RE:Mucius 22
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| Scaevola, Q. Pont. max. ab etwa 89 v. Chr., Sohn von Nr. 17, berühmter Jurist | |||
| Band XVI,1 (1933) S. 437–446 | |||
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| Register XVI,1 | Register mi | ||
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22) Q. Mucius Scaevola war der Sohn des Pontifex maximus P. Scaevola Nr. 17; er erreichte diesen, indem er dieselbe hohe geistliche Würde erlangte, und er übertraf ihn noch durch seine unvergleichliche Rechtskunde. Er war von dem Vater wegen der Verschiedenheit der Vornamen leichter zu unterscheiden, als von dessen Vetter, dem Augur Nr. 21; denn mit diesem hatte er den Vornamen gemein, und die Lebenszeit beider fiel zum größten Teile zusammen, so daß sie in denselben Jahrzehnten als Rechtskundige tätig waren und großes Ansehen genossen. Deswegen ist dem Namen dieses Q. Scaevola zur genaueren Kennzeichnung häufig der Vatersname (P. f. Fasti Cap. Fasti Antiates. Inschrift aus Pergamon [s. u.j. Cic. de or. I 170; leg. II 47; top. 37; oH. I 116. III 62; ad Att. VI 1, 15. Plin. n. h. VIII 53. Pompon. Dig. I 2, 2, 41) oder sein Priesteramt hinzugefügt worden (pontifex jnaximus Cic. de or. III 10; leg. II 47. 52; nat. deor. III 80; off. III 70. Varro 1. 1. V 83. Liv. ep. LXXXVI. Vell. II 26, 2. Ascon. Cornel. 59f. K.-S. = 54 St. Gell. V 19, 6. Pompon, a. O. Augustin. civ. dei IV 27. Diod. XXXVIII 17. Appian. bell. civ. I 403; verkürzt: pontifex Cic. top. 29; Lael. 1. Ascon. Pis. 13 K.-S. = 20 St. Flor. II 9. 21. Augustin. III 28. 29. IV 27), ohne daß alle Verwechslungen ausgeschlossen blieben. Von jeher stand M. in naher Verbindung mit dem Redner L. Licinius Crassus (o. Bd. XIII S. 252ff.), der 614 = 140 geboren und ungefähr seit 634 = 120 mit einer Tochter jenes Augurs (Nr. 27) verheiratet war; M. und Crassus waren Altersgenossen (aequales Cic. de or. I 180; Brut. 145) und Kollegen in allen Ämtern außer im Volkstribunat, das M. ein Jahr später als Crassus bekleidete, und in der Censur, um die er sich niemals bewarb (Cic. Brut. 160f.; vgl. de or. I 180. III 10). Demnach ist die Geburt des M. um 614 = 140 anzusetzen und von seinen curulischen Ämtern die Quaestur um 644 = 110 und die Praetur spätestens 656 = 98. In der Rechtswissenschaft war er vor allem Schüler seines Vaters (Cic. de or. I 244; leg. II 47; Brut. 197; off. I 116), und in das Kollegium der Pontifices wird er nach dessen Tode um 639 = 115 als sein unmittelbarer Nachfolger aufgenommen worden sein. 648 = 106 war er Volkstribun und leitete u. a. die Volksversammlung, in der über die Lex iudiciaria des Consuls Q. Servilius Caepio verhandelt und abgestimmt wurde (Cic. Brut 161). Einige Jahre später bekleidete er mit Crassus die curulische Ädilität. und ließ bei den von beiden gegebenen glänzenden Festspielen (Cic. Verr. IV 133; off. II 57) zum ersten Male mehrere Löwen kämpfen (Plin. n. h. VIII 53), vielleicht kurz nach dem Triumph des Marius über lugurtha (1. Januar 650 = 104), wo solche lebende Beute aus Africa nach Rom gekommen sein wird. 654 = 100 stand M. ebenso wie der Augur und wie Crassus im Kampfe gegen Saturninus auf Seiten der Optimaten (Cic. Rab. perd. 21: Q. Mucius, gesondert von dem Augur Nr. 21; ebd. 26: duo Mucii und übertreibend PhiL VIII 15: omnes ... Scaevolae, mit dem Augur zusammen, an allen Stellen neben Crassus). Nach der gemeinsamen Praetur gelangten dann M. und Crassus zum Consulat im J. 659 = 95 (Fasti Cap. Fasti Antiates Not. d. scav. 1921, 130. Chronogr. [438] Hydat. Chron. Pasch. Cic. Verr. II 122; Balb. 48. 54; Brut. 63. 229. 328. Val. Max. VIII 15, 6. Ascon. Pis. 13 K.-S. = 20 St; Cornel. 59 = 54. Obsequens 50. Cassiod.), als ein durch seine geistige Bedeutung besonders hervorragendes Consul-paar (Cic. Cornel. I 20 bei Ascon. 