RE:Philodemos 5
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| aus Gadara, Dichter und epikureischer Philosoph | |||
| Band XIX,2 (1938) S. 2444–2482 | |||
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5) Dichter und epikureischer Philosoph[1].
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I. Sein Leben
I. Sein Leben. Nach Strabon XVI 7, 50 stammte er aus Gadara an der Küste der Philistaia, nahe von Askalon, ebenso wie Menippos, Meleagros und der Rhetor Theodoros, Strabons Zeitgenosse, wie dieser selbst sagt. Diese Namen zeigen, daß mindestens seit der ersten Ptolemaeerzeit geistiges Leben in seiner Heimat rege war. [Seit Casaubonus nimmt man an, daß Strabon dieses Gadara mit der von ihm nicht erwähnten Stadt der Dekapolis s. vom See von Tiberias verwechselt habe. Aber daß die Philosophie in jener Gegend heimisch war, zeigt der Akademiker Antiochos, der Zeitgenosse P.’, der aus dem nahen Askalon, einem πόλισμα μικρόν nach Strabon, stammte.] Von seinen Eltern und seiner Knabenzeit ist nichts bekannt.
Daß er Schüler des Epikureers Zenon von Sidon war, bezeugt er selbst öfters; s. p. 1005 col. 9, 5 (Cr. Kol. 163 oben): καὶ Ζήνωνος ἐγενόμην περιόντος τε πιστὸς ἐραστὴς καὶ τεθνηκότος ἀκοπίατος ὑμνητής, Zenon lehrte, wahrscheinlich als Schulvorstand, in Athen, wo ihn L. Aurelius Cotta, der von 90–82 in der Verbannung lebte, gehört hat (Cic. nat. deor. I 59), ebenso als Greis Cicero und Atticus (Cic. fin. I 16; Tusc. III 38) in den J. 79/78. Er ist ungefähr 150 geboren (Zeller III a⁴ 385; er hatte noch Karneades, gestorben 129, gehört) und hat bis nach 78, wo Cicero ihn hörte, gelebt.
P. ist aber schon in den 70er Jahren nach Italien gegangen. Denn nach Cic. Pis. 68 lernte [2445] er seinen Gönner Piso als adulescentem kennen. Dieser war etwa 101 geboren (Drumann² II 51), zur Zeit des Bundesgenossenkrieges (91–88) grandis iam puer (Cic. Pis. 87). Nehmen wir also an, daß Piso, der als adulescens den P. kennenlernte, etwa 25 Jahre alt war (o. Bd. III S. 1387), so muß das in die 70er Jahre fallen, vor die Quästur Pisos, die er ungefähr im J. 71 bekleidete, wenn in dem üblichen Alter, im 30. Lebensjahre. Die Freundschaft wird also in Italien geschlossen sein, da Piso weder rednerische noch philosophische Interessen hatte, die ihn nach Athen getrieben hätten. P. wird einige Jahre älter als Piso gewesen sein, da er seine Lehrzeit schon hinter sich hatte. Er mag um 110 geboren sein. Athen hat er vor Zenons Tode verlassen, denn in seinen Rhetorika Buch II col. 33 (Sudhaus Suppl. 44, 17ff.) sagt er: 12 Ὁ δ’ αἰνιττόμενος (von den rhodischen Epikureern) οὗτος ἐν Ἀθήναις διατρίβειν ὁ παρ’ ἡμῖν (zu uns gehörige) ἐστιν Ζήνων. Dieser lebte also noch und P. war nicht mehr in Athen (Festschr. 84f.). In demselben Werke Bd. I 223, Sudh. redet er einen Γάιε παῖ an, vielleicht C. Calpurnius Piso Frugi, den späteren Schwiegersohn Ciceros, einen Verwandten unsres L. Piso (Cic. Pis. genero meo, propinquo tuo; vgl. Cic. Sest. 68; post. red. 38; o. Bd. III S. 1391). Dieser war 58 Quästor, also etwa 88 geboren und Mitte der 70er noch Knabe.
Der Verkehr P.’ mit seinem Gönner hat sich hauptsächlich um Neapel abgespielt und vielleicht dort begonnen. Hier hatte Piso seine Landgüter, während er noch als Proconsul bei seiner Rückkehr aus der Provinz in Rom zur Miete wohnen mußte (Cic. Pis. 61). In Capua war er im J. 58 duumvir (ebd. 24f.); Cicero nennt ihn daher Campanum consulem. Jedenfalls, wie wir sehen werden, spielte sich das Leben P.’ und sein Zusammenleben mit Piso meist um Neapel ab. In p. 312 col. 1, 4 (Cr. Kol. 126) heißt es z. B. (wahrscheinlich in der Einleitung eines Dialoges): ἐδόκει δ’ (wohl dem Piso) ἐπανελθεῖν μεθ’ ἡμῶν εἰς Νεάπολιν πρὸς τὸν ἡμέτερον Σίρωνα (P.’ Schulgenossen) καὶ τὴν περὶ αὐτὸν ἐκεῖ διαίτησιν καὶ φιλοσόφους ἐνεργῆσαι συλλαλίας Ἡρκλανέωι τε συχνότερον παρενδιατρῖψαι. Das Verhältnis zwischen beiden wurde nämlich ein dauerndes: dedit (P.) se in consuetudinem sic, ut prorsus una viveret nec fere unquam ab eo discederet (Cic. Pis. 68). P. wurde also Pisos Hausphilosoph. Es war aber zugleich eine Freundschaft im Sinne der Schule. Die λιτὴ καλιάς, in die er Piso mit einem Epigramm (Kaibel Ind. lect., Greifsw. 1885 nr. 22) einlädt, wird er wohl diesem verdanken.
Da aber P. nach obigem Zeugnisse Ciceros sich niemals von Piso trennte, wird er ihn auch 57 in die Provinz begleitet haben. Vielleicht spielt darauf das Epigramm 24 Kaibel an, in dem P. die Meeresgottheiten bittet, ihn σῷον ἐπὶ γλυκερὰν ἤονα Πειραέως zu geleiten (γλυκερὰν im Andenken (an seine Athener Studienzeit). Auch nach Gallien scheint er Piso zu dessen Schwiegersohn Caesar um das J. 55 begleitet zu haben. Cic. Pis. 59 sagt zu Piso: si iam ipse coram (cum Caesare) congredi poteris; er kann also von einer solchen Absicht Pisos gehört haben. Und in Epigr. 8 Kaib. fleht der Dichter: τὸν χίοσι ψυχὴν Κελτίσι νιφόμενον — σῷζέ με, Κύπρι, Ναιακοὺς ἤδη ... πρὸς [2446] λιμένας. Aus demselben Epigramm scheint aber auch hervorzugehen, daß er damals jungverheiratet war: v. 1 Κύπρι φιλονύμφιε (brautliebende), Κύπρι δικαίων (der Gesetzmäßigen) σύμμαχε, v. 3 Κύπρι, τὸν ἡμισπαστὸν ἀπὸ κροκέων ἐμὲ παστῶν (Brautgemach), auch die Najaden sind Göttinnen der Ehe (Ναϊακούς), vgl. Preller Gr. Myth. I³ 1596. Das bestätigt Epigr. 13, wo er sein bisheriges Liebesleben verwirft und dafür eine friedliche Ehe wünscht. Kaibel erkennt diese Deutung für nr. 13 an, leugnet sie aber merkwürdigerweise für nr. 8; s. gegen ihn Philipps. Festschr. 108, Cichorius Röm. Stud., Philipps. Philol. Woch. 1929, 895 (vgl. auch 13, 6 κροκίνοις, das nach Kaibels eigenem Zeugnisse oft das Brautgemach bezeichnet, mit 8, 3 κροκέων παστῶν). In Περὶ μουσικῆς δ’ V 35f. (S. 68 Kemke) drückt sich P. noch etwas zweifelnd aus: εἰ δὴν καὶ γάμος ἁπλῶς ἄγαμον ἂν λέγοιτο; das mag früher geschrieben sein. Aber schon in Epigr. 11, wo er sich 37jährig nennt (also um die Mitte der 70er), bittet er die Musen, hinter seine bisherige Tollheit (sein Liebesleben) den Schlußstrich zu machen. Aber erst um 55 scheint er geheiratet zu haben; vielleicht hat es ihm Piso erst damals, als er sehr bereichert aus Mazedonien heimkehrte, ermöglicht. Nach Π. θαν. 23, 33 scheint er, damals wenigstens, kinderlos gewesen zu sein. Um das J. 54 erwähnt P., Π. σημ. col. 3, 15, Zwerge, die Antonius aus Syrien, wo er mit Gabinius war, nach Italien schickte (s. Philipps. Philol. Woch. 1923, 97). In den unedierten p. 986, von dem Cr. Rh. Mus. XXXVI 618f. Kunde gibt, steht nach Diels Π. θεῶν α′ 99, 4 auf Grund einer Mitteilung Cr.s: τὸν ἐπὶ τοὺς Κίλικας ἀπεσταλμένον ὑπὸ τῆς Ῥώμης ἀκολουθεῖν κελεύομεν τὰ μετὰ τῶν φιλοσόφων καὶ τῶν δημαγογῶν συζηθέντα. Das scheint ein Geleitwort P.’ (wie Cr. meint) an Cicero im J. 51, wohl zu einem Dialoge, den er dem Proconsul schickt.
In fin. II 119 läßt Cicero den Epikureer Torquatus sich auf Siron und P. berufen und nennt sie selbst cum optimos viros, tum homines doctissimos. Das Gespräch wird in das J. 50 und in Ciceros Cumanum verlegt; in dessen Nähe hielt sich also P. auf. Daß Π. θεῶν α′ ungefähr Mitte 44 abgefaßt ist und P. im Anschluß an Piso damals sowohl Antonius als die Caesarmörder ablehnte, hat Philipps. Herm. 1918, 381ff. zu zeigen gesucht. ebenso, wenn auch zweifelnder, für Π. θ. ἀγωγ. γ′ (s. Rh. Mus. 1934, 173f.).
In ein neues Verhältnis trat er durch seine Beziehungen zu Vergil, dem Schüler Sirons, und dessen Kreise, besonders Horaz, der gern an der Neapler Bucht weilte, vgl. Körte Augusteer bei P., Rh. Mus. 1890, 172ff., Cr. Kol. 127, Philipps. Festschr. 82ff. Mit diesem Kreise verbanden P. nicht nur philosophische, sondern auch dichterische Belange. So führt Horat. sat. I 2, 120–122 (um das J. 40) ein nicht mehr vorhandenes Epigramm P.’ an, zu dessen Grundsatz er sich bekennt, ‚eine Anerkennung für dessen Einwirkung auf des Dichters Geistesleben‘ (Kießling z. St.). Nicht lange nach wird P., gegen 70 Jahr alt, gestorben sein. Strabon setzt XVI 754 seinen Tod voraus (ἦν!). Dies Buch ist vor 23–12 geschrieben, da c. 758 von Στράτωνος πύργος an der nördlichen Küste Palästinas die [2447] Rede ist, das durch König Herodes Caesarea genannt ist.
Neapel ist der Hauptsitz der italischen Epikureer gewesen, eine Schule oder nach epikureischer Art ein Freundeskreis, für den P. wohl seine meisten strenger wissenschaftlichen Schriften verfaßt hat und dessen Leiter er und Siron (Bd. III A S. 353) waren. In p. 312 sagt aber P., wie wir wissen, noch häufiger als in Neapel bei Siron wollten sie in Herkulaneum philosophische Gespräche pflegen. Dort hat man bekanntlich ein Landhaus gefunden, das man mit Recht für das Pisos hält, und in diesem einen Raum mit den Büsten Epikurs, Hermarchs und Zenons, sicher des Lehrers P.’ und den Papyrusrollen. Diese stammen meist von Epikureern und hauptsächlich von P. Sie bildeten wahrscheinlich dessen Bücherei (von einigen Büchern haben sich sogar doppelte Abschriften gefunden), vgl. Sudhaus P.’ Rhetorika I S. XV.
In dieselbe Gegend würde es weisen, wenn Philipps. Philol. Woch. 1910, 743 (vgl. Festschr. 104) richtig in Φ. Π. τοῦ καθ’ Ὅμηρον ἀγαθ. βασ.. col. 25, 15 τὸ πρῶτον τῶν ἐν Νεαπόλει καὶ Βαίαις διαλόγων erschlossen hat. Ebendort wohnten aber auch die damaligen für Epikur gewonnenen Romer. So außer Piso L. Papirius Paetus, der Freund Ciceros und Caesars (amatorem tuum, Cic. fam. IX 15, 4) und daher wohl auch Piso nahestehend, selbst Epikureer (Cic. fam. IX 25, 2 an Paetus: cum tuis combibonibus Epicureis). Er muß nahe bei Cumae gewohnt haben (fam. IX 23: Here veni in Cumanum, cras ad te fortasse). Nach IX 15, 3 hatte Cicero ihn wegen eines Hauskaufes in Neapel befragt. 25, 3 bittet er ihn auch, den Verkauf eines fundus Herculanensis zu verhindern. Von den andern römischen Epikureern jener Zeit, Cassius Longinus, Vibius Pansa, Fadius Gallus lassen sich Beziehungen zu den Neapler Epikureern erwarten. Später war Vergil Schüler Sirons und erbte dessen kleines Landhaus (nach Gell. VI 20, 1 bei Nola), zu dem er nach Verlust des väterlichen Gutes flüchtete. Auch dessen Freunde Quintilius Varus und L. Varius werden Schüler Sirons gewesen sein. Diesen drei nebst Horaz (und Tucca?) widmet P. wahrscheinlich seine beiden Schriften Π. κολακείας (p. 1082, 11) und Π. φιλαργυρίας (p. 253, 12). Horaz aber erwähnt nur P.; Siron war wohl vor 42 gestorben. Wie aber Horaz an der dortigen Gegend hängt, sagt ep. I 15: Er muß sein Pferd mit Gewalt von dem gewohnten Wege nach Cumae und Baiae ablenken. Mit Recht meint Cr. Kol. 127: Neapel, nicht Rom war damals der Mittelpunkt der italischen Epikureer.
II. Sein Charakter
II. Sein Charakter. Cicero nennt ihn und Siron fin. II 119 familiares nostros, cum optimos viros tum homines doctissimos. Aber auch in der Pisoniana, wo er dessen Gönner aufs unflätigste beschimpft, sucht er ihn, den er ja oben seinem Freund genannt hat, geflissentlich von jenem zu trennen. Er sagt von ihm 68: Non contumeliae causa describam quemquam (P.) praesertim ingeniosum hominem atque eruditum ... est (sic enim cognovi) humanus; 70 Est ... non philosophia solum, sed etiam ceteris studiis ... perpolitus. Auch in bezug auf seine leichtfertigen Gedichte sagt er, man dürfe ihn nicht [2448] Philodemos (Charakter) 2448 tadeln ut improbum, ut audacem, ut impurum, sed ut Graecum, ut assentatorem, ut poetam. Man sieht, er will ihn von dem Vorwurf der Unsittlichkeit befreien. Das konnte er damals um so mehr, als wir aus einigen Epigrammen ersehen, daß er sich mit dem 37. Jahre (also etwa seit 70) von der Erotik in Leben und Dichtung losgesagt und ganz seinen ernsteren Studien hingegeben hatte (vgl. Epigr. 11 und 19 Kaibel). Auch sein Verhältnis zu Piso stellt Cicero nie als ein unwürdiges hin, bezeichnet es als amicitia, familiaritas. P. hat jenen nicht umworben, sondern war von ihm appetitus (68), deceptus illo supercilio, ... quo tota ... civitas (70). Trotzdem würde P. im schlechten Lichte erscheinen, wenn Piso ein solches Scheusal gewesen wäre, wie Cicero ihn dort schildert. Aber daß dies ein aus politischem Hasse geborenes Zerrbild war, zeigt Cicero selbst durch das Lob, das er ihm später unter veränderten Verhältnissen spendet, Amo etiam Pisonem, schreibt er 49 an Atticus VII 13, 1. Magnam mihi videbatur gloriam assecutus, durch seine Rede gegen Antonius 1, Sept. 44 (Philipp.[WS 1] I 10). Aber selbst aus den Schmähungen schimmert die wahre Gesinnung des Mannes durch: 56 At audistis ... philosophi vocem; negavit (Piso, wohl in seiner Senatsrede gegen Cicero) se triumphi cupidum unquam fuisse... ea contemnis, que illi ‚idiotae‘, ut tu appellas, praeclava duxerunt. Weiter 66: 30 Solet in disputationibus suis (in Philodems Dialogen, wie er 68 sagt) oculorum et aurium delectationi abdominis voluptates anteferre (eine Verdrehung!). 67 Luxuriem autem nolite in isto ... cogitare ... toreuma nullum (vgl. Horat. carm. IV 8 donarem pateras ... sed non ... tibi talium ... animus egens). Nihil ... apud hunc ... elegans ... sumptuosum, exstructa mensa non conchyliis aut piscibus ... servi sordidati ministrant usw. Alle diese Züge, Verachtung des Ruhmes und der Üppigkeit (auch der Redekunst), die Cicero zu entstellen sucht, entsprechen der Lehre Epikurs, die er also nicht nur mit den Lippen bekannte. Zugleich waren sie im Geiste der alten Römer. Dieser prägte sich schon in seinem Gesichte aus: Cic. Pis. 17 putari austerum hominem ... tristem ... gravem; Sest. 19 unum aliquem te ex barbatis illis ... imaginem antiquitatis ... diceres intueri ... quid ego de supercilio dicam, quod tum ... pignus rei publicae videbatur? 21 ingenerata familiae frugalitas (Beiname Frugi!). Es scheint danach, daß er die Sittenstrenge der alten Römer verehrte und sie in der Lehre Epikurs wiederzufinden glaubte, wie er auch wohl im Herzen immer der aristokratischen Verfassung treu blieb. Von seinen angeblichen Ausschweifungen in Venere et Baccho sagt Cic. Pis. 68 selbst, er kenne sie nur aus den Gedichten P.’. Und wenn er ihm adulteria vorwirft, so wissen wir aus dem Epigramm bei Horaz, daß P. sie verwarf und gewiß auch Piso. Dieser verheiratete sich schon jung, da seine Tochter bereits 59 mit Caesar in die Ehe trat. Ein Sohn wurde ihm noch 48 geboren (s. Drumann² II 65), dessen trefflicher Charakter auch für den Vater zeugen mag. Daß die Gelage nicht, wie Cicero schildert, Ausschweifungen, sondern philosophischen Gesprächen dienten, bezeugt Philodem p. 312 I 4, 10.
So braucht die Freundschaft mit diesem P. [2449] nicht zur Unehre zu gereichen. Er wird in reiferen Jahren wie sein Gönner den Lehren Epikurs gemäß gelebt haben, die selbst nicht rigoristisch waren und von seinem Jünger auch theoretisch, wie wir sehen werden, in freierem Geiste ausgelegt wurden. Daß er allerdings in der Jugend viel mit käuflichen Dirnen verkehrte, bezeugen seine früheren Epigramme. Aber diesem Leben sagt er mit dem 37. Jahre auf (in beiden folgt ihm Horaz) und wendet sich ganz ernsteren Beschäftigungen zu.
Er besaß später ein wohl von Piso ihm geschenktes Häuschen, in das er den Freund zu bescheidenen Mahle einlädt mit der schalkhaften Bemerkung, es komme auf diesen an, wenn er besser bewirtet sein wolle (Epigr. 22 Kaib.). Es scheint am Meere gelegen zu haben; denn in Epigr. 23 K. bedauert er mit Sosylos, wohl einem der griechischen Genossen, auf den auch Cicero anspielt, nicht wie sonst den Aussichtspunkt an der Küste besuchen zu können, da er zwei liebe Sklaven begraben müsse, auch ein Zeugnis für seinen humanen Sinn.
