RE:Phaedrus

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Augusti libertus, Fabeldichter
Band XIX,2 (1938) S. 14751505
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Phaedrus, Augusti libertus, der Fabeldichter.

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Literatur

Literatur: Von Handbüchern Schanz-Hosius⁴ 447ff. Teuffel-Kroll⁷ § 284. Beim Fehlen einer neueren kommentierten Ausgabe immer noch unentbehrlich die von Burmann 1698, neu bearbeitet von Schwabe 1879ff., Hillscher Homin. literat. Graec. hist., Jahrb. f. Philol. Suppl. XVII 1892. Havet Disquis. crit. hinter der größeren Ausgabe von 1895; die dort gegebene Literaturübersicht fortgesetzt von Tacke Phaedriana, Berl. 1911, und in der Ausgabe von Alice Brenot, Paris 1924. Hartmann De P. fabulis 1890. Vandaele Qua mente Phaeder fabellas scripserit 1897. G. Thiele P.-Studien I–III, Herm. 1906. 1908. 1911. Griset Per la cronologia ed il significato delle favole di Fedro 1925. Terzaghi Per la storia della satira 1933. Port Bursian 240 (1933). Hausrath Zur Arbeitsweise des P., Herm. 1936, 70ff.

I. Der Dichter und sein Werk

I. Der Dichter und sein Werk.

1. Namen

1. Namen. Bei Avian, epistula ad Theodosium Phaedrus, die inschriftlich bezeugte Form (Havet § 154) Phaeder: so frühere (Lessing) und Havet und seine Schule.

2. Lebensumstände

2. Lebensumstände nur aus den Gedichten zu erschließen, deren Auslegung oft strittig ist. Halbgrieche: III prol. 17 Pierio iugo. 20 in ipsa paene (scii. Musarum) schola (Phoebi schola Havet. Paeanis Postgate), also in Makedonien. Schwankt zwischen Stolz auf diese Abkunft — litteratae Graeciae propior III prol. 54 — und seinem Wahlrömertum II epil. 8 quod si [1476] labori Latium faverit meo, plures habebit, quos opponet Graeciae, app. 28, 2 Graeci loquaces. In lateinisch redender Gegend (Italien? der römischen Kolonie Philippi? Havet) Schüler, III epil. 34, dann in Rom. Er gibt als erster aesopische Fabeln in lateinischen Senaren wieder. Dann der Zusammenstoß mit Seian, von dem die vielverhandelten Verse III prol. 38ff. ... ego porro illius (sc. Aesopi) semitam feci viam et cogitavi plura quam reliquerat, in calamitatem (‚zu[WS 1] meinem Unglück‘, nicht ‚was auf mein Unglück paßte‘, so Hartmann 5) deligens meam. quodsi accusator alius Seiano foret, si testis alius, iudex alius denique, dignum faterer esse me tantis malis nec his dolorem delenirem remediis. Hier kann foret nicht = fuisset sein (so Prinz Wien. Stud. 43, 63ff. u. a.), sondern = esset, also lebt damals Seian noch. Er sah in Fabeln des ersten oder zweiten Buchs einen Angriff auf sich und strafte P. als Ankläger, Zeuge und Richter in einer Person. Die Konjektur von Schanz Seiani, ‚die von Seian ausgestellten Ankläger, Zeugen und Richter‘, ist abzulehnen, die gekünstelte Erklärung von Vollmer Abh. Akad. Münch. 1919, 14, P. verteidige sich hier gegen den Vorwurf, daß er Lebende angegriffen habe, damit, daß er Seian und seine Helfer nach Seians Tod als historisch gewordene Übeltäter angeführt habe, ebenso. Nicht minder die von Zimmermann Philol. Woch. 1934, 476ff., der Seiano als Dativ faßt, so daß also Tiberius der Ankläger, Zeuge und Richter Seians gewesen wäre, und der nun erklärt, P. sei als ‚entfernter Freund Seians‘ ohne Urteil ins Gefängnis geworfen worden und bitte von dort aus den Eutychus, der dem Richterkollegium angehörte, um ein mildes Urteil. Von welcher Art die calamitas war, bleibt unklar. Meist denkt man an Konfiskation der Fabeln, Havet, der den libertus P. im Finanzdienst beschäftigt glaubt, vermutet, daß Seian ihm ein Dienstvergehen oder auch furtum vorgeworfen habe. Vermutlich nicht im Zusammenhang mit dieser Stelle steht II epil. 18, 19, wo die richtige Lesung und Deutung noch nicht geglückt ist. P. sagt, wenn die neidischen Verkleinerer seiner Kunst recht behielten, fatale † exitium corde durato feram, donec Fortunam criminis pudeat sui. exitium, der einzige codex P(ithöanus), exilium Gruner, vitium Müller, saeclum Havet, telum Postgate usw. Gegen diese Verfolger, die als geschlossene Clique auftreten, wendet sich P. qui a noxiorum premitur insidiis hilfeflehend an Eutychus, in dem Bücheler Rh. Mus. XXXVII 334 den Wagenlenker und Günstling Caligulas zu erkennen glaubte. Aber die Charakteristik III epil. 21ff. scheint eher auf einen vielbeschäftigten Verwaltungsbeamten (Procurator? Havet, Vollmer) oder Richter (Assessor des praef. praet.? Rank Mnemos. XLV 272) zu passen. Vielleicht mit Recht werden die Angriffe auf ungebildete Leser IV prol. 20 auf Eutychus bezogen, der also versagt hatte. Der Adressat dieses Buches Particulo scheint ein gebildeter Mann gewesen zu sein; unklar bleibt Philetus, dem das fünfte Buch gewidmet ist. Eine haltlose Vermutung von Havet Rev. philol. 1896, 178 ist, daß das zweite Buch einem Mann mit dem unmöglichen nomen gentile Illius gewidmet sei, II prol. 11 bonas in partes, lector, accipias velim [1477] ita, si rependet Illi, brevitas gratiam für si rep. illi der Hss., was schon durch die vorangehende Anrede des Lesers ausgeschlossen wird (Tacke 34); III prol. 38 liest Havet ebenso verkehrt ego, Illi, porro semitam feci viam für porro illius. Die Geschichte vom Princeps tibicen V 7 unter Nero zu erzählen, der selbst Flöte blies, wäre vielleicht bedenklich gewesen (Hillscher 435. Schanz³ 42). Weitere Daten fehlen. Denn das Bedenken von Havet z. St. und Vollmer 18, daß II 5, wo Tiberius als Caesar bezeichnet wird, nicht zu dessen Lebzeiten geschrieben sein könne, ist hinfällig. Das tanta maiestas ducis v. 23 erfüllt die Verpflichtungen der Loyalität vollständig und mit der Bezeichnung Caesar begnügen sich ebenso der Kriecher Martial wie der korrekte Plinius.

Da P. nach III epil. 15 unter Tiberius languentis aevi ist, wird sein Leben ungefähr auf 15 vor bis 50 n. Chr. anzusetzen sein. Dem scheint zu widersprechen, daß Seneca cons. ad Polyb. — geschrieben 43–44 — VIII 27 fabellas quoque et Aesopeos logos intemptatum ingeniis Romanis opus nennt, weshalb Vollmer das Erscheinen von Buch I und II erst nach 50 ansetzen will. Aber der vornehme Römer verachtet den Halbgriechen aus der Unterschicht (Bücheler bei Norden Ant. Kunstpr. 243). Dasselbe gilt von Quintilian, der ihn inst. or. I 9, 2 hätte nennen müssen. Genannt wird er bei Martial. III 20, 5 improbi iocos Phaedri (Weinreich Fabel, Aretalogie, Novelle. S.-Ber. Akad. Heidelb. 1931, 7. 37, 2), der ihn auch nachahmt (Havet zu I 21, 5. 24. IV 16, epil. 5) und von Avian in der praef. ad Theodos.

Die uns erhaltenen fünf Bücher Fabeln sind offenbar unvollständig. Buch II mit heute 8, V mit heute 10 Fabeln sind so buchtechnisch unmöglich (Birt Buchwesen 385). Offenkundige Lücken liegen vor IV 13, 14, die Verweisung auf Fabeln, in denen Bäume reden, I prol. 6, findet keine Erfüllung (Romulus 64 stammt wohl aus einer solchen), ebensowenig das Aesopi nomen sicubi interposuero im Prolog zu Buch V, in dem heute Aesop nicht erwähnt wird. Weiter hat Nicolo Perotti in seiner Epitome fabellarum Aesopi, Avieni et Phedri (zwischen 1465 und 1470) außer 36 schon bekannten Fabeln (die erste ist II 6, die letzte V 5; in der Zusammenstellung bei Postgate Bibl. Oxon. 1919 v fehlen II 12, 17, 18) 30 unbekannte Fabeln freilich mit willkürlichen Änderungen und metrischen Fehlern herausgegeben, die unzweifelhaft echt sind. Schließlich haben die Paraphrasten und Romulus (vgl. unter II) Umschreibungen von Fabeln erhalten, die zum Teil sicher auf P. zurückgehen. Aus diesen hat man seit Burmann bis auf Thiele (Romulus CCIX–XXI), Zander (Acta societ. Lund. III. IV 1921/22) und Postgate (Bibl. Oxon. 1919) ca. 15 fabulas novas zu gewinnen gesucht; vgl. u. II A 3. Da Avian die Zahl von 5 Büchern bestätigt, werden diese 30 + 15 Fabeln aus den unvollständigen Büchern II und V stammen.

Auch die Anordnung der Fabeln ist strittig. Daß V 6 der Hss. in Wirklichkeit der Epilog zu IV ist, erkannte Brotier (Ausg. 1783). Ebenso scheint IV 2 eher einen Prolog darzustellen, so daß Rigault (Ausg. 1599) IV 1 noch nach III verwies. Aber auch der Prolog zu III zerfällt [1478] offenbar in zwei ganz verschiedene Teile, 1–33 und 34–63, von denen Havet den zweiten, der aber durchaus Prologcharakter trägt, mit dem Epilog von II verbindet. Diese Unstimmigkeiten haben Havet und Vandaele zur Rekonstruktion eines Archetypus veranlaßt, der durch wiederholten Blattausfall und Umstellungen in den gegenwärtigen Zustand geraten sein soll. Einen Anhaltspunkt schienen dabei die roten Initialen im Pithoeanus zu bieten. Aber vier von diesen bleiben unerklärt, und an Stellen, wo sie nach Havets Berechnung stehen sollten, fehlen sie (Schanz). Noch weniger einleuchtend sind die Experimente in gleicher Richtung bei Vandaele.

3. Eigenart der Fabeln

3. Eigenart der Fabeln. P. will nach I prol. 1, 2 zunächst nur äsopische Fabeln in Verse bringen. Im Prolog zu II jedoch erklärt er, daß er auch eigene, aber ganz nach der Manier des Meisters gefertigte Fabeln eingeschoben habe, die er dann im Prolog zu IV und IV 21 ale fabulae Aesopiae von den fabulae Aesopi scheidet. Am Ende seines Wirkens ist er auf sein eigenes Genre so stolz, daß er die Beifügung des Namens Aesop nur als klassizistisches Etikett gewertet wissen will, das dem Geschmack des Publikums Rechnung trägt, V prol. 1ff. Auch sein Programm erweitert sich mit der Zeit, statt des σπουδογέλοιον der lehrhaften Fabel ist jetzt sein Ziel ipsam vitam et mores hominum ostendere III prol. 50.

a) Rhetorischer Charakter der Fabeln (Herm. LXXI 82ff.). Die fabulae Aesopi gestaltet P. genau nach den Vorschriften der Rhetorenschule: knappe, auf das Epimythium zustrebende Fassung, Variation im Detail. Dies Streben nach Neugestaltung des Überkommenen führt zu Mißgriffen, die seit Lessing (V 455ff. L) oft gerügt, eben aus der Schultradition zu erklären sind. Weiter stehen neben gutgelungenen ‚äsopischen‘ Tierfabeln (vgl. I 21. II 4, 8. IV 6 u. a.) Stücke, die zunächst sinnlos, ja albern erscheinen, so I 5. II 6 u. a. m. Sie erklären sich wohl so, daß hier Anspielungen auf Zeitgenössisches, besonders auf des Dichters eigene Erlebnisse vorliegen, die uns unverständlich bleiben. Die weitergehende Frage nach politischen Anspielungen in den Fabeln, die zugleich das Vorgehen Seians erklären würden, wird heute negativ entschieden. Alle hierfür angezogenen Fabeln sind Überarbeitungen alter Aesopica (Terzaghi 65), deren aggressive Tendenz sich aus dem revolutionären Ursprung der griechischen Fabel im Kampf des Demos gegen die Adelsschicht erklärt (Crusius Fragm. aus d. Gesch. d. Fabel, Kleukens Buch der Fabeln² 1920). Die Fabeln, in denen Seian — wohl mit Unrecht — persönliche Angriffe sah, sind vermutlich von der Censur unterdrückt und auch später von P. nicht wieder aufgenommen worden (Ribbeck Dichtung III 25, Terzaghi 62). Die unerfreulichen Schmähungen seiner literarischen Gegner sind ein Erbstück des ἴαμβος, entsprechen aber auch dem starken Selbstgefühl des Dichters — III prol. 61 iam mihi solemnis dabitur gloria, IV epil. 5 Particulo, chartis nomen victurum meis, app. 31 (wohl aus dem Epilog zu V) nequitia pariter laudat et frugalitas.

Rein rhetorische Übungsstücke sind die ἐκφράσεις V 8. III 17. app. 5 und die declamationes IV 7 und app. 2.

