RE:Lysimachos 20
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
|---|---|---|---|
| |||
| Gr. Grammatiker | |||
| Band XIV,1 (1928) S. 32–39 | |||
| Bildergalerie | |||
| Register XIV,1 | Register lf | ||
| |||
20) Griechischer Grammatiker. Bei der Häufigkeit des Namens erhebt sich zunächst die Frage, 60 welche der unter diesem Namen zitierten Schriften ein und demselben Verfasser zugewiesen werden können. Da bei den Νόστοι und Θηβαῖκά Παράδοξα je einmal (Schol. Apoll. I 588- Soph. Oed. CoL 91) L. als ὁ Ἀλεξανδρεύς bezeichnet wird, so herrschte über die Identität der Verfasser hier kein Zweifel, und Radtke 101 hat daher, ohne seine Ansicht zu begründen, die Αἰγυπτιακά und Περὶ τῆς Ἔφορου κλοπῆς, im [33] 33 Lysimacnos
Gegensatz zu C. Müller FHG III 334–842, dem alle Späteren gefolgt sind, dem Alexandriner abgesprochen. Müller ging noch einen Schritt weiter, indem er zwei Werke eines unter Augustus lebenden Lysimachides ebenfalls jenem L. zuschrieb (s. d.), dagegen in dem Zitat Λυσίμαχος ὁ Κυρηναῖος περὶ ποιητῶν eine durch nichts begründete Verschreibung des Tzetzes für Αὐσανιας annahm, eine Vermutung, die trotzdem allgemeine Zustimmung fand (s. den Art. Lysanias 10 und unten).
Unter der Voraussetzung, daß für die Verfasserschaft jener Mythographa und der ägyptischen Geschichte homonyme Schriftsteller nicht in Frage kommen, hat man die Lebenszeit des L. zu bestimmen versucht. Ein sicherer, wenn auch wenig brauchbarer Terminus post quem ergab sich aus seiner Benutzung des Mhaseas, eines Schülers des Eratosthenes (f ca. 203); vgl. Athen. IV 158 D ὡς ἰστορεῖν Μνασεαν τὸν Πατρεὰ ἐν 2C τρίτῳ Ἐνρωπιακῶν φησὶ Λυσίμαχος ἐν τρίτῳ Νόστων. Die zeitliche Grenze nach unten erschloß man aus Ioseph. c. Apion. II 2 τὸν αὐτὸν (sc. ἀριθμόν) Λυσιμάχῳ σχέδιασε (sc. Ἀπίων) wonach er vor Apion schrieb (vgl. über diesen Cohn o. Bd. I 8. 2803–2806). Aus II 14 Ἀπολλώνιος ὁ Μόλων (d. i. Μόλων, eine sehr häufige Verwechslung, vgl. S u s e m i h 1 Alex. Lit, II 489f.) καὶ Λυσίμαχος καὶ τινες ἄλλοι folgerte dann C.Müller a. a. O. 334, daß L. ein jüngerer 31 Zeitgenosse des bekannten Lehrers Ciceros gewesen sei, übersah aber fatalerweise, wie auch Susemihl I 480, 110, daß in II 2 sich auch die umgekehrte Reihenfolge findet: Μανεθώς ... Λυσίμαχος ... Μόλων δὲ καὶ ἄλλοι τινες ... ὁ δὲ γὲ πάντων πιστότατος Ἄπιων, und daß Kosmas Indikoplaustes, Topogr. Christ. XII 241, der hier nur aus Iosephos schöpfte, sogar Chaire-monf statt nach Apion, vor Ἀπολλώνιος ὁ Μόλων und Λ. anführt. Jene Namenreihen sind also 4 chronologisch nach keiner Seite hin verwertbar, sie lassen aber ceteris paribus immerhin die Möglichkeit zu, daß der Verfasser der Αἰγνπτιακά weit früher als Molon gelebt habe, während wir sonst zwischen dem Terminus post und ante quem mit einem Spielraum von rund 200 Jahren rechnen müßten.
