RE:Mucius 21

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Scaevola, Q. cos. 117 v. Chr.
Band XVI,1 (1933) S. 430436
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21) Q. Mucius Scaevola war der Sohn des gleichnamigen Consuls von 580 = 174 Nr. 20 (Q. f. Sent. Minue. CIL I² 584 = Dess. 5948 Z. 5. Cic. Brut. 306 in den Ausgaben gegen P, f. der Hss.) und ist wahrscheinlich einige Jahre nach dessen Consulat geboren, so daß er ein Alter von mehr als achtzig Jahren erreichte, obgleich er [431] 481 Mucius

stets eine schwache Gesundheit hatte. Cicero berichtet über seine eigenen Beziehungen zu ihm (Lael. 1): Q. Mucius augur multa narrare ... memoriter et iucunde solebat...; ego autem a patre ita eram deductus ad Scaevolam sumpta virili toga (nach dem 3. Januar 664 = 90), ut, quoad possem (Abwesenheit im Bundesgenossenkriege 665 = 89) et liceret. (Tod des M. um 667 = 87), a senis latere nunquam discederem; itaque multa ab eo ... dicta memoriae mandabam. Darauf geht die Kenntnis der Lebensumstände des M. in erster Linie zurück; aber daß bei den eigenen Jugenderinnerungen eines Achtzigjährigen und erst recht bei ihrer Wiedergabe durch einen jüngeren Zuhörer nach Verlauf von weiteren 30–40 Jahren mindestens manche unwillkürlichen und unbewußten Gedächtnisfehler und Verschiebungen sich einsehleichen, geht z. B. schon daraus hervor, daß M. von Cicero in Schriften derselben Zeit sowohl beim J. 599 = 155 (de or. III 68) wie beim J. 625 = 129 (rep. I 18) als adulescens bezeichnet wird; solche Nichtbeachtung eines Zeiträume von einem Vierteljahrhundert warnt davor, einzelne Angaben zu sehr zu pressen (s. auch Nr. 27). 599 = 155 hörte M. den Karneades, der damals als Mitglied der athenischen Philosophengesandtschaft in Rom weilte (Cic. de or. III 68: adulescens); aber wie andere Römer dieser Zeit und besonders Angehörige des Scipionenkreises neigte er weniger zu der akademischen Schule, als zu der stoischen und ihrem damaligen Haupte Panai-tios (ebd. I 43: Stoici nostri. 75: quae a Panaetio acceperam. 45 an M. gerichtet: Panaetii illius tui); er wurde deshalb von Poseidonios (FGrH 87 F 59 aus Athen. VI 274 c. e: Moöxios Σκενόλαί) zusammen mit Q. Aelius Tubero (o. Bd. I S. 536, 24ff.) und P. Rutilius Rufus (u. Bd. IAS. 1271, 4IS.) gelobt, weil sie alle drei, Anhänger der Stoa und dem Scipio befreundet, in ihrer Zeit allein noch die Bestimmungen der Lei Fannia sumptuaria von 593 = 161 bei Gastmählern befolgten. Gewiß nicht später als gegen 614 = 140 heiratete er die ältere Tochter von Scipios bestem Freunde C. Laelius, der in diesem Jahre das Consulat bekleidete (Cic. rep. I 18; de or. I 35. 58. II 22 [daraus Val. Mai. VIII 8, 1], III 45; Brut. 1. 3. 5. 26; ad Q. fr. III 5, 1; ad Att. IV 16, 2; s. o. Bd. XII S. 418 Nr. 25), und wohl bald darauf, jedenfalls vor 625 = 129 (vgl. Cic. Lael. 8), wurde er auf Empfehlung seines Schwiegervaters in das Collegium der Auguren kooptiert, unter Bevorzugung vor seinem Schwager C. Fannius, der älter als er, aber mit der jüngeren Laelia vermählt war (Cie. Brut 101 [dazu Herm. XI.IX 210ff.]; vgl. Lael. 32 und die durchgehende Voranstellung des Fannius vor dem jüngeren M. rep. I 18; Lael. 5. 6f. 16. 25. 32. 40. 50. 100; s. auch ein Gegenstück dazu bei Nr. 17). M. ist länger als vier Jahrzehnte, vielleicht ein halbes Jahrhundert hindurch, Augur gewesen, zuletzt vermutlich als der älteste auch der angesehenste (Augur maiimne s. W i s -sowa o. Bd. II S. 2322; Religion u. Kultus² 495, 1), eo daß seine häufige Bezeichnung als ,der Augur Scaevola* (Cic. de or. I 39; Brut 102. 212; Lael. 1; Balb. 45; Phil. VIII 31. Val. Max. III 8, 5. Plin. n. h. X 20) nicht bloß der Unterscheidung von seinem gleichnamigen und gleichzeitigen, wenn auch jüngeren Verwandten, dem [432] Pontifex (maximus) Nr. 22 diente, sondern schon an sich berechtigt erschien (vgl. die noch längere, nämlich 62 Jahre dauernde Mitgliedschaft des Augurencollegiums bei Fabius, dem Cunctator, Liv. XXX 26, 7. Plin. n. h. VII 156, o. Bd, VI S. 1814. 1828). Bei seinen ins J. 625 = 129 verlegten Dialogen führte Cicero den M. auf Grund von dessen eigenen Erzählungen als Teilnehmer ein, in dem vom Staate kurz vor Scipios Tode als 10 Begleiter des.Laelius neben seinem Schwager Fannius (rep. I 18: doctos adulescentes [s, o.], iam aetate quaestorios; 32f.: Anrede beider durch Laelius als adulescentes und Erwiderung des M.; ad Q. fr. III 5, 1; ad Att. IV 16, 2; LaeL 14. 25: Rückverweisungen darauf), im Laelius de amicitia unmittelbar nach Scipios Tode dieselben drei als die einzigen Personen des Gesprächs (s. o.). Für einen Prozeß aus dem J. 627 = 127 oder 628 = 126 beruft sich M. bei Cic. de or. I 167 (memini enim mihi narrare Mucium) auf seinen daran be