[1479] b) Philosophischer Einschlag (Herm. LXXI 82ff.). Um seinen fabulae Aesopiae wertvolleren Gehalt zu geben, macht P. Anleihen sowohl bei der Chrie wie bei der Diatribe. Aus der Chrie stammen III 3. 8. 9. 14. 19; app. 7. 11. 18. 25, die zum Teil in der knappen Form der Gnome belassen, zum Teil geschickt zu kurzen Fabeln ausgesponnen sind. Auch die kynisch-stoische Diatribe ist reichlich benutzt, vor allem wieder in Buch III — prol. 21, 3. 4. 7. 15. 17; epil. 22 — und der Appendix — 1. 2. 5. 6. 9. 28 epim. usw. — zum Ausbau der Epimythien, die aber dabei oft über Gebühr ausführlich werden; vgl. III 4. IV 11. IV 20. V 4. Dann flieht er die dorther stammenden Gemeinplätze auch in die Dialogpartien ein, die dadurch oft schwerfällig und unübersichtlich werden, was die Herausgeber zu unangebrachten Umstellungen veranlaßt, vgl. III 7. IV 24. Bedenklicher ist, daß P. nun, um diese Invektiven in avaros, ambitiosos, iniustos anzubringen, sich abmüht, philosophisch gestimmte Fabeln zu erfinden, wobei dann die schlichte Natürlichkeit der alten Tierfabel in vollendete Unnatur verkehrt wird. Das ist z. B. der Fall I 27 — schätzehütender Hund den der Geier verhöhnt —, IV 20 — schatzbewachende Schlange, der der Fuchs eine stoische Predigt über die Enthaltsamkeit hält —, II 1 und III 2 — Löwe und Panther den Menschen Vorbilder der Gerechtigkeit. Nur selten gelingt es P., bei dieser Behandlung moral-philosophischer Probleme in Dialogform diese mit der ihm sonst eigenen Eleganz zu gestalten — so III 15 canis ad agnum: facit parentes bonitas, non necessitas. Auf diesem Weg dringt die kynisch-stoische Tendenz in zahlreiche Fabeln ein, die Thiele Herm. XLI 562ff. nachgewiesen hat. Von einem ‚kynischen Aesop‘ aber, den Joel Der echte und der xenophontische Sokrates II 805 und Gerhard Phoinix von Kolophon 248ff. 269ff. als Quelle des P. fordern und dessen Erwähnung Gerhard in dem Art. Fabel (o. Bd. VI S. 17O3ff.) vermißt, kann nicht die Rede sein (Herm. LXXI 83ff.).

c) Novellistisches (Herm. LXXI 95ff.). Neben den fabulae Aesopi und Aesopiae stehen Anekdoten, Schwänke und Novellen, wie seit alters neben den μῦθοι die Αἰσώπου γελοῖα standen. Bei den Anekdoten ist oft die Bemühung störend, wie auch ihnen eine Moral entlockt werden soll, vgl. I 29. III 11. Sehr gut gelingen die ätiologischen Schwänke, so die aus der Werkstatt des Prometheus IV [14.] 15. app. 4 und IV 18 canum legatio. Aber in dieser wie auch in anderen hat der Dichter flüchtig variierend den Abschluß verdorben. Weiter Götterschwänke app. 3. 9. Aretalogien IV 22. 25, Theatergeschichten V 5. 7. eine Rätselgeschichte IV 5, eine Lagergeschichte app. 8, der Schwank ex sutore medicus I 14, die hübsche Verspottung des ἀνὴρ πολυπράγμων II 5 und schließlich Ansätze zu Novellen: die Kriminalgeschichte III 10 (hübsch erzählt, aber inhaltlich unglaubwürdig), die Liebesgeschichte proci duo app. 14 und die Witwe von Ephesus app. 13. Die Stilisierung dieser Geschichten ist verschieden. Zunächst behält er den Stil bei, den er sich für die Fabeln geschaffen hat: straffer Aufbau, Ausschaltung unnötigen Details, Zuspitzung auf das Lehrhafte. Das haben die Herausgeber verkannt, die, [1480] wenn bei ‚Romulus‘ eine ausführlichere Fassung vorliegt — z. B. app. 9 Venus, Iuno et gallina —, bei P. Ausfall von Versen annehmen und damit nur die geschlossene Form seiner Poematia zerstören. Andererseits hat er durch übertriebene Knappheit und die Rhetorenmanier, stets die Vorlage irgendwie zu ändern, z. B. die Geschichte von der Witwe von Ephesus gänzlich verdorben (Weinreich 53ff.). Auch app. 14 proci duo, sonst sehr ansprechend erzählt, bringt v. 6 eine verkehrte Variante. Gelegentlich aber gibt P. — III 10. IV 5. V 5. 7; app. 8 — diesen knappen Fabelstil auf zugunsten einer breiter ausladenden Schilderung, die durch die Lebendigkeit der Diktion ebenso fesselt wie die gedrängte Kürze der andern. Schießlieh ist noch hervorzuheben, daß in einigen Stücken — IV 18. 22. V 5 — die mangelhafte Satzverbindung und andere Härten den Eindruck machen, als ob an diese Gedichte nicht die letzte Feile angelegt sei. Auch app. 6 monita Delphica, von Thiele u. a. zu Unrecht pathetisch aufgefaßt, ist wohl nur ein verunglückter Entwurf.

So ist der Eindruck sehr ungleich. Neben ausgezeichneten Leistungen auf allen Gebieten dieser Dichtungsgattung — Märchenfabel II 4. 8, lehrhafte Rhetorenfabel I 1. 2. 10. 15, Chrie app. 11. 18, Diatribe III 7. 15, Anekdote V 1. app. 25. 27, Historie IV 22. 25, Ätiologie IV 15. app. 4, Schwank IV 18. V 7. app. 3, Novelle app. 14 — findet sich, wie ausgeführt, viel Verkünsteltes. Hierin Ähnlichkeit mit Babrios, vgl. Crusius o. Bd. VI S. 2366 und Herm. LXXI 103. Der Eindruck wird weiter beeinträchtigt durch das starke Selbstgefühl des Autors und die unablässigen giftigen Bemerkungen gegen seine Rivalen — II 9. 15ff. III prol. 23. 60. IV prol. 7. 15. 21. V prol. 9. app. 31. — Aber es ist doch verkehrt, P. als morosen Pessimisten zu betrachten, wie das meist geschieht. Es läßt sich nachweisen, daß alle trüb gestimmten Fabeln und Epimythien unverändert, nur meist besser stilisiert, übernommen sind (Herm. LXXI 102). Die eigene Anschauung ergibt sich aus den von ihm selbst ersonnenen affabulationes, und die zeigen männliche Entschlossenheit — vgl. I 3, 2. III 3, 1. III 7, 1. IV 4, 13. IV 16, 6 und vor allem app. 2, 12 ergo contenti munere invicti Iovis — fatalis annos decurramus temporis — nec plus conemur quam sinit mortalitas. Und die heitere Laune seiner Fabeln und Schwänke hat die Jahrhunderte überdauert.

4. Quellen

4. Quellen. a) Das Volksbuch vom weisen Aisopos in der Gestalt, wie es zu Beginn der Kaiserzeit umlief (Dora Bieber Stud. z. Gesch. d. Fabel. Diss. München 1905, 11 ff.), b) Die Fabelsammlungen der hellenistischen Rhetorenschulen, sowohl die uns erhaltenen wie andere; aus letzteren mögen wertvolle Stücke wie I 15. 21. 23. III 6. 12. IV 24 herstammen, die wir nicht über P. zurückverfolgen können, der doch wohl eher Bearbeiter als Erfinder war (anders urteilt Nisard Études sur les poètes lat. de la décadence I⁴ [Paris 1878], der P. überschätzt). c) Hellenistische Sammlungen von Anekdoten, Weisheitssprüchen, Schwänken und Novellen. Die Übereinstimmung mit Babrios (s. Art. Fabel 1733) und Romulus (Thiele Rom. XXIIIff.) erklärt sich so, daß auch diese die unter 2 und 3 aufgeführten Quellen benutzten. Eine [1481] lateinische Quelle liegt wohl vor I 16. 17. app. 21. — In der römischen Literatur war der strebsame Libertus gut bewandert. Er kennt Ennius, die römischen Tragiker, Lucrez, Catull (Postgate Addit. crit. 25), Vergil, Horaz, Ovid (v. Sassen s. u. 6. 27–31). In der Tendenz berührt er sich mit Horaz, den er nachahmt, ohne seine Meisterschaft zu erreichen (D. Bieber 51. Terzaghi 69–86. Herm. LXXI 89–92). Viele seiner Affabulationes entlehnt er Publilius Syrus (Havet).

5. Sprache

5. Sprache (v. Sassen De P. sermone. Diss. Marb. 1911. L. Müller De P. et Aviani fabulis, 1875, 4ff. Nisard u. a.). Die Sprache des P. ist die gebildete Umgangssprache Roms, mit großer Geschicklichkeit namentlich im Dialog gehandhabt. Ihr schlichter Ton ist bemerkenswert in einer Zeit, wo rhetorischer Schwulst Mode wurde. Schwache Spuren von Vulgarismen finden sich (v. Sassen 8), aber keine Derbheiten (cevere V 1, 16 ist sicher falsche Konjektur von Gow). Gräcismen sind nicht allzu häufig (L. Müller De P. et Av. fab. 5. Havet zu I 14 u. s.). Die oft gerügte Vorliebe für Abstracta ermöglicht doch so drastische Wendungen wie app. 3, 16 ad terram traxit nasi longitudinem. Der Stil ist eine eigenartige Mischung des χαρακτὴρ ἀφελής, der der Fabel, und des χαρακτὴρ ἀνθηρός, der dem διήγημα, der narratiuncula, eignet. Über Einzelheiten des Fabelstils — Ellipsen, stehende Formeln u. a. gute Bemerkungen bei Thiele Herm. XLVI 384ff.

6. Metrik

6. Metrik. Die Metrik des P. ist eingehend durchforscht von L. Müller De re metr.² 525, ed. mai. praef. IXff. Havet § 1–104. Zander P. solutus, Acta soc. Lund. III (1921). P. schreibt elegante Senare nach genau feststehenden Regeln (Cäsur, Auflösungen, Prosodie usw.), bei denen jedoch nach Analogie der volkstümlichen römischen Poesie im zweiten und vierten Fuß der Spondeus eintreten kann, aber wieder nur unter gewissen Bedingungen (Zander, Postgate XIII). Wo er den erhabenen Stil der Tragödie nachahmt, IV 7, schreibt P. reine Trimeter wie Seneca.

7. Überlieferung

7. Die Überlieferung ist äußerst dürftig. Hauptquelle der Pithoeanus (10. Jhdt., aus Reims?), jetzt unzugänglich im Besitz des Marquis de Rosanbo. Paläographische Ausgabe von Robert, Paris 1893. Ihm nah verwandt war der Remensis (10. Jhdt. R.), der 1774 verbrannt ist. Er wurde benutzt von Rigault (Ausgaben von 1617 u. 1630) und Burmann (1698 nach einer Kollation von Marqu. Gude); außerdem sind Notizen des Dionysius Roche und eine vollständige Kollation des Benediktiners Claudius Vincent erhalten. Weiter die scheda Danieli (= Vat. reg. 1616, 9.–10. Jhdt.), die I 11–13. 17–21 aus einer andern Quelle enthält. Perotti — s. o. 2 — benutzte eine Hs., die am Anfang verstümmelt war (sie beginnt mit II 6), aber 30 Fabeln mehr bot, die unzweifelhaft echt sind (= Appendix Perottina). Perotti hat bei seiner Unkenntnis der Metrik die Verse durch Umstellung verdorben, auch sonst geändert (Postgate V. VI). Die Pro- und Epimythia ließ er meist fort, benutzte sie aber zu seinen Überschriften (Herm. LXXI 91). Seine Epitome ist in zwei Hss. erhalten, einem Neapolitanus, wohl [1482] dem Autogramm Perottis, und dem Vat. Urb. 368, geschrieben 1517. Neuausgabe von Bassi, Turin 1918.

8. Ausgaben

8. Ausgaben. Noch immer unentbehrlich Burmann-Schwabe, s. o. L. Müller ed. mai. 1877. L. Hervieux Les Fabulistes Latins II² 1894, reiches Material, aber ohne kritische Verarbeitung. L. Havet, 1895, in vielem grundlegend, Apparat zuverlässig, aber mit zuviel Varianten ans den Paraphrasten, über die erst spätere Arbeiten Klarheit schafften; Anordnung der Fabeln, die durchgezählt werden — 1–135 —, und Textgestaltung oft willkürlich. D. Bassi Tor. 1918, s. u. 8. Bei Postgate, 1929, ist der Apparat, was die Hss. betrifft, übersichtlich, aber sonst zu knapp, die Textgestaltung ebenfalls willkürlich. Einige Fehler von Postgate sind berichtigt, der Apparat geschickt erweitert bei Alice Brenot, 1924 (Schulausgabe), die aber ganz von Havet abhängig ist, der auch neue Vermutungen beigesteuert hat.

9. Nachwirkung

9. Nachwirkung. P. bleibt zunächst unbeachtet. Erst Martial erwähnt und benutzt ihn (Weinreich 37, 2). Die Inschrift CEL 186 Büch. quare vita morti propior fit cottidiae stammt wohl aus P. III epil. 10 nam vita morti propior est (fit Büch.) cotidie. Ob aber quidam eum peteret alas Büch. 43 und ähnliches (Büch. 43. Lommatsch Suppl. 1864*.) ebenfalls, ist unsicher, Benutzung durch Prudentius und den auctor Queroli nachgewiesen bei Havet zu P. IV 6. 10. app. 6, 13 und I 5, 11. Ob jedoch die Fabel von der Schlange, die sich in der Flasche so vollgesogen hat, daß sie nicht mehr herauskann — vgl. ἀλώπηξ ἐξογκωθεῖσα CFAes. 24 Hlm. 31 — bei Gregor von Tours hist. Franc. IV 9 A (Havet p. 296) wirklich den Stil und Spuren des Metrums von P. verrät (Bücheler Rh. Mus. XLI 3), ist mir sehr fraglich, zumal Gregor die Fabel als eine Erfindung des Erzählers, des Übeln Königs Theodovaldus, bezeichnet. Noch mehr die Vermutung von Havet, daß auch die fabula rustica von P. stamme, die bei Fredegar chron. IV 38 Kr. ein Bischof Lesio erzählt. In ihr sagt der Wolf seinen Jungen auf einem Berggipfel, soweit sie blickten, hätten sie keine Freunde, als die aus dem eigenen Geschlecht; perficite quod coepistis. Die Byzantiner aber kannten P. Syntipas 21 (CFAes. 337 Hlm. 164) ist aus P. I 23 übersetzt und auch die frühbyzantinische Rezension der Aesopica (rec. Vindob.) benützt ihn (Herm. LXXI 95).

Über die Darstellung der Fabel von Fuchs und Storch P. I 26 auf einem Grabstein s. Art. Fabel S. 1716, über eine ebenso dekorativ gedachte Darstellung von Hahn und Katze (Fuchs?) — nach verlorener P.-Fabel? — s. u. V.

II. P.-Paraphrasen, Romulus, Aesopus latinus

II. P.-Paraphrasen, Romulus, Aesopus latinus. Zander De generibus et libris paraphrasium Phaedrianarum, Acta univers. Lund. XXXIII (1897). Thiele Romulus 1910. Zander P. solutus. Acta soc. lit. Lund III (1921). Hervieux II². Postgate VII–IX. Jacobs Hist. of the Aes. fable 229–255; vgl. Art. Fabel S. 1704.

A. Paraphrasten: Ademar, recensio Wissenburgensis; Phaedri fabulae novae

A. Paraphrasten: Ademar, recensio Wissenburgensis; Phaedri fabulae novae.

1. Die wichtigste, weil den P.-Text am meisten [1483] konservierende Paraphrase ist die im cod. Voss. Leid. var. arg. 19 vom Presbyter Ademar von Chabannais im Kloster St. Martial bei Limoges um 1305, als Erläuterung zu Federzeichnungen zwischen und um diese nach stark verderbter Vorlage herumgeschrieben. Ausgabe von Thiele Der illustrierte Aesop (= Cod. gr. et lat. photogr. depicti. Suppl. III. Leiden 1905). Sie umfaßt 67 Fabeln. Davon sind 11 Paraphrasen erhaltener P.-Fabeln, in c. 20 sieht man solche verlorener Fabeln des P., 31 stammen aus Romulus, der Rest aus unbekannten Quellen.

