RE:Metrodoros 16

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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von Lampsakos Schüler und Freund Epikurs
Band XV,2 (1932) S. 14771480
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16) M. von Lampsakos, Schuler und Freund Epikurs. Über sein Leben erfahren wir am meisten durch Diog. Laert. X 2'2 (Körte t. [= testimonial 1). Er war der Sohn eines Athe-naios oder Timokrates, die Mutter hieß Sande; 1 außer dem ältesten Bruder Aktorides (frg. 30) hatte er einen zweiten namens Timokrates, mit dem es zu einem Streite kam, der auch Epikur anging (Körte 554. 535). Er heiratete die Hetäre Leontion (s. o. Bd. XII 8. 2047; sie war natürlich nie Epikurs Geliebte); es war wohl eine Ehe und kein Liebesverhältnis, wenn es auch vor dem attischen Recht nicht dafür galt (Korte t 6–8), und Mutter und Schwester bezeugten ihm ihr Einverständnis. Aus dieser Ehe entsproß ein ‘ Sohn, der nach Epikur benannt war, und eine Tochter, für die nach M? Tode Epikur Sorge trug (Körte t. 10–12). Er starb sieben Jahre vor Epikur im J. 278/77 53 Jahre alt, war also J. 331/30 geboren (K ö r t e t. 5, vgl. C r ö n e r t 14). Wahrscheinlich erlag er der Wassersucht, die er selbst erwähnte (frg. 46). Daß er sich in günstiger Vermögenslage befand, deutet Philod. de oecon. 27, 24 (Körte 545) an.

Eine Bronzebüste in der Villa des Epikureers i in Herculaneum (Comparetti-de Petra Villa Ercolanese 263 [und T. XII 2] mit Literatur). Doppelherme des M. und Epikur, inschriftlich bezeichnet, im Gapitolinischen Museum Helbig Führer² 496; andere bei Visconti Iconographie grecque I 214 mit T. 25, 4. Marmorkopf im Vatikan Helbig 290.

Seine Freundschaft mit Epikur, die er schon in Lampsakos geschlossen hatte, war sehr eng; er verließ ihn nur einmal auf sechs Monate, um in seine Heimat zu reisen. Er gehörte zu den ,Vier' (Usener Epicurea Liv. Ciris 15?) und übertraf an Bedeutung Hermarchos (o.Bd.VIII S, 721) und Polyainos (Körte t. 21–26). In der Bedürfnislosigkeit hatte er es fast so weit gebracht wie der Meister (Sen. ep. 18, 9). Epikur widmete ihm den Eurylochos und eine als Metrodoros bezeichnete Schrift in fünf Büchern; natürlich gab es auch Briefe und sonstige Erwähnungen in des Meisters Schriften (Korte t. 27–29). Dieser rechnete ihn nicht zu denen, die aus eigener Kraft zur Wahrheit gelangen konnten, weist ihm aber unter denen, die es mit fremder Hilfe vermochten, den ersten Platz an (Sen. ep. 52, 3). Im Testament ordnete er an, daß an jedem 20. sein und Μ.* Gedächtnis gefeiert würde (Diog. Laert. X 18).

Das Schriftenverzeichnis bei Diog. Laert. X 23 lautet: Προς τοὺς ἰατροὺς τρία. Περὶ αἰσθηοεων. Προς Τιμοκράτην. Περὶ μεγαλοψυχίας. Περὶ τῆς Ἐπικούρου ἀρρώστιας. Προς τοὺς διαλεκτικούς. Προς τοὺς ὀοφιοτάς ἐννέα. Περὶ τῆς ἐπὶ σοφίαν πορείας. Περὶ μεταβολῆς. Περὶ πλούτον. Προς Δημόκριτον, Περὶ εὐγενείας. Dazu kommen folgende anderweitig erwähnte Schriften: Περὶ τοῦ μείζονα εἶναι τὴν παρ’ ἡ μας αἰτίαν πρὸς εὐδαιμονίαν τῆς ἐκ τῶν πραγμάτων. Περὶ θεων. Μαρτυ‘ίαι (angezweifelt). Προς τὸν Πλάτωνος Γοργίαν Ç. 2 angezweifelt). Προς τὸν Εὐθύφρονα. Περί [1478] Metrodoros

1478

ποιημάτων. Προς τοὺς ἀπὸ φυσιολογίας λέγοντας ἄγαμους εἶναι ρήτορας (gegen Nausiphanes Philod. rhet. I 54, 16 Sudh.). Ὑποθήκαι (angezweifelt). Περὶ φιλοσοφίας. Ἐπιοτολαί. Eine protreptische Schrift, die in Pap. Here. 831 erhalten ist, hat Körte ihm vermutungsweise zugewiesen (571–591), und das kann zutreffen, obwohl Sudhaus Herm. XLI 58 Einspruch dagegen erhoben hat. Auch aus dem Gnomol. Vatic. (U s e n e r 0 Wien. Stud. X 175) hat Körte 531 seinen Nachlaß vermehrt.

