RE:Nikolaos 21

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Sophist und Rhetor aus Myra
Band XVII,1 (1936) S. 424457
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21) N. von Myra ist ein Sophist des 5. Jhdts.

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Literatur

Literatur. Suid. s. Νικόλαος. Felten ed. Nicolai progymn. praef. XXI—XXVI. Schmid-Stählin Gr. Lit. II 2, 1102. Orinsky De Nicolai Myrensis et Libanii quae feruntur progymnasmatis, Bresl. 1920, 2 und die Besprechungen dieser Dissertation von Richtsteig Philol. W. 1921, 697–701; Byz.-neugr. Jahrb. II 209f.; Burs. CCXVI 61.

Leben

Leben. N. wurde um 430 (so Orinsky 2 und danach Richtsteig gegen Felten, der 410 als Geburtsjahr angibt und N. schon vor 430 nach Athen kommen läßt) in Myra in Lykien geboren (jetzt Dembre; vgl. Vict Schultze Altchristl. Städte u. Landschaften, II 2, Gütersloh 1926, 199ff.) und hat bis in die Zeit des Anastasios (491—518) gelebt. Seine ἀκμή fällt [425] nach Suid. unter Leon I. (457—474) und Zenon (474—491). N. war der Schüler des Lachares in Athen (über diesen Seeck o. Bd. ΧII S. 332, 45 und Radermacher ebd. 57) und gehört nicht zur Schule von Gaza. Er wird von Suidas auch als ein Freund des Plutarch τοῦ ἐπίκλην Νεστορίου bezeichnet, womit nur der von Praechter Byz. Ztschr. XXI 429 bezeichnete Enkel des gleichnamigen, schon 432 verstorbenen Neuplatonikers gemeint sein kann, und des Proklos (gest. 485), dessen Vater in dem Heimatlande des N. Advokat war. N. ist dann Professor in Konstantinopel geworden; die Annahme Feltens (praef. XXVI), daß er der Nachfolger seines um 450 dort lebenden Lehrers Lachares gewesen sei, wird durch die um 20 Jahre spätere Ansetzung seiner Geburt hinfällig. Daß N. kein geringes Ansehen gehabt hat, bezeugt Suid. s. Λαχάρης, indem er von dessen vielen Schülern nur N. mit noch drei andern nennt, und Marinos vit. Procli c. 10 (p. 87 Boiss.): ὃ ὕστερον μὲν περιφανὴς ἐπὶ σοφιστικῇ γενόμενος. Suidas unterscheidet zwei Rhetoren dieses Namens. Dem einen schreibt er προγυμνάσματα und μελέται, dem anderen eine τέχνη ῥητορική und μελέται zu. Aber schon Bernhardy, Boissonade, Walz, Finckh (Aphthonii et Nicolai soph. prog., Progr. Heilbr. 1865, 11) haben gesehen, daß beides eine Person ist. Beide stammen aus Lykien, beide haben um dieselbe Zeit in Athen studiert, beide sind Rhetoren. Der Unterschied, daß der erste γνώριμος Πλουτάρχου, der zweite μαθητὴς Λαχάρους genannt wird, ist nach Felten praef. XXIf. aus verschiedenen Quellen zu erklären, einer philosophischen (Marinos) und einer lexikographischen (Hesych).

Felten praef. XXIII suchte zu beweisen, daß die Eltern des N. Christen waren; einmal sei der Name Νικόλαος zugleich der Name eines Bischofs von Myra, welcher damals unter die größten Heiligen gezählt wurde, und zweitens sei sein Bruder Lehrer der Tochter des Kaisers Leon gewesen. Doch zweifelt Orinsky 2, ob diese Gründe wirklich genügen. Jedenfalls war sein Lehrer Lachares Heide, und in den Schriften des N. findet sich nicht der geringste Hinweis auf sein Christentum.

Der Bruder N.’, Dioskoros von Myra, war nach Suid. γραμματικός, ὕπαρχος, ὕπατος, πατρίκιος. Über diesen, der sich auch als Dichter betätigt hat, vgl. Schmid-Stählin 1075, 3.

Kaum bestreiten läßt sich, trotz Orinskys auch hier geäußertem Zweifel, daß N. von der neuplatonischen Philosophie ausging. Außer den bei Felten praef. ΧΧIII—XXV (hauptsächlich Übereinstimmungen mit Proklos und Syrian) und Schmid-Stählin 1102, 3 (Hinweis auf das Zitat des Cornutus und Porphyrios p. 55, 19 F.) angeführten Gründen spricht dafür, daß N. die Platonische Dreiteilung der enkomiastischen τόποι mit ausdrücklicher Berufung auf Platon vorbringt, den er noch dazu θειότατος nennt (p. 50, 3 F.). Ferner, daß N. p. 40, 16 F. in Erinnerung an Plat. Phaedr. 264 C entgegen seiner sonst mehr Theodoreischen Einstellung die Apollodoreische Lehre vom λόγος ἀκέφαλος annimmt; schließlich, daß er der Lehre Platons folgt in der Einteilung der διηγήματα in δραματικά, ἀφηγηματικά, μικτά [426] (p. 12, 7 F.; vgl. Reichel Quaest. progymnasm., Lpz. 1909, 80. Schissel Die griech. Novelle, Halle 1913, 6. W. Schmid im Anhang zu Rohde Gr. Rom.³ 603, 2). Auch sein Lehrer Lachares hatte ja Beziehungen zum Neuplatonismus (Radermacher a. O.) und ebenso Sirikios, den von den früheren Progymnasmatikern N. als einzigen namentlich anführt (St. Glöckner Quaest. rhet., Bresl. philol. Abh. VIII 2, 1901, 99. 101).

