RE:Maecenas 6
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| C. Maecenas, Freund Octavians, berühmter Förderer der Dichtung | |||
| Band XIV,1 (1928) S. 207–229 | |||
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6) C. Maecenas. I. Quellen, a) Bei den zeitgenössischen Dichtern wird immer wieder in volltönenden Worten sein Ruhm verkündet, vor allem bei Horaz, ebenso von Properz = III 9 (IV 8) und, abgesehen von gelegentlichen Apostrophierungen Vergils in den Georgica (I 2. III 40t IV 2), von dem unbekannten Verfasser der nach M.s Tode erschienenen beiden Elegien auf ihn (im folgenden zitiert als eleg. I. II. mit Zeilenzahl); sie sind u. a. ediert Anth. Lat ed. Riese II n. 760 a.b. PLM ed. Vollmer I (1910) p. 143–155; vgl. auch Vollmer S.-Ber. Bayr. 1918, 5, 9–16. Bei der großen Bedeutung des M. als Staatsmann in der ersten Hälfte der Regierung des Augustus ist von ihm auch bei den Historikern die Rede, vor allem bei Dio und auch bei Velleius, bei Tacitus, Sueton. Appian und Plu-tarch. Auch von Seneca besitzen wir viele Äußerungen über ihn. Vereinzelte Notizen haben sich auch bei späteren Autoren erhalten. Im allgemeinen aber entspricht die Dürftigkeit unserer literarischen Quellen überall in keiner Weise der unstreitig hohen Bedeutung des Mannes.
b) Inschriften seiner Sklaven und Freigelassenen kennen wir in größerer Zahl, namentlich in Rom; aber bisher nur eine einzige, die einem ihm selbst gesetzten Denkmal angehört, und zwar einem von den Athenern errichteten, IG III 600, nach der neuen Lesung von Tamaro, Annuario della scuola arch. di Atene IV/V (1921/1922), 69 (mit Abb.) = Année épigr. 1924, 5. Ob CIL VI 31[1] 734 permissu C. 'Maeeenatis auf ihn zu beziehen ist, kann fraglich erscheinen.
II. Name. In der offiziellen Form bietet seinen Namen, C, Maecenas, L. f, Pomfptina Σ tribu), die Inschrift von der Grabstätte seiner Freigelassenen (CIL VI 21771[2] = Dessau II 7848), C. Maecenas L. f. die Inschrift von Athen. C. Maecenas wird er genannt bei Vell. II 88, 2. Tac. ann. XIV 53. Dio II. 16, 2. Schol. Hör. carm. I 20, 5. Daß sein Vorname C. war, bestätigt auch die Inschrift seines Freigelassenen CIL X 2687[3] und der Name eines anderen seiner Freigelassenen, C. Maecenas Melissus, der als Schriftsteller Bedeutung erlangte. Diese Bei- 6 spiele bestätigen ferner, daß er nur das auch sonst bezeugte (s. auch W. Schulze Zur Gesch. lat. Eigennamen 529) Gentile Maecenas führte, und eine weitere Bestätigung dafür können wir in dem Namen seiner ehemaligen Sklaven erblicken, die dann in kaiserlichen oder auch in privaten Besitz übergingen und zu ihrem ursprünglichen Individualnamen auch den die Herkunft [208] bezw. den früheren Besitzer andeutenden Namen Maecenatianus führen (vgl. Hülsen Röm. Mitt III 222ff. Hirschfeld Kl. Schr. 517f.), CIL VI 4016.[4] 4032. 4095. 19 926. 22 970. X 6014 (Minturnae). Not. d. scav. 1920, 36 (Rom); vgl. Petron. sat. 71, 12 C. Pompeius Trimai· chio Maecenatianus (und dazu Mommsen Ges. Schr. VII 202). Nur Tac. ann. VI 11 nennt ihn Cünius Maecenas, und Macrob. II 4, 12 berichtet, 10 daß Augustus in einem scherzhaften Brief an M.
diesen unter anderm als Cilniorum smaragde anspricht. Im Hinblick auf die eben vorgebrachten Zeugnisse darf dieser Name aber nicht als sein Gentile gelten, sondern vielleicht als das seiner Mutter; daß man gelegentlich auch deren Gentilnamen dem Sohn beilegt, ist bei einem Mann etruskischer Herkunft verständlich, wie denn auch Hör. Sat. I 6, 3 den avus ... mater· nus des M. vor dem paternus nachdrucksvoll 20 hervorhebt, und paßt auch dazu, daß sich in seiner Heimat Arretium (s. u.) das vornehme Geschlecht der Cilnier schon in sehr alter Zeit nachweisen läßt iLiv. X 3, 2; 5, 13), so daß auch Sil. Ital. VII 29 als Beispiel für einen klangvollen Namen den Arretiner Cilnius nennt; in Arretium finden sich Cilnier auch sonst, z. B. als Fabrikantenname in den arretinischen Töpfereien (Ihm Bonn. Jahrb. CII, 1898, 125), CIL XI 6700,[5] 183, ferner CIL XI 1857.[6] 1858. CIEtr. 301 408. 409; s. auch Schulze 149. Wo sonst von dem Freunde des Augustus die Rede ist, wird er einfach Maecenas genannt. Über den Namen des M. hat zuerst das richtige gebracht Bormann Progr. Univ. Marbg. 1883 S. III–V.
III. Herkunft. Die eben erwähnte Abstammung aus der Etruskerstadt Arretium ist einmal angedeutet bei Macrob. a. a. O., wo unter den von Augustus für M. gebrauchten Ausdrücken auch lasar Arretinum vorkommt, ferner stimmt 10 damit überein die Tribus Pomptina, der M. angehört (CIL VI 21[7] 771) und in die auch Arretium eingereiht ist (Bormann CIL XI p. 336.[8] Kubitschek Imp. Rom. tributim discr. 81). Daß er jedenfalls aus Etrurien stammt, und zwar aus altem königlichen Geschlecht, wird von den Dichtern immer wieder gerühmt. Das bekannte horazische (carm. I 1, 1) Maecenas, atavis édité regibus variieren Mart XII 4, 2 fast gleichlautend (Maecenas, atavis regibus ortus eques) und iO Propert. III 9 (IV 8), 1 (Maecenas, eques Etrusco de sanguine regum); außerdem Hör. carm. III 29, 1 Tyrrhena regum progenies. Eleg. 1 13 régis eras, Etrusee, genus; vgl. Sil. Ital. X 40f., der einen Maecenas aus königlichem etruskischen Geschlecht nennt: (Et sceptris olim celebratum nomen Etruseis). Vornehmer Abstammung war M. sowohl von väterlicher wie von mütterlicher Seite (s. o.), Ahnen beider Linien haben in Etrurien Herrecherstellung innegehabt (Hör. Sat. 16, 4 0 olim qui magnis legionibus imperitarent ; vgl. Z. 1f.). Die Vorfahren der väterlichen Familie erwarben den römischen Ritterstand, equestri sed splendido genere natus sagt Vell. II 88, 2, wo splendidus nicht etwa den niedrigeren Grad im Ritterstand bedeutet, sondern gerade die Vornehmheit betonen will (vgl. A. Stein Der römische Ritterstand [1926] 99. 196f. 427f.).
Schon früher hat man wohl richtig vermutet. [209] 209
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daß der römische Ritter C. Maecenas, der unter den Gegnern des Volkstribunen M, Livius Dru-BUB im J. 91 v. Chr. genannt wird (Cic. pro Cluent. 56, 153f.), der Großvater von Augustus’ Freund war (Bormann S. V). Weiteres lernen wir aus einem Fragment von Sall. hist. (III fr. 83 p. 144 Maur. = Serv. Verg. Aen. I 698) auch einen seriba des Sertorius, namens M., kennen, der an dem Mahle teilnahm, bei welchem sein Vorgesetzter ermordet wurde (im J. 72 v. Chr.). 10 Daß es sich in beiden Fällen um einen und denselben Mann handeln sollte, ist bei der subalternen Stellung des fast 20 Jahre später auftretenden seriba, die allerdings den Ritterstand nicht ausschloß, unwahrscheinlich, und aus dem-selben Grund ist es auch nicht leicht glaublich, daß der letztere zu den Vorfahren von Augustus’ Freund gehörte. Der Vater führte, wie die früher angeführten Inschriften (CIL VI 21771[2] und die Inschrift von Athen) lehren, den Vornamen L., 20 so daß, wie wir sehen, in der vielfach üblichen Weise der Sohn den Vornamen des Großvaters, nicht des Vaters erhielt. Daher dürfte der Vater gemeint sein mit dem Λεύκιοζ Μικήνας, den Nicol. Damasc. v. Caes. c. 31 (FGrHist. II A S. 419 = Exc. de insid. p. 57, 27) als einen der Ratgeber des jungen Oktavian in Kampanien im J.
44 v. Chr. nennt. (Mit Unrecht hat man das Λενκιος als Korruptel betrachtet und angenommen, daß von Maecenas selbst die Rede sei, s, 3( z. B. Gardthausen Augustus I 70. Dessau Prosop. imp. Rom. II 316. Münzer o. Bd. X S. 1362, 8. Jacobi FGrHist. II C 288).
IV. Lebenslauf. Wir kennen wohl den Tag seiner Geburt, den 13. April (Hör. carm. IV 11, 13ff.;, aber nicht das Jahr. Daß er den Unterricht des (alexandrinischen) Philosophen Areios (Didymos) genoß, ist, wie es scheint, ein Irrtum des Aelian var. hist. XII 25 (vgl. Diels Doxogr. 83, 1). Die früheste greifbare Nachricht, die wir 4( über sein Leben besitzen, ist, daß er an der Schlacht bei Philippi im J. 42 v. Chr. als Kämpfer teilnahm (Eleg. I 43; auch Plin. n. h. VII 148 weist darauf hin). Seine Verdienste um die Sache der Triumvirn wurden dadurch belohnt, daß er einen Teil von dem Vermögen des in der Schlacht bei Philippi gefangenen und dann hingerichteten M. Favonius (Münzer o. Bd. VI S. 2076) erhielt, Schol. Iuv. 5, 3. Scheint sich M. schon damals in der Umgebung des jungen Okta- 5 vian befunden zu haben, so finden wir ihn vollends im J. 40 als Vertrauten des späteren Kaisers mit einer erfolgreichen diplomatischen Mission beauftragt, nämlich aus Gründen der Politik um Scribonia zu werben, deren Bruder (der Consul im J. 34 v. Chr. L. Scribonius) Libo der Schwiegervater des Sex. Pompeius war, App. b. c. V 53, 222; vgl. Dio XLVIII 16, 3.