teiligten und inzwischen verstorbenen-VetterNr. 17 als Gewährsmann (a auch o. Bd.XIH S.269,248.); doch daraus auf eine Abwesenheit von Rom in diesen Jahren zu schließen wäre voreilig. Vermutlich ist das geringe Hervortreten des M. außer durch die Dürftigkeit der Überlieferung besonders durch seine politische Parteistellung zu erklären; er hat wie seine ganze Familie (s. Nr. 17) eine gewisse Sympathie für die Gracchische Bewegung 30 gehabt, obgleich Cic. de or. I 38 das Gegenteil be

hauptete, und ist deshalb trotz seines Alters und Ansehens von den höheren Ämtern eine Zeitlang ferngehalten worden. Überliefert ist allerdings nichts, als daß der Stoiker C. Blossius aus Cumae, dessen Teilnahme an den Plänen des Ti. Gracchus bis zum Hochverrat ging (o. Bd. III 8. 571. u. IIA 8. 1413), ihm gegenüber von Laelius hospes fa-miliae vestrae genannt wird (bei Cic. Lael. 37), und daß der bei der Katastrophe des C. Gracchus-40 633 = 121 in schlimmen Ruf geratene L. Septu-

muleius aus Anagnia (u. Bd. HAS. 1396, 438. 1622L), als er sich im folgenden Jahre bei ihm um eine Praefectenstelle in Asien bewarb, eine scharfe Abfertigung erfuhr (Cic. de or. II 269); aber auch die Verheiratung der älteren Tochter des M. mit M? Acilius Glabrio, der als Volkstribun 631 = 123 oder 632 = 122 Amtsgenosse des C. Gracchus war und anscheinend sowohl dessen Gesinnung wie dessen Schicksal teilte (s. o. 50 Bd. I 8. 256 Nr. 37), ist in diese Zeit zu setzen

(s. Nr. 26) und für seine politische Haltung wohl kaum gleichgültig. Im J. 634 = 120 erhielt M. die Praetur und die Statthalterschaft der wichtigen Provinz Asien, ähnlich wie diese elf Jahre zuvor seinem Vetter Crassus Mucianus als Consul übertragen worden war (o. Bd. XIII S. 335f.); er hielt sich unterwegs in Athen auf (Lucii, II 918. bei Cic. fin. I 9), dann in Rhodos (Cic. de or. 1 75) und verwaltete die Provinz bis gegen Mitte 60 635 = 119; nach der Rückkehr wurde er von T.