59 = 54: duo consules omnium quos nos vidimus sapientissimi; öS. III 47: sapientissimi consules-, Brut. 229: consulum, qui omnes intellegentia anteibant, iudi-'dum). Sie beantragten zusammen die nach ihnen benannte Lex Licinia Mucia (verkürzt: Lex Licinia Sill hist. I 20 Maur.), wodurch die Nichtbürger aus der Stadt gewiesen und die bisher geduldete Aneignung des, römischen Bürgerrechts durch übersiedelnde Latiner und Italiker bei strenger Strafe verboten wurde, was in diesen Kreisen große Erbitterung erregte und zum Abfall der Bundesgenossen beitrug (Cic. Cornel I 20 bei Ascon. 59 = 54 mit dessen Erläuterung;Sest 30 mit der bei Schol. Bob. 296 Or. = 129 St; Balb. 48 vgl. 54; Brut. 63; ofi. III 47. s. Mommsen St-R, III 639; Straft. 858. Ro· senberg Herm. LV 345f. o. Bd. XIII S. 259). Als dem Crassus vom Senate für unbedeutende Waffentaten in Oberitalien, in Wahrheit propter summam eius in re publica potentiam (vgl. Cic. Verr. IV 133 von beiden: potentissimi homines) ac dignitatem ein Triumph bewilligt wurde, vereitelte M. den Beschluß durch seinen Einspruch 30 (Ascon. Pis. 13 K.-S. = 20 St.). Er selbst übernahm nach dem Consulat im J. 660 = 94 die Statthalterschaft der Provinz Asia (über die Zeit u. Bd. I A S. 1273f.); er führte sie nicht länger als neun Monate (Cic. ad Att. V 17, 5: gloriam iusti-tiae et abstinentiae fore illustriorem spero, si cito decesserimus, id quod Scaevolae contigit, qui solos novem menses Asiae praefuit. Ascon. a. O.: provinciam, cuius cupiditate plerique etiam boni viri deliquerant, deposuerat, ne sumptui esset 40 aerario), selbstverständlich mit dem Titel pro consule (Κόῖντος Μού[κιος Ποπλίου υἰ]ὸς Σκαιό[λας] I ἄνθνπατος Ῥωμαίων] Inschr. v. Pergamon II 268 = Syü. or. 437 = Cagnat IGR IV 297. [KAJivtov [Μονκιον Ποπλίου vlw] Σκαιόλαν | δια[φανέστατον ἄνδρα στρατη]γδν Mfvnawv )Τω· μαῖων Inschr. v. Olympia 327 = Syll or. 439. C. Muci proconsulis Liv. ep. LXX. Ungenau στρατηγός Diod. XXXVn 5, 1. 6 und praetor Ps.-Ascon. 122 Or. = 202 St.). Seine Verwaltung 50 wurde durch seine Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit geradezu sprichwörtlich (so noch Mucius Hist aug. Gord. 5, 5; wohl auch schon gemeint Cic. inv. 1128) und vorbildlich (διενέγκαντα ἄρε[τβ *at δικαιοσυ]θ καὶ καθαρειότητι Inschr. v. Olympia. Cic. div. in Caec. 57; Verr, II 27. 34. III 209; virum omnibus ingenio, iustitia, integritate praestantem Planc. 33. Ausführlich Diod. XXXVII 5, 1ff. [nach Poseidonios vgl. B u s o 11 Jahrb. f. Philol. CXLI 329]). Der Senat stelltesie seinen Amtsnachfolgern als Muster hin (Val. Max. VIII 15, 6: Astam tam sancte et tam fortiter obtinuit, ut senatus deinceps in eam provinciam ituris magistratibus exemplum atque normam officii Scaevolam decreto suo proponeret), und noch Cicero legte 703 = 51 das Provinzial-edikt des M. seinem eigenen für Kilikien erlassenen zugrunde (ad Att. VI 1, 15). Jede Bedrückung der Untertanen und jede Schädigung [439] der Staatskasse wurde peinlich vermieden (s. z. B. Diod. XXXVII 5, 1: πάσαν τὴν δαπάνην ἔκρινεν ix τῆς Ἰδίας οὐσίας ποιεῖσθαι τοῖς τε συνεκδήμοις καὶ αὐτῶ = 5, 4: τὰς συνήθεις τοῖς στρατηγοῖς καὶ τοῖς συνεκδήμοις δαπάνας ἐκ τῆς Ἰδίας οὐσίας ποιούμενος; s. auch Cic. Verr. III 209. Ascon. Pis. 13 K.-S. = 20 St), und allen Mißbräuchen und Übergriffen der römischen Steuerpächter und ihrer Angestellten mit unnachsichtlicher Strenge entgegengetreten (Diod. 5, 1–4), so daß M. einerseits die Liebe der Provinzialen und anderseits den Haß der römischen Ritterschaft in vollem Maße erwarb (Diod. 6). Die Dankbarkeit der Untertanen kam zum Ausdruck in der Weihung einer Statue des M. in Olympia (Inschrift s. o.) und vielleicht einer solchen für seine Frau oder Tochter in Kos (unveröffentlichte Inschrift mit Rest des Namens Kotv......aiola s. Nr. 21) und vor allem in der Einrichtung eines pentete-riachen Festes zu seinen Ehren (Mucia Cic. Verr. II 51. Schol. Bob. 210 Or. = 262 St. Ps.