Eine nicht minder heikle Aufgabe erwuchs ihm noch in demselben Jahr, als es galt, eine 6 Versöhnung zwischen den beiden Machthabern, dem jungen Caesar und M. Antonius, herbeizuführen, die in dem Vertrag zu Brundisium im Herbst 40 (vgl. Kromayer Herm. XXIX 559–561) gelang. So wie da (C.) Asinius Pollio als Vertrauensmann des Antonius wirkte, so M. als Freund des Caesar und L. Cocceius Nerva (Consul 39 v. Chr.), der Freund beider, als un- [210] parteiischer Mittelsmann, Appian. bell. civ. V 64, 272. Darüber hatte Liv. im CXXV1I. Buch berichtet, das die Schot Horat. Sat. I 5, 27 zitieren; doch meint Horaz selbst in der Schilderung des Iter Brundisinum (sat. I 5) die Reise zu den Verhandlungen, die zum Vertrag von Tarent im J. 37 führten, und er spielt mit dem soliti (V. 29) auf die drei Jahre früher stattgefundene Unterhandlung an, da M. und Nerva eben an beiden mitwirkten; vgt Drumann-Groebe I² 308, 5. Aber auch im J. 38 finden wir M. als Abgesandten Oktavians an Antonius, diesmal mit dem Auftrag, dessen Unterstützung im Kampf gegen Sex. Pompeius zu erlangen; auch da waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt, Appian. bell. civ. V 92, 385f.; 93, 390. Besonders wichtig war die Rolle, die M. im Vertrag von Tarent im J. 37 spielte. Die vorhin erwähnte Satire des Horaz schildert die Reise dahin, wie sie sich in dem Gesichtsfeld des launigen Poeten abspielt, der über die harmlosen Erlebnisse des Alltags berichten will, doch nicht, ohne daß im Hintergrund die politische Situation und die führenden Persönlichkeiten sichtbar werden. Wieder sind es M. und Cocceius Nerva, diesmal neben (C.) Fonteius Capito, dem vertrauten Freund des Antonius, denen die Vermittlerrolle zufällt, und so wie Horaz, schlossen sich auch andere Dichter aus dem Kreise des M. der Reisegesellschaft an,) (L.) Varias (Rufus), (Plotius) Tucca und Vergil.
Voran ging der Versuch Oktavias, ihren Bruder zugunsten ihres Gemahls Antonius umzustimmen, und in diesem Bestreben fand sie Unterstützung bei Agrippa und M., Plut. Ant. 35.
Immer mehr wurde M. der unentbehrliche Ratgeber und Begleiter Oktavians, auch in den Kriegen (vgl. Eleg. I 40), obwohl er nach Neigung und Fähigkeit den militärischen Dingen fremd gegenüberstand. So zog er an der Seite) des jungen Caesar im J. 36 in den letzten Feldzug gegen Sex. Pompeius in den sizilischen Gewässern, wurde aber bald nach Rom zurückgeschickt, um dort und ir Italien überhaupt die Ordnung anfrechtzuerhalten und die Ausbrüche von Unzufriedenheit mit dem Caesar durch seine kluge Vermittlung, aber auch durch Festigkeit und Strenge schon im Keim zu ersticken, Eleg. I 41. Appian. bell. civ. V 99, 414; 112, 470. Dio II. 16, 2; und fortan bewährte sich M. als Stell-0 Vertreter des Herrschers in Rom und Italien (Dio a. a. O. u. ö., s. u.). Daß er auch bei Actium im Gefolge des Caesar gewesen sei, scheint zwar aus den poetischen Äußerungen des Horaz und des Verfassers der Elegie hervorzugehen, dürfte aber gegenüber dem bestimmten Zeugnis der anderen Autoren nicht aufrechtzuerhalten sein (vgl, auch Gardthausen Augustus I 365. II 433, 10). Denn Hör. Epod. 1, 1–4 (vgl. Ps.-Acro z. St.) setzt die Teilnahme des M. nur als bevorstehend 0 voraus und ruft seinem Gönner besorgt zu, daß er sich nun in schwere Gefahren zu begeben im Begriffe sei; schon gar nicht genügen die schwachen Andeutungen epod. 9 als Zeugnis; auch daß in der Eleg. I 45–48 in der Aufzählung der Feldzüge, an denen M. teilgenommen haben soll, eine Anspielung auf die Besiegung des Antonius gemacht wird, fällt in diesem dichterischen Nekrolog nicht gar zu schwer in die Wagschale; [211] 211
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hingegen war nach der klaren Erzählung bei Dio LI o, 5 zur Zeit der Schlacht bei Actium M. in Rom oder doch in Italien, und überdies ist uns gerade aus dieser Zeit eine bedeutsame Episode von M.s Tätigkeit in Rom bezeugt. Es gelang ihm, eine Verschwörung des jungen Lepidus aut-zudecken. Dieser, ein Sohn des Triumvirn, hatte den Plan gefaßt, den Caesar zu ermorden und einen neuen Bürgerkrieg zu entfesseln. Mit Umsicht und Schnelligkeit unterdrückte M. diese Bewegung in den Anfängen und ließ den Verschwörer verhaften, desgleichen seine Mutter (Iunia, die Schwester des M. Brutus) als Mitschuldige oder wenigstens Mitwisserin, hingegen blieb der einstige Triumvir selbst als unbeteiligt und völlig harmlos ganz aus dem Spiel, konnte aber nur mit Mühe die Freilassung seiner Gattin durchsetzen. Nur. der junge Lepidus wurde nach Actium gebracht und auf Befehl des Siegers hingerichtet, Vell. II 88, 3. Appian. bell. civ. IV 50. ί Liv. per. CIIX. DL LIV 15, 4. Suet. Ang. 19, 1. Sen. de dem. I 9, 6; de brev. vit. 4, 5. Die Zeit dieses Vorfalles ließe sich genauer bestimmen, wenn wir den die Verhaftung verfügenden Consul Balbinus sicher bestimmen könnten (an L. Saenius Balbinus denken Klein Fasti consu-lares zum J. 30 v. Chr. Klebs Prosop. imp. Rom. I 225, 32. Dess. ebd. III 156L, 40; es könnte auch M. Titius cos. 31 v. Chr. sein; anders Gardthausen Augustus II 247). Des M. Wach- ί samkeit, Energie und Klugheit in der Ausübung des ihm anvertrauten verantwortungsvollen Amtes wird rühmend hervorgehoben, Vell. II 88, 2. Aus welchem Anlaß ihn die Athener ehrten (IG III 600, s. o. I b), vermögen wir nicht zu sagen; vgl. Tamaro 70.
Die Stellung, welche M. in Vertretung des abwesenden Herrschers in Rom und Italien einnahm, war völlig neu und eigenartig. Schon deshalb, weil M. dem Ritterstand angehörte und in 4 diesem Stande zeitlebens blieb, obwohl er mit Leichtigkeit in den ersten Stand hätte emporsteigen können, Vell. II 88, 2. Tac. ann. III 30. VI 11. Dio LV 7, 1. 4 (vgl. II. 16, 2. LI 3, 5). Prop. III 9, 1f. 23ff; vgl. Hör. carm. I 20, 5 und dazu Schol. III 16, .20 equitum decus (dazu Ps.-Acro); sat. I 6, 2–4. Mart VIII 56, 9. X 73, 4. XII 4, 2. Eleg. I 31–37. Darin prägt sich in gewissem Sinne der traditionelle Stolz und das Selbstbewußtsein dieser etruskischen 5 Familie königlichen Stammes aus; denn schon der voraussetzliche Großvater des M. (s. o. III) war der Wortführer der klassenstolzen Ritterschaft, die es ablehnte, den Senatssitz als Geschenk aus den Händen der Aristokratie entgegenzunehmen (s. Stein Ritterstand 196. 207). Dennoch war es eine weitgehende, ja fast unumschränkte Vollmacht, die Augustus dem M. Über-trüg, Vell. a. a. O. Tac. ann. VI 11 (vgl. XIV 53). Dio II. 16. 2. LI 3, 5. LV 7, 1. Sen. epist. 61 114, 6. Eleg. I 13f. 27. Hör. carm. III 29, 25f. und Porph. z. St.
Er erhielt (ebenso wie Agrippa) die Ermäch tigung. sich des Siegelringes zu bedienen, den sonst nur der Herrscher selbst gebrauchte, um wichtige amtliche Schriftstücke zu untersiegeln, und durfte die Briefe des Princeps vor ihrer Weiterbeförderung lesen und unter Umständen [212] abändern. Augustus bediente sich im schriftlichen Verkehr mit ihm und anderen vertrauten Freunden einer chiffrierten Schrift (vielleicht des von M. begründeten tachygraphischen Systems? Vgl. Friedr. Maier Arch. f. Stenogr. 1902, 334–336), Dio LI 3, 5–7; vgl. auch Sen. epist. 114, 6. Hör. sat. II 6, 38. Daß M.s eigenes Siegel, das unter die gefürchteten Steuererlasse gesetzt war, das Bild eines Frosches zeigte, be-10 richtet Plin. n. h. XXXVII 10 als Kuriosität,
Die Stellung des M. läßt sich nicht mit den Amtstiteln der Folgezeit benennen. Praefectus urbi (Porph. Hör. carm. III 29, 25) war er nicht (vgl. Klebs Eh. Mus. ΧΕΠ 169, 170), –seit dem J. 16 v. Chr. bekleidete T. Statilius Taurus dauernd dieses Amt, nachdem als erster M. Valerius Messalla Corvinus es im J. 25 v. Chr. nach wenigen Tagen niedergelegt hatte (Dio LIV 19, 6. Tac. ann, VI 11. Hieron. chron. Ol 188 20S. 164f.) ed, H. = 246 Foth.; dann der Eat des
M. selbst, Dio LII 21; vgl. Suet. Aug. 37 und Borghesi oeuvres 1X255–257) – und ebensowenig Praefectus praetorio (wie seine Stellung von dem Schol. Bern Verg. Georg I 2 S. 843 H. bezeichnet wird; verfehlt Spinazzola Bull. com. XXV 262–273), da die Stellung der Gardekommandanten erst im J. 2 v. Chr. geschaffen wurde, vgl. Borghesi oeuvres X 6. Mommsen St.-R. IP 1115. 1. 729, 2. Hirschfeld Verw.-JOGesch. I 219, Kl. Schr. 579. Vielleicht hat gerade die Unbestimmtheit des Amtes dazu beigetragen, seine Machtfülle ins Ungemessene zu steigern Wie sehr aber dennoch die Autorität des M. darunter litt oder wenigstens gefährdet war, daß er nur ein Mann des zweiten Standes war, zeigen die Vorfälle des I. 31, in welchem Octavian beim Ausbruch von Soldatenmeutereien ihm Agrippa zur Seite gab, da er fürchtete, das Gewicht von M.s Persönlichkeit allein könnte nicht 0 ausreichen, die Stürmer zur Euhe zu bringen (Dio LI 3, 5). Bei der Heimkehr des Caesar im J. 29 v. Chr. war M. einer der wenigen, die dem Sieger zum Empfang entgegenzogen, und bei dieser Gelegenheit erwirkte er, daß Vergil seine eben vollendeten Georgica dem damals wegen einer Eri rankung in Atella sich aufhaltenden Herrscher vorlesen durfte, Donat. (Suet.) v. Verg. p. 61 Reiff = p. 6 Br. (vgl. Suet. Aug. 89, 3 recitantis et benigne et patienter audiü)) über 0 den Zeitpunkt Stein Unters, zur Gesch. u. Verw.
Ägyptens (1915) 78, 6.