Es läßt sich nun der zwingende Beweis erbringen, daß der Verfasser der Νόστοι und Παράδοξα ein ganz enger Zeitgenosse des erwähnten f Mnaseas war und zugleich identisch mit dem Autor der Schrift περὶ τῆς Ἐφόρου κλοπῆς ist. Da ferner ein um die Wende des 3. Jhdts. in Ägypten lebender Mythograph sehr wohl auch Αἰγνπτιακά verfaßt haben kann, die einem Iose-phos ebenso wie das weit ältere, gleichnamige Werk des Manetho zugänglich waren, so steht der Annahme an sich nichts im Wege, daß wir es in allen vier Fällen mit demselben L. zu tun haben. In dem berühmten Auszug aus der Φιλόλογος ἀκρόασις des Porphyrios bei Euseb. p. e. X 3, 23 stoßen wir auch auf folgende Stelle: Λυσιμάχου μὲν ἐστὶ δὺο Περὶ τῆς Ἔφορου κλοπῆς (nur diese Worte zitiert Müller 342), Ἀλκαίος θè ὁ τῶν λοιδόρων ἰάμβων καὶ ἐπιγραμμάτων ποιητῆς παρώδηκε τὰς Ἔφορου κλοπάς Ἴξελεγχων. Dieser Epigrammatiker Alkaios von Messene ist uns wohlbekannt. Vgl. Reitzenstein o. Bd. I
Pauly-Wissowa-Kroll XIV [34] UVDimttvuuo
S. 1506 und Knaack bei S us e mihi II 544–546.
Er war ein heftiger Gegner Philipps III. von Makedonien und huldigte seinem römischen Besieger T. Flamininus nach der Schlacht bei Kynos-kephalai, also um 197/6 (Anth. Pal. XV 14). Es ist nun völlig ausgeschlossen, daß der Dichter selbst erst den umfangreichen Nachweis des Plagiats bei Ephoros erbracht hatte, um dieses dann später zu parodieren. Mithin muß er das Werk des L. über diesen Gegenstand vor Augen gehabt haben, das ihm zur Verspottung des Historikers die Anregung gab. Da nun dieser L. und Al-kaios erwiesenermaßen genau zu derselben Zeit schriftstellerisch tätig waren wie Mnaseas, den L., der Verfasser der Noomi., benutzte, so ergibt sich ohne weiters die Identität der beiden L.
Es bleibt nun noch die Frage, ob der Kyre-naeer L., von dem eine Schrift περὶ ποιητῶν ein-i mal zitiert wird, mit dem Alexandriner ebenfalls identisch ist. Man hat dies nach dem Vorgang von C. Müller 334. 342 einstimmig verneint und jenes Werk dem Kyrenaeer Lysanias aufgebürdet, und doch liegt für diese Annahme nicht nur kein stichhaltiger Grund vor, sondern es erheben sich dagegen sehr schwerwiegende Bedenken; s. den Art. Lysanias. Ebensowenig wie an dem Eigennamen ist an dem Ethnikon Κυρηναῖος irgendein Anstoß zu nehmen. L. wird,) wie Kallimachos und Eratosthenes, in Kyrene geboren, später aber nach Alexandrien übergesiedelt sein, sind doch seine staunenswert gelehrten Werke ohne eine sehr reichhaltige Bibliothek schlechthin undenkbar. Doppelte Ethnika sind auch sonst nicht selten. Vgl. Suid. s. ἈρίowQZOsJ Ἄλεξανδρευς Φύσει, τῆ δὲ φύσει ΣαμοΦράς, und selbst Kallimachos wird sogar einmal nur als δ Κυρηναῖος zitiert (Schol. Soph. Oed. CoL 258). Obige Vermutung scheint mir durch fol-0 gende drei Stellen eine weitere Stütze zu erhalten, von denen die eine L. nennt, die anderen einen echt lysimacheischen Charakter tragen, auch inhaltlich zu seinen Werken passen und sämtlich