Strassburg
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STRASSBURG
Wenn wirst du aufhören, ein Stachel zu seyn in meinem Herzen? Wenn wird der Tag kommen, wo das Vaterland dir zuruft: Willkommen, nach langer Trennung, ehrwürdiges, altes Straßburg! Wenn ich den Tag denke, den Tag, wo aus allen deinen Fenstern schwarz-roth-goldne Wimpel flattern, alle Glocken läuten von deinen Thürmen und deutscher Jubel wie Sturmesbrausen durch deine Straßen zieht: – dann geht mir die Brust weit auf und ich wünsche der Zeit die Schwingen des Blitzes, auf daß der Tag an die Gegenwart rücke und ich seine Herrlichkeit preisen könne mit beredtem Munde.
Eitler Wunsch. Die Gegenwart spottet meiner Gefühle, der gallische Hahn kräht von dem Münster und die Tricolore weht von den Wällen. Die Pfalz, jener alte, feste Harnisch, welcher das Vaterland umgürtete; Straßburg, die Mauerkrone Deutschlands mit dem regen Leben drinnen; – beide sind noch in des Räubers Händen, der vor Jahrhunderten des Reichs Pforten aufgebrochen und mit Brandfackel und Schwert in demselben gewüthet. Das Thor von Deutschland haben die Fremden inne und das Reich ist zum offenen Dorf geworden, gehütet von schlechten Zöllnern. Das Lied vom deutschen Strom ist eine schändliche Lüge; die aber, welche den Kaisermantel, der Alle umfing, zerrissen und sich gekleidet haben in seine Fetzen – die achten den schmählichsten Diebstahl, der je an einem großen Volke begangen wurde, wie ein rechtmäßig erworbenes Besitzthum, und sie erröthen nicht, wenn im deutschen Heiligthum das Tedeum schallt bei’m Namenstage des fremden Gebieters, und dessen Vögte am Rhein über eine Million Deutsche herrschen. –
Man wird mir sagen: die Pfalz hat Theil an Frankreichs Freiheit; der Pfälzer ist besser dran, als das Volk, dem er anstammt. Wunderliches Gerede! Ich kenne diese Freiheit: eine Freigelassene ist sie, die noch die Narben ihrer Ketten fühlt. In der Freiheit eines Volkes, das einem Fremden gehorsamt, ist ein Widerspruch, den keine Magna Charta austilgt. Das Wesen einer solchen Freiheit, die aus dem Joch fremder Unterdrückung herausgewachsen, das läuft auf einen wohlgezogenen Despotismus hinaus, und betrachtet man es recht, so ist es nichts, als ein Zerren zwischen Eigenwillen und Licenz, ein wechselseitiges Fürchten und Fürchtenmachen, eine gährende Bewegung ohne Resultat, einerseits das arglistige Streben, das Deutschthum vollständig zu entfernen und die Assimilation zu beschleunigen, anderseits ein zähes, zaghaftes Verhüllen und Vertuschen entgegengesetzter Absichten [108] und Wünsche, ein Bemänteln und Belügen, kurz ein Hadern zwischen beiden Nationalitäten ohne Kraft und ohne Würde.