Die Quelle von M.s Macht, Einfluß und Eeich-tum (s. o.; ferner Tac. ann. XIV 53) war die Freundschaft mit Augustus, das unbegrenzte Vertrauen seines Herm. das er wie kein zweiter besaß, und das er sich durch seine treue Ergebenheit, seine diplomatische Geschicklichkeit und seine unbedingte Verläßlichkeit in allen Wechselfallen wohl verdient hatte. Im Krieg und im Frie-)den (vgl. Prop. II 1,35–38) gleichermaßen wie in den delikatesten Angelegenheiten bediente sich Augustus seiner unschätzbaren treuen Dienste als eines gewandten diplomatischen Unterhändlers, seiner nie versagenden opferwilligen Tätigkeit und seines wertvollen Rates M. war neben Agrippa unstreitig die festeste Stütze der neuen Monarchie. Diese hervorragenden Verdienste und Vorzüge ließen Augustus über manche Fehler und Schwächen [213] 218
Maecenas
des Freundes hinwegsehen (Tac. ann. XIV 53. 55). Schließlich haben doch manche Vorkommnisse familiärer Natur (s. u.) dazu beigetragen, dieses Freundschaftsverhältnis zu trüben. Gleichwohl haben sich beide bemüht, nach außenhin den Schein zu wahren, so daß M. auch in seinen späteren Jahren vom Kaiser in den gleichen Formen der Freundschaft geehrt wurde, wenn er auch nicht mehr Uber die wirkliche Macht im früheren Umfange, verfügte, als er noch das alter 1 ego des Caesar war (Tac. ann. III 30). Aber ehe diese Entfremdung eintrat, schätzte Augustus den M. als seinen intimsten Freund, vor dem er kaum ein Geheimnis hatte und der unter allen seinen Ratgebern unbestritten die erste Stelle einnahm (Tac. a. a. O.), selbst vor Agrippa (Dio LII 41, 1. LIV 6, 5). Ihm und Aprippa hat Augustus seine Memoiren gewidmet, Flut compar. Demosth. et Cic« 3. Der Kaiser schätzte insbesondere seine allerdings in einem schwerwiegen- 2 den Falle versagende Verschwiegenheit und Zuverlässigkeit (Suet. Aug. 66, 3. Epit. de Caes. 1, 16, vgl. Prop. III 9, 34); er setzte sich wiederholt persönlich für seinen treuen Freund und Gehilfen ein und nahm ihn gegen Schmähungen in Schutz (Dio LIV 30, 4), ja er ergriff sogar in einem Streit der Pantomimen Pylades und Ba-thyllos für diesen Partei, weil er ein Liebling des M. war (Dio LIV 17, 5). Dieser hinwieder bewies seine treue Gesinnung und Anhänglich-‘ keit dem Augustus gegenüber unter anderem darin, daß er ihm jährlich zum Geburtstag Geschenke, wie z. B. kostbare Trinkschalen überreichte, Plut. apophth. reg. et imp. p. 97, 5 Bern. II (zur Deutung vgl. Gardthausen I 767f.). M. durfte sich sogar herausnehmen, erziehlich auf den Herrscher zu wirken und seinen Leidenschaften eindringliche Mahnungen mit Erfolg entgegenzusetzen, Dio LV 7, 1–4. Dennoch vermochte Augustus, wo es notwendig schien, die Würde des. Herrschers auch diesem seinem nächsten und einflußreichsten Freunde gegenüber zu wahren. Dio LVI 38, 2. 3. Unter den Freunden des Augustus wird M. aufgezählt, M. Ant. βῖς ἐ. VIII 31, 1, diese Freundschaft gepriesen, Eleg. 1 15. 39. 40. 103. 106. II 11. 19f, Die ausführliche Rede, in der M. (im Gegensatz zu Agrippa) dem Augustus seine Ratschläge in Bezug auf die Form der Monarchie und die Staatsverwaltung erteilt (Dio LII 14–41. [Zonar. X 32 p. 436 Dind. II]), ist nichts anderes als eine Auseinandersetzung Dios selbst, der da seine eigenen Ansichten über die Politik der Severe unter der Flagge des gefeierten Staatsmannes segeln läßt. Vgl. Paul Meyer De Maecenatis oratione a Dione ficta, Dies., Berlin 1891.
M. starb im J. 8 v. Chr., in demselben Jahr wie Horaz, dessen Todestag der 27. November ist (Suet. v. Hör. p. 45 Reiff.) und der seinen Gönner nur wenige Monate überlebte, Dio LV 7, 1; vgl. Vahlen Herm. XXXIII 245f. Ander Grenze des Esquilin fand er seine letzte Ruhestätte (Suet. p. 48), tief betrauert von Augustus, der nun erst, nach dem Hinscheiden seiner treuesten Freunde und bewährtesten Ratgeber und Helfer, des M. und des vier Jahre früher gestorbenen Agrippa, so recht fühlte, was er an diesen beiden Männern verloren hatte, Dio LV 7, 1, Sen. [214] Maecenas.}}
214
de benef. VI 32, 2–4. Suet. Aug. 66, 3. Um ihn und die andern Leidtragenden zu trösten, sind von einem uns Unbekannten die beiden}} Ete-giae in Maecenatem verfaßt, 8. o. la.
V. Privatleben und Charakter. Was dem M. sein besonderes Belief verleiht und seinen Namen unsterblich und für alle Zeiten sprichwörtlich gemacht hat, ist sein Wirken als Beschützer und Verehrer der Musen, sind seine 0 freundschaftlichen Beziehungen zu den großen Dichtern seiner Zeit, Beziehungen, die keineswegs bloß einer augenblicklichen Laune des reichen und mächtigen Mannes entsprangen, sondern aus einem inneren Verhältnis zur Dichtkunst und zu allen literarischen und wissenschaftlichen Bestrebungen hervorgingen. Darüber s, den ‘1. Teil dieses Artikels.}}
Männern von einer strengeren Lebensanschau-ung und nun gar einem Stoiker wie Seneca mit !0 seinen wenigstens in der Theorie hohen Anforderungen an Moral und Zucht, an alte Bömertugend und mannhafte Gesinnung mußte M. freilich als verweichlichter, degenerierter Lebemann gelten. Sen. ep. 19, 9; 92, 35; 101, 10–15; 117, 4- 6; 120, 19, aber auch Vell. II 88, 2 sprechen von der weibischen Verweichlichung und Genußsucht, der er sich hingab, sofern es ihm die Pflichten seines Amtes erlaubten. Iuvenal bezeichnet ihn als}} supinus (1, 66) und tener (12, 39). Die Um-10 weit, der M. entstammte, seine an Behaglichkeit und verfeinerten Genuß gewöhnte Lebensführung brachten ihn so mit den sittlichen Grundsätzen seiner Zeit gelegentlich in Konflikt. Augustus selbst konnte es sich nicht versagen, seinem Freunde diese Eigenschaften in scherzhafter, leicht spottender Art vorzuhalten und auch seine Schreibweise, die nur ein Ausfluß seines ganzen Wesens war, zu karikieren. Seneca wird nicht müde, seine ausschweifenden Passionen und seinen entnervenden 10 Hang zu luxuriösem Leben zu geißeln und seine vom Standpunkt des strengen Moralisten verwerfliche Gesinnung an den Pranger zu stellen. Auch die unrömische und unpassende stutzerhafte Toilette, in der sich ein Mann von so exponierter Stellung wie M. der Öffentlichkeit zeigte, z. B. die ungegürtete Tunica. das Pallium statt der Toga, wird ihm zum Vorwurf gemacht (Sen. ep. 114, 6; vgl. Eleg. I 21–26, 59. Ps.-Acro sat. 1 2, 64). Daß er überhaupt Vorliebe für feine und 50 aparte Kleidung (Iuven. 12, 39. Mart. X 73, 4), für wertvolle Gemmen und Schmuck zeigte (Macrob. a. a. O.), sich am Ballspiel (Hör. sat. I 5, 48f.) und an üppigen Gastereien ergötzte (es ist für diesen Genußmenschen und Feinschmecker bezeichnend, daß er neue Tafelfreuden ersann und z. B· den Genuß jungen Eselsfleisches – wenngleich ohne dauernden Erfolg – einführte, Plin. n. h. VIII 170) und das weibliche Geschlecht (Dio LIV 30, 4. Plut. amat. p. 427 Bern. IV), aber auch Lust-60knaben liebte, darf bei diesem im Wohlleben aufgewachsenen und verwöhnten, für Lebensgenüsse aller Art so empfänglichen Mann, der auf niemand Rücksicht zu nehmen hatte, nicht weiter Wunder nehmen. Zu seinen Lieblingen gehörte der Pantomime Bathyllos (Tac. ann. I 54. Dio LIV 17, 5. Sen. controv. 10 pr. 8. Schol. Pers. 5, 123, e. o. IV). Sein Familienleben aber gestaltete sich aus anderen Gründen unglücklich. [215] juaeceuas-
M. war vermählt mit Terentia, Suet. Aug. 66, 3. Dio LIV 19, 3. Sen. dial. I 3, 11 (als concubina Maecenatis bezeichnete sie Ps.-Acro epod. 3, 21). Es war zunächst eine Liebesheirat, die Hör. carm. II 12 besingt (unter Licymnia Z. 13. 23 ist eben Terentia zu verstehen; vgl. Ps.-Acro zu Z. 13 und zu sat. I 2, 64); sie war kurz vor dem Erscheinen dieses Buches der Gedichtsammlung (im J. 23 v. Chr.) geschlossen worden, s. Kiessling-Heinze z. St. Als im J. 23 (vgl, Dessaul Prosop. imp. Pom. III 304) der Adoptivbruder der Terentia, L. Licinius Mnrena, nach seiner Adoption A. Terentius Varro L. Licinius Murena genannt, sich gegen Augustus verschwor, da verriet M. seiner Gemahlin die Aufdeckung dieser Verschwörung, was ihm, dem sonst so Verschwiegenen (s. o. IV), der Kaiser übelnahm, Suet. Aug. 06, 3; vgl. Dio LIV 3, 5. Die Ehe scheint kinderlos geblieben zu sein; nicht nur, daß wir nichts von Söhnen oder Töchtern des M. hören, 2' auch 1er Umstand, daß M. den Augustus zum alleinigen Erben seines Vermögens einsetzte (s. u.), weist darauf hin.