2. Der cod. Wissenburgensis, jetzt Guelferbytanus Gudianus lat. 148, 10. Jhdt., enthält 57 Fabeln mit prologus und epilogus ad Rufum, in fünf Bücher geteilt, sehr fehlerhaft geschrieben, aber von zweiter Hand nach besserer Vorlage durchkorrigiert. Außer P.-Paraphrasen enthält er Fabeln, die dem Aesopus ad Rufum — einer Hauptquelle des Romulus, s. u. B — entnommen sind. Die Annahme von Thiele, daß es Romulustexte seien, die so aus P. ‚rückinterpoliert‘ seien, daß von Romulus fast nichts übrigblieb, ist allgemein abgelehnt worden. Herausgegeben von Hervieux und Thiele. Nach den sehr gründlichen Untersuchungen Zanders ist die Sprache der Paraphrasen wegen Parallelen zu Gregor von Tours, Salvianus, peregrinatio Silviae usw. die des 5. bis 6. Jhdts.

Weitere Auflösungen und Überarbeitungen verlorener P.-Fabeln finden sich bei Romulus — vgl. u. B 2 —, doch ist hier die Behandlung viel freier als bei Ad. und im Wiss.

3. Fabulae novae Phaedri. Von den Versuchen, aus diesen Paraphrasen neue P.-Fabeln zu gewinnen, scheiden die von Burmann, Dressler, Luc. Müller u. a. aus, da sie die Quellen falsch beurteilten und so mehr freie Nachdichtungen lieferten. Systematisch richtiger sind die Versuche von Thiele (11 F.), Zander (30 F.) und Postgate (10 F.). Am konsequentesten sucht Zander alle Wendungen der Paraphrasten, die sich metrisch anlassen und zu P.’ Sprache und Stil zu passen scheinen, in seinen Rekonstruktionen unterzubringen. Aber die so gefertigten Verse sind oft hart und weit von der Eleganz des P. entfernt. Zander wittert oft ‚senarios integros‘ oder gar ‚laciniae senariorum‘, wo der zu Unrecht von ihm verspottete Thiele mit Recht Prosa sieht. Lesbarer, aber stark willkürlich ist der Text von Postgate. Nach diesen Vorarbeiten scheinen mir folgende 14 Fabeln auf Grund der Übereinstimmung der Paraphrasen und nach Stil und Sprache als P.-Fabeln anzusprechen zu sein. Ich verweise dabei auf die Nummern im Romulus von Thiele, wo aber irrigerweise die Paraphrasten und Romulus zusammengeworfen werden. 1 mus et rana Rom. 4. 2 mus urbanus et rusticus 15. 3 mus et leo 22. 4 lepores et ranae 35. 5 asinus immisericors 41 (Havet 275). 6 leo Androclis 51. 7 equus superbus 53. 8 vespertilio 54. 9 pax ovium et luporum 63. 10 arbores et securis 64. [11] equus promissor 82. [12] culex et homo 84. [13] gladius et viator 94. 14 vulpes in hominem conversa 97. 11 und 12 fehlen bei Rom., 13 steht nur bei Rom., nicht bei Ad. und Wiss. Nach Sprache und Stil könnten etwa noch für P. in Frage kommen 15 coclea et [1484] speculum 9, milvus aeger 23, leonis regnum 70 = P. IV 13 (6 Verse erhalten). Aber die Verse sind unwiederherstellbar. Bei den sonst in Vorschlag gebrachten scheinen mir weder die metrischen noch die sprachlich-stilistischen Indizien auszureichen.

B. Romulus

B. Romulus.

Mit Romulus wird ein Corpus fabularum später Zeit bezeichnet, das mit Überarbeitungen von P.-Fabeln auch Stücke aus andern Sammlungen vereinigt. Thiele gliedert ihm zu Unrecht auch die Paraphrasen Ad. und Wiss. ein. Es sind 98 Fabeln; die Einteilung in 4 oder 5 Bücher erscheint sekundär. Vorausgeschickt sind 2 Episteln, den Abschluß bildet ein Epilog de statua sua Aesopus = P. II epil.

1. Die Einleitungsepisteln. Sie tragen die Überschriften Romulus ad Tiberinum und Aesopus ad Rufum. Thiele glaubte in dem Rufus der zweiten den Ξάνθος, den Herrn des Sklaven Aisopos im alten Volksbuch, zu erkennen und hielt den Brief für die Übersetzung einer Epistel Αἴσωπος πρὸς Ξάνθον aus einer Ausgabe des Volksbuchs etwa aus dem 1. Jhdt. n. Chr. Weiter hielt er die Behauptung des Romulus im ersten Brief für richtig, daß er die Äsop-Fabeln aus dem Griechischen übersetzt habe. In Wirklichkeit ist Aesopus ad Rufum ein cento aus P., Romulus ad Tiberinum aber wieder nur eine Überarbeitung von Aesopus ad Rufum. Zander vermutet, daß die Überschrift inc. lib. Ysopi magistro Rufo Aesopus salutem vielleicht ursprünglich gelautet habe: inc. lib. Aesopi I ... magistro Rufo salutem, so daß nach I der Name des Autors ausgefallen wäre (vgl. auch Achelis Münch. Mus. IV [1921] 119–122). Der ‚Romulus‘, aus dem in der mittelalterlichen Bearbeitung des Corpus im sog. Romulus Nilantinus (Hervieux II² 513ff.) der Kaiser Romulus wird, bleibt im Dunkeln. In den Texten spricht überall Aesopus selbst, P. ist verschwunden.

2. Quellen und Arbeitsweise des Romulus.

a) Phaedrus. Romulus bietet 12 neue P.-Fabeln — vgl. o. I 3 —, weiter 49 Überarbeitungen, darunter 23, die den Text fast ohne Variante in Prosa wiedergeben. Die Änderungen in den andern 20 sind plump und geschmacklos. R. 14 = P. I 29 asinus et aper ist die derbe Demonstration der Verwandtschaft — demisso pene — weggelassen, so daß die Geschichte sinnlos wird, R. 60 = P. app. 27 meretrix et iuvenis ist das geistreiche Geplänkel bei P. nicht verstanden und durch breite Moralisation ersetzt; ebenso fehlt die Pointe 42 = P. V 3. Schwerfällig im Stil sind 46 = P. IV 25, 61 (von Thiele mißverstanden) = P. app. 10, 69 = P. II 8. Einige Nummern dagegen weisen gegenüber P. unzweifelhafte Vorzüge auf, so 29 = P. I 23, 40 = P. I 16, 65 = P. III 7, 74 = P. III 18. Der behaglich breite Ton scheint auf den Aesopus latins — s. u. d. — hinzuweisen. Vermutlich aus diesem und P. kontaminiert sind R. 4 (mus et rana, nicht im P. integer), 6 = P. I 4, 48 = P. I 10.

b) Aus demselben hellenistischen Schwankbuch, das P. benutzte, stammen R. 31 = P. IV 24, 58 = app. 9 und 59 = app. 13. Da sie alle bei Romulus ausführlicher sind, können sie nicht aus P. abgeleitet werden.

[1485] c) R. 85–91 und 93 geben denselben Text wie die entsprechenden Fabeln in den Interpretamenta des Pseudo-Dositheus, starke Berührungen mit diesen zeigen auch R. 2. 6. 19. 22. 27; vgl. Getzlaff Quaest. Babr. et Ps.-Dosith. Diss. Marb. 1907. Aber es ist wieder unmöglich, Romulus direkt aus Ps.-Dositheus abzuleiten. Meist hat Ps.-Dositheus die bessere Fabelform oder Lesart, nur 87 hat Romulus mit urnam dimidiam aquaehydriam Ps.-Doeitheus — das richtige. Wo Romulus breiter ist als Ps.-Dositheus — 2. 27 —, hat er wohl auch den Aesopus latinus herangezogen. Das Griechisch des Ps.-Dositheus, dessen interpretamenta Maximo et Apro coss. = 207 n. Chr. geschrieben sind, ist das übliche Rhetorengriechisch. Für den lateinischen Text ist wichtig die Entdeckung von Heraeus (bei Getzlaff 32f.), daß in den von Babrios übernommenen Fabeln lateinische Choliamben durchschimmern, also ein Babrius latinus zugrunde liegt. Ein solcher war auch in der Hs., auf die Steinhöwels Aesop zurückgeht, benutzt (Thiele LXXI). Dieser Babrius latinus wäre wohl ins 2. Jhdt. n. Chr. zu setzen. Das Latein des Dositheus ist einheitlich und von dem des Romulus leicht zu scheiden. Die Vermutung von Getzlaff, daß Romulus älter sei als die eine Fassung der interpretamenta (hermeneumata Leidensia), aber jünger als die andere (fragmentum Parisinum), ist unbegründet.

d) Der Aesopus latinus. Auf diesen werden etwa 30 Fabeln zurückgeführt, die aber sehr ungleichwertig sind, so daß entweder verschiedene Quellen oder spätere Zusätze in dieser offenbar sehr volkstümlichen Sammlung anzunehmen sind. Da Thiele dem Aesopus latinus gegenüber nur kritiklose Bewunderung kennt (vgl. Berl. Phil. Woch. 1910, 1411), muß hier eine Scheidung versucht werden. Guten volkstümlichen Fabelstil zeigen 79 equus et homo — besser motiviert als P. IV 4 —, 51 leo Androclis — schlichter und natürlicher als alle andern Fassungen —, 18 grus et cornix — besser aufgebaut als Babr. 33 (Crusius de B. aet. 206) —, weiter 21 asinus blandus, 24 hirundo et aves, 39 serpens domesticus (lückenhaft!), 63 pax ovium et luporum und einige andere. Alte Motive sind verwendet 70 leo regnans, von dem bei P. IV 14 der Eingang erhalten ist (die Fortsetzung bei Romulus möchte ich aber ebensowenig P. zutrauen wie Thiele), und 78 simius tyrannus, wo die Beamten im Affenstaat byzantinische Titulaturen tragen (auch diese Fabel seit L. Müller P. zugeschrieben und auf Caligula bezogen). Der Rest ist minderwertig, wobei aber immer zu bedenken bleibt, daß Romulus hier wie bei den P.-Fabeln viel verdorben haben kann. So sind 36 haedus ad lupum (von Thiele und Zander für P. reklamiert) und 56 vulpes invida fabulae aniles mit platter Moral, durchaus unter dem Niveau des P. Schülerarbeiten nach bekannten Mustern sind leo et equus 52 (vgl. CFAes. 198 Hlm. 334), leo et asinus 88 (vgl. CFAes. 156 Hlm. 259 P. I 11, hier ist übrigens v. 4 wohl stetit cum fremitu ille zu lesen statt cum fera asellus). 24 hirundo et aves ist ein sentimentales mittelalterliches Tiergespräch ohne jede Pointe, desgleichen 34. 35 u. a. m. Nur in der recensio gallicana — vgl. u. e — erhalten und in [1486] deren Gestammel fast unverständlich sind 25 cavannus (gallisches Wort wie turnacus 69), cattus et mus, 26 calvus et hortulanus (von mittelalterlicher Roheit), 80 anser et ciconia. Aus diesen Gebilden ist der hellenische Geist, der noch in P. lebendig war, entwichen, ebenso aber der behagliche Plauderton der volkstümlichen römischen Fabulisten (Aes. lat.).

Der Stil des Aesopus latinus ist durch die Überarbeitung bei Romulus hindurch schwer zu erkennen. Doch weist Thiele (CIff.) nach, daß absichtlich die volkstümliche Parataxe bevorzugt wird. Daneben deutliche Spuren der Rhetorenschule in den rhythmisierten Kola, so in der sicher dem Urbestand des Aesopus latinus angehörigen Fabel 79 cursu (so richtig Heraeus) levioremcorpore decorumarboreis cornibus ornatum. Ebenso, aber vielleicht erst durch Romulus geschaffen in Fabeln (aus anderer Quelle?) 76 me non tangitte non tangitdimittamus trahi quem trahit, 48 (wo aber P. oder das griechische Original nachwirkt) tu quaeris, quod non perdidistiet te tamen credo aliquid surripuisse —, quod bene negas in iudicio.talis sit abolitio vestraet pares exite concordes. Homoioteleuton 53 equusdecorus membra iuventaoccurrit asino in angustode longe venienti et onusto.

Ob der Aesopus latinus, wie Thiele meint, zum Teil älter ist als die lateinischen Texte des Ps.-Dositheus, ist fraglich. Sicher ist er von Romulus durch einige Jahrhunderte geschieden; Ps.-Dos. 2./3., Aes. lat. 3., Rom. (vgl. auch Achelis Münch. Mus. IV 119) 5. Jhdt.?

e) Die Überlieferung des Romulus ist übel wie die des P. Sie spaltet sich in zwei Rezensionen, denen Thiele die Namen rec. gallicana und rec. vetus gegeben hat. Der Verfasser der ersteren ist ein stammelnder Rhetor, dem der Satzbau oft in die Brüche geht. Aber er bewahrt den Urtext treuer als der der vetus, der zwar über eine leidliche Syntax verfügt, aber sichtlich bestrebt ist, vulgäre Ausdrücke zu beseitigen. Romulus selbst besaß noch eine leidliche Literaturkenntnis. Thiele weist 8 Vergilzitate sowie Anklänge an archaisches Latein nach. Daß Sprache wie Herkunft der Hss. nach (West-) Gallien weisen, d. h. der Gegend, in der einige Jahrhunderte später das westfränkische Tierepos entstand, ist sicher kein Zufall. Aesopus latinus wie Romulus entstammen der späten Rhetorenschule, und Romulus bildet die Brücke, die von P. hinüberführt ins Mittelalter.

III. Die griechisch-römische Fabel der Kaiserzeit

III. Die griechisch-römische Fabel der Kaiserzeit.

Literatur. Vgl. Art. Fabel o. Bd. VI S. 1704. Dort jetzt nachzutragen Crusius Fragm. aus d. Gesch. d. Fabel, in Kleukens Buch der Fabeln² 1920, die klassische Formulierung der heute geltenden Auffassung. Daneben stark rückständig Chambry Notice sur Ésope et les fables Ésopiques, Einl. zu seiner kleineren Äsop-Ausgabe, Paris 1927 — über diese und die größere, Collection Budé 1925, vgl. Philol. Woch. 1927, 1537ff. 1569ff. Korais Einleitung zu seiner Ausgabe, Paris 1810. Dora Bieber Studien zur Gesch. d. Fabel. Münch. 1905. Wienert Die Typen der griech.-röm. Fabel, F(olklore) F(ellows) C(ommunications) LVI 1925. Terzaghi Per la [1487] storia della satira, Torino 1933. Port Bursian 240, 63ff.

