RE:Κάρραι

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Stadt in Mesopotamien
Band X,2 (1919) S. 20092021
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Κάρραι, ai, lat. Carrae, Carrhae, Stadt in Mesopotamien. Neben diesen gewöhnlichsten Schreibungen finden sich noch andere: Κάραι Diod. XIX 91, 1 (vgl. jedoch den Art. Κάραι). Leo Sap. ordo patr. 893. Sozom. hist. eccl. VI 33, 3 (aber VI 1, 1 steht der Akk. Κάρρας). Zonar. XII 12. 18. Georg. Kedr. I 527, 3. Georg. Kypr. descr. orbis 893. Jo. Malalas 329, ( 4. Ps.-Clemens homil. VI 21 (wonach V 23 das überlieferte b Καρχοῖς verbessert werden muß); Καρίαις (Dat.) Georg. Synk. I 672, 12; Charrae Ambros, de fuga saec. 20. Seltener ist der Singular in verschiedenen Schreibungen: Charra Tab. Peut. (dagegen Geogr. Rav. 79, 17 Carris); Carrha lui. Honor. A 6, Carra Cassiod. hist. eccl. tripert. VI 48 (einige Zeilen weiter AbL [2010] Κάρραι ΖΟΧΟ}}

Pim. Carrù) and Hieran, de situ (Onomaet. sacra ed. de Lagarde 112, 1), Σαρρά Eiweb. Onom. sacra 301, 27.

Die hebr. Form ist Pärän mit virtuell verdoppeltem r, LXX Χαρράν, ebenso Apostelgesch. 7, 2ff. Jos. ant. I 152 (dagegen steht § 244 in den meisten Hss. ἴθρραν) und Euseb. a. a. Or λsub(Χαρράν ... νῦν ... Σαρρὰ λαλουμένη ἀόθζ)τ bei Byzantinern, die die biblische Geschichte be-10 handeln, auch Χάρραν z. B. Georg. Kedr. I 48, 17. Die Vulgata hat Raran, Hieron. a. a. O. erklärt Charran rivitas Mesopotamiae front Edesgam quae usque hodie Carra didtur; Anton.. Plac. itin. v. Gildemeister 47 Carran. Die assyrische Form ist ÿarran(u), die syrische gleich der hebräischen Härän, die arabische, noch jetzt übliche, Harrän. Das Gentilizium (Steph. Byi. n. Κάρραή lautet gewöhnlich Σαρρηνός, bei Jo. Malalas 329, 3 Σαρηνός geschrieben, auch Χαρ 20 ραῖος (so Cass. Dio XXXVII 5, 5), Χαρραῖοτ Philon de Abraham § 72, Χαρανιώτ[ης] Catalog. codd. astrol. Graec. I 84, 15, Χαρανίτης ebd. 40. F 13 v. IV 124, 1; lat. Carrenus Hist. aug. Carac. 7, 3; Gallien. 10, 3, Carrense» Cassiod. hist. eccl trip. VII 34. Die Münzlegenden bieten KAPPA. ΣΑΡ(Ρ)ΗΝΩΝ, COL. CAR. u. ä. (Hoad HK* 814).

Die Etymologie des Namens hat die Gelehrten vielfach beschäftigt. Mit Härän (so hebt, 30syr., arab.; LXX Ἄρραν, Vulg. Aron), dem früh-verstorbenen Bruder Abräms und Vater Ite (Gen. 11, 270.), kann die Stadt päritn schon wegeh des verschiedenen Anlaute (in Luthers Übersetzung ist der Unterschied verwischt: ilaran heißen bei ihm beide Namen) nichts zu tun haben, wenn auch diese Kombination schon dem biblischen Schriftsteller vorgeschwebt haben mag, und gelehrte Araber diese Ableitung als möglich oder richtig annahmen; vgl. Chwol-40 s o h n Die Ssabier I 412. 549. 553, St. Petersburg 1856. Von einem sonst unbekannten Flusse Σαρρά leitet Steph. Byz. 8. Σάρραι den Namen der Stadt ab, und den gleichen Fluß meint Asin. Quadratua bei Steph. Byz. b, Βοχχ(ν)ά, wenn er sagt, daß dieses Volk den Karrenern benachbart sei und zwischen dem Euphrat und dem Kyros-Flusse wohne. Hier handelt es sich um den Fluß Kyros in Armenien und um die Einwohner der Stadt Karen (s. Καρθνῖτις). Der Kuriosität halber 50 ist noch zu erwähnen, daß Georg: Kodrenos I 527 Σάραι von dem römischen Kaiser Carus gegründet (und benannt?) sein läßt; vgl. Jo, Malalas 302f.

Der Name der Stadt ist auch appellativisch gedeutet worden. Philon (de Abraham § 72) meinte}}, Χαρραν bedeute τρώγλη, dachte also an hebr. hörön ,Höhle⁴, ebenso Ambros, de fuga saec. 20 cavernas, während Hieronymus a. a. O. 4, 21 (vgl. auch 45, 12) die drei Deutungen foraiMiw 50 sive ira (hebr. harön) vel fodiens eog (hebr. koräm, etwas besser wäre fodümg eag, hebr. kôràn) zur Wahl stellt. Der Araber JäVut bietet in seinem großen geographischen Wörterbuch s. v. außer der vorhin besprochenen Kombination Harrän-Hiirän in erster Linie zwei Etymologien aus dem Arabischen; danach sei harrän entweder M"öZ-Form von harana »störrisch sein⁴, oder ftf/ön-Form von harra ,heiß sein, durstig [2011] ZU11

Κάπροι

sein¹. Vom rein sprachlichen Standpunkt aus Ist gegen beide Ableitungen nichts einzuwenden, und es gibt nicht nur ein arabisches Adjectiv harràn .durstig‘, sondern auch einen Männernamen Harran, der als ,Störrisch‘ gedeutet wird. Die Übereinstimmung ist aber rein zufällig und ein innerer Zusammenhang zwischen diesen Synonymen ausgeschlossen.

