RE:Krates 6

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Aus Theben, Kyniker
Band XI,2 (1922) S. 16251631
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6) K. aus Theben, Sohn des Askondas, bekannter Kyniker. Zeugnisse über Leben und Schrift-stellerei sowie die Fragmente bei Diels Poet, philos. frg. 207fi.

1. Leben und Lehre. Das Vorbild des Diogenes zog ihn nach Athen, das der feste Punkt blieb, zu dem er auch später bei seinem Wanderleben wohl immer zurückkehrte (s. Ed. Schwartz Charakterköpfe II 20; über den Ort seiner Lehrtätigkeit Vermutungen bei Susemihl Gesch. d. gr. Lit. Alex. I 29, 79); er wurde Diogenes’ Schüler, Diog. VI 65 – nach Hippobotos bei Diog. a. a. 0. der des Achäers Bryson; Suidas vereinigt beides, was möglich; Susemihl I 29. Über das Verhältnis zu Stilpon vgl. Zeller II l⁴ 285, 1, der Diog. II 114 auf den IV 23 erwähnten Peripaté-tiker K. – trotz Sen. ep. 10, 1– bezieht; ἄκμη von 328–325; angeblich mit einem sich selbst ironisierenden Vers (frg. 9D.) auf den Lippen starb er hochbejahrt, -wurde in Boiotien begraben, also wohl in Theben (Diog. VI 98); s. u. S. 1630 zu frg. 1. Nach Antisthenes (FHG III 182. Diog. VI 87) soll eine Aufführung des Telephos ihn zum Kynismus begeistert haben. Sein beträchtliches Vermögen überließ er seinen Mitbürgern (ausschmückende Einzelheiten und Variationen: nach dem von Diog. 88 zitierten Demetrios Magnes hinterlegte er sein Vermögen bei einem Bankier mit der Bestimmung, für den Fall, daß seine Söhne nicht Philosophen würden, es diesen, sonst dem Volke auszuhändigen; Zellers II l⁴, 305, 4 ausgesprochener Zweifel gegen diese Nachricht mit der Begründung, daß K. damals noch keine Kinder gehabt habe, erscheint mir nicht stichhaltig; nach Philostr. vif. Apoll. I 13 versenkte er das Vermögen im Meer). Daß er diesen Verzicht als eine Freilassung aus der Sklaverei des Mammons auffaßte, bezeugt ein erhaltener Vers frg. 16 Diels, an den sich der Dank des Dichters an die Tyche, die Lehrerin des Guten, anschloß. Seine Frau war die menschlich bedeutende Hipparchia (über sie s. o. Bd. VIII S. 1662). Ihr Bruder Metrokies aus Maroneia in Thrakien, zuerst Schüler des Xenokrates und Theophrast, war auf echt kynische Weise von K. gewonnen worden: weil ihm während der Übungen ein, zwar die feierliche Stimmung der Akademie störendes, aber sehr [1626] jxtawa

UÄIV

menschliches Mißgeschick geschehen war – Suse-mihl a. a. O. 31 macht daraus ein chronisches ,Unterleibsübel· –, trug sich der junge Mann mit Selbstmordgedanken; K. ging nach reichlichem Bohnengenuß zu ihm und überzeugte ihn durch Reden und andere Argumente, daß sich derlei Naturalia sehr wohl mit philosophischer Weisheit vertragen (Diog. 94; vgl. auch II 117). Diese Anekdote, dazu das Verbrennen der Bücher ebd., 10 die Klage über den Aufwand, den die Philosophensehulen erfordern: früher kam Metrokies nie mit seinem nicht unerheblichen Wechsel aus (Teles p. 28, 5H. Stob. flor. 97, 31), der Spott gegen den vornehmen Adressaten des aristotelischen Pro-treptikos, der weniger für die Philosophie mitbringe als ein Schuster (Stob. flor. 95, 21. Teles p. 35, 4), illustrieren die Gegnerschaft der Kyniker gegen die übervornehmen Philosophenschulen. Metrokies schildert seiner Schwester das Bild des 20 neuen Meisters so lebhaft ·– so faßt Diog. 96 auch