Schriften

Schriften.

Μελέται

1. Μελέται. Von diesen Deklamationen ist nichts erhalten, es sei denn, daß man sie mit den Musterbeispielen für die Progymnasmen (s. u. 3b) identifiziert (Felten praef. XXVII), was aber nicht möglich ist, da unter μελέται wohl γυμνάσματα (Kontroversen und Suasorien), nicht προγυμνάσματα verstanden werden müssen.

Τέχνη ῥητορική

2. Τέχνη ῥητορική. Auch davon ist nichts erhalten, wenn wir nicht mit Finckh und Orinsky annehmen, daß diese mit den προγυμνάσματα = προθεωρίαι (s. u. 3a) identisch ist. Gegen diese Identifizierung spricht, daß N. selbst sagt, seine Progymnasmen seien keine τέχνη, sondern eine εἰσαγωγή, daß er öfter so spricht, als ob er noch eine Techne schreiben wolle, und daß Hesych, die Quelle des Suidas, sonst immer zwischen τέχνη ῥητορική und προγυμνάσματα unterscheidet (Felten praef. XXVIf.; ebenso Schmid-Stählin).

Προγυμνάσματα

3. Προγυμνάσματα. Hier ist zu scheiden zwischen der Theorie der Progymnasmen und den praktischen Beispielen.

προθεωρίαι

a) Die προθεωρίαι wurden zuerst 1856 von E. Finckh aus einem Aphthonioskommentar (Rhet. Gr. II 565—684 W.) herausgeschält (ed. Rhet. Gr. ΙII 449—498 Sp.). Nachdem dann 1895 Graeven Herm. XXX 471f. darauf aufmerksam gemacht hatte, daß in der Hs. 11889 (O) des Brit. Mus. noch die Progymnasmen des N. selbst erhalten seien, hat sie Felten 1913 in den Rhet. Gr. bei Teubner ediert (Rez. Lehnert Philol. W. 1915, 549f. Drerup DLZ 1915, 124f.). Da aber auch in O nur bis p. 58, 18 F. der Text in der ursprünglichen Fassung vorliegt, mußte sich Felten von dem Kapitel über die σύγκρισις an an die Fassung halten, die der Aphthonioskommentar (P und A c) und Ioannes Sardianus bieten. Das vermutliche Stemma der Textgeschichte bringt Felten praef. XVIII.

Es ist N. also ähnlich ergangen wie dem Progymnasmatiker Theon; auch von dem Buche N.’ sind wie von dem Theons die letzten fünf Progymnasmen später verloren gegangen (Felten praef. VII). Aber bei N. hat sich davon wenigstens das meiste in den Aphthoniosscholien erhalten, bei Theon nichts. Leider scheint bei N. das letzte Kapitel π. νόμου εἰσφορᾶς auch nur im Exzerpt vorzuliegen (Felten praef. XX).

Abkürzungen.

  • T. = Theonis Prog. ed. E. Finckh 1854 (= Rhet. Gr. II 59—130 Spengel).
  • H. = Ps.-Hermogenis Prog. ed. H. Rabe 1913 (= Rhet. Gr. vol. VI).
  • A. = Aphthonii Prog. ed. H. Rabe 1926 (= Rhet. Gr. vol. X).
  • N. = Nicolai Prog. ed. Felten 1913 (= Rhet. Gr. vol. XI).