-Ascon. 122 Or. = 202 St. Μουκίεια Inschr. v. Olympia [s. o.] und Inschrift des Herostratos [o. Bd. VIII S. 1146, 30ff.] aus Poimanenos bei Ky-zikos SylL or. 438 = Cagnat IGR IV 188. Anspielung in der Inschrift aus Pergamon [s. o.] und bei Diod. 6: παρὰ μὲν τοῖς εὐεργετηθεῖσι τιμῶν ἼσοΜων ἔτυχε), das vermutlich mit dem bereits bestehenden der Σωτήρια verbunden (s. die beiden Inschriften, dazu Pfister u. Bd. ΠΙA S. 1229, 43S.) und sogar von Mithradates bei der Besetzung Asiens nicht aufgehoben wurde (Cic. Verr. II 51). Die Feindschaft der Ritter in Rom äußerte sich gegen M. selbst in heftigen Angriffen mit Worten (Cic. Planc. 33; fam. I 9, 26), ging aber noch weiter gegenüber seinem Freunde und Gesinnungsgenossen, dem Consular P. Rutilius Rufus, der ihn als sein Legat unterstützt, beraten und vertreten hatte (legatus ... proconsulis Liv. ep. LXX. Falsch: guaestor ... cum praetore Ps.-Ascon. 122 Or. = 202 St., vgl. Diod.); denn dieser wurde nach seiner Rückkehr 662 = 92 wegen angeblicher Erpressungen vor Gericht gestellt und von den durchweg dem Ritterstande angehörigen Geschworenen ungerechterweise verurteilt (s. u. Bd. I A S. 1274f.). Neben dem angeklagten Rutilius selbst und seinem jungen Schwestersohn C. Aurelius Cotta trat nur M. als Verteidiger auf: Dixit ... causam illam quadam ex parte Q. Mucius, more suo, nullo apparatu, pure et dilucide (Cic. de or. I 229) = dixit ...Q. Mucius, enucleate ille quidem et polite, ut solebat, nequaquam autem ea vi atque copia, quam genus illud iudicii et magnitudo causae postulabat (Cic. Brut. 115). Wahrscheinlich bekam er bei dieser Gelegenheit jene gegen ihn selbst gerichteten Vorwürfe (Cic. Planc. 33; fam. I 9, 26) besonders zu hören. Dem um seinetwillen in die Verbannung geschickten Freunde gewährte er auch weiterhin materielle Hilfe (Dio frg. 97, 4 vgl. 1). Wohl noch vor diesem folgenreichen politischen Sensationsprozeß, vermutlich 661 = 93, hatte M. in einem Privatprozeß, der ähnliches Aufsehen erregte, ebenfalls den kürzeren gezogen, in der causa Curiana. Eb war ein Erbschaftsprozeß vor dem Centumviralgericht, wobei M. den Buchstaben des umstrittenen Testaments und der gegnerische Anwalt Crassus dessen Geist und Ab- [440] sicht verteidigte: atque ita tum ab his patronis aequalibus et iam consularibus causa illa dicta est, cum uterque ex contraria parte ius civile defenderet, ut eloquentium iurisperitissimus Crassus, iurisperitorum eloquentissimus Scaevola putaretur (vgl. Cic. de or. 1180). qui quidem cum peracutus (s. vorher: hominem acutissimum, ebenso leg. II 52; de or. I 180 [s. u.]) esset ad excogitandum, quid in iure aut in aequo verum aut esset aut non esset, tum verbis erat ad rem cum summa brevitate mirabiliter aptus (Cic. Brut. 145; s. den Vergleich 148: ut .., dixi consultorum alterum disertissimum, disertorum alterum consultissimum fuisse, sic in reliquis rebus ... dissimiles inter sese ... Crassus erat elegantium parcissumus, Scaevola parcorum elegantissumus; Crassus in summa comitate habebat etiam severitatis satis, Scaevolae multa in severitate non deerat tamen comitas). Aber: eius omnis oratio versata est in 20 eo, ut scriptum plurimum valere oportere defenderet (Cic. de or. I 244; vgl. 180; Brut. 104- 197); daß er damit nicht durchdrang, bewies nicht nur die Überlegenheit der Redekunst über die Rechtskunde, sondern war noch mehr ein Sieg des gesunden Menschenverstandes und der Billigkeit über den juristischen Formalismus (s. noch Cic. Caec. 53. 67. 69; de or. I 243f. II 24. 140f. 220–222; Brut. 144f. Quintii, inst. or. VII 6, 9 u. a. Bd. IV S. 1839, 41B. XIII S. 259f. Strom 30 Summum ius summa iniuria [Lpz. 1926] 29–31).
