RE:Licinius 50ff.

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Licinii Crassi, der bedeutendste Zweig des licinischen Geschlechts
Band XIII,1 (1926) S. 245250
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50 ff.) Licinii Crassi sind der bedeutendste Zweig des licinischen Geschlechts, der seit dem go hannibalischen Kriege in Blüte stand. Ihre Vornamen beschränken sich auf vier, C. L. M. P., sodaß dies die höchste Zahl von Söhnen in den ältesten Familien gewesen sein muß. Deswegen lassen sich auch die bekanntenAngehörigen dieses Zweiges fast ausnahmslos -dn genealogischen Zusammenhang miteinander bringen. Es muß jedoch dabei mit einer falschen Vorstellung aufgeräumt [246] Licinius (Crassus) 246 werden, die ebenso allgemein verbreitet wie festgewurzelt erscheint und auch die sonst gründ-Ucihen Untersuchungen Groebes über die Genealogie der Crassi (bei Drumann G. R.³ IV 60fL 602ff.) zu ihrem Schaden, beeinflußt hat, nämlich die Ansicht von der Führung des zweiten Beinamens Dives durch die überwiegende Mehrzahl der Crassi. Dieser Beiname ist lediglich dem Begründer des Ansehens der Crassi, dem P. Crassus Nr. 69, der im J. 542 = 212 durch seinen Reichtum die Wahl zum Oberpontifex als dritter Plebeier und in ungewöhnlich jungen Jahren erreichte, und seinen direkten Nachkommen beigelegt worden, insbesondere seinem Adoptivenkel, der dieselbe Würde bekleidete, dem P. Crassus Mucianus Nr. 72. Unter dem Eindruck des sprichwörtlich gewordenen Reichtums des Triumvirs M. Crassus Nr. 68. (Zusammenstellung mit Kroisos z. B. Tertull. apol. 11, Lactant. inst. div. VI 13, 11) hat sich jene falsche Vorstellung gebildet und festgesetzt, daß dieser und folglich auch seine Vorfahren ebenfalls zu dem Hause der Divites gehört hätten. Tatsächlich ist für den als den reichsten Römer bekannten Triumvir (vgl. D r u m a n a. O.123) der Beiname Dives nirgends bezeugt, und das Schweigen Plutarchs im Leben des Crassus spricht geradezu dagegen. Ein Vers aus Varros sat. Menipp. (36–38 Büch, aus Non. 379): Non fit thensauris, non auro pectu’ solutum; non demunt animis curas ac religions Persarum montes, non atria diviti’ Crassi kann ohne weiteres auf den Reichtum P. Crassi illius veteris, wie ihn schon der Redner L. Crassus bei Cic. de or. III 134 im J. 663 = 91 nennt, bezogen werden (vgl. Dec. Brutus bei Cic. îam. XI 10, 5: Non si Varronis thensauros haberem). Eine Reminiszenz daran bei einem späteren gelehrten Satiriker, Pers. 2, 36: spem macram supplice voto nunc Licini in campos (vgl. den Art. L i c i n u s) nunc Crassi mitiit in aedis (vgl. Sen. ep. 119, 9: quem voles mihi ex his, qui cum Crasso Licinoque numerantur, in medium licet protrahas) wird vom Scholiasten erläutert: Licinius Crassus inter Romanos locupletissimus fuit, ideo dives cognominatus. kuius ergo divitias optât puero; doch selbst diese Erklärung braucht nicht notwendig auf einen andern Crassus zu gehen als auf den alten Pontifei Maximus, auf den sie allein vollständig zutrifft. Plin. n. h. XXXIII 133 sagt: Postea Divites coynominati, dummodo notum sit eum qui primum hoc cog-nomen acceperit decoxisse creditoribus suis, ex eadem gente M. Crassus negabat locuplctem esse nisi qui reditu annuo legionem tueri posset .... Quiritium post Sullam ditissimus. Hier ist die Angabe über den ersten Träger des Beinamens Dives ein Versehen, ebenso wie nach der bisherigen Auffassung die entsprechende des Schol. Pers.; aber beachtenswert ist, daß nicht einmal i hier, wo es so naheläge, der Triumvir etwa als eiusdem cognominis bezeichnet wird. Es ist bekannt, daß er sein Vermögen durchaus selbst erworben hat und ähnlich wie sein Geschlechts-und Zeitgenosse L. Lucullus Nr. 104 (vgl. Varro bei Plin. n. h. XIV 96) in sehr bescheidenen, mit dem späteren Reichtum stark kontrastierenden Verhältnissen aufgewachsen ist (Plut. Crass. 1, 1); so wenig wie den Reichtum selbst, hat er den [247] Stammtafel der L i c i n i i C r a s s i