Albucius wegen Erpressungen angeklagt, aber infolge seiner geschickten und glücklichen Selbstverteidigung noch im J. 635 = 119 oder in der ersten Hälfte von 636 = 118 freigesprochen, so daß er sich mit Erfolg um das Consulat für 637 = 117 bewerben konnte. Diese Tatsachen sind hauptsächlich bekannt aus dem zweiten Buche der Satiren des Lucilius, das eine humoristische Dar- [433] Stellung des Prozesses zwischen Albucius und M. aus frischer Erinnerung gab, doch natürlich beide Gegner nach Kräften lächerlich machte (s. über die Verspottung des M, in der Satire noch Cic. de or. 172. Pers. I 114. Iuvenal. I 154) und die wirklichen Tatsachen und Äußerungen übertrieb und verzerrte. Die Satire ist von Cicero wiederholt verwertet und angeführt worden (de or. III 171; or. 149; Brut. 102; fin. I 8f.); daraufhin ist es dem Scharfsinn von Marx (nach früheren Forschungen abschließend Lucii, rei. I, XLI-XLVII.6-9. II 29–44) und Cichorius (Untersuchungen zu Lucil. 88f. 237–251. Vgl. die Zusammenfassung ihrer Ergebnisse bei K ap-pelmacher o. Bd. XIII S. 1623. 1635f.) gelungen, sämtliche sonst erhaltenen Verse und Verstelle des Buches zu deuten und den Reden des Anklägers oder des Angeklagten zuzuweisen (außer II 55 Marx, was in die Einleitung, und 95 = Cic. de or. II 281, was wahrscheinlich [anders Kappelmacher 1636, 8fi.] in den Schluß gehört). Die Berechtigung der von dem Satiriker erhobenen Vorwürfe ist kaum nachzuprüfen; z. B. scheint II 79f. die Beschuldigung der Gefräßigkeit wegen des vorhergehenden Verses 78 (s. Marx z. d. St.) gegen M. gerichtet, und wird infolgedessen auch 75 auf ihn bezogen; an sich wäre es wahrscheinlicher, daß der wegen seiner Mäßigkeit von Poseidonios (s. o.) gerühmte Stoiker M. derartige Vorhaltungen vielmehr seinem Gegner machte, der nach Cic. Brut. 131 perfectus Epicureus war, zumal da auch ein anderes Fragment (sat. VI 240f. mit Anm.) ihn bei einem Gastmahl dem Hausherrn L. Crassus gegenüber, dem er schon vor dem Prozeß seine zweite Tochter vermählt hatte (II 86 aus Cic. de or. III 171; s. Nr. 27), in einer solchen Rolle zu zeigen scheint (unbegründeter Zweifel an der Beziehung auf diesen M. o. Bd. XIII S. 255). Da die Provinz Asien zwei Jahrzehnte später auch von dem Pontifex Q. Scaevola Nr. 22 verwaltet wurde, so bleibt vorläufig unentschieden, welcher von beiden Statthaltern der Κόιν[τος Σκ]αώλα[ς] ist, dessen Frau oder Tochter auf Kos durch eine Inschrift geehrt wurde (von Herzog zu veröffentlichen). Dagegen wird Q. Scaevola, der von Cic. Verr. III 209 im J. 684 = 70 zwischen Q. Catulus und C. Marius einerseits und M. Scaurus und Q. Metellus anderseits unter den recentes genannt wird, qui omnes provincias habuerunt et frumentum cellae nomine imperaverunt (s. Rostowzew o. Bd. VII S. 165, 38ff. Mommsen St-R. I 295, 1. 297) wegen der größeren zeitlichen Nähe der spätere der zwei Statthalter, nicht der Augur, sondern der Pontifex sein. Von dem Prozesse des Albucius gegen M. hatte Apul. apol. 66 eine so unklare Vorstellung, daß er die Dinge geradezu auf den Kopf stellte (s. Nr. 3). Das Consulat bekleidete M. zusammen mit L. Metellus Diadematus im J. 637 = 117 (Sententia Minuciorum CIL I2 584[1] = Dess. 5946 Z. 5. 29. 37. Nur Praenomen erhalten Fasti Antiates Not. d. scav. 1921, 129. Cassiod. Chronogr. Dieselbe Entstellung des Cog-nomens Hydat. und Chron. Pasch.). Die Epito-matoren des Livius haben seinen Amtsgenoesen L. Metellus (o. Bd. III S. 1213 Nr. 93) mit dem gleichnamigen von 635 = 119 verwechselt, der 637 = 117 über die Dalmater triumphierte (ebd. [434] S. 1212f. Nr. 91); infolgedessen ist bei Obsequens 36 der Name des Consuls M. verdrängt worden, indem der des zweiten Consuls von 635 = 119 von ebd. 34 wiederholt worden ist, während bei Eutrop. IV 23, 2 (a L. Caecilio Metello et Q. Mucio Scaevola consulibus de Dalmatis triumphatum est) dem Consul M. sogar Anteil an dem Triumph gegeben wurde, der nicht einmal seinem Kollegen gehört, sondern ihrem Vorvorgänger. Als Con-10 sular (Cic. de or. I 26) genoß M. hohes Ansehen, so daß seine Anträge im Senat oft allgemeine Zu* Stimmung fanden (ebd. 214). Sein Schwiegersohn Crassus verdankte ihm zum guten Teil seine Kenntnis des bürgerlichen Rechts (ebd. 40. 