Schwartz 21, Susemihl 31 läßt irrig K, den Metrokies erst durch die Hipparchia kennen lernen –, daß sie sich in ihn verliebt, ihre vornehmen Freier verschmäht und ihn um jeden Preis heiraten will. K. selbst, zur Beschwichtigung dieser Neigung herbeigerufen, ist nicht imstande, sie davon abzubringen, Diog. 96f., und so entschließt sich K. zu dem vom kynischen Standpunkte inkonsequenten Schritte der Heirat. Freilich werden 30 genug Züge berichtet, die diese Ehe zur κυνογαμία

– so nannte sie K. selbst, Suid. s. v. ·– stempeln: Hipparchia begleitete ihren Mann in kynischer Tracht in die Öffentlichkeit, Diog. 97, weiß hierbei anzügliche Bemerkungen des Theodoros Atheos am Hofe des Lysimachos mit kynischer Schlagfertigkeit zu parieren (98). Die sehr weitgehende Öffentlichkeit ihres ehelichen Lebens wird allerdings nur von Späteren bezeugt (Laetant. inst. III 15 Diog. 97. Ciem. Strom. IV 523. Sext. Pyrrh. 40 I 153. III 200. Theod. cur. gr. öS. VII 49. Apul.

flor. 14. Augustinus civ. dei XIV 20), ist aber nach dem Vorbild des Diogenes nicht so unglaublich, wie Z el I e r II l⁴ 327, 2 annimmt. ,Daß ein anständiges, ehrbares Mädchen guter Familie sich frei den Mann wählte, die engen Schranken, die der griechische Brauch ihr zog, durchbrach und ein Leben wagte, wie es nur bescholtene Dirnen führten, war etwas Ungeheures¹ (Ed. Schwartz 22); Darauf liegt jedenfalls auch bei dieser Anekdote 50 der Hauptnachdruck, nicht auf dem physischen

Detail, das bei Hetären sicher nichts so Unerhörtes war, wie die Vasenbilder beweisen. Mag man sich immerhin vor Augen halten, daß ,K.s Bild nicht in geschichtlicher Treue, sondern in der die Züge vergröbernden oder entstellenden Übermalung einer anekdotensüchtigen, teils bewundernden, teils verkleinernden Nachwelt erhalten ist¹ (E. Wellmann Erseh u. Gruber II 39 S. 288) so ist doch die Grenze zwischen dem Glaublichen und Un-60 glaublichen schwer und jedenfalls nicht nach unse