P. Licinius

69. P. Crassus Dives Aed. cur. 542, Cens. 544, Praet. 546, Cos. 549, Pont. max. f 571

P. Crassus Dives

P. Licinius Crassus

C. Crassus

174. C. Licinius Varus, Cos. 518

175. P. Licinius Varus Praet. 546

72. P. Crassus Dives Mucianus

60. P. Crassus

Praet. 578, Cos. 583

51. C. Crassus Praet. 582, Cos. 586 i

55a. M. Crassus uni 575

247 Licinius (Crassus) [248] Quaest. 602, Aed. cor. 612, Cos. 62·’», Pont max. t 624 eo Clodia

57. M. Crassus Agelastus 52. C. Crassus

Praet. 627 Trib. pl. 609

54. L. Crassus

70. (P. ?) Crassus Dives 179. Licinia I 180. Licinia II um 633 ck) C. Sulpicius C. Sempronius

¹ Galba Gracchus

61. P. Crassus 6. (C. ?) Crassus 181. Licinia Cos. 657, Cens. 665, um 640 Vestalin 631, t 667 co Venuleia t 641

67. Crassus Dives

71. P. Crassus Dives P. Crassus Praet. 697 ?$ Crassus Iunianus

Trib. pl. 701, t 708?

55. L. Crassus *614, Cos. 659, Cens. 662, f 663 co Muc'a

65... Crassus Damasippus t 708

62. P. Crassus 50. (?)Crassus 68. M. Crassus t um 665 t 667 *639, Cos. 684. 699

co Tcrtulla co (?) f 701

co Tertulla

183. Licinia I c P. Cornelius Scipio Nasica

184. Licinia II co C. Marius filius

56. M. Crassus Quaest, 700, t ”θθ co Caecilia Metella

58. M. Crassus cos. 724

63. P. Crassus t 701

co Cornelia

Q. Caecilius Metellus 76. C. Licinius

Pius Scipio Crassus Scipio

Cornelia

co T. P. Crassus Nr. 63

Licinius (Crassus) 248 [249] Beinamen des Reichen bereits ererbt. Gerade der einzige Beleg, den Geizer (s. Nr. 68) für die Benennung anführt, Cic. ad Att. II 13, 2, stellt sie in Parallele mit der des Pompeius als des Großen, betrachtet sie also viel eher als individuell und neu erworben wie als ein von den Vorfahren überkommenes Cogmomen. Erst die Neueren haben dann ciceronische Zeugnisse über Crassi Divites ohne Not auf unmittelbare Vorfahren des Triumvirs bezogen und daraufhin 1 deren genealogische Verbindung mit den wirklichen Angehörigen dieses Zweiges hergestellt; Groebe hat deshalb einen wesentlich anderen Stammbaum als Drumann entworfen (a. O. 612f. gegenüber 60f.). Der hier gegebene weicht davon ab, weil er jene Vorstellung aufgegeben hat, und darf den Vorzug größerer Einfachheit und Vollständigkeit beanspruchen. Er zeigt in den anderthalb Jahrhunderten vom kannibalischen Kriege bis zum caesarischen Bürgerkriege sechs Generationen. In der zweiten Generation ist ohne festen Platz der nur einmal im J. 575 = 179 erwähnte M. Crassus Nr. 55 a, vermutlich ein dritter Bruder der Consuln P. von 578 = 176* und C. von 586 = 168. In der letzten Generation entbehren eines solchen Platzes P. Crassus Iunianus, obgleich der Vorname P. für seinen Adoptivvater gesichert ist (Nr. 75), und Crassus Damasippus; man muß und man darf damit rechnen, daß von jenem M. Crassus oder von einem * einzelnen unbekannt gebliebenen jüngeren Sohne eines andern Vertreters seiner Generation eine Seitenlinie abstammte, die ein meistens unbeachtetes Dasein führte. Aber die geschichtlich hervorgetretenen Glieder des Hauses haben gewiß alle miteinander ziemlich nahe zusammengehangen. So bezeichnet z. B, Cic. de or. III 10 den Vater des Triumvirs, P. Crassus Nr. 61, als propinquus des Redners L. Crassus; bei Drumann und Groebe, die jenen zu den Divites zählen, ist eine Verwandtschaft zwischen beiden gar nicht mehr zu erkennen; in dem hier gegebenen Stammbaum erscheinen sie als Nachkommen desselben Urgroßvaters, und die Heirat zwischen P. Crassus, dem Enkel des einen, und Cornelia, der Urenkelin der andern, erscheint als eine der so häufigen Erneuerungen alter Familienbande. Auch P. Crassus Mucianus Nr. 72 heißt bei Cic. ebd. I 170 propinquus des Redners, und seine Zugehörigkeit zu den Divites ist allerdings außer Zweifel; aber sogar hier ist der genealogische Zusammenhang der beiden Männer, die zudem zwei verschiedenen Generationen angehörtem, noch erkennbar, und ferner sind sie noch in anderer Weise verwandt gewesen: Crassus Mucianus war von Geburt ein Mucins Scaevola und rechter Vater des Augurs Scaevola, dessen Tochter Mucia der Redner L. Crassus zur Frau hatte. Die Behauptung des Triumvirs, kein Crassus sei über sechzig Jahre alt geworden (Plut. Cic. 25, 3), beruht gewiß auf guter Kenntnis der Geschichte seiner Vorfahren. Bei ihm selbst wiederholte sich merkwürdigerweise das Geschick seines Vaters, ein gewaltsames Ende seines einen Sohnes als unanittelbares Vorspiel des eigenen. In der ersten Kaiserzeit gehörten die Crassi zum höchsten Adel. Noch in neronischer Zeit heißt es von Histrien: illic clientelae et agri veterum [250] Crassorum ac nominis favor manebat (Tac. hißt. II 72), ohne daß sich ermitteln ließe, von wem diese Beziehungen begründet worden sind.