[427] Disposition. N. beginnt seine Progymnasmen mit einer Einleitung, folgt also hierin T., während H. und A. auf jede Einleitung verzichtet hatten. Ihr Inhalt allerdings unterscheidet sich sehr von T. Dieser handelt in der Einleitung über die Vernachlässigung der Philosophie, der ἐγκύκλια μαθήματα und der Progymnasmen, über den Nutzen der Progymnasmen, ihre Reihenfolge, über die Fundorte von Beispielen, über σύνθεσις, ἑρμηνεία und pädagogische Methode. Gegenüber dieser von echt wissenschaftlichem Geiste getragenen Einleitung gibt N. in der Hauptsache nur einen kurzen Abriß über folgende Punkte: 1. Warum beginnen wir mit Progymnasmen? 2. Begriff und Name der Rhetorik (vgl. hierzu O. Schissel Byz.-Neugr. Jahrb. III [1922] 45f.). 3. Die drei Redearten. 4. Die fünf Redeteile, allerdings auch mit der Absicht, den Nutzen der Progymnasmen klar zu machen, der aber dann getrennt unter den einzelnen Progymnasmen behandelt wird. Übrigens glaubt Rabe Rh. Mus. LXIV 558 hier ein etwas umgemodeltes Einleitungsschema wiederzufinden, das sich auf die Aristotelischen Fragen stützt (I. εἰ ἔστι. II. τί ἐστι. ΙII. ὁποῖόν τί ἐστι); man vgl. aber auch das von Schissel Byz. Ztschr. XXXI 79f. über die Einleitung des Ioannes Sardianos Gesagte. Nur in dem einleitenden Abschnitt p. 1, 3—14 stimmt ein Gedanke mit T. überein, nämlich daß auch andere schon über die Progymnasmen gehandelt haben (T. 59, 15); aber auch hier unterscheiden sich beide, denn T. ist stolz darauf, mehr geleistet zu haben als seine Vorgänger, N. aber gibt offen zu, sein Buch nur aus anderen Schriften zusammengestellt zu haben. In der Zahl und Reihenfolge der Progymnasmen schließt sich N. nicht an T., sondern an H. an. Er zählt also, da er nicht wie A. (der darin wahrscheinlich Libanios folgt: Brzoska o. Bd. I S. 2798, 27) ἀνασκευή und κατασκευή sowie ἐγκώμιον und ψόγος als vier, sondern als zwei Progymnasmen rechnet, nur zwölf Progymnasmen und in derselben Reihenfolge wie H. auf; d. h. er bringt die ἀνασκευή und κατασκευή als selbständiges Progymnasma, und zwar nach der γνώμη (vgl. Stegemann Art. Theon). T. selbst, bei dem beide nur τρόποι γυμνασίας sind und der sie hauptsächlich unter dem διήγημα behandelt, wie auch Quintil. II 4, 18 sie der narratio unterordnet, hatte ja durch seine Äußerung 65, 1, daß ἀνασκευή und κατασκευή von χρεία, μῦθος, διήγημα ,τῶν ἄλλων ὕστερα ἔοικέ πως εἶναι’, und durch seine Anweisung 65, 17, die ἄσκησις derselben erst nach der σύγκρισις, d. h. nach den ὁμολογούμενα an der Spitze der ἀμφισβητούμενα, vorzunehmen, den Anlaß zur Losreißung und Sonderstellung gegeben. Jedenfalls bleibt N. in der Zusammenfassung der beiden Paare (ἀνασκευή und κατασκευή, ἐγκώμιον und ψόγος) zu je einem Progymnasma konsequent und schwankt nicht, wie Moses von Khorni, der das zweite, oder Matthaeus Kamariotes, der das erste Paar trennt (I 123f. W.). Bezüglich des Mithineinspielens der Einteilung nach den drei εἴδη ῥητορικῆς gilt für N. dasselbe, was von Stegemann in dem Art. Theon betreffs des H. ausgeführt ist (vgl. auch den Rhetor Monacensis im 14. Jhdt. bei Rabe Rh. Mus. LXVII 348f.).

[428] Wie bei T., nach dem die Progymnasmen θεμέλια πάσης τῆς τῶν λόγων ἰδέας sind (70, 28), sind auch bei N. die Stilarten, auf welche die Progymnasmen vorbereiten, angedeutet, vom ἰσχνόν (Prog. I—IV) über das ἁδρόν bzw. δεινόν (V—VI) zum ἡδύ, ἀνειμένον (VII—X). Über die Disposition innerhalb der einzelnen Kapitel handelt Felten praef. IVf. und stellt sechs Unterteile fest:

1. Gründe für den Platz des betreffenden Progymnasma in der allgemeinen Reihenfolge.

2. Definition und Unterschied von anderen Progymnasmen.

3. Arten des betreffenden Progymnasma.

4. Ausführung.

5. Nutzen für die Redearten und die Redeteile.

6. Beantwortung der Frage, ob das Progymnasma nur als Teil einer Rede oder auch als selbständige Rede vorkommt.

Dazu kommen meist (außer in den Kapiteln περὶ χρείας, γνώμης, θέσεως; falsch Felten praef. V)

7. Bemerkungen über den Stil.

Die Reihenfolge der sieben Unterteile ist nicht immer dieselbe (Felten praef. V), auch fehlt z. B. in dem c. περὶ γνώμης Teil 1, in dem περὶ μύθου Teil 6, in dem eben genannten drei der Teil 7. Auch T. hatte ja nicht überall Bemerkungen über den Stil gemacht und insofern kein strenges Schema eingehalten. Während T. aber immer mit der Definition beginnt (wovon H. und A. schon manchmal abweichen), fängt N. nicht immer mit der τάξις an, sondern zweimal mit der Definition (π. γνώμης, π. νόμου εἰσφορᾶς), beim ἐγκώμιον mit den vielen Unterarten, bei der θέσις mit dem Streit um die διαίρεσις. Von den erwähnten sieben Unterteilen hatte T. zwei, die über die τάξις (64, 29—65, 25) und ὠφέλεια (60, 1—64, 28), in der Einleitung behandelt, ohne bei letzterem scharf zwischen dem Nutzen der Progymnasmen für die Redearten und die Redeteile zu unterscheiden. Der Propaganda für die Progymnasmen konnte er durch eine zusammenfassende Darstellung ihres Nutzens besser dienen als durch Einzelbehandlung bei jedem Progymnasma. Auch der Anon. I 127, 16ff. W. und Matthaeus Kamariot. I 121, 10ff. W. sprechen zusammenhängend in der Einleitung über die Zugehörigkeit der einzelnen Progymnasmen zu einer der drei Redearten und vermeiden so die bei N. teilweise sehr lästigen Wiederholungen (vgl. z. B. 69, 18 πέντε δ’ ὄντων τῶν τοῦ λόγου μερῶν, ὡς πολλάκις εἴρηται; übrigens scheute auch Α. Wiederholungen nicht; Rabe ed. praef. XXX A. 2). Auch die Begründung für Aufnahme und Platz einer Vorübung in der Reihe der Progymnasmen schien T. in die bei ihm noch mehr als das übrige für die Hand des Lehrers bestimmte Einleitung zu gehören, nicht in die eigentliche Behandlung der Progymnasmen selbst. Aber schon H. hat, halb gezwungen durch seinen Verzicht auf eine Einleitung, die Erörterungen über die τάξις in die Behandlung der Progymnasmen eingefügt und so versucht, seinen Ausführungen in den Augen der Schüler einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. A.s Progymnasmen verzichten wieder darauf, mit einer einzigen [429] Ausnahme 46, 20 am Anfang der νόμου εἰσφορά, und wollen ein reines Tatsachenbuch sein. N. knüpft auch hier an H. an.