ren Moralbegriff en zu ziehen. Von Eratosthenes bei Diog. 88 wird in demselben Sinne bezeugt, daß K. seinen und der Hipparchia Sohn Pasikies, als er mannbar wurde, selbst in das Haus einer Hetäre führte mit dem Bemerken τούτον ἄντω πατρωον εἶναι τὸν γάμον und mit der üblichen Verspottung des Ehebrechers, der sich zwecklos Gefahren aussetzt. Deshalb steht trotzdem das Verhältnis des [1627] K. zur Hipparchia als eine wahre, auf eine große Idee begründete individuelle Liebe sehr viel höher als die meisten bürgerlichen Ehen – dies betont stark Ed. Schwartz 22 – nur mußte K. als konsequentem Kyniker daran gelegen sein, auch seine Ehe durch möglichst aufgeklärte Behandlung der ,ἀδιάφορα' mit der kynischen Theorie und Praxis in Einklang zu setzen und durch Verurteilung der Ehe als Institution schlechthin seine eigene als ein wirklich unabhängiges in der Freiheit des nur auf sich gestellten Individuums‘ gegründetes Verhältnis zu beweisen. Der Zauber der Persönlichkeit des K., der die vornehme Hipparchia zu jedem Zugeständnis an die kynischen Grundsätze ihres Gatten brachte, wirkte auch sonst stark; offenbar brachte er von Haus aus eine persönliche χάρις mit, die in viel höherem Grade als bei Diogenes die rauheren und roheren Züge des Kynismus veredelte. Er trat in die Häuser ungeladen; sein Beiname Türöffner θυρεπανοίκτης Plut. qu. conv. II 16 p. 632 E bezieht sich sicher nicht nur auf die einfache Bettelei (so Gerhard Phoinix v. Kolophon 180); denn Plutarch fügt gerade hier hinzu, daß er mit Achtung und Liebe aufgenommen wurde; er versöhnte Streitende, tadelte oi μετὰ πικρίας ἀλλὰ μετὰ χάριτος – verfügte er doch auch über den schlagfertigen Witz des Diogenes, vgl. die Apophthegmata Diels A 17ff. –, so daß man über die Türen den Spruch schrieb: Εἰσοδοὶ Κράτητι ἄγαθῳ δα'ιμονί (Iulian. or. 6 ί p. 201 B). Bezeichnend für seinen Charakter ist die Behandlung, die K. dem Demetrios von Phale-ron zuteil werden ließ; im Glück hatte er ihn verspottet (Athen. X 422 C), nach seiner Verbannung tröstete er ihn so freundlich, daß Demetrios seine frühere Tätigkeit verwünscht, die ihn gehindert hätte, diesen Mann kennen zu lernen (Plut. de adul. et amic. 28 p. 69 C). So ist es wohl begreiflich, was Plut. de tranq. an. 4 p. 266 E sagt, daß K. tatsächlich das Leben bei aller äußern Armut wie ein Fest in 4 heitrem Scherze verbrachte. Zwar finden sich in dem, was entweder als seine Lehre ausdrücklich berichtet wird oder als die Voraussetzung seiner Individualität erschien – Leben und Lehre war für den Kyniker mehr als für jeden andern Philosophen eins – alle die Züge wieder, die von Diogenes an als kynisch gelten, aber überall ist die kynische πικρία durch eine anziehende χάρις gemildert, die K. eigentümlich und deren Übung der Inbegriff seiner παιδεία ist. Nichts ist feststehend 5( (ἀδιάπτεοτον], sondern alle Dinge sind im Fließen und im Innern faul und wertlos (» ρομ καὶ ὀαπρὸν τινὰ κόκκοι εἶναι); diesen einzigen Zug einer allgemeineren theoretischen Einstellung hat Diog. 89 nnter allerlei Anekdotenkram zufällig erhalten. Doch er ist entscheidend: es kann also die παιδεία des Weisen, der Hipparchia die Zeit widmen will, die andere Frauen auf das Weben verwenden (Diog. 98), nicht die Erkenntnis der Dinge sein: das geistige und materielle Besitzen der Welt ist gleich 60 wertlos. So bleibt als einziges Objekt und Subjekt der φώοοοφία und παιδεία das ethisch wollende Subjekt, das sich selbst in der Ablösung von allen andern objektiven Werten und Gegenständen als den einzig ruhenden Mittelpunkt aller Wirklichkeit erfassen lernen muß, als die einzige Quelle der εὐδαιμονία. Mag immerhin selbst bei K. sich diese Weltabkehr in der negativen kulturfeindlichen und [1628] xuttWö 1020