Das assyrische harranu hat die Grundbedeutung ,Straße‘. Wenn die Stadt garran zuerst von den Assyrern benannt worden ist, muß dies aueh die ursprüngliche Bedeutung ihres Namens sein. Solange es aber noch nicht als ausgemacht gelten kann, ob Harrans Gründung in assyrischer oder noch älterer Zeit erfolgt ist, bleibt auch die Ungewißheit über die Deutung des Namens bestehen.

Die Geschichte der Stadt Harran, die Anunian. Mare. XXIII 3, 1 mit Recht antiquum oppidum nennt, verliert sich im Dunkel der Vorzeit., Die Genesis (11, 31. 12, 4; eap. 24; cap. M) verlegt einen Teil der Erzvätersagen dorthin. und eine arabische Überlieferung bei Iäl;üt a. a. O. will sogar wiesen, daß Harrän die~erste nach der Sündflut erbaute. Stadt sei. Auf festen geschichtlichen Boden führen uns die Keil-inschriften. Die wahrscheinlich früheste Erwähnung der Stadt und ihres Hauptgottes Sin findet sich in zwei Verträgen in Mitanni-Sprache, wohl ans der Zeit des Königs Tusratta von Mitanni (um 1400) oder nicht viel später (s. einstweilen Winckler Mitt. d. Vorderasiat. Ges. XVIII nr.4 S. 81. 1913). Der Mondgott Sin von Harran wird hier als Schwurzeuge neben einer Reihe anderer Götter angerufen. In gleicher Eigenschaft findet er sich in einem assyrischen Vertrag, den König Aêur-nirari von Assyrien (754 – 747) mit dem nordsyrischen Fürsten Mati’ilu von Agusi abechloß (Peiser Mitt. d. Vorderasiat. Ges. III 230f. 1899). Schon lange vorher war die Gegend von Harran ein Ziel assyrischer Kriegszüge gewesen. Adad-nirari I. (um 1800) und sein Sohn Salmatiassar L rühmen sich, die Landschaft von ,der Festung Qurui bis zur Stadt KargamiS am Euphrat* (e. den Art. E u r o-pos Nr. 6) erobert zu haben. Tiglatpileeer I. (um 1100) hat in die Landschaft (Jana und an den Häbür-Fluß Kriegs- und Jagdzüge unternommen und rühmt sich, bei einer solchen Gelegenheit zehn Elefanten erlegt und vier lebendig gefangen zu haben (Budge and King Annals of the Assyrian kings I 85 Z. 70ff. 136 Z. 20). Salmanassar III. (860–824) erwähnt zwar in seinen bis jetzt bekannten zahlreichen Inschriften unser Harran nicht. Aber aus einer Inschrift des babylonischen Königs Nabu-na’id (556–539) geht hervor, daß er schon den Tempel des Mondgottes Sin, genannt Eljulljul (.Haus des Jubels‘), erbaut (wahrscheinlich nur erneuert) hat. Dieses Heiligtumes wegen war die Stadt im Altertum berühmt, in der christlichen und islamischen Zeit ebenso berüchtigt. Wahrscheinlich hat Sal-manassar bei Gelegenheit des Tempelbaus Harran die Rechte einer freien Reichsstadt verliehen oder bestätigt. Später gingen diese Vorrechte verloren; mit ihrer Abschaffung stand vielleicht eine statistische Erhebung im Zusammenhang, deren Ergebnisse auf Tontafeln geschrieben wur- [2012] χαρθαί}}

ζυί?

'den. Beträchtliche Fragmente davon besitzt daß Britische Museum;' sie sind veröffentlicht und bearbeitet von Johne (An Aesyrian Doomsday bock or Liber censualis of the district round garran. Lpz. 1901). Die .Umgegend von Qarran* und der Mondgott, Si* geschrieben, werden darin häufig erwähnt. Sargon II. von Assyrien (722–705) versichert wiederholt, daß er ,Öber die Stadt Harran seinen Schatten audbreitete*. Auch 10 erhob er eie, gleich der Hauptstadt Asur selbst.}}

wieder zur freien Stadt (Winckler M-insehriften Sargons II. S. 159 Z. M.). För die J. 685 und 649 ist Jarran als Residenz eines assyrischen Statthalters bezeugt (J o h e a. a. O. 8). Daß unter Sanherib (705–680) Qarran zum assyrischen Reiche gehörte, ergibt sich auch aus II. Kön. 19, 12 = Jee. 87, 12, Ein (leider nicht unversehrt erhaltener) assyrischer Brief (jetzt Harper Aesyr. and Bab. Lettres IX nr. 20 928), gerichtet ,an den König, den Herrn der}}

Könige* und von Winckler (Altor. Forsch. I 92) mit Recht auf Asurbauapli (König von 668– nach 642) bezogen, erwähnt zwei Orakel, die dieser und sein Vater (Asarhaddon 680–668) bei dem Mondgott von garran eingeholt hatten. Z. lOff. heißt es: ,Als der Vater des Königs* meines Herrn nach dem Lande Musur (Ägypten) 30g, .... und in der Umgegend von Harran den Tempel, der Zodernholz..... Sin saß auf dem 80 Stuhl, 2 Kronen auf dem Haupte .... [Der Gott]}}

Nusku stand vor ihm. Der Vater des Königs meines Herrn trat ein. [Eino Krone?] setzte er (ihm) auf das Haupt (und sprach) fönender-maßen: Du wirst hinziehen (und) die Länder damit erobern. [Er zo] hin (und) eroberte das Land Muur. Die übrigen Länder, [die dem] Gotte Aäur (und) dem Gotte Sin (noch) nicht unterworfen sind, wird der König, der Herr der Könige, erobern. [Auf Geh]eiß der Götter Sin, 40äamas, Adad, Bel und Nabu, Nin-Ib, [‌Nergal, Nu]sku, der làtar von Ninua, der IStar}} vod Arba'il .... Thron in Ewigkeit ....

