Hippias. 1) H., der älteste Sohn des Peisistratos (vgl. den Art. Hipparchos Nr. 1 o. 1663) und Nachfolger seines Vaters in der Tyrannis zu Athen seit 528/7. Sein Alter läßt sich annähernd aus Her. I 61 bestimmen; bei der ersten Rückkehr des Peisistratos war er jung; bei der zweiten Rückkehr drang sein Rat durch. Für die Chronologie ist maßgebend Arist. Ἀθ. πολ. 17, 1. 19, 2. 6; pol. 1315b; vgl. Busolt Gr. Gesch.² II 313 Anm. Er blieb der gemäßigten Politik seines Vaters treu, hielt die Leibwache in Zucht, war jedermann leicht zugänglich, Thue. VI 54, 5. 6. 55, 3. 57, 2; Arist. Ἀθ. πολ. nennt ihn τῇ φύσει πολιτικὸς καὶ ἔμφρων. Immerhin wurde ihm und seinen Brüdern die Ermordung des Kimon zur Last gelegt, Her. VI 103, wogegen sie seinen Sohn Miltiades als Nachfolger des Stesagoras nach der Chersones entsandten, Her. VI 39. Wie sein Vater bemühte sich H. um den Kult; er beteiligte sich bei der Ordnung des Panathenäenzugs, Arist. Ἀθ. πολ. 18, 3. Thuc. VI 57; sein Sohn Peisistratos weihte als Archon Altäre, Thuc. VI 54; der Anfang der einen Inschrift erhalten CIA IV 1 p. 41 nr. 373E. Er verstand sich viel auf Orakel und legte eine Sammlung von Orakeln an, Her. V 93. Nach Idom. bei Athen. XII 532f = FHG II 491 sollen H. und Hipparch durch Einführung von Gelagen und Umzügen und des damit verbundenen Luxus an Pferden u. a. der Stadt lästig gefallen sein. Einzelne Regierungshandlungen erwähnt noch [Arist.] oec. 1347a; er ordnete an, daß bei jedem Todesfall und jeder Geburt der Göttin je eine Choinix Gerste und Wein, sowie ein Obolos dargebracht werde; er verkaufte (nach dem Attentat des Aristogeiton, um Geld zusammenzubringen?) die überhängenden Oberstöcke, die Treppen, Zäune und die sich nach außen öffnenden Türen; die Besitzer mußten das Ihre dann zurückkaufen; er erklärte die Münze für ungültig, bestimmte einen Schätzungswert und zog sie ein, gab aber nachher dieselbe Münze wieder aus; an Stelle der Liturgie erlaubte er die Bezahlung einer Geldsumme. Seine äußere Stellung wurde erschüttert durch das Vordringen der Perserherrschaft, den Sturz des Polykrates und Lygdamis. Im J. 514 fiel sein Bruder Hipparch der Verschwörung des Harmodios und Aristogeiton zum Opfer (vgl. Aristogeiton o. Bd. II S. 930f; Suppl.-Bd. S. 133. Harmodios Nr. 1 o. Bd. VII S. 2378). Das Regiment wurde jetzt tyrannisch; H. tötete und verbannte viele Bürger, Her. V 62. Thuc. VI 53, 3. 59. Arist. Ἀθ. πολ. 19, 1. Zugleich suchte er Beziehungen zum Perserkönig; er vermählte seine Tochter Archedike mit dem Sohne des Tyrannen von Lampsakos, weil diese Fürsten beim Perserkönig viel galten, Thuc. VI 59, 3. Nach Arist. Ἀθ. πολ. 19, 2 hat er auch Munychia befestigt, um gegebenen Falls nach dieser Hafenstadt überzusiedeln (ob auf diese Nachricht auch die Prophezeiung bei Plut. Sol. 12. Diog. Laert. I 114 zu beziehen ist, erscheint sehr zweifelhaft); gegen diese Angabe erhebt ein (nicht entscheidendes) Bedenken Niese Hist. Ztschr. XCVIII (1907) 284, 5. Die Verstimmung benützten die [1704] Alkmäoniden (s. o. Bd. I S. 1560), denen, wohl vor dem Attentat, ihr Versuch auf Leipsydrion mißlungen war (daß der Angriff auf Leipsydrion früher anzusetzen ist, wird durch die offenbar zusammenfassende Darstellung, Her. V 62. Arist. Ἀθ. πολ. 19 nicht ausgeschlossen; die Gründe dafür bei v. Wilamowitz Aristoteles u. Athen I 34f. De Sanctis Ἀτθίς 313f., dagegen allerdings Busolt a. a. O.