Späterhin war Augustus selbst daran schuld, daß sich das Verhältnis des M. zu seiner Gattin verschlechterte. Der treue Ratgeber des Monarchen mußte erleben, daß Terentias Liebe in demselben Maße erkaltete, wie der Kaiser ihr seine Neigung zuwandte und sie für begehrenswerter hielt als seine eigene Gemahlin Livia. Dieses 31 Verhältnis wurde bald so offenkundig, daß Augustus, angeblich nur deshalb, um dem öffentlichen Skandal auszuweichen, es vorzog, in die Provinz zu reisen; er ging im J. 16 v. Chr. nach Gallien, wohin ihn wohl vor allem die Nachricht von der Niederlage des Lollius rief, Dio LIV 19, 3. 6; vgl. LV 7, 5. M. dachte an Scheidung, doch scheinen jene intimen Beziehungen zu Augustus nicht die einzige Ursache dafür gewesen zu sein, sondern Terentia selbst fühlte 4( eine wachsende Abneigung gegen ihren alternden Gatten und quälte ihn mit ihren Launen, Sen. dial. I 3, 10; epist. 114, 4. 6. Eleg. II 7–10. Von dem Ehestreit zwischen M. und Terentia, die nach einer gerichtlichen Scheidung von neuem heirateten, spricht auch Javolenus (Priscus) in der Bearbeitung der Posteriores des (M. Antistius) Labeo, wo ein Gutachten des Juristen C. Treba-tius über diesen Fall zitiert wird, Dig. XXIV 1, 64. 50
M. verstand es nicht nur, sein fürstliches Vermögen zu genießen, sondern auch als Grandseigneur von weitem Blick einen freigebigen und vornehmen Gebrauch davon zu machen und, was ja vor allem seinen Ruhm bei der Nachwelt aus-macht, alle aufstrebenden Talente, Literaten, Dichter und Männer der Wissenschaft, durch reiche Zuwendungen und auch durch das Gewicht seiner einflußreichen Persönlichkeit wie durch den ideellen Wert seiner Freundschaft zu fördern. 60 Vielfach sind die Spuren seines Reichtums auch für uns noch zu erkennen. Die Pracht seines Palastes in Rom wird uns eindringlich geschildert; er lag im Osten der Stadt, auf dem Esquilin, inmitten weiter Parkanlagen und gewährte mit seinen vielstöckigen Terrassen und Galerien, daher turris Maeeenatiana genannt (Suet. Nero 38, 2 [= Oros VII 7, 6]), eine wundervolle Aus- [216] sicht auf die Albaner- und Sabinerberge (Hör. carm. III 29, 6–10, dazu Porph.; vgl. epod. 9, 3 alta... domo)) die Schönheit und Weite der horti Maecenatis mit dem darin gelegenen Palaste machte diese Anlage nachmals zn einem würdigen Aufenthalt der Kaiser, in deren Besitz sie durch das Vermächtnis des M. an Augustus über-gegangen waren. Dahin zog sich Augustus zurück, wenn er krank war (Suet. Aug. 72, 2); auch Tiberius nahm dort nach seiner Rückkehr aus Rhodos seinen Aufenthalt (Suet. Tib. 15, 1). Nero beobachtete von der turris Maecenatiana aus den Brand Roms (Suet. Nero a. a. O.; vgl. 31, 1 und Tac. ann. XV 39). Im 2. Jhdt. finden wir Fronto als Eigentümer dieser Parkanlagen (ad M. Caes. 1, 8 p. 23 N.); vielleicht hatte er sie als kaiserliches Geschenk erhalten. Hingegen scheint bei Philo leg. ad Gaium c. 44, 351 p. 219 R (κήπων... τοῦ τε Μαικήνα καὶ Λαμία)
eine Verwechslung mit den horti Maiani vorzuliegen, s. Hirschfeld Kl. Schr. 529f. Erwähnt werden die horti Maecenatis außerdem noch Donat. v. Verg. p. 57 R. = 735 H. = 3 Br., vgl. Hör. sat. I 8, 7 (dazu Schol.). Eleg. I 35. Über ihre Lage auf dem Esquilin an der Serviusmauer (Hör. sat. I 8, 8–16. II 6, 33 und Schol. dazu. Donat. a. a. O. Suet. Tib. 15, 1; Nero 31, 1) s. Jordan-Hülsen Topogr. d. Stadt Rom I 3, 346f. Richter Topogr. d. Stadt Rom² 313. Gall) o. Bd. VIII S. 2485f. Keineswegs sicher ist, daß gerade in diesen Gärten (wie Richter meint, s. dagegen Hülsen und Gall) M. ein Schwimmbecken mit warmem Wasser eingerichtet hat, das erste dieser Art in Rom (Dio LV 7, 6). Aber vielleicht hängt es mit dem Besitz dieser Gärten zusammen, daß ihm Sabin(i)us Tiro sein Buch über Gartenbau (κηπουρικῶν) widmete, Plin. n. h. XIX 177. Weit ausgedehnte Besitzungen des M. gab es auch in Ägypten; diese sind dann als οὐσία) Μαικηνα(ι)τιανή gleichfalls kaiserliche Domäne geworden. Wir finden sie oft in Papyrusurkun-den erwähnt, BGU I 181, 7 (aus dem J. 57). III 889, 17. 22 (J. 116/117) nach der Lesung von Wilcken Herm. LIV Ulf. Goodspeed Papyri from Karanis, Studies in Class. Philol. III 81, 4 (J. 158) und 61 (s. Wilcken P. Arch. I 557); ders. Class. Philol. I 168f., 3 (J. 143). P. Ryl. II 171, 14 (J. 56/57); 207 (Anfang des 1. Jhdts.). 383 (2. Jhdt.). P. Hamb. 3, 4 (J. 74); 34, lüf. (J. 159/160). P. Lond. III p. 89 (1. Jhdt.). P. leb. II 343 iv 76 (2. Jhdt.). Vgl. auch Hirschfeld Kl. Schr. 517f. 554. Rostowzew Kolonat 122. Ein C. Maecenas Gratus wird in einem Papyrus aus Hawara aus dem J. 15 n. Chr. genannt, Milne P, Arch. V 380f., 41, es ist vielleicht ein Freigelassener des M. und einstiger Verwalter seiner Güter in Ägypten. Wohl gleichfalls seine Freigelassenen sind in den stadtrömi-schen Inschriften (CI C VI 4610. 7245 [dazu 33 242 = 11563]–7256. 10 295. 17 762. 21771 (s. o. Π)–21785. 34134 (= 20 983). 35 756. 35 757, ferner X 2687 genannt. Über die Sklaven, die ehemals in seinem Besitz waren und daher dann noch die Zusatzbezeichnung Afaecenatiani fuhren, s. o. II. Schon die große Zahl der zufällig bezeugten Sklaven und Freigelassenen, zu denen auch der Pantomime Bathyllos (s. o. IV) gehörte (Schol. Pers. 5, 123. Sen. controv. X pr. 8), [217] spricht für ein zahlreiches Gesinde in diesem fürstlichen Haushalt. Daß zu seinen Besitzungen auch berühmte Weinberge gehörten, ersehen wir aus der Bezeichnung vina Maecenatiana für eine bestimmte Weinsorte, Plin. n. h. XIV 67. In seinem Testament setzte M. den Kaiser Augustus zum Universalerben dieses großen Vermögens ein, wobei er es der freien Verfügung des Kaisers anheimstellte, einige seiner Freunde mit kleineren Legaten zu bedenken (Dio LV 7, 5); so sind, 1 wie gesagt, seine Sklaven, seine Landgüter und sein Palast mit dem prächtigen Park in kaiserlichen Besitz gekommen.
Über sein Äußeres erfahren wir nichts; alle Versuche, antike Porträts auf ihn zu beziehen, entbehren der sicheren Begründung (J. J. Bernoulli Köm. Ikonogr. I 237–245). Sein Gesundheitszustand ließ in seiner späteren Zeit sehr viel zu wünschen übrig. Angeblich verbrachte er die letzten drei Jahre seines Lebens, dauernd von* Fieber geschüttelt, in gänzlicher Schlaflosigkeit (Ein. n. h. VII 172), wie sehr er sich auch bemühte, durch künstliche Mittel den Schlaf heroei-zuführen (Sen. dial. I 3, 10); schließlich suchte er sein Leiden im Wein und in Vergnügungen aller Art zu betäuben (Sen. a. a. O.). Aber auch schon in jüngeren Jahren befiel ihn schwere Krankheit, die Todesahnungen in ihm aufkommen ließ (Hör. carm. II 17, geschrieben nicht lange nach dem J. 30 v. Chr., s. Kiessling-Heinze z. St.), ί
Seine vornehme, freie Denkweise, sein auf das Große gerichteter Sinn, sein geistvolles Wesen und seine glänzende Begabung werden selbst von seinen Gegnern anerkannt (magni vir ingenii Sen. ep. 114, 4; habuit. ingenium grande et virile Sen. ep. 92, 35; ingeniöse ille vir 19, 9, nur immer mit der Einschränkung, daß ihn ebenso das Glück wie das Unglück ungünstig beeinflußte). Noch mehr seine Mäßigung und Milde, die sich einmal darin zeigt, daß er seine weitreichende-Gewalt niemals zu Bluturteilen mißbrauchte (Sen. epist. 114, 7; vgl. Eleg. I 16), ja sogar seinen ganzen Einfluß airfbot, um auch Augustus zur Gnade und Milde umzustimmen (Dio LV 7, 2). Diese Eigenschaften verschafften ihm viele Freunde, ja, er erfreute sich einer Beliebtheit, die ihren geradezu rührenden Ausdruck fand, als M. nach langer schwerer Krankheit (s. o.) zum erstenmal wieder in der Öffentlichkeit, im Theater, erschien und ihn das Volk mit stürmischem Jubel begrüßte (Hör. carm. I 20, 3f. II 17, 25f.); auch daß er trotz der Ehren und Auszeichnungen, mit denen ihn der Herrscher überschüttete, nicht übermütig wurde, sondern sein schlichtes, freundliches Wesen bewahrte, gewann ihm die Herzen aller (Dio LV 7, 4). Über den Kreis von Dichtern und Literaten, die ihn als feinsinnigen Förderer und Gönner verehrten, s. u. den II. Teil, ebd. auch über seine eigenen Leistungen als Schriftsteller. Hier wäre nur noch zu erwähnen, daß dem M. auch die Erfindung einer Art von Schnellschrift zugeschrieben wird, deren Kenntnis er durch seinen Freigelassenen Aquila verbreiten ließ, Dio LV 7, 6; nach Suet. de vir. inl. p. 136 K = Isidor, orig. I 22, 2 war es nur dieser letztere, der zu den tironischen Noten neue hinzufügte; vgl. auch Friedr. Maier 329–336. A. Mentz ebd. 1907, 325. [218]
VI. Literatur. Eine erschöpfende, aber viel zu weitschweifige Darstellung vom Leben und Wirken des M. gibt schon J. Meibom Maecenas, Lugd. Bat. 1653. Sonst kommt von älteren Schriften dieser Art noch in Betracht: Frandsen C. Cilnius Maecenas, Altona 1843. Aus neuerer Zeit Gardthausen Augustus und seine Zeit I 762–784. II 432–445 u. ö. Dess. Prosop. Imp. Rom. II 315–318. [Stein.] .0 A. Maecenas und die zeitgenössische Literatur. Wie der Name Caesar zum Gattungsnamen geworden ist, so auch der des M. Kein Zweifel, die Unsterblichkeit dankt M. vor allem dem Horaz und dem Vergil; anders faßt das Verhältnis schon Martial (VIII 56, 5) sint Maecenates, non deerunt... Marones. Wieso ist aber gerade M. zum besonderen Förderer und Anreger und zwar gerade der bedeutendsten zeitgenössischen Dichter geworden, obwohl doch neben ihm der feinge-Î0 bildete Patrizier Valerius Messala. der scharfsichtige, temperamentvolle Asinius Pollio und sogar des Kaisers Schwiegersohn Agrippa standen ? Der Reichtum kann nicht allein der Grund gewesen sein, denn auch die Genannten sind mit äußeren Gütern gesegnet gewesen. Die eigenen literarischen Neigungen geben auch keine hinreichende Erklärung, waren doch Messala, Pollio, Agrippa als Schriftsteller zweifellos bedeutender. So werden Dessau (Röm. Kaiserzeit I 488ff.) und 30vor allem F. Marx (R.M. LXXIV 174f.) Becht haben, wenn sie darauf hinweisen, daß M. hier im Auftrage des Augustos handelte: ,Als oberster Polizeichef hatte er die Aufsicht über die Entwicklung des Schrifttums in gebundener und ungebundener Rede* (Marx). So erklärt es sich auch, daß er, soweit wir klar sehen (Vergil, Horaz, Properz), schon bewährte Dichter heranzog und sie in die Bahn der augusteischen Politik drängte; er bildete durch sie sozusagen eine offizielle Presse. 40 Äußerungen, wie Verg. Georg. III 41. Hör.