Aäurbanapli hat, wie wir durch eine eigene Inschrift (Streck Vorderasiat. Bibliothek VII 150f.) und von Nabu-na’id erfahren, den Tempel Ejjulijul neu aufgebaut. In einer anderen Inschrift (Streek a. a. O. 250f.) teilt er mit, daß er zwei jüngere Brüder für den geistlichen Stand bestimmte}} (ugdaUib, vielleicht 50 ,weihto durch Tonsur*), und zwar den jüngsten, namens Aêur-etil-ilani-same-irçiti-nballitsn, ,zur Großbrudersehaft vor Sin, der in Harran wohnt*. Die lange Zeit von Asurbanapli bis auf Nabu-na’id wird durch eine babylonische Inschrift ansgefüllt, die Pognon (Inscriptions sénut. de la Syrie p. 1ff. PI. XII u. XIII; jetzt auch bei Langdon Vorderasiat. Bibl. IV 289ff.) 1906 in der Nähe von Jarrau gefunden hat. In diesem, leider nur unvollständig erhaltenen Text 60 spricht zunächst der Vater des Königs Nabu-na’id, ein eifriger Verehrer, vielleicht sogar Priester des Mondgottes, und erzählt, daß ihm Sin bis zum 6. Jahre Nabu-na’id’s (550) 104 ,günstige Jahre* zu leben vergönnt habe, und daß er sich noch guter Gesundheit erfreue. Darnach müßte der alte Herr im J. 654 geboren sein und alle Könige von Asurbanapli an bis zum Vorgänger seines Sohnes überlebt haben. Das Verzeichnis [2013] dieser Könige war in der Inschrift (Col. I.}} 22–26) enthalten, und zwar mit den entsprechenden Zahlen ihrer Regierungsjahre. Es ist auch in seiner verstümmelten Gestalt noch sehr lehrreich und lautet mit den bis jetzt möglichen Ergänzungen folgendermaßen}}:

? Jahre] des Asur-ban-apli

? Jahre des Asurj-etillu-ilani seines Sohnes 21 Jahre des Nabu-apluj-usur (626–605}})

43 Jahre des Nabu-kudurri-usur (605–562) 1( [2 Jahre des Amel-Marduk] (562–560) 4 Jahre des Nergal-sarru-usur (560–556}}).

Die Regierung des Labasi-Marduk, die nur wenige Wochen dauerte, ist übergangen, weil sie chronographisch ohne Belang ist; Nabu-na’id wurde noch im Sterbejahr Nergal-sarru-usur’e (556) König. Aber auch die beiden letzten Aaeyrer-Könige, Sin-sum-lieir und Sin-sarru-iskun, waren nicht genannt. Vielmehr springt die Inschrift von dem Assyrer Asnr-etillu-ilani gleich 20 auf den Gründer des neubabylonischen Reiches über, offenbar weil garran jetzt nach dem Süden gravitierte oder dem neugebildeten Reiche von Anfang an zufiel. Die Stelle wirft einiges Licht auf die Chronologie der letzten Zeiten der assyrischen Herrschaft; eie lehrt, daß Asur-etillu-ilani’ß Regierung mindestens teilweise, wahrscheinlich aber völlig vor Nabu-aplu-usur lag, und da er gemäß datierten Privaturkunden wenigstens vier Jahre geherrscht hat, so folgt, daß 30 er wahrscheinlich spätestens 630 König wurde, A‘urbanapU also spätestens in diesem Jahre gestorben war – ein neuer Beweis, daß dieser mit dem assyrischen Vasallenkönig in Babylon, Kan-dalanu (648–626), nicht identisch gewesen sein kann. Von den Stürmen, die den Untergang Assyriens herbeiführten, ist in den erhaltenen Teilen der Inschrift keine Bede. Sie berichtet weiterhin von dem Wiederaufbau des Tempels Ebuifeul durch Nabu-na’id und schließlich, mit 40 unvermitteltem Übergang der ersten Person in die dritte, den Tod und die feierliche Bestattung des Vaters Nabuna’id’s. Ergänzend treten die übrigen Inschriften Nabu-na’id’s ein. Wir erfahren (Langdon a. a. O. 285 Col. X 12ff.), daß die Umman-Manda (Manda-Leute, Meder) den Tempel Efculbul zerstört und 54 Jahre lang wüste liegen gelassen hatten. Auch der kostbare Halsschmuck des ,Bildes Sins¹ (bab.}} »alam Sin L a n g-d n a. a. O. 286 Col. X 35), den Asurbanapli 50 aus ,Stein des Königtums¹ hatte anfertigen und mit einer Inschrift beschreiben lassen, war dabei arg beschädigt wprden. In einer anderen In-schrift (Langdon a. *a. O. 219ff.) erzählt Nabu-na’id ausführlich, daß ihm am Anfang seiner Herrschaft (556) die Gütter Marduk und Sin im Traum erschienen und der erstere ihm befahl, Ehulbul aufzubauen. Der König wendet ehrerbietig ein: Jener Tempel, den du zu bauen befiehlst, Umman-Manda umschwärmen ihn, und 60 gewaltig sind ihre Streitkräfte⁴. Aber der Gott ist besser informiert: ,Die Umman-Manda, die du nanntest, sie selbst, ihr Land und die Könige, die an ihrer Seite wandelten, sind nicht (mehr). Im Beginn des dritten Jahres hieß man ihn auf-etehen und Kuras (Kyros), der König von Ansan, sein geringer Knecht, zersprengte mit seinen wenigen Truppen die zahlreichen Umman-Manda. [2014] AM«*A.