Wohl weiß ich, daß wir an diesem Zustande selbst gar viel verschuldet. Wohl weiß ich, daß, wie selbst Berge, welche die Natur auf den Vesten der Erde aufgerichtet, stürzen und sich in Trümmer auflösen müssen, wenn das innere Leben abgestorben ist, so auch in des Reiches weitem Hause schon gar lange ein sieches Leben wohnte, sonst es wohl nicht hätte geschehen können, daß ein Fremder von der besten Kammer Besitz genommen. Aber jetzt, nachdem wir auf der Zerstörung einer blühenden Vergangenheit den Aufbau eines neuen Volksthums fest begründet, nachdem wir unsere Phönixperiode durchlaufen haben und zur Wiedergeburt unsers Irdischen gelangt sind: sollen wir da nicht alle Elemente deutschen Volksthums wieder zu vereinigen trachten? – Schreit nicht die Pyramide von Straßburgs Münster die Antwort in den Himmel hinein? oder ist es eine Fabel, daß deutsches Volk sie aufgebaut, ein Zeichen deutscher Kraft und Einigkeit? Keine Stadt in Deutschland, die nicht Geld und Gut dazu gesteuert, die nicht Handwerksleute gesendet; kein Dorf, das nicht sein Scherflein gespendet! Nein, es ist keine Fabel, und diese Steine sind keine todten Massen. Sie reden mit feurigen Zungen von der großen deutschen Nation, die, einig und gläubig, ihren Willen an eine Idee gesetzt. Und auf diesem Denkmal, das mein Volk, stark und einig, in vielen Jahrhunderten erbaut, soll der Hahn der Gallier fortkrähen? –
Geflügelt sind die Geister der Nationen. Frei hat sie Gott gegeben. Auf ihre Gefahr können sie Jegliches versuchen. Der Tag wird kommen, wo der starke deutsche Adler kampfmuthig die Schwingen schlägt, zurückzufordern, was man ihm geraubt und was unsere Fürsten dem Räuber ließen. Wer dürfte den Versuch Frevel nennen, zurückzuerlangen ein Eigenthum, das man uns stahl? wer uns hindern, Gebrauch zu machen von unserm unveräußerlichen Recht? Freilich wird es Zeit bedürfen. Ungahr und unklar ist noch das junge Selbstbewußtseyn in den Massen, das Morsche, Abgestorbene ist noch nicht überall abgestoßen und das neue Leben hat sich noch aus dem Todeskampfe des Alten fest zu gestalten. Es ist noch ein Zischen und Streiten, ein Bilden und Zerstören da und dort; Chaotisches könnte man es nennen, wenn nicht der Zug und Trieb der innern Kräfte, die unsern Gestaltungsdrang beleben, ein festes Ziel verriethen. Aber wenn erst deutsches Volk in seinem Gebilde das rechte Maaß getroffen hat, dann wird auch der Trieb, alles Deutsche zu Deutschland wie der zu einigen, allwärts bis an die Grenze verfolgt werden, wo der letzte deutsche Laut vernommen wird, und Meister Erwins deutsches Gotteshaus wird wieder ein Gotteshaus in Deutschland werden.
[109] Auf eisernem Pfade denke ich mich vom Dämon Dampf im Fluge durch die Gauen des schönen Badener Landes geführt. Auf dem Stationshofe bei Kehl verlasse ich den bequemen Sitz und, meinen Reisesack an der Hand, wandere ich hinüber gen Straßburg. Kehl, einst eine starke Festung, die für das Reich, nach dem Verluste der Pfalz, ein Schild gegen Frankreich gewesen, hat jetzt das Ansehen eines offenen Dorfs. Von den Franzosen wohl ein dutzend Mal belagert, bombardirt, erobert, erstürmt und der Erde gleich gemacht, ist es zuletzt ein offenes Thor geblieben, durch welches die Straßburger Garnison jeden Tag, wenn sie Lust hat, uns einen Besuch in Karlsruhe oder Heidelberg abstatten kann. Bei’m Anblick dieser gänzlichen Schutzlosigkeit Deutschlands auf seinem wichtigsten und verletzbarsten Punkte erscheint mir der deutsche Bundesfestungsbau in Rastadt und Ulm wie eine Parodie. Zwar hat Germersheim einige Befestigungen: aber gegenüber den furchtbaren Linien Straßburgs – jenen Mauerkronen und Zinnen, auf welche das deutsche Volk einst mit Stolz hinblickte, jetzt aber nur gesenkten Auges hinschaut, wie ein Jeremias auf die Trümmer seines Tempels – gemahnen sie mir, wie ein Zwerg gegen Giganten.
Vor Straßburg theilt sich der Rhein in zwei Arme, welche ein Eiland umschließen, daß die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich bildet. Hier steht das Gebäude des französischen Mauthamts, berüchtigt und verhaßt wegen der Plackereien, die hier verübt werden, bei der ganzen Reisewelt. In geringer Entfernung von diesem Tempel der Zöllner und Sünder ragt Desaix’s Denkmal, von Trauerweiden umschattet und mit der Aufschrift: Desaix die Rheinarmeen. Welche Gegensätze der Vergangenheit und Gegenwart rufen die Paar Worte in die Erinnerung! – Von dem Eiland führen zwei Schiffbrücken hinüber nach der wohlverwahrten Pforte Frankreichs, der Straßburger Citadelle. Vaubans Befestigungs-Genie hat da Unglaubliches geleistet.