Um 665 = 89 wurde M. nach dem Tode des Cd. Domitius Ahenobarbus (o. Bd. V S. 13261.) Pontifex Maximus; er gehörte damals schon ein Vierteljahrhundert lang dem Pontificalcollegium an und war wohl dessen angesehenstes und ältestes Mitglied (Belege s. o.). Um 667 = 87 nach dem Tode des Augurs Nr. 21 schloß sich der junge Cicero an ihn an, um sich gleich vielen anderen jungen Leuten (Pompon. Dig. I 2, 2, 42f, [s. u.]) unter 40 seiner Anleitung für die öffentliche Laufbahn vorzubereiten (Cic. Lael. 1). Anfang 668 = 86 bei der Leichenfeier für den im siebenten Consulat verstorbenen Marius wurde auf M. ein Mordversuch unternommen, bei dem er verwundet wurde; der Anstifter C. Flavius Fimbria (o. Bd. VI S. 2599B.) bedrohte ihn nachher mit einer Anklage und soll auf die Frage nach deren Grunde höhnisch geantwortet haben: quod non totum telum corpore recepisset (Cic. Rose. Am. 33 vgl. 50 34 [benutzt Sest. 80]; danach Val. Max. IX 11, 2).
M. blieb in Rom auch in den folgenden Jahren unter der Gewaltherrschaft Cinnas und der Volkspartei; er sah für sich selbst ein trauriges Ende voraus, wollte aber lieber das Schlimmste erleiden, als in Waffen am Kampfe gegen die Vaterstadt teilnehmen (Cic. ad Att. VIII 3, 6). Er fiel als vornehmstes Opfer des Sohnes C. Marius unter dessen Consulat 672 = 82; während dieser etwa Ende März bei Sacriportus vergebens den Sulla 60 aufzuhalten suchte, ließ auf sein Geheiß der
Stadtpraetor L. Iunius Brutus Damasippus die zu einer Senatssitzung geladenen angesehensten Op-timaten in und vor der Curie selbst ermorden, den Oberpontifex M. im Heiligtum der Vesta, in das er geflüchtet war (Cic. de or. III 10; Brut. 311; nat. deor. III 80; ad Att. IX 15, 1. Liv. ep. LXXXVI. VeU. II 26, 2. Flor. II 9, 21. Oros. V 20, 4. Lucan. II 126–129. Augustin civ. dei [441] III 28. Diod. XXXVII 29, 5. XXXVIII 17. Ap-pian. bell. civ. I 403f.; s. auch o. Bd. X S. 1025. XIV S. 1813f.). Über den. Grund des Blutbefehls sagt Cicero noch unter dem frischen Eindruck im J. 674 = 80 (Rose. Am. 33): quia (omnes cives) servare per compositionem volebat, ipse ab iis interemptus est. Zur Charakteristik des M. dienen einige zeitlich unbestimmbare Anekdoten: Als sein Zeugnis in einem Prozesse den Angeklagten schwer belastete, fügte er beim Abgänge hinzu: ita sibi credi oportere, si et alii idem adseveras-sent, quoniam unius testimonio aliquem cadere pessimi esset exempli (Val. Max. IV 1, 11). Als er ein Grundstück kaufte, schätzte er dessen Wert höher ein als der Verkäufer selbst und zahlte daher mehr, als dieser gefordert hatte (Cic. ofi. III 62 vgl. 63). Als er auf diesem (oder einem andern) Gut eine Villa erbaute, reichte sie nicht einmal zur Aufnahme des Ertrages (Colum. I 4, 6. Plin. n. h. XVIII 32), offenbar weil er allzu bescheiden bei der Bemessung und Ausführung der Bauten verfahren war. Denn Bescheidenheit, Mäßigkeit und Rechtschaffenheit waren seine höchsten Tugenden (Cic. off. II 57: omnium hominum moderatissimus; nat. deor. III 80: temperantiae prudentiaeque specimen; Lael. 1: unum nostrae civitatis et ingenio et iustitia praestantissimum; Rose. Am. 33: vir sanctissimus atque ornatissimus nostrae civitatis ... quem pro dignitate ne laudare quidem quisquam satis commode posset [danach Val. Max. IX 11, 2: cui pro sanctitate morum satis digna laudatio reddi non posset]). Zu dieser sittlichen Lauterkeit gesellte sich eine solche geistige Begabung und gediegene Bildung, daß er als Rechtsgelehrter die älteren Mitglieder seiner Familie, die sich in diesem Fache ausgezeichnet hatten, seinen Vater Nr. 17 und seinen Verwandten Nr. 21 noch überragte (Pompon. Dig. I 2, 2, 41: ius civile primus constituit; s. u.), so daß ihr Name nun erst recht sprichwörtlich für den Juristen wurde (Cic. de or. II 144; Brut. 252; ad fam. VII 10, 2. 