außerdem grundsätzlich undurchführbaren – mindestens setzt der Kyniker stets voraus, daß die Mehrzahl der Menschen ihm die positive Seite der Kultur als eigne Lebensmöglichkeit darbietet – Paradoxie äußern, die scharfe Herausbildung einer der früheren Philosophie grundsätzlich nicht bewußten Subjektivität erfolgte jedenfalls zunächst auf diesem negativen Wege; vgl. Misch Gesch. der Autobiographie Ulf. 130, und Wendland 10 Hell.-rÖm. Kultur 21. Daraus erklärt sich die Berechtigung eines K., auch gegen die großen Philosophenschulen jene oben bezeichnete Stellung einzunehmen; alles theoretische Wissen mußte ihm als τῦφος erscheinen, oder aber es wurde lediglich als elenktisches Mittel, den τύφος zu zerstören, gebraucht: man muß so lange philosophieren, bis einem die Strategen Eseltreiber scheinen (Diog. 92) – übrigens ein merkwürdiger Anklang an Platon, der im Sophistes 227 B das Exemplifizieren mit 20 der Feldherrnkunst nicht für σεμνότερον, sondern

nur für χαννότερον als das mit der Läusejagd erklärte. [Das platonisch-pythagoreische Gleichnis σώμα - σήμα ist zur Zeit des K. bereits bekannter Gemeinplatz, mit dem man Witze machen kann, Diels A 23. Maxim. 27 p. 876 M.] Doch viel augenfälliger und nachdrücklicher konnte sich die Unabhängigkeit der Persönlichkeit, die Nichtachtung der Welt, durch die Tat. durch die Lebensführung unmittelbar bewähren. Die παιδεία des K. 10 ist nur durch χρόνος und ἐπιμέλεια zu erwerben – so sein Schüler Metroklee Diog. 95; auf das τὰ δίκαια ἀσκεῖν îrg. 12 kommt es an. So läßt die Parodie des Sardanapalspruches nachdrücklich nur das, was der Weise in Kopf und Herz trägt, als Besitztum gelten (Diog. 86 frg. 8 und IOD., vgl. Gerhard 1825.). Äußerste Bedürfnislosigkeit ist die Voraussetzung der Unabhängigkeit (frg. 7. Teles p. 9, 10 H.). Daher sein Hymnus an die ἐντέλεια, den Sprößling der Sophrosyne, 0 deren Kraft (ἀρετή) alle Gerechten verehren (frg.

12 D.; vgl. Gerhard 72 über die ἐντέλεια bei Xen. mem. I 3, 5; conv. 4, 42 und bei Diogenes, sowie über den Begriff überhaupt). Da die Sophrosyne die Mutter der ἐντέλεια ist, so ist der Kampf gegen die Lust und die Begierden die Voraussetzung dafür, zur Bedürfnislosigkeit zu gelangen, vgl. frg. 5; besonders der ἔρως muß, wenn er zu ernsteren Störungen des seelischen Gleichgewichts führt, durch Hunger, schlimmstenfalls durch die) Schlinge bekämpft werden (frg. 14). Die Askese ist als solche natürlich nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zu dem einen höchsten Zweck, den Weisen unabhängig zu machen von der Welt und der Gesellschaft; nicht Enthaltsamkeit, sondern möglichst wenig umständliche Befriedigung der Triebe ist auch K.s Grundsatz, wie der oben zitierte väterliche Rat an seinen Sohn anläßlich dessen Einführung bei der Hetäre beweist.

Unter demselben Gesichtspunkt ist der Kosmopolitismus des K. zu beurteilen; vgl. Apelt Beitr, zur Gesch. der griech. Philosophie 356t; nicht die Idee einer übergreifenden höheren Gemeinschaft – sei es eine Universalmonarchie oder ein weltbürgerlicher Idealzustand (Schwartz 19) – steht hinter den schönen Versen (frg. 15) ὄνχ εἰς πάτρα μοὶ πύργος, ὅν μία στέγη, πόσης δὲ χέρσου καὶ πόλισμα καὶ δόμος ἔτοιμος ἤμΪΓ ἔνδιαιταοθαι πάρα, sondern der Gedanke, daß die [1629] 'Λυύσ JUttVDS.;'