Bei dem überragenden Einflüsse des Meisters, dessen Sätze er bisweilen wiederholte (Körte 540), wird man in den Lehren nicht viel Individuelles erwarten dürfen. Seiner Begeisterung für jenen gab er offenen Ausdruck, z. B. schrieb er an Timarchos (frg. 38 = Plut. adv. Col. 17) ποιήσωμέν τὶ καλὸν ἐπὶ καλοῖς, μόνον ου καταδύντες ταῖς ὀμοιοπαθείαις *) καὶ ἀπαλλαγέντες ἐκ τοῦ ‘0 χαμαὶ βίου εἰς τὰ Ἐπικούρου ὡς ἀληθώς Φεόφαντα ὄργια, und es lagen von beiden Seiten Äußerungen über ihre Freundschaft vor (Körte t. 21–26), die natürlich von Gegnern in den Schmutz gezogen wurde (Croenert 24). Es kränkte M. sehr, daß die Lehre des Meisters nicht den gewünschten Erfolg hatte; aber er war überzeugt, daß er sich später einstellen würde (frg. 43, vgl. t. 23). Er bekämpft die Gegner der Schule; so richtete sich die Schrift gegen die Dialektiker JO wohl gegen die Megariker (Körte 539), die neun Bücher gegen die Sophisten, gegen alle Philosophen (U sener 417 M., bei Philod. oec. 20. 7. 23, 33), die Schrift περὶ πλούτου polemisierte gegen die Kyniker und Aristoteles; daß er gegen Demokrit schrieb, paßt durchaus zum Verhalten seines Lehrers (U s e n e r 402). Unsicher ist natürlich in VH² X 201 (frg. 14) die Ergänzung πρὸς Ἀρ[ιστοτέλη (C r ö n e r t 24). Über den rüden Ton dieser Polemik klagt beweglich Plut. 40 contra beat. 2 (Korte t. 36). In einem Briefe an seinen Bruder Timokrates, den er wohl ironisch einen φυσιολόγος nennt, betont er mit besonderer Schärfe die Bedeutung der γαστήρ (frg. 39–42, vgl. frg. 7 und Ueberweg-Praechter 483): περὶ γαστέρα ὁ κατὰ φύσιν βαδίζων λόγος τὴν ἄπασαν ἔχει σπουδήν. Vgl. frg. ὁ ἀγαμὸν ψυχῆς τὶ ἄλλο ἡ τὸ σαρκος εὐσταθές κατάστημα καὶ τὸ περὶ ταύτης πιστὸν ἔλπισμα. Das wurde natürlich weidlich gegen ihn ausgebeutet 50 (K ö r t e 536). Wie wenig das berechtigt war, zeigt frg. ὁ ἔστι τις ἠδονὴ λύπη συγγενῆς (über die Fassung Thomas Arch. f, Gesch. d. Philos. IV 570), ferner frg. 62 πολλάκις προσεπτύσαμεν ταις τοῦ σώματος ἤδοναις und frg. 37: /Vergiß nicht, daß du, ein Sterblicher mit begrenzter Lebenszeit, durch die Beschäftigung mit der Natur zur Unendlichkeit und Ewigkeit aufgestiegen bist, und daß du das Seiende und Zukünftige und Vergangene (Hom. II, I 70) geschaut hast.* S. auch 60-------

  • ) Ich nehme an, daß die Herausgeber diese Worte verstehen; sie haben dann aber auch die Pflicht, sie den Lesern ihrer Ausgabe zu erklären. Das gilt namentlich von den Herausgebern des Philodem, die die dornenvolle Lektüre dieses unerträglichen Autors durch eine Übersetzung erleichtern sollten. Wortindizes ohne jede Erklärung sind gar kein Ersatz dafür.

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Metrodoros

frg. 55 (gegen das Genußleben der Jugend). – Die φυσιολογία macht uns ἀθορύβους und αὐτάρκεις und lehrt uns, auf unsere inneren Vorzüge, nicht auf äußere stolz zu sein (frg. 48); jedoch ist die Meinung falsch, daß man durch sie zur Redekunst und zu der von der Menge bewunderten Bildung gelange (ebd. und frg. 25–27); betr. seine Ansichten über Rhetorik vgl. Sudhaus Philod. rhet. II 342. Obwohl M. selbst keineswegs ungebildet war, setzte er doch in der Schrift περὶ ποιημάτων auseinander, daß man sich einer Unkenntnis der homerischen Gedichte nicht zu schämen habe (frg. 24). Auch den Wert der Rhetorik setzte er natürlich herab (frg. 23). Ganz epikureisch ist auch seine Verteidigung der Sin-neswahrnehmung (frg. 1).