Wie P. es versuchte, die äsopische Fabel durch Heranziehung von Chrie und Diatribe zu vertiefen (s. o. I 3b), so verwendet ja mit überlegener Meisterschaft Horaz die Fabel als Beweismittel (D. Bieber 14ff.; Herm. LXXI 94). Aber schon früher finden sich in der römischen Literatur Fabeln um ihrer selbst willen erzählt. So gibt Ennius sat. inc. libr. 21 p. 207 V die Fabel von der Haubenlerche in einer Form, die in ihrer dreifachen Steigerung wirkungsvoller ist als die der Rhetoren (Babr. 88. Crusius De B. aet. 204). Lucilius erzählt 980–989 Mx. mit Behagen die Geschichte vom Fuchs an der Löwenhöhle, indem er mit einer drastischen Schilderung des räudigen Löwen beginnt, die wohl nur zufällig mit der bei Themistios XIII p. 214 D übereinstimmt — der Löwe ist wirklich krank — und nicht mit der Rhetorenfabel (anders Marx z. St). Andere Fabelepuren bei Lucilius bleiben unklar (Marx zu 970).

In der Folgezeit sind in der griechisch-römischen Fabel, deren Entwicklung ja durchaus parallel verläuft, zunächst zwei Gruppen zu scheiden: die Historiker, die nach dem Vorbild peripatetischer Geschichtsschreibung die Fabel mit zum Aufputz verwenden, und die Popularphilosophen und Literaten, die sie wie Horaz als Zeugnis aus dem Volksmund heranziehen. Erst in der zweiten Sophistik gewinnt die Fabel als eigenes γένος wieder neues Leben. Da sie bei den Historikern durchaus dem Eigenstil des Erzählers angepaßt wird, richtet sich hier unser Interesse auf die Frage, welche neuen Themen neben denen der alten Aesopica auftauchen. So erzählen Livius II 32 und Dion. Hal. VI 86 (Kor. 202 c) die Fabel des Menenius Agrippa, die von W. Nestle Klio XXI 350ff. mit Recht auf die Homonoialiteratur des 5. Jhdts. zurückgeführt wird, in einer Ausgestaltung, die das dürre Gerippe der Rhetorenfabel weit übertrifft. Auch Nicol. Damasc. σκύλακες δύο FHG 390, 5 erscheint wertvoller als die Behandlung des gleichen Themas bei den Rhetoren (CFAes. 94 Hlm. 217). Behaglich zum διήγημα verbreitert erscheint die Geschichte bei Plutarch Apophtegm. Lac. Lyc. 1. 225F (Hlm. 390) wieder. Diod. XVIII 25 (= Hlm. 249b) zieht den λέων ἐρασθείς an. Iosephus verwendet außer einer Umformung des biblischen Gleichnisses vom Dornbusch im breiten Stil des διήγημα ant. V 2, 236–239 (Kor. 312) in gleicher Form XVIII 5, 174f. (Kor. p. 209) die alte Äsopfabel vom Fuchs und den Hundsläusen (Tiberius erklärt mit ihr, warum er die Provinzialbeamten selten wechselt). Die alte Anekdote vom Bauern und den Läusen benutzt Appian bell. civ. I 101 (= Hlm. 411). Offenbar auf Philistos — vgl. FHG I 186 frg. 17. Höfer Konon (Greifsw. 1890) 8ff. — geht die unter der Überschrift αἶνος in den διηγήσεις des Konon (1. Jhdt. n. Chr.) überlieferte Version der Stesichoros-Fabel ἵππος καὶ ἔλαφος (Hlm. 175b) zurück, die Babrios 166 Cr. auf Hirsch und Wildschwein überträgt.

Wichtiger ist die Verwendung der Fabel bei den Popularphilosophen, Dio Chrysost., Plutarch, Lukian, Galen. Dio gestaltet alte Göttermythen und Äsopfabeln um wie ‚Ton, [1488] der es sich gefallen lassen muß, in jede beliebige Form gepreßt zu werden‘ (v. Arnim Dio v. Prusa 300). Die Fabeln, die er zur Stütze seiner kynisch-stoischen Doktrin (Weber De Dione Chrysost. Cynicorum sectatore. Hirzel Dialog II 107ff. Joel Der echte u. der xenoph. Sokrat II 263ff.) anführt, sind bald nach den Vorschriften der Rhetoren gestaltet, bald freie μυθολογούμενα nach dem Vorbild von Platons Phaidon. Auf einen Verwandten des Aisopos beruft er sich in einem παίζων λόγος, der die Vorliebe der Alexandriner für schlechte Musik erklären will (32, 63 p. 285 A). Beachtenswert erscheinen die beiden Fabeln von der Eule und den Vögeln XII 13 u. LXXII 14 = Hlm. 417a (hellenistisch) und 417b (byzantinisch), wo die Eule statt der Schwalbe den guten Rat gibt, die Mistel auszurotten (dies nach Crusius zu B. 164 die Äsop näherstehende Version, vgl. aber Schneider [Ausg. 1812] zu Aug. 39 p. 168). Beide Fabeln sind nach dem Schema der rhetorischen Fabel angelegt, aber am Schluß zerfahren. Weiter Φρὺξ καὶ κορώνη XXXIV 5 — Vorzeichen treffen ein, Wienert ST 460 ὀφθαλμοί XXXIII 16 — die Augen wollen Honig genießen wie der Mund, müssen aber weinen, als ihr Wunsch erfüllt wird, Wienert Törichte Wünsche ST 211–217. Plutarch, der nach dem Lampriaskatalog auch μύθων βιβλία γ schrieb (Crusius Rh. Mus. XXXIX 604ff.) und im Convivium septem sapientium sicher auch das alte Volksbuch vom weisen Aisopos benutzte, bringt 30 Fabeln, aber meist nur in kurzen Andeutungen. Für uns sind davon hier in der Literatur zum erstenmal nachweisbar 10. 1 Σελήνη καὶ μήτηρ conviv. 14 — der Mond bittet seine Mutter um ein passendes Gewand, sinnvolles Märchen —, Hlm. 389, das in 2 κυνὸς οἰκία conv. 14 Hlm. 222 geschmacklos nach Rhetorenmanier variiert wird, 3 αἰτὸς καὶ βασιλίσκος praec. ger. rei publ. 12 vgl. D. Bieber 29 und 4 κόκκυξ καὶ ὄρνιθες Arat. 30 Volksaberglaube in Fabeln umgesetzt. Auf die Wucherer gemünztes Bild ist 5 ὁ τῶν γυπῶν λόγος de vit. aere al. 8 —, von den Geiern, die das Gewölle ausspeien, aus dem die geschmacklose Rhetorenfabel παῖς ἐμῶν (Herm. LXXI 89) σπλάγχνα CFAes. 47 Hlm. 348 abgeleitet ist. Gut äsopische Fabel ist 6 λύκος καὶ ποιμένες conv. 13 Hlm. 282, mehr anekdotenhaft 7 πολεμιστὴς καὶ κόρακες Phok. 9, Hlm. 379, Witz (oder Chrie?) 8 δραπέτης praec. coniug. 41 Hlm. 121. Philosophisch abgestimmt sind 9 Ἑορτὴ καὶ Ὑστεραία v. Them. 18 Hlm. 133 (byzantinische Nachahmung ἐργάτις ἡμέρα καὶ ἑορτή [‌Plut.] π. εὐγενείας Kor. praef. ξ) und 10 Πένθους γέρας consol. ad Apoll. 19 Hlm. 355. Der Form nach zeigen die meisten das knappe Schema der Rhetorentafel. Dabei erreichen 1. 5. 7 eindrucksvolle Gestaltung, während 3. 4. 9 dürftig wirken. Breiter entwickelt ist dem Thema entsprechend die Trostrede 10. Von den auch sonst bekannten Fabeln sind besonders gut erzählt ἀλώπηξ καὶ γέρανος quaest. conviv. II. 15 = P. I 26 (nach gemeinsamer Quelle Fabel S. 1733) und ὄνος ἅλας φέρων de soll. anim. 16, vgl. CFAes. 191 Hlm. 322, wo Thales als Urheber des klugen Rats eingesetzt ist wie in der Deutung des Prodigiums von den Schafen mit Menschenköpfen conv. 3, vgl. P. III 3. Nicht geglückt ist die Abwandlung von Pferd und Esel (Babr. 7. CFAes. [1489] 282 Hlm. 177) in βοῦς καὶ κάμηλος de sanit. praec. 25, D. Bieber 30ff. Den Stilunterschied erklärt Iulian. or. VII 226 D Πλουτάρχου δὲ εἰ τὰ μυθικὰ διηγήματα τῶν σῶν εἴσω χειρῶν ἀφῖκτο, οὔποτ’ ἂν ἐλελήθει σε, τίνι διαφέρει πλάσαι τι ἐξ ἀρχῆς μῦθον καὶ τὸν κείμενον ἐφαρμόσαι πράγμασιν οἰκείοις.

Lukian erweckt den Anschein, als ob er sich mit Vorliebe in der volkstümlichen Sphäre von Fabel und Sprichwort bewege. Aber es sind im Grunde nur 9 Fabeln, die er immer wieder zitiert, freilich meist mit satirischer Spitze, die dem naiven Charakter der alten Fabel fremd ist. Bei ihm erscheint zum erstenmal die Geschichte vom ἄνθρωπος ἀριθμῶν τὰ κύματα Hermot. 84, Äsop zugeschrieben (Hlm. 60), die wohl von Lukian ebenso willkürlich unter die Kymaeergeschichten eingereiht ist, wie die vom Esel in der Löwenhaut pisc. 32; fug. 13 (CFAes. 194 Hlm. 333), da ‚Äsop‘ solche Lokalisierungen fremd sind (ἀλώπεκες ἐπὶ Μαιάνδρῳ CFAes. 231. Hlm. 30 ist byzantinischen Ursprungs). Verständlich, daß Lukian eine Vorliebe für die Geschichte vom Spötter Momos hat (CFAes. 102 Hlm. 155), die er siebenmal erwähnt (Hermot. 20 usw. D. Bieber 38ff.). Sie ist bei ihm und später bei Babrios weit besser gestaltet als in der Rhetorenfassung, die Zeus neben Prometheus beibehält, dem er seit der Sophistenzeit als Menschenschöpfer hat weichen müssen, und ihn den Stier schaffen läßt, den die alte Tradition dem Poseidon vorbehält. Aber auch Lukian ändert hier, indem er Hermot. 20 den Menschen von Hephaistos erschaffen werden läßt. Gut erzählt ist die von Lukian allein überlieferte Anekdote πίθηκοι ὀρχησταί Hlm. 360 — altes Motiv, die Natur ändert sich nicht, Wienert ST 1–17. Sonst verwendet Lukian noch mit Vorliebe sprichwörtliche Wendungen, die mit Fabeln Zusammenhängen — κύων ἐπὶ φάτνῃ, λύκος χανών, ὄνος λύρας usw., D. Bieber 39ff.

Bei Gal. XVIII. I p. 291 K findet sich die erste Erwähnung der Fabel ὄνος καὶ κυνίδιον Μελιταῖον ziemlich genau in der Form der Rhetorenfabel CFAes. 93. Hlm. 331.

Unterdessen hatten die Lehren der Rhetoren unter den Händen des Theon die Form gewonnen, die für lange Zeit klassisch werden sollte. Theon Rhet. gr. Sp. II 72–78, den man jetzt in das 1. Jhdt. setzt (vgl. Stegemann u. Bd. V A S. 2037–2039) zeigt diesen einfachen und klaren Stil auch in den Fabelanalysen der Progymnasmata. Diesen Stil, der bis auf Aphthonios weitergeht, hat auch Ps.-Hermogenes πίθηκοι πάλιν οἰκίζοντες Rhet. gr. Sp. II 3. Hlm. 361, der andererseits die Rhetorenmanier nicht lassen kann, auf eine klassische Stelle anzuspielen: ὅτι ῥᾷον ἁλώσονται περιβόλων ἐντὸς ἀποληφθέντες vgl. Thuk. I 90, 2.

Vermutlich ins 2. Jhdt. gehört Babrios. Auch er hat, wie Crusius o. Bd. II S. 2662 nachweist, zuerst genau wie P. alte äsopische Fabeln in Verse gebracht, dann diesen neue, genau nach der Vorschrift der Rhetoren gefertigte Fabeln beigefügt. Die Zahl der alten Aesopica beträgt etwa 60 von ca. 200. Auch sie sind wie die des P. oft im Detail variiert, wobei sich dann die Prosafassung der Rhetoren als die ältere erweist, vgl. CFAes. 81 Hlm. 15 αἴλουρος καὶ μύες mit [1490] B. 17 αἴλουρος καὶ ἀλεκτρυών, CFAes. 178 Hlm. 94 ναυαγὸς καὶ θάλασσα mit B. 71 γεωργὸς καὶ θάλασσα, CFAes. 158 Hlm. 268 λύκοι καὶ πρόβατα mit B. 93 λύκοι, ποίμνη καὶ κριός und ἀλώπηξ καὶ πίθηκος CFAes. 14 Hlm. 43 mît B. 81 usw. Umgekehrt erhebt sich die Frage, inwieweit Babriosfabeln in die uns erhaltenen Sammlungen rhetorischer Fabeln eingedrungen sind. Die im Grundstock hellenistische Sammlung der Augustana kennt Babriosfabeln nur in den bei der Überarbeitung durch die Byzantiner eingeschobenen Nachträgen. Dagegen ist in der frühbyzantinischen recensio Vindobonensis und namentlich in der spätbyzantinischen Accursiana Babrios stark herangezogen.

Unter den Neuschöpfungen bei Babrios findet sich dann eine Fülle von hellenistischen Anekdoten und Schwänken, zum Teil stark frivoler Natur, vgl. die Geschichte vom allzu jungen Buhlen 116. Sein Werk war eben ursprünglich eine Sammlung kurzweiliger Geschichten, einem jungen Königssohn gewidmet. Zum Schulbuch ist es erst durch die Alexandriner geworden, was dann Pedanten wie Keller und Rutherford zu unberechtigten Atethesen Anlaß gegeben hat. Aber ihm lagen auch alte Märchenmotive, vgl. die Geschichten aus des Löwen Haushalt 95. 102. 103. 106 (von Rutherford zum Teil atethiert). Seine Stärke liegt in der liebevollen Ausmalung des Details, wobei er stimmungsvolle Natur- und Genrebilder erreicht, vgl. 12 die Schwalbe in der Einsamkeit, 58 die Haubenlerche und ihre Jungen, 108 die beiden Mäuse; 10 Aphrodite und die Sklavin, 75 der schlechte Arzt. Manchmal gelingt ihm auch die wirkungsvolle knappe Zuspitzung, so 30 Hermes und der Bildhauer, 105 Löwe und Wolf, 114 das Nachtlicht. Aber das Ganze bleibt etwas weich und verschwommen. An geistiger Beweglichkeit und technischem Geschick ist ihm P. überlegen.