III. Der Dichter
III. Der Dichter (Bd. VI S. 98). Erhalten sind in den betreffenden Sammlungen Epigramme, die zu den besten ihrer Art gehören. G. Kaibel hat sie im Ind. lect. Greifsw. 1885 so vortrefflich behandelt (auch die echten von den fraglichen und unechten geschieden), daß auf ihn verwiesen werden kann. Ciceros treffendes Urteil über ihren formalen Wert P.s 70: poema facit ita festivum, ita concinnum, ita elegans, nihil ut fieri possit argutius. Auch über den lockeren Inhalt urteilt er richtig. Doch eignet dieser, wie gezeigt, nur den früheren und geht auch da nicht über die Freiheiten Catulls und Horaz’, um von Ovid zu schweigen, hinaus. Nie spricht er in ihnen von Knabenliebe, wie er auch p. 139 und 135 Schluß (Cr. Kol. S. 66f.) rühmt: Wir (Epikureer) haben Ohr und Sinn viel früher (als die Stoiker) keusch gehalten und keinen Teil an dem übelsten Rufe (der Päderastie). Ebenso verwirft er den Verkehr mit verheirateten Frauen, wie wir aus dem Epigramm ersahen, das Horaz zustimmend in Sat. I 2 zitiert. Diese zeigt auch sonst. Anklänge an erhaltene Epigramme P.’, solche auf verlorene werden nicht gefehlt haben. Von den ernsteren späteren Alters ist oben gesprochen. Über seinen Einfluß auf spätere Epigrammatiker und römische Dichter handelt Kaibel, über den (auch der Prosaschriften Philodems) auf Horaz’ Dichtungen vgl. auch Festschr. 107ff. (die Belege lassen sich vermehren). Man darf annehmen, daß P. schon in seiner Jugend durch seinen Landsmann Meleagros, der gleichfalls vortrefflicher Epigrammendichter war, angeregt ist. Dieser hat ihn in seine Sammlung noch nicht aufgenommen.
Cic. Pis. 70f. läßt erraten, daß vieles, was P. gedichtet hat, verloren ist: ita multa ad istum de ipso quoque scripsit, ut omnes libidines, omnia cenarum conviviorumque genera, adultera denique (dies nach Obigem Verleumdung) delicatissimis versibus expresserit. Solche Epigramme sind uns — abgesehen von nr. 22, die gewiß nichts Anstößiges über Piso enthält — nicht erhalten. In den überlieferten spricht der Dichter sonst nur von sich. Es fragt sich aber überhaupt, ob Cicero hier nur Epigramme im Auge hat, P. kann auch [2450] in längeren Elegien und lyrischen Gedichten derartiges geschildert haben.
IV. Der Philosoph
IV. A. Seine philosophischen Schriften
IV. Der Philosoph. A. Seine philosophischen Schriften. Solche sind uns nur durch Herkulaner Rollen überliefert, deren Mehrzahl sie bilden. Aber nur bei einigen ist die Unterschrift mit Verfassernamen und Titel erhalten, so daß bald beide, bald einer von ihnen zweifelhaft sind. Viele wurden vor der Entrollung zerschnitten und jeder Teil als besonderer Papyrus numeriert. Um ihre Zusammengehörigkeit[WS 2] festzustellen, kann außer dem Inhalt die Gleichheit des Schreibers dienen. Doch kann auch ein Buch von zwei Schreibern gefertigt sein, z. B. p. 176 (Vogl. S. XVII). Ähnliches gilt von den Büchern eines Werkes. Wichtig ist, wenn mehrere Abschriften sich finden, deren Reste sich aber stets nur zum Teil decken. Denn nur Reste sind von den Rollen bei der Entfaltung gerettet, und zwar immer nur die (inneren) Schlußteile in verschiedenem Umfange, auch diese mehr oder weniger lückenhaft und bei verblaßter Schrift schwer lesbar. Von den meisten entrollten Papyri sind sofort oder später Nachzeichnungen (dissegni = diss.) gefertigt, aber von des Griechischen unkundigen Lohnarbeitern, zum Teil mit Fälschungen, ihr Wert sehr verschieden. Ein Teil liegt in Neapel (N) und ist in den beiden Neapler Sammlungen, Voluminum Herculanensium collectio prior I–XI 1793–1855 (I¹ usw.), coll. altera I–XI 1862–1876 (I² usw.) und coll. tertia tom. I 1914 (von D. Bassi[WS 3] unter Vergleichung des Originals herausgegeben), der andere in Oxford; er ist jetzt in Lichtdrucken der meisten (Oxford 7 Bände) veröffentlicht, von vielen hat Th. Gomperz Durchpausungen machen lassen, die jetzt in der Wiener Staatsbibliothek aufbewahrt werden. Die Oxforder Abzeichnungen sind meist besser als die Neapler, da sie von J. Hayler, dem Leiter der Neapler Papyrusabteilung von 1802–1806, nachgeprüft sind. Als genügend herausgegeben können nur solche gelten, deren Abzeichnungen aufs neue an den Originalen nachgeprüft sind; leider haben diese seit ihrer Entrollung noch sehr gelitten. Die Arbeit fordert außer Augenschärfe viel Übung und Geduld, ist also nicht eines jeden Sache, zur Einführung dient Cr. Neue Jahrb. 1900, 586–591. Übersichten geben D. Comparetti Relazione sui papiri Ercolanesi, Roma 1880[2], W. Scott (s. o.), Bassi Papiri Ercol. disegnati (Catalogo) Riv. Filol. 1913, 427ff. Viele Papyri, unter denen sich sicher auch Schriften P.’ befinden, sind noch unentrollt, viele entrollte noch nicht genügend bearbeitet, das Folgende hat daher nur Geltung sub beneficio inventarii.
IV. A. 1. Die logischen Schriften
IV. A. 1. Die logischen Schriften. Unter diesen ist die besterhaltene und philosophisch wichtigste der p. 1065. Er handelt vom Zeichenschluß (μετάβασις καθ’ ὁμοιότητα) und stellt einmal eine Erweiterung des ἐπιλογισμός Epikurs, die Übertragung dieses Schlusses, der bei ihm nur den ἄδηλα gilt, auf die ἐπιμένοντα, andrerseits den einzigen Versuch einer induktiven Logik im Altertum vor, allerdings nach dem Vorgang der empirischen Ärzte und des Karneades. Die Schrift ist herausgegeben von Go. (Herkul. Studien I, Lpz. 1865); Ergänzungen: Philipps. De. P.i libro qui est Π. σημείων, Berl. 1881; Rh. Mus. [2451] LXIV (1908). LXV (1910). Beide haben den Papyrus nicht verglichen, was hier etwas weniger bedenklich ist, da die Hs. nach Cr. besonders lesbar ist und die Abzeichner sich daher seltener geirrt haben werden. Doch ist eine Nachprüfung erwünscht. Schon in bezug auf den Titel, dessen erste Hälfte nach O. eher Περὶ φαινομένων (oder φαντασιῶν) als σημείων lautete. Vorläufig mag man die Schrift nur nach der zweiten sicheren Hälfte Περὶ σημειώσεων anführen. Die ersten 8 Fragmente (Rh. Mus. LVI 12–17) untersuchen die φαντασίαι als Grundlage der σημείωσις ganz im Sinne Epikurs, der Schlußteil, 35 zusammenhängende, bis auf einige Lücken vollständige Kolumnen, beschäftigt sich mit der erwähnten μετάβασις und verteidigt sie gegen die Angriffe der Stoiker, besonders des Dionysios (aus Kyrene). Er besteht aus vier Teilen: 1. Einem von P. aufgezeichneten Vortrage (col. 19, 4 ἡμῖν διαλεγόμενος ὁ Ζήνων) seines Lehrers Zenon, in dem zuerst die λόγοι τῶν ἀντιδοξαζόντων (Dionysios wird genannt) aufgezählt werden (col. 1–7, 8). Die drei ersten sind verloren, lassen sich aber aus der Erwiderung erschließen. Vom dritten Einwand ist ein bis dahin unveröffentlichtes Bruchstück (col. 1a) aus dem Papyrus von Cr. an Philipps. mitgeteilt und von diesem versuchsweise hergestellt (Rh. Mus. LXIV 18f.). Dann Zenons ἀντιρρήσεις col. 11, 13–19, 9 (vgl. Proklos in Eucl. 199 τοῦτον τὸν τρόπον τῆς ἀντιρρήσεως μετῆλθεν Ζήνων ὁ Σιδώνιος). Eingeschoben ist 7, 5–11, 13 eine Erwiderung des Dionysios auf ἀντιρρήσεις der Epikureer (οἱ παρ’ ἡμῶν = Schüler Zenons) und Zenons Gegenkritik (man sieht, wie der Kampf hin und her wogt; s. Rh. Mus. LXIV 17. LXV 314). 2. Ein von Bromios, Mitschüler P.’, aufgezeichneter Vortrag Zenons, πιστώματα seiner Lehre und Entgegnungen auf Einwände ungenannter Gegner (συναντήματα) col. 19, 9–27, 33. Ein Anhang 27, 33–28, 13 gibt die wesentliche Gleichheit beider Vorträge Zenons zu. 3. 28, 12–29, 20, Abriß eines Δημητριακὸς (λόγος), einer Schrift des Demetrios Lakon, Schulgenossen Zenons (Bd. IV S. 2842); es werden die Irrtümer in der Auffassung des Ähnlichkeitsschlusses aufgezählt. Cr. Kol. 103 nimmt wohl mit Recht an, daß diese kurze Erörterung nur ein Teil der Demetriosschrift war. 4. Col. 29, 20 bis Ende, ein von P. mitgeteilter Vortrag des Demetrios (διαλεγόμενος, nicht Apollodoros wie Schmekel meint, s. Rh. Mus. XXXVI 33. 37), desselben Inhaltes. Wenn P. am Schlüsse 38, 25 verspricht, ‚bei guter Verdauung‘ ἐν τοῖς τελευταίοις τῆς διεξόδου μέρεσιν betrachten zu wollen, was einige Ärzte über die μετάβασις κατὰ τὸ ὅμοιον gesagt und geschrieben haben, kündet er damit eine Fortsetzung an. Ob er das Versprechen gehalten hat, wissen wir nicht. Inhalt und Formlosigkeit (wesentliche Gleichheit der 4 Teile, auch häufiger Hiatus) lassen annehmen, daß die Schrift für einen engeren Kreis von Schulgenossen bestimmt war. Über die Metabasislehre vgl. obige Dissertation.
Cr. führt Herm. XXXVI 568–579 und Kol. 103, 498 mehrere Papyri logischen Inhalts an, der aber bei der geringen Zahl der Bruchstücke und vor der Nachprüfung der Abzeichnungen an den Originalen nur unsicher zu ermitteln ist.
p. 1389. Der Titel ist lückenhaft erhalten. [2452] Sicher Z. 1 Φιλοδήμου, Z. 3 ἐκ (so im Papyrus nach Bassi Sticom. 28) τῶν Ζήνωνος σχολῶν, Z. 4 Γ (= Buch 3), Z. 5 Stichometrie (s. Bassi a. O.). Die in Z. 2 durch O und p (nach Bassi) erhaltenen Buchstaben könnte man zu κατὰ τῆς μαθήσεως ergänzen; Cr. schlägt dem Inhalt entsprechend κατὰ τῆς ἀποδείξεως vor. Cr. Herm. bringt folgende Bruchstücke: κἂν εἴ τινες εἰσάγουσι τὸν ὁριστικὸν (λόγον) οἷον οἱ Στωικοὶ καὶ Περιπατητικοί S. 571; οἷον τὸ τῆι αἰσθήσει καὶ διανοιαὶ καταλαμβάνειν ὁτιοῦν τουτέστιν γινώσκειν 570; κατὰ τὴν ὁμοιότητα und κοινότητας πάσας 570; τῶν ἀδήλων 571. Man sieht, den dialektischen Erkenntnisformen der Peripatetiker und Stoiker wird die Erkenntnis aus der Wahrnehmung und der Metabasis καθ’ ὅμοιον, wie in Περὶ σημείων entgegengestellt. Aber wie oft bei P. erscheinen auch epikureische Gegner: frg. 13 ὤσπερ καὶ ἔνιοι πεπόνθασιν ἔνταυθα (Rhodos?) τῶν Ἐπικουρείων· περιπεσόντες γὰρ Ἄκτω[ι] τῶι Π[ατ]αρεῖ [ἐπι]κειμένωι τ[οῖς ἡμετέροις?]. Wichtig ist hier der Aktos aus Patara, der, wenn die Ergänzung richtig ist, die unsrigen (Zenon und Demetrios?) angegriffen hat; auf dessen Schrift sind nun die epikureischen Gegner P.’ geraten und haben sich durch sie verführen lassen.
Etwas klarer wird das durch den noch wichtigeren p. 1003 (Cr. ebd.). Er teilt mit p. 1389 die Überschriftzeilen Φιλοδήμου und ἐκ τῶν Ζήνωνος σχολῶν, die übrigen sind bisher verloren, und enthält, auch dem Inhalte nach, wahrscheinlich ein Buch desselben Werkes, dessen drittes p. 1389 ist. Cr. Kol. hat erkannt, daß in ihm ein Epikurspruch τὸ μηδὲν ἀμεταπείστως πεπεῖσθαι μηδένα πλὴν τὸν σοφόν (Us. Epic. 222) gegen falsche Auslegung verteidigt wird. Aber das ist nur ein Teil. Im ganzen handelt es sich um die Erkenntnisweise: frg.ὁ ἀναλογιστικὴν δὲ γνῶσιν ἄλλως ἄλλοι τῶν ἡμετέρων ἐξεδέξαντο λέγεσθαι (bei Epikur, z. B. im Kanon Us. S. 105, 24 κατὰ ἀναλογίαν καὶ ὁμοιότητα oder Π. φυσ. 28. V 6, 7 inf. Vogl. S. 13 διάληφις ἀναλογιστική· τινὲς μὲν γὰρ αὐτὴν ἐκλογιστικὴν ἔφασαν, τινὲς δὲ τὴν διὰ τῶν κοινῶν γινομένων [= προλήψεις][WS 4] γνῶσιν μεταπεριωδευμένων ἀναλογιστικῶς τε περὶ ἐκάστων (s. Epikur Br. I Us. S. 6, 12 ἀναλόγως τοῖς περιληπτοῖς καὶ ἐπιλογιστικῶς (Epik. Br. I Us. 6, 7 τὸ ἄδηλον τῶ λογισμῷ τεκμαίρεσθαι), τινὲς δὲ τὴν [κ]ᾳτὰ λόγου [χρῆσιν?] oder bloß μετὰ λόγου?). Weiter: ἡμῖν συνοίδαμεν τὰ μὲν ἐπιλογισμοῦ δεόμενα ἐπιλελογισμένοι τὰ δὲ συλλογισμοῦ συλλογισμένοι καὶ τὰ δι’ ἀντιλήψεως ε[ὑ]ρημένοι. Es herrschte danach Streit in der epikureischen Schule, ob der Meister unter dem von ihm angewendeten ἀναλογισμός und ἐπιλογισμός auch den συλλογισμός, also den dialektischen Schluß verstanden habe. Es kann dies hier nicht erörtert werden. Epikur selbst sagt Us. 25, 5 ὁ τοῦτο οὐκ ἀποδείξεως προσδεῖται[WS 5] (s. o. δεόμενα), ἀλλ’ ἐπιλογισμοῦ. Aber die Beweise Br. I 38–40 sind regelrechte, aber aus der Erfahrung abgeleitete συλλογισμοί. Daher haben die ,wir‘, d. h. Zenon, dessen Vorträge hier vorliegen, und die Seinen recht, wenn sie auch diesen Schluß gebrauchen. Wieder wird ein Patareer kritisiert: Ἐκείνας (τὰς ἀναλογίας?) δ’ ὁ Παταρεὺς ἐπῆγεν μόν(ας), ὃς οὔτε ἀναλογιστικὸν τρόπον τίνα λέγει, μνήμης κατηξίωσεν — οὔτε usw. Ein Patareer taucht auch in dem [2453] (vielleicht von Demetrios Lakon verfaßten) Leben des Philonides (s. d.), als dessen Gegner auf. Die Zusammengehörigkeit beider auf den Vorträgen Zenons beruhender Papyri ist also sehr wahrscheinlich. Die Originale werden hoffentlich Genaueres lehren.
Über die p. 671, 861, 998 vgl. Cr. Kol. 103, 498, über p. 861 Herm. XXXVI 577f., über p. 998 und 634 Rh. Mus, LVI 619f. Von allen kennen wir bisher nur die Abschriften, und da von keinem die Unterschrift erhalten ist, steht P. als Verfasser nicht fest. 998 frg. 11 und 12 scheinen nachzuweisen, daß bei Epikur und Polyainos schon Definitionen vorkommen, die übrigen behandeln, soweit sich urteilen läßt, die Erkenntnistheorie. Die Schrift steht also den beiden vorigen nahe, ebenso 671 und 861. Was Cr. von 634 mitteilt, bezieht sich auf das Sehen.
Über die Sinne handeln auch die wichtigen zusammengehörigen p. 19 und 698. Scott, der auch die Originale verglichen hat, hat sie S. 257ff. herausgegeben. Er und Cr. M. H. S. 3 halten P. für den Verfasser. Einige schwere Hiate sprechen nicht unbedingt dagegen (s. o. Π. σημ.). Die Bearbeitung, möglichst unter nochmaligem Vergleiche der Papyri, wäre erwünscht und lohnend.
IV. A. 2. Die rhetorischen Schriften
IV. A. 2. Die rhetorischen Schriften (s. Kroll Rhetorik 22, Art. auch im Suppl.-Bd. VII) umfassen fast ein Drittel der von den Neaplern veröffentlichten Rollen. Sie sind zum großen Teile bearbeitet und hrsg. von S. Sudhaus Ph. Vot. Rhetorica I, Lpz. 1892, II 1996, Supplementum (Buch 1 und 2 in neuer Bearbeitung), eine große Leistung. Aber Sudhaus hat erst nach dem 1. Bande die Originale verglichen und seine neuen Lesungen zum Teil in Bd. II S. XIXff. als Lectiones Neapolitanae mitgeteilt, andrerseits unmittelbar für Bd. II und das Supplement verwendet. In letzterem hat er versucht, einen nach Möglichkeit zusammenhängenden, in Anmerkungen erläuterten Text zu geben. Vom übrigen ist vieles zusammenhanglos und unverständlich geblieben, so daß die wichtigen Schriften nicht die Beachtung gefunden haben, die sie verdienen. Eine neue, auf der von Sudhaus gestützte Bearbeitung unter nochmaliger Prüfung der Originale ist nötig.
Sudhaus gibt II S. XXIV eine Tabula papyrorum adhibitorum (s. auch Scott 79ff.), Cr. M. H. S. 5 eine Übersicht über die verschiedenen Schreiber und ihre Verteilung auf die von ihm vermehrten rhetorischen Papyri.
Diese verteilen sich, zum Teil in Duplikaten, auf zwei Werke: Das ὑπομνηματικὸν Π. ῥητ. (Sudhaus II 196ff.) und das große Werk in mehreren Büchern. Daß jenes vor diesem geschrieben und nicht zur Veröffentlichung bestimmt war, zeigt Rhet. II col. 58 (Sudhaus Suppl. 47f.): οὔτ’ ἐγδοθείσης κατ’ αὐτῶν (die epikur. Gegner) γραφῆς τῆς τε πρὸς αὐτοὺς ὑπομνηματικῆς οὔσης. Wir besitzen von ihm erstens den p. 1506, den einzigen Herkulaner, von dem wir Reste fast aller 100 Kolumnen haben (Bassi 43). p. 1426 enthält die letzten Kolumnen des ersteren, unterscheidet sich aber durch Schreiber, Papier, Zeilenzahl und Buchstabenzahl der Zeilen. Dagegen stimmen mit 1426 in der Schreiberhand alle übrigen erhaltenen Papyri überein; sie scheinen also [2454] zu derselben Rolle wie 1426 zu gehören. Auch unter ihren Fragmenten finden sich solche, die im wesentlichen mit Stellen des p. 1506 gleichlauten. Wir haben also 2 Exemplare dieser Schrift, aber sie scheinen zugleich 2 Rezensionen zu sein. Denn nicht nur weicht der Wortlaut beider, wenn auch nur in Kleinigkeiten, voneinander ab (s. Sudhaus II S. VIII), sondern auch die Titel zeigen einen bezeichnenden Unterschied: 1426; einfach Π. ῥητορικῆς, also wie der des großen Werkes; p. 1506 Π. ῥ. ὑπομνηματικόν. Das erklärt sich am besten durch die Annahme,, daß dies die zweite Rezension ist, die erst nach dem Erscheinen des großen Werkes angefertigt wurde und zur Unterscheidung von ihm obigen Zusatz erhielt. Über die Stichometrie von p. 1506 und 1426 s. Bassi 46ff.