AUI*

Istumegu (Astyages), den König der Umman-Manda, nahm er gefangen und schleppte ihn gebunden in sein Land? Des Kollektivum umwm (Leute) ist im Babylonischen singularisch konstruiert. Das Subjekt ,man‘ (bab. ,eie hießen ihn aufstehen*) deutet auf die Götter selbst, das Objekt Jhn* auf Kyros; die Zeitbestimmung drittes Jahr wird sich auf die Regierung des Kyros beziehen, deren Anfang damit auf 558 I feθtgelegt wäre. Dem Wiederaufbau des Sin-Tempels in garran stand nun nichts mehr im Wege; er wurde auf das prächtigste aufgeführt. Da er 54 Jahre wüste gelegen hatte und im Anfangajahr Nabu-ua’id’a mit seinem Aufbau begonnen wurde, muß seine Zerstörung durch die Meder um 610 erfolgt gewesen sein.

Für mehr als zwei Jahrhunderte schweigen unsere Quellen über die Geschichte der Stadt. Noch unter Nabu-na’id fiel das babylonische »Reich. Seit 539 warfen Kyros und seine Nachfolger die Herren fast des ganzen Vorderasiens, bis Alexander d. Gr. das Achämenidenreich eroberte. Jarran wurde bei seinem Siegeezug wohl nicht direkt berührt Daß aber Makedonen sich dort angesiedelt hatten, ist schon für das J. 312 bezeugt, als Seleukos nach der Schlacht bei Gaza die makedonischen Einwohner Æs veranlaßte, mit ihm nach Babylon zu ziehen (Diod. XIX 91, 1). Noch zur Zeit Strabons (XVI 1, 23) gehörte K. zu den Orten, die von den Makedonen Mtyθwi genannt wurden. Der Seleukidenherr-schaft war durch Pompeins ein Ende bereitet worden.- Lange vorher hatte Mithradatae I. (ca. 174–137) Mesopotamien dem Partherreich einverleibt. Edessa, eine Tagereise von K. entfernt, wurde um 130 Hauptstadt einer kleinen Herrschaft, des Königsreichs Osroene. Ob K. zu diesem gehört hat, ist ungewiß; nur Georg. Synk. I 072 und Hierokles Synekd. 714, 4 rechnen es dazu. Unter Pompeius besetzte sein Legat L. Afranius im J, 65 Gordyene, geriet aber im folgender Winter bei seinem Zuge durch Mesopotamien infolge der Kälte und des Mangels an Nahrungsmitteln in arge Bedrängnis. Die Einwohner von K., Nachkommen der Makedonier, retteten damals ihn und sein Heer (Cass. Dio XXXVII 5, 5). Elf Jahre später erlitt der römische Consul M. Licinius Crassus bei seinem anfangs erfolgreichen Einfall in das Partherreieh in der Nähe von K. jene vernichtende Niederlage, die den Namen der Stadt bei den Römern für Jahrhunderte zu fataler Berühmtheit brachte (Plin. n. h. V 85 Car· rhas Crassi cladc nobile; Flor. I 11. 8 idem tune Faesulae quod Carrhae nuper; Ampelius 31, 3 Orodes, qui ... Crassitm cum legionibus apud Carras funesta clade delerit; Val. Max. I 11 M. Crassus inter gratisstmas Romani imperii iaeturas numerandus ... ducturus erat a Corris adversus Parthas exercitum; Ammian. Marc. XXIII 3, 1 Carras antiquum oppidum Crassorum et Romani exercitus aerumnis insigne; Luean. Phare. I 104ff. miserando tunere Crassus Assy-rias Latio maculavit sanguine Carras, Parthica Romanos soiverunt damna furores; Sidon. Apoll, carm. IX 251 Crassorum et madidas eruore Carrhas). Zur Katastrophe des M. Crassus und seines Sohnes Publius sind die Hauptquellen Plut. Crass. 19ff. und Case. Dio XL 17ff. Vgl. [2015] auch Flor. III 11, 8. Eutrop. VI 18.}} Oros. VI 12. Hieron. de eitu Onom. sacra ed. de Lagarde 112, 1. Sidon. Apoll, earm. II 455; IX 22 und die treffliche Abhandlung von Regling Klio VII 357ff. Als Crassus, von den Parthern geschlagen, sich mit dem Reste des Heeres nach X. gerettet hatte, vertraute er sich einem gewissen Andromachos an, der ihm und seinen Römern den Weg nach Armenien zeigen sollte. Dieser verriet den ganzen Fluchtplan den Par-thern und vollendete so den Untergang des Heeres; nur wenige entkamen, darunter der Legat C. Cassius, der rechtzeitig nach X. zurück-gekehrt war und sich dann nach Syrien rettete. Zum lohn für seine Verräter« erhielt Andro-machos von den Parthern die Tyrannis über X., wurde aber bald darauf von den Bürgern gestürzt und mit seiner Familie lebendig verbrannt (Nik. Damast, bei Athen. VI 61}}).