Epod. 14, 5. Prop. III 9, 52 sollen des M. Eifer und Einfluß zeigen, nicht aber, daß er den Dichtern unbequem wurde. Wenn anderseits der dem Ritterstand entstammende Tibull sich an den vornehmen Messala anschloß, der Töpfersohn Vergil aber und der Libertinensohn Horaz an den gegenüber der vornehmen klassenbewußten Nobilität zurückhaltenden Etrusker, so haben da gewiß auch persönlich tiefgegründete Zu- und Abnei-50 gungen mitgespielt. Auch ist Hang zum Epikureismus nicht zu übersehen (vgl. weiter unten). Außer Vergil, Horaz und Properz, der aber erst später zu dem Kreise trat, versammelte M. um sich noch L. Varius, Plotius Tucca, Quintilius Varus, Aristius Fuscus, Valgius Rufus, Domitius Marsus (Hör. Sat. I 5, 40. 10, 81. Epist. I 3, 438. Vgl. noch Carmen ad Pisonem 237ff. Buecheler R. M. XXXVI 336f.). Wie M. im einzelnen den Kreis anregte, wie ein steter litera-60 rischer Verkehr zwischen den Dichtern herrschte, können wir noch an Einzelheiten sehen. So hat Properz erst mit Vergil sich genauer beschäftigt, als er in den Kreis des M. getreten (Reisch Wien. Stad. IX 120). Eine genaue Darlegung all dieser Verhältnisse muß naturgemäß hier unerörtert bleiben; nur einiges sei angemerkt: Horaz erzählt genau seine Einführung bei M. durch Vergil und Varius (Sat. I 6, 54), er erhält von ihm das [219] Sabinum (Cann. II18,14. Sat. II 6. Epist. 116). Er widmet dem M. das I. Satirenbuch, von M. handeln I 5. 6. 9; er gedenkt seiner im II. Satirenbuch (II 3, 312. 7, 33. 8, 16. 22). Von M. gedrängt, publiziert er das Epodenbuch (Ep. 14), richtet an ihn die Widmung 1, ferner noch 3 und 9. Die ersten drei Oden-bücher sind wieder ihm gewidmet und an ihn gerichtet 1 1, 20. II 12, 17. 20. II 8, 16. 29). Das erste Epistelbuch trägt auch die Widmung an M., ferner sind an ihn 7 und 19 gerichtet. Zu Unrecht hat man geglaubt, M. und Horaz seien allmählich einander entfremdet worden (vgl. besonders Österlen Neue Jahrb. CXLVII e 305). Gewiß wird es bei dem starken Temperament und Unabhängigkeitssinn des Horaz und dem launischen Wesen des M. hie und da Verstimmungen gegeben haben, aber sie wurden natürlich überwunden, so ist auch Epist. I 7 zu verstehen. Das Testament dfes M. (Vita Suet. 2 Hör.) beweist den Freundschaftsbund bis zum Tode des M. Ob wirklich bei Horaz sich gar in Einzelheiten Anklänge an M. finden, wie Lunderstedt (a. a. O.) will, scheint mir nicht streng nachweisbar. Wenn das 4. Odenbuch nur kurz und gar ohne Anrede des M. gedenkt (11, 19}} Maecenas meus), ferner das 2. Epistelbuch trotz seines literarischen Inhaltes nicht an M. gerichtet ist, so beweist gerade der ganz auf Augustus und sein Haus eingestellte Inhalt von Oden- 3( buch IV und die Widmung des 1. Briefes von Epistelbuch 11, daß Horaz eben im Sinne des M. handelte. Schlüsse also auf eine Abkehr von M. kann ich hieraus nicht ziehen.
Die gleiche Entwicklung wie bei Horaz zeigt sich bei Vergil. Zunächst schon unabhängig von M. ein angesehener dem Oktavian nicht fremder und ihm dankbarer Dichter, wird er von M. zu den Georgien angeregt, die dem M. gewidmet sind, aber schon den Caesar feiern (I 25, 498ff. III 4( 16ff.), um dann in der Aeneis ganz im Sinne des Augustus zu dichten. Gleiches ist bei Properz zu sehen. Im ersten Buch wird des M. noch nicht gedacht; gleich aber in der ersten Elegie des II. Buches tritt M. als Gönner auf*. (73) Maecenas, ftostrae spes invidiosa iu-ventae, M. weist ihn auf die hohe Poesie, er lehnt noch ab II 10, aber er gedenkt bereits des Caesar II 1, 20. 7, 5. 31, 2 und geht die hier ange-50 zeigte Bahn im 3. [3. und 9.] und im 4. [1 a, 2, 3, 9, 10]) Buch. Auch tei den kleineren Geistern läßt sich noch eine oder die andere Spur der Beeinflussung zeigen. So wenn C. Melissas die Fabula trabeata schafft, es ist eine Auffrischung nationalen Lebens, das lag in der Restaurationspolitik des Kaisers (Suet. De Gram. 2. Ovid. Ex Ponto IV 16, 29). Ebenfalls ein Freigelassener des M., Sabinius Tiro, schrieb ein Buch Über den Gartenbau, das er dem M. widmete. 60
Auf den toten M. hat ein unbekannter, aber zeitgenössischer (vgl. Skutscho. Bd. IV S. 944) Dichter, wohl derselbe, der die Consolatio ad Liviam gedichtet (11, II 4, 31) zwei Elegien geschrieben. Die erste ist an eiben Lollius, wohl den Consul vom J. 21, gerichtet und verteidigt den M. wegen seiner Lebensweise. Die Disposition ist recht locker und diefohne Vermittlung}}, [220] v, 57ff., einsetzende Anrede des Bakchus nur so (vgl. jetzt Holland Wien. Stud. XLV 81) oder mit Annahme einer Lücke zu erklären.
Das zweite Gedicht läßt den M. vor seinem Hinscheiden zum Kaiser sprechen; es bietet eine Selbstcharakteristik (eram vere pectoris ipse fui). Enoch von Ascoli hat die Verse entdeckt (1451–1455), der Vossianus lat. oct. 96 (Leyden) 15. Jhdt., bietet die Subscriptio: finit elegia Vir-to gilii Moronis in Maecenatem inventa ab Henoc in Dacia (vgl. dazu Vat. lat. 3269 saec. XV und Gotting. Phil. 116). Scaliger sah, daß es sich um zwei Gedichte handelt. Neueste Ausgabe mit genauer Ausnützung der Überlieferung: F. Vollmer Poetae lat. min. I 143–155.
Nicht unerwähnt darf endlich bleiben, daß M. auch eine Bereicherung tachygraphischer Noten angeregt hat; denn Gass. Dio LV 7 πρώτος σημεία τινὰ γραμμάτων πρὸς τάχος ἐξεῦρε καί to αὐτὰ δὶ Ἀχύλου ἀπελευθέρου συχνοὺς ἐξεδίδαζεν wird nicht durch Isid. orig. 1 22... Aquila libertus Maecenatis alias ('notas) addiderunt aufgehoben, sondern nur bestätigt. (Vgl. I. Teil).
B. Eigene literarische Tätigkeit.
I. Prosa. Zitiert werden folgende Werke bezw. Stellen:
a) Sen. epist. 19, 9 Volo tibi hoc loco re ferre dictum Maecenatis: vera in ipso eculeo docuit: ,ipsa enim altitudo attonat summa*; si quaeris,.) in quo libro dixerit: in eof qui Prometheus in· scribitur. hoc voluit dicere: ,attonita habet summet (sie hat angedonnerte Spitzen); est ergo tanti ulla potentia, ut sit tibi tarn ebrius sermo? Ingeniosus vir Ule fuit, magnum exemplum Romande eloquentiae daturus, nisi illum enervas· set félicitas, immo castrasset,.. Seneka führt als Beweis des ,trunkenen Stiles* des M. an, daß er attonare in wörtlicher Bedeutung gleich dem griechischen ἴμβρονταν verwendet, und zwar im) Aktivum, während es sonst bekanntlich (Ovid. met. III 531) in übertragenem Sinn und gewöhnlich nur im Partizipium perfecti passivi im Gebrauche war; daher sagt er attonita höhet summa. Das Auffallende des Ausdruckes ergab sich auch dadurch, daß es sich um einen ganz gewöhnlichen Topos der Popularphilosophie handelte (Horaz II 10, 9–12. Herod. VII 10, 5. Ovid. rem. am. 369f. Statius Silv. II 7, 90f. Claud. cann. min. XXII 35ff. Sen. Ag. 57ff. 92ff.; Phaedr. 1123ff.; । Oed. 8ff.; Oct. 895ff. Anth. Pal. X 122, 5ff,). Die Worte sind Prosa mit kretisch-trochäischer Klausel ättonät summa. Alle Vermutungen, die von der Voraussetzung ausgingen, es handle sich um einen Vers, können demnach übergangen werden Der Titel Prometheus weist auf einen Dialog in der Art menippeischer Satire (Hirzel Der Dialog II 6ff.).
b) Sen. epist. 114, 4. Er erörtert den Zusammenhang zwischen Stil und Persönlichkeit und zeigt, daß mit einer bestimmten Lebensform eine bestimmte Stilgattung verbunden ist. So wendet er den griechischer Doktrin entlehnten Satz talis homimbus fuit oratio qualis vita auf M. an 4ff.: Wie M. gelebt hat, ist bekannter als daß es jetzt erzählt werden müßte, wie er einherstolzierte, was für ein Stutzer, wie eitel er gewesen, wie gern er seine Besonderheiten zur Schau trug. Natürlich ist sein Stil ebenso frei. [221] wie er selbst frei in seiner Tracht war. Seine Sprache trägt den Stempel seiner Lebensart, seiner Begleitung, seines Hauses, seiner Frau. Er wäre ein großer Mann gewesen, wenn er nicht solche Kaprizen gehabt, wenn er nicht der Deutlichkeit ausgewichen, wenn er nicht sogar im Ausdruck zerflossen wäre. So wirst du also die Sprache eines Trunkenen sehen, verworren, irr und regellos. Darauf steht im Text nach dem Cod. B(ambergensis): Maecenas de cuitu suo (mit größeren Buchstaben); quid turpiusamne sil-visqu' (neues Blatt): ripa comantibus. vident alvcum lyntribus arent. verso; que vadaremit-tunt. hortos? quid siquis feminae cinno | crispai et labris columbatur incipitque suspi-rans. utcer | vice lassa fanantur nemoris tyrannie inremediabilis fac | tior imantur epulis lagonaque temptant domos et spe | mortem exi-guni genium festo rixsuo testem. tenuisve cerei fila, et crepacem molam. focum mater autuxor investi | unt. Die Interpunktion rührt von ma-nus 2 her, in remittunt ist u von manus 1 in ά geändert. Seneka fährt fort: Wenn du dies liest, wird dir nicht sofort vorkommen, daß es der ist, der in Ioser Tunika immer in der Stadt herumging, ... daß es der ist, der auf dem Richtersitz, auf der Rednerbühne, in jeder öffentlichen Versammlung so erschien, daß bis auf die beiden Ohren das Haupt mit dem Pallium umhüllt war...? Diese Worte, so verwegen konstruiert, so rücksichtslos hingeworfen, so außergewöhnlich gestellt, zeigen, daß auch sein ganzes Gehaben ebenso neu, außergewöhnlich, eigenartig gewesen ist... Es ist klar, daß er ein Weichling war... Das werden die verdrehte Wortstellung, das die schiefen Ausdrücke, das die zwar oft großen, aber zum Schlüsse schwächlichen Gedanken jedem klar- machen, daß eben ihm durch allzu großes Glück der Kopf verwirrt wurde ... sie wollen selbst getadelt werden, nur aber eine Zeitlang auffallen. So ist der Stil des M. und aller anderer, die nicht zufällig irren, sondern absichtlich und mit Willen.