234; Caec. 69), aber scheute sich bei seiner Bewerbung um Ämter (cum peterem magistratum Cic. de or. I 112; daraus consulatum petens Val. Max. IV 5, 4 abgeändert und auf 658 = 96 bezogen) die üblichen Künste der Wahlbeeinflussung in Gegen-20 wart des M. zur Anwendung zu bringen. Beim Aufstand des Saturninus 654 = 100 stellte sich M. mit Entschiedenheit auf die Seite des Senats (Phantasiebild bei Cic. Rab. perd. 21: cum ... Q. Scaevola confectus senectute, perditus morbo, mancus et membris omnibus captus ac debilis, hastili nixus et animi vim et infirmitatem corporis ostenderet), ebenso wie sein jüngerer Verwandter Nr. 22 (ebd. 26: duo Mucii; ausgeschmückt Phil. VIII 15: Scaevolae ... omnes). In den Anfang des 30 Herbstes 663 = 91 verlegte Cicero die Unterhaltung in seiner Schrift vom Redner und ließ daran den M. am ersten Tage teilnehmen, und zwar aus künstlerischen Rücksichten in Nachahmung Platons nur an diesem Tage, weil M. damals schon sehr alt und der Schonung bedürftig war und an den später zu behandelnden Fragen kein großes Interesse hatte (Cic. ad Att. IV 16, 3. Abgang des M. de or. I 265 vgl. II 13f.). 664 = 90 trat Cicero selbst in nahen Verkehr mit M. (Lael. 1 40 s. o.) und bewahrte ihm aus dieser Zeit eine lebhafte und dankbare Erinnerung, so Phil. VIII 31: memoria teneo bello Marsico cum esset summa senectute et perdita valetudine (vgl. de or. I 28; ad Att. IV 16, 3), cotidie simul atque luceret, facere omnibus conveniendi sui potestatem, nec eum quisquam illo bello vidit in lecto senexque debilia primus veniebat in curiam (vgl. de or. I 200: domus iuris consulti totius oraculum civitatis. testis est ... Q, Muci ianua et vestibulum, quod in eius infirmissima valetudine adfectaque iam aetate maxima cotidie frequentia civium ac summorum hominum splendore celebratur); Brut. 306: ego autem (in) iuris civilis studio multum operae dabam Q, Scaevolae Q. f. (P. f. Hse., verteidigt von Marx Auct. ad Herenn. 79f., kaum mit Recht wegen dee Folgenden), qui quamquam nemini se ad docendum dabat, tamen consulentibus respondendo studiosos audiendi docebat; Lael. 1: multa ab eo prudenter disputata, multa etiam 60 breviter et commode dicta (vgl. de or. I 214: breviter impoliteque dicenti) memoriae mandabam fierique studebam eius prudentia doctior; leg. I 13; vgl. Tac. dial. 30: notus est vobis Ciceronis liber, qui Brutus inscribitur, in cuius extrema parte ... refert, se apud Q. Mucium ius civile didicisse. Plut. Cic. 3, 1: τοῖς περί Movxtov àvδράα πολιτικόῖς καὶ πρωτεύουσι τῆς βουλῆς ἀννῶν, εἰς Ἐμπειρίαν τῶν νόμων ὠφελείτο. Mit Cicero [435] genossen die Unterweisung des M. wie schon vorher P. Sulpicius Rufus (Cic. de or. 166. u. Bd. IV A S. 845), so in jener Zeit auch Atticus (Cic. leg. I 13; ad Att. IV 16, 3) und sein eigener verwaister Enkel M.’ Acilius Glabrio (Cic. Verr. act. I 52; Brut. 239; vgl. ad Att. VI 1, 4 und dazu Röm. Adelsparteien 275f., 1). Eine Enkelin des M., die bereits beider Eltern beraubte Licinia war damals vermählt mit dem jungen Sohne des C. Marius, und als im J. 666 = 88 nach der Einnahme Roms durch Sulla Vater und Sohn Marius entflohen, fand der jüngere in der folgenden Nacht seine erste Zuflucht auf einem vor der Stadt gelegenen Landgut des M., von wo er sich dann weiter retten konnte (Plut. Mar. 35, 98.; o. Bd. XIV S. 1812, 58.). Von dem eingeschüchterten Senat forderte Sulla unter Drohungen die Ächtung der Flüchtlinge, und da war M. der einzige unter den führenden Männern, der sich ihm unerschrocken widersetzte: Licet, inquit, mihi agmina militum, quibus curiam circumsedisti, ostentes, licet mortem identidem miniteris, nunquam tamen efficies, ut propter exiguum senilem-que sanguinem meum Marium, a quo urbs et Italia conservata est, hostem iudieem (Val. Max. ΓΠ 8, 5). Mit der hier dem Kimbernsieger gezollten Anerkennung stimmt die Äußerung eines Scaevola über die arpinatische Mariuseiehe bei Cic. leg. I 1 im Grundgedanken überein, und auf der andern Seite erinnert diese wieder an eine von Cic. de or. I 28 dem Augur Scaevola in den Mund gelegte Bemerkung über einen andern denkwürdigen Baum, die Platane bei Plato Phaedr. 229 a. 230 b (vgl. auch 229 b. mit Cie. leg. I 3); dennoch ist die von D r u m a n (GR² V 235) versuchte Gleichsetzung jenes Scaevola mit M. nicht haltbar (s. Nr. 23). Nicht lange nach der erwähnten Senatssitzung ist M. gestorben (vgl. Cic. Lael. 1: quo mortuo me ad pontificem Scaevolam [Nr. 22] contuli), etwa Anfang des nächsten J. 667 = 87. Er war über 80 Jahre alt (s. o.) und seit langer Zeit kränklich (Cic. Rab. perd. 21; Phil. VIII 31; de or. I 28. 200; ad Att IV 16, 3, meistens schon im Wortlaut angeführt); es wurde ihm wie manchem berühmten Manne-nachgesagt, er hätte an Phthiriasis gelitten (Lucii, sat. II 74 nach der Erklärung von Marx z. d. St., vorher Wien. Stud. XVIII 308) und sei daran gestorben (Plut. Sulla 36, 5: Μσύκιος ὁ νομικός).