Wieviel Bücher das Hauptwerk hatte, ist nicht zu erschließen. Doch nach Buch IVb Ende 20 (I 225, 2) ἐν τοῖς ὕστερον γραφησομένοις λόγοις ἀποθεωρήσομεν müssen es mindestens 6 gewesen sein. Durch Unterschriften sind bezeugt: Buch I p. 1427 Φιλοδήμου περὶ ῥητορικῆς ὑπομνημάτων ά (Stichometrie Bassi 44f.); Buch II p. 1672 Φ. περὶ ῥητορικῆς β′) die Rätsel, die sein Zwilling p. 1674 aufgibt (Bassi 30ff.), zu erörtern, ist hier nicht möglich (der Schreiber ist ein anderer als der des p. 1672). Die übrigen Papyri, die zu Buch II gehören, verteilen sich unter die beiden Schreiber (s. Cr. M. H. 5); Buch IV zerfällt in zwei Teile. IVa p. 1423 Φ. περὶ ῥητορικῆς δ′ τῶν εἰς δύο τὸ πρότερον, IVb p. 1007 Φ. π. ῥ. δ′ τῶν εἰς δύο τὸ δεύτερον. Außerdem haben wir zwei pap. 1669 und 1015, von deren Unterschriften nur Φ. π. ῥ. ohne Buchnummer erhalten ist. Cr. a. O. vermutet in diesem Buch II, in jenem Buch V und teilt ihnen nach der Schreiberhand andere zu. Es bleiben noch andere, deren Schrift nach Cr. teils zu p. 1423, teils zu p. 1674 paßt, ohne daß ihre Buchzugehörigkeit zu beurteilen ist.
Den Inhalt der beiden Werke versucht Sudhaus in den Einleitungen zu den zwei Bänden zu zergliedern (den des Buch II ausführlich in den Anmerkungen des Supplements). Das größere Werk ist eine Erweiterung des kleineren. Beide wollen, wie Sudhaus I S. XXIV mit Recht hervorhebt, keine Kunstlehre geben, sondern in grundlegenden Fragen durch Kritik von Gegnern die Stellung der eigenen, d. h. der zenonischen Schule klarlegen. Es sind also Streitschriften (wie viele P.’) mit sehr verschiedenen Fronten, einmal gegen die Rhetoren (es gibt keine Theorie der gerichtlichen und politischen Beredsamkeit, die auf Anlage, Erfahrung und Geschichtskenntnis beruhe), gegen die verfehlte Kritik an den Rednern durch den Peripatetiker Kritolaos und gegen die mangelhafte Verteidigung der ‚echten‘ Beredsamkeit durch den Stoiker Diogenes (s. Radermacher und Sudhaus selbst Suppl. S. IXff. sowie v. Arnim St. v. fr. III 635ff.): endlich wird gegen rhodische und koische Epikureer die im Hypomnematikon vorgetragene Ansicht verteidigt, daß die sophistische Rhetorik eine Kunst, wenn auch eine nutzlose, und von den Schulhäuptern als solche anerkannt sei (der Beweis aus deren Schriften ist sehr fraglich). Den Gipfelpunkt bildet aber, wie Sudhaus I S. XLI mit Recht [2455] sagt, das von ihm als fünftes angenommene Buch, in dem der alte Streit zwischen Rhetorik und Philosophie zugunsten dieser entschieden und zugleich der wahre Staatsmann, der keiner künstlichen Beredsamkeit bedürfe, mit warmen Worten geschildert und gewürdigt wird. Der I 223 (Sudhaus) angeredete Γάιος παῖς (s. o.) soll wohl so für diese echte Politik gewonnen werden. Wir sehen, P. und seine Schule urteilt hierüber gleich uns. Im übrigen enthalten die Schriften vieles Neue und Wichtige (z. B. über Nausiphanes).
IV. A. 3. Die Schriften über die Dichtkunst
IV. A. 3. Die Schriften über die Dichtkunst. Von ihnen gilt dasselbe. Und auch sie bestanden aus mehreren Büchern und liegen in zahlreichen sog. Papyri vor, vgl. Scott 74, Cr. M. H. 6, wo die Papyri nach den verschiedenen Schreibern geordnet sind.
Buch V = p. 1425 Φ. π. ποιημάτων ε′ und 1538 Φ. π. π. τοῦ ε′ τῶν εἰς δύο τὸ β′. Da die nur erhaltenen Schlußkolumnen von 1538 mit dem Schluß von 1425 im Wortlaut meist übereinstimmen (die Schreiber scheinen verschieden), waren sie Duplikate desselben Buches. Nur ist es einmal (wie Buch IV der Rhetorika) in zwei Teile zerlegt, wohl wegen seiner Länge; s. col. 26, 21 μεμηκυσμένον τὸ σύγγραμμα. Von ihm besitzen wir die musterhafte Ausgabe von Chr. Jensen (Ph. Über die Gedichte, V. Buch, Berl. 1923); die beiden Papyri sind, soweit es dem Verf. möglich war, an den Originalen nachgeprüft; vgl. aber A. Rostagni Filodemo contro Aristotele usw., Riv. Filol. 1923, 401; 1924, 15. sowie Philipps. Philol. Woch. 1924, 417ff. und Philol. 1930, wo gezeigt wird, daß zuletzt die Preponlehre des Panaitios besprochen wird. Das Buch handelt vom guten Dichter und Gedicht. Soweit erhalten, ist es wieder nur Kritik, die aber neue, von Jensen erschlossene Einblicke in die Ästhetik der alexandrinischen Zeit gibt, besonders die des von Horaz benutzten Neoptolemos; über die von Jensen verkannten epikureischen Anschauungen s. Rostagni und u. Abschn. V.
korrigiert bisher https://elexikon.ch/meyers/RE/XIX,2_2457.png
Buch IV p. 207 Φ. π. π. δ' (δ' in O und im Original nicht erhalten; s. Bassi Catalogo dei pap. Ercol. Riv. Filol. 1908, 490 und Stic. 20; hier auch über die Zeilenzahl, 2050, also seHr kurz). Erhalten sind nur 9 Kolumnen in O, 10 in N. Der Schreiber derselbe wie in p. 1425 (Buch V). Go. hat Ztschr. f. österr. Gymnas. 1865, 7185.; Eranos Vindob. 1909, 15. einige wiederhergestellt. Inhalt vielleicht Unterschied und Wertung der verschiedenen Dichtungsarten (Scott 75), zum Teil gegen Aristoteles und die Peri-patetiker.
Buch II. Kein Papyrus mit dieser Buchnummer ist erhalten. Aber in Buch V Kol. 26, 7 heißt es: τά ôè περὶ τῶν στοιχείων (der Sprachlaute), ἐν οἷς τὴν πρίσιν εἶναι φησιν (Krates) τῶν σπουδαίων ποιημάτων, τίνος αὐτώι καὶ πόσης ἠδονῆς γεμεί (von welcher und wie großer Lust sie, d. h. die Sprachlaute für ihn, d. h. nach seiner Ansicht, voll sind, nicht, wie Jensen übersetzt: wie große Freude er an ihr hat usw.) παρεστακότες ἐν τώι δευτέρωι τῶν ὑπομνημάτων διὰ τὸ καί (wie Buch V) περὶ ποιήματος εἶναι κοινώς (allgemein, nicht über einzelne Gattungen wie etwa Buch IV) ἀποδικάζομεν παλάογεῖν. Also muß in Buch II ausführlich, wenn auch nicht [2456] ausschließlich, die Ansicht des Krates (Bd. XI S. 1634) widerlegt sein, daß die Krisis der Gedichte auf den Lauten beruhe. Nun handeln mehrere Fragmente der Neapler Volumina IV², VII² und X², die auch dieselbe Schreiberhand (ß bei Cr.) aufweisen, wirklich von den verschiedenen Sprachlauten, und in einem hat Jensen 52 auch den Namen Krates, wenn auch nicht ganz sicher wiederhergestellt. Es ist also sehr wahr-10 scheinlich, daß diese zu Buch II gehören und A. Hausrath hat sie als solche in seiner Abhandlung Ph. II. ποιημ. libri II quae vid. fragmenta (Jahrb. f. Philol. Suppl. 1889) veröffentlicht. Mit Recht hat er ihnen aber andere aus denselben Bänden, soweit sie die gleiche Hs. zeigen, hinzugefügt, die nicht mehr von den στοιχεία, sondern von der λέξις, σύνθεσις usw. handeln, und zwar hat er sie nach Möglichkeit, von Usener Buecheler unterstützt, ergänzt. Da ihm aber 20 nur die Neapler Drucke, noch nicht die Oxforder Nachprüfungen zu Gebote standen (von den Originalen ist nicht mehr viel vorhanden), so bedürfen seine Lesungen einer Nachprüfung. Einige Fragmente hat schon Jensen in «seiner Ausgabe von Buch V verbessert und versprochen, alle ergiebigeren zu bearbeiten.
Eine andere Hand zeigen p. 994 und mehrere Fragmente der Neapler Bände, die sonst Buch II enthalten (s. Cr. unter 8). Diese stimmen öfters 30 im Inhalt und, wenn auch nicht völlig, mit solchen dieses Buches überein (Hausrath 218ff.). Hausrath hat nun vermutet, sie stammten aus der Schrift eines Gegners (Stoikers), der die P? kritisierte. Das hat schon Go. S.-Ber. Akad. Wien 1891, 2ff. widerlegt. Hausrath sucht zu beweisen, daß der Verf. vom epikureischen Standpunkt ab weicht. Das beruht, wie hinzugefügt sei. hauptsächlich darauf, daß Hausrath irrtümlich die epikureische διάνοια dem λόγος oder 40 νοῦς gleichsetzt; in Wirklichkeit bedeutet sic inneres Vorstellen (φανταστικοὶ ἔπιβολαι τῆς διάνοιας) im Gegensatz zur αἰσθησις einerseits und dem λόγος andrerseits (Phi 1 ipp s. Herm. 1916, 572ff.). So stammen p. 994 und Zubehör bei ihren oft wörtlichen Übereinstimmungen mit Buch II wirklich von P., können aber gerade um dieser willen nicht zu demselben Buche oder Werke gehören. Da sie sich manchmal als Kürzungen erkennen lassen, so liegt es nahe, diese Schrift für 50 ein νπομνηματικόν (wie das der Rhetorik), und zwar für eine spätere ἐπιτομή des Werkes II. ποιημ. zu halten. Das würde die Worte 994, 34 (VI² 189) erklären. Hier heißt es Z. 1ff. (Go. 9) ου μὴν ἄλλα προεπέδειξα ἐν τώι πρώτωι περὶ [ποιημάτων). Damit scheint er auf dieses Werk als ein anderes und früheres zu verweisen (vgl. zum Unterschiede Buch V II. π. col. 36, 13 /v τώι δεντέρωι τῶν ὑπομνημάτων ohne περὶ ποιημάτων). Dürfte man hier Z. 8 ergänzen: [οὐόεν δ* ὧν λέγει) JO κεινήσαί τὶ δυνατὸν τῶν ἔπιλελογισμενων [μοί), so wäre dieses νπομνηματικόν zugleich die Widerlegung einer inzwischen erschienenen Gegenschrift (umgekehrt wie bei der Rhetorik). Aus dem p. 1676 (XI² 147–169), der denselben Schreiber zeigt, sei nur erwähnt, daß hier wie in Buch V gegen Herakleodoros, Krates und die κριτικοί polemisiert wird, also diese Schrift als eine ἐπιτομή auch diesem Buche des Hauptwerkes parallel [2457] geht. Doch soll diese Vermutung nur eine Anregung sein, die genauerer Prüfung bedarf.
Von dem Hauptwerke sind danach bisher bekannt Buch II, IV und V. Auf Buch II deutet obige Stelle des p. 994, leider ohne das Thema erraten zu lassen, der Schluß von Buch V weist auf keine weiteren Erörterungen hin, auch sonst nichts. In Buch V frg. II 19 deutet das verstümmelte ·νιέ auf den Vokativ eines angeredeten Römers (Καλπούρνιε2).
Hoffentlich erweitern künftige Bearbeitungen unsere Kenntnis des für die Geschichte der antiken Ästhetik so wichtigen Werkes.
IV. A. 4. Περὶ μουσικῆς. Auch von diesem Werke, das mindestens 4 Bücher umfaßte, sind Bruchstücke über mehrere sog. Papyri zerstreut. Diejenigen Herculanensia, die die meisten enthalten, hat J. K e m k e (= K.) in seiner Textausgabe Lpz. 1884 S. I-V aufgezählt (über die entsprechenden Papyri s. S c o 11 46f.); dazu kommen die schon von Comparetti Relaz. sui pap. ErcoL (Rom 1880) erwähnten, nicht herausgegebenen, von J. de Petra aber K e m k e (S. X) wohl aus den Neaplern dissegni mitgeteilten aus p. 424 und 1576. Nach Cr. Kol. 130, 542 scheint der Hauptpapyms 1497 noch im Original dazusein; die andern sind wohl meist verloren. K e m k e hat weder 0 noch p. benutzt. Wohl deshalb fehlt eine zusammenhängende inhaltliche Erläuterung, die deshalb hier in Kürze gegeben werden soll.
Nur p. 1497 hat zusammenhängende Kolumnen und eine Unterschrift: Φ. περὶ μουσικῆς δ'. Erhalten sind 39 Kolumnen, also etwa ²/5 dieses Buches. Es enthält die Kritik P.’ an Lehren, als deren einer Vertreter zuerst 7, 25 Diogenes, 8, 33 als ὁ Στωικός, also der Babylonier bezeichnet und 21, 19 sowie 23, 28 weiter erwähnt wird. Mit ihm ist wohl auch 2, 20 (τούτωί), 3, 26 ὡς οὐτος, 3, 42 λέγει, 6, 4 φησί, 14, 4 οὐτος gemeint. So kritisiert der erste gerettete Teil wahrscheinlich ein Werk des Babyloniers Περὶ μουσικῆς. Aber nach Analogie der Bücher II und III, die, wie wir sehen werden, je eine Schule bekämpfen, war auch der verlorene umfangreiche Anfang des unsern, wenn auch vielleicht nicht nur gegen den Babylonier, so doch gegen die Stoa gerichtet. Ob auch der Schlußteil, steht dahin. Nachdem nämlich col. 29, 27ff. die Kritik des Babyloniers abgeschlossen wird, fährt P. 24, 9 fort: καταγέλαστον τοίνυν (ferner) καὶ τὴν περὶ δικαιοσύνης ἐνίων ὑπόληψιν εἶναι συμβέβηκεν, und so im folgenden: 26, 14 ἤκουσα δὲ τινων λεγόντων; 30, 6 οἷς ποτὲ εἰρητό; 33, 10 a φασιν; 35, 18 πρὸς τοὺς μεγαλύνοντας und in der letzten Kolumne 38, 30 τοσαντὰ τοίνυν εἰρηκώς πρὸς a τινες ἔκκεγειρηκασι. Es ist eine Mehrzahl von Gegnern, die hier zusammengefaßt werden, Ungenannte, d. h. nach der Gewohnheit P.’ noch Lebende. Spricht er doch 26, 14 von solchen, die er selbst gehört hat. Und es scheinen Stoiker zu sein. Denn 28, 1 wird von solchen gesprochen, die Ähnliches wie Klean-thes sagen wollen. Schon dieser Name läßt an seinen Verehrer Poseidon denken, und wenn hier Kleanthes’ Ansicht angeführt wird, daß die Musik mehr als der philosophische λόγος das Göttliche zu sagen vermöge, so entspricht das der Wertschätzung des Irrationalen und zugleich der [2458] religiosen Richtung des Poseidonios. Auch wenn 32, 36 vom θυμοειδές die Rede ist, das durch die Musik zerschmolzen werde, weist das auf ihn, der von Platon diese Seelenkraft übernahm. Die ἔνιοι würden seine Schule bezeichnen. Jedenfalls ist es wahrscheinlich, daß das ganze Buch IV den Stoikern gewidmet ist. Wenn es aber col. 1 B 8 heißt: ὁ δ? οὐδεμίαν εὐρίσκειν μουσικὴν (λεγεί), die den Charakter veredle, so muß der ὁ δὲ vorher genannt 10 sein. Es kann nach dieser Ansicht nur ein Epikureer sein, vielleicht Zenon, dem P. auch hier dann in geringerem oder weiterem Maße gefolgt wäre.
Auch über Buch II und III gibt uns IV Fingerzeige. Von col. 24, 9 an wird die Ansicht vieler widerlegt, daß die Musik sittlichen Nutzen habe, von 33, 27 an, daß sie für die Erziehung wertvoll sei, was Damon behauptet habe (34, 1). Deshalb stehe sie nach ihm bei den Athenern und 20 allen Griechen in Ehren. 34, 19 wird dies abgeschlossen: εἰρηταὶ δὲ περὶ αὐτὸν (ἐπὶ) (? besser τοῦ) μέρους κάνταῦθα μὲν, ἐπὶ πλεῖον δ' ἐν τώι δευτέρωι τῶν ὑπομνημάτων. Über die sittliche und erzieherische Wirkung der Musik ist danach hier (in Buch IV), ausführlicher aber in Buch II gesprochen. Auf dieses scheint auch IV col. 5, 13 zu weisen: ἔπει δὲ ἀποχρώντως καὶ περὶ τοῦ διὰ μουσικῆς παιδευεσθαὶ λελεκταί. In den vorhergehenden erhaltenen Kolumnen ist das nicht der 30 Fall, möglicherweise in dem verlorenen Anfangsteil, Aber das ἀποχρώντως läßt eher an das ἐπὶ πλεῖον 34, 21, also an Buch II denken (vgl. 12, llff., wo der Hinweis jedoch eher auf Buch IV zu gehen scheint). Von Buch II ist nichts erhalten, aber wir werden sehen, daß dort die Platoni-ker kritisiert werden. Nun heißt es an der Stelle, von der wir ausgingen, IV 34, 1 καὶ Δάμων, εἰ τοιαῦτα πρὸς τοὺς ἀληθινοὺς Ἀρεοπαγίτας ἔλεγε (irreal!) καὶ μὴ τοὺς πλαττομενους, ἐφενάκιζεν (ἄν?) ἀτηρώς. Ρ. beruft sich damit auf ein erfundenes Gespräch Damons mit Areopagiten über den erzieherischen Wert der Musik. Näheres berichtet über dieses Gespräch ein Fragment, das K e m k e als nr. 13 dem Buch I zuweist und das ungefähr lautete (s. v. Arnim III 221, 32ff.): [τὴν μουσικήν] καὶ τὴν ἔξιν ποι[ήσειν ἀρμ]ονικωτάτην καὶ [ρυθμικω]τάτην ἔπιζητησαντος δὲ τίνος, πότερον οἰσεταὶ τινας ἀρετάς ἡ τίνας ἡ μουσικὴ προάγει Δάμωνα ]τδν ἐπίκλη]τον μουσικὸν τά 50 δμοιά] σχεδὸν οἰεσθαὶ λέ[γονθ ὤσπε]ρ αὐτὸν, προ· σήκειν ἄδοντα καὶ κιθαρίζοντα τὸν παῖδα μὴ μόνον [τὰ μουσικὰ διδάσκειν, ἄλλα καὶ αὐτὸν ποιεῖν ἀρμονικόν usw./. Irgendeiner (wahrscheinlich Sokrates, der Schüler Damons) hat also mit Areopa-giten ein Gespräch über den Wert der Musik für die Erziehung. Da fragt ein Anwesender, ob sie Tugenden und welche mit sich bringe. Darauf führt jener den Damon vor, der sich im selben Sinne ausspricht. K e m k e hat vorher ein Frag-60 ment I 12 eingereiht, das denselben Gedanken enthält, und zwar ohne Kritik seitens P. Denn K e m k e nimmt mit Recht an, daß dieser nach seiner Gewohnheit zuerst rein berichtend die Ansichten seiner Gegner wiedergegeben hat, um sie in den folgenden Büchern zu kritisieren, und weist daher dem Buch I alle solche kritikfreien Fragmente zu. Es fragt sich, ob in I 12 und 13 noch die Lehren der Platoniker oder die der [2459] Peripatetiker oder schon die der Stoiker (des Diogenes) dargestellt werden. Es wird hier (12, 4ff.) auf die Alten hingewiesen, die den Nutzen der Musik für die Erziehung erkannt hätten. Das wird I 32, 13 in dem Sinne wiederholt, daß sie nicht nur für die Erziehung, sondern für alle Teile des Lebens nützlich und Vermittlerin der Tugenden sei, also über frg. 13 und Damon hinausgegangen. Es ist danach wahrscheinlich, daß die frg. 12 und 13 noch zum Bericht über die Platoniker gehören, um so mehr, da nach IV 34, 19 die ausführliche Widerlegung dieser Ansicht (und Damons) im zweiten Buche stand, das nach K e m k e die Kritik dieser Schule brachte. Dagegen berichtet I 32 über Diogenes, der sich dieser akademischen Beweise bedient hat. Hier heißt es Z. 1ff. etwa [ἐστὶ δ'ιδεῖν, ὄσον ἡ μουσικὴ συμφέρει τοῖς πολλ]οῖς κατανοήσαντά τινὰ τῶν εἰρημένων ἔνιοις περὶ πρέποντος μέλους καὶ ἄπρεπους καὶ περὶ ἠθῶν ἀρρένων καὶ μαλακῶν καὶ περὶ πράξεων ἀρμοττουσῶν καὶ ἀνορμόστων τοῖς ὑποκειμένοις προσώποις. Damit vgl. IV 23, 27: ὰ μέντοι Διογένης φησιν κατανοησαντας ἠμάς τάναγεγραμμένα παρ’ Ἠρακλείδη περὶ πρέποντος usw., wörtlich = I 32. R. wiederholt also zwecks Kritik das in Buch I 32 Berichtete; wir erfahren abeç nicht nur, daß wirklich die Ansicht des Diogenes dort vorgetragen war, sondern auch, daß sich Diogenes auf eine Schrift des Herakleides berufen hatte (I 32 τῶν εἰρημένων ἔνιοις = 23, 29 τάναγεγρ. παρ’ Ἤρ.), in der der Nutzen der Musik erörtert war. Das war aber gerade der Inhalt jenes Gesprächs, in dem Damon dies entwickelte. Herakleides war aber berühmt wegen seiner (von Cicero nachgeahmten) Dialoge, in denen er Staatsmänner der Vergangenheit sich mit Philosophen unterreden ließ. Einen solchen über die Musik haben wir hier gewonnen. Herakleides war aber Schüler Platons; da in Buch II seine Ansicht ausführlich widerlegt war, wird bestätigt, daß dieses die Kritik der Platoniker enthielt. Auf sie verweist P. auch III 8: ὡς ἐν τώι πρὸ τούτου παρεδείκννον βιβλίω.