Neu gegenüber seinen Vorgängern ist bei N. der sechste Untertitel über die Frage, ob ein Progymnasma nur als Teil einer richtigen Rede oder auch als selbständige Rede vorkommt. Diese Erörterung ist wahrscheinlich hervorgegangen aus den Versuchen, die schwierige Frage zu beantworten, wie das ἐγκώμιον, eine der drei Redearten, unter die Progymnasmen geraten ist. Man half sich da durch Anwendung des bei Theodoros Gad. eine Rolle spielenden Gesichtspunktes καθ’ ὅλον καὶ κατὰ μέρος: Als Redeart ist das ἐγκώμιον ὅλον, als Progymnasma μέρος. Derselbe Gesichtspunkt wurde dann auch zur Unterscheidung von διήγησις und διήγημα benutzt. Diese Fragestellung auch auf die anderen Progymnasmen auszudehnen, die eigentlich alle als μέρη zu betrachten sind, wäre kein Grund gewesen, wenn nicht die Musterdeklamationen und -aufsätze der Redelehrer veröffentlicht worden wären und Anspruch darauf erhoben hätten, als ein selbständiges Ganzes betrachtet zu werden. So sehen wir, daß N. nicht nur dem ἐγκώμιον zugesteht, bald ὅλον, bald μέρος zu sein, sondern auch dem κοινὸς τόπος und der σύγκρισις, und bei der ἔκφρασις, θέσις und νόμου εἰσφορά wenigstens die Möglichkeit offen läßt, sie von einem gewissen Gesichtspunkt aus als ὅλα aufzufassen.

Lehre. I. μῦθος. In die Definition des μῦθος, die er von T. übernimmt (N. 6, 9 ~ T. 72, 28), schiebt N., H. 2, 5 oder einer ähnlichen Quelle folgend, das πιθανόν ein; übrigens ist das πιθανῶς συγκεῖσθαι auch ein Punkt der Definition des Sopatros (Rabe ed. A. 59, 2). Die Termini μῦθος und αἶνος erklärt N. 6, 15. 18 wie T. 73, 30 und 73, 25. In der Aufzählung der Arten stimmt er noch am meisten mit T. überein, zählt aber nicht soviel auf wie dieser und fügt anderseits die Λύδιοι hinzu (vgl. Hausrath o. Bd. VI S. 1722, 33). Obwohl T. 73, 9 ausdrücklich die töricht nennt, die die Mythen einteilen in solche, die von ἄλογα, und solche, die von ἄνθρωποι handeln, übernimmt N. nach dem Vorgang von A. 1, 11 diese um die μικτοί erweiterte Einteilung und verbindet sie mit der Einteilung in Arten, aber anders, als in der von Reichel 51, 5 zitierten Stelle. An vierter Stelle fügt er die Göttermythen hinzu, die einige μυθικὰ διηγήματα (T. 95, 4 μυθικοὶ διηγήσεις) nannten. Dann stellt er wie H. 2, 6 die Frage (7, 15), πόθεν ἂν γένοιτο πιθανός. Das συμφέρον, das T. 76, 7 daneben als oberstes κεφάλαιον anführt, läßt er wie H. beiseite, ebenso die 76, 18ff. von T. angeführten τόποι ἐπιχειρημάτων, und gewinnt, ausführlicher als H. und in ähnlicher Weise wie T. 84, 18ff. für die διήγησις, das πιθανὸν ἐκ τόπων, καιρῶν, λόγων, πραγμάτων. Das von T. 72, 31. 74, 6. Η. 4, 2. A. 2, 1 erwähnte προμύθιον lehnt er aus pädagogischen Gründen ab und läßt nur das ἐπιμύθιον zu. Das 11, 3 über die φράσις Gesagte hat er von T., ergänzt durch die von H. 3, 15 betonte Vermeidung von Perioden.