Wieder versagen unsere Quellen für zwei Jahrhunderte. Aber mit M. Aurelius beginnen die Münzen der Stadt X-, die als Colonia Aurelia bezeichnet wird, während ihre Bürger den Ehrentitel Philoromaioi erhielten, wahrscheinlich wegen ihrer Haltung in dem 165 beendeten Parthischen Krieg. Seit Antoninus Commodus erscheint das Epitheton Metropolis auf den Münzen von I., das auch Colonia Antoniniana genannt wurde. Vgl. Mionnet V 593K. Im April 217 fand der Kaiser Caracalla auf seinem Zuge gegen die Panher, als er mit wenigen Begleitern dem Mondtempel von X. einen Besuch abstatten wollte, zwischen Edessa und X. in einsamer Gegend den Tod durch Mörderhand (Case. Dio LXXVIII 5, 4. Hist. aug. Carac. 6, 6. 7, 1. Herodian ab exc. IV 13, 3. Oros. VII 18, 2. Chron. paeeh. 267 B. Georg. Synk. I 672. Zonar. XII 12). Sieben Jahre später brach die Partherherr-sehaft zusammen. In dem Verhältnis des Römer-reiehs zum Osten änderte sich nichts. Die Erben der Parther, die Sasaniden, traten den Römern ebenso feindlieh entgegen wie ihre Vorgänger. Im J. 238 gehörte X. zam Perserreiche, 242 eroberte es Gordian III. zurück (Georg. Synk. I 681. 683. Zonar. XII 18. Zosim. I 18, 3. Hist. aug. Gord. 26, 6. 27, 6). Mit diesem Kaiser bricht die Reihe der kanonischen Münzen ab. Sein Mörder und Nachfolger Philippus Arabs (244–249) gab Mesopotamien wieder preis. Nach dem unglücklichen Feldzug des Kaisers Valerian, der nn Winter 259/60 in persische Gefangenschaft geriet und dort starb, eroberte Odenatus, der Machthaber von Palmyra, Mesopotamien mit X. 264 aufs neue für die Römer (Hist. aug. Gallien. 10, 3. 12, 1). Im J. 296 war die Gegend zwischen Kallinikon und K. der Schauplatz einer Schlacht, in der Galeiiuß, der Mitkaiser Diocletians, dem Perserkönig Narees unterlag (Eutrop. IX 24. Oros. VII 25, 9. Theophan. ed. de Boor I 9, 4). Infolge des Sieges, den bald darauf die Römer über die Perser gewannen, blieb Mesopotamien ihnen erhalten. Als im J. 359 der persische König Sapor II. in das römische Mesopotamien einfiel, mußte X.}}, oppidum invalidis circumdatum mûris Ammian. Marc. XVIII 7, 3), von den Einwohnern geräumt werden. Bei der erfolglosen Belagerung der Stadt Bezabde am Tigris durch Constantius [2016] – CÇ""

II. (860) konnten sich die Römer eines Sturm* bock« bedienen, den die Parther einst zur Belagerung von Antiocheia gebraucht, dann aber in der Nähe von K. zurückgelassen hatten (Ammian. Marc. XX 11, 11). Sol erfahren wir von einem christlichen Bischof von X., namens Barses, der auf Befehl des Kaisers seinen Wohnsitz in Edessa nahm (Chron. Edess. v. Hallier Texte u. Unters. IX Heft 1, 98). Iulia-lOnus Apostata, der das Heidentum in jeder Weise begünstigte, gab auch auf seinem Feldzug gegen Persien (363), von dem er nicht wieder zurückkehrte, in K. Proben seiner Gesinnung. Fest steht, daß er den Mondtempel, sei es allein, sei es nur mit einem Zeugen, besucht hat. Diesem, seinem Verwandten Prokopios, soll er nach Ammian. Marc. XXIII 3, 2 vor den Altären seinen Purpurmantel übergeben haben mit dem Auftrag, die Herrschaft zu übernehmen, falls er 20 selbst gegen die Parther fallen würde. Was sonst noch bei jenem Besuch des Tempels vorgegangen sei, berichten nur die Christen Theo-doret (hist. eccl. III 26, 3), Cassiodorius (hist eccl. tripert. VI 48), Theophanes (ed. de Boor I 53), Nikeph. Kallistos (hist. eccl. X 34f.) und Georg. Kedrenos (I 527): Nach Iulians Tode sei· man in den von ihm besuchten Tempel in X. eingedrungen und habe dort eine weibliche Leiche, an den Haaren aufgehängt, mit ausge-30 breiteten Händen und angeschnittenem Unterleib gefunden; aus ihren Eingeweiden hätte der Kaiser sich den Verlauf seines Kriegszuges weissagen lassen. Ob dieser und andere Greuel, die dem ,Romantiker auf dem Throne der Cae-saren* von den Christen zur Last gelegt worden sind (vgl. C h w 1 s o h n a. a. O. I 429L), auf Tatsachen beruhen, ist jetzt nicht festzustellen. Dagegen spricht jedenfalls, daß außer Ammian auch Kirchenhistoriker wie Sokrates, der I. gar 40 nicht erwähnt, und Sozomenos (hist. eccl. VI 1, 1).

der von Iulians Besuch in X. nur meldet, daß er im Tempel des Zeus geopfert und gebetet habe, von solchen Greueln schweigen. Ammian war übrigens Teilnehmer an Iulians Feldzug, ebenso die Historiker Eutropius und Magno«, letzterer ein geborener Karrener (Jo. Malalas 328, 20ff.). Nach Zosimos III 34, 2 erregte der unglückliche Ausgang des Unternehmens die Einwohner von X. derartig, daß sie den Boten, der den Tod 50 Iulians verkündete, steinigten. Der neue Kaiser lovianus gab das Gebiet jenseits des Euphrate sofort wieder auf. Das Christentum hielt sich neben dem Heidentum in X. mit Mühe und unter inneren Streitigkeiten. Auf den frommen Bischof Vitus, der unter lovianus erscheint und noch 381 gelebt haben muß, folgte Protogenes, später der lasterhafte Daniel. Sein Nachfolger hieß Johannes, möglicherweise derselbe Johannes von K., der 518 von Kaiser Iustin. verbannt 60 wurde. Bis 546 saß Sergius auf dem bischöf

lichen Stuhl in X., um 617 Simeon, um 630 Constantin. Wiederholt klagen die Kirchenhistoriker über die dornenvolle Arbeit, die den frommen Oberhäuptern in der heidnischen Stadt erwuchs (z. B. Cassiod. hist. eccl. trip. VII 34: Porro mirabilis Protogenes colere iussus est urbem Carrensium desolatem et spinis gentilium undi que plenam, quae uHgu? pfurimis laboribus indi- [2017] ùUli

καρραί

gebot). Wird doch in den Akten des Konzils von Chalkedon (449) X. direkt Paganorum eivi-tas = Ἠλλήνων πόλις genannt (C h w 1 s o.h n a. a. O. I 488).