Jenseits der Citadelle entfaltet die Stadt selbst, mehr ernst, als heiter, ihre dunklen Häusermassen mit den zahlreichen Thürmen. Obschon fast zwei Jahrhunderte lang abgerissen von dem Boden, in welchem sein ganzes Geschichtleben wurzelt mit allen seinen äußern Zeichen, – den großartigen Denkmälern der alten Kunst und deutscher Herrlichkeit – hat es sein Gesicht doch noch nicht im Mindesten geändert: es ist das alte, deutsche Straßburg geblieben, wie es zu Erwins und Guttenbergs Zeiten gewesen, und auch die Physiognomie des Volks ist noch durchaus deutsch, so sehr auch die Fremdherrschaft bemüht gewesen, daran zu fälschen und zu ändern. Die frische, unverdorbene, germanische Kraft im Volkscharakter des Pfälzers und Elsassers hat immer ein Gegengewicht gegen alle Bestrebungen der Herrschaft zum Aufpfropfen eines fremden Volksthums in die Waagschale gelegt. Ihr innerer Kern blieb unverfälscht deutsch, und zwei Jahrhunderte der Reibung haben die scharf ausgeprägte Nationalität nicht verwischt. Das deutsche Element, weit entfernt, abgestorben zu seyn, treibt im Gegentheile mit jedem Jahre frische Blüthen, es reift wieder zum Selbstbewußtseyn und verjüngt seine Kraft. Das [110] Wesen der Zeit, was jetzt in Deutschland alle Geister erwärmt, das wird auch im Elsaß empfunden, und was uns diesseits ein Symbol geworden, wird auch jenseits verstanden. Man ahnet, daß, wie auch die Gegenwart sey, der Vergangenheit ihr Recht behalten werden müsse, und die Idee des Alterthums, welche die große Gemeinschaft der Deutschen als ein Reich ausprägt, verjüngt in die kommenden Zeiten treten müsse. Diese Ahnung, welche die Masse instinktartig bewegt, will, weil historisch, geehrt und geachtet seyn, und wird, wenn sie in eine selbstbewußte Anschauung übergegangen ist, nach dem gemeinen Gang der Dinge, einst das Aeußerste wagen, um jedes abgerissene Glied wieder zum organischen Ganzen zu fügen. Aber damit dies geschehen könne, müssen wir selbst erst ein frisches, grünendes, durch alle Triebe gekräftigtes Leben gewonnen haben, wir müssen zusammengewachsen seyn in einen Volksbund. Nicht zusammengehalten muß dieser seyn durch ein bloßes Pergamentband, sondern durch einen, der germanischen Volksnatur eigenthümlichen Organismus, dessen Theile sich wechselseitig kräftigen und beleben, erhalten und lieben, ernähren und begeistigen, und so jenes in sich geschlossene freithätige Ganze bilden, das mir als das erreichbare Ideal vom Staate vor Augen schwebt. – Hoffen wir, daß es dahin komme, helfen wir dazu, Jeder nach seinen Mitteln, daß es so werde; aber erwarten wir nicht von der nächsten Zukunft schon Erreichung dieses großen Ziels. –
Unter diesen Betrachtungen habe ich des französischen Straßburgs altdeutsche Straßen durchwandert – und ich stehe vor dem Münster. Welch ein Werk! – wie erhebt der Gedanke, daß es Menschen bauten! – Dieses Gotteshaus ist eine Messiade mit Lapidarschrift vom deutschen Volke in dreihundertjähriger Begeisterung geschrieben. Die tausend und aber tausend Bildwerke, Statuen und Ornamente daran ranken sich wie die tausend und aber tausend Aeste und Zweige, Früchte und Blätter eines Eichbaums zur Einheit empor, die das Ganze in sich beschlossen trägt. Nirgends hat hier das Einzelne Bestand in sich, es verliert sich willig an jenes Ganze, das alle Theile aus sich hervorgetrieben, so daß ein Jegliches in dem Andern sey und jeder Theil, der zum Organe des Allgemeinen wird, seine ganze Kraft erhalte. Im Münster sehe ich überall den großen Naturtypus der Germanen ausgeprägt und ich erkenne in ihm das innerste Prinzip des deutschen einen großen Volksstaats wieder.
Als Bauwerk reiht sich der Münster unter die größten und erhabensten des Mittelalters. Wie auch der Geschmack und die Mode in der Kunst gewechselt, jederzeit hat es die Bewunderung des Beschauers erregt, von welcher Nation sie auch waren und zu welchem Glauben sie sich bekennen mochten. Ja, keine Feder ist vermögend, den Eindruck stark genug zu beschreiben, den der Anblick dieses Tempels auf den Betrachter ausübt.