Die Licinii Crassi gewannen zur Zeit der Begründung des Prinzipates hohen militärischen Ruhm durch die Balkansiege des Consuls des J. 724 (Nr. 56). Mit dessen Sohn, dem Consul des J. 740 (Nr. 57), scheint jedoch - vorausgesetzt, daß die schwierigen genealogischen Fragen hier (s. Nr. 73) richtig beantwortet sind - das Geschlecht im Mannesstamm erloschen und nur durch Adoption aus dem Hause der Calpurnii Pisones (Frugi) fortgepflanzt worden zu sein. Aber auch diese Licinii Crassi Frugi (die zweifellos bereits dem Patriziat angehörten, vgl. H e i -t e r De patr. gent. 46f.) fühlten sich als Nachkommen der alten Crassi (vgl. z. B. Dio LXVIII 3, 2) und verbanden mit diesem historischen Adel >0 den der Pisonen und (durch Eheschließungen) die Nobilität der Pompeier, Scribonier, Sulpicier und anderer großer Geschlechter (Mommsen Ges. Schr. VJI1 250; vgl, die hier beigegebene Stammtafel). Doch die Fülle und der Glanz ihrer Ahnenbilder wurde ihnen zum Verderben. Hatte schon Augustus gegen seinen Kollegen im Consulat, den Enkel des Triumvirn, nicht unbegründetes Mißtrauen gehegt (s. Nr. 56), so war dies bei seinen Nachfolgern in noch höherem Maße der 30 Fall, seitdem das Haus der Crassi Frugi die Ansprüche sowohl des Pompeius als des Crassus auf den Prinzipat in sich verkörperte (vgl. Dio LX 5, 9. Tac. hist. I 15 [Worte Galbas]: et mihi egregium erat Gnaei Pompei et M. Crassi subo-lem in penates meos adsciseere .... principatum, de quo maiores nostri armis certabant usw.). Ein vorübergehender Versuch, das erlauchte Geschlecht durch Verschwägerung mit dem Kaiserhause zu verbinden, beschleunigte schließlich nur seinen 40 Sturz (s. Nr. 73 und Nr. 74). Nach dem Untergang der Claudier schien jedoch die Zeit der Crassi Frugi gekommen. Calpurnius Piso Frugi Licinianus, der Sohn des Consuls 27 n. Chr., wurde von Galba - der demselben patrizischen Hause wie die Gattin seines Bruders angehörte - adoptiert und zum Caesar erhoben, aber wenige Tage nachher fiel er von Mörderhand (s. o. Bd. III S. 1399), sein Bruder folgte ihm bald im Tode nach ('s. Nr. 77), und der letzte uns bekannte 50 Vertreter des erlauchten Hauses, C. Calpurnius Crassus Frugi Licinianus. den das Vollgefühl seiner Nobilität, die in jener Zeit ihresgleichen nicht hatte (Mommsen S. 253), zum unbeugsamen Widersacher der Emporkömmlinge auf dem Kaiserthron machte, hat als Verbannter auf entlegener Insel durch das Schwert eines kaiserlichen Schergen ein unrühmliches Ende gefunden (s. o. Bd. III S. 1370. Weber Unters, z. Gesek Hadr. 45f.); sogar die Grabsteine und Aschen –60 urnen der Crassi Frugi in ihrem Grabmal bei der Porta Salaria verfielen der Zerstörung (s. u. Nr. 73).

[Groag. ]