in den bewegten Zeiten so vergänglichen Heimatstädte eines tieferen Interesses nicht wert wären, auch sie sind er ρο% – warum soll er sich von Alexander, fragt K. (Diog. 93; weitere Belege D i e 1 s A 28) den Aufbau seiner zerstörten Vaterstadt wünschen, wenn sie jederzeit ein anderer Alexander zerstören kann? Und für die immer mächtiger werdenden Herrscher hatte der Kyniker auch nichts übrig. Also auch hier wird der Gedanke des Staates und der Gemeinschaft nur soweit bekämpft, als er störend in die Freiheit und Ruhe des Individuums eingreift. Wenn K. auch die Tätigkeit, des Politikers wenig achtet (Diog. II 131) und sicherlich niemals wie die ältere Sophi-stik, Platon und Aristoteles die ἀρετή des Menschen als eines ζφον πολιτικόν nur in einer staatlichen Gemeinschaft für realisierbar gehalten hat – daher dort die stete Forderung eines idealen Staates –, so scheint nach den erhaltenen Zeugnissen sich K. doch von einer rohen Auffassung des ,Naturstaates* ferngehalten zu haben; sonst hätte er schwerlich in seiner Parodie des solonischen Gebetes an die Musen auf die F Ö r d e r u n g des Nächsten entscheidendes Gewicht gelegt: ὠφέλιμον δὲ φίλοις, μὴ γλυκερὸν τίθετε (frg. 10, 5) sagt nur jemand, der den Gedanken einer sittlichen G e -meinschaft erfaßt hat; eine andere als sittliche erkennt K. nicht an: der von Schmeichlern umschwärmte Reiche ist e i n s a m, Stob. fior. 14, 20. Daher hat Gerhard 89 – trotz der ἀδοξία Diog. 93 – recht, im Anschluß an das Wort des K, Stob. 97, 27 (D i e 1 s A 21), daß er mehr durch Armut als durch Reichtum Ehre erhalten habe (ioÄj)’ v°d einer Rücksicht und einem Anspruch auf die εὐδοξία zu sprechen. Was dagegen angeführt werden könnte, daß K. z. B. sich prügeln und mit einem Homervers auf den Lippen hinauswerfen läßt (Diog. 90), die erhaltenen Beulen durch ein Pflaster mit dem Namen des Schlägers bezeichnet und so die Lacher auf seiner Seite hat (ähnlich schon Diogenes [Diog. VI 33]), die Gleichgültigkeit gegen Kleidung, gegen äußere Schönheit – er spottet selbst über seine Gebrechen (Iulian. or. 6 p. 201 B. Gnomol. Vatic. ed. Sternbach 381. Diels A 11. 24), das beweist letzten Endes nur die Stärke, mit der sich in K. der frühere Be-grifl der καλοκάγαθία bereits verinnerlicht und sich auf eine freilich beschränkte geistige Sphäre zurückgezogen hat; gerade die den Griechen eigentümliche Einbeziehung der körperlichen in alle geistigen Dinge konnte zunächst eine derartig ein seitige Reaktion hervorrufen, die das Geistige nur im Moralischen sehen wollte. Weil K. auf Grund reicherer Bildung die Übertreibungen des Diogenes milderte – S u s e m i h 1 Gesch. d. griech. Lit, in der Alexandrinerzeit I 29 tut ihm sicher Unrecht –, konnte durch ihn und seinen Schüler Zenon der sittliche Gehalt des Kynismus im Stoizismus eine philosophische und ethische Weiter- und Höherbildung erfahren. Wiewohl die Angaben des Verhältnisses zwischen K. und Zenon sich auf persönliche Anekdoten beschranken – K. treibt ihm die Eitelkeit drastisch aus, Diog. VII 3 –, so spricht doch die starke Übereinstimmung der Lehren des jungen Zenon mit dem Kynismus (Zeller III l³, 282ff. v. Wilamowitz Antig. v. Karystos 299. Sehr Wesentliches bei Maier Sokrates, Tübingen 1913, 61 1f.) für den Einfluß des K.; [1630] x vw.

das Verhältnis wird natürlich verkannt, wenn man die schönsten Äußerungen des K. ihm ab* und der Stoa zusprechen will; s. u. zu fig. 8.