Diese Bemerkung zeigt, daß P. ähnliche Ansichten in Buch II und III bekämpft hat, weil sie von Platonikern und Peripatetikern vertreten waren. Ebenso betont er IV 23, 27fL, daß er nicht nur die Lehre des (Platonikers) Herakleides, sondern auch (24, 5ff) τὰ παρ' ἄλλοις συγγενώς εἰρημένα im 3. Buche als leeres Geschwätz erwiesen habe. Diese ἄλλοι des Buches III müssen Peripate-tiker gewesen sein. So hat sich nach I 32, 20 Diogenes πρὸς τὴν ἐνεστηκυῖαν ὑπόθεσιν (den sittlichen Nutzen der Musik für alle Lebensalter) auch auf den Peripatetiker Dikaiarchos berufen. Und in dem Fragment, das K e m k e als nr. 76 dem dritten Buche zuteilt, erwähnt er den Peripatetiker Aristoxenos (Z. 15). Das Ergebnis K e m k e s ist also richtig: In Buch I werden die Ansichten von Vertretern der drei gegnerischen Hauptschulen referiert, in den drei folgenden diese in derselben Reihenfolge kritisiert, in II die Platoniker, in III die der Peripatetiker, in IV die der Stoiker.
K e m k e hat nach diesem Gesichtspunkte die vorhandenen Fragmente mit Scharfsinn unter die vier Bücher verteilt, wenn auch bei einigen Zweifel bleiben. Der Schluß des vierten Buches (38, 30ff.) scheint auch der des ganzen Werkes zu sein. [2460] K e m k e hat, unterstützt von seinem Lehrer Bücheler, auch den Wortlaut der Bruchstücke vortrefflich, soweit möglich, ergänzt (v. Arnim hat III 291ff. einiges verbessert). Immerhin hat er weder 0 noch p. 1497 (den einzigen noch im Original erhaltenen) benutzen können. Der Schaden ,
ist vielleicht nicht so groß, wie bei anderen Schrif-:
ten, da N von 0 abgezeichnet und am Originalj
nachgeprüft zu sein scheint (Scott 45). Und die3
Abzeichnung scheint gewissenhaft. Dagegen hat
Kemke die Gesetze der Worttrennung noch nicht genügend beachtet und den Hiat zu oft zugelassen. Der Text muß daher auf Grund von p. und O nachgeprüft werden. Noch dringender ist aber eine Behandlung seines Inhaltes. Denn dieser ist für die Geschichte der Ästhetik im Altertum nicht weniger ergiebig, als der der Schrift über die Dichtkunst.
IV. A. 5. Die ethischen Schriften.
Es ist kein Papyrus dieses Inhaltes entrollt, der durch Unterschrift Verfasser und Titel angibt.
p. 1251, herausgegeben von Comparetti Riv. Filol. 1879, 401ff. und verbessert Museo ita-liano 1884, 67, vgl. aber Us. XLVIIff. Dieser widerlegt dort auch dessen Ansicht, daß Epikur ]
der Verfasser sei. Cr. Kol. 176 hält P. für ihn.
Gegen diesen sprechen nicht notwendig Hiate wie col. 4 ot θκ[λύ]ουσ[ι, für ihn, daß col. 21 vom Weisen gesagt wird, er widme sich von Kindheiti
an neben der Philosophie auch der μουσική (was
Epikur sicher nicht gesagt hätte). Die Schrift;
ist zwar weniger polemisch als die meisten P.’!
und zeichnet sich Stellenweise durch einen gehobenen Stil aus. Aber der findet sich auch sonst manchmal bei P. Der Inhalt scheint eine Art Protreptikos zu sein (besonders der Schluß deutet darauf); man könnte als Titel mutmaßen: Περὶ τοῦ φιλοσοφητέον εἶναι (wie der Hortensius Ciceros). Die Anführung von Redensarten aus dem
gewöhnlichen Leben (durch Us. geistreich erschlossen) in col. 16–18 geben der Schrift ein diatribenartiges Gepräge, so daß sie zu den volkstümlichen gehört.
Ihr verwandt ist der p. 831 (s. A. Körte Metrodori fragm. Jahrb. f. Philol. Suppl. XVII 571 ff.). Ob er, wie Körte meint, von Metrodor (Bd. XV S. 1477) stammt, ist zweifelhaft (vielleicht von Demetrios), jedenfalls nicht von P. und daher hier nicht zu behandeln.
Ebenso läßt sich über den Verf. des p. 999, von dem Cr. Kol. 61, 299 vorläufige Kunde gibt, noch nichts sagen. Er verteidigt, wie es scheint, den epikureischen Begriff des naturgemäßen Lebens gegen die stoische Kritik.
IV. A. 6. Die theologischen Schrif-;
ten, s. die Aufzählung der zu ihnen gehörigen*
Papyri bei Cr. Kol. 113, 512.
Περὶ θεῶν, ein aus mehreren Büchern be-j
stehendes Werk. Erhalten mit Unterschrift sind:⏐
p. 26 Φ. περὶ θεῶν a und p. 157/152, welch letz-*
tere zu derselben Rolle gehörten. Von deren Unterschrift sind Zeichen von 4 Zeilen in O, N und p. zu sehen (zwischen Z. 1 und 2 ist aber eine größere Lücke), die zum Teil sehr verschieden sind. Einigermaßen sicher Z. 1 Φιλοδήμου, Z. 2 [Π]ερί, Z. 3 διαγωγῆς, Z. 4 /, so daß man Φίλο· δήμου περὶ [τῆς τῶν θεων] διαγωγῆς γ' herstellen kann; alles andere ist unsicher. Nun glaubt aber [2461] Cr. Kol. 118, 512 die Unterschrift des p. 89; der nicht mit 157/152 zusammenfällt, ergänzen zu dürfen: Φιλοδήμου [τῶν περὶ θέ]ώ[ν] Ὑπομνημάτων τό (Buchzahl) · ἐστιν δὲ [περὶ τῆς τῶν θεώ]ν [διαγωγῆς] (Buchzahl). Danach scheint zu dem mehrere Bücher umfassenden Werke Περὶ θεῶν das mindestens drei Bücher umfassende Περὶ τῆς τῶν θεῶν ἀγωγῆς hinzugefügt zu sein, das neben der Buchziffer des Hauptwerkes noch eine eigene Zählung hatte,
II. θ. a' und II. τ, τ, Λ ἀγωγῆς γ' sind zuerst von Scott 93ff. 205ff., dann ausgezeichnet von H. Diels Abh. Akad. Berl. 1915, 7 und 1916, 1 und 6 herausgegeben und erläutert. Die Originale hat er nicht vergleichen können. Und da in diesen Papyri die Schrift besonders klein und eng ist, sind die. Nachzeichnungen sehr verschieden und die Ergänzungen wegen der Länge der Zeilen und daher der Lücken besonders schwierig. So ist der Text, wie Diels selbst betont, nicht weniger als sicher. Ob die Prüfung der Originale unter den erwähnten Umständen Sicheres ergeben würde, steht dahin; jedenfalls muß sie durch einen erfahrenen Kenner vorgenommen werden und erfordert unendliche Zeit und Geduld. Aber erwünscht bleibt sie.
Der erhaltene Schluß von II, Λ ά', etwa ein Drittel des Ganzen, behandelt die Gefährdung des Seelenfriedens durch die Götterfurcht, verglichen mit der Todesfurcht. Das einleitende Buch behandelte also passend den Wert richtiger Götter-vorstellungen für das Lebensglück. Dies wird auch das Thema des verlorenen Anfangs gewesen sein.
Das Buch, von dem die sog, p. 157/152 bedeutende Reste erhalten halben, war das dritte des Werkes Περὶ τῆς τῶν θεων ἀγωγῆς. Zu welchem der p. 89 gehörte, ist unbekannt. Das Werk scheint aber mehr als drei gehabt zu haben. In col. 8, 7 des dritten wird auf τὸ συνεχες σύγγραμμα verwiesen. Das bedeutet aber wahrscheinlich ,das folgende Buch*, wie z. B. bei Polyb. I 5, ὁ πας ὁ συνεχῆς λόγος (ebenso § 1).
Über den Inhalt des dritten Buches wie auch über den des ersten II. d. kann auf die aufschlußreichen Erläuterungen beider bei Diels verwiesen werden. Einige Ergänzungen zu diesen wie zu dem Texte gibt Philipps. Philol. Woch. 1916. 1022ff.; Herm. 1916, 586ff.; 1918, 358ff.; 1919, 216f. Er sucht 1918. 381ff. zu beweisen, daß II. i?, a Mitte 44 geschrieben ist; weniger sicher ist, daß die Korrekturen in II. τ. τ. (λ. ἀγωγῆς γ' col. 10. 2ff. in dieselbe Zeit fallen (Herm. 1918, 383f.: etwas anders 1934, 172fL).
Dieses Buch sucht alle Fragen zu beantworten, die man über die körperlichen und geistigen Beschaffenheiten und die Lebensweise der ewigen und seligen Wesen stellen könnte, manchmal in komisch wirkender Weise, bis es dem Verf. endlich selbst zu viel wird. Sicher stammen diese Einzelheiten zum großen Teile nicht von Epikur; ob von P.? In II. cd col. 11. 12 hat Diels ὁ ἠμέτεοο[ς Ζήνων] hergestellt. Ebenso erscheint II. ἄγ. fr. 3, 16 ὁ Ζήνων in unersichtlichem Zusammenhänge. Daraus folgt nicht, daß in diesen Büchern alles von ihm stammt; man möchte es zu seinen Gunsten verneinen. Das meiste ist polemisch, hauptsächlich wieder gegen die Stoa, oft aber auch gegen gegnerische Epikureer. [2462] Über den p. 89 läßt sich, außer daß er zu einem Buche II. ἄγωγ. gehört, nach den wenigen unzusammenhängenden Wörtern, die Cr. Kol. 113, 512 mitteilt, Bestimmtes kaum sagen. Auffallend ist das dreimal durch Cr. bezeugte χρόνος. Das erinnert an den Streit zwischen den Epikureern und Stoikern über den Begriff der Welt- und Vorweltzeit in bezug auf die Gottheit bei Cic. nat. deor. I 21f., ebenso die anderen von Cr. gelesenen 10 Wörter: διάστημα, ἀφθαρσία, τερπομενους (delectari Cic. nat. deor. 22), κάμνοντος (dormierunt Cic. nat. deor. 21). Verwandt ist auch der Streit Περὶ ἀδυνάτων (ὄνδε ... ὁ δεὸς δυναταὶ παν ποιεῖν) der Epikureer bei Aetios 299, 6 D. und bei Cic. nat. deor. III 65 S. 146, 24 Plasb., sowie Acad. II 50. Über das ἀδννατεῖν der Götter will aber P. nach II, ἄγωγ. γ' 26, 7 Diels im vierten Buche handeln (s. o.). Möglich also, daß p. 89 dies Buch enthielt. Vielleicht ergibt das Studium der Beste 20 (das Original ist verloren) Näheres.
Die zusammengehörigen p. 1517 und 1579, die (vgl. Cr. a. O. und v. Armin II 639f.) wieder gegen die Göttervorstellungen der Stoa kämpfen (Pronoia, Gleichsetzung von Gott und Welt), gehören sicher zu einem Buche II. θεων (Cr. denkt an das zweite). Die Polemik erinnert an Cic. nat. deor. I 18ff. und könnte gut deren Quelle sein. Da sie in II. εὐσεβ. wiederholt wird, würde sich erklären, warum P. in Cic. nat. deor. 30 36ff. sehr ähnlich dieser P.-Schrift, sie also als Quelle benutzend, die Polemik gegen die stoische Theologie noch einmal bringt, ohne sich und den Leser an die erste zu erinnern. Ebenfalls gegen die Stoa (Weltrcgierung der Götter und ἔκπνρωσις) sind nach Cr.s Mitteilungen ebd. der pap. ined. 1100 gerichtet und der p. 1108, aus dessen Resten man nur die heftige Polemik gegen jene Schule erkennt. Jedenfalls gehören sie zu P. II. θεων. Ob die Handschrift für oder gegen ihre Zu-40 sammengchörigkeit untereinander und mit ande-ren Büchern desselbenWerkcs-spricht, ist zu prüfen.
Περὶ εὐσεβείας. Diese Schrift ist von Gomperz Herkul. Stud. II Lpz. 1866 vortrefflich herausgegeben: Philipps. Herm. 1920. 228ff. 364ff.: 1921, 355ff. hat weitere Ergänzungen versucht, beide ohne die Originale zu vergleichen. Der Schaden ist vielleicht hier nicht sehr groß, da von den vielen sog. Papyri nur 1428 ganz erhalten ist (der dennoch nachgeprüft werden muß); 50 von den anderen gibt es nur wenige ,scorze‘ is. Bassi 67). Philipps, hat versucht, nach gewissen Gesichtpunkten die zum Teil arg untereinander geratenen Reste zu ordnen. Das Werk zerfiel, soweit es bekannt ist, in zwei Bücher. Schluß des ersten bildet der p. 1428, wie dessen letzten Worte und die Unterschrift zeigt: Φ[ιλοδήμον] πε[ρὶ εὐσεβείας (a’?)] aotθ.... σελιδ. ·. (über die Stichom. s. Bassi und Philipp s.). Buch I scheint in drei Teile zu verfallen: 1. Kritik 60 des Göttermythos bei den Dichtern und Mytho-logen; 2. des Volksglaubens und des Ritus; 3. der Philosophentheologie (wahrscheinlich Vorlage für Cic. nat. deor. I 28–41 = Teil 3, I 42f. verkürzt aus 1 und 2). Buch II Epikurs Lehre von der Frömmigkeit; vgl. Schluß des Buches I: καιρὸς ἄν εἰὴ τὸν περὶ τῆς εὐσεβείας λόγον τῆς κατ’ Ἐπίκουρον αὐτοῦ (hier) παραγράφειν (hinzuzufügen, s. Schluß von II. παρρησίας", ἐπισυνάψειν). [2463] Philipps, hat Herm. 1921, 356ff. wahrscheinlich gemacht, daß der p. 1077 nicht zu dem Hauptwerke II. εὐσ. gehört, sondern eine Epitome dieses ist, die zu einer des Gesamtwerkes II. θεῶν gehört. Von einer solchen haben wir auch sonst Spuren: Ambrosius (Us. frg. 385 a S. 356) atque hic (Epicurus) ... voluptatem in homine deo auctore creatam adserit principaliter, sicut Philodemus (überliefert Philominus) eius sectator in epitomis suis disputat. Vielleicht gehört zu dieser Epitome p. 168. Dessen frg. 1 und 2 enthalten Theologisches im Sinne Epikurs, das mit dem Ambrosiuszitate einerseits, mit Cic. nat. deor. I 49E (cum maximis voluptatibus) andererseits übereinstimmt und dessen sonst unleserliche, Unterschrift Zeichen enthält, die zu νπομνηματ[ικόν] ergänzt werden können. So mag· diese Epitome Vorlage Ciceros für seine Darstellung der epikureischen Theologie gewesen sein (nur die Kritik der gegnerischen wird aus II. εὐσ. I stammen). Vgl. Philipps. Herm. 1921, 356–362.
P. wird große Teile auch von II. εὐσ. seinem Lehrer Zenon verdanken, von dem ein Werk II. εὐσ. zitiert wird (Cr. Kol. 23 und 176) und auf den er sich selbst beruft (p. 1098. III 18. Go. S. 118 und Philipps. 1921, 381; Herm. ebd. 393 = 120, 1).
Περὶ προνοία g, p.l670, unveröffentlicht, titellos, auf beiden Seiten beschrieben (Scott 47f.). Nach Scott sind in 0 3, in N 2 Fragmente der äußeren Schrift erhalten. Auf col. 30 sei deutlich von der Pronoia die Rede. Von der inneren Schrift sind in N 32 Fragmente mit-geteilt. Cr. Kol. 89, 435 teilt frg. 31 mit, das sich etwa so ergänzen läßt: πολλάκις ου χαίροντος, ἄλλα λυπουμενου τοῦ Ἐ.[ρί]ν[ιδ]ος)(θ), ὅν τρόπον φασίν, ἔπει Βασιλείδης [ΪΑ.θή]νη·θεν κατηγμένος ὀ[πέῦαν]εν, πένθιμα φορήσαντο[ς' δσω]ν γά[ρ ἔ]τυχ' ἐτῶν Φιντέ[αςθ οὐχ ἰστόρηκεν]. Basi-leides und Krinis sind als Stoiker bekannt; Phin-teas könnte Philteas, der Verfasser der Λυδιακά, sein (Susemihl II 400, 314). Wäre diese Herstellung im ganzen richtig, so könnte der innere Teil des Papyri zu P? Index Stoicorum p. 1018 in Beziehung stehen. Dem würde auch das von Cr. Col. 175 unter Chrysippos mitgeteilte frg. 17 nicht im Wege stehen, das sich auch so lesen läßt ἄλις τὰ λεγό[μενα περὶ τοῦ] Χρυσίλππου]. Die wenigen äußeren Fragmente dagegen scheinen zu einer Schrift Περὶ προνοίας zu gehören. Alles, das ist aber fraglich. Eine genauere Bearbeitung des Papyrus ist nötig, dessen Original noch vorhanden ist, und dabei ist auf die Schreiber zu achten.