M. war nicht eigentlich Redner, sondern dankte sein großes Ansehen wie andere seiner Familie der ausgezeichneten Rechtskenntnis. Zusammenfassend schilderte ihn Cicero Brut. 102: Mucius autem augur quod pro se opus erat ipse dicebat ... in oratorum numero non fuit, iuris civilis in-telligentia atque omni prudentiae genere praestitit. Eingehender hatte er ihn im ersten Buche über den Redner charakterisiert. Hier wendet sich M. gegen die allzu hohe Einschätzung der Beredsamkeit (de or. I 35–44 vgl. 198) und besonders gegen die von den griechischen Rhetoren gelehrten Künste (75. 105; vgl. ad Att. IV 16, 3), wie er das ja nach der Schilderung des Lucilius mit der Verspottung des Graecomanen T. Albucius getan hatte (s. o.); aber er erkannte seinen Schwiegersohn Crassus als vollkommenen Redner bereitwillig an (74–77. 105f.), wofür dieser ihn als den ersten Rechtskenner seiner Zeit ehrte (191. [436] 200; vgl. im Munde des Antonius 242. 250). Er bekannte selbst: iura civilia iam pridem in nostra familia sine ulla eloquentiae laude versantur (89; vielleicht danach, wenn nicht eher, auf Nr. 22 zu beziehen VelL II 9, 2: Q. Mucius iuris scientia quam proprie eloquentiae nomine celebrior fuit), so daß seine Kunst (ars = ins civile) indotata et incompta erschien (234) und der Erfolg seiner Anträge im Senat um so bemerkenswerter, weil 10 er breviter impoliteque zu sprechen pflegte (214).