² II 386, 3). Sie gewannen durch Vermittlung des delphischen Orakels, um das sie sich beim Wiederaufbau des Tempels verdient machten (vgl. Pomtow Rh. Mus. LII 105ff. Niese Herm. XLII 462f.) die Spartaner. Der erste Angriff der Spartaner wurde von H., dem die Thessaler 1000 Reiter zur Unterstützung gesandt hatten, zurückgeschlagen; ein zweites spartanisches Heer unter König Kleomenes siegte und zwang den H., mit den Seinen sich in die pelasgische Mauer (vgl. Judeich Topogr. von Athen 107ff.) zurückzuziehen. H. wollte seine Kinder heimlich fortschaffen, dabei gerieten diese in die Hand der Feinde, und dies veranlaßte H. dazu, zu kapitulieren (Frühsommer 510, über die Chronologie s. o.). Über ihn und sein Geschlecht wurde die Atimie verhängt, was eine Stele auf der Akropolis verkündete, Thuc. VI 50; vgl. Busolt a. a. O.² II 398. H. begab sich nach Sigeion, von da nach Lampsakos und zum König Dareios, Her. V 62–65. Arist. Ἀθ. πολ. 19. Thuc. VI 59. Marm. Par. 45 (Aristoph. Lys. 1153). Paus. III 4, 2. Die Spartaner, ihr Vorgehen bereuend, riefen ihn bald darauf, aus Anlaß der Intervention des Kleomenes, zurück (506), um ihn in Athen wieder einzusetzen; der Versuch scheiterte an dem Widerspruch der Korinthier. H. kehrte nach Sigeion zurück, indem er die Anerbietungen des Makedonerkönigs und der Thessaler ablehnte. Her. V 91–94. H. bemühte sich jetzt, die Perser für seine Sache zu gewinnen und hetzte den Artaphernes, den Statthalter in Sardes, gegen Athen auf; die Gesandtschaft der Athener, die gegen die Unterstützung der H. Vorstellungen erhob, erhielt den drohenden Bescheid, sie sollten den H. wiederaufnehmen; die Athener glaubten von da an, sich im Kriegszustand gegenüber Persien zu befinden, Her. V 96. Nach Her. VI 102ff. Thuc. VI 59, 4 hat sich H. noch an dem Zuge des Datis und Artaphernes beteiligt, eine Nachricht, die mit v. Wilamovitz a. a. O. I 112 für eine Fabel zu erklären kaum genügender Grund vorliegt. H. gab den Rat, in Marathon zu landen, und wies den gelandeten Persern ihre Stellung an, Her. VI 102. 108. Daß H. bei Marathon gefallen sei (Iustin. II 9, 21. Cic. ad Att. X 3 nach Ephoros), ist unglaubwürdig. Nach Suidas und Her. erblindete und starb H. bei der Heimkehr auf Lemnos. H. hatte von Myrrhine, der Tochter des Kallias (bei Kleidemos Athen. XIII 609C, FHG I 364 des Charmos), fünf Kinder, Thuc. VI 55, von denen Peisistratos und Archedike genannt werden (s. o.). Die Her. VII 6. VIII 52 erwähnten Peisistratiden sind vermutlich Nachkommen des H. Busolt Gr. Gesch.² II 374ff. 448f. 595. E. Meyer Gesch. d. Altert. II 776, 784f. 595ff. De Sanctis Ἀτθίς 307ff. v. Wilamowitz Arist. u. Ath. I 32ff. 108ff. Plathner Die Alleinherrsch. d. Peisistratiden, Progr. Dessau 1897. Kirchner Pros. Att. I 497f.