Die doxographische Überlieferung geht zurück auf die χρεῖαι – zum ganzen γένος Gerhard 248 – des Zenon (Diog. VI 91) und desselben Κράτητος ἀπομνημονεύματα (Diog. VII 4); v. Wilamowitz Antig. v., Karystos 106, 6 scheint beide Werke zu identifizieren; Plutarehs 10 Βίος Κράτητος (Iulian. or. 6 p. 200 b. Lamprias-Katalog 37), den Sopater (Phot. bibl. 104 B 3) benutzt, ist verloren. Die auf diese Überlieferung zurückgehenden Apophthegmata zusammen bei Diels A 17–30.

2. Werke. Zusammenfassender Titel παίγνια nach Diog. VI 85:

1. Παρφδίαι; wenige Fragmente erhalten. Frg. 1 Diels läßt eine Verspottung des Stilpon erkennen in Form einer κατάβασις, wonach wohl K. den 20Stilpon überlebt hat, vgl. Wachsmuth Sillogr. gr. 193, der wohl zuviel des Guten hineininterpretiert. Frg. 3 ein Lob des bescheidenen Schusters Mikkylos. Über die Frage, ob dieser Mikky-los identisch sei mit dem Kallimachos epigr. 26 und Lukian Gallus und Katapl. 14 Genannten, s. Helm Lucian und Menipp 1906, 76, 3 mit weiterer Literatur; vgl. auch Gerhard 170, 2. Wachsmuth Sillogr. gr. 194.

2. Πήρα, ebenfalls in Hexametern, cynicae vitae 30 commentatio et commendatio; utopiae genus quäle Platonis Atlantis, P. Theopompi Eusebes, Euhemeri Panchaea*, Diels 216 frg. 4–9. Frg. 8 ist die Parodie der Sardanapalsinschrift, die Bücheler Rh. Mus. XXX 54 dem K. ab und dem Chrysippos zusprechen wollte; dagegen mit Recht zuletzt Gerhard 184, 1.

3. Elegien, die solonischen (frg. 13, 1. 2 = 12 Cr.) parodierend.

4. Hymnus auf die εὐτέλεια, frg. 12; ebenfalls 40 in elegischem Maße.

5. Tragödien frg. 13–18« Drei von Diog. 86 als ἡ θρυλουμένη ἐφημερίς angeführte Verse enthalten eine Rechnung über allerhand Ausgaben, bei denen für den Philosophen sehr wenig abfällt, neben den Ausgaben für Hetäre, Koch und Schmeichler. Ἐφημερίς bedeutet oft geradezu Ausgabenbuch – z. B. Plut. de vit. aere al. 829 B; vgl. auch Daremberg-Saglio II 639; so auch hier. Die Übersetzung Gerhards 180 50,Haustagebuch* und Wellmanns Erseh und Gruber II 39, 289 ,politisches Tagebuch* ist mindestens unklar. Da eine Rechnung wie diese zugleich auf gewisse »Taten* schließen läßt, kann ja zugleich eine Parodie der damals bereits üblichen ἐφημερίδες hoher Herren gemeint sein, deren Ausgaben vielleicht gelegentlich ähnlich verteilt waren. Vielleicht sind die Verse einem verschwenderischen Jüngling in den Mund gelegt; als typisch für einen solchen mögen sie zitiert worden sein. 60 Freilich klingen sie mehr nach einer Komödie. Möglich auch, daß diese ἐφημερίς selbständig war; für eine Einordnung in ein Drama spricht ja nur das Metrum, für Selbständigkeit spräche die Zitierweise des Diog. 86, wenn man auf sie irgend etwas geben könnte. Praechter-Überweg11 185 spricht ganz allgemein von der ,Benutzung von Versmaßen und sprachlichen Wendungen des Epos, der Elegie und der Tragödie*. [1631] XklCtUCO