22. Horat. ep. II 2, 89), und daß er zu diesem Ruhmestitel seines Hauses den eines der besten Redner seiner Zeit hinzufügte (Cic. de or. I 170). Die meisten Zeugnisse für seine Beredsamkeit sind bereits angeführt worden; nachgetragen sei aus Cicero noch das zusammenfassende Urteil de or. I 180: homo omnium et disciplina iuris civilis eruditissimus et ingenio (ebenso Lael. 1 [s. o.]) prudentiaque (ebenso nat. deor. III 80 [s. o.]; prudentissimus homo Caec. 53) acutissimus et oratione maxime limatus atque subtilis, und die Bemerkung über erhaltene Reden Brut. 163: Scaevolae dicendi elegantiam satis ex eis orationibus, quas reliquit, habemus cognitam (vgl. auch die Erwähnung als Redner 311). Die Späteren bestätigen nur Ciceros Urteil und hängen meistens von ihm ab, z. B. Vell. II 9, 2: iuris scientia quam proprie eloquentiae nomine celebrior. 26, 2: divini humanique iuris auctor celeberrimus. Ascon. Cornei. 59 K.-S. = 54 St.: pontificem maximum eundemque et oratorem et iurisconsultum. Quintii, inst. or. XII 3, 9 von den Juristen: et Scaevolae Servioque Sulpicio concessa est etiam facundiae virtus. Am-mian. Marc. XXX 4, 6 unter den Rednern: cum Philippis Scaevolae. Diod. XXXVIII 17: μέγιστον ἔχων ἀξίωμα τῶν πολιτῶν. [442] Die Monographie von G. Lepointe Quintus Mucius Scaevola I: Sa vie et son oeuvre juridique. Ses doctrines sur le droit pontifical (II le droit civil nach S. 117ff. vgl, 8 kaum zu erwarten), Paris 1926, ist in dem biographischen Teile unselbständig und oberflächlich. [F. Münzer.]
M. als Jurist. In dem Auszuge aus dem Enchiridion des Pomponius heißt es (Dig. I 2, 2, 41): Quintus Mucius Publii filius pontifex maximus ius civile primus constituit generatim in libros decem ei octo redigendo. Dieses Werk ist in der Kompilation nicht benutzt; doch läßt sich eine nicht unbeträchtliche Zahl von Bruchstücken aus Zitaten anderer Schriftsteller gewinnen (Zusammenstellung bei Len el Palingene-sîe I 758ff. Bremer Jurisprud. Antehadr. 158ff. und soweit sie andern Autoren als den Pandektenjuristen entnommen sind, Seckel-Kübler Jurisprud. Anteiustiniana I 17ff.). Dagegen wird 20 im Index Florentinus der in den Digesten benutzten Schriften (abgedruckt in Mommsens Editio maior I, LH* ff.) aufgeführt: III. Quintu Muciu Scaevola 1. δρων βιβλίον ἐν, also δρων (definitionum) liber singularis, und aus dieser Schrift sind in die Digesten 4 Fragmente aufgenommen: KLI 1, 64. XLIII 20, 8. L 16, 241. L 17, 73 (Lenel nr. 45–50). Der Inhalt des § 2 des letzten der eben aufgezählten Fragmente wird auch von Ulpian Dig. XLIII 24, 1, 5 wieder-30 gegeben mit dem Zusatz: et mihi videtur plena esse Quinti Mucii definitio. Rudorff, Röm. Rechtsgesch. I 162, nennt den ,übersichtlichen liber singularis δρων (definitionum) das Muster der späteren Compendien und Regelbücher, das älteste in die Pandekten übergegangene Werk/ In Wahrheit haben die Kompilatoren wohl keine Schrift des M. mehr gehabt. Richtig ist vielmehr, was Fr. Hofmann, die Kompilation der Diges-ten Iustinians, 7, schreibt: Die Kompilatoren 40,fanden den alten Q. Mucius Scaevola bei den Classikern oft zitiert; um sich nun einen so berühmten und alten Namen nicht entgehen zu lassen, haben sie vier Stellen (darunter drei sehr kurze) als angeblich direkte Exzerpte ihrer Sammlung einverleibt*. Len el Paling. I 762 nr. 7, bezweifelt sogar, daß M. überhaupt einen liber δρων verfaßt habe, und vermutet, daß das Buch von einem Späteren aus einzelnen Sätzen des Hauptwerkes zusammengestellt sei. Vgl. Sanio 50 Zur Gesch. d. röm. Rechtswissensch. 41. Dagegen Bremer Jurisprud. Antehadr. I 50, der auch zeigt, daß der Anstoß, den Rein Pauly R.E. V 187 an dem griechischen Titel nahm, unbegründet war. Aber auch er glaubt nicht, daß Tribonian noch den liber singularis δρων im Original besessen habe. Denn der sprachliche Ausdruck der Digestenfragmente entspreche nicht dem der bei Gellius überlieferten Bruchstücke ans dem Hauptwerke des Scaevola, 103L, 60 gegen Krüger Gesch. d. Quellen 64, der an die Existenz des liber δρων zur Zeit des Tribonian glaubt.