In dem Krieg, den der Sasanide Kobades (Kawäd) I. in den J. 502–506 gegen Anastasios I. führte, litt auch K., von dessen Einwohnern 502 mehrere Tausend in die Gefangenschaft wanderten (Josua Stylites 53). Als Chosroes I. (531–579) im J. 549 vor K. erschien, boten ihm die Einwohner große Summen Geldes an, die der König ablehnte mit der Begründung, daß sie doch der Mehrzahl nach nicht Christen, sondern dem alten Glauben zugetan seien (Procop. bell. civ. II 13, 7). Bei dem mißglückten Sturm auf Edessa im J. 544 steckten die Einwohner die persischen Belagerungsmaschinen in Brand; der Rauch wurde in K. gesehen (Procop. bell. civ. II 27, 15). Später setzte Iustin II. (565–578) die verfallenen Mauern und Vorwerke von X und Kallinikon wieder in festen Zustand (Procop. de aedif. II 7, 17). Im J. 609 eroberte der persische Feldherr Sahrwaräz mesopotamische und syrische Festungen, darunter auch X Zwar muß Kaiser Herakleios (610–641) auf seinem langjährigen erfolgreichen Feldzug, der ihn tief in das Perserreich hineinführte, auch X wiedergewonnen haben. Aber kurz vor seinem Tode geriet ganz Mesopotamien und Babylonien unter die Herrschaft des Islam, der sie noch heute besitzt.

Die archäologische Erforschung garran-.s ist noch nicht über die Anfänge hinausgekommen. Das heutige Harran, ein dürftiges arabisches Dorf, liegt etwa 40 km südsüdöstlich von Urfa (Edessa), kann also von hier aus in einem Tage bequem erreicht werden. Auf der Tab. Peut. ist die Entfernung Edessa-Charra auf XXVI Längeneinheiten bemessen. Dann folgt die Station fons Scabore (XXVII), von wo eine Straße im spitzen Winkel nach Tigubis abzweigt mit der Beischrift atigubbi. ad fontë. scoborem. XVI., während die direkte Straße von fons Scabore über drei Zwischenstationen und zusammen 118 Längeneinheiten nach Lacuf Bebe-raci führt. Die Ansetzung dieses Weges bei C. Fischer (Ptolem. ed. Mueller I 2, 1010) und Kiepert (FOA Bl. V) scheint mir noch keineswegs gesichert zu sein, aber für den Abstand Edessa-X paßt die Angabe der Tab. Peut., auf römische Meilen bezogen, ziemlich genau (26 mpm = 38,441 km). Ähnliches gilt von der Angabe des Itinerarium Ant. Aug. 192, das den Abstand von Carris nach Bathnas (jetzt Serüg) auf mpm XXX = 44,36 km bemißt, gegen die Wirklichkeit nur etwa 3 km zu kurz. Ptolemaios (V 17, 7) nennt X. unter den Städten des inneren Mesopotamiens; aber zu welcher der sechs Provinzen, in die er das Land teilt (V 17, 4), die Stadt K, gehören soll, ist nicht ersichtlich. Die Straße Edessa-X war einst mit Quadersteinen gepflastert; das Pflaster ist an einigen Stellen noch erhalten. Sachau (Reisen in Syrien u. Mesopotamien 217), dem diese Beobachtung verdankt wird, glaubt auch die Reste einer alten nach Serüg führenden Straße gesehen zu haben. Über das Alter dieser Pflasterung kann man jetzt nur Vermutungen haben:

pBuIy-Wieeowa-Kroll X [2018] Λαρραί 2U1Ö

wahrscheinlich stammt sie aus der römischen oder byzantinischen Kaiserzeit. Über die Ruinen von Harran selbst äußert sich C. Preusser (Nordmesopot. Baudenkmäler = Wiss. Veröff. der Deutschen Orient-Ges. XVII, Leipz. 1911 Text 8. 59): »Das Stadtgebiet wird von einer aus arabischer Zeit stammenden, fast 42 km langen Mauer aus Kalksteinquadern in Kalkmörtel umschlossen, die eine Menge von kleinen 10 rechteckigen, besonders im Siidwesten noch gut erkennbaren Quaderbastionen aufweist. Ihre Außenkante ist zum größten Teil verfallen und hat mit ihrem Schutt den um den Wall sich ziehenden Graben gefüllt. In jeder der vier Himmelsgegenden liegt ein Tor, und zwar ist das Westtor, Bäb Haleb, mit seinem aus großen Quadern bestehenden scheitrechten Bogen noch gut erhalten. Die Mitte des Stadtgebietes nimmt ein ausgedehnter Hügel ein, der sich über das 20 herumliegende Gelände erhebt und einen weiten Rundblick gewährt. Möglicherweise birgt sein Inneres Ruinen von Gebäuden vielleicht aus weit vorislamischer Zeit, von deren Vorhandensein allerdings an der Oberfläche keine Anzeichen zu entdecken sind. An größeren Gebäuden sind im Stadtgebiet noch drei erhalten: am Nordabhang des Hügels eine große Moschee, im Süden eine kleine Moschee und im Südosten als Teil der Stadtmauer eine stark befestigte Burg? Die 80 beiden Moscheen stammen sicher erst aus arabischer Zeit, obwohl sich unter den weithin verstreuten Trümmern der großen Moschee »viele an klassische Formen erinnernde Architekturstücke* finden. Die Ruine eines fast quadratischen Turmes an der nördlichen Hofmauer ragt noch 26,5 m hoch und ist von Urfa aus sichtbar. Auch die Burg machte auf Sachau (a. a. O. 218) den Eindruck, ,ein Bau des Muhammeda-nischen Mittelalters zu sein*. Vgl. die Abbil-40 düngen und den Stadtplan bei Preusser Taf. 72–77,