Bei den in die Sprachlehre des sog. Ps.-Dositheus — s. o. II Bc — aufgenommenen 16 Fabeln kann von eigener Stilisierung nicht die Rede sein. Sie sind dem Zweck der Sprachlehre entsprechend möglichst einfach gehalten, nur einmal findet sich eine stilistische Spielerei 2 = CFAes. 155c τὸν ὕπνον αὐτοῦ ἐξύπνικεν. Die Erzählung ist bald sehr knapp gehalten, bald ausführlicher. Auffällig ist 15 — CFAes. 264b —, wo dem Streit zwischen dem Menschen und dem Löwen eine Rahmenerzählung vorausgeschickt ist, wie wir sie für das alte Volksbuch nach P. I 2 annehmen. Aber diese, die einen ‚Gemeinplatz über Frauenrechte und Frauentalent verwendet, der an Euripides anknüpft und dessen Spuren rückwärts auf Theophrast de nuptiis und vorwärts bis Chaucer führen‘ (Thiele Rom. LXVIII), ist in so abgeschmackter Weise mit dem Thema in Verbindung gebracht, daß wir es sicher mit einem späten Einfall, vermutlich dee magister Dositheus selbst, zu tun haben. Zu ansprechender Form bringen es nur 2 Fabeln, 7 ἰατρὸς ἄτεχνος nach Babrios und 16 μῦς ἀρουραῖος καὶ ἀστικός ebenfalls nach Babrios. Drei Nummern lassen sich sonst nicht nachweisen, zwei davon αἴλουρος καὶ ὄρνεις CFAes. 310, vgl. Hlm. 16, und ὄνος ἄρρωστος καὶ λύκος CFAes. 314 vgl. Hlm. 334, sind Schülerarbeiten nach bekannten Mustern, [1491] δεσπότης καὶ ναῦται CFAes. 309 ist eine witzlose Anekdote, durch Epimythium zur Fabel umgestaltet.

Den Übergang in die geschwätzige Manier der Sophisten, die das alte Rhetorenschema beiseite warfen, vermittelt in der Fabel der Rhetor Maximus Tyrius. Er variiert XXXII 1 ἀλώπηξ καὶ ποιμήν Hlm. 35b die alte Fabel vom ἀλώπηξ καὶ δρυτόμος CFAes. 22 Hlm. 35 dahin, daß ein Löwe einen Hirsch verfolgt und einen Hirten nach dessen Spur fragt. Dann folgt aber der Löwe den Winken und nicht den Worten und zerreißt den Hirsch. Um die Moral von der Doppelzüngigkeit des Hirten an den Mann zu bringen, muß der ungeschickte Rhetor auch noch einen Fuchs zur Stelle sein lassen. Ebenso ist aus der alten Fabel vom δέλφαξ καὶ ἀλώπηξ CFAes. 189 Hlm. 115b. Max. Tyr. XXXIX 2 ποιμὴν καὶ μάγειρος Hlm. 377 geworden, wo übrigens am Schluß τούτῳ (scil. τῷ ποιμένι) δ’ ἐξαρκέσειεν ἂν καλῶς τὰ ἥμετερα ἔρια, nicht ἔθη zu schreiben ist. Die in guten Fabeln stilwidrige Erklärung ἦν δ’ ἄρα ὀμόφωνα τὰ θηρία τοῖς ἀνθρώποις stammt vermutlich aus Xen. mem. II 7, 13 = Hlm. 317. Dieselbe Fabel im nämlichen Stil gleichzeitig auch bei Clem. Alex. strom. VII 33, 3.

Zur vollen Entfaltung gedeiht dieser neue Fabelstil, der sich immer mehr dem διήγημα annähert, in der zweiten Sophistik. So bringt Ailian außer zahlreichen Anspielungen auf Fabeln hist. an. XVII 37 die Märchenfabel vom dankbaren Adler, die Aphthonios CFAes. 327 Hlm. 120 weit besser erzählt (A. Marx Griech. Märchen von dankbaren Tieren 33ff.). In spielerischer Manier und buntscheckiger Sprache, aufgeputzt mit einem Homerzitat οὐδὲ (τοῦτο δὴ τὸ Ὁμηρικόν) τοῖς ἑαυτοῦ τέκνοις τὴν δαῖτα ἐκόμισεν (M 122) wird die Geschichte breit und wirkungslos vorgetragen.

Das führen Libanios und seine Schüler weiter fort. Libanios gibt VIII 24–28 F drei Mustermythen im gleichen schimmernden Stil, breit vorgetragen in prunkhafter Sprache und mit törichten Übersteigerungen. Auch er befolgt die Rhetorenvorschrift von der Abänderung im einzelnen. So im κολοιὸς καὶ ὄρνεις CFAes. 103 Hlm. 200, dem Lieblingsstück aller Rhetoren, indem er den Hermes die Vögel zu Zeus entbieten läßt statt der Iris bei Babrios und die Eule den Anfang damit machen läßt, der Krähe die gestohlenen Federn auszureißen, wohl wieder in Korrektur des χελιδὼν ... ὡς Ἀθηναίη Babr. 72, 16. Geschmacklos ins Pathetische überhöht ist λύκοι καὶ πρόβατα CFAes. 158 Hlm. 268, was dann Aphthonios aufnimmt (s. u.). Am törichtesten und geschmacklosesten ist χελώνη καὶ ἵππος, wo die Schildkröte nicht den aus Übermut trödelnden Hasen (CFAes. 245 Hlm. 420) besiegt, sondern das Pferd, wobei zur Erklärung nur gesagt wird ὁ δὲ ἵππος ἔμεινεν ἐν ἀργίᾳ τε καὶ κόρῳ. Dabei findet der Wettlauf im Theater statt, das μεστὸν ἦν καμήλων, ὄνων, ὄρνεων οἷς τε ἄνθρωποι χρῶνται κτλ. Der Rivale des Libanios, Themistios, bringt vier Fabeln in Anspielungen oder kurzen Referaten: ὄνος καὶ λεοντῆ CFAes. 194c Hlm. 333, πῆραι δύο CFAes. 229b Hlm. 359, Ἰνδός CFAes. 278c = Αἰθίοψ Hlm. 13, wo die Änderung des Trägers bei Synt. 41 weiterwirkt und ταῦροι δύο CFAes. 322b = ταῦροι τρεῖς [1492] Hlm. 394, wo nicht nur die Zahl der Stiere geändert ist, was wieder Syntipas übernimmt, sondern auch der Fuchs dem Löwen helfen muß. Der Stil hält zwischen der Knappheit der Rhetoren und der Überströmeinden Breite des Libanios eine erträgliche Mitte. Gelegentlich macht er, um den Ausdruck zu steigern, eine Anleihe bei den Klassikern, CFAes. 270c ῥύμμασι χρώμενος καὶ χαλαστραίοις = Plat. rep. IV 430a (Kor. κγ', 4).

Himerios dagegen wetteifert in seinen Mythologemata Ἔρως ἐν ἀνθρώποις XC 6 W Hlm. 142 und Ἀπόλλων, Μοῦσαι καὶ Νύμφαι Δρυάδες XX 2 W (Kor. 397) in blumenreichem Stil mit Libanios. Das erste hat noch halbwegs eine paränetische Tendenz, während das zweite, die σύγκρισις Ἑλικῶνος καὶ Κιθαιρῶνος, μυθοποιίας καὶ τραγῳδίας, in dem Äsops milde Mahnung mit dem herrischen Gebot des Apollon bei Homer verglichen wird, ein sophistisches Prunkstück ohne alle Verbindung mit der Fabulistik ist.

Weitaus der wichtigste Vertreter dieser Schule ist Aphthonios, dem es gelang, einen neuen Falbeltypus zu schaffen, der noch in Byzanz Geltung behielt. Er schrieb im Zusammenhang seiner Progymnasmata (Zweifel an der Identität der Verfasser — Aphth. prog. ed. Rabe XXV — scheinen mir unberechtigt; dagegen ist das sog. prooemium Aphthonii — in zwei Fassungen — sicher ein spätbyzantinisches Produkt) 40 Fabeln, die neuerdings aus zwei Vaticanis herausgegeben sind von Sbordone Riv. indo-greco-ital. XVI 3 (1932), vgl. CFAes. 316ff. Auch er fügt neue Prosafabeln ein. Davon stammen 12 aus Babrios: 5 (CFAes. 318), 11 (320), 12 (206b), 13 (321), 16 (322), 17 (323), 24 (283b), 26 (315b), 32 (278b), 34 (264c), 37 (328), 38 (329). 7 sind bekannten Mustern nachgebildet: 3 (316 ἰκτῖνος καὶ κύκνοι, in dieser Form übernommen von Iulian misop. 366 A), [9] (319), 20 (324), 22 (325), 27 (326, erweitertes Sprichwort), 28 (327 ἀετὸς καὶ δράκων nach Ailian s. o.), 40 (300). Eigene Erfindung scheinen nur 3 Nummern zu sein: 2 (271b κύκνος καὶ χήν), 4 (317 ἰξευτὴς καὶ τέττιξ), 6 (278 Αἰθίοψ). Auch in den altbekannten Fabeln variiert er, zweimal offenbar in Rivalität mit Libanios. CFAes. 158b hatte dieser die Fabel von den Wölfen, die von den Schafen die Auslieferung der Hunde fordern, ins Pathetische gesteigert und die Wölfe Thuk. II 12, 3 abwandeln lassen, ἥδε ἡ ἡμέρα ἄρξει ἀγαθῶν ὑμῖν τε καὶ ἡμῖν, Aphth. 21 (158b) zieht eine bei Xen. hell. VI 4, 21, aber auch sonst vielgebrauchte Wendung vor τί δὲ ἡμῖν ἄσπονδος ἀεὶ καὶ ἀκήρυκτος πόλεμος: Dann hatte Libanios CFAes. 103d κολοιὸς καὶ ὄρνεις die Iris bei Babrios durch Hermes und die Schwalbe durch die Eule ersetzt, s. o., Aphthonios 31 (CFAes. 103e) übernimmt das, fügt aber selbst eine sehr ungeschickte Variante ein, indem er das Strafgericht an der Krähe sich vor dem Agon vollziehen läßt, so daß diese nackt vor Zeus erscheint. Die äußere Form der Fabel ist bei Aphthonios immer gefällig und auch die Sprache ist für jene Zeit leidlich korrekt (Brzoska o. Bd. I S. 2798), wenn auch nicht frei von sophistischem Schwulst (Crusius Babr. p. 5). Schon die Accursiana hat zwei Fabeln des Aphthonios in das alte Corpus eingereiht und Halm hat 22 seiner Fabeln, davon 10 nur in dieser Fassung, aufgenommen. [1493] Die Epimythien sind meines Erachtens alle anecht, ebenso wohl auch die im Vergleich zu den andern überaus schwächliche Fabel 9. Zu Einzelheiten der Sprache und der rhetorischen Hilfsmittel gute Bemerkungen bei Sbordone a. O.

Ganz wieder in der spielerischen Manier des Sophistenkreises am Libanios behandelt die Fabel Gregor von Nazianz. Er gibt 37. 1217 M (Kor. p. 104) in fünf Versen die Fabel Ἀφροδίτη καὶ γαλῆ CFAes. 50 Hlm. 88 wieder und erweitert χελιδόνες καὶ κύκνοι epist. 114 III 210 M (Hlm. 416b) das alte Motiv von der Schwalbe, die die Nachtigall aus ihrer Einsamkeit in die Stadt zu locken sucht, das Babr. 12 ernst und Cr. 148 (= par. Babr. 45) spöttisch behandelt hatte, in unerträglicher Breite. Αἰδοῦς χρῶμα III 898 M (Kor. 386) aus dem Gedicht κατὰ γυναικῶν καλλωπιζομένων 187–210 — ein μῦθος ‚ἐοικὼς τοῖς αἴσχεσιν ὑμετέροις‘ ist ein Mythologem, das an die Versuche von Dio Chrysost. auf diesem Gebiet erinnert. Auch die Fabeln, die Achilles Tatios (3. Jhdt.) in den Roman Leukippe und Kleitophon II 21 und 22 (= Hlm. 261 und 234) einschiebt, sind rhetorische Spielereien, wie so vieles bei ihm (Rohde Gr. R. 480). Eigenartig aber ist, daß sie zu den handelnden Personen in Beziehung gesetzt werden. Die erste λέων καὶ κώνωψ enthält eine Schmeichelei für den Sklaven Κώνωψ) in der zweiten κώνωψ, λέων καὶ ἀράχνη warnt Konops den Helden davor, daß er bei seinem Liebeshandel nicht in das Netz der Dienerinnen falle. Das Motiv der ersten Fabel ist übrigens antik (Aristoph. equ. 1037 λέονθ’ ὃς ... κώνωψι μαχεῖται, Crusius De B. aet. 225, 1) und nicht aus Indien übernommen (Rohde 452). Ins Christliche abgewandelt findet sich die Geschichte vom μυθικὸς κώνωψ dann bei Niketas Akominates (Choniates) corp. Bonn. 13, 650 (12. Jhdt.).

Damit ist die Fabulistik in der griechischen Literatur erschöpft. Es gehört zu den Eigenheiten dieses wenig geschätzten γένος, daß es gelegentlich stoßweise an die Oberfläche der Literatur tritt — P. und seine Rivalen, Babrios und seine Nachahmer, Libanios uni sein Kreis —, um dann wieder in die Tiefen der Unterschicht zu versinken.

In Rom tritt die Fabel nach P. wieder ganz zurück. Sie bildet natürlich auch dort ein Stück der rhetorischen Schulung. Quintilian gibt inst. I 9 die Vorschrift der Auflösung von Versfabeln in Prosa weiter, die dann Altertum und Mittelalter in der Praxis der Schulen überdauert. Auch Priscian übermittelt griechische Theorie, indem er die Progymnasmata des Hermogenes als ars praeexercitaminum secundum Hermogenem vel Libanium übersetzt (vgl. Hermog. ed. Rabe p. VI). Uber Fabelspuren auf pompeianischen Wandinschriften s. o. I 9. Unterdes hatte in der Literatur Petron in seiner Abwandlung der milesischen Novelle für Schwank und Schauergeschichte die klassische Form gefunden. Im 2. Jhdt. beweist Apuleius, daß er den üblichen rhetorischen Schulungsgang durchlaufen hat, indem er de deo Socratis prol. p. 111 Oud. die Fabel vom Raben mit dem Käse erst ἐκτείνων in 27, dann συστέλλων (in pauca cogamus quantum potest fieri cohibiliter) in 2½ Zeilen gibt. Aber sonst findet sich von lehrhafter Fabel [1494] keine Spur. Erst im 4. Jhdt. erwähnt Ausonius, der selbst eine bei P. fehlende Babriosfabel — den ἰατρὸς ἄτεχνος B. 75 — kennt (epigr. 75), die trimetria Aesopia eines Titianus: ep. 16 ad Probum apologos en misit tibi ... quam vertit exili stilo pedestre concinnans opus fandi Titianus artifex. Das kann nur eine Prosaübersetzung des Babrios sein. Vgl. Crusius De B. aet. 238, 1.