IV. A. 6. Philo sophengeschicht-liche Schriften. Die τῶν φιλοσόφων σύνταξις. Diog. Laert. schreibt X 3: Die Brüder Epikurs συνεφιλοσόφονν αὐτῶ, καθὸ φησὶ Φ. ὁ Ἐπικούρειος ἐν τῷ δεκάτῳ τῆς τῶν φιλοσόφων συντάξεως. Es gab also eine solche σύνταξις, deren zehntes Buch wie bei Diog. Laert. von den Epikureern handelte (X 24 ἤν Πολυαινος ἐπιεικῆς καὶ φιλικός, ὡς οἱ περὶ Φ. φασί braucht sich nicht auf die Syntaxis zu beziehen; in p. 176, wohl einer Schrift P/, heißt es 5 XXIV 4ff. Vogl, ganz ähnlich von Polyainos ταῖς πρὸς ἔκαστον ἐπιδεξίαις ὀμιλίαις ἔκεχρητο). Vielleicht ist ihm der Gartentvrann Apollodoros vorausgegangen, wenn [2464] inan Diog. Laert. 1, 60 θΑπολλόδωρος ἐν τῷ Περὶ τῶν φιλοσόφων αἰρέσεων (über die 7 Weisen) und 7, 181 M. Ô¹ ὁ Ἀθηναίος ἐν τῆ συναγωγὴ τῶν συνταγμάτων (Vergleich Chrysipps mit Epikur zu dessen Gunsten) auf ihn und nicht auf den bekannten Philologen, von dem wir wissen, daß er Athener war, beziehen will.
Es ist nun eine Anzahl solcher Diadochen-schriften, die zu dieser Syntaxis gehören könnten, 10 unter den Herkulaner Papyri gefunden (s. die Zusammenstellung nach Schreibern bei Cr. Kol. 133):
p. 1508. Cr. Kol. 131f. (Schrift ähnlich der des Stoikerkatalogs p. 1018). Pythogoreer (in dem erhaltenen Schluß pythagoreische Ärzte).
p. 327. Cr. Kol. 127–130 (Schrift der des Sokrateslebens p. 558–495 ähnlich). Eleaten und Abderiten. Der Anschluß dieser an jene erinnert an Diog. Laert. Buch 9.
p. 553–495. Cr. Rh. Mus. LVII 285ff.; 20 p. 1021 oberer Teil von 495, von diesen nur der letzte Teil aufgerollt. Uber Sokrates, vielleicht angekündigt in II. εὐσ. p. 229 IX (S. 151. Go. vgl. Philipps. Henn. 1921, 405): ταῦτα δὲ (Hinrichtung des Sokrates) ἐν ἄλλοις ἐροῦμεν.
p. 1021 und 164 Index Academicorum ed. Mekler Berl. 1902, vgl. Cr. Kol. Register 183 unter p. 1021 und Henn. 1908, 357ff. Der p. 164 nach Cr. Kol. 178 zu S. 53, 258 vielleicht eine neue Bearbeitung, weil die Schrift anders; aber 30 es können mehrere Schreiber an derselben Rolle beteiligt sein, s. Vogl. S. XVII über p. 176.
p. 1018 Stoikerkatalog. Comparetti Pa-piro Ercolanese - inedito, Turin 1875, dazu v. Arnim S.-Ber. Akad. Wien 1901 nr. 14; Stoic. vet. frg. passim. Cr. Kol. s. Register 197 unter p. 1018; Herm. XXXVIII,393f.; Rh. Mus. LXII 623. Ad. Wilhelm Eranos Vindob. (1909) 133f.
Ob auch p. 1780 und 1476, die die Geschichte 40 der epikureischen Schule, jener bis Dionysios, dieser dessen Nachfolger zu behandeln scheinen, von P. stammen und zu dessen Syntaxis gehören, fragt sich. Cr., der Kol. 81S. und 92f. beide bespricht und Bruchstücke mitteilt, läßt es unentschieden. Der größere Umfang und die Ausführlichkeit würden bei der eigenen Schule verständlich sein. Wichtig, daß in 1476 auch (als Schluß) epikureische Schulen im Osten besprochen werden, die zu der athenischen im Gegensatz standen. 50 Diese Schulgeschichten zählen sonst in Kürze die aufeinanderfolgenden Schulhäupter und ihre Schüler auf; hier und da wird auch Doxographi-sches erwähnt. Für die Stoiker scheint P. nach col. 17 eine Geschichte des Stoikers Stratokies benutzt zu haben.
Eine Streitschrift ist Περὶ τῶν Στωικῶν in zwei Exemplaren: 339 (P) und 158 (p) s. Cr. Kol. 24, 136; 27; 53–67; 158; 177; 178f. Inhalt vgl. Schluß col. XX P. (S. 66f. Cr.): Wir 60 (Epikureer) haben Ohren und Herz viel früher als die (alten) Stoiker rein und uns von schimpflicher Nachrede (der Päderastie) fern gehalten. Den Kern des erhaltenen Schlußteiles bildet die Kritik der Politien Zenons und des Kynikers Diogenes. Aber auch die vorhergehenden, leider sehr zerstörten Kolumnen bringen Wichtiges für die Geschichte der Stoa und das philosophie-geschichtliche Schrifttum. [2465] Biographische Rollen: p,1289i Ἐπικούρου ß' und p. 1232 Περὶ Ἐπικούρου (Nummer verloren), beide in vorbildlicher Weise nach genauester Prüfung der Originale von Vogl, herausgegeben, besprochen, zum Teil ergänzt und erläutert von Philipps. GGN 1930, 23–31. Lob- und zugleich Verteidigungsschriften gegen (stoische) Beschuldigungen. Briefe Epikurs und seiner Freunde werden als Belege herangezogen. Der p. 1289: Epikurs Milde und Versöhnlichkeit, p. 1232: Über Epikurs naturgemäßes Leben und sein Glücksgefühl im Sterben. Die erhaltenen Kolumnen hängen nicht immer zusammen. Der Schluß von 1232 macht den Eindruck als sei er der des ganzen Werkes.
p. 176, auch von Vogl. 23–55. 90–96 herausgegeben, zum Teil schon vorher in Nuove lettere die Epicuro e dei suoi scolari Bologna 1928 (besprochen von Philipps. Gnomon IV 389ff.), die vollständige Ausgabe in GGN 1930,1-23, wo er auch die meist nur in den Neapler dissegni erhaltenen Fragmente zu ergänzen versucht hat. Die Unterschrift ist nicht erhalten, aber Vogl. 108 verweist für den Gesamtinhalt auf col. 24 frg. 3, wonach das Buch von Epikurs Freunden handelte. Die Fragmente und Kolumnen bis 5 XXIII scheinen Idomeneus und Leonteus, die folgenden bis zum Schluß (die letzten fehlen) Polyainos zu erörtern. Für den bedeutendsten Anhänger Met-rodor ist in dem verlorenen Anfang kaum genügender Platz zu denken. Er muß also in einem früheren Buche behandelt sein. Auf ein folgendes (drittes?) weist 5 col. XXIV 1–3 (Kolotes scheint hier genannt zu sein), das Hennarch und den übrigen Freunden Epikurs gewidmet sein soll. Briefe und Schriften des Freundeskreises bilden wieder die Unterlage. Dem P. die Schrift abzusprechen, wie V o g 1. will, scheint kein genügender Anlaß.
Vielleicht gehört zu diesen Büchern oder sogar zu p. 176 der p. ined. 1084, von dem sich 5 Fragmente in den Neapler dissegni finden und aus dessen Fragment 1 Cr. Rh. Mus. LVI 616Î. einiges mitteilt. Vielleicht sind Z. 1–9 Zitate aus dem von Philipps. GGN 1930, 4ff. vermuteten Buche des Idomeneus. Doch ist das alles unsicher.
p. 1005 Φ. πρὸς τοὺς. Von ihm sind zahlreiche Fragmente und Kolumnen in den dissegni zu N und O, aber zum Teil auch im Original erhalten. Die Neapler Abzeichnungen sind in P 232–261 veröffentlicht; Spenge 1 Philol. Suppl. II hat einiges nach dieser Ausgabe ergänzt, dann Cr. Kol. s. Index V, V o g 1. Riv. Filol. 1926, 37ff. unter Vergleich mit p. Aber als Ganzes erwartet die Schrift noch ihren Bearbeiter. Sie ist reich an Mitteilungen über die Geschichte .der epikureischen Schule in lebhafter Polemik über Lehre und Charakter Epikurs mit Zitaten aus dessen Briefen. Eine Einreihung in ein größeres Werk scheint col. XV anzudeuten, die vielleicht so ergänzt werden kann (p. ist zu prüfen): ἔνεκα γὰρ τῆς περαινονσης (?) συμμετρίας τὴν πρώτην ἐμβολῶν συνγραφην ἐν τρισιν κεφαλαίοις τὴν ἐπαχόεῖσαν δὶ ὑμάς πρώτην ὑπολοίπην κατακλείσομεν · συμπιεζόμενοι γὰρ, ὡς οἰσθὰ · ου διὰ παντὸς ἄκοντεζ τοίγαρ οἱ γὲ πλείους, ἄλλ¹ ὄσοι μικρὸν συνίσεως καὶ ἐράνου δαιτὸς ἔχουσιν.
Panly-Wieeowa-Kroll XIX [2466] Man sieht, daß er zuerst eine πρώτη γραφή eingeschoben, dann hier eine erste noch übrige in drei Kapiteln beigefügt hat; mindestens zwei waren also noch beabsichtigt. Vielleicht hatte er die Bücher einzeln als selbständige verfaßt (wie ja das unsre einen besonderen Titel trägt) und hat dann alle unter einem Gesamttitel vereinigt (wie bei II. Φεῶν und II. xax«Sv), Eine Buchnummer kann unter den erhaltenen Zeilen 10 der Unterschrift unsres Papyrus gestanden haben.
Gehörte das Buch etwa zu aen Τίραγματεῖαι (p. 1418)? Gerichtet war es an mehrere (ὑμῦς, Schüler?), besonders an einen (οἰσθά), vgl. IV 16 εἰσεί und XVII 1 (scorza am Rand von O) χαιέ (etwa Ἄχαιε). Der Schluß lautet (XVII 3 von unten): ἐγω δὲ πρὸς τοὺς, οἰοῦς κατέλαβα? καὶ νῦν ὡς εἰσὶ τοιοῦτοι φωρωμέ[νους ταῦτ’ ἔγραψα]. Damit ist die Schrift als Streitschrift gekennzeichnet und πρὸς τοὺς entspricht den erhaltenen 20 Wörtern des Titels. Als Ziel der Kritik nennt col. I (s. Diels S.-Ber. Akad. Berl. 1916, 77, 2): χρηματιζάντων τινες ἜπικουρεΙων, die, soweit sie Eigenes bringen, nicht mit der Lehre übereinstimmen. Vogl, hat also als Titel vorgeschlagen: Πρὸς τοὺς ἀοφιστάς (er verweist auf den gleichen bei Metrodor); man vergleiche frg. 10, 2 ἀπὸ σοφισμου καὶ πλάσματος, frg. 23, 8 μηδ’ Ἰστὸ* ριῶν μηδ’ ἄλλων σοφιστικῶν. Wenn also Diog. Laert. X 26 den bekannten Epikureern hinzufügt 30 καὶ ἄλλοι οὓς ol γνήσιοι Ἐπικούρειοι σοφιστάς ἀποκαλοῦσι, so können das die von P. bekämpften sein, und die Bezeichnung kann aus unsrem Buche stammen. P. nennt sie als Zeitgenossen nicht bei Namen und so bleiben sie auch bei Diog. Laert. unbenannt. Von col. I an sind sie sicher die Kritisierten; ob auch vorher, steht dahin. Cr. denkt an andere (stoische) Verleumder Epikurs. Die der coL I vorausgehenden Fragmente sind nicht nur in N und sehr schlecht abgezeichnet vor-40 handen. In col. I geht den von Diels mitgeteilten Zeilen voraus (Z. 5) ὀμολογω τοί[νυ]ν, ὡς καὶ κατ’ ἀρχάς ἔφην, τὸ τῶν κτλ. (= a Diels). Danach hat er schon im Anfang diese gegnerischen Epikureer gekennzeichnet. Er kann ihnen aber andere Gegner, denen er andere Vorwürfe machte, vorausgeschickt haben, die er auch als Sophisten betrachtete, wie er ja von drei Kapiteln dieses Buches spricht. Daß im ersten Teile Epikurs Verhältnis zu den Diadochenfürsten ver-50 teidigt wird, zeigen frg. 2, 4 von u. καὶ [τῆς]
Λυδίας (Zahl) ἐτῶν ἄρ[ξας μετ’ ὑκεῖ]νον δέκα με[ν - τῷ δ’] Ἠπι[κούρῳ) πυπ[ος φίλος ἤν] (Lysimachos?); frg. 5, 1 ὕσλα; frg. 8, 11 ὕπαρχου [ς Ζ. 12 μ]ετὰ προξέ[νων,
p. 1418 (Πραγματειαί). Der erhaltene Papyrus zeigt nach Cr. Rh. Mus. LVJ 613 Reste von 35 KoL, N (Ie 107–131) ein Fragment und 25 KoL, O nur 14 (die Photogr. sind nach Vogl. Riv. Filol. 1926, 310, 2 sehr schlecht, besser die 60 für Go. gefertigten Durchpausungen). Wenige, sehr verdorbene Bruchstücke bringt ein zweites Exemplar, p. 310 (VIII² 194–196 und O = Photogr. II 43/44). Eine Gesambearbeitung fehlt noch, ist aber dringend. Go., Cr., vor allem Vogl. a. O. haben einzelne Stellen, letzterer ganze (für die Diadochengeschichte wichtige) Kolumnen bearbeitet. Zweck und Einteilung des Buches, das wieder viele Briefe enthält, ist noch
78 [2467] unsicher. Es wird von Beziehungen zu den Machthabern und von συντάξεις für die Schule gehandelt haben. Col. 22 N Z. 80. spricht von einem Zusatze: τὰ μὲν περί, τούτου (was vorher geht, ist nicht bestimmt sichtbar) προσκατεχωρίσθω (soll hinzugefügt sein) νῦν 0t* ἄς αἰτίας (wohl um die Vorwürfe wegen Bettelei Epikurs bei den Großen zu widerlegen) ἔφαμεν, καὶ τὰ περὶ Μιρέους [ρηθοεταί], Ζ. 16 folgt aus einem Briefe an ihn eine Stelle περὶ τθν μερῶν (Zuteilungen) τούτων, col. 23 N über dessen Gefangennahme und die Bemühungen Epikurs um seine Lösung (Vogl. 321f.; Riv. Filol. 1927, 5010.); so spricht noch die letzte Kolumne (Cr. Rh. Mus. LVI 613) von dessen Beiträgen. Es wird wohl die Geringfügigkeit dieser Spenden und die Größe der Gegenleistungen Epikurs hervorgehoben. Vom Titel steht in p., N und 0 sicher Z. 1 Φιλοδήμου, Z. 2 περὶ τῶν (?), Z. 3 καὶ τινων ἄλλων, Ζ. 4 πραγματείαν Cr. glaubt a. O. nach p. 310 Z. 2 περὶ Ἐπικούρου ergänzen zu können. Dazu stimmen die unter sich verschiedenen Zeichen des p. 1418 kaum. Dem Inhalte würde etwa Περὶ τῶν μεγάλων entsprechen.
Cr. vermutet a. O. 614, daß p. 176 zu den Πραγματεῖαι in Beziehung stehe. Eher gilt dies von p. 1005, der, wie oben gezeigt, auf zwei andere Bücher deutet. Dazu könnte auch p. 1787 (Cr. ebd. 614) gehören, der dieselbe eigenartige Schrift wie p. 310 zeigt "und auch, soweit sich bei der Geringfügigkeit seinem Fragmente und seiner schlechten Wiedergabe heilen läßt, ähnlichen Inhalt hat.
IV. A. 7. Diatriben. Zu Ciceros (und daher auch zu P.*) Zeit gab es nach Tuscul. III 34, 81 eine Sammlung volkstümlicher Traktate über die verschiedensten moralischen Gegenstände, Tod, Armut, Ruhmlosigkeit, Verbannung usw., zu denen jeder gri0, der in Brief oder Schrift trösten oder ermahnen wollte. Cicero nennt sie scholae und disputationes. Wir haben mehrere von ihm (z. B. De senectute) und von Späteren, Seneca (dialogi = disputationes), Plutarch, Favorinos u. a. Sie verraten ihre Herkunft aus diesen Mustertraktaten durch große Ähnlichkeit in Form, Gedanken, Beispielen. Vorbilder waren die sog. Diatriben Bions (s. Diog. Laert. II 77). Nur sind sie meist stark verwässert, besonders ohne bestimmtes philosophisches Schulgepräge. Auch P. hat eine große Zahl solcher Traktate verfaßt, die durch ihre Topoi und Beispiele jenen durchaus ähnlich sind, denen er aber allen im Unterschied ein philosophisches, d. h, epikureisches Gepräge aulgedrückt hat. Viele von ihnen hat er ausdrücklich den σχολαί (s. Ciceros scholae) seines Lehrers Zenon entnommen. Er scheint sie selbst als Diatriben von seinen rein wissenschaftlichen Schriften zu unterscheiden: II. ὄργ. col. 35, 27 (den Anschein des Zornes bei den Weisen erweckt u. a.) ἔλεγχος ἄκριβης ἐν τε γραφαῖς καὶ διατριβαῖς. In p. 1082 II. κολακ. col. 11 (Cr. Kol. 127. 534) spricht er von Epikureern, οὓς ἀτώτως ἐν ταῖς διτριβαις ἐνοοῦμεν κατ' ἄλλος τίνος αἰρέοεις φιλοσοφησαντας (wohl weil sie solche Traktate unbesehen ausschrieben - καθάπερ ἐν τῶν περὶ φόβου - κατεχωρήσαμεν). In Rhetorik I 245, 35 sagt er: Die Sophisten (d. h. die rhetorisch gefärbten [2468] PopularPhilosophen gäben in ihren Diatriben unbewußt Spiegelbilder von sich. Und in II. ὄργ. beruft er sich, wenn auch mit Vorbehalt (col. I 16), auf Bions Schrift (Diatribe) II. ὀργῆς und benützt sie.
Die meisten dieser Diatriben scheint P. (vielleicht nachträglich) in einer Sammlung (nach dem Vorbilde jener Traktate) vereinigt zu haben. Davon zeugen zum Teil noch jetzt die Titel der Einzelschriften: p. 222 Φιλοδήμον περὶ κακιῶν καὶ τῶν ἐν οἷς εἰσὶ καὶ περὶ ά. ζ) ὁ ἔστι περὶ κολακείας', p. 1675 Φ. περὶ κακιῶν καὶ τῶν ἀντικείμενων ἀρετῶν καὶ τῶν ἐν οἷς Εἰσὶ καὶ περί 5, Buchnummer zweifelhaft (s. u.), Sondertitel verloren, Inhalt auch Περὶ κολακείας; p. 1008 Φ. περὶ κακιῶν, ί ( 10), das andere ausgefallen, Inhalt περὶ ὑπερηφανίας· p. 1424 Φ. περὶ κακιῶν καὶ τῶν ἀντικείμενων ἀρετῶν καὶ τῶν ἐν οἷς εἰσὶ καὶ περὶ ά, '; 1471 Φ. τῶν κατ' ἐπιτομὴν ἐξειργασμένων περὶ ἠθῶν καὶ βίων ἐκ τῶν 20 Ζήνωνος σχολῶν (Buchnummer verloren) ὁ ἔστι περὶ παρρησίας.
Wir sahen, daß dem Sondertitel in zwei Fällen der Gesamttitel περὶ κακιῶν καὶ τῶν ἀντικειμένων ἀρετῶν κτλ. vorausgeht; wo Teile von diesem oder er ganz fehlt, ist dies wohl nur verloren (die Möglichkeit ist am Papyrus nachzupriifen). Der Schluß von II. ὑπερηφανίας 24, 11 καὶ τὸν νπομνηματισμὸν δὲ τούτον ἄντου (hier) καταπανσομεν ἐπισννάψομεν δ' αὐτώι τὸν περὶ τῶν ἄλλων Ζθ κακιῶν bezeugt sowohl die Zusammengehörigkeit dieser Schriften als auch περὶ κακιῶν als Titel. Nur p. 1471 (π. παρρ.) trägt einen anderen Titel: τῶν κατ' ἐπιτομὴν ἔξειργασμενων περὶ ἠθῶν καὶ βίων ἐκ τῶν Ζήνωνος σχολῶν κτλ. Warum, ist schwer zu sagen; die παρρησία ist eine Tugend. Nun nimmt W i 1 ke in seiner Ausgabe von II. ἀργῆς S. Vif. an, daß vor dessen Titel περὶ ἀργῆς zu ergänzen sei: περὶ ἠθῶν · ὁ ἔστι und weist auf col. 36, 17 hin, wo gerade II. παρρησίας zitiert 40 wird. Wenn Wilkes Annahme richtig ist (am p. naehzuprüfen), so wäre die Änderung des Titels vielleicht verständlich, da der Zorn an sich nach P. weder eine κακία noch eine ἀρετή ist (Scott irrt). Vielleicht rührt sie von einer Erweiterung des ursprünglichen Planes. Das τῶν κτλ. mit jetzt fehlender Buchnummer zeigt, daß auch diese Schrift zu einer Sammlung gehörte. Ebenso ist περί - ἀγωγῆς ein Untertitel von π. θεῶν und ein Teil dieses großen Werkes.