II. διήγημα. Die Definition schließt sich in der Verwendung des Wortes ἔκθεσις an H. (und A.), in der Verwendung des Plurals πραγμάτων statt des Singulars an T. an. Während [430] T. διήγημα und διήγησις noch nicht unterschieden hatte, stimmt N. mit H. 4, 9 und A. 2, 16 in der Unterscheidung (διήγημα περὶ πρᾶγμα ἕν, διήγησις περὶ πλείονα wie ποίημα zu ποίησις) überein und nennt gleichfalls Beispiele aus Homer; allerdings fügt er zwei weitere Unterschiede hinzu. In der Einteilung in Unterarten ist N. reicher als seine Vorgänger; denn er unterscheidet nach der Form drei Unterarten ἀφηγηματικά, δραματικά und μικτά, nach dem Inhalt 4: μυθικά, ἱστορικά, πραγματικά (δικανικά), πλασματικά. Uber diese Einteilung und ihr Verhältnis zu den früheren vgl. Rohde Gr. Rom.³ 377. W. Schmid N. Jahrb. 1904, 471, 1. Reichel 51ff. 79ff. K. Barwick Herm. LXIII 261—287. Uber die Unterschiede von μυθικὰ διηγήματα und μῦθος 13, 4 (in der Begriffsbestimmung der ersteren stimmt N. allein mit T. überein: Schissel Gr. Novelle, Halle 1913, 14), πλασματικὰ διηγήματα und μῦθος 13, 9 findet sich nichts bei den früheren Progymnasmatikern. Aber die sechs στοιχεῖα διηγήσεως 13, 14 hat er wieder von T.; der τόπος kommt bei beiden vor χρόνος, bei A. 3, 1 umgekehrt. Daß der τρόπος abweichend von T. nach der αἰτία gestellt ist, hat seinen Grund in dem Zusatz, daß einige als 7. στοιχεῖον die ὕλη hinzufügen und demgemäß den Begriff τρόπος enger fassen (Reichel 63f.). Bezüglich der von H. nicht erwähnten ἀρεταὶ διηγήσεως erwähnt er zunächst die beiden Extreme, die Theoretiker, die fünf (14, 4) angeben durch Vermehrung der drei üblichen um die aus den ἀρεταὶ λόγου eingedrungenen ἡδονή und μεγαλοπρέπεια (Quintil. IV 2, 61—69) und die nur eine, die πιθανότης, gelten lassen wollen (14, 6), entscheidet sich aber dann 14, 8 für die Meinung der ἀκριβέστεροι (d. h. T. 79, 20), die nur drei (σαφήνεια, συντομία, πιθανότης) anerkennen, während A. 3, 3 vier ἀρεταί hat durch Hinzufügung des Ἑλληνισμός. Uber die richtige συντομία äußert sich N. 14, 9 ähnlich wie T. 83, 16, weicht aber 15, 1ff. von diesem ab; denn T. hatte 79, 24 das κατεπεῖγον so gefaßt, daß bald σαφήνεια, bald συντομία zu erstreben sei, während N. einseitig sich für die σαφήνεια als das Dringlichere entscheidet. Er tadelt einerseits T. wegen seiner ausführlichen Darstellung der συντομία und des πιθανόν (14, 17. Felten praef. XXIX), stellt aber anderseits die Lehre vom πιθανόν selbst nach T. dar, nur in einem anderen Kapitel, dem π. μύθου (7, 15). Viel dürftiger als bei T., der ausführlich über die σαφήνεια ἐκ πραγμάτων[WS 1] und ἐκ τῆς λέξεως berichtet (80, 8ff.), ist dieser Abschnitt bei N.; er spricht nur über die zweite Art und begnügt sich auch hier mit einem Hinweis auf ἡ κατ’ εὐθείαν πτῶσιν ἀπαγγελία (15, 7). In den fünf Arten der γυμνασία (16, 1ff.) schließt sich N. an H. 4, 21 an, dessen σχήματα wohl aus den grammatischen εἴδη T.s entwickelt sind (Joh. Jacobs De progymnasmaticorum studiis mythographicis, Marb. 1899, 5, 18); nur führt er das συγκριτικόν vor dem ἀσύνδετου an, H. umgekehrt. Das Beispiel ist zwar ein anderes, aber beim συγκριτικόν erinnert trotzdem die sprachliche Fassung an Η. T. hatte die κλίσις (86, 5) geschieden von den Satzformen (87, 12) ὡς ἀποφαινόμενοι usw. Dagegen bei H. und N. sind die beiden Hauptarten der κλίσις (κατὰ τὸ ὀρθόν [431] und κατὰ τὸ ἐγκεκλιμένον[WS 2] = διὰ τὰς πλαγίας πτώσεις) zu Unterarten des ἀποφαντικόν gemacht. Ein ἐλεγκτικόν kennt T. nicht, dafür die ähnlichen Satzformen ὡς ἐρωτῶντες, πυνθανόμενοι, ἐπαποροῦντες, προσδιαλεγόμενοι. Das ἀσύνδετον hat Τ. schon (90, 26S.), aber nicht das συγκριτικόν. Das über die χρῆσις der fünf Arten Gesagte (16, 15ff.) stimmt mit H. 5, 19 überein, bei dem aber das συγκριτικόν hier unerwähnt bleibt (Rabe ed. 6, 2 A.). Merkwürdig ist übrigens die Übereinstimmung mit den ποιότητας genera Fortunatians (126, 12 Rhet. lat. min. H.), die wohl so zu lesen sind: ὀρθὸν ἀποφαντικόν (ohne Komma!), ἐγκεκλιμένον (so P), ἀσύνδετον, ἐκ παραθέσεως (so ς) συγκριτικόν, ἐλεγκτικόν.