Die bei Seneca aus M. zitierten Stellen sind nach vielen Heilungsversuchen also zu lesen: [M. de cuitu suo], quid turpius tamne silvisque ripa comanti-bus, vide ut ,alveum lintribus arent versoque vado remittant hortos* quid? si quis ,feminae cinno crispât et labris columbatur incipitque suspirans, ut cervice lassa fanantur nemoris tyranni* – inremediabilis factio' – rimantur epulis lago-naque temptant domos et spe mortem exigunt* – .genium festo vix suo testem* – ,tenuisve* cerei fila et crepacem molam ,focum mater aut uxor inyestiunt*. Also [M. über seine Lebensweise:] Gibt es eine häßlichere Wendung als ,der Strom und die Wälder grünen am Ufer*. Sieh weiter, wie sie .das Flußbett pflügen mit Kähnen und nach Durchfurchung der Flut hinter sich lassen die Gärten*. Ferner wenn einer [schreibt], ,einer Frau zuliebe verzieht er mit Augenzwinkern das Gesicht, und er schnäbelt nach Tanbenart mit den Lippen und er beginnt seufzend, wie mit schlaffen Nacken rasen des Haines Herren*, [ferner] ,die unheilbare Partei [oder] ,sie forschen aus bei Gelagen und versuchen mit Zecherei die Bewohner des Hauses und durch [falsche] Hoffnung erstreben eie die Bestrafung mit dem Tode* [oder] ,den [222] Genius möchte ich kaum an seinem Festtag zum Zeugen anrufen* [oder] »mit dünnen Wachslichtes Dochte und knisterndem Opferschrot umkleiden den Herd Mutter oder Gattin*. Die Fehler, die Seneka rügt, sind etwa folgende}}: comari »grünen⁴ vom Flusse ist, nach unseren Wörterbüchern zu schließen, singulär, auch sind die Worte contra consuetudinem posita, endlich ist der Rhythmus ivlpu;
10 er erinnert an Stellen wie Plaut. Pseud. 1285}} vôx vlri (ähnlich Norden 293). Ebenso ist alveum ... horte* im Sprachgebrauch und Rhythmus auffallend, fe* minae ... crispât ist in bezug auf den Rhythmus in Ordnung, doch in seiner Syntax ungewöhnlich, denn sowohl der Dativ feminae wie der Ablativ cinno sind sonderbar, dazu kommt das vulgäre Wort cinnus; auch in columbatur erscheint ein auffallendes, wohl vulgäres Wort. Dazu kommt,
20 daß dieses Kolon mit dem folgenden indpitque suspirans durch den ganz gleichen Rhythmus gebunden ist ‘** ui cervice... tyranni sind fanantur und tyranni gleich Tiere (Nordens Erklärung Galli scheint mir nicht gesichert) als verba transversa zu tadeln, auch der durchgeführte bakcheisch-molossische Rhythmus mit dem Anaklomcnos---1–
für die Prosa sonderbar. Gleiches gilt von dem folgenden Kolon}}: Inremediabilis ist eine für die
30 Prosa auffallende Neubildung, zu vergleichen mit dem vergilischen}} sind wieder verba transversa, der Rhythmus ist auffallend: Cretiddurch Dochmii unterbrochen: -vcv genium... festem enthält das auffallende Aktivum testare und dem Rhythmus zuliebe eine Traiectio feste vix suo. Das Kolon tenuis... investiunt gehört, wie Norden sah, zusammen.
40 Seltener Ausdruck (crepacem), kühnes Hyperbaton (tenuis oerei fila statt tenuia... fila) und auffallende Akkusativkonstruktion rechtfertigen den Vorwurf Senekas (verba transversa, improbe structa, neglegenter abiecta). Die Zitate stammen aus der Schrift de cultu suo, den Titel hat wohl ein Glossator in den Senekatext eingefügt, denn Seneka fügt sonst Titel anders seinen Worten zu. Es handelt sich wohl wieder um eine Stelle aus einem Dialog.
50 c) Serv. Aen. VIII 310 Faciles oculos fert omnia circum*. physici dicunt ex vino mobilia-res oculos fieri: Plautue... hoc etiam Maecenas in symposio, ubi Vergilius et Horatius inter-fuerunt, cum ex persona Messallae de vi vini loqueretur, ait [ita ul Codd.]: idem umor mini-straf faciles oculos, pulchriora reddit omnia et dulcis iuveniae reducit bona, Auffallend ist dem Grammatiker der Gebrauch von facilis. Auch Plautus hat es, es ist vielleicht der Umgangs-
60 spräche entlehnt; Grund genug für den Grammatiker, es anzumerken. Das erste Kolon schließt mit zwei Anapästen «---, ein immerhin für Prosa auffallender Rhythmus, das zweite zeigt trochäischen und kretischen Rhythmus, wobei doch die drei Cretici am Schlüsse -- -*–* auch noch auffallend sind, sowie, daß ihm vier Trochäen und ein Spendens voraufgeht. Es ist also eine Prosa, in der die Grenze zwischen Poesie}} [223] und Prosa schon sehr verwischt ist. Die Stelle stammt wohl wieder aus einem Dialog, der die seit Platon und Xenophon beliebte Einkleidung des Gastmahles festhielt; nur darf man deshalb nicht wieder an direkten Anschluß im Inhalt denken, es liegt wohl eher eine heitere Unterhaltung als ein bedeutendes philosophisches Gespräch zugrunde. Dazu führen drei weitere hier zuziehende Anführungen bei Suid. s. v. ἐγγώνιος τράπεζα, Ἰόρτιος und Μαικήνας, die bei ihm auf Plutarch 1 zurückgefiihrt werden. Es werden die Worte eines beim Symposion (Suidas spricht zweimal von σύνδειπνον) anwesenden Gastes angeführt, die ob ihrer aufgetragenen Schmeichelei Heiterkeit erregen (... τράπεζα ἐγγώνιος ἤν ὑπὸ τῆ κλισία, τὸ δὲ μέγεθος μεγίστη καὶ κάλλος ἄμαχος καὶ οἰὰ εἰκὸς ἐπήνουν ἄλλοι ἄλλως αὐτήν, ὁ δὲ Ἰόρτιος ... ἐκείνο δὲ οὐκ ἐννοείτε, ω φίλοι συμπόται, ὡς στρογγυλὴ ἐστὶ καὶ ἄγαν περιφερῆς.. .).
d) Charisius Gr. L. I 146, 28f. K. zitiert für 2 die Form volucrum Maecenas in dialogo II. Kombinationen über den Inhalt dieses Dialoges, wie sie z. B. Harder und nach ihm Schanz vorbringen, entbehren jeder ernsten Grundlage; die Wortform ist vielleicht wie ähnliche Analogie-formen aus der Umgangssprache genommen.
e) Priscianus X, Gr. L. III 356, 6f. H. zitiert für das wohl vulgäre Perfektum pexi eine Schrift des M. in Octaviam: pexisti capillum naturae muneribus gratum. Es ist wieder rhythmisch auf· 3 fallend gestaltete Prosa:---1*–|---||--Hs
also etwa drei Bakcheen (oder Bakcheen und Molossi) mit choriambischtrochäiseher Klausel. Übrigens erinnert die Wortwahl an poetische Diktion (vgl. Prop. I 2,1–5). Umstritten ist die Schrift, aus der das Zitat stammt. Vielleicht ist doch die Konjektur in octavo (Krehl) noch am einfachsten und den Versuchen (Harder, Lun-derstedt) die überlieferte Lesung durch Interpretationen (eine Schrift gegen Octavia, Brief an 4 Octavia) vorzuziehen; denn diese Erklärungen sind sachlich, bzw. sprachlich auch nicht einwandfrei. Faßt inan in octavo seil, dialogo oder libro diaiogorum, so paßt das in das Bild der Schriftstellerei des M., wie wir sie bisher erschließen konnten. *
f) Charisius 79, 4 Maecenas in X kann diese Annahme bestätigen denn er meint hier, wie 146, 29 (= d oben) beweist, dialogo, und da paßt nun ein erschlossenes 8. Buch recht gut. 5( Der zitierte Hexameter: ingeritur (ingeribus Codd., Konjekt. von Paldamus) fumans calido cum farre catinus würde beweisen, daß die Dialoge die Form der menippeischen Satire hatten (vgl. noch Gr. L. V 575, 1–2 K.).