Da nun diese Schriften eine Einheit bilden, wird auch der Zusatz von p. 1471 (II. παρρ.) κατ' ἐπιτομὴν ἐκ τῶν Ζήνωνος σχολῶν für alle gelten, sie sind Auszüge aus Vorträgen Zenons. Darum mag R. II. νπερηφ. 24, 11 diese Schrift einen νπομνηματισμός nennen.
Buchnummern sind erhalten: ‘' (= 7) p. 222 II. κολ.; θ (= 9) p. 1424 II. οἰκ.; i (= 10) p. 1008 II. ὕπερηῳ. Bassi (V. Ἤ³ I) will in p. 1674 II. κολ. Spuren eines Stigma (= 6), 60 V. d e F a 1 co (Riv. Indo-Greco-Ital. 1926 fasc. 1, 17) dieses Zeichen »quasi per intero⁴ entdecken. An sich wäre das möglich, da das Werk II, κολ. mehrere Bücher umfaßte. Versuche, die Nummern der anderen zugehörigen Bücher zu erschließen, sollen hier unterbleiben.
Von den Papyri über die Schmeichelei sind nur zwei eingehender, mit Prüfung der Papyri, bearbeitet. [2469] p. 1457 von Bassi in V. H³ I, aber nicht voll befriedigend. Vom Titel ist nur Περὶ κακιῶν erhalten, das übrige verloren; daß er aber von der Schmeichelei handelt, zeigt der Inhalt. In dem Erhaltenen, dem Schlüsse des Buches, wie wohl auch vorher, werden dem Schmeichler ähnliche Charaktere, wie in II. ὑπερηφανίας und ebenfalls nach dem Peripatetiker Ariston behandelt. Col. I 6 δ δὲ κολακεύων ὀμοιὸς ἔστι παρασίτωι, mit folgender Definition; auch die Unter-10 schiede werden erörtert. IV 17 δ προστροχαστῆς (der nach dem Munde Redende). V 33 ἀρέσκεια (nicht nur dem Schmeichler eigen). Von V 43- VII 20 wörtlich das Kapitel des auch genannten Theophrast περὶ ἀρεοκείας (wie in II. ὕπερηῳ. ein Auszug aus Ariston erscheint). Von X 17 an wird die Verhütung und Heilung der Gefallsucht erörtert durch Sichtbarmachen der Folgen, wie in II. ὀργῆς I 20ff. nach Bion. In X 25 wird wohl auf das nächste Buch II. κολ. und andere Dia- 20 triben verwiesen (ἐν τώι πέρα λέγοιτο μάλλον ἄν καν πολλοίς ἄλλοις), wie XI 35 auf τά ... ἐν τοῖς Περὶ κάλλους καὶ Περὶ ἔρωτος εἰς ἀποτροπὴν λεγομένοις. Im folgenden werden Gleichungen Aristons, anders als in II. ὕπερηῳ., abgewiesen: XI 37 ὁ μέντοι φιλέπαινος Μ Ἀρίστωνος καλούμενος (also neugebildetes Wort ,der gern lobt¹) - διαφέρων. Wenn es zum Schlüsse XII 28 heißt: [ἔνεκα το]υ (so zu ergänzen) δ’ οἰκονομεῖν νπερέβαινε ταύτας (κακίας) ὀμοειδεῖς ὄνχ ὑπαρχου- 30 σας, so ist als Subjekt Zenon wohl aus der vorigen Lücke zu ergänzen, der danach wieder P? Quelle war und auch schon Ariston benutzt hat.
p. 1675, wenn Bassi und Falco richtig gelesen haben, das sechste Buch der Sammlung und dem p. 222 (Buch 7) vorausgehend, jedenfalls auch über die Schmeichelei. De Falco a. O. hat einige Kolumnen hergestellt (vgl. die Besprechungen von Vogl. Riv. Filol. 1927 und Philipps. Philol. Woch. 1928, 203ff.). Er gibt40 über den Papyrus, seine Abzeichnungen und Bearbeitungen Auskunft (vgl. Bassi Riv. Filol, 1908, 477 und über die Stichometrie ebd. 1909, 33). XI 1 heißt es etwa: [τεθεωρημένων δὲ τῶν ἐπιλογισ]τικωτέρων περὶ τοῦ κολακεύειν νομίζω ὀλίγα τῶν παθολογίας δεόμενων προσδιευκρινησαί (dem vorigen logischen Verfahren soll ein psychologisches zugefügt werden), καθ’ ὅν εἰώθαμεν τροπον. Das Folgende zeigt, daß diese Methode in Fragen 0w τί) und Antworten, nach dem 50 Muster der aristotelischen Problemata und der Diaporien Epikurs bestehen, und daß es eine bei P. (Zenon) übliche Form ist, bezeugt II. παρρ. Ein Beispiel für ἐπιλογισμοί (in jungepikureischen Sinne) mag col. Vf. (Alexander und Anaxarchos) geben, wo wohl bewiesen werden soll, daß Schmeichelei nichts nützt, weil der Verständige sie durchschaut. Die Übereinstimmung mit Plut. qnom. adul. hier und weiterhin zeigt, daß Traktate der oben bezeichneten Art benutzt sind, die 60 ihrerseits aus peripatetischen Quellen schöpften.
Die Übersicht über die anderen, noch nicht bearbeiteten Papyri II. κολ. s. bei B a s s i V H I‘ 2f.
p. 222 (I² 274–283). O. fehlt: vom Original nur die Unterschrift vorhanden. Buch 7 II. κακιῶν usw. M. Ihm hat Rh. Mus. 1896, 315–318 einige Reste ergänzt. Zur selben Rolle gehörte [2470] wohl p. 1082 (P 84–92). Unterschrift, p. und 0 fehlen. Sprengel hat einiges Philol. Suppl. II 1863 herzustellen versucht; über die col. XI 1–7, in der Vergil und sein Freundeskreis angeredet werden, s. Körte Rh. Mus. 1890, 172–177 und Cr. Kol. 127, 534.
p. 223 (ὝΙΠ² 13 8–141) und p. 1889 (VHP 1–6), von beiden nur die letzte Kolumne des Originals erhalten, 0 fehlt Die Schrift von p, 1889 = der von 1457 und 1675, die von 223 ganz verschieden. Von diesem hat Ihm Rh. Mus. LI 315–318, Go. Comment. Momms. 471ff., Cr. 34f. einiges hergestellt. In frg. 7 (VIII² 147) unterscheidet P. drei Leute: der eine, von dem er eine Schrift, nicht σχολαί zitiert (φησί), ist wohl sein Lehrer, den er danach auch in diesem Buche benutzt hat. Unter dem ἐν πασὶ σοφάς καὶ προηγούμενος ἐκείνου (Z. 1) vermutet Cr. Ariston, unter ἐκείνος den Bion. Aber jener war nicht der προηγούμενος dieses, sondern umgekehrt, und Bion hat nicht, wie der in allem Weise, ἀστείους ὀλοσχερώς und τοὺς μὴ σ[αινρ]~ μένους (so etwa zu ergänzen: ,die sich nicht umwedeln lassen⁴) ... πασῶν χαρίτων μετέχοντας dargestellt, wie aus Z. 16ff. und frg. 3 hervorgeht. Möglich, daß der σοφός Menander, der Freund Epikurs ist. Chr. Jensen sagt in seiner Me-nanderausgabe (Berl. 1927) S. LIII: Daos (im Kolax V 77ff.) ,paedagogi officiis functus erilem filium de periculis monet ab adulatoribus imminentibus*. Philemon, sein Nachahmer, könnte der ἐκείνος sein. Das ποιεί Z. 9 würde auf einen Dramatiker passen. Wenn P. aber Z. 13ff. erklärt, er ziehe (im Gegensatz zu Zenon) τὰ τοῦ Βίωνος vor, der die Parasiten schon, wie man aus frg. 3 sieht, unter der Gestalt des Odysseus lächerlich machte, so erinnert das an II. ὄργ. col. I 16, wo er es nützlich nennt zur Heilung einer Leidenschaft, wie Bion die Folgen vor Augen zu stellen. Noch sei auf die noch nicht bemerkte Übereinstimmung des letzten frg. VIII² 141, 8 mit Theophrast Χαρακτ. 6 Περὶ ἀπονοίας hingewiesen. Es lautet (der Anfang ergänzt): [Τον δὲ κατὰ τὸν Περί· πατητι]κὸν ἀπονενοημένον (Unsinnigen)... μηδ' [ὁ φάό]σοφος συνπατ[ήι] ὑπομένοντα πορνοβοσ· κοῖς καὶ τελώναι; καὶ παντοπώλαις Ôta βίου ζυγομαχείν. Damit vgl. bei Theophrast: ὑπομονή, ὁ ἀπονενοημένος, δεινός ... πανδοκεῦσαι καὶ πορνοβοσκήσαι καὶ τελωνήσαι.
Von den übrigen Papyri, die Bassi a. O. zweifelnd zu II. κολακ. rechnet, gehört nach Cr. Rh. Mus. LIII 593f. LVI 624 der p. 1645 zu II. φιλαργυρίας.
Die der Schmeichelei entgegengesetzte Tugend ist die παρρησία. Von ihr handelt p. 1471. Über den Titel s. o. Die Ausgabe von A. Olivieri Lpz. 1914, der auch den Papyrus verglichen hat, gibt über das Buch Auskunft; doch vgl. die Besprechung durch Philipps. Philol. Woch. 1916, 677ff. Die Quellenfrage und die Reihenfolge bedarf noch näherer Untersuchung. Über frg. 6 ß. Herm. 1925, 479f. Die durchgehende, dem hier wiedergegebenen Vortrage Zenons entlehnte Dia-porienform findet sich stellenweise auch sonst bei P. (s. o. p. 1675). Die Schrift ist vor II. ὄργ, wo sie col. 36, 15 zitiert wird, aber nach II. κολακ. geschrieben, wenn Cr. Kol. 127, 534 in p. 1682 fol 11, 2ff. richtig πε[ρὶ παρρησί]ας ergänzt hat. [2471] Aber H. οἰκον. Buch 9 geht als Tugend eines Paares der νπερηφ. (Buch 10), dem Laster des nächsten Paares voraus.
p. 1424 II. οἰκονομίας ist ausgezeichnet von Jensen, Lpz, 1906, herausgegeben, der auch über alle einschlägigen Fragen Auskunft gibt. Über die Stichometrie s. Bassi Sticom. 56, 1.
Der Gegensatz zur οἰκονομία als maßvollen Wirtschaftlichkeit ist die φιλαργυρία. Mehrere Papyri scheinen zu dieser Schrift zu gehören: 253, 1613, 465, 1090, 1645 (s. Scott 72, Cr. M. H. 4; Rh. Mus. LVI 624Î.). Der Titel ist in keinem erhalten. Nach Scott haben 253, 1613 und vielleicht 465 dieselbe Schrift, so daß sie zu einer Rolle gehören können (die Kapitel sind in 253 durch Buchstaben bezeichnet, einmal auch in 465). Dagegen ist die Schrift in 1090 ganz anders. Vielleicht liegt ein Duplikat vor. Die Reste erwarten noch ihren Bearbeiter. Einzelne Stellen bei Cr. Rh. Mus. LIII 592f.; p. 253 frg. 12, 4–5 (Vergil und sein Kreis, vgl. p. 1082 col. 11, 1–7 ΤΙ. κολ.); bei Körte Rh. Mus. 1898, 172 –177 und bei Cr. Kol. 127, 534.
Dem Inhalte nach den beiden vorigen Schriften verwandt ist die Περὶ πλούτου. Zu ihr gehören p. 163, 97, 200 (Cr. Rh. Mus. LVI 25; M. H. 5). In p. 163 ist vom Titel erhalten Φ. περὶ πλούτον a' (Scott 20), in p. 200 Φ. περὶ πλούτου, dann noch 6 Zeilen mit ungedeuteten Buchstaben (Scott 22). Das Werk hatte danach mehrere Bücher und gehörte kaum zu dem großen II. κακιῶν. Da P. in II. οἰκον, col. 12, 20 auf es verweist (ἐν τοῖς π. πλούτον λόγοις), muß es vor jener Schrift herausgegeben sein (ob ebd. col. 28, ὁ περὶ πλούτου καὶ πενίας κτλ. auf Schriften P.’ geht, steht dahin), p. 163 enthält Stellen aus Briefen Epikurs und der Seinen. Die Reste im ganzen sind noch nicht bearbeitet, einzelne Stellen von Go, Ztsehr. f. österr. Gymn. 1866, 691f. (s. Jensen in II. οἰκ. zu col 27, 43).
Ein neues Laster erörtert der auch von Jensen Lpz. 1909 ausgezeichnet bearbeitete (vgl. die Besprechung Philol. Woch. 1913, 3893.) p. 1008 Φ. περὶ κακιῶν i'. Vielleicht ist in Z. 2 der Unterschrift der übrige Teil des Titels, den p. 1424 und p. 1675 zeigen, verloren, jedenfalls in Z. 4 der Zusatz ὁ ἔοτι περὶ ὑπερηφανίας, wie der Inhalt der Schrift zeigt. Für ihre Zugehörigkeit zu dem großen Werke zeugt der Schluß col. 24, 25 (περὶ τῶν ἄλλων κακιῶν). Auch sind Schreiber und Papier dieselben wie bei p. 1424 II. οἰκ. sowie bei p. 1457 und 1657 II. κολ. Von der eigentlichen Charakteristik des Übermütigen ist wenig erhalten. Von 10, 10 an bespricht P., im Anschlusse an einen literarischen Brief des Peripatetikers Ariston Περί, τοῦ κουφίζειν ὕπερ· ἠφανίας, wie die wegen ihres Glückes Übermüti; gen sich von diesem Fehler befreien können (also die Therapie), wobei er andeutet (10, 15), daß er vorher dessen psychologische Ursachen besprochen hat. Von 16, 17 an erörtert er im Gegensätze zu II. κολ. p. 1457 im Anschlusse an Aristons Schrift die dem ὑπερήφανος ähnlichen Charaktere. Jensen hat über diesen Peripate-tiker und seine Schrift schon Herm. XLVI 393ff. aufschlußreich gehandelt. - Die ersten 9 Kolumnen des Papyrus sind so zerstückelt, daß J e n -s e n in seiner Ausgabe mit Recht auf ihre [2472] zusammenhängende Ergänzung verzichtet hat, ,cum ludere nollem* (S. XIII). Später hat er dieses ,Spiel* doch gewagt (Ein neuer Brief Epikurs, Berl. 1932), aber kaum mit Erfolg (vgl. Philipps. Philol. Woch. 1934, 1540. A. Körte Arch. f. Pap. 1935, 272).
p. 182 Φ. περὶ ὄργης. K. Wilke in seiner vortrefflichen Ausgabe, Lpz, 1914 S. VII., fügt in der zweiten Zeile der Unterschrift vor π. ὄργ. noch περὶ ἠθῶν (wie in p. 1471) ein, da π. ὄργ. an der rechten Seite der Zeile steht und so die in diesen Unterschriften stets beobachtete Symmetrie gestört wäre. Die Ergänzung ist nicht zu lang, da die Buchstaben dieser Zeile kleiner als die der Z. 1 sind. II. r. ist dem II. κακ. vorzuziehen, da der Zorn nach P. nicht immer eine κακία ist (es gibt auch einen natürlichen Zorn). Auch wird col. 36, 18 auf H. παρρησ. (p. 1471) verwiesen, das in seinem Titel περὶ ἠθῶν hat. 20 Nur wird in der Mitte noch eine Buchnummer gestanden haben. Über alles s. man die genannte Ausgabe, die ergänzt wird durch Philipps. Philol. Woch. 1915, 645ff.; Rh. Mus. 1916, 425ff. Hier sei nur hervorgehoben, daß P.) wie Philipps, zeigt, der einzige Philosoph des Altertums, soweit wir wissen, ist, der Zorn und Rachetrieb unterscheidet Zenon wird in dem Erhaltenen nicht genannt, braucht also nicht Quelle zu sein. Von col. 36, 16 an werden anhangsweise 30 3 ἐπιλογισμοί angeführt und dann geprüft, die von Epikureern im Anschluß an das Vorige mündlich (daher die Vergangenheitsform) vorgebracht wurden, eine Art Seminarsitzung.
In den Titeln der folgenden Traktate wird, soweit sie erhalten, das Sammelwerk nicht genannt.
Περὶ φθόνον. In p. 1082 (π. κολ.), 11, 1ff. (s. Cr. Kol. 127, 534) sagt P. καθάπερ ... ἐν τώι Περὶ φθόνον (es folgten zwei andere Titel) κατεχωρίβαμεν, nämlich daß gewisse Epikureer in den Diatriben (wohl über diese κακίαι) nach anderen Schulen philosophierten (s. o.). Auch dieses Buch gehörte danach zu dem Werke II. κακιῶν und ging den Büchern II. κολ. voraus. Ein Papyrus dieses Inhaltes ist bisher nicht gefunden.
p. 1414 Φ. περὶ χάριτος. In O nur die Unterschrift, in N diese und 18 col. (Scott 41). Nach Bassi 76 sind vom Original außer diesen ,pezzi in cornice* nach 13 pezzi auf Papyrus ohne 50 Glas vorhanden, aber unbenutzbar. Der Papyrus ist noch unbearbeitet.
p. ined. 57. Cr. Kol. 108 hat im Original, den Titel Π.Ρ. Μ A und ergänzte Περὶ μανίας. Nach S c o 11 19 ist in O zu lesen: T..... M. Nun hat Cr. folgende Fragmente aus dem Papyrus gewonnen (hier etwas anders ergänzt): col. 3, 6 κάνταῦθα θὲ φανερὸς ἔοτιν ὁ Μητρόδωρος ὅν πρὸς τὰ φοβέρα κοινώς τοντωὶ χρώμενος · ἡ γὰρ προσ[ε]χης ἀπόφασις ἤν οὐχ ν[περ το]ντων · ἄλλα πώς ἐκδέξαιτ' ἄν τις τὰ δοκονντὰ παραδόξους ἄπο[φαινομε]ν[ω]ν (?); ,δσὰ γὰρ, φησίν, κατὰ τὸ ἐξαιφνίδιον καὶ παράδοξον θορύβων εἰδη*', πρότερον εἰπῶν · .πώς 0’ ἄν τις ἐν ἐκάστωι τῶν φοβερῶν; coL 2, 11–13 ὄσα δὲ κατὰ τὸ ἐξαιφνίδιον καὶ παράλογον θορύβων εἰδὴ κάπ’ ἄλλων τινῶν ὀχλεῖν πεφ[ηνότων] παθῶν. Man sieht, hier ist nicht vom Wahnsinn, sondern von Ratschlägen gegen die φοβεοά, ἐξαιφνίδια und παράδοξα die Rede, die [2473] Pund nach ihm schon Metrodor nicht billigt. Nun wissen wir aus Cic. Tusc. III 280., daß die Kyre-naiker allgemein, die Stoiker (auch Panaitios und Poseidonios) mit Einschränkung gegen plötzliches Leid die praemeditatio, provisio animi et praeparatio auf alles mögliche und (29) als Heilmittel empfahlen, das dann auch in allen Traktaten über die Euthymie (z. B. bei Plut. II. ἐνυ. c. 16 und 19, bei Sen. tranquill. an. 11, 60.) erscheint, wogegen die Epikureer es verwarfen (Cic. Tusc. 320.; vgl. Philipps. Herm. 1922, 2610.). So ist es wahrscheinlich, daß P. dieses Heilmittel (toowt) hier unter Berufung auf Metrodor für nicht allgemein wirksam erklärt hat, da die Arten der ἐξαιφνίδια und παράδοξα (s. bei Plut. a. O. ἀπροσδόκητα, παράδοξον ἐξαίφνης und bei R. selbst H. âav. 37, 20 ἀπροσδόκητον und παράδοξον und 35, 23 προλαμβάνοντας Ἴσως, wo das Ἴσως für den Epikureer bezeichnend ist) sehr verschieden seien. Und so mag der Titel Περὶ [προ]μὴ [δίας] zu ergänzen sein.
p. 1384 Περὶ ἔρωτος, s. Cr. KoL 35, 189. Φιλοδημου scheint im Titel nicht erhalten. Diese Schrift und eine Περὶ κάλλους (die aber bisher nicht gefunden ist) werden in p. 1457 (II. κολ.), 11, 7 zitiert: τούτων ἐν τοῖς Περὶ κάλλους καὶ Περὶ ἔρωτος (möglich auch beides Titel einer Schrift) τὴν προτροπὴν προθεμενοί, wahrscheinlich auch in II. ὀργῆς 7, 16 ὄντω δεὶ τὴν εἰλικρίνειαν ἐπιλογίσασθαι τοῦ κακου καθάπερ καὶ ἐπὶ τῆς ἐρωτικῆς εἰώθαμεν ποιεῖν ἐπιθυμίας. Wie in II. ὄργ. hat also R. auch in II. ἔρωτ. zuerst die κρίσις (εἰλικρίνεια), dann die Φεράπεια (ἀποτροπή) dieses πάθος gegeben (vgl. Cic. Tusc. IV 34, wo ein Traktat benutzt ist, s. Herm. 1932, 290f.). Nach Cr. ist in dem erhaltenen letzten Viertel des Papyrus unter anderem von der Wirkung des ἔρως auf die Politik die Rede. Nach ihm ist vom Original weit mehr vorhanden als in XI² 52–66 erscheint. 0 fehlt. Cr. verweist vorläufig auf Go. Wien. Stud. II 7–9.