Den Abschluß der römischen Fabulistik bildet AvianCrusius o. Bd. II S. 2374ff. —, dessen 42 Fabeln in elegischem Versmaß einem Theodosius, d. h. dem Theod. Macrobius, dem Verfasser der Saturnalia, gewidmet sind. Seine Quelle ist durchweg Babrios; P., den er im Vorwort erwähnt, hat er nicht benutzt. Der literarische Wert der Fabeln ist gering. Die Sprache ist in ihrer Mischung von Vergil-Imitation und zeitgenössisch unklassischem Latein (Ellis Prol. XXV) unbehilflich, oft fast unverständlich. Auch er sucht zu variieren, selten mit Erfolg. 5, 13 (de asino pelle leonis induto; B. nur in der Par. Babr. erhalten) rusticus hunc magna postquam deprendit ab aure, 10 de calvo equite — der Kahlkopf paradiert bewaffnet auf dem Campus —, 29 de viatore et satyro — B. nicht erhalten —, der Wanderer verirrt sich und kommt so in die Höhle des Satyrs. Manchmal gelingt ihm eine knappe Fassung, so 27 de cornice et urna (B. nicht erhalten, aber Ps.-Dos.). Meist ist er umständlich und langweilig. Das gilt besonders von den Fabeln, die sich sonst nicht finden und vermutlich Eigenprodukte des Avianus sind, wie die fabulae Aesopiae des P. Vgl. 22 de cupido et invido, 25 de puero et fure (vgl. Philogelos 33 Eb.), 28 de rustico et iuvenco, 30 de sue et illius domino, 38 de pisce et phoecide, 41 de imbre et fictilibus vasis (nach ποταμὸς καὶ βύρσα CFAes. 286 Hlm. 381 und χύτραι δύο par. Babr. 147. Babr. 193 Cr.) usw. Aber das gewohnte Versmaß und der harmlose Inhalt machten die Fabeln für den Schulgebrauch geeignet, so daß P. und Babrios zurücktraten. Über die weite Verbreitung von Avian-Hss. in Klöstern vgl. Sudre Les sources du roman de Renart 51ff. und Manitius Hss. antiker Autoren in mittelalterlichen Bibliothekskatalogen 1935. 234–237.

IV. Der Abschluß in Byzanz

IV. Der Abschluß in Byzanz.

Krumbacher B. Lg. § 105. 202. 297. 393f. Papadopoulos Kerameus Deltion III (1891) 445ff. Sbordone Riv. indo-greco-ital. XVI (1932) 35ff. In Byzanz verschwindet die Fabel zunächst wieder in der Rhetorenschule, wo sie bis zuletzt ihren festen Platz in den Progymnasmata einnimmt. Aber hier vollzieht sich allmählich der Übergang von der knappen Form des μῦθος zur gefälligen Breite des διήγημα, der in der Accursiana die klassische Form findet.

a) Rhetorik

a) Rhetorik. Zunächst freilich wird die alte Forderung der Knappheit auf die Spitze getrieben in den Tetrasticha des Ignatius Diaconus (ed. Müller. Babr. 249ff. Cr.). Er selbst wird ins 9. Jhdt. gesetzt, seine Nachahmer reichen bis ins Mittelalter hinab, wie z. B. II 28 beweist, wo ein Motiv behandelt wird — der Wolf als Lehrer —, das sich häufig auf den Tierbilderfriesen romanischer Kirchen findet (Cahier Mél. d’archéol. I 124. Panzer Freiburger [1495] Münsterblätter II 7ff.). Für die gegenseitige Datierung erscheint von Wichtigkeit, daß Ignatius selbst die Prosafabeln in der hellenistischen Form der Augustana benutzt, während seine Nachahmer die frühbyzantinische rec. Vindobonensis heranziehen. Die spätbyzantinische Accursiana ist noch unbekannt. Neu sind in den Tetrasticha außer II 28 die amüsanten Scherzfabeln I 8 μῦς ἐκφέρων μῦν und I 24 ἀγροῖκος καὶ ἱππότης. Aus derselben Schicht wie II 28 stammt auch CFAes. 295 Hlm. 332 (nur im Vat. 777 erhalten), wo der Esel dem Hund einen gefundenen Brief vorliest.

Die drei Fabeln, die Kor. p. 233 und 239 aus Simeon Seths (ca. 1080) Στεφανίτης καὶ Ἰχνηλάτης (vgl. die Ausgabe von Puntoni Pubbl.[WS 2] della soc. asiat. ital. II 1889) aufgenommen hat — λέων, ἀλώπηξ καὶ ὄνος, πίθηκοι καὶ κόραξ, κόραξ καὶ πέρδιξ — sind deshalb interessant, weil sie zeigen, wie auch der griechische Bearbeiter des orientalischen Fabelbuchs wieder auf das Material des rhetorischen Schulbetriebs zurückgreift. In der ersten ist die Fabel vom Hirschherzen ungeschickt auf den Esel übertragen, wobei der Löwe eine liebestolle Eselin agiert. Aber das gibt Gelegenheit, das bisherige elende Los des Esels nach der Fabel ὄνος καὶ κηπωρός CFAes. 190 Hlm. 329 auszumalen, πίθηκοι καὶ κόραξ mutet orientalisch an in der übersteigerten Torheit der Tiere und dem brutalen Abschluß, aber der Stil ist der der rhetorischen Lehrfabel und das Motiv könnte von κολοιὸς καὶ ἀλώπηξ CFAes. 128 Hlm. 199 hergenommen sein, ebenso wie das der wieder sehr törichten Fabel κόραξ καὶ πέρδιξ von der Aphthoniosfabel κόραξ καὶ κύκνος CFAes. 360 Hlm. 206 oder den ἰκτῖνοι CFAes. 316 Hlm. 170 stammt.

Aus der Werkstatt der Progymnasmata besitzen wir weiter Proben von Nikephoros Basilakes (12. Jhdt.), Georgios Pachymeres (13. Jhdt.), Konstantinos Akropolites (13./14. Jhdt.) und einem rhetor christianus (Walz Rh. gr. I 597; über diesen s. u. Vb). Von den fünf Fabeln des Basilakes (Walz Rh. gr. I 423–428), die im blühendsten Rhetorenstil der Zeit abgefaßt sind, behandeln die ersten 3 λέων ἐρασθείς (CFAes. 145 Hlm. 249), κολοιὸς καὶ ὄρνεις (CFAes. 103 Hlm. 200), ἵππος καὶ ἔλαφος (Kor. 313c) die üblichen Schulthemata, λέων καὶ ταῦρος (Kor. 339) ist eine schwächliche Nachahmung bekannter Muster (Wienert ST 105–117), ποιμὴν καὶ λύκος wichtig als Überleitung zu den Mönchsfalbeln vom Wolf im Schafspelz, vgl. Vb. Pachymeres (Walz Rh. gr. I 551) gibt in seiner ersten Fabel eine belanglose Wiedergabe von Babr. 13 ἀγρότης καὶ γέρανος, die andere ist eine Variation vom λέων ἐρασθείς (CFAes. 145 Hlm. 249), die vermutlich aus dem germanischen Märchenschatz das Motiv vom honiglüsternen Bär, der sich im Baumstamm festklemmt, heranzieht (N. Jb. 1937, 143). Hier etwa wäre die Besprechung des Schulbuchs des Patriarchen Gregorios von Cypern (13. Jhdt.) einzuschalten, das zurzeit noch unediert ist. Nach Krumbacher (477), der vier Hss. nachweist, besteht es aus einer prosaischen Paraphrase äsopischer Fabeln und einigen mythologischen Stücken.

Die Weiterentwicklung zu geistlicher [1496] Rhetorik zeigen vier schwülstige μῦθοι des Hagiographen und Historikers Konstantinos Akropolitee (13./14. Jhdt.), die Papad. Kerameus aus einem Codex der Patriarchalbibliothek zu Jerusalem herausgegeben hat. 2 und 3 benutzen die alte Form des Streitgesprächs. In 2 verhöhnt die auf hohem Felsen wurzelnde Fichte den Ölbaum, der in der Ebene den Menschen dient. Aber die Fichte wird gefällt und verbrannt, der Ölbaum gehegt und gepflegt. So soll auch der Mensch im Dienste Gottes Früchte tragen. In 3 schmäht die frei umherschweifende Ziege das zahme Schaf; aber sie wird von wilden Tieren zerrissen werden. So soll auch der Fromme im Gehöft des ἀρχιποιμὴν Χριστός verharren und sich nicht von Satanas verlocken lassen. 1 und 4 sind Monodien. Der Stier, der sich im Frühjahr losriß und die frühere Knechtschaft schmähte, sehnt sich im Winter nach dem Stall. Die Zikade, die fröhlich ihr Lied in die schöne Welt hinausschickte, wird von einem Sperling geschnappt und soll verzehrt werden. Nun jammert sie über die Verderbtheit der Welt bei Griechen und Barbaren. Diesem letzten μῦθος ist ein Brief πρὸς τινα τῶν ἑταίρων beigegeben, in dem Akropolites diese Fabel für ein Jugendwerk erklärt und den Jünger auffordert, jetzt gleich ihm eine männlichere Haltung zu zeigen. Die breiten Epimythia haben hier ebenso wie beim rhetor Brancatianus — s. u. — die Form des ἐπιμύθιον ἐνθυμηματικόν mit der direkten Anrede (‚ὦ φιλότης‘).

Wohl dem 13./14. Jhdt. ist der sog. Syntipas zuzuweisen, über den der Artikel u. Bd. IV A S. 1464ff. zu vergleichen ist. Dort ist ausgeführt, daß der Verfasser 62 Fabeln nach dem Vorbild des Aphthonios umformte und dazu 12 neu schuf, nämlich Synt. 4 (CFAes. 331 Hlm. 380), 6 (332, 165), 11 (333, 395), 17 (334, 40), 19 (335, 219), 20 (336, 131), 21 (337, 164), 30 (338, 318), 45 (341, 51), 52 (374 Kor. 234b), 54 (393 νεανίσκος καὶ γραῦς, fehlt bei Kor. und Hlm.). Trotz der verwilderten Sprache und starker Geschmacklosigkeiten ist die Form ansprechend, da sie die von Aphthonios begonnene Tendenz gefälliger Abrundung geschickt weiterführt.

Wohl die spätesten uns bekannten Fabeln sind die des Aesopus rhetoricus Brancatianus, die Sbordone herausgegeben hat. Es sind Bruchstücke der Progymnasmata eines byzantinischen σχεδάριον, das Proben der verschiedenen Literaturgattungen mit grammatischem Kommentar gab. Von den 14 Fabeln sind 3 ganz in Jamben abgefaßt, auch bei den andern ist der Schluß metrisch. Als Quellen sind Aphthonios, Ignatius Diaconus und von den Aesopicis die rec. Vindobonensis nachzuweisen. Der Herausgeber vergreift sich in der Einreihung durchaus, wenn er die Brancatiana neben die Augustana stellt und sie von Aphthonios und Ignatius Diaconus benutzt werden läßt. Dem widerspricht vor allem die Sprache, die einen noch weitergehenden Grad der Auflösung zeigt als bei Syntipas. Man vgl. 1 ὠφώς (für ὀπωπώς), 4 κύων κρεωβόρος, 6 ἔδησαν διὰ βοείων λώρων, 7 ἀπηναιδευμένως, 8 κράζειν μεγάλως πρὸς ἰνὸς ἤρξατο, 11 ὑπὸ λύκον ὠμισθοῦ, 14 ἐν ὥρᾳ θερειτάτῃ. Syntaktisch auffällig die Vorliebe für Formen des Perfektstamms 2 ἑάλω μᾶλλον[WS 3] ἤπερ θηρεῦσαι [1497] δεδύνητο, 3 πέρας τὰ τὸν δρόμου ἰσχήκασιν, 4 ἔδοξεν ἑωρακέναι, 7 προσιὼν εἰρήκει, 11 τοῦ ἀυλεῖν ἔρωτα ἐσχηκὼς ... κἄν τις φύσιν ἔσχηκε δεξιωτάτην. Ungeschickte Häufung poetischer Phrasen und Versgeklingel 14 οἱ θῖνες καὶ οἱ σωροὶ καὶ θημῶνες ἑωρῶντο πολλοὶ ... οὐκ ἦσαν λείρια ἄνθη. Der Effekt bleibt weit hinter Syntipas und der Accursiana zurück. Hübsch gelungen ist der Zwölfsilber 13 ἐν ἀμπέλοις γέροντος ἀνδρὸς γηπόνου | κατοικίαν ἔπηξε κερδῶπις πάλαι. Der Alte fängt den Fuchs in Schlingen und prügelt ihn zu Tod, obgleich er versichert οὐ | προσῆλθον εἰς λύμην τῶν βοτρύων | ... ἄλλ’ ἵνα αὐτόθι | ἅπαν ἀποτρέποιτο κνωδάλων γένος. Nachahmung von σφῆκες καὶ πέρδικες CFAes. 235 Hlm. 392. Für die Geschichte der rhetorischen Fabel ist der Brancatianus, wie Sbordone gut nachweist, dadurch von Bedeutung, daß er das ἐπιμύθιον ἐνθυμηματικόν, die Anrede an den Schüler, besonders betont und so den Übergang aus der Rhetorenschule in die Knabenschule vermittelt.

Zum Schluß muß noch ein Wort über die Accursiana gesagt werden, die letzte Umformung der Aesopica in den Rhetorenschulen, die wohl in der Zeit der byzantinischen Hochrenaissance entstanden ist. Sie wird von Planudes, der sie einer Ausgabe des βίος Αἰσώπου voraussandte (vgl. B. Z. X 91ff.), bereits als ein klassisches Werk behandelt, das des Kommentars und der Scholien bedarf, liegt also wohl einige Jahrhunderte hinter ihm zurück. Die ganz eigenartige, streng puristische Sprache ähnelt noch am ehesten der des Photios. Unter den Fabeln, die sie dem alten Bestand hinzufügt, sind zwei besonders beachtenswert: 73 γυνὴ καὶ ἄνηρ μέθυσος CFAes. 272 Hlm. 108, meines Erachtens ein byzantinisches Fabliau, und 72 λέων, λύκος καὶ ἀλώπηξ CFAes. 273 Hlm. 255, in der man bisher eine der Grundlagen des Reinhart Fuchs erkennen wollte, s. u. Vb. In ihr ist das Ziel einer geschmackvollen Abrundung erreicht, die an Reiz nicht hinter dem διήγημα zurücksteht. Die Accursiana hat, fälschlich als versio Planudea bezeichnet, als der Äsop gegolten, bis der Augustanus hervortrat, dessen Wert zuerst Lessing erkannte, der damit der hellenistischen Fassung gegenüber Byzanz wieder zu ihrem Recht verhalf.