Hat man den Eindruck des Ganzen in sich aufgenommen und geht dann auf die Prüfung der einzelnen Theile des riesengroßen Gebäudes über, so weiß man nicht, welchen man den Vorzug geben soll: ob der stolzen, [111] mit der tiefsten Kenntniß vom Gleichgewicht der Massen entworfenen und mit größter, schmückender Sorgfalt aufgeführten Thurmpyramide, ob der Herrlichkeit der Construktion des Langhauses, des Kreuzesarms und Chors mit ihren so genial wie schön angeordneten Ornamenten, ob dem hohen Mittelschiff mit seinen Säulengallerien und großen, mit bemalten Scheiben gefüllten Fenstern, ob der wundervollen, mit bedeutungsvollen Skulpturen gezierten Kanzel, ob den mit reichdekorirten Gewölben und den Monumenten alter deutscher Kunst ausstaffirten Seitenkapellen, ob den drei, mit Bildsäulen und Schnitzwerk von Stein auf das reichste verzierten vorderen Portalen, ob den hohen und schlanken Bündelsäulen, welche die drei Kirchenschiffe trennen, ob der Vorhalle mit ihren Sculpturen, ob mehr der großartigen Anordnung des Aeußern oder des Innern, ob mehr der massenhaften, auf die Dauer von Jahrtausenden berechneten Construktion dieser Anlagen, oder der Kunst, welche sie alle geschmückt hat. Auch in dem nüchternsten, zu Skepsis am meisten geneigten Gemüthe kann kein Tadel aufkommen; kein Mensch verläßt den Wunderbau ohne den Gedanken: Gleiches siehst du auf Erden nicht wieder!
Das Material zu dem Münster ist ein blaß-rother Sandstein. Das Gebäude nimmt eine Gesammtlänge von 343 par. Fuß ein; das in drei Schiffen getheilte Langhaus ist 114 Fuß weit; die Länge des Kreuzarms mißt 173 Fuß. Sein Flächenraum, 48,052 Quadratfuß, verhält sich zu dem der Peterskirche wie 1 zu 4⅛. Zwei Reihen von Gewölben tragen die hohen Wände des Mittelschiffs und durch dieselben fällt das Licht ein mittelst 14 colossalen Spitzbogenfenstern, welche, wie die Fenster mehrer Seitenkapellen, durch wunderschöne Glasgemälde geschmückt werden. Außerdem beleuchten den Tempel das große Rundfenster über dem Hauptportale, 10 kleine Fenster und noch andere, welche über den zwei Seitenportalen an den Enden des Kreuzarms und im Chore angebracht sind. Unter dem Chore liegt die Gruftkirche oder Krypta, gewöhnlich die Kapelle des heil. Grabes genannt, und unter dieser ist die Schatzkammer zur Aufbewahrung des Kirchenschatzes angebracht. Letztere empfängt ihr Licht durch zwei Fenster, die sich an dem Kreuzarm öffnen.
Betrachten wir nun den Thurm. Die Fronte desselben wird durchbrochen von 3 großartigen, im deutschen Styl perspektivisch geordneten Pforten, die mit reichen Giebeln und vielen Skulpturen prangen. Alle Verhältnisse daran sind kolossal. Die Mittelpforte ist vorn 24 Fuß weit, ihre eigentliche Thüre hat 15 Fuß, die innere Oeffnung aber 27 Fuß Höhe. Die Seitenwände derselben sind mittelst Rundstäben in 5 große Hohlkehlen abgetheilt; nicht weniger als siebenzig größere und kleinere Statuen und Bildwerke schmücken die letztern, und vor dem Mittelpfeiler steht Maria mit dem Christuskinde, das mit der Weltkugel spielt. Der feine, dunkle Sandstein aller dieser Bilder ist so gefärbt, daß sie wie von Erz gegossen aussehen. Leider sind jetzt viele restaurirt, manche wohl auch neu: denn der Vandalismus des Kriegs und der Revolution hat gar Vieles zerstört gehabt. Die Pforten [112] selbst wurden 1343 mit Erztafeln belegt, deren Relief-Darstellungen die Bewunderung aller Zeiten waren: aber in der Revolution wurden sie – eingeschmolzen und zu Pfennigen vermünzt! Glücklicher waren die herrlichen Bildwerke von Stein über dem mittlern Eingange; sie sind wohl