Seine Weisheit (sapientia 144. 165; sapientissi-mus Verr. aet. I 52 [s. o.]; ähnlich gravissimus et sapientissimus (Val. Max. IV 5, 4 [sonst nach Cic. de or. I 112]) war gepaart mit Liebenswürdigkeit (234: quem omneß amare meritissimo pro eius eximia suavitate debemus. 35: comiter, ut solebat; Brut. 212: peritissimus iuris idemque percomis est habitus) und mit solcher Bescheidenheit, daß er im allgemeinen vom ius civile zu 20 sagen pflegte, nullius artis faciliorem sibi cognitionem videri (185), und im besondern, cum de iure praediatorio consuleretur, homo iuris peritissimus (= Brut. a. O.; de or. I 66: homo pruden-tissimuset peritissimus; gesteigert bei Val. Max.: legum clarissimus et certissimus vates) consultores suos non numquam ad Furium et Cascellium praediatores reiciebat (Cic. Balb. 45, daraus Val. Max. VIII 12, 1). Deswegen ist er auch gemeint bei Cic. off. I 109: in sermonibus alium... quam-'vis praepotens sit, efficere, ut unus de multis esse videatur; quod in Catulo, et in patre et in filio, itemque in Q. Mucio, Mancia vidimus, wo Mancia jedenfalls nicht mit Q. Mudo zu verbinden und wohl am ehesten auf Helvius Mancia zu beziehen ist (o. Bd. VIII S. 229. XIV S. 998). Aber bei Val. Max. VIII 8, 2 wird er mit dem Oberpontifex P. Nr. 17 zusammengeworfen. Die juristische Tätigkeit des M. bestand nur in dem Erteilen von Bechtsbescheiden und Gutachten (Cic. de ot. I 40 200; Brut. 306; Balb. 45; Phil. VIII 31, aUe schon im Wortlaut angeführt; vgl. auch Posei-donios FGrH 87 F 59: Μονκιος παρὰ τῶν εὐχρηοτουμενῶν νπ' ἀντου κτλ,), wobei außer den zahlreichen Ratsuchenden auch lernbegierige Zuhörer Belehrung empfingen. Wirklichen Unterricht hat M. ebensowenig gegeben wie Bücher geschrieben; die Bemerkung über die tres libri de iure civili des M. Brutus (o. Bd. X S. 971): tot enim, ut audivi Scaevolam dicere, sunt veri Bruti libri kann Ci-50 cero (de or. II 224) wirklich aus dem Munde des

M. haben, und die des Plin. n. h. X 20 über gewisse Auguralvögel: quidam post Mucium augurem visos non esse Romae confirmavere nötigt auch nicht zur Annahme eines literarischenWerkes. Ob Varros Logistoricus Scaevola seinen Titel von diesem M. oder von dem Pontifex Nr. 22 hat, ist nicht zu entscheiden (Cichorius Röm. Stud. 238). Gewiß wird in erster Linie an diese beiden gedacht worden sein, wenn seit Cicero ihr Name 60 sprichwörtlich für den Rechtskundigen gebraucht

wurde (de or. I 39. II 144; Brut. 252; ad fam. III 10, 2. 22. Horat. ep. II 2, 89. Ammian. XXX 4, 6). M. hinterließ keinen Sohn; von Kindern sind nur die Töchter Nr. 26 und 27 bekannt; aber Nr. 23 kann ein Enkel gewesen sein, dessen eigener Vater jung gestorben war. Die Nachkommenschaft der Töchter zeigt die Stammtafel Röm. Adelsparteien 224, II.

  1. Corpus Inscriptionum Latinarum I, 584.