Von dem Hauptwerk des M., den libri XVJIl iuris civilis, sagt Pomponius an der oben angeführten Stelle: ius civile primus constituit generatim in libros X VHIredigendo, Das kann nur heißen, daß er zum ersten Male eine systematische Ordnung nach genera, Rechtsbegriffen oder Rechtsverhältnis- [443] sen, versuchte. Wenn Cic. de orat. 1190 den Crassus die Aufgabe des Verfassers eines Lehrbuches (ars) des ius civile folgendermaßen umgrenzen läßt: ut primum omne ius civile in genera digerat, quae perpauca sunt, deinde eorum generum quasi quaedam membra dispertiat, tum propriam cuiusque vim definitione declaret, so hat er dabei, wie Bremer 59 mit Recht annimmt, den M. vor Augen. Dieser hat nach Gai. 1 188 fünf genera tutelarum und nach Ulpian Dig. XLI 2, 3, 23 mehrere genera des Besitzes unterschieden. Vgi. Pernice Labeo I 23f. Π² 427 nr. 2. Freilich sagt Cicero im Brutus 152: existumo iuris civilis magnum usum et apud Scaevolam et apud multos fuisse, artem in hoc uno (sc. Servio Sulpicio), woraus zu schließen ist, daß M. nach Ciceros Urteil das Ideal der ars nicht erreicht hat. Es wäre nun von größtem Interesse, die Anordnung des Stoffes in dem Hauptwerk des M. zu kennen. Doch ist das nur teilweise möglich. Durch direkte Zitate ist bezeugt, daß im zweiten Buch von den Legaten gehandelt war, Dig.XXXH 55 pr. XXXIII 9, 3 pr. XXXIV 2, 27 pr., im 14. Buch von der Gesellschaft, Dig. XVII 2, 30, im 16. Buche vom furtum, GeU. VI (VII) 15, 2. Des Weiteren lassen sich Anhaltspunkte aus dem Kommentar des Pomponius zu den XVIII libri iur. civ. gewinnen. Er zerfiel in 39 Bücher und es sind daraus etwas über 100 Bruchstücke in die Digesten aufgenommen (Lenel, Palingen. nr. 219–325). Unter der Voraussetzung, daß Pomponius in seinem Kommentare dem Werk des M. Schritt für Schritt folgte, könnte man die Anordnung des kommentierten Werkes teilweise erschließen. Aber leider sind aus dem 19. Buch des Kommentare gar keine Bruchstücke erhalten, aus mehreren Büchern so wenige und so unbestimmte, daß sie für die Disposition des kommentierten Werkes nichts ergeben. Die Ansichten der Forscher darüber gehen daher sehr auseinander. Vgl. Leist Versuch einer Geschichte der römischen Rechtsysteme 1850. Rudor ff Röm. Rechtsgesch. I 161. Krüger Gesch. der Quellen² 64; Bremer Jurisprud. Antehadr. Ï 58f. Len el Sabinus-system llff. Jörs Gesch. und Syst. d. röm. Privatrechts 18. Voigt Über das Aelius- und Sabinussystem, Abh. der sächs. Gesell. VII 1879. und Röm. Rechtsgesch. I 243. Costa Storia delle fonti del dir. Rom. 1909, 50. Sicher ist jedenfalls, daß im ersten Buch vom Testament gehandelt war, im zweiten von den Legaten. Daran schloß sich das Intestaterbrecht. Als einigermaßen sicher kann ferner angenommen werden, daß die Bücher XIV-XVI Erörterungen über Miteigentum, Gesellschaft, Rückkehrrecht (postliminium) und Entwendung (furtum) enthieltemDen Inhalt der Bücher IV, V-XIU, XVII, XV 111 und die Verteilung des Stoffes in denselben zu ergründen, ist aussichtslos. Bremer, der 62ff. ein Tableau aufgestellt hat, versieht fast jede Rubrik mit einem Fragezeichen, und Lenel hat in seiner Palingenesie auf den Versuch, die Fragmente auf die einzelnen Bücher zu verteilen, verzichtet. Wenn wir aber die Anordnung nicht kennen, so können wir auch über ihre Zweckmäßigkeit nicht urteilen. Ich kann daher L en e 1 nicht unbedingt zustimmen, wenn er Sabinus- [444] System 14 sagt, das Ganze sei von einem System im heutigen Sinne himmelweit entfernt und Mucins habe wohl auf die allgemeine Anordnung der Materien keinen großen Wert gelegt. Der erste Versuch, das ius civile in ein System zu bringen, mag freilich wenig befriedigend ausgefallen sein; Cicero deutet das ja auch an. Aber man kann darüber nicht absprechen, weil wir zu wenig davon wissen.Was den Einfluß des M. auf das materielle Recht betrifft, so ist dafür die causa Curiana charakteristisch. M. vertrat gegen Crassus bei Auslegung eines Testamentes die strenge Auslegung, die sich an den Wortlaut und die gesetzlichen Vorschriften hält, während sein Gegner den Willen des Erblassers und die Billigkeit für maßgebend hielt. Stroux Summum ius summa iniuria 29ff. M. scriptum plurimum valere defendit; Crassus dagegen verteidigte sententias 20 voluntatesque testamentorum; quanta esset in verbis captio cum in ceteris rebus tum in testamentis., si neglegerentur voluntates. Cic. Brut. 195. 