erhalten. Sie stellen das Abendmahl, die Gefangennehmung Jesu, die Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt vor. Auf ähnliche Weise, gar sinnig, sind die Nebenportale geschmückt – Ornamente der reichsten Art ranken und gipfeln an der Thurmfaçade empor, Nischen bildend und umschließend, in welchen Bildsäulen von Helden, Hohenpriestern und Schriftgelehrten des alten Bundes, von Aposteln und heiligen Männern und Frauen, oder der Fürsten und Gesetzgeber des deutschen Volkes stehen. Allbewundert waren die kolossalen Equestralstatuen der fränkischen Könige Clodowig und Dagobert und Kaiser Rudolfs, des Habsburgers. Auch sie wurden von den bilderstürmenden Gleichheitsmännern herabgestürzt, und ihre Erneuerung gibt kaum eine Ahnung von dem, was sie ursprünglich gewesen. – Zur Plattform des Thurms, auf welcher der Wächter wohnt, führt eine kunstvolle Wendeltreppe von 329 Stufen. Von dieser Gallerie erhebt sich der eine der beiden projektirten Thürme vollendet in die Wolken – eine Pyramide, welche als ein Achteck mit stufenförmigen Absätzen äußerst künstlich und mit den edelsten Ornamenten aufgeführt ist. Sie endigt in einer Krone, aus welcher ein kolossales Kreuz emporstrebt, auf dessen Spitze ehemals die Statue der himmlischen Jungfrau gestanden. Aber schon 1488 hob man die vom Blitz getroffene herab und eine Steinplatte kam an ihre Stelle.
Göthe läßt sich über diesen Wunderbau also vernehmen: „Dem Meister galt es, Widersprüche zu vereinen; das Kolossale hier leicht und zierlich erscheinen zu lassen und, obschon tausendfach durchbrochen, ihren himmelanstrebenden Mauern doch den Begriff von unerschütterlicher Festigkeit zu geben. Die Ausführung dieser Aufgabe war die schwerste; in ihr lag der Gipfel der Kunst: und der Meister hat sie auf das glücklichste gelöst. Die Oeffnungen der Mauer, die soliden Stellen derselben, die Pfeiler, jedes hat seinen besondern Charakter, der aus der eigenen Bestimmung hervortritt; daher Alles im passenden Sinn verziert ist, das Große wie das Kleine sich an der rechten Stelle befindet, leicht gefaßt werden kann und so das Angenehme im Ungeheuern sich darstellt. Ich erinnere nur an die perspektivisch in die Mauerdecke sich einsenkenden, bis in’s Unendliche an ihren Pfeilern und Spitzbögen verzierten Thüren, an das wunderherrliche Fenster und dessen, aus der runden Form entspringende Kunstrose, an das Profil ihrer Stäbe, so wie an die schlanken Rohrsäulen der perpendikularen Abtheilungen. Man vergegenwärtige sich die stufenweise zurücktretenden Pfeiler, von schlanken, gleichfalls in die Höhe strebenden, zum Schutz der Heiligenbilder baldachinartig bestimmten, leichtsäuligen Spitzgebäudchen begleitet, und wie zuletzt jede Rippe, jeder Knopf als Blumenknauf und Blattreihe, oder als irgend ein anderes im Steinsaum umgeformtes Naturgebilde erscheint.“
[113] Die Baugeschichte des Münsters steigt bis in die Frühzeit der ersten Ausbreitung des Christenthums in den Römerstädten am Rhein hinab. Da wo ein Marstempel in dem alten Argentoratum der Triboker gestanden, baute Chlodowig von 504–510 eine christliche Basilika. Das Langhaus derselben blieb bei dem neuen Hauptbau, welchen Pipin unternahm und Karl der Große fortsetzte und vollendete, stehen; und dieser Bau, byzantinischen Styls, mit seinen Gewölben aus leichten Tuffsteinen, hat sich bei allen Metamorphosen, welche spätere Veränderungen, Brand und Verheerung seit fast anderthalb Jahrtausenden brachten, bis auf den heutigen Tag erhalten. Nach der Erstürmung Straßburgs am 4. April 1002 durch Herrmann, Herzog von