III. χρεία. Ν. 18, 2 wendet sich hier gegen die Einteilung κατὰ πάσας τὰς πτώσεις καὶ πάντας τοὺς ἀριθμούς; daß sich dies gegen T. richtet (ebenso Quint. I 9, 5 und Suet. de rhet. 1), wird auch aus dem Beispiel von Pittakos klar (N. 18, 18 ἡ δὲ κλητικὴ σαφής ἐστιν ~ T. 102, 30). Die Definition stimmt in der Hauptsache mit T. überein, nur hat N. den Hinweis auf die παραίνεσις angeschlossen. Die Erklärung des Namens 20, 1 stimmt, auch im Beispiel, mit T. überein (97, 7; gegen diese Erklärung ist Sopatros bei Sardian 39, 1f. Rabe), nur fügt N. noch ein Beispiel (Demosthenes) und eine zweite Erklärung hinzu. Die drei Unterarten λογικαί, πρακτικαί, μικταί sind bei allen vier Progymnasmatikern dieselben. Die Einteilung 21, 1 αἱ μὲν χρησίμου τινὸς ἕνεκα, αἱ δὲ χαριεντισμοῦ μόνου stammt aus T. 96, 29. Für letztere wird auch dasselbe Beispiel von der Olympias, der Mutter Alexanders, angeführt (T. 99, 24). Das zweite Beispiel von Damon dem παιδοτρίβης (21, 10) hatte T. 100, 6 für eine der zwölf Arten der προφορά (εὐκτικῶς) verwendet. Wenn N. 21, 14 betont, daß ihm auch der χαριεντισμός eine ἀγαθὴ παραίνεσις zu enthalten scheine, ist er darauf vielleicht durch den von T. 100, 25 unter συνεζευγμένως erwähnten γνωμικὸς χαριεντισμός gekommen. N. 21, 18 spricht sich gegen die ἀνασκευή der Chrie und des Mythos aus mit derselben Begründung wie H. 11, 4 und A. 10, 11 (und Sopatros bei Sardian 44, 7: Rabe ed. praef. XXVIII). Das geht gegen T. 74, 7. 76, 15. 101, 5. 104, 15, der aber ausdrücklich 103, 25 einschränkend bemerkt hatte, daß man nicht allen Chrien widersprechen dürfe, πολλῶν καλῶς καὶ ἀπέμπτως εἰρημένων. Neu ist die Unterscheidung N. 22, 10: αἱ μὲν δηλοῦσιν, ὁποῖά εἰσι τὰ πράγματα, αἱ δέ, ὁποῖα δεῖ εἶναι; allerdings scheint, wie dann bei der γνώμη, eine Andeutung dazu in der Definition des H. vorzuliegen (δήλωσιν ἔχον = ὁποῖά εἰσι τὰ πράγματα opp. χρησίμου τινὸς ἕνεκα = ὁποῖα δεῖ εἶναι. Vgl. die Definition des Mythos bei Sopatros, Rabe ed. A. 59, 4 συμβουλήν — ὑπογραφήν; 60, 23 προτρέπειν — παριστάναι; vgl. auch das bekannte Wort des Sophokles über Euripides bei Aristot. poet. c. 25, 1460b). In der Terminologie neu ist die Einteilung N. 22, 21 in ἁπλαῖ und πρός τι (= αἱ πρὸς ἐρώτησιν); aber der Sache nach entsprechen die ersteren den ἀποφαντικαί des H. 7, 8 und den καθ’ ἑκούσιον ἀπόφασιν des T., die bei diesem 97, 16ff. eine Unterart der ἀποφαντικαί bilden; die πρός τι wieder entsprechen den πυσματικαί T.s, einer der vier Unterarten der ἀποκριτικαί. [432] Wichtig ist aber, daß Ν. ἁπλαῖ und πρός τι Unterarten der Chrie schlechthin sind, bei Τ. ἀποφαντικαί und ἀποκριτικαί nur Unterarten der λογικαί (ebenso bei Quintil. I 9, 4; vgl. Reichel 118). Bei der διαίρεσις hat N. nur sieben κεφάλαια, nicht acht wie H. 7, 11. A. 4, 13 und wohl auch Sopatros (Sardian. ed. Rabe praef. XXVIII), da er τὸ ἀπὸ παραβολῆς zum εἰκός (= αἰτία bei Η. und Α. Felten praef. XXX) rechnet. In Teil 1 und 2 stimmen alle vier der Sache nach überein; die Terminologie ähnelt am meisten der des Η. (ἔπαινος τοῦ εἰρηκότος ἢ τοῦ πράξαντος, παράφρασις). Für das, was bei H. und Α. ἐναντίον heißt, verwendet N. den Ausdruck ἀληθές, der bei T. 103, 2ff. als Topos der ἐπιφώνησις, eines der vier τρόποι γυμνασίας, erscheint. Die κεφάλαια 6—8 (τὸ ἀπὸ παραδειγμάτων, ἡ ἀφ’ ἑτέρων κρίσις, παράκλησις) finden sich der Sache nach bei H. und A., sind aber der Terminologie nach aus H. oder einer ähnlichen Quelle übernommen. Das siebente kommt als Topos der ἐπιφώνησις auch bei T. vor unter der Bezeichnung εὐδοκίμων μαρτυρία.