Einen breiten Raum nimmt Lebensweisheit ein. Wir kennen sie besonders aus dem großen Exzerpt bei Philod. de vit. et virt. IX (de oecon.) 12, 45–21, 35 und 22, 9–24, 19 (vgl. darüber Sudhaus Herm. XLI 45. XLII 645). M. geht von der Anschauung aus, daß die ἠδονή nicht durch Vermeidung jeglicher Arbeit erreicht wird (gegen die kynische Ansicht von der Verwerflichkeit jedes πόνος; das hinderte ihn aber nicht, die Beteiligung am Staatsleben zu verwerfen: Plut. adv. Col. 34). Dies gilt namentlich von der Arbeit, die die Vermögensverwaltung mit sich bringt; der Weise, der auch mit einer ärmlichen Lebensweise zufrieden ist, wird nie so sehr Sklave seines Reichtums, daß er durch ihn große Mühen und innere Unruhen hat. Er ist ein guter Geldwirt, aber nie ein eigentlicher Spekulant; denn das Achten auf die Konjunkturen (καιροί) würde ihm die Unruhen bereiten, denen der φιλοχρήματος ausgesetzt ist. Ganz im Sinne Epikurs betont er den Wert des Wohltuns und Mitteilen (18, 31) und die Gemeinschaft des Besitzes unter Freunden (14, 46). Erwerb aus Mietshäusern und durch Sklaven ist nicht zu verwerfen, am schönsten aber ist es, philosophische Lehren an empfängliche Schüler mitzuteilen und an ihrem Vermögen teil-zuhaben (23, 18) – eine Anschauung, die ganz durch das von Epikur gegebene Vorbild bestimmt ist. – Namentlich in den Briefen fanden sich allerlei Lebensregeln; so gab er seiner Schwester Batis, die mit Idomeneus unglücklich verheiratet war, Rat betreffs des Verhaltens zu ihrem Gatten (frg. 36). – Am Stil feilte M. natürlich nicht (mied z. B. nicht den Hiat) und wurde, wie Cic. Tusc. II 8 sagt, außerhalb seiner Schule nicht gelesen; doch fehlte es nicht an eindrucksvollen Formulierungen. Vgl. den fast stoisch anmuten-Jen Satz (frg. 50) μὴ ζήτει γίνεσαι τὰ γινόμενα ὡς θέλεις, ἄλλα θέλε ὡς ἄν τὰ γινόμενα γίνοιτο und die Deklamation gegen die Tyche (frg. 49), deren sich ein Kyniker nicht zu schämen brauchte. Alles in allem hatte M. wohl nur als Persönlichkeit und Prophet der epikureischen Lehre Bedeutung. Doch hat noch Galen (XIX 48 K.) περὶ τῶν 1 πρὸς τοὺς σοφιστάς ἐννέα Μητροόώρον geschrieben.

In dem vermutungsweise dem M. zugeschriebenen Pap. 831 ist von vielen Lehren die Rede; sie werden einem Freunde vorgetragen, der alle Vorbedingungen für die Entwicklung zum Weisen mitbringt. So ist die Rede von der Bekämpfung der Todesfurcht, vom Wert der Beschäftigung mit Astronomie, vom Trunk; es wird emp- [1480] Metrodoros

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fohlen, sich immer das Gute vorzurechnen, das man genossen hat. Ich hebe 8, 4 heraus: ,Für wen Gut und Böse in den natürlichen Grenzen beschlossen ist, der ist aller inneren Unruhe entgangen, So wollen wir auch in der Beschäftigung mit der Philosophie und besonders der Naturwissenschaft verharren; denn die Erhabenheit dieser Gedanken hebt den Geist in die Höhe und führt zur Verachtung des Niedrigen? Daß das M. sein 10 muß, ist schwer zu behaupten; aber es ist eben

so schwer zu leugnen, daß es nicht M. sein kann.

Die Fragmentsammlung von D ü i n g (Leipzig 1870) ist durch Körte (N. Jahrb. SuppL XVII 529–597) überholt. Weitere neuere Literatur nennt Ueberweg-Praechter, manche Bemerkungen bei C r ö n e r t Kolotes und Mene-Demos (s. d. Register). Vgl. Usenet 412.

[Kroll. ]