Elsaß, wobei der größte Theil der Stadt in Flammen aufging, ward auch der Dom, bis auf das unverwüstliche Langhaus Chlodowig’s, eine Ruine. Bischof Wernher restaurirte ihn prächtig; aber kaum war er vollendet, so zündete ein Wetterstrahl das Dachgebälke des Thurms, und der herrliche Tempel ging abermals in Flammen auf. Da lief die Sage durch die deutschen Lande, der Teufel selbst habe das Feuer gelegt, und damit die Freude des Höllenfürsten nicht dauere, so steuerten Alle, Reich und Arm, zum schleunigen Neubau des Gotteshauses. So reichlich floß der goldene Strom, den der fromme Sinn nach Straßburg leitete, daß Bischof Wernher den Bau noch viel großartiger und prächtiger, als den frühern, vornehmen konnte. Doch er starb lange vor der Vollendung, schon 1028. 30 Jahre später wurden die Seitenschiffe überwölbt und der Anbau der Kapellen beschäftigte die Bauleute noch bis in’s dreizehnte Jahrhundert. Um 1269 war der Münster ganz ausgebaut; von der Kunst geschmückt, von Innen und Außen stand er da, die große, sprechende That deutscher, einiger Frömmigkeit; aber noch fehlte dem Riesenwerk seine Krone; es hatte keine Thürme. Sie wurden der Gegenstand des dritten Hauptbaus – des schwierigsten – und er ist’s, der am längsten gedauert. Der größte deutsche Baumeister seiner Zeit, Erwin von Steinbach, entwarf auf Bischof Conrad von Lichtenberg’s Geheiß dazu den Plan. Die feierliche Grundlegung des ersten Steins geschah, nachdem der Rost vollendet war, am 25. Mai 1277.
Bischof Conrad schrieb dazu einen Ablaß aus – Jedem, der zu dem Thurmbau steuerte, sey es Geld, sey es Baumaterial, sey es Arbeit, sollten die Sünden vergeben seyn, die geschehenen wie die zukünftigen, auf 40,000 Jahre. Da wurde das Pergament theuer in Germanien, denn jede Sündenquittung war auf Eselshaut geschrieben. Geld kam ein zu Hunderttausenden, und das Feuer, welches der Ablaßkrämer angezündet hatte, flammte, nicht blos von der Frömmigkeit, sondern auch von stolzem, deutschem Volksgefühl genährt, noch lange fort. Jahr aus Jahr ein kamen Tausende von Arbeitern hergewandert aus allen Gauen Deutschlands, ihre Arme ohne Lohn zum Thurmbau anzubieten und aus den fernsten Marken, aus Oesterreich sogar, kamen Fuhrleute, die unentgeltlich Materialien zum Bau herführten. Reiche Legate wurden zum Bau gestiftet, Fürsten und Herren sendeten [114] Künstler, um auf ihre Kosten das große Werk zu schmücken, und viele Klöster bestimmten den vierten Theil ihrer Einkünfte auf lange Jahre hinaus zur Förderung des Werks. Ein heftiges Erdbeben, welches Ende des 13. Jahrh. das ganze Elsaß in Schrecken setzte, konnte nur die Festigkeit des Baus beweisen; es warf in Straßburg Straßen ein, aber am Münster trat kein Stein aus seinen Fugen. Auch eine furchtbare Feuersbrunst, welche bald darauf, 1289, den Stadttheil rund um den Tempel in Asche legte, konnte nur einen Theil der Bedachung und die Baugerüste des Thurms verzehren, was Erwin noch in demselben Sommer wieder herstellte.
Erwin, der große Meister, starb, nachdem er den Thurm bis zur Dachfirste des Langhauses geführt hatte, und an seine Stelle trat sein Sohn Johann. Dieser setzte den Riesenbau fort bis zur Plattform, und starb 1339. Ihm folgte Johann Hülz, und dessen Enkel, Hülz II., war der Vollender der Pyramide, 1439, in welchem Jahre er das kolossale Kreuz aufrichtete und auf dessen Spitze das Standbild der Maria stellte. Von der Grundsteinlegung an waren über anderthalb Jahrhunderte vergangen, und während dieser langen Periode, die fünf Generationen verschlungen, hatten die Werkleute kein Jahr geruht.