Ermitteln läßt sich also eine Sammlung dia-logi mit recht buntem Inhalt, überdies in rhythmisch und sprachlich auffallender Diktion. Was sonst an direkten Zitaten, wenn auch ohne irgend einen Titel überliefert wird, kann in diesen Rah- 60 men leicht eingefügt werden oder sprengt ihn zum mindesten nicht: a) Es zitiert Quint. 1X4, 28 als Beispiele für fehlerhafte Hyperbata (vgl. auch Marx Auct. ad. Herr. 191): Maecenatis: sole et aurora rubent plurima – inter sacra movit aqua fraxinos – ne exsequias quidem unus inter "niserrimos viderem meas. Es sind drei Sätze, wohl aus einer Schrift zitiert. In [224] allen drei Stellen sind nach Quintilian die Hyperbata so kühn, daß die Komposition fehlerhaft ist. Tatsächlich wird plurima von aurora so getrennt, wie es sonst Dichter tun, vgl. z. B. die Wortstellung bei Ovid. met. XIV 53 medio cum plurimus orbe sol erat; dann gehört inter zu dem durch drei Worte getrennten fraxinos und movit schiebt sich zwischen Adjektiv und Substantiv ein; meas ist gar zu dem drei Worte Ovor ihm stehenden exsequias zu beziehen. Auch die Diktion ist poetisch, z, B. erinnert sacra aqua an Hör. carm I 1. 22 ad aquae lene, eaput sacrae mit ebensolchem Hyperbaton wie bei M., auffallend ist auch die offensichtlich intransitive Verwendung von movere, das so in Verbindung mit dem Subjekte aqua ganz singulär ist, all dies so wie das Hyperbaton ist poetische Diktion in Prosa, eine Sprache, die an Vergil erinnert (EcL II 3 inter densas umbrosa cacumina fagos). Der 0 dritte Satz bekommt bei Quintilian noch einen besonderen Tadel: ... in re tristi ludit compo-sitio. Wenn man mit Beziehung auf Seneka Apoc. 12 den Gedanken als burlesk bezeichnete (Norden), so steht das in Widerspruch zu der Auffassung Quintilians; es ist eher der Sinn: Nicht einmal mein eigenes Leichenbegängnis würde ich, der Allerärmste, sehen*, so zu fassen, daß er von dem Sprecher bedauernd in einem uns weiter nicht klaren Zusammenhang gesagt 0ist; es ist nur zu vermuten, daß der, der nicht einmal sein Leichenbegängnis sieht, von den anderen weiteren Ehrungen des Verstorbenen noch weniger hat. Wir werden in den Kreis jener versetzt, die das Leben hier und nicht etwa Ehren na h dem Tode schätzen. Gewiß kann man da (Harder) an Hör. carm. II 20, 21ff. erinnern: Absint inani funere neniae | luctus· que iurpes et querimoniae | compesce clamorem et sepulcri | mitte supervacuos honores, nur) möchte ich meinen, daß die Tendenz grundverschieden war; denn Horaz denkt an die Unsterblichkeit, M. oder der Sprecher bei ihm, der sich als unus inter miserrimos bezeichnet, an das Gegenteil; denn der Gedanke ist dem des von Seneka ep. 92, 35 zitierten Verses nec tumu-lum curo; sepelit natura relictos ganz parallel. Natürlich liegt wieder rhythmische Prosa vor. rübënt | plürlmä) bilden ein dochmisches Kolon. ... miserrimos vïdêrêm meäs schließen mit zwei) Kretikern. Wenn Harder die Stelle der Schrift de cuUu suo, Norden dem Prometheus zuschreiben wollte, so läßt sich das nicht beweisen, zeigt aber, daß uns unser Gefühl nicht täuscht, wenn wir auch hier ein Zitat aus den Diaiogi vermuten.
ß) Plinius n. h. VII 148 erzählt: (Augusti) Philippensi proelio morbi, fuga et triduo in palude aegroti et (ut fatentur Agrippa et Maecenas) aqua subter cutem fusa turgidi latebra. » Daß hier noch die Worte des M. genau zu erkennen sind, kann ich nicht glauben, auch der Rhythmus, den Lunderstedt konstatieren wili, ist nicht irgendwie sinnfällig. Freilich M. wird angeführt und da möchte man gerne wissen, welcher Schrift die hier vermeldete Tatsache entnommen ist. Lunderstedt denkt mit anderen (Peter [vgl. aber unten], Misch, Niese; an Commentarii des M. Kein Zweifel, derartige Literatur lag im [225] Zuge der Zeit und der Männer, die M. nahestanden; Augustus und Agrippa haben solche geschrieben. Für M. sind sie aber nirgends bezeugt und da scheint es mir doch kühn, aus solchen und ähnlich vagen Stellen, dergleichen zu erschließen. So möchte ich doch mit Peter Hist‘. Rom. Rell. II p. LHVIIeher dieses Zitat den Dialogi zuweisen; natürlich sehe ich auch keinen triftigen Grund, an eine Darstellung des Lebens und der Taten des Augustus durch M. zu denken (s. weiter u.). 1 7) Plin. n. h. IX 25. Solin. XII 7–8 erzählt eine Geschichte von einem gezähmten Delphin. Es erscheint mir nicht richtig, aus der gewiß verwässerten Überlieferung noch den Wortlaut des M. herauszuschälen. Der Rhythmus kann da nichts beweisen, denn es handelt sich gar nicht um irgendwie auffällige Formen; auch die für M. so charakteristische Vorliebe für seltene und von der Schriftsprache abweichende Diktion ist nicht mehr zu erkennen. Es muß genügen, daß wir er- fahren, M. habe die Geschichte erzählt. Es spricht natürlich nichts gegen die Annahme, diese Erzählung stamme aus einem der Dialoge, ö) Plin. n. h. führt in den Autorenverzeichnissen zu IX. XXXII (wohl zu Unrecht vgl. Münzer 368). XXVII M. als Quellenautor an. Nun wird XXXVII 10 (vgl. Suet. Aug. 50. Gass. Dio LI 3, 6f.) von den Siegelringen des Augustus erzählt und dann gesagt quippe etiam Maecenatis rana per colla-tiones pecuniarum in magno terrore erat. Diese, Stelle und damit die Anführungen des M. hat Münzer (Beitr. z. Quellenkritik d. Naturg.d. Plin. 365ff., auf Berichte des Freigelassenen des M. Melissas zurückgeführt; dabei aber nicht beachtet, daß dieser bei Plinius sonst ja als Melissas angeführt wird, und zwar sogar neben M. z. B. im Index IX. Lunderstedt hat also ganz Recht, wenn er betont, es sei auch bei Plinius M. benützt. Weil aber Plinius im Index den M. und Melissas als Autoren nennt, so ist natürlich gegen Lunder· stedt doch eher anzunehmen, daß diese Geschichte über M. Plinius dem Melissas verdankt. Jedenfalls sehe ich keinen Grund, diese Stelle den fiktiven Commentarii zuzuschreiben. Auch sprachlich läßt sich aus der Stelle für M. nichts gewinnen. Wenn öhmichen (Plinianische Studien 82ff.) gar ganze Partien des 37. Buches auf M. zurückführt, so baute er auf Sand. Denn aus den noch zu behandelnden Versen über Edelsteine darf man nicht so weite Schlüsse ziehen. Natürlich können wir über die Schriften des M., aus denen Plinius schöpfte, keinerlei Aussage machen, e) Besonderes Interesse erfordern zwei Stellen des Rhetors Seneka: 1. Suas. 112 wird Vergil von M. im Gegensatz zu Dorion, der eine Metaphrase zu Homer, offenbar doch auch in Hexametern gegeben, gerühmt, daß er erhaben und doch vernünftig sich ausdrücke. Dafür werden zwei Beispiele geboten. 2. Suas. II 20 verteidigt M. gegen Messala einen Vers des Vergil. Man (Harder) hat gemeint hier Reste eines Vergilkommentars zu finden und an Melissas als Autor gedacht, Lunderstedt meinte, es liegen Aussprüche des M. vor. Nun ist gewiß auffallend, daß es an der ersten Stelle heißt: aiebat Maecenas..., an der zweiten Messala aiebat... Maecenas comparabat; Das kann doch nicht als Imperfektum der Wiederholung schlechtweg gefaßt werden, in dem Sinne [226] etwa, daß Messala und M. wiederholt diese Kritik an Vergil zu verschiedenen Zeiten and stets dieselbe an den gleichen Stellen vorbrachten. Überlegt man, daß Messala, aber auch Vergil nebst Horaz im Dialog Symposion als Sprecher auftreten, so ergibt sich vielleicht eine Lösung der Schwierigkeit. M. hat eben in einem der Dialogi mit Messala Fragen des Stiles erörtert und dabei immer wieder gegen seinen Partner .0 die »gesunde Größe⁴ Vergils gerühmt, was diesem gegenüber möglich war, denn ihn charakterisiert Quint. X 1, 113 in bezug auf den Stil als viribus minor. So können die Imperfekta eine Erklärung finden. Geleugnet soll natürlich nicht werden, daß einzelne gelungene Aussprüche des M. im Umlauf waren. Solche werden angeführt bei Sen. contr. IX 3, 13ff. über einen Rhetor Sa· binus Clodius: Τυδείδην δ' οὐχ ar γνοίης, ποτεροισὶ μετειή (= Hom. Il. V 85). Sen. de benef. IV 10 36, 2 non committam ,.. ut sestertio centies obiurgatus sim (die für uns singuläre Verwendung »gestraft werden* gehört offenbar der Umgangssprache an); Cass. Dio LIV 6, 5 über M. Agrippa ZU Augustus: τηλικοῦτον, αὐτὸν πεποίηκας ὥστε ἡ γαμβρὸν σου γενεσθαὶ ἡ φονευθήναι (vgl. Zonar. X 34); Cass. Dio LV 7, 2 zu Augustus ἀνάστηθι ἤδθ ποτὲ δήμιε (vgl. Zonar. X 35. Xiphilin. III p. 533 Boiss. Georg. Cedr. I 301 Bekk. Mich. Glycas III 381f. Bekk.).
JO g) Aus Hör. carm. II12,9ff. tuque pedestribus | dices historiis proelia Caesaris, | Maecenas, melius duetaque per vias | regum colla minaeium hat man schon im Altertum Serv. Georg II 41. (Maecenas) etiam Äugusti Caesaris gesta descrip-sit; quod testatur Horatius dicens folgt die zitierte Stelle...) mit Unrecht auf ein Geschichtswerk des M. geschlossen.
II. Poesie. Die dichterische Tätigkeit bezeugt allgemein Serv. Georg. II 41. Maecenatem fuisse 40 litterarum peritum et plura composuisse car· mina. Dabei muß man aber gar nicht daran denken, daß Servius noch direkt den M. benützte (vgl. Lunderstedt 13.15). Zitiert werden a) bei Sen. ep. 101, lOff. die Verse debilem facito manu, debilem pede coxo,) tuber adstrue gibberum, Iubricos quäle dénies: | vüa dum superest, bene est; banc mihi, vel acuta | si sedeam cruce, sustine (Mach mich lahm an der Hand, lahm an dem Fuß, daß er hinkt, füg hinzu einen buckeligen Höcker, laß mir 50 die lockeren Zähne ausfallen; wenn ich nur weiter lebe, sei es darum. Dieses erhalte mir, selbst wenn ich auf dem Marterpfahl sitzen müßte). Der in meiner Paraphrase wiedergegebene Inhalt wird durch die Senekas bestätigt inde illud Maecenatis turpissimum Votum, quo et débilitaient non récusai et deformitatem et novissime acuiam crucem. dummodo inter hase mala Spiritus prorogetur und läßt für mich keinen Zweifel, daß M. von sich spricht, und wir an den um 60 sein Leben besorgten M. zu denken haben, wie er aus Horaz bekannt ist (anders Lunderstedt). Die Verse sind sprachlich interessant: eoxo, wie überliefert ist, ist als vulgäres Wort anzusprechen, wie sein Fortleben bezeugt: span, ccgo, port, coxo, cat coix (Gröber Arch. f. Lex. I 555, dazu noch die Glossatoren [Cor. gloss. lat. III 468, 37. V 595, 32. 633, 11]. debilem facito statt débilita zeigt die bekannte umgangssprachliche Verwendung [227] von facere· die Häufung tuber gibberosum sei auch hier vermerkt; bene est gehört natürlich in denselben Kreis. Wir müssen also hier zugeben, daß M. sich einer ganz einfachen, volkstümlichen Diktion befleißigt. Das rückt ihn in den Kreis um Catull. zu dem sich auch sonst noch Beziehungen zeigen werden. Wichtig ist aber diese Tatsache, weil sie trefflich stimmt mit der glänzenden Interpretation von Mari’ (Rh. Mus. LXXIV 174ff.), zu der aus Sueton-Donat er-1( haltenen, auf Asconius zurückgehenden Notiz: ,M. Vipsanius nannte ihn, den Vergil, einen von M. aufgestellten Erfinder einer neuen Manier, nicht einer schwülstigen noch einer dürftigen, sondern einer Manier aus gemeinen Wörtern, die eben deshalb unauffällig bleibt* (Übersetzung von Marx der Worte: M. Vipsanius a Maecenate eum suppositum appellabat novae cacozeliae re-pertorem, non tumidae nec exilis, sed ex eom-munibus verbis atque ideo latentis). Erst wenn 2( wir wissen und sehen, daß schon M, sich solch eines Stiles befleißigte, was eben dem scharfsichtigen Agrippa nicht entging, versteht man den Vorwurf, der in suppositum liegt. Die Verse, die natürlich aus einem längeren Gedichte (Schanz spricht von einem Epigramm 1) stammen, sind Priapeen, deren sich Catull. 17 und frg. 1, 2 bediente. Es ist ein Glykoneus mit einem Pherakrateus verbunden (Münscher Herm. LXXIX), nur daß sich M. im letzten Fuß eine 3C daktylische Basis gestattet.