Neuerdings ist die Behauptung, Planudes sei der Verfasser der Accursiana — sowohl des βίος wie der μῦθοι — wieder aufgenommen worden in dem Buch von B. E. Perry Studies to the text history of the life and fables of Aesop. Haverford Penns. 1936 (= Philological monographs of the Americ. philol. association VII.), auf das noch nachträglich hingewiesen werden muß. Perry geht aus von dem bisher verschollenen codex Cryptoferratensis saec. X/XI (vgl. Crusius Babr. IX), der von Elinor Husselman[WS 4] in der Bibliothek von Pierpont Morgan wiedergefunden worden ist. Der Codex enthält u. a. eine Fassung des βίος, die noch ausführlicher ist als die Westermannsche, dann 238 Fabeln, die bis auf die zwei letzten der rec. Augustana angehören. Perry gibt eine Kollation der Hss. und bespricht dann die Überlieferungsgeschichte der drei Recensionen. Die Accursiana sucht er dabei ebenso wie den βίος in seiner jüngsten Form auf Planudes zurückzuführen. Aber die Ansicht, daß μῦθοι und βίος vom gleichen [1498] Verfasser herrührten, war, wie Marc sofort erkannte, ein Irrtum von mir. Der gewollt einfache, geistreiche Stil der μῦθοι und ihre preciöse Sprache stehen vom βίος ebensoweit ab wie von Planudes. Perry, der in 3–4 Jahren eine Gesamtausgabe der Äsopica — βίος, μῦθοι, παροιμίαι usw. — vorzulegen denkt, kommt zu folgenden Ergebnissen: die Augustana entstand im 2. bis 3. Jhdt. n. Chr., die Vindobonensis im 12. und 13., die Accursiana (Planudea) ca. 1300, die verkürzte Ausgabe der Augustana (ἐκλογή, Ia) sogar erst im 14.-15. Jhdt. Aber gegen alle diese Ansätze, die zum Teil auf unzureichender Kenntnis und unrichtiger Beurteilung des handsehriftlichen Materials beruhen, lassen sich meines Erachtens schwerwiegende Einwendungen erheben; vgl. Philol. Wochenschrift 1937, 770–771.

b) Grammatik

b) Grammatik. Eine weitere Quelle für die Geschichte der Fabel wird nunmehr auch die Literatur der Lexikographen, Parömiographen und Scholiasten, indem unverständliche oder schwer zu deutende Glossen und Sprichwörter auf Fabeln zurückgeführt werden. So wird zur Erklärung von ἔρρ’ εἰς κόρακας bei Photios, Suidas, Eustathios (zu Od. XIII 408 p. 1746, 61) der alten Fabel von der Krähe unter den Raben CFAes. 125 Hlm. 201 diese Verwünschung als Schluß beigegeben. Ebenso wird Macar. VI 68 die Fabel vom Hermes und dem Holzhauer CFAes. 183 Hlm. 308 weitergeführt: τὸν δὲ πρότερον γεωργὸν παρατυχόντα εἰπεῖν πρὸς αὐτόν· οὐκ ἀεὶ ποταμὸς ἀξίνας φέρει, was ebenfalls ein Sprichwort gewesen sein soll. Aus Suidas haben Kor. 338 ὄνος παρακύψας und nach ihm Hlm. 190 κεραμεύς, ὄνος καὶ ὀνηλάτης eine höchst konfuse Fabel übernommen, die aus der bei Luk. as. 613 und Apul. met. IX 42 sehr viel besser erzählten Eselgeschichte entstanden ist (vgl. N. Jb. I 319). Das Epimythium ἐπὶ τῶν καταγελάστως συκοφαντούντων zeigt, daß wir es hier nicht mit einer äsopischen Fabel, sondern mit einem Scherz über die Prozeßwut der Athener zu tun haben, die selbst ὄνου παρακύψεως wegen klagen, ebenso wie in der bekannten Erzählung περὶ ὄνου σκιᾶς, die außer bei Ps.-Plut. vitae X orat. 401 — danach Hlm. 339 — nur bei Lexikographen und Scholiasten zu finden ist, den echten Aesopica stets fernblieb. Auch sonst ist der Ertrag aus diesen Quellen, trotz häufiger Fabelzitate, gering.

c) Literatur

c) Literatur. Auch in der eigentlichen Literatur, zu der freilich auch das oben erwähnte Volksbuch Simeon Seths zu rechnen wäre, sind die Fabeln fast verschwunden. Aus der byzantinisenen Geschichte des Polyhistors Nikephoros Gregoras (14. Jhdt.), der jedoch auch rhetorische Schuldeklamationen verfaßte, hat Halm als einziges — schlecht gewähltes — Beispiel byzantinischer Fabulistik die γαλῆ μέλαινα (87) aufgenommen. Sie ist der Geschichte vom blauen Schakal im Pantschatantra I 10 nachgebildet, der in eine Färberkufe voll Indigo fiel und nun als blaues Ungeheuer die Tiere erschreckt. Wenn aber am Schluß sich die Tiere wundern, ὅπως ἀπηνεστέρα γέγονεν ἀφ’ οὗ τὸ μοναδικὸν περιέθετο σχῆμα, so stammt das wieder vom mittelalterlichen Typus des Wolfs-mönchs her. Übrigens ist die Fabel auch hier [1499] wieder nach alter Tradition (N. Jb. 1937, 145) Hilfsmittel im politischen Kampf und persönlich zugespitzt: der Patriarch von Alexandria verleumdet mit ihr den Patriarchen Athanasios beim Kaiser Andronikos.

Der Einzige, der in Byzanz die Fabel um ihrer selbst willen kultivierte, ist der Vielschreiber J. Tzetzes (12. Jhdt). In den sog. Chiliades, dem ‚philosophisch-historischen Lehrgedicht‘ (Krumbacher), dem er selbst den Titel βίβλος ἱστοριῶν gegeben hat, werden ein Dutzend Fabeln zitiert, aber nicht alle in gleicher Ausführlichkeit wiedergegeben. Über die Quellen des Bettelpoeten Tzetzes, dem das Gedächtnis eine Bibliothek ersetzen mußte, ist schwer zu urteilen, besonders bei seiner Flüchtigkeit im Zitieren (Chr. Harder De Joh. Tzetzae historiarum fontibus, Kiel 1886, 8ff. 15ff.). Aber er zeigt auch hier seine Belesenheit. Er gibt nach Lukian — ohne Namensnennung IV 933 die Geschichte vom Esel in der Löwenhaut (ὄνος ἐν Κύμῃ Hlm. 333b) jedoch mit leichter Variante am Schluß — und mit Namensnennung IV 954 die πίθηκοι ὀρχησταί (Hlm. 360) — nach ‚Βαβρίας‘ 8 Verse ausschreibend — XIII 257 ὄνος καὶ μηναγύρται (B. 141). Sonst wird sechsmal Äsop genannt, einmal Äsop und Babrios. Aber die Fabel vom Raben mit dem Käse wird X 756 in der Form des Babrios, nicht nach der Prosaversion (Fleisch statt Käse, B. 77. CFAes. 126 Hlm. 204) erzählt und die von der Krähe mit den fremden Federn (CFAes. 103 Hlm. 200) mit der Variante des Libanios (Eule statt Schwalbe, s. S. 1488, 16). Interessant liegt der Fall bei der Fabel von der Maus, die dem Löwen durchs Maul huscht (CFAes. 151 Hlm. 257 B. 82). Hier zeigt Tzetzes in der Schlußbemerkung des Löwen οὐ μῦν φοβοῦμαι, τὴν δὲ ὁρμὴν ἐκτρέπω — der Vers ist unvollständig wie öfters — dieselbe Korruptel wie die Augustana. (Der Casinensis hat ὀργήν, die par. Babr. — der Athous hat einen andern Text — κακὴν ὁδόν, das Richtige ist wohl ὀσμήν). Also kannte Tzetzes die Fabel in der Form, die ihr die hellenistischen Rhetoren gegeben hatten. Die eigenen Varianten des Tzetzes sind belanglos. Von künstlerischer Gestaltung der einzelnen μῦθοι ist keine Rede.

V. Übergangvonderantiken Tierfabel in die mittelalterliche Tierdichtung

V. Übergangvonderantiken Tierfabel in die mittelalterliche Tierdichtung.

a) Tierfabel

a) Tierfabel.

Hervieux Fab. Lat. I². II². II. IV. J. Grimm Reinhart Fuchs 1834. Ed. du Méril Poésies inéd. du moyen âge 1854. Roth Die mittelalterlichen Sammlungen lat. Tierfabeln, Philol. I 523ff. Mall Zur Gesch. der mittelalterl. Fabelliteratur, Ztschr. f. Rom. Philol. IX 161ff. Herlet Beitr. z. Gesch. d. äsop. Fabel im Mittelalter. Gymn.-Progr. Bamberg 1892. Jacobs History of the Aesopic fable 158ff.; vgl. Art. Fabel S. 1704. Schanz³ 44ff. Manitius Gesch. d. lat. Lit. d. Mittelalters III 762ff. Thiele Romulus CXXXIff.

Die mittelalterliche Fabeldichtung baut sich in erster Linie auf Romulus, erst in zweiter auf Avian auf und entfernt sich so immer weiter von der Antike. Die Darstellung verflacht, die ‚moralitates‘ sind christlich gefärbt, die Sprache verwildert, das Ganze wird immer wertloser. Das gilt auch von dem früher vielgenannten Romulus Nilanti und den andern Romuli (vgl. die [1500] wertvolle Abhandlung von Mall). Die erfolgreichste Bearbeitung ist die des sog. anonymus Neveleti, die nach dem Nachweis von Hervieux von Gualt. Anglicus stammt (ähnlich schon Grimm R. F. CCLXX). Er war Hofkaplan Heinrichs II. von England, später Erzbischof von Palermo und verfaßte 60 fabulae in Distichen. 113 Hss. besprochen bei Hervieux I² 593–602, neuere Ausgaben von Draheim Aesopus latinus, Progr. des K.-Wilh.-Gymn. Berl. 1893. Hervieux II² 316ff., die bestfundierte von Oldfather-Mc. Kenzie and Oldfather Ysopet-Avionnet. Univ. of Illinois stud. in lang. and lit. V 4 (1919). Dem Vorbild näher steht der Aesopus novus des Alexander Neckam (auch 12. Jhdt.). Ausgabe von Hervieux II² 392ff. Unter seinen 42 Fabeln findet sich eine P.-Fabel, die bei Romulus fehlt (I 9), und eine weitere, die nach dem Zeugnis von Ademar (Rom. 34) ebenfalls von P. herzurühren scheint. Aber deshalb die drei weiteren Stücke, die er über die Romulusvulgata hinaus bietet — 7 de vulture et aquila, 11 de stulta et mulis, 38 de pica et cauda sua —, mit Thiele ebenfalls auf P. zurückzuführen, scheint mir wegen des dürftigen Inhalts und kunstlosen Aufbaus untunlich. Wie die alte Rhetorenlehre ins Mittelalter weiterwirkt, zeigt Neckam, indem er in seinem novus Avianus, von dem nur 6 Fabeln erhalten sind — Hervieux III 462–467 —, die Fabel von der Schildkröte und dem Adler in dreifacher Gestalt bietet: copiose — 32 Verse —, compendiose — 10 Verse — und succincte — 3 Verse. Andererseits zeigt bei Vincentius Bellovacensis (12. Jhdt.), der in seinem Speculum historiale et doctrinale 29 Romulusfabeln einschiebt (Hervieux II² 234–245) der Zusatz am Schluß (,actor‘) quas ... liceat in sermonibus publicis recitare, wie die Fabel durch Rhetorenschule, Knabenschule, Klosterschule schließlich ihren Weg in die Kirche findet.

Nur gelegentlich werden die alten Aesopica wieder herangezogen, so in der zweiten Fortsetzung von dem Liber parabolarum des Odo di Ceritonia (Hervieux IV) im cod. Gudianus 200, der 1326 in Bologna geschrieben ist (Herlet 76).

Die Verbindung des klassischen Fabelguts mit dem orientalischen vollzieht sich im novus Aesopus des Italieners Baldo (12. Jhdt.), 1268 leoninische Hexameter. Neuausgabe von Hilka Abh. Gött. Ges. 21. 3. In diesen 35 Fabeln wird der altgriechischer Tradition fernstehende, breit verwässernde Ton des Simeon Seth (s. o.) fortgesetzt.

Gute mittelalterliche Dichtung in ungekünstelter Naturnähe mit dem frischen, oft derben Humor, der den griechischen Rhetorenfabeln so gänzlich abgeht, findet sich zuerst in den sog. fabulae extravagantes (Hervieux II² 272ff.; vgl. Grimm CLXXXVIII u. 421ff. Jacobs 159), 26 Fabeln, die Steinhöwel seiner Ausgabe des Romulus von 1476 (Österley Bibl. des lit. Vereins Stuttgart CXVII) nach einer verschollenen Hs (Thiele CXC) als fünftes Buch beifügte. Ihre Hauptquelle scheint volkstümliche Überlieferung gewesen zu sein. Daneben finden sich in gelehrten Dichtern der Zeit, so z. B. [1501] in dem prächtigen Nigellus Wireger, Reminiszenzen an die Aesopica, Apuleius und Avian. Aber allmählich gleitet die Tierfabel immer mehr in die geistliche Tiersatire hinüber, der auch die byzantinische Fabel anheimfällt.

b) Byzantinische Fabel und mittelalterliches Tierepos

b) Byzantinische Fabel und mittelalterliches Tierepos.

J. Grimm Reineke Fuchs 1843. Voigt Kleinere lat. Denkmäler der Tiersage aus dem 12.–14. Jhdt. 1878; Ysengrimus 1884. Patroni Una favola perduta. Ausonia III 71ff. Hausrath German. Märchenmotive in griech. Tierfabeln. Neue Jahrb. 1937. Ehrismann Gesch. d. deutschen Literatur I² (1932) 370ff. II 2, 247ff. Golther Deutsche Dichtung im Mittelalter² (1922) 63ff. 156ff.

In die byzantinische Fabel dringen allmählich Motive ein, die aus der Symbolik der christlichen Literatur, aber auch aus der Tierepik des Westens. herkommen. Dazu gehört das Motiv vom Wolf im Schafspelz, das der Metapher ev. Matth. VII 15 προσέχετε ἀπὸ τῶν ψευδοπροφητῶν, οἵτινες ἔρχονται πρὸς ὑμᾶς ἐν ἐνδύμασιν προβάτων, ἔσωθεν δέ εἰσιν λύκοι ἅρπαγες entstammend, zum Mittelpunkt des mittelalterlichen Tierschwanks wird (Voigt Ysengrimus XC 7). Es findet sich seines symbolischen Charakters entkleidet bei Nikephoros Basilakes (s. S. 1495) CFAes. 275b Hlm. 376 ποιμὴν καὶ λύκος. Der hungrige Wolf hüllt sich in einen Schafspelz — vgl. ὄνος καὶ λεοντῆ — und läßt sich vom Schäfer mit der Herde einschließen. Als aber der Hirte sich am Abend ein Schaf schlachten will, ergreift er das größte, den verkleideten Wolf. Es ist offensichtlich das Bestreben der Fabulisten der byzantinischen Renaissance, die der Antike entstammenden Fabeln von christlichen Zusätzen und Umgestaltungen zu säubern. Das geschieht konsequent in der Accursiana, am deutlichsten in der Fabel λέων, λύκος καὶ ἀλώπηξ CFAes. 268 Hlm. 255, die uns noch weiter beschäftigen wird. In der Fassung der rec. Vindobonensis — CFAes. 268a Ch. 181a — fordert der Fuchs den Hahn, den er im Wipfel des Baums hat krähen hören, auf, herunterzukommen, ὅπως ᾄσωμεν τὰς νυκτερινὰς ᾠδάς. Der Hahn verweist ihn an den παραμονάριος am Fuß des Baums, den Hund, der ihn zerreißt. Die Accursiana — CFAes. 268b Hlm. 225 — hat diese mönchische Draperie völlig beseitigt. Ebenso gestaltet der ‚rhetor Christianus‘ (Walz Rhet. gr. I 597) die schöne Geschichte von des Esels Beichte, die bekanntlich im neugriechischen συναξάριον τοῦ τιμημένου γαδάρου ihre abschließende Form gefunden hat (Krumbacher § 389), so um, daß aus der Beichte eine Art von Vertrag wird. Der Esel soll am Leben bleiben, wenn seine πλημμελήματα geringer sind als die des Wolfs; vgl. λόγοι τρεῖς ἀληθεῖς Babr. 53. Aus dem Epimythium ist hier eine bewegliche Klage geworden über die ἀδικώτατοι, οἳ τὰ τῶν πλησίον ἀρπάζοντες σεμνολογοῦσιν.