198, vgl. de orat. I 180. 244. Also in dem Streit zwischen verba und voluntas, zwischen ius strictum und aequitas trat M. für die verba und das strenge Recht ein. Das entspricht seiner auf Familientradition beruhenden konservativen Gesinnung, der er zum Opfer fiel, seinem Priesterstande, seiner Neigung zur stoischen Philoso-30 phie, und das ist begreiflich bei dem Bearbeiter des ius civile. Die strenge Wortauslegung finden wir auch durchweg in den überlieferten Bruchstücken, z. B. bei Abgrenzung der Legate Dig. XXVIII 5, 35, 3. XXXII 55pr. XXXIII 9, 3, 9. XXXIV 2, 33. (Lenel nr. 14. 1. 3. 20), aber auch sonst vielfach. Daß die übertriebene Betonung der Worte, das sich Anklammem an den Wortlaut auch in Spitzfindigkeit ausarten und zur Verdrehung des Gesetzes oder wenigstens zurVerkehrung der Absicht des Gesetzgebers führen konnte, zeigt Cicero in dem Abschnitt Über die mit der Erbschaft verbundene Verpflichtung zur Übernahme der sacra, de leg, II 49ff. Vgl. Ztschr. Sav. Stift. XI 37ff. Er spricht ja auch anderwärts vom callidum versutumque ius im Gegensatz zum aequum et bonum, ρτό Caec. 65. Pringsheim Ztsch. Sav.-Stift. LII 82. Aber abgesehen von solchen Auswüchsen zeigt sich uns M. doch, so viel läßt sich aus der Über-lieferung hinreichend erkennen, als der Typus des ernsten, zähen Juristen, der am Gesetze festhält und dadurch einer schwankenden, nur auf Billigkeitsgefühle gegründeten Rechtsprechung vorbeugt, der zu dem Bau des Pfeilers des grandiosen Gebäudes der römischen Rechtsordnung, des ius civile, den Grund gelegt und ihn mächtig gefördert hat. Vgl. die Schilderung Pringsheims Conferenze per il XIV centenario delle Pandette Milano 1931, 196ff. Daß er durchRatschläge auf die Weiterbildung des Edikts einwirkte, dürfen wir mit größter Wahrscheinlichkeit annehmen. W1 a s s a k Praetor und Formel lOOff. Durch Erteilen von Responsen beeinflußte er die Praxis. So wollte er bei den Formeln, nach denen die Leistungspflicht ex fide bona (nach Treu und Glauben) zu bestimmen war, den Begriff der bona fides gegen den zur Leistung Verpflichteten sehr scharf ausgelegt wissen. [445] Er. meinte, dadurch würde dem Beklagten der Schutz, der ihm durch die Worte ex fi.de bona gewährt werden sollte, nicht wieder genommen. Denn mit den meisten dieser Formeln sei ein iudi-cium contrarium verbunden, durch welches der Beklagte auch seine Ansprüche gegen den Gegner durchsetzen könne: magni esse iudicis statuere, praesertim cum in plerisque essent iudicia contraria, quid quemque cuique praestare oporteret, Cic. de off. III 70. Nicht um den Richter nachsichtiger zu machen, wollte er die Formelworte ,ex fide bona* angewendet wissen, sondern im Gegenteil, um ihn zu strenger Beurteilung zu veranlassen. M. hat zuerst den Gedanken ausgesprochen, daß der Grad der Haftung für Schaden (dolus oder culpa, Vorsatz oder Fahrlässigkeit) sich nach dem Interesse oder Nutzen richten müsse, den der in Anspruch Genommene an dem Rechtsgeschäft gehabt habe, bei dem er seinen Gegner geschädigt habe. (Sogenanntes Utiltätsprinzip, Festschr. f. Gierke H 235 ff.) ein Gedanke, den M. vielleicht der griechischen Philosophie entnommen hatte. (Rechtsidee und Staatsgedanke, 63ff.), Dig. XIII 6, 5, 3. III 5, 10, und er hat den Begriff der technischen culpa (Fahrlässigkeit) näher zu bestimmen gesucht, Dig. IX 2, 31. Über die (unbegründeten) Verdächtigungsversuche dieser Stellen siehe den Index Interpolationum.