deutliche Spuren eines kyrenäischen Lokalpatriotismus aufweisen. Schol. Pind. Pyth. V 108 περὶ τῆς εἰς Κυρήνην σφίξεως τῶν Ἀντηνοριδῶν Λυσίμαχος ἐν πρώτῳ τῶν Νόστων Ἰστορεί U8W. Apoll. II 498 (S. 416, 31–418, 14 K.) eine ebenso gelehrte wie ausführliche Erörterung, in der Kyrene iO eine ganz auffallend große Bolle spielt, endlich Steph. Byz. s. Βοιωτία, ein Zitatennest ganz im Stile des L., in dem am Schluß Kyrene geradezu an den Haaren herbeigezogen wird und im Zusammenhang eine offenbare Antiklimax bildet: Ἔφορος δὲ φησιν, δτὶ ἈΦηναῖοι περὶ τὴν ναυτικὴν δύναμιν, θετταλοὶ περὶ τὴν Ἰππικὴν ἐμπειρίαν, Βοιωτοὶ περὶ τὴν τῆς γυμνασίας ἐπιμέλειαν, Κυρηναίοι δὲ (also nicht mehr nach Ephoros) περὶ τὴν διφρευτικην Ἐπιστήμην ἠσχόληνται. ἠμείς περὶ τὴν 6θτων νόμων εὐταξίαν, letzteres ein Zusatz des Römers Stephanos. Derartige lokalpatriotische Züge begegnen uns auch sonst häufig bei Klein-städtern wie z.B. Ephoros von Kyme (s. Schwartz o. Bd. V S. 679. VI S. 14), Plutarch von Chai-ronea (Demosth. 1f.), Herennius Philon von By-bloe (s. Gudeman o. Bd. VIII 8. 660) und Athenaios von Naukratis (IV 149 D ff. XI 480 D.E. XIII 596 B.D. XV 671 E. 675 F ff.).
2 [35] öö Lysimacnos
Was nun den Titel περὶ πολτῶν anbelangt, der wohlbemerkt auch für Lysanias nirgends bezeugt ist, so mag er allerdings auf den ersten Blick stutzig machen, da der dem thebanischen Sagenkreise entstammende Inhalt der betreffenden Tzet-zesstellen an und für sich auf die Θηβαῖκά παράδοξα des L. hinweist. Vielleicht ergibt folgende Beobachtung die Lösung der Schwierigkeit. So planlos exzerpiert und jämmerlich verkürzt die Überbleibsel aus jenem umfangreichen Werke auch 10 sind, scheint mir dennoch wiederholt eine dem L. eigentümliche Zitierweise durchzuschimmern, die darin besteht, daß für die einzelnen Sagenversionen zuerst die dichterischen und dann die prosaischen Quellen aufgezählt wurden. Ich möchte daher vermuten, beweisen lassen sich solche Dinge natürlich nicht, daß der Titel περὶ ποιητῶν bei dem späten Byzantiner in Wirklichkeit gar keine selbstständige Schrift bezeichnet, sondern letzten Endes auf die dichterischen 20 Quellennachweise in den Παράδοξα des L. zurückgeht. Wie derartige Titel entstehen konnten, zeigt das Schwindelzitat bei Ps.-Plut. parall. min. 6, wo eine thebanische Ortslegende mit ὡς Τρισίμαχος ἐν τρίτῳ Κτίσεων beglaubigt wird. C. Müller 337 wollte hier Λυσίμαχος verbessern, und in der Tat hatte L. sorgfältig Städtegründungen verzeichnet, aber sicherlich nicht noch außerdem in einem Κτίσεις betitelten Werke.
Die obigen Erörtungen zusammenfassend wer- 30 den wir die ἀκμή des Kyrenaeers und späteren Alexandriners L. etwa um das J. 200 ansetzen müssen und ihm ohne Bedenken die Νόστοι, Θηβαῖκά Παράδοξα und Περὶ τῆς Ἔφορου κλοπῆς in 2 Büchern zuschreiben, während seine Verfasserschaft auch der ἈΙγυπτιακά zwar ebenfalls völlig einwandfrei ist, aber als unbeweisbar dahingestellt bleiben mag.