Blitz und Wetter haben seitdem, 4 Jahrhunderte lang, an dem Wunderbau genagt; aber sie zeigten nur ihre Ohnmacht. Mehr als sechzig Mal schlug der Blitz in den Münsterthurm, ohne ihn bedeutend zu beschädigen, und fünf Erdbeben haben an seinen Grundfesten umsonst gerüttelt. Was die Elemente nicht gekonnt, hat jedoch menschliche Narrheit gethan; sie hat verunstaltet, zerstört, verwüstet. Im 17ten Jahrhundert, als die Fluth der Geschmacksverwilderung zu allen Tempelpforten herein brach, da wurden Altäre und Kapellen aus Erwin’scher Zeit mit unschätzbaren Denkmälern der Kunst abgerissen und entfernt, um Platz zu gewinnen für die abscheulichen, sinnlosen Dekorationen jener widerlichen Periode, welche man als das Jahrhundert Ludwigs XIV. bezeichnete. Der Todtengräber dieser Periode, die französische Revolution, sie, der die sociale Welt des Guten und Großen so unendlich viel verdankt, sie sogar erschien nur als Zerstörungsengel im Dome von Straßburg: – denn, als ob die grandiose Herrlichkeit des Münsters in Widerspruch träte mit dem Prinzip der Gleichheit, man trug auf Abtragung der Thurmspitze des Tempels an und auf Entfernung seines letzten architektonischen und künstlerischen Schmucks. Dieser wahnsinnige Antrag fand Beifall. Bald erhoben sich Gerüste, um den Münster seiner Zierden zu entkleiden. Man zerschlug am großen Portal 15 der herrlichsten Bildsäulen, 70 in den perspektivischen Portalräumen angebrachte Bildwerke wurden ausgebrochen und zertrümmert, 80 Statuen aus ihren Nischen geworfen, die Engel von den Zinnen herabgestürzt, die vortrefflichen, kolossalen Bildsäulen der Apostel zerstört, von den bewunderten Equestralstatuen die drei schönsten mit Pulver zersprengt und unzählige Ornamente, Säulchen und Figuren ausgebrochen oder verstümmelt. Nicht weniger Kunstwerke gingen unter den Axtschlägen und Brechstangen der bilderstürmenden Gleichheitsmänner im Innern des Münsters zu Grunde. Als die Vernunft [115] wieder zu ihrem Rechte gekommen war, ist nun zwar von der französischen Regierung und der kirchlichen Behörde alles Mögliche geschehen, die schmachvolle Verstümmelung der kolossalsten That deutscher Baukunst durch geschickte Restauration zu verbergen; allein was die neue Kunst an die Stelle der zerstörten gebracht hat, kann das Verlorene so wenig ersetzen, als die Copie ein Raphael’sches Original. Aus diesen nachgebildeten Gestalten spricht nur zu häufig mehr der Dünkel ihrer Urheber als ihre Fähigkeit; die höhere Weihe gebricht ihnen, es fehlt ihnen der Funke der schaffenden Begeisterung.
Wir scheiden. Herb und zürnend blickt das Kreuz deines Münsters mich an – hindeutend auf das deutsche Kleinod, das der Friede in Räubershand gelassen. Mein Trost ist: Was der Zeiten Lauf unvermeidlich herbeiführt, wird doch geschehen, und was die Vergangenheit nicht zurückzufordern wagt, wird die Zukunft uns in die Hände geben. Auch das weiß ich: auf freiwillige Erstattung dessen, was Recht und Billigkeit verlangen, dürfen wir nicht hoffen. Aber die Zeit kommt gewiß, wo Deutschlands Anspruch, wohl weniger durch der Fürsten Mund, als durch des Volkes Schwert, Geltung und Erfüllung fordern wird, und das Ergebniß kann nicht zweifelhaft seyn. Wenn dann das deutsche Schwert zum zweiten Mal die Rheinbrücke schlägt und unser Recht im Rechte des Stärkern seine Kraft suchen wird – so wird das fiebernde Europa die Zeit beklagen, wo man Alles das hätte leicht haben können, was dann nur die schwersten Opfer erringen mögen. War nicht die Nothwendigkeit der Wiedererstattung des Elsasses schon 1813 an dem Gesichtskreis unserer Edelsten heraufgestiegen? Warum standen die Gewaltigen zagend, warum fehlte ihnen der frohe Muth, ihre Hand auszustrecken nach dem Geraubten? Wann der Tag gekommen, da die Elsaßfrage wie ein schwarzes Gewitter am Horizonte steht und die Zukunft bewegt und alle Geister aus der Tiefe des Volks heraufbeschwört: o dann, wie wird es sie gereuen!