b) Ebenfalls Beziehungen zu Catull zeigt das Suet. vit Hör. p. 45 R, erhaltene Fragment: Maecenas quantopere eum dilex[er]it, satis testatur illo epigrammate: ni te visceribus meis, Horati | plus iam diligo, tu tu[u]m [Überlieferung tutum, corr. Muretus] sodaUm | ninnio [Überlieferung nimio, ninio, ninno, mimo, corr. PithoeusJ Videos strigosiorem (wenn ich dich, H., nicht mehr liebe als mich selbst, so magst 40 du deinen Kameraden als dünnen Klepper sehen), (Hesych vlvvov' τὸν κα[τα]βάλλην ἴππον). Der erste Vers ist offenbar angelehnt an Catull XIV 1 ni te plus oculis meis amarem (die Nachahmung konstatiert auch Kroll z. St. 30), von dort stammt das Metrum, die Basis der Hen-dekasyllaben ist im letzten Fuß trochäisch, was ja bei Catull auch vorkommt. Sprachlich paßt das Gedicht zu a); das Deminutiv ninnius zu ninnus ist als volkstümlich zu erklären. 50
c) Bei Isid. Etym. XIX 32, 6 liest man: Thynius purus est, primum in Bithynia fabri-catus, quam olim Thyuam vocabant. (Maecenas ad) Flaccum. [Überlieferung Flaccus] || lucerües [lugente corr. A1 c i a t u s], mea vita, nec smaragdos | beryllos mihi, Flacce, nec nitentes [beryllosque, mi Flacee nec corr. Alei a t u s] i nee percandida margarita qüaero | nec quos Thynica lima perpolivit | anulos neque iaspios lapillos ||. Die Verse trotz der Über- 60 lieferung dem M. zuzuschreiben, berechtigt eine auch sonst interessante Stelle bei Macrob. Sat. II 4, 12: Idem Augustus, quia Maecenatem suum noverat stilo esse remisso molli et dis· soluto, talem se in epistulis, quas ad eum scribebat, saepius exhibebat et contra castiga-tionem loquendi, quam alias ille scribendo ser-vabat, in epishda ad Maecenatem familiariplura [228] in iocos effusa subtexuit: vale, mi ebenum Me-dulliae, ebur ex Etruria, lasar Arretinum adamas supernas, Tiberinum margaritum, Cil-niorum Smaragde, iaspi Iguvinorum, berulle Porsennae, carbunculum Hadriae, Iva συντέμνω πάντα, μάλαγμα moecharum. Die Verse stammen aus einem längeren Gedicht des M. Es ist ein vollkommenes Verkennen der Lückenhaftigkeit unserer Kenntnis der Antike, wenn man das Ge-) dicht just mit Hör. Ep. I 7 oder anderen Horaz-stellen (Çarm. II 12, 21ff.) in Zusammenhang gebracht hat. Auch auf literarische und wissenschaftliche Arbeiten des M. auf dem Gebiete der Edelsteine, an Schriften περὶ λίθων, darf man nicht denken. Zugrunde liegt eher hellenistische Poesie wie z. B. Mart. V 11, 1. Luc. X 115f. vermuten lassen. Anderseits beweist natürlich dieses Fragment und der feine Spott des Augustus, daß der vornehme Etrusker Edelsteine schätzte) und liebte. Sprachlich bietet das Fragment noch mancherlei Erwähnenswertes: mea vita stammt aus der Umgangssprache, Plaut. Stich. 583. Catull. XLV 13. CIX 1. Cic. Ep. ad fam. XIV 4, 1. CIL III 6019,[9] 12 amo te, vita, u. s. (vgl. Lun der-stedt 54); die Nachstellung von nec in Vers 2 gehört seit Catull der Dicbtersprache an (Lachmann zu Lucr. V 1052), percandida findet sich nur noch bei Cels. V 19. sect. 24 percandida compositio und Solin. XXXVII 20 gemma per-) candida, sicherlich aus der wirklichen Sprache geholt (vgl. auch J. B. Hofmann Lat. Umgangssprache 76); lima perpolivit ist technischer Ausdruck, vgl. Plin. n. h. XXXIII 66: aurum... perpolüum. In Vers 5 begegnet wieder die tro-chäische Basis, es ist daher nicht anellos zu lesen.
d) Caesius Bassus VI 262, 6–19 K. führt Galliamben an: apud Maecenatem) ) ades, in· quit, o Cybele, fera montium dea | ades et so· nante tyfmjpano quate flexibile caput i... Maecenas... | latus horreat flagello, comitum chorus ululet (vgl. Diomedes Gr. L. I 514, 12–515, 2 K.); ferner den Senar VI 262, 25–263... apud Maecenatem... | hic nym-pha cingit omnis Acheloum senem.. . Die drei Galliamben stammen aus einem Gedichte des M. auf Cybele, natürlich liegt hier wieder der Hinweis auf Catullus nahe. Ihn erwähnt auch in der lückenhaft überlieferten Stelle Caesius Bassus. Wenn in latus horreat flagello (starren von Geißeln) M. eine, wie der Vergleich mit Verg. Aen. XI 601f. beweist, auf Ennius (Varia frg. 14 V.) zurückgehende Wendung gebraucht, so ist das sehr auffallend und vielleicht nur so erklärlich, daß eben auch Vergils Sprache auf M. abfärbte. Die Form typanon findet sich auch bei Catull. 68, 8f. In der Fortsetzung führt Caesius einen Senar aus M. an; denn dieser Vers, nicht der künstlich gebildete Galliambus gehört dem M.: ... hoc versu, qui est apud Maecenatem, lecto intelleget (seit siquis ... quaesierit ...) eum ex iambico quoque trimetro nasci...| hic nympha cingit omnis Acheloum senem. | Wenn irgenwo alle Nymphen (zum Ausdruck vgl. Stat. Silv. 12, 129 omnem Nereidem quaerere iussi) sich um den greisen Achelous scharen (vgl. Akusilaos bei Macro b. Sat. V 18, 10 πάντων τῶν ποταμῶν πρεοβύτατον εἶναι Ἄχελφον), so ist natürlich nicht sicher zu erschließen, wo, wie und [229] wann das geschah. Harder meinte, es liege eine Situation vor, wie sie Ovid. met. VIII 570 schildert. Das Metrum weist nicht in eine epische Erzählung. Vielleicht liegt nach hellenistischem Vorbild eine Beschreibung vor (Material bei Lunderstedt 62).
e) Seneca ep. 92, 35 zitiert den Vers des M.: nec tumulum curo; sepelit natura relictos und bemerkt alte cinctum putes dixisse; habuit ingenium et grande et virile, nisi illud secun-dis (rebus dis) cinxisset. Also in scharf pointierter Form der alte Tadel, freilich mit anerkennender Einschränkung. Es liegt eben sprachlich wieder die schon in den Gedichten zuweilen auftretende Einfachheit vor, das gibt hier auch Harder zu (S. 16). Was den Inhalt anlangt, so denkt man hier an Stellen wie Diog. Laert. X 118 οὐδὲ ταφῆς φροντιεῖν (τὸν σοφὸν Ἠπικούρῳ δοκεί), Das paßt zu schon angeführten Stellen des M. Nur darf man deshalb nicht einen Epikureer im strengen Schulsinn aus ihm machen; daß er Philosoph gewesen ist, ist gar nicht zu erweisen. Dem Epikureismus als Weltanschauung stand er aber gewiß nahe und seine zufällig erhaltenen, gering schätzenden (vglaber J. B.Burs. 171 (1915) 4f.) Äußerungen über das Leben nach dem Tode sind umso beachtenswerter, weil er sich hierin ganz von der echt etruskischen Denkweise entfernt hatte.
III. Die Zitate Gr. L. V 591, 28 K. Maece-nas cardine torno (turdo Codd.) und 588, 21f. K. Maecenas ... Quiritem, ferner Diomedes Gr. L. I 369, 21f. K. Maecenas (... nex- ... Proper-tius) nexisti retia lecto (IV 8, 37) (von Lunderstedt richtig gelesen) lassen keinerlei Schlüsse zu. Ebenso ist meiner Ansicht nach aus Hör. epist. I 7 nichts für ein etwaiges Schreiben des M. an Horaz zu gewinnen (anders Lunder stedt), auch nicht, daß Briefe des M. publiziert waren. Da Cassius Dio im 52. Buch (vgl. Schwartz o. Bd. III S. 1684Ô.) in dem Rededuell zwischen Agrippa und M. freie Dichtung bietet, ist die Rede des M. natürlich für seine literarische Tätigkeit nicht zu verwenden.
Literatur. Nachdem Andr. Rivinus (1652). Meibom (1653), A. Lion (1824 und 1846), Frandsen (1843), Pal damus (1803) sich um die Fragmente bemüht, wurden sie von Franz Harder (Berlin 1889) durchinterpretiert. Doch erst Norden Antike Kunstprosa I 293f. gab den Anstoß zum richtigen Verständnis des Stiles und der Sprache des M. Auf ihn baute weiter Paulus Lunderstedt DeC. Maecenatis frag-mentis, Comm. Phil. JenensesIX 1, 1911. – Die poetischen Fragmente jetzt bei W. Morel Frg. poet. Lat. 1927, 101. [A. Kappelmacher.]
- ↑ Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 31.
- ↑ a b Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 21771.
- ↑ Corpus Inscriptionum Latinarum X, 2687.
- ↑ Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 4016.
- ↑ Corpus Inscriptionum Latinarum XI, 6700.
- ↑ Corpus Inscriptionum Latinarum XI, 1857.
- ↑ Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 21.
- ↑ CORPUS INSCRIPTIONUM LATINARUM I2 ff. 336
- ↑ Corpus Inscriptionum Latinarum III, 6019.