Um von den letzteren auszugehen, so sind wir, was den Charakter des Werkes anbetrifft, 40 allein auf die scharfe Polemik des Iosephos c. Apionem angewiesen. In II 14 sagt er von Mo-Ion, L. und anderen, daß sie τὰ μὲν ὕπ' ἄγνοιας, τὸ πλεῖστον δὲ κατὰ δυσμένειαν über Moses und seine Gesetze mit einer stark antisemitischen Tendenz geschrieben hätten. Daß die teilweise Entschuldigung, die in ὕπ ἄγνοιας liegt, nicht L. zugute kommt, beweist I 34 ἐπεισάξω δὲ τουτοις (sc. Manetho und Chairemon) Λυσίμαχον εἰληφότα μὲν τὴν αὐτὴν τοῖς προειρημενοις ὑπόθεσιν 50 τοῦ ψεύσματος ὑπερπεπαικότα δὲ τὴν ἐκείνων ἀπιθανότητα τοῖς πλάσμασιν. Was nun folgt, ist zwar für die Glaubensgenossen des jüdischen Geschichtschreibers nicht eben schmeichelhaft, kann aber, von einigen Übertreibungen im einzelnen abgesehen, sehr wohl der historischen Wahrheit entsprochen haben. Die ganze Stelle zeigt eine so enge Verwandtschaft mit dem Bericht bei Tac. hist V 3, daß einer dieser judenfeindlichen Autoren wohl zugrunde liegen muß. Ob aber sein 60 Gewährsmann gerade L. gewesen sein muß, ist wegen der Eingangsworte plurimi auctores con-sentiunt nicht so sicher, als man gewöhnlich annimmt, zumal Tacitus hier aus des Plinius libri a fine Aufidii Bassi geschöpft haben kann. Vgl. Fabia Les sources de Tacite 247f. Alles in allem ergibt sich selbst aus den wenigen Bruchstücken, daß die Αἰγυπτιακά auf sorgfältigen Studien be- [36] nysimacnos
ruhten, was mit dem wissenschaftlichen Charakter des Mythographen durchaus in Einklang stehen würde.
Über die zwei Bücher umfassende Schrift Περὶ τῆς Ἐφόρου κλοπές fügt Porphyrios a. a. O. noch folgendes hinzu: τὶ γὰρ Ἐφόρου ἴδιον, ἔφη,· ἐκ τῶν Δαιμάχου καὶ Καλλισθένου καὶ Ἄναξιμενους αὐταῖς λεξεσίν ἐστιν δτὲ τριαχιλίους δλους μετάτιθέντος στίχους. Des weiteren wird dies Verfahren durch die Bemerkung wenn nicht gerechtfertigt, so doch entschuldigt, daß au:h andere bedeutende Schriftsteller, wie z. B. Sophokles, Herodot, Theopomp und Menander sich des Plagiats schuldig gemacht hätten. Was Ephoros betrifft, so können wir auf Grund des ephorischen Materials bei Diodor oft wörtliche Anlehnung an Herodot, der von Porphyrios hier nicht genannt wird, noch nachweisen, bei Kallisthenes und Anaximenes dagegen ist dessen Angabe nicht mehr zu kontrollieren. Es scheint aber die hohe Zeilenzahl doch wohl übertrieben zu sein. Jedenfalls liegt in der Nennung des Historikers Dai-machos ein schwerer Fehler, da dessen Indika erst nach 291 verfaßt wurden, als Ephoros längst nicht mehr am Leben war. Stemplinger Das Plagiat in der griech. Lit. 47f. vermutet, daß vielleicht ein älteres Werk des Daimachos gemeint sei, doch haben wir von einem solchen, das hier in Betracht käme, nicht die geringste Kunde, auch sprechen gegen diese Annähme chronologische Bedenken, da Daimachos wohl kaum erst als Greis an jener indischen Gesandtschaft teilnahm. Mehr Wahrscheinlichkeit hat die Konjektur Clintons F. L. II 455 Δηιοχος (Δηίλοχος?), Verfasser einer alten Chronik von Kyzikos, die Apollonios Rhodios benutzt