart ist kaum fünfunddreißig Jahre alt geworden. Wer Ewiges geschaffen, stirbt nie zu früh. Hätte er auch nichts geschrieben, als seinen Don Juan, „ein Werk,“ - um mit Weber’s Worten zu reden, – „in dem Alles erschöpft ist, was die Seele des Menschen in ihrer tiefsten Tiefe ahnend empfindet; ein Werk, das selbst in seiner sittlichen Richtung zu einem jüngsten Gerichte für alle Verruchtheit wird und zu dem Gewissen in Tönen redet, die zugleich schrecken und zermalmen;“ – immer würde man ihn zu den Größten der Zeiten und Völker zählen. Was in seiner Seele geblüht: durch seine hinterlassenen Werke blüht es in Millionen Herzen fort, und der Keim, der gesproßt hat in jenem Hause Salzburgs: er wächst, nachdem er lange schon seine Samenhülle abgeworfen, zur tausendjährigen Eiche auf, die, festwurzelnd auf dem Boden des deutschen Gemüths, immer weiter schattet, immer herrlicher sich entfaltet, immer besser erkannt und auch immer mehr geschätzt wird und hochgehalten.

Wer nichts gewirkt hat, stirbt auch nicht; er hat nie gelebt. Wer aber Gutes und Großes gethan auf Erden, für den ist das Sterben nur ein Scheintod, und jede Morgensonne, die auf sein Grab scheint, feiert einen Tag seiner Auferstehung.