Ebenfalls in p. 1457 heißt es col. 11, 24 καθόλου δὲ τὰ περὶ τῆς φιλοδοξίας [γεγραμμ]θνὰ μετακτεον, Cr. Col. 91, 447 meint, das erinnere an p. 1025 (nach Scott 33 ist der Titel verloren, 0 hat 2 ,pages‘, N 23 frg., die in X² 118–134 verö0entlicht sind).
Noch nennt Cr. 176 p. 873 Περὶ ὀμιλίας (V² 176–181) und Φ. περὶ ἔπιχαιρεκακιας p. 1678 in N. disegni (unediert, s. B a*s s i catologo 463).
p. 1050 Φ. περὶ θανάτου δ'. Von diesem umfangreichen und wichtigen Papyrus hat Bassi in I³, Mailand 1914, eine neue Textausgabe zum ersten Male unter Heranziehung des Originals (das aber vielleicht im einzelnen nachzuprüfen ist) gemacht und T. Kuyper in P. over den Dood, Diss. Amsterdam 1925, zu dem wenig veränderten Text Bassis einen ausführlichen Kommentar mit Übersetzung geliefert. Beide geben über die Textgeschichte Auskunft, über die Sticho-metrie vgl. Bassi Sticom. 390. P. will in diesem vierten Buche nachweisen, daß der Tod, obgleich Auflösung der Seele, kein Unglück ist. Die in den erhaltenen Kolumnen besprochenen Topoi (und mit den in den verlorenen wird es ebenso sein) finden sich alle in den sonstigen Traktaten, Trostschriften und -briefen, so bei Cic. Tusc. I Teil 2 und in den Beileidsschreiben seiner [2474] BriefSammlung von ihm oder an ihn, bei Seneca (s. auch die Topoi in seinen Remedia fortuit.), Plutarch, im Axiochos u. a. P. hat also wie jene einen solchen Traktat (Diatribe) benutzt, ihn aber im epikureischen Sinne bearbeitet. So hat er, wie gezeigt, die praemeditatio nur mit Einschränkung zugelassen, andererseits den kynischen Rigorismus etwas gemildert (er schließt gewisse Anlässe zur Trauer nicht ganz aus). Hier mag viel Per-10 sönliches einfließen (Zenon wird in dem Erhaltenen nicht genannt); so ist auch der Stil gefällig, in den Schlußzeilen von bemerkenswertem Schwung. Was Kuyper 96 Aber die Abfassungszeit zwischen 1. August 43 (lies 44) und 1. Januar 42 (lies 43) sagt, ist nicht stichhaltig. Über die arideren Papyri, die sich auf den Tod beziehen,. 807, 1110, 189, geben Cr. 114, 515 (auch Rh. Mus. LIII 591) und Bassi Ausg. 20 Auskunft. Aus dem Mitgeteilten läßt sich über 20 ihren Inhalt und ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Buche nicht urteilen. Man darf annehmen, daß er in den vorigen 3 Büchern die Verderblichkeit der Todesfurcht (wie in II. θεων ά') und die Sterblichkeit der Seele bewiesen, die falschen Vorstellungen des Volkes und der übrigen Schulen vom Tode widerlegt hat.
p. 1507 Περὶ τὸν καθ Ὄμηρον ἄγαμου ßaotΜως, auf Grund auch des Originals von A. Ol i -viei, Lpz. 1909, herausgegeben, vgl. die Be-30 sprechung in der Philol Woch. 1910, 740ff. (Philipps.). P. schildert das homerische Fürstenbild als Vorbild und widmet es bezeichnenderweise seinem Gönner Piso (col. 25, 16f.), einem Staatsmanne. Oft stimmt das Buch in den angeführten Homerstellen und deren sittlicher Deutung einerseits mit Plut. quom. adulescenti; Prae-cept reip. ger.; An seni; Quaest. conv., mit Dion Chrys. I und 11, [Plut.] De vita Hom., andrerseits besonders mit den Fragmenten des Dioskurides 40 Περὶ τῶν Ὄμηρον νόμων überein, die wieder aus den peripatetischen Ἀπορήματα Ὀμηρικά schöpfen. Ob P. den Dioskurides selbst benutzt hat oder wie vielleicht auch Plutarch und Dion einen Traktat, der jenen berücksichtigt hatte, bedarf besonderer Untersuchung. Jedenfalls hat er seine Vorlage wieder selbständig im epikureischen Sinne umgeschaffen, wie er auch 4, 33 den letzten König von Bithynien, gestorben 75, wohl nach der Zeit des Dioskurides, also aus sich erwähnt. 50 Bezeichnend für ihn ist, daß er Homer höher schätzt als wahrscheinlich Epikur und ihm, wenn auch nicht als Absicht, sittliche Wirkung zuschreibt.
IV. A. 8. Dialoge. Bei Cic. Pis. 66 lesen wir: Solet enim (Piso) in disputationibus suis oculorum et aurium delectationibus abdominis voluptates auteferre (gewiß eine Verdrehung) und fragt dann selbst 68: Unde tibi haec nota sunt?, um dann auf P., ohne ihn zu nennen, als Quelle 60 hinzuweisen. Dieser hat also Dialoge (disputatio-nw) geschrieben, in denen er mit Piso u. a. über den Wert (ästhetischer) Lustgefühle verhandelte. Nun hat Philipps. Philol. Woch. 1910, 772 in Περὶ τὸν καΡ Ὄμ. ἄγ, βαό. col. 25 die Zeilen 15ff. mit einiger Wahrscheinlichkeit so ergänzt: Wenn ich, Piso, einige der Antriebe, die Homer zur Errichtung von Herrschaften gibt, ausließ, πρόκειται rd πρώτον τῶν b Νε]από[λει καί] [2475] Βα[ίαις διαλόγω]ν. Danach hat R. mehrere Bücher Gespräche verfaßt, in deren erstem über Homer verhandelt wurde. Ebenso frg. 21,9δ., wo von den maßvollen Freuden des Mahles die Rede ist: εἰς θ ἐπιφοράν (zur Zugabe) καὶ τὰ τῶν ἀκονσμάτων ἐν τώι τῶν παρασιτῶν συμ]πο[σίωι] διεστήσαμεν. Eine Bestätigung dieser Ergänzung würde sein, wenn man p. 994 (II. ποιημ.) VI² 185 ergänzen dürfte: καν ἐν τοῖς παρασίτων καν ἐν Νεαπόλει πρὸς Πείσωνα λόγοις. Diese Tischgespräche sind also die von Cicero erwähnten Disputationen Pisos. P. folgt in ihnen weniger dem Vorbilde Platons, als dem Epikurs. Aber im Unterschiede zu ihm hält er Gespräche über Dichtkunst und Musik beim Mahle für eines Politikers würdig.
Spuren solcher Dialoge finden sich auch unter den herkulanischen Rollen. So in p. 312, von dem Cr. Kol. 125 einige Bruchstücke mitteilt. Er gehört nach diesem zu den entrollten, aber nicht abgezeichneten (nach Bassi Catalogo 446 ist er später, 1913, von M. Ar mann abgezeichnet). Wie schon o. erwähnt, besagt frg. I 4, 5: ,Er (Piso) beschloß mit uns zu Siron nach Neapel und zum Essen bei ihm dort zurückzukehren und philosophische Gespräche (συλλαλίας; λαλίαις schon I 3, 3) zu pflegen, noch häufiger aber sollten wir uns in Herkulaneum aufhalten.* Das sieht ganz wie die Einführung in Gespräche aus, auf die in der Pisoniana angespielt wird, nach Art der Einleitungen in den Dialogen Ciceros. Col. II 3, 6 Περὶ γάμου scheint das erste Thema anzudeuten. III 2, 1 heißt es dann weiter: τὸν δὲ διάλογον ἀπὸ [γάμον?] μεταστρέφων εἰς τὰ τοιαντὰ 'καθόλου, ἔφη (Piso) πρὸς τὸν Σκατίνιον,... Hier wird also der Dialog ausdrücklich bestätigt, und die Stelle hat dialogische Form. Aber auch den weiteren Gesprächsgegenstand können wir erschließen; schon das θηλυπα$οῦς IV 2, 6 verrät es, ebenso der äußerst geschickt gewählte Mitunterredner Scatinius. Denn dieser ist gewiß der Urheber der lex Scatinia de infanda Venere (Päderastie): vgl. Caelius Brief an Cic. fam. VIII 12, 3, wonach er (gewiß mit Recht) auf Grund dieses Gesetzes angeklagt werden sollte, und Suet. Domit. 8. Ebenso kann p. 986 ein Dialog sein. Das schon o. erwähnte frg. 19 lautet nach Cr. bei Diels II. . a' S. 99, 4 τὸν ἐπὶ τοῦς Κίλικας ἀπεσταλμένον ὑπὸ τῆς Ῥώμης ἀκολουθεῖν κελεύομεν τὰ μετὰ τῶν φιλοσόφων καὶ τῶν δημαγωγῶν (Caesa* rianer, darunter Piso?) συζητηθέντα. Das ist offenbar die Widmung eines Dialogs (συζητεῖν) zwischen Philosophen und Staatsmännern, den er 51/50 dem Proconsul Ciceros nach Kilikien nachsendet. Die Gesprächsform wird aber auch durch die zweite Person in frg. 2 (-oste?) Cr. Rh. Mus. XXXVI 618 bestätigt. Dies Fragment lautet ergänzt etwa: [ὀπότε γὰρ περὶ τίνος ἀρχῆς σπουδά]σειες. ἐνθῦς ἔτυχες τῆς ἀνωτάτης συν [ψηφίας]. καὶ κλήρου τῶν ἐν[ικώς (= singulariter?) πα]ρ’ ἄστοις τειμωμενων ἡ ἀφικομένων [ἐξ ἀγρῶν], ein Kompliment, das durch Cicero in Pis. 2 bestätigt wird: Is mihi etiam gloriatur se omnes magistratus sine repulsa assecutum. In den folgenden Fragmenten bei Cr. scheint es sich um Vorsicht bei der Wahl von Freunden zu handeln unter Berufung auf Metrodor.
IV. B. Der Schriftsteller. Während die sonstige Überlieferung nur ein Werk P.’, die
[2476]
σύνταξις φιλοσόφων, nennt, hat uns die heriru-laner Bücherei Schriften von ihm in solcher Menge beschert (und andere liegen sicher noch uner-
löst), daß er an Fruchtbarkeit kaum hinter seinen Meistern, Epikur und Zenon, zurückzustehen scheint. Sie zerfallen, wie obige Übersicht zeigt, in zwei Klassen, rein wissenschaftliche und volkstümliche, die ersteren in theoretische und philosophiegeschichtliche, die letzteren in Diatriben
und Dialoge. Unter den theoretischen ist die Physik nur durch theologische, die Logik hauptsächlich durch die Schrift über den Zeichenschluß vertreten, die Ethik den volkstümlichen überlassen. Ein breites Feld nehmen, wohl der Neigung des Verf. entsprechend, die ästhetischen I
ein. In allen überwiegt, soweit erhalten, also in⏐
den Schlußteilen, die Polemik gegen andere⏐
Schulen und Gegner der eigenen. Das VerloreneI
kann mehr Positives enthalten haben, das übri-i
gens aus der Kritik meist erkennbar wird.J
Seine Sprache in Wortgebrauch (vgl. das übri-f
gens unvollständige Lexikon Philodemeum von(
C, J. Vooys Pars prior, Punnerend 1984, be-j
sprochen Philol. Woch. Î934, 1147ff.) und in;
Syntax (vgl. die musterhafte M. H. von Cr., die aber nur die Laut- und Flexionslehre und nicht
nur die P.* behandelt) ist gut attisch, wie wohl allgemein zugestanden wird. Dagegen hat man seinen Stil oft getadelt und sich gewundert, daß
derselbe Schriftsteller, dessen Gedichte Muster prägnanter Kürze sind, eine angeblich so weitschweifige und oft durch schlechten Satzbau schwerverständliche Prosa schreibe. Aber hier hat schon Sudhaus richtiger gesehen, der in seinem Supplementum S. VI gegen solche Vorwürfe schreibt: ,Aber gemach, vielleicht ist auch der vielgeschmähte Text und Stil des Philodem so übel gar nicht, wenn man nur richtig ergänzt und wir stolpern nicht über P.’ Wendungen, son-
dem über unsre eigenen Ergänzungen.... Er ist zuweilen breit, aber immer korrekt Zuweilen wird er in der Debatte sogar scharf, kurz, lebhaft, aber seine Kürzen und Auslassungen sind stets ver endlich, wo ein größerer Zusammenhang vorliegt/ Das bestätigt das Supplement selbst; dieselben Stellen, die in Sudhaus’ Teil I oft sinnlos erscheinen, sind hier glatt lesbar und verständlich. Aber sein Stil ist nicht nur immer korrekt, sondern öfters auch eindrucksvoll. Wie-
der sagt Sudhaus S. XXVII: Als Kern des ganzen Werkes dürfte man ... das sog. V. Buch der Rhetorik ansehen, in dem mit wärmsten Farben das Bild der epikureischen Weisen ... ausgemalt wird' (s. Philipps. Arch. f. Gesch.
der Philos. 1910, 324). Auch sonst finden sich solche Stellen, die den Dichter nicht verleugnen.
Frg. 8 col. I Περὶ Ἤπικ. erklärt Vogl, für die Krone unter allen herkulanischen Kolumnen. Auch II. θαν. col. 38 ist hervorzuheben. Daß die für
30 einen engeren Kreis bestimmten unter den theoretischen Schriften wie II. σημ. trockner sind, versteht sich. P. unterscheidet selbst Rhet. I 151, 14–22 und 152, lOff. die Stilarten nach γένη und Schriftstellereigenheiten.
Für die Unterscheidung dieser beiden Schriftarten ist vielleicht das Verhältnis zum Hiatus wichtig. P. sagt selbst in Rhet. I 168 (col. II 2): Συμπτωσις ὄε φωνηέντων foti μὲν ὑπόψυχρος ἡ [2477] δὲ οὐκ ἄκαιρος. Danach verfährt er. Richtig sagt Sudhaus Rhet. I S. XIV ,hiatum consuetudine illius aetatis si minus omnino vitavit, at certe raro admisit'. Wie es scheint, verhielt er sich in verschiedenen Schriften verschieden. In II. σημ., einer für einen engeren Kreis bestimmten Schrift, finden sich mehrere, auch schwere Hiate (s. Rh. Jins. 1908, 7f.). Indes fehlt noch eine eingehende Untersuchung aller Schriften darüber, bei der selbstverständlich durch Ergänzung entstandene außer Betracht bleiben müssen.
Seine Disposition ist immer sorgfältig und wird strenge innegehalten. Seine Polemik ist insofern gewissenhaft, als er die Äußerungen der Gegner meist wörtlich anführt, oft im Anfang des Buches im Zusammenhang ohne Zusatz, dann Satz für Satz kritisierend: Sein Verhältnis zu Vorlagen ist bei deren Verluste schwer zu bestimmen. Ein bloßer Abschreiber war er nicht. Wenn er, wie in II. κακιθν ausdrücklich sagt, daß er Vorträge Zenons im Auszuge wiedergeben will, wird er inhaltlich wenig geändert haben. Ebenso in II. ἄημ. da, wo er Vorträge und Schriften Zenons und Demetrios’ darzulegen erklärt. Aber hier fügt er doch 7, 5 der Kritik des Stoikers an Zenons Lehre, ehe er die Antikritik dieses bringt, eine Antwort jenes auf die ἀντιρρήσεις einiger Epikureer ein (der Streit geht wohl in Flugschriften hin und her) und antwortet dem Dionysios selbständig. Manchmal weicht er auch ausdrücklich von seiner Vorlage ab, so p. 223 (s. o.). Da er ferner, soweit wir urteilen können, seine Quellen, gewissenhaft angibt, liegt kein Grund vor, wo dies nicht der Fall ist, solche anzunehmen. Immer dann ohne Zeugnis Zenon vorzuschieben, ist ungerechtfertigt. So scheint er in II. ποιημ. und II. μουσικ. schriftstellerisch ziemlich selbständig zu verfahren. Doch das hängt mit unsrem Urteile über seine wissenschaftliche Originalität zusammen.
V. D e r P h i 1 o s o p h. P. ist kein schöpferischer Denker. Wie alle Epikureer wollte er an der reinen Lehre des Meisters festhalten. Trotzdem hatten sich im 2. Jhdt. zwei Richtungen ausgebildet, die sich scharf befehdeten, eine attische (Basileides und Thespis) und eine östliche (Ni-kasikrates und Timasagoras, s. d.). Um 100 stand an der Spitze der Mutterschule Zenon von Sidon. dieser wirklich in gewissen Grenzen ein selbständiger Geist. Er hat unter dem Einfluß des Kar-neades und der empirischen Ärzte (Philipps. Diss. 55ff.), indem er Epikurs ἐπιλογισμός von den ἄδηλα auf die ἐπιμένοντα übertrug, die Lehre vom Zeichenschluß geschaffen. Zweitens hat er unter heftigem Widerspruche der Kleinasiaten (Rhodos und Kos) und mit sehr fraglichen Deutungen von Äußerungen der καθηγεμόνες die sophistische Rhetorik als eine Kunst, wenn auch unnötige, anerkannt (Sudhaus Suppl. 47ff.). Beide Neuerungen hat P. von seinem Lehrer übernommen.