IV. γνώμη. Die Definition N. 25, 2 hat mit H. 8, 16 und Sopatros (Rabe ed. A. 60, 2 = ed. Sardian. 57, 1) die ἀπόφανσις καθολική gemeinsam, fügt dem aber aus T. 96, 30 den Hinweis auf τὰ ἐν τῷ βίῳ χρήσιμα hinzu, im Wortlaut anklingend an den Zusatz des Eustathios (4. Jhdt.) zur Definition des Mythos (Rabe ed. A. 59, 2). Der Unterschied von der Chrie (οὐ πάντως εἴς τι πρόσωπον ἀναφέρεται, kein χαριεντισμός) wird nach Τ. 96, 26ff. festgestellt, der Unterschied vom ἀπομνημόνευμα gleichgesetzt mit dem Unterschied der Chrie vom ἀπομνημόνευμα (T. 97, 4). N. 26, 8 teilt die γνῶμαι ein in ἀληθεῖς und πιθαναί, läßt also die bei H. 8, 18 und A. 7, 4 zuerst stehende Einteilung in ἀποτρεπτικαί, προτρεπτικαί, ἀποφαντικαί weg und ebenso von der zweiten Einteilung in ἀληθεῖς, πιθαναί und ὑπερβολικαί die dritte Art. Die nächste Einteilung der γνῶμαι ist bei N. die in ἁπλαῖ und διπλαῖ. Διπλαῖ nennt N. die zweite Art wohl in Erinnerung an die διπλαῖ χρεῖαι des T. 98, 21, denn H. und A. nennen diese Art συνεζευγμέναι. Die dritte Einteilung bei N. in ἄνευ αἰτίας und μετ’ αἰτίας (27, 4) findet sich so nicht bei seinen Vorgängern, aber die wohl aus Alexandros Numeniu stammende Unterscheidung von μετὰ ἀποδείξεως und χωρὶς ἀποδείξεως bei Anon. Schol. in Hermog. de invent. VII 765, 13 ist doch nahe verwandt. Für die vierte schon bei der Chrie angewandte in ὁποῖά ἐστι τὰ πράγματα und ὁποῖα δεῖ εἶναι (27, 11) ist wohl Η. 8, 17 (vgl. Α. 7, 4) Vorstufe. Die mit Berufung auf Sirikios angeführten nächsten vier διαφοραί: προστακτικαί, εὐκτικαί, ἀπαγορευτικαί, κατ’ ἐπίκρισιν sind in dieser Form auch nicht vorher zu belegen; aber man kann die προστακτικαί wieder zu den προτρεπτικαί, die ἀπαγορευτικαί zu den ἀποτρεπτικαί des H. und A. in Parallele setzen (allerdings handelt es sich bei N. um die Satzform, hier um das Ziel), die εὐκτικαί zu den κατ’ εὐχὴν χρεῖαι bei Τ. 99, 14 (vgl. 100, 6 εὐκτικῶς bei den Unterschieden der προφορά) und kann an die peripatetische Einteilung des λόγος in εὐκτικόν, προστακτικόν, ἐρωτηματικόν, ἀποφαντικόν, κλητικόν (Rabe Proll. Syll. 186, 17ff.) erinnern. [433] Die ἄδοξοι und ἔνδοξοι (N. 28, 2), ebenfalls aus Sirikios angeführt, sind ohne Parallele bei Früheren; für die ἔνδοξοι führt N. dasselbe Homerbeispiel an wie A. für die ἁπλαῖ. Daß die κεφαλαίων διαίρεσις hier dieselbe ist wie bei der Chrie, versichert N. 28, 16 in Übereinstimmung mit seinen Vorgängern.

V. ἀνασκευή und κατασκευή. Die ἀνασκευή, die bei T. noch kein selbständiges Progymnasma ist, wird von N. 29, 16 ähnlich definiert wie von H. 11, 2, nur bringt er das πιθανῶς mit hinein; die Definition der κατασκευή ist dann einfach als Gegenstück gefaßt, nicht wie bei H. und A. mit Hilfe des Ausdrucks βεβαίωσις. Daß man weder τὰ ὁμολογούμενα ἀληθῆ, noch τὰ ὁμολογούμενα ψευδῆ zu widerlegen versuchen darf, sondern nur τὰ δεχόμενα τοὺς ἐφ’ ἑκάτερα λόγους πιθανῶς, sagen Η. 11, 4 und Α. 10, 11. 13, 22 in gleicher Weise. In der διαίρεσις erwähnt N. die ἐναγωνιώτερα προοίμια erst am Ende (34, 22), die wohl mit der τῶν φησάντων διαβολή bei Α. 10, 14 identisch sind, und bringt dann wie H. 11, 8 und A. 10, 15 sechs κεφάλαια, T. 76, 19 bei der Anaskeue des Mythos viel mehr. Bei allen vier finden sich ἀπίθανον, ἀπρεπές, ἀσύμφορον. Das Τ., Η. und Α. gemeinsame ἀσαφές fehlt bei Ν. und ist durch τὰ περιστατικὰ μόρια, ὅσα ἐμπίπτει, ersetzt, d. h. durch die στοιχεῖα, die nach T. 94, 7 bei jedem Topos Verwendung finden können. Das Η., A. und N. gemeinsame ἀδύνατον nennt T. 93, 7 nur bei der Anaskeue der διηγήματα. Statt des H. und A. gemeinsamen ἀνακόλουθον = ἐναντίον[WS 3] hat N. übereinstimmend mit T. das μαχόμενον. Der Ausfall 30, 17 gegen die τινές, die eine bestimmte Reihenfolge der κεφάλαια verlangen, richtet sich gegen A.; zu den ἄλλοι (31,1), die eine andere διαίρεσις, aber auch eine feste Reihenfolge hatten, gehört T. (93, 14).