haben soll; vgl. Schol. Apoll. Rhod. I 796 ἤν Κύζικος ἔγημε, ὡς ἰστορεὶ Δηιλοχος καὶ Ἔφορος (d. i. Deilochos apud Ephorum, s. dazu den Art. Lukillos). Die Stelle läßt die Deutung zu, daß Ephoros seinen Gewährsmann in diesem Falle selbst zitiert hatte, womit der Vorwurf des Plagiats, mit dem die Alten überhaupt etwas freigebig verfahren, entkräftet wäre. Sollte aber, was ebenso möglich, erst der Spürsinn des L. die Quelle des Ephoros entdeckt haben, so wäre damit ein weiterer Beleg für die Identität des Verfassers mit dem Mythographen gefunden, der in den Apollonios-scholien, die den Namen des Deilochos allein 14mal aufweisen, von Theon ausgiebig benutzt wurde. So wird denn auch der späte Apollonios-erklärer Sophokles diese Zitate seiner Vorlage verdanken, während man früher glaubte (so E. Schwartz o. Bd. IV S. 2398), er seihst habe den alten Chronisten wieder ausgegraben und seine neu gewonnene Kenntnis dem Lukillos gegenüber ausgespielt Mit dieser Schrift trat L. in die Fußstapfen seines engen Zeitgenossen Aristophanes von Byzanz, der mit seinen Παράλληλοι Μενάνδρου τε καὶ ἄῳ ὧν ἔκλεφεν (vgl. auch die hübsche Anekdote über ihn bei Vitr. VII praef. 5) die lange Reihe der Plagiatschnüffler eröffnete; vgl. Stemplinger a. O.
Der allen diesen Arbeiten zugrunde liegende Zweck unterscheidet sich höchstens in seinen Motiven, nicht aber prinzipiell von einer Forschung, die es sich zur wissenschaftlichen Aufgabe machte, die ältesten und wichtigsten Quellen für die [37] 37 Lysimachos
griechische Sagengeschichte zu sammeln und so eine Art Konkordanz zu schaffen, die es ermöglichte, nicht nur die Vorgänger eines Dichters oder Prosaikers bequem festzustellen, sondern auch mythologische Autoschediasmen (πλάσματα) oder Abweichungen im einzelnen zu konstatieren. Diese gewaltige Leistung vollbracht zu haben ist das Verdienst des L., und auf ihr beruht letzten Endes ein sehr beträchtlicher Teil unserer Kenntnis griechischer μυθολογούμενα. Seine er- 1 schöpfenden und auch die entlegenste Literatur berücksichtigenden Darstellungen erhielten dadurch noch einen besonders zuverlässigen Charakter, daß er die mannigfaltigen Sagenversionen unter genauer Angabe der Gewährsmänner nebeneinander stellte und sich jeder Kritik oder eigner Zusätze enthielt. Er klammerte sich auch nicht ängstlich an die eigentlichen νόστοι der griechischen Helden von Troia, sondern behandelte außerdem z. B. die Zerstörung Troias (Laokoon), diei Wandersagen und Schicksale der geretteten Troia-ner Aeneas, Antenor u. a., wie er auch in den θηβαῖκά Παράδοξα die mit dem thebanischen Sagenkreise Ioser zusammenhängenden Mythen und lokalen Legenden aufnahm. So wurden jene Werke zu einer wahren Fundgrube für spätere Kommentatoren, insbesondere des Didymos und Theon. Der Niederschlag dieser Gelehrsamkeit begegnet uns vor allem in den Scholien zu Euripides, Apollonios und Lykophron, sodann in ί denen zu Sophokles, Pindar und bei Eustha-tios. Die Scholien zur Hias enthalten begreiflicherweise weniger lysimachisches Gut, die zar