Wie steht es mit der Ethik? Torquatus, der in Fin. I die epikureische vorträgt, behauptet auf das bestimmteste, daß die leibliche Lust, auf die letztlich auch jede geistige zurückgehe, das Lebensziel sei. Und da er sich für seine Darstellung I 7 auf Phaedrus und Zenon, II 119 auf Siron und Philodem beruft, so sehen wir, daß Lehrer und Schüler diesen orthodoxen Standpunkt [2478] vertreten haben im Gegensatz zu anderen Epikureern, die nach Cicero = Torquatus einer milderen Auffassung das Wort führen. Aber schon Torquatus kann dies nicht durchführen: Der Widerstand der Leidenschaften im Inneren der Menschen ist ihm ein Übel an sich (58 Anf.), und in dem Abschnitt über die Freundschaft läßt er 68 auch die Ansicht zu, nach der die Freunde allmählich um ihrer selbst wegen geliebt werden. Aber wenn 10 auch Cicero möglicherweise hier einen Abriß
Philodems benutzt, so beruft er sich zugleich auf Zenon, von dem diese Milderungen, wenn sie auch zu dem acriculus senex weniger passen, stammen könnten. Leider ist uns eine theoretische Schrift P? über die Ethik nicht erhalten. Prüfen wir die DiatribenI Die Mehrzahl will allerdings Vorträge Zenons wiedergeben. Aber das schließt persönliche Zusätze P? nicht aus. Wenn er II. παρρ. frg. 28 sagt, von dem vielen Schönen, das die 20 Freundschaft spende, sei nichts so wertvoll, wie τὸ ἔχειν, ὤι τὰ ἐγκάρδιά τις ἐρεὶ καὶ λέγοντος ἀκούσεται. σφοδρὰ γὰρ ἡ φύσις ὀρέγεται πρὸς τινας ἐκκαλύπτειν a νοεί, so beweist dieser auch sprachschöne Spruch, daß der Verf., übereinstimmend mit dem erwähnten Freundschaftsbegriff in De fin., auch geistige Lust, die sich nicht auf den Leib bezieht, als naturgemäß anerkannt. Und in II. θαν., das sich nirgends auf Zenon beruft, finden sich Milderungen, die auch den von P. be-30 nutzten Traktaten nicht fremd sind, und die ihm um so mehr zuzuschreiben sind, als sie den Anschauungen seiner römischen Umgebung entsprechen. So erklärt er 20, 1ff. die Trauer um den Tod eines jungen Menschen für verzeihlich; 20, 7ff. ἐνοχλεὶ φυσικως ἐχθρὸς ἐπιγελῶν (über unser Unglück); 25, 2ff. die Nächsten unversorgt zu hinterlassen ἔχει ... φυσικώτατον δηγμὸν καὶ δακρύων προέσεις ἐγείρει τωὶ νουν ἔχοντι μόνον ἡ μάλιστα; 25, 37ff. in der Fremde zu sterben, fern 40 von den Lieben φυσικὸν δηχθηναί; 33, 37ff. ungerecht hingerichtet zu werden συγγνωστὸν ἄν δόξειεν εἶναι τὸ λυπηθηναί (Kyniker und Stoa urteilen umgekehrt); 34, 11 τδ ἄδθκτως ἔχειν περὶ παν ου θάιδιον; 35, 34 bei keinem ein Andenken hinterlassen δηγμὸν τιν' ἀναδέχεσθαι φυσικὸν ἔοικεν εἶναι. Das steht alles im Widerspruch zu einem Hauptsatze der Schule: Für den Toten ist dergleichen kein Unglück, da er es nicht empfindet. Wenn nun auch bei Epikur solche Zeichen 50 humaner Gesinnung nicht fehlen (s. frg. 120 Us.), so spricht es doch für P.’ eigene, daß er sie hier so oft und geflissentlich betont. Daß er im Gegensatz zur Schule 35, 23 und 37, 20 die praemeditatio, wenn auch mit einem ἴσως, als Schutzmittel anerkennt, sahen wir schon; vgl. auch p. 57 Περὶ προμήθειας (?),
Ihm eigen scheint auch die psychologisch richtige Auffassung des Zornes. In II. ὄργ. frg. 7 wird gezeigt, daß dieser nicht mit dem Rachetriebe,zu-60 sammenfallt. Alle sonstigen Philosophen des
Altertums (außer Galen D. sanit. tuend. II 9 aus unbekannter Quelle) setzten beide gleich. Auch die Epikureer definierten den Zorn als incitatio animi ad nocendum (βλάππτειν) ei qui aut nocuit aut nocere voluit (s. Ringeltaube Götting. Diss. 1913). Da Zenon in II. ὄργ. nirgends genannt wird, darf man annehmen, daß diese bemerkenswerte Erkenntnis von P. selbst stammt. [2479] Dem Standpunkte der römischen Aristokratie entspricht es, wenn er in II. οἰκον, c. 23ff. das Landleben lobt, zugleich aber das Selbstackern ablehnt (Philipps. Festschr. 106f.). Auch wenn er in Rhet. I 375, 2, also in den siebziger Jahren, die Demokratie das unverständigste politische System nennt; später hat er allerdings mit Piso anders geurteilt (s. Herm. 1918, 381f.). Wie der Jungstoiker Athenodoros, ein Enkelschüler des Panaitios (Sen. tranq. e. 3), hebt er hervor, daß der Philosoph, auch wenn er sich an der Politik nicht beteilige, dem Vaterlande durch Belehrung seiner Mitbürger und sittliche Erziehung nütze (Arcli. f. Gesch. d. Ph. 1910, 323). Ob die zum Teil lächerlichen Einzelheiten, die P., von den Kritikern anderer Schulen gedrängt, über die Lebensweise der Götter in II. Λ ἄγ. gibt, und auf die sich sicher die Altmeister noch nicht eingelassen haben, von Zenon stammen, ist nicht zu entscheiden, aber man möchte sie eher dem Schüler zutrauen.
Am ehesten möchte man ihm Selbständigkeit auf dem Gebiete der Kunst zugestehen. Die Redekunst kann schnell abgetan werden. Wir wissen, daß er sie wie die ganze Schule verwirft, die sophistische wie Zenon beurteilt. Nur Dichtkunst und Musik stehen hier in Frage. Wie urteilt die alte Schule über ihren Wert? Epikur sagt frg. 568: ποιήματα 5’ ἐνεργείς οὐκ äv ποιήσαι. Und P. ist wirklich, soweit wir wissen, der einzige griechische Philosoph, der zugleich Epikureer und Dichter war. Aber Epikur kleidet ja seine Ansicht in eine gemilderte (potentiale) Form; ein Verbot ist es nicht. Er meinte wohl, der Weise habe Wichtigeres zu tun. Über den Genuß, den diese Künste auch dem Weisen gewähren, also über ihren Wert urteilt er anders. In den Diaporien frg. 20 bezeichnet er den Weisen als χαίροντα παρ' δντιονν ἄλλον ἀκροάμασι καὶ ὑεάμασι Διοννσιακοις, wenn er hinzufügt, προβλήμασι δὲ μουσικοις καὶ κριτικῶν φιλολόγοις ζητήμασιν ὄνδε παρὰ πότον διδοῦς χώραν, so beweist das nur, daß er, obwohl er den Kunstgenuß hochschätzt, von Musiktheorien und philosophischer Behandlung nichts wissen will, weil, wie wir wenigstens bei P. sehen, die Kunst Gefühlssache (ψυχαγωγία) ist und nicht auf Regeln gebracht werden kann. Ist das richtig, so sehen wir schon hier, daß P.’ Standpunkt grundsätzlich der Epikurs ist. Damit stimmt genau ein Zitat aus Epi- ‘ kurs II. βασιλείας überein (frg. 8 Us.), in dem er τοῖς φιλομούσοις τῶν βασιλέων rät, lieber bei den Gastmählern στρατηγικὰ διηγήματα καὶ φορτικὸς βωμολοχίας ὑπομένει# ἡ λόγους περὶ μουσικῶν καὶ ποιητικῶν προβλημάτων, also nicht den musischen Genuß, sondern das Theoretisieren über ihn verwirft er (möglich, daß dabei unbewußt die Eifersucht auf die Philologen am Alexandriner Hofe mitwirkte). Aber auch, daß die bisherigen Kunsttheorien falsch seien, mußte theoretisch be- 6 wiesen werden, und so heißt es frg. 569 μόνον τὸν σοφὸν ὀρθώς περὶ τε μουσικῆς καὶ ποιητικῆς διαλέξααθαι. So hat Metrodor ein Werk Περὶ ποιημάτων geschrieben. Auch aus den Resten von Kolotes’ Buch Προς τὸν Πλάτωνος Λύσιν (Cr. Kol. 6ff.) geht nirgends hervor, wie Cr. 8 meint, daß er die Dichtkunst selbst ablehnt. Für den Dichter P. ist das ausgeschlossen. Aber auch [2480] theoretische Unterhaltungen über sie hat er gegen Epikur in seinen oben erwähnten Dialogen eingeführt, und in seinem Buche Περὶ τοῦ καθ Ὄμηρον κτλ. diesem Dichter auch sittliche Wirkungen beigelegt Damit steht nicht im Widerspruche, daß er wie Epikur (und Platon) dessen ⏐
Göttennythen als falsch und gefährlich bekämpft. j
In seinem praktischen Verhalten geht er danach ⏐
über Epikur hinaus, ohne grundsätzlich von ihm
abzuweichen.
Wie steht es nun mit der Selbständigkeit seiner ästhetischen Anschauungen? In mindestens fünf Büchern (und vielleicht einem Abrisse) hat er über die Dichtkunst gehandelt. Leider kann man seine eigene Theorie nur aus seiner Kritik an seinen Gegnern erschließen. A. Rostagni hat nun Riv. Filol. 1923, 401fE; 1924, 15. sowie in seiner Ausgabe der Ars poetica des Horaz (1930) S. XCIVff. (s. Besprechung durch Phi-201 i p p s. Bollett. di Filol. dass. 1930, 3135.) gegen Jensen Inhalt, Geschlossenheit und Wert dieser Theorie, die einen Fortschritt gegenüber der peri-patetiseh-stoischen Scholastik (über Aristoteles und Eratosthenes urteilt Philipps, etwas anders) darstelle und sich unsern ästhetischen Ansichten auffallend nähere, dargetan. Auf R o -stagni sei hier im einzelnen verwiesen. Er zeigt, daß P. 1. den Zweck des Dichtens nicht im moralischen Nutzen, sondern in die ästhetische-30 Lust (ψυχαγωγία) setzt (damit ist, wie wir sahen, nach P. eine sittliche Wirkung nicht ausgeschlossen), 2. daß die Gestaltung von Inhalt und Form nicht wie in den poetischen Handbüchern getrennt werden darf, sondern einen einheitlichen Akt vorstellt, 3. daß jeder Gegenstand dichterisch darstellbar ist, wenn er nur künstlerisch gestaltet wird, 4. (wie zugefügt sei) daß es Regeln für die ästhetische Kritik nicht gebe (II. ποιημ. V col. 22, 25.) und wohl auch 10 für das Dichten selbst.
Prüfen wir, ob sich Spuren dieser geschlossenen Lehre schon bei früheren Epikureern finden! Wir hatten oben, wenn auch nur mittelbar, erschlossen, daß bereits Epikur von ästhetischen Regeln nichts wissen wolle (= 4). Klar äußert sich Metrodor so in einem Zitate aus einem II, ποιημ. bei P. (Rhetor. Suppl. 42f.), wonach kein Dichter (und Redner) aus Schulbüchern entstehe. Mehr könnte man durch Kolotes erfahren, der in ►0 einem Anhänge zu seinem Προς Πλάτωνος Λύοιν die Kritik bekämpft, die sein abtrünniger Schüler Menedemos an der Ästhetik seiner Schule übt (Cr. Kol. 1625.). Leider ergeben die zerstückelten Fetzen nichts Sicheres. Jedenfalls sieht man, daß hier wie bei P., besonders in Buch 5 vom guten Dichter (10 b 2; 5; 13; e 11. 11 a 5) und Gedicht (10 c 15.) gehandelt wird. Vor allem scheint er wie P. (o. 1) den Satz zu bekämpfen, ὤφελειν ἠμάς τὰ ποιήματα und wie jener in Buch 2 0 spricht er von den φθόγγοι und ihrem Gegensatz διάνοια (10 a 3; c 5; 13) und fordert die schlichte Umgangssprache (ὀμιλίαν ἀκενόσπουδον 11 a 8). Wesentliche Gedanken P/ tauchen also hier schon auf. Und wenn der Protreptiker des p. 831 wirklich, wie Körte Metrodori Fragm. meint, von diesem stammte, so hätte der (col. 13) erklärt: προβαινουαης ἤδη τῆς ἀναχύσεως (ä ἀσωτίας bei jungen Leuten) εἰς ποιητικῶν ζητημάτων [2481] 2481 Philodemos (Philosoph) λύσεις τὴν παιδείαν μερίζονσιν, und im folgenden scheint er solche für συμπόσια und συνδιαιτήσεις zu empfehlen. Aber schon dieser offenbare Widerspruch gegen Epikur spricht gegen dessen unmittelbaren Schüler und für einen jüngeren Epikureer wie etwa Demetrios Lakon (s. das wiederholte βλέπειν und πλήονα col. 6, vgl. Cr. Kol. 101 a und d).
Von Demetrios, dem Altersgenossen Zenons, den auch P. gehört hat, sind uns in dessen Bücherei unter andern Schriften zwei Bücher Περὶ ποιημάτων erhalten. Das erste, in dem er wahrscheinlich wie P. in Buch 5 die grundsätzlichen Fragen behandelt, ist leider zu fragmentarisch, als daß man über seinen Standpunkt urteilen kann. Nur ahnen kann man, daß (fieser dem P.' ähnelt. Dagegen stimmt der andere mit P.' Buch 2 inhaltlich (φθόγγοι und λέξις) überein, so daß man die Abhängigkeit des Schülers erkennt. Aber schon dessen größere Ausführlichkeit zeigt eine relative Selbständigkeit des Jüngeren. Auch Zenon hat Περὶ ποιημάτων χρώσεως geschrieben (Cr. Kol. 176); aber der Titel zeigt, daß das Buch sich nicht mit den fünf P.’ deckt. In diesen zitiert er nur als Anhang des fünften τὰς παρὰ Ζήνωνι δόξας (zeitgenössischer Gegner), während er vorher solche kritisiert, die er bei einem anderen, unbekannten Epikureer, Philomelos, fand, und die Kritik macht den Eindruck des Persönlichen.
So ergibt sich: Die Wertung der Dichtkunst und ihre Theorie findet sich der Anlage nach schon bei den alten Schulhäuptern, die Zenon-schule hat jene erhöht und (fiese erweitert, P. beide auf Grund eigener Neigung und Studien in größtem Umfange behandelt. Und dieser Theorie blieb die spätere Schule treu. Der Epikureer Diogenianos, vielleicht des 2. Jhdts. n. Chr, (s. Ü b e r w eg - P r ä c h t e r Ilä 580) sagt bei Eusebios Praep. ev. VI 8, 7 καὶ τῷ ποιητὴ ἄτε ου τὴν ἀλήθειαν ἠμῖν τῆς τῶν ὄντων φύσεως νπισχνουμενφ, ἄλλα μιμουμένω (darstellend) πάθη τε καὶ ἤθη καὶ δόξας παντοίας ἀνθρώπων, und bei Lukian. Iupp. trag. c. 39 erklärt der Epikureer: ου γὰρ ἀληθείας μελεὶ αὐτοῖς (τοῖς ποιηταῖς), ἄλλα τὸ κηλεῖν (= ψυχαγωγεῖν) τοὺς ἀκούοντας καὶ διὰ τούτο ... ὄλως πάντα ὑπὲρ τοῦ τερπνὸ υ μηχανώνται (= oben 1).
Ähnlich steht es mit seiner Stellung zur Musik. Wie Epikur erkennt er deren Wert an: ἠμάς ὕπ’ αὐτῆς ὀμολογω τέρπεσθαι (II. μουσ. 4, 7, 2 S. 70 K.), aber sie dient nur der Erholung und Erheiterung: μηδὲν αὐτῆς ἄνηκειν εἰς ποσόν, ἄλλα παν εἰς ἄνεσιν καὶ τέρψιν 3, 37 S. 37. Denn - behauptet er gegen die Platoniker, Peripate-tiker, Stoiker - sie ist weder μιμητική, noch trägt sie etwas zur Tugend und Erziehung bei, oder, wenn sie schlecht ist, zum Laster 3, 37, 7 S. 37 μὴ τίθημι τὸ μιμητικὸν εἶναι; 3, 55, 3 καὶ τὸ μιμεῖσθαι τὰ λεγάμενα τὴν μουσικὴν καὶ τὸ μίμουμενον ὕπ' αὐτῆς πρὸς ἀρετὴν ἐπωφελεῖν τί .... διεψευσμένον ἐδείκνυμεν; 3, 75, 18 S. 53 die harmonische und rhythmische Musik trägt nicht mehr zur Erzählung bei als gewürzte Speise und Wohlgeruch; 4, 3, 23 S. 63: Sie ist nicht imstande, wie einige träumen, Charaktere nachzuahmen, es gibt auch keine sittliche und unsittliche Musik, so wenig wie sittliche und unsittliche Kochkunst; 4, 36, 25 S. 108, alle großen [2482] Männer treiben sie nur διὰ τέρφιν; 4, 8, 26 S. 72: Selbst die ermüdeten Arbeiter werden durch sie nur angetrieben τηὶ παραμείξει τῆς ἤδονης. Die Analogie der Dichtkunst läßt trotz Fehlens von Zeugnissen auch hier annehmen, daß er auf den Spuren der Schule wandelt; aber nichts berechtigt, ihm bei der Ausführung Selbständigkeit abzusprechen.
VI. Seine Bedeutung für Mit- und 10Nachwelt. Als Dichter, d. h. als Epigrammatiker, als welchen wir ihn allein kennen, besaß er eine Eigenart, die ihn als einen der besten erscheinen läßt. Die Eigenschaften, die er vom guten Dichter fordert, besaß er im hohen Grade: βθχύτης und ἐνάργεια (Anschaulichkeit). Das hat wohl vor allem Horaz angezogen, bei dem manches an seine Poesie und Prosa anklingt (s. Philipps. Festschr. 104; aber die Beispiele lassen sich vermehren); doch auch andere römische 20 Dichter und griechische Epigrammatiker haben ihn nachgeahmt (s. Kaibel a. O. passim).
Als Philosoph hat er, als einer der Häupter der italischen (Neapler) Schule, gewiß viel zur Verbreitung des Epikureismus unter den Römern beigetragen; bezeugt ist es für seinen Gönner Piso und für Vergils Freundeskreis. Horaz’ Welt-und Lebensanschauung wird er bedeutend beeinflußt haben, wie Philipps, in seiner Festschrift nachweist; dessen freiere Fassung dieser Lehre 30 stammt von ihm. Auch die Ars poetica zeigt, daß er neben anderen Theoretikern dem P. manches verdankt. Cicero hat ihn geschätzt und ist in nat. deor. I, vielleicht auch in fin. I von ihm unterstützt. Und seine Schriften waren im ausgehenden Altertum nicht ganz verloren. Ambrosius hat sich auf eine Epitome über die Götterlehre von ihm berufen, und Diog. Laert. zitiert seine σύνταξις φιλοσόφων, vielleicht auch seine Schrift über die Freunde Epikurs.
Uns ist er durch einen Zufall gerettet Seine in Herkulaneum gefundenen Schriften haben für uns namentlich geschichtlichen Wert. Sie sind gerade durch ihre überzeugende Polemik reich an neuen Mitteilungen über die gesamte griechische Philosophie, besonders aber über die alexandrinische und natürlich auch über die epikureische. Und durch sorgfältige Bearbeitung dieser leider so beschädigten Rollen, durch Entfaltung neuer dürfen wir in dieser Beziehung auf weite-50 ren Gewinn rechnen.
Anmerkungen
- ↑ Im folgenden ist Cr. = W. Crönert; Cr. Kol. = Crönert Kolotes und Menedemos. Studien z. Paläogr. und Papyruskunde, Lpz. 1906; Cr. Mem. = Crönert Memoria Graeca Herculanensis, Lpz. 1903. Us. = Usener Epicurea, Lpz. 1887. Go. = Gomperz. Scott = W. Scott Fragmenta Herculanensia, Oxford 1885. Bassi = D. Bassi La sticometria nei papiri Ercolanesi, Riv. di Filol. 1909. Vogl. = A. Vogliano Epicuri et Epicureorum scripta in Herculanensibus papyris servata, Berl. 1928. Jens. = Jensen. Philipps. = R. Philippson Festschr. = Festschr. des Wilhelmsgymnasium, Magdeb. 1911, 77ff. (Horaz’ Verhältnis zur Philosophie). VH¹ = Voluminum Herculanensium collectio prior; VH² = collectio altera, p. = papyrus Herculanensis, fr. = Fragment, col. = Kolumne.
- ↑ Vorlage: 1980