Nicht so einfach liegt die Frage bei zwei Tiergeschichten, die man bisher im Reinhart Fuchs als aus ,Äsop‘ übernommen bezeichnet hat, die aber meines Erachtens im germanischen Märchenschatz zu Hause sind und von da aus ihren Weg sowohl in den Reinhart Fuchs wie in die byzantinische Fabulistik fanden (N. Jb. 1937, 139ff.).

[1502] Es handelt sich um die eben besprochene Fabel vom Fuchs, der den Hahn berücken will, CFAes. 268 Hlm. 225, und die Märchenfabel vom geschundenen Wolf, CFAes. 273 Hlm. 255. Was die erstere betrifft, so muß zunächst die Ansicht von Thiele zurückgewiesen werden, der Rom. LXII behauptet, die Romulusfabel 34 vulpes et perdix gehöre ‚zum alten Bestand des gräcolatinischen Corpus und sei auch die Quelle für Reinhart Fuchs gewesen‘. Diese dürftige, im Romulus nur bei Ademar — s. o. IIa — erhaltene Fabel ist von Sudre Les sources du roman de Renard (1892) 283 und Gaston Paris Journ. des sav. 1884, 685 mit Recht für mittelalterlich erklärt worden. Der Fuchs lobt die Schönheit des Rebhuhns und fährt dann ganz unvermittelt fort: nam si dormires, pulchrior esses. Das Rebhuhn schließt die Augen und wird geschnappt. In den fab. extrav. Hervieux II² 275 und dem Rom. Bernensis ebd. 308 lobt der Fuchs die Schönheit der Stimme vom Vater des Hahns: tunc gallus cum elacione clausis oculis cepit cantare (1) — wobei das Schließen der Augen unmotiviert bleibt. Eine leidliche Form findet erst der Rom. Anglicus ebd. 599: patre tuo excepto, qui cum alcius cantare voluit, oculos claudere consuevit (2). Aber alle diese Tüfteleien muten doch sehr mittelalterlich an. Die eine (1) kehrt denn auch in Nivards Ysengrimus IV 595ff. wieder und die andere (2) bei Marie de France f. 60 Warnke.

Es bleibt also zum Vergleich mit Reinhart Fuchs nur die ‚äsopische‘ Fabel von Hahn, Fuchs und Hund. Sie ist, wie erwähnt, nur in den byzantinischen Rezensionen der Vindobanensis und Accursiana erhalten und wird in der antiken Literatur nirgends erwähnt. Auch der Versuch, Darstellungen einer entsprechenden Fabel auf Denkmälern nachzuweisen, ist mißlungen. Wenn Engelmann bei Voigt, Kl. Denkm. 36 eine solche auf ‚etwa dem 3. Jhdt. angehörigen Kandelabern‘ zu finden glaubt, so ist zunächst zu sagen, daß die Beschreibung des einen Kandelabers, Giorn. dei scavi I 54 ‚una volpe, che insidia una gallina ed i suoi nati‘ deutlich beweist, daß es sich nicht um unsere Fabel handelt, und daß auf dem andern, ebd. 87, überhaupt kein Fuchs zu sehen ist. Außerdem findet sich das Motiv, daß an einem Kandelaberschaft sich verfolgende Tiere hinauf- und hinabhuschen, in der Kunst seit den Etruskern rein dekorativ verwandt sehr häufig — vgl. v. Schorn-Blümner Kunstgewerbe II 7 Fig. 34 und die Photographien von Alinari 35 525 und 35 521 nach Kandelabern im Museo Gregoriano.

Auch das sehr interessante, leider unvollständige Grabmal im Museo civico di Cremona, das Patroni Ausonia III 71–78 herausgegeben und feinsinnig erläutert und gedeutet hat, versagt hier. Dargestellt ist ein Hahn, der erhöht — vermutlich auf einem Baumstumpf wie auf der Federzeichnung bei Ademar zu Romulus 34 — sitzt; Unterleib und Füße fehlen. Ihm gegenüber ein Vierfüßler, von dem nur ein Teil des Kopfs mit gespitztem Ohr, der Ansatz der Schnauze und der Kontur des Rückens erhalten sind. Die Form des Schwanzes, die entscheiden würde, ob es sich um Fuchs oder Katze handelt, ist nicht festzulegen. Die Größenverhältnisse scheinen im Vergleich zum [1503] Haha eher für eine Katze zu sprechen. Über dem Vierfüßler steht SALVE TV, über dem Hahn NOVI TE. Es handelt sich also um eine Fabel, in der der Hahn den verdächtigen Freundesgruß seines Gegners zurückweist. Das Motiv könnte aus den Fabeln αἴλουρος καὶ ὄρνις Babr. 121 oder αἴλουρος καὶ μύες Babr. 17. CFAes. 81 Hlm. 15 P. IV 2 Rom. 72 genommen sein, die auch Patroni in Erwägung zieht, um sich dann aber für die oben angeführte Version des Rom. anglicus (Marie de France) zu entscheiden.

Dafür, daß der Gegner des Hahns wie in den äsopischen Fabeln auch hier die Katze und nicht der Fuchs gewesen ist, spricht eine indische Darstellung, die Jacobs mit der Fabel Hlm. 225 in Verbindung bringt. Sie ist abgebildet bei Cunningham Stupa of Bharhut PI. XLVII und danach reproduziert bei Jacobs 76. Dargestellt ist ein Hahn, der auf einem Baum sitzt, und neben dem Baum sprungbereit am Boden sitzend eine Katze. Im Fries über dem Bild ist eingehauen Kukkuta Jataka. In diesem Jâtaka (383 bei Dutoit III 287/89) ist das Motiv, daß ein Raubtier ein für es unerreichbares geflügeltes Tier auf den Boden herabzulocken sucht (Wienert ET 126, vgl. τέττιξ καὶ ἀλώπηξ CFAes. 245 Hlm. 400) mit dem von der ungleichen Gattenwahl (Wienert ET 250, vgl. Rom. 96) verbunden und die Moral wendet sich gegen den verkehrten Ehrgeiz der Weiber. Aus einem dekorativen Detail des Bilds glaubt nun Jacobs eine weitgehende Übereinstimmung der Darstellung mit der Fabel Hlm. 225 dartun zu können. Zwischen dem Baum und der Katze hängen nämlich an einem Stengel sieben Glocken herab, die zu einem blütenförmigen Schmuckstück verbunden sind. Cunningham vergleicht diese Glocken mit denen, die die Tänzerinnen tragen, und meint, sie seien angebracht als Symbol der Wachsamkeit des Hahns. Jacobs aber sieht in ihnen ein Zeichen dafür, daß hinter dem Baum wie bei Hlm. 225 der Hund lauere. Beide Vermutungen sind irrig, wie eine richtigere Interpretation des Bildwerks beweist, die ich dem Heidelberger Indologen H. Zimmer verdanke. Prof. Zimmer weist darauf hin, daß der Stengel, in dem die Glocken sich befinden, nicht zu dem Baum gehört, auf dem der Hahn sitzt, sondern zu einem unter der ganzen Bilderreihe fortlaufenden ornamentalen Fries, der aus einer echt indischen Verschlingung von vegetabilen und Frauenschmuckmotiven — Lotosblüten, Früchten und Perlenketten — besteht. In diesem bilden die Glockentrauben nur ein Glied. Dieser ornamentale Fries war dem Künstler die Hauptsache, die Bildszenen — man zählt ihrer heute noch 32, von denen Cunningham 24 auf Jâtakas bezieht — sind nur geschickt in ihn hineinkomponiert. So steht auch das Kukkuta (Hahn)–Jâtaka zu dem Glockenbündel in keiner engeren Beziehung. Symbolische Deutung ist also verkehrt. Damit entfällt auch die Beziehung auf Hlm. 225, und wir entnehmen der Darstellung nur, daß in der alten Fabel die Katze und nicht der Fuchs der Gegner des Hahns war.

Also ist wohl auch das Tier auf dem Grabstein in Cremona als Katze anzusprechen und die Beziehung zu der mittelalterlichen Fuchs-Hahn-Fabel fällt weg. Eine solche wäre auch sonst [1504] unwahrscheinlich, da der Grabstein sicher dem 1. Jhdt. n. Chr. angehört. Prof. L. Curtius-Rom teilt mir mit: ‚Der Typus dieser oberitalienischen römischen Grabreliefs beginnt in der zweiten Hälfte des 1. Jhdts. v. Chr. und läuft bis in die erste Hälfte des 1. Jhdts. n. Chr. Dies Stuck könnte nach der noch sehr hellenistischen Form der Amphora (im Giebelfeld des Grabsteins) etwas älter sein als Claudius.‘ Ob die hier dargestellte Katze-Hahn-Fabel auf eine verlorene P.-Fabel zurückgeht, bleibt unklar. Sie ist eine Variante des Typus ὄρνις καὶ αἴλουρος Babr. 121, die damals offenbar in Oberitalien volkstümlich war, so daß diese abkürzende Darstellung auf Verständnis rechnen konnte. Auch bei ihr ist eine allegorische Auslegung, wie sie Patroni versucht, ebenso äbzulehnen wie die, die seinerzeit Bormann der Abbildung der Fabel von Fuchs und Storch (P. I 26) auf dem Grabmal von villa Dianella gab, vgl. Art. Fabel S. 1716.

Für Hlm. 225 aber ergibt sich, daß diese Fabel mit der Antike nichts zu tun hat. Weiter eignen die in ihr verwandten Motive — Wanderschaft der Tiere, das Freundespaar Hahn — Hund, die Dreiheit Hahn, Katze, Hund, dem germanischen Volksmärchen, nicht der griechischen Tierfabel. Also hat ein byzantinischer Rhetor, dem das überkommene Fabelrepertoire auf die Dauer zu eintönig war, dies neue Argumentum den seit der Gotenzeit in Byzanz umlaufenden germanischen Volksmärchen entnommen. Auch läßt sich noch erkennen, wie der Verfasser diese neue Schulfabel in Anlehnung an eine alte hellenistische, die oben erwähnte τέττιξ καὶ ἀλώπηξ (CFAes. 245 Hlm. 400) zurechtformte (Neue Jahrb. 1937, 143).

Das gleiche aber gilt von Hlm. 255, dem alten Märchen vom geschundenen Wolf, das den Kern der Reinhart-Isegrim-Geschichten bildet. Auch es liegt uns nur in spätbyzantinischer Fassung (Accursiana) vor. Nirgends in der antiken Literatur findet sich eine Anspielung auf diese Geschichte. Das Motiv, das ihr zugrunde liegt, der Gegensatz zwischen dem stärkeren, aber plumpen, und dem schwächeren, aber geistig überlegenen Tier, ist dem germanischen Märchen geläufig, der Antike völlig fremd. Den besten Gegenbeweis gegen die Behauptung der Romanisten und Folkloristen, daß die Feindschaft zwischen Wolf und Fuchs aus der griechischen Fabel stamme, bildet Babr. 130. Auch hier ist zu erkennen, wie der Byzantiner das breit angelegte Märchen mit seinem grimmigen Humor in den knappen Rahmen der rhetorischen Schulfabel zwängte (Neue Jahrb. 1937, 141).

Daß in den späteren Stücken der Aesopica auch die ‚westeuropäische Tierfabel‘ benutzt sei, hat übrigens schon Herlet (s. o. Va) 73ff. vermutet. Aber sein Beispiel ist verkehrt: Hlm. 260 (CFAes. 154 societas leonina) ist gut hellenistisch.

Das dritte Beispiel für den gleichen Vorgang bietet Georgios Pachymeres (s. S. 1495), der die allmählich abgehetzte Musterfabel vom λέων ἐρασθείς dahin variiert, daß der μυθευόμενος γέρων den Löwen auffordert, als Beweis seiner Kraft einen angespaltenen Baumstamm zu zerreißen. Dies der Antike wieder völlig fremde Motiv stammt doch wohl aus der germanischen Reinhartgeschichte, wo der honiglüsterne Bär so zur Strecke gebracht wird (N. Jahrb. 1937, 143). Diese [1505] Rhetoren haben ja auch in dem Kapitel περὶ ἠθοποιίας ihrer Progymnasmata neben antiken auch christliche Vorwürfe und solche aus der Völkerwanderungszeit behandelt (Krumbacher 450ff.), so der obengenannte Nikephoros Basilakes, Walz Rh. gr. I 519–522 τίνας ἂν εἴποι λόγους ἡ ἐξ Ἐδέσσης παρὰ τοῦ Γόθου ἐξαπατηθεῖσα κόρη.

Damit kehrt die Fabel, die einst Hesiod und Archilochos aus dem Volksmund aufgriffen und in die Literatur einführten, wieder zu ihren Quellen zurück. Andererseits haben die hellenistischen Rhetoren, die diese poetischen Gebilde in das Schema der Lehrfabel einspannten, so daß Herder — allerdings zu Unrecht — hier ‚byzantinische Exzerpte‘ vermutete, und die Fabeln mit gepreßten Blumen verglich (XV 650 Suphan), sich durch die Jahrhunderte behauptet. In ihren Bahnen geht der Schulbetrieb nicht nur im Mittelalter, sondern auch in der Zeit des Humanismus (Camerarius). Und als Lessing die deutsche Fabeldichtung durch die ‚Rückkehr zum antiken Kanon‘ (Erich Schmidt Lessing I² 395) neu zu begründen suchte, folgte er in Theorie und Praxis der Lehre der alten Rhetoren. Denn seine Abhandlung ‚Von einem besonderen Nutzen der Fabeln in den Schulen‘ (V 457ff. Lachm.) ist, wenn auch von Wolf angeregt und von Camerarius vorweggenommen, nur eine Weiterbildung der Rhetorenvorschrift von der Schaffung neuer Fabeln aus Einzelzügen der alten. Und seine eigenen Fabeln, die in Geist und Tiefe des Inhalts, in der zwingenden Geschlossenheit des Aufbaus und in der klassischen Sprache unvergleichlich sind — wenn auch diesen ‚Fabelepigrammen‘ nach J. Grimms berechtigtem Einwand ‚das naive Element abgeht bis auf die leiseste Ahnung‘ (RF XVIII) —, auch sie sind geschaffen nicht nach dem Vorbild der antiken Poeten, sondern dem der antiken Rhetoren und ihres von Lessing oft zu Unrecht getadelten Schülers P.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: zu
  2. Vorlage: Publ.
  3. Vorlage: μᾶλλων
  4. Vorlage: Husselmann