Unzweifelhaft einer Tragödie entstammt das von Diog. 98 als Probe der τραγφδίαι ὑψηλότητον ἔχουοαι φιλοσοφίας χαρακτήρα angeführte frg. 15, dessen kosmopolitischer Inhalt oben behandelt wurde. Aus der Übereinstimmung dieser Verse mit denen aus einem bei Plut. de exil. 5, 600 erwähnten Herakles eines nicht genannten Dichters ziehen Dümmler Antisthenica, Halle 1882, 88 und ihm folgend Susemihl 30 den Schluß, K. habe selbst einen Herakles geschrieben, Diels mit Recht die andere Folgerung, daß hier eine Parodie eben jenes Herakles vorliegt.

6. Die Ὀψοποιητική, eine Parodie der Ἠδυπάθεια des Archestratos, gewinnt Diels durch Konjektur aus ποιητική bei Demetr. de eloc. 170; einleuchtend, trotz Gerhard 230, 3; der Zusammenhang χρήσονταί ποτὲ καὶ οἱ φρόνιμοι γελοίοις πρὸς τε τοὺς καιροὺς καὶ ἐν ἐπιπλήξεοι πρὸς τοὺς τρυφερωτέρους läßt jedenfalls etwas derartiges eher erwarten als eine Poetik. – Außerdem schrieb K. Briefe, deren Stil an Platon heranreichte (φέρε' ταὶ δὲ τὸν Κ. βίβλιον Ἔπιστολαι, ἐν αἰς ἀριστὰ φιλοσοφεὶ τὴν λέξιν ἐστιν δτὲ παραπλήσιος Πλάτωνι Diog. VI 98. Die erhaltenen Briefe (Hercher Epistologr. 208–217) haben mit dieser Sammlung nichts zu tun und sind wertlos (Capelle De Cynicorum epistolis, Gott. 1896, 493. Präch-t e r - U b e r w eg11 527. 75). Über die literarge-schichtliche Bedeutung der Schriftstellerei des K. vgl. Gerhard 237: ,bei ihm erscheint uns wie in einem Brennpunkt auf einmal, um dann wieder auseinanderzugehen, eine überraschend reiche Fülle von Formen'; so auch Christ-Schmid³ II 1, 238: ,des K. Beispiel wirkt nachhaltig fort*. Im Gegensatz dazu warnt Schwartz 25 vor einer Überschätzung des literarischen Einflusses; die Diatribe ist eine Fortsetzung der Dialogform von den kleineren sokratischen Schulen aus; die typische literarische Form des Kynismus ist die χρεία; sie hält das, worauf der Kyniker es allein abgesehen hat, ,die drastische Aktion des Augenblicks, mag sie ein Bonmot, eine Aktion oder beides sein', fest. Die Parodien tragen dazu bei, die vorhandenen Formen aufzulösen – eigentliches Interesse für irgendeine bestimmte Formung hat der Kyniker nicht; was K. darin geleistet hat, ist an seine zufällige Individualität geknüpft. Das schließt nicht aus, daß die inhaltlichen Motive der kynischen Schriftstellerei in der Diatribenliteratur weiterwirken, wie Gerhard und Helm ausführlich zeigen. Freilich ist damit zu rechnen, daß vieles noch weiter hinauf in die spätsokratische Dialog-schriftstellerei als gemeinsame Quelle zurück zu verfolgen ist; bei dem Durcheinanderlaufen der Spätrokratik mit dem Kynismus, bei dem engen Zusammenhang der Stoa mit diesem ist eine genaue Abgrenzung freilich schwierig. E. Wellmann Erseh u. Gruber II 39, 288, wo ältere Literatur zu finden ist. Zeller II l⁴ 285ff. Überweg-Prachter11 (1920) 174. E. Schwartz Charakterköpfe 2. Reihe, 1910.