Es erhebt sich nun die Frage, ob das heutige Harrän genau an der Stelle des garran der assyrisch-babylonischen Zeit steht. Die Frage ist schon deshalb berechtigt, weil ein Dorf, namens Eski-Harrän (,Alt-Harrän‘), noch jetzt, etwa 1 Vs Stunden nördlich vom heutigen Harrän, vorhanden ist. Dazu kommt, daß die einzige Keilinschrift, die in der Gegend ans Licht ge-50 kommen ist, nicht im Stadtgebiet selbst, sondern 15–20 Minuten westlich von Eski-Harrän, zwischen diesem und dem Dorf Ehmöre gefunden worden ist. Sollte der schwere Stein dorthin verschleppt sein ? Nach dem oben besprochenen assyrischen Brief müßte man den Tempel, der (aus) Zedernholz (– teilweise – bestand ?), in der ,Umgegend von Harran*, also außerhalb des eigentlichen Stadtgebiets, suchen. Aus den Berichten über den Tod Caracallas ist ferner zu entnehmen, 60 daß der Mondtempel damals wenigstens außerhalb der Stadt und zwar an der Straße nach Edessa stand. Schließlich ist noch zu beachten, daß der arabische Geograph*laküt ein Dorf Sa-lamsln kennt, das 1 Farsah (Paraeange) von Harrän entfernt lag, und dessen Name bedeuten soll sanam al-kamar .Götzenbild des Mondes* (Chwolsohn a. a, O. II 551). In der Tat bedeutet bab. salam Sin »Bild des Sin*, und die 64 [2019] Verbindung kommt sogar in einer Inschrift Nabu· na’id's (s. o.) wörtlich vor. Die Verschiedenheit des Anlauts (arab. s, hab.-ass. etymologisch s) erklärt sich am einfachsten bei der Annahme, daß das Wort den Arabern nicht direkt, sondern durch nichtsemitische Vermittlung zugegangen ist; s, x und 3 wechseln aber auch schon innerhalb des Babylonisch-Assyrischen gelegentlich. Solange nicht Ausgrabungen an Ort und Stelle die Möglichkeit. bieten, diese Schwierigkeiten zu lösen, ist natürlich eine sichere Entscheidung nicht zu fallen. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aber läßt sich schon jetzt sagen, daß der Tempel Ehulhul sich innerhalb des heutigen Stadtgebietes befunden hat, vielleicht direkt an der Stelle der .großen Moschee*; ferner daß unter dem großen Trümmerhügel im Süden der .großen Moschee* außer anderen Gebäuden vielleicht auch ein Stufenturm (zikkurat) begraben liegt, der in den großen babylonischen und assyrischen Städten dem Tempel des Hauptgottes nie zu fehlen pflegt; daß endlich der Fundort der Pog-nonschen Keilinschrift die Stelle des Salamsin der Araber und des ,Festhauses¹ bezeichnet, in das der Stadtgott zur Zeit seines Hauptfestes umsiedelte, und das, wie wir von Babylon und Assur her wissen, außerhalb der eigentlichen Stadt gelegen war. Dieses Festhaus, assyrisch b-it akiti, wird in zwei assyrischen Briefen aus Harran (Winckler Altor. Forsch. II 305f. Behrens Lpz. Semit. Studien II 1, 21f.) erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit dem Feste des Sin, das am 17. Tage eines ungenannten Monats (etwa des Siwan, der dem Sin gehörte ?) mit einer Prozession des Gottes gefeiert wurde. Wahrscheinlich haben dort auch Asarhaddon und sein Sohn die erwähnten Orakel erhalten.

Außer Sin wurden in Harran noch andere Gottheiten verehrt. Nabu-na’id selbst nennt als Mitbewohner des Tempels Ehulhul Ningal, die Gemahlin des Sin, die weibliche Erscheinungsform des Mondes, ferner den Feuergott Nusku, der Sin als Bote zu dienen scheint, und seine Gemahlin Sadarnunna. Das Gemach, in dem Ningal wohnte, hieß Egipara (Jastrow Relig. Babyloniens II 547), das des Nusku Emelamanna (,Haus des Himmelsglanzes¹, Streck a. a. O.150f. Z. 66). Beide befanden sich natürlich innerhalb des Tempels Ehulhul. Andere Tempel außer diesem und dem zum Dienste des Mondgottes gehörigen Festhaus werden in den Keilinschriften nicht genannt, haben aber schwerlich gefehlt. Ein anderer Name des Gottes Sin ist Bel Harran ,Bel (oder Herr) von Harran¹, der öfter in assyrischer Zeit erwähnt wird (vgl. Tallqvist Assy-rian personal names 56f. 253, Helsingfors-Lpz. 1914), und den auch der nordsyrische König Bir-Rekab (Vokalisation unsicher) von Sam’al (um 730) in einer aramäischen Inschrift als seinen Herrn bezeichnet (vgl. Sachau S.-Ber. Akad. Berl. 1895, 120f., Jlitt« aus den orient. Sammi. Berlin XIV 347 und Taf. LX). Bel ist in Babylon der Beiname des dortigen Hauptgottes Mardnk, den die Griechen dem Zeus gleichstellten (s. o. Bd. III S. 261f.). So erklärt sich der auffallende Umstand, daß Iulian nach Sozom. hist. eccl. VI 1, 1 und Nikeph. Kall. eccl. hist. X 34 in K. im Tempel des Zeus ge- [2020] u*θ«·*