Odyssee dagegen würden zweifellos eine reichere Ausbeute geliefert haben, wenn sie nicht in einer so jammervoll verstümmelten Gestalt überliefert wären. Direkt zitiert werden die Νόστοι bezw. nur de· Verfassername erwähnt, wo aber der Inhalt über die Provenienz keinen Zweifel läßt, an folgenden Stellen: Schol. Eur.. Andr. 10 (τὸν Σκαμάνδριον) καὶ πόλεις οἰκίσαι καὶ βασιλεῦσαι, ὧν τὰς δόξας Λυσίμαχος ἐν τῶ δευτέρω τῶν Νόστων συγγράφει, ein viel behandeltes ζήτημα Astyanax betreffend, 24 über die Kinder des Neoptolemos, 32 mit reichhaltigen literarischen Belegen (s. dazu Schwartz Mélanges Graux 651f.), 898; Troad. 31; Hec. 892. 910, Apoll. Arg. I 558 über die Mutter des Achilles: Λ. ὁ Ἄλεξανδρευς ἐν τῷ δευτέρῳ τῶν Νόστων κατὰ λέξιν λέγων: Σουίδας γὰρ καὶ Ἀριστοτέλης ὁ περὶ Εὐβοιας πεπραγματευμένος καὶ ὁ τοὺς Φρυγίους λόγους γράψας καὶ Δαίμαχος καὶ Διονύσιος ὁ Χαλκιδευς, Pind. Pyth. V 108 (= Ly-cophr. 874), Eustath. Od. XVI 118 p. 1796 (über die Frauen und Söhne des Telemachos und Tele-gonos, mit Belegen aus selten zitierten Schriften), Serv. Aen. II 211 hos dracones Lysimachus Por-con ei Ckariboeam dicit... filios vero Lao-coontis Ethionem et Melanthum Thesandrusi?) dicit (vgl. Schol. Lycophr. 347). 204 horum sane draconum nomina Sophocles in Laocoonte dicit (vgl. C. Robert Bild und Lied 197. 228ff.). Diese Stellen sind von besonderem Interesse, da sie den Beweis erbringen, daß die Νόστοι des L. auch von den Vergilexegeten zu Rate gezogen Würden. Sein Einfluß in den uns erhaltenen Scholien zur Aeneis läßt sich aber mit irgendwelcher Sicherheit nicht mehr bestimmen, da alle [38] Lysimachos 3b
bekannten Einzelheiten auch aus zahlreichen anderen Quellen leicht zugänglich waren. Dagegen dürften in Fällen entlegener Gelehrsamkeit, namentlich in den Scholia Danielis, Lysimachea letztlich zugrunde liegen. Solcher Art sind vielleicht die Anmerkungen zu Aen. I 8, 38. 242. 317. 550. 619. II 201. 318. 601. III 108. 133. 167. 170. 330. 401. VIII 9. XI 265. 268. Dazu kommen einige vereinzelte Zitate. So bei Ps.-.OPlut. de fluv. 18, 12 (ὄρος Αὐηναῖον), falls bei diesem Schwindelautor nicht absichtlich ein Πλησίμαχος (statt Λυσίμαχος) ἐν ßf Νόστων als Gewährsmann erwähnt wird, um eine neue Quelle vorzutäuschen, und Phot. s. Σαμίων ὁ δῆμος usw. ὡς Λυσίμαχος ἐν ßf Νόστων, τὸ δὲ πλάσμα Δούριδος, οἱ δὲ τὴν σάμαιναν νόμισμα stvat, wo aber L. nur für die Erklärung von σάμαινα δ ἔστι πλοΤον δίκροτον usw. in Betracht kommt und man daher nicht mit C. Müller 339 die Stelle Î0 als einen Beweis dafür ansehen darf, daß in den Νόστοι auch späte, rein historische Begebenheiten behandelt wurden; vgl. Radtke 22. Die Zitate aus den Νόστοι gehen über ein drittes Buch nicht hinaus, dagegen wird von den Θηβαῖκά παράδοξα einmal ein 13. Buch erwähnt, in dem die Bestattung des Oidipus behandelt wird (Schol. Soph. Oed. Col. 91). In den übrigen Stellen, Schol. Apoll. III 1178/9 (über Kadmos) Λυσίμαχος ἐν τῆ πρώτη τῶν Θηβαικῶν συνείλοχε πολλὴν τὴν δλην δια)θ φωνούσαν... Λυσίμαχος ἐν τῆ συναγωγὴ τῶν Θηβαικῶν παραδόξων, Pind. Isthm. IV 104 (über die Kinder des Herakles), Eur. Phoen. 