Zwei Einrichtungen sind nach M. benannt worden, woraus zu schließen ist, daß sie von ihm eingeführt worden sind, die cautio Muciana und die praesumptio Muciana. Die erstere bezieht sich auf bedingte Legate. War die Bedingung eine negative Potestativbedingung, so konnte sich erst beim Tode des Vermächtnisnehmers herausstellen, ob er die Bedingung eingehalten hatte, und er konnte daher das Vermächtnis bei Lebzeiten nicht erhalten. Nach dem Vorschläge des M. sollte er es jedoch sofort erhalten, wenn er Sicherheit dafür leistete, daß er im Falle der Übertretung der Bedingung das Vermächtnis dem Erben zurückerstatten werde. Dig. XXXV 1, 7pr.; 72. 73. 77. 101. 106. Scialoja Bull. dell’ inst, di dir. Rom. XI 265ff. Levy Ztschr. Sav.-Stiftg. XXIV 122ff. H. Krüger Mélanges Girard II 31ff. v. Beseler Ztschr. Sav.-Stift. XLVII 60.
Die Praesumptio Muciana war die Rechtsvermutung, daß eine Ehefrau alle Gegenstände, die in ihrem Besitze waren, von ihrem Gatten erhalten habe, soweit sie eine anderweitige Herkunft nicht beweisen könne. Quintus Mucius ait: cum in controversiam venit, unde ad mulierem quid pervenerit, et verius et honestius est, quod non demonstratur unde habeat existimari a viro aut qui in potestate eius esset ad eam pervenisse, evitandi autem turpis quaestus gratia circa uxorem hoc videtur Quintus Mucius probasse. Pompon, libro quinto ad Q. Mucium, Dig. XXIV 1, 51. Vgl. Cod. V 16, 6, 1. Siber Röm. Recht 302. Bonfante Corso di dir. Rom. I 214. 223. von Beseler Beitr. III 50. Donatuti Praesumptiones iuris 15. Die Annahme Bremers, der übrigens vergessen hat, dieses Bruchstück seiner Fragmentensammlung einzuverleiben, S. 72, die Vermutung habe sich nur auf freigelassene Frauen bezogen, entbehrt jeden Grundes und ist eine Verkennung der Bedeutung dieser Vermutung. [446] Als Schüler des M. werden genannt Aquilins Gallus, L. Lucilius Balbus, S. Papirius und lu-ventius. Dig. I 2, 2, 42. Näheres wissen wir nur über Aquilius Gallus, s. d. Er führte die actio de dolo und damit nach herrschender Ansicht auch die exceptio doli ein. Wenn das richtig ist, so war es eine Lockerung der Rechtsstrenge, eine Betonung der voluntas gegenüber den verba, ein Schritt zum Prinzip der aequitas. Weiter auf diesem Wege ging Servius Sulpicius. Er hat nach vielen Aussprüchen Ciceros die aequitas in Theorie und Praxis zur Geltung gebracht und ist dadurch in einen Gegensatz zu M.. getreten; wie er ja auch Reprehensa Scaevolae capita oder Notata Mucii verfaßte. Gell. IV 1, 20. Paul Dig. XVII 2, 30. Strom 40f. Dagegen Pringsheim Conferenze 192, 3. Levy Ztschr. Sav.-Stiit. XLVIII 675. Unter dem Einfluß der griechischen Philosophie und der po-20 litischen Kämpfe hatte sich in der römischen Gesellschaft ein Wandel der Gesinnungen und Anschauungen vollzogen.