opfert und gebetet haben soll, während alle anderen griechischen und römischen Quellen, soweit sie die Gottheit von K. überhaupt mit Namen nennen, von Σελήνη, Luna oder Luniks sprechen. Die letzterwähnte Form bildet Hist. aug. Carac. 6, 6 und gibt dazu 7, 3 eine nahezu komisch an-mutende Begründung: Et quoniam dei Luni fe-eimus mentionem, sciendutn doctissimis qui-busque id memoriaθ· traditum atque ita nunc 10 quoque a Carrenis praecipue haberi, ut qui Lu-nam femineo nomine ac seθu putaverit nuncu-pandam, is addictus mulieribus semper inser-viat; qui Tero marem deum esse crediderit, is dominetur uxori neque Mas muliebres patiatur insidias.

Der alte Name des Mondgottes Sm ist den späteren Arabern und Syrern bekannt geblieben (Chwolsohn a. a. O. II 22. 156ff. u. a.), wie denn ein Mondtempel in Harran nach arabischen 20 Quellen bis 1033 n. Chr. vorhanden gewesen, ja nach einer anderen Nachricht gar erst beim Fin· fall der Tataren (1230) zerstört worden sein soll (Chwolsohn I 666ff). Die Schilderung der weiteren Entwicklung der harranischen Religion, die auch nach dem grundlegenden Werk von Chwolsohn noch eine Fülle von Problemen bietet und weiterer Untersuchungen dringend bedarf, liegt außerhalb unseres Zweckes; deshalb mögen hier nur noch einige kurze Andeutungen beigefügt 30 werden. Es ist sehr leicht möglich, daß der alte Mondkultus in Harran sich später zu einem Dienst aller 7 Wochentagplan ten erweiterte Aberfragen darf man, ob die Tempel dieser Gottheiten, deren Bauart im einzelnen beschrieben wird, und zu denen dann noch Tempel für philosophische Begriffe, wie ,erste Ursache¹, ,erste Vernunft⁴,,Weltordnung*, ,Notwendigkeit* und ,Seele* kommen (Chwolsohn II 367. 381ff.), auf dem engen Raum des Stadtgebietes überhaupt Platz hatten. Sollten 40 aber auch künftige Ausgrabungen in dem Trüm-merhügel von Harrän diese Frage einst zu bejahen nötigen, ist es denn möglich, daß die harranischen Heiden in den Planetentempeln jahraus jahrein die ihnen nachgesagten schauerlichen Menschenopfer dargebracht haben können, ohne von ihren muslimischen, christlichen und jüdischen Mitbürgern wenigstens einmal beim Menschenraub betroffen und dann mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden zu sein? Es ist wohl ohne 50 weiteres anzunehmen, daß die darauf bezüglichen Mitteilungen der Araber, insbesondere des Sams-ad-din ad-Dimiskl (bei Chwolsohn II 383ff.), einer perversen, astrologisch-alchemistisch orientierten Phantasie entstammen. Rätselhaft bleibt einstweilen auch die Orakeltechnik, die im Mondtempel von Harran in assyrischer Zeit zur Anwendung kam. Nach dem Wortlaut des assyrischen Textes (s. o.) müßte man annehmen, daß die Statue des Gottes von ihren beiden Kopf-60 bedeckungen die eine eigenhändig dem vor ihr stehenden König aufgesetzt hätte. Daß die Statue selbst gesprochen hat, sagt der Text zwar nicht ausdrücklich (die Übersetzung von A. Jeremias in Boschers Myth. Lex. IV 902 ist in diesem und mehreren anderen Punkten ungenau); da aber der Wortlaut des Orakels unmittelbar folgt, wird man es doch so verstehen müssen, daß Sin selbst, bezw. seine Statue die Worte vernehmlich ge- [2021] 2021

RE:Karrhotos

Karrhotos

sprechen habe. Der Verfertiger dieser Statue muß ein geschickter Mechaniker gewesen sein. Offenbar waren die Anne des Sitzbiidee beweglich, das Innere des Kopfes und Leibes hohl, so daß eine Bohre durchgelegt werden konnte, die die Stimme eines Priesters aus einem ftlr das pro-fanum vulgus unzugänglichen Gemach bis zum Munde der Statue leitete. Der Araber Mas'üdï (Chwolsohn II 369ff.) beschreibt in ähnlicher Weise die Götzenbilder vön Harran und verdient damit umsomehr Glauben, da er sich auf einen Gewährsmann aus Harrän selbst beruft. Es läßt sich verstehen, daß diese im Grunde höchst einfachen, dem naiven Volke aber unfaßbaren Kunst-grifEß zu allerlei abergläubischem Gerede Anlaß boten; insbesondere sagte man den Harraniern nach, daß sie sich von einem künstlich präparierten Menschenkopf weissagen ließen (Muh. an-Nadlm und DimiskT bei Chwolsohn H 14ff. 388f. u. ö., Dozy et de Goeje Actes du XI. Congrès intern, des Orient. II 296ff., Leide 1885). Wahrscheinlich handelte es sich auch dabei um eine ebenso harmlose Gaukelei, wie sie Cervantes seinen Don Quijote (II cap. 62) erleben ließ.

Literatur: A. Mez Gesch. der Stadt Harrän in Mesopotamien bis zum Einfall der Araber, In-aug.-Diss. Straßburg 1892. Nöldeke Ztschr. f. Ass.XI 107ff. Jensen ebd. 293ff. W. W. Graf Baudissin ZDMG LXVI 171ff. 1912.