26 (über die Vorgeschichte des Oidipus und die Sphinx) mit erlesenen Zitatennestern und Hipp. 545 wird mit Ausnahme der eben ausgeschriebenen Titelangaben nur sein Name genannt. Sollten die Νόστοι, was wegen ihres reichen Inhalts sehr wahrscheinlich ist, mehr als 3 Bücher umfaßt haben, so läge kein Grund vor mit C. Müller 40 eine Verderbnis der hohen Bücherzahl der παράδοξα (ἴγ statt γ) anzunehmen. Sind auch die unter dem Namen des L. überlieferten Bruchstücke nicht eben zahlreich, so tragen sie doch vielfach so individuelle Züge, daß es Radtke 35–191 gelingen konnte, aus griechischen Scholiensammlungen 120 weitere Stellen mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit für ihn in Anspruch zu nehmen. Insbesondere enthalten die Euripidesscholien zu Andromache, Orestes und 50 Phoinissae viel Lysimachea. Ich füge hinzu, daß wohl auch Statius in der Thebais manche mythologische Einzelheiten dem L. durch die Vermittlung eines vollständigeren Phoinissenkommentars, den er nachweisbar benutzt hat, verdankt; s. den Art. Λύσεις. Die starke Ausbeutung jener Mytholo-gumena durch Didymos und Theon mag den Verlust der Originale beschleunigt haben, wenigstens läßt sich eine Kenntnis der Νόστοι und Παράδοξα aus erster Hand in der Kaiserzeit nicht mehr 60Nachweisen. Radtke 101–107 glaubte auch in Ps.-Apollodors Bibliothek einen Einfluß des L. zu erkennen. Von ganz unvermeidlichen Parallelen abgesehen, müßten sich aber in den einschlägigen Partien jener Sammlung vor allem auch weit zahlreichere und wichtigere Sagenvarianten und Versionen vorfinden, als dies tatsächlich der Fall ist. Dem unbekannten Verfasser, wie auch wohl dem Satyros in seiner [39] 39
Lysimachos
συναγωγὴ τῶν ἀρχαίων μύύων, dem C. Iulius Theopompos τῷ οὐναγαγόντι τοὺς μύθους (Plut. Caes. 48) und dem Hygin kam es in erster Linie darauf an, eine κυκλικὴ ἀκολουθία τῶν πραγμάτων herzustellen, eine lückenlose Historia fabularis mit jeweiliger Zugrundelegung einer Version, denn die oft nachweisbaren fremden Bestandteile berühren nicht den Kern der betreffenden Sage. Für derartige Kompendien – die nebelhaften ,mythologischen Handbücher* übergehe ich absichtlich – können aber Quellennachweise und Mythenkonkordanzen wie die lysimacheischen weder direkt noch indirekt eine geeignete Vorlage abgegeben haben, denn deren Benutzung würde eine kritische Auswahl und Sichtung der am besten beglaubigten Sagen voraussetzen, die wir diesen geistlosen Kompilatoren und mechanischen Abschreibern nicht zutrauen dürfen.
Literatur: C. Müller FHG III 334–342. Stiehle Philol. IV 99–110 (Die Nosten des L.). C. Robert Bild und Lied, in Philolog. Unters. V 197f. 228ff.; Oidipus 1496. v. W i 1 a m o-witz Homer. Unters. 180, 26. 181, 27. 361; Eur. Herakl. I 169. E. Schwartz Mélanges Graux 1884,651–657. Radtke De Lysimacho Alexandrino, Straßburg 1893. Baumstark Philol. LIII 691–703 (L. von Alexandrien). Sternp-1 in g er Das Plagiat in der griechisch. Literatur 1912, 47f.