VI. κοινὸς τόπος. Die Definition N. 36, 15 unterscheidet sich dadurch von der des T., die N. ablehnt, und auch von der Anschauung H.s, daß der κοινὸς τόπος nach ihm nur eine αὔξησις ὁμολογουμένου ἀδικήματος, nicht auch ἀνδραγαθήματος ist; diese Auffassung hatte schon Quintil. II 4, 22 (Reichel 121) und, wenigstens nach Rabes Textherstellung 16, 19 (vgl. ed. A. praef. V) auch A., ebenso Sopatros (nach Rabe ed. A. 61, 2), dessen Definition überhaupt der des N. ähnelt. Die καταδρομή des N. findet sich noch bei Schol. Laur. (Rabe ed. A. 62). Der Terminus τόπος wird 37, 1 von N. nach T. 106, 14 erklärt. Die Begründung 37, 4ff. für die von T. abweichende Definition, daß sonst schon das ἐγκώμιον im κοινὸς τόπος gebracht würde, läßt die 106, 22 von T. gebrachte Unterscheidung beider unberücksichtigt, obwohl 38, 19 N. denselben Unterschied bei der Gegenüberstellung von κοινὸς τόπος und ψόγος bringt (T. 106, 22.) Mit T. 106, 30 und A. 17, 3 stimmt N. 38, 2. 39, 19 aber wieder darin überein, daß der Topos gleichsam ein ἐπίλογος und eine δευτερολογία ist. Der 38, 15 festgestellte Unterschied zwischen κοινὸς τόπος und ψόγος findet sich auch bei A. 27, 14. Die 38, 3 bekämpfte Definition des κ. τόπος ist nicht auf einen Namen festzulegen; der Vorwurf, beim κοινὸς τόπος die ganze διαβολή mit unterzubringen, paßt auf Sopatros, [434] der die von N. zum ψόγος gerechneten straflosen Vergehen als ἁμάρτημα dem κοινὸς τόπος unterordnet (Rabe ed. A. 62, 9 μέθη = Ν. κατὰ οἰνόφλυγος. Ebenso wie Sopatros später Schol. Laur. p. 76, 11; anders ebd. p. 78, 3). N. 38, 23 wendet sich gegen T.s διαίρεσις (106, 10) in ἁπλοῖ und διπλοῖ unter Anführung derselben Beispiele; er will als διπλοῖ nur die anerkennen, wo wirklich zwei Vergehen vorliegen; auch Quintil. II 4, 22 hatte ja die Bezeichnungen T.s vermieden, vielmehr von generales und speciales gesprochen. N. 39, 20 polemisiert wieder gegen T. 106, 27. 107, 15, der sich gegen ein προοίμιον gewendet hatte. Die διαίρεσις zeigt manche Übereinstimmungen mit den Vorgängern.

1. προοίμιον: N. 42, 15, auch bei T. 107, 22. H. 12, 11. A. 17, 3. Emporius p. 564, 28ff. H.

2. ἡ τοῦ ἐναντίου σύστασις (42, 16) = ἔπαινος τοῦ ἠδικημένου πράγματος. Vgl. Η. 13, 2. Α. 17, 6. Bei Τ. entspricht dem 107, 21 ἀπὸ τοῦ πράγματος, περὶ οὗ τὸ ἀδίκημα, ὅτι τῶν ἀναγκαιοτάτων ἐστίν, bei Sopatros (Rabe ed. A. 62f. nr. 4) τὸ πρὸ τοῦ πράγματος ἐπιχείρημα, eine Bezeichnung, die bei N. als sechster Teil einen ganz anderen Inhalt hat.

3. τὸ πράγμα (42, 23; vgl. T. 107, 15. 24. H. 13, 10. A. 17, 7. Emporius p. 565, 19 H.), aber nicht ὡς διηγούμενοι, ἀλλ’ ὡς δεινοποιοῦντες. Der Terminus δεινοποιεῖν genau so bei H. im Gegensatz zu διδάσκειν; die N. 42, 12 dafür verwandten Ausdrücke διδάσκειν — παροξύνειν finden sich ebenfalls schon bei Α. T. 107, 16 drückt sich anders aus: ὡσανεὶ διηγούμενοι, aber mit αὐξήσεις; möglich, daß N. 42, 23 οὐχ ὡς διηγούμενοι sich gegen diese Stelle richtet.

4. ἡ περιοχή (43, 1) ~ T. 107, 31. Bei H. 13, 11 ist das mit dem πρᾶγμα vereinigt.

5. τὰ συγκριτικά (43, 7) ~ T. 108, 3. H. 13, 14. A. 17, 8. Emporius p. 565, 21 H.

Auch die drei Topoi ἀπὸ τοῦ μείζονος, ἐλάττονος, ἴσου finden sich schon bei T. 108, 4, auch bei H. wenigstens durch Beispiele belegt, während A. nur den ersten verwendet wie Emporius p. 565, 34 H. Sopatros bei Sard. 99, 12 (Rabe praef. XXVII) hat wieder alle drei Arten der σύγκρισις.

6. τὰ πρὸ τοΰ πράγματος (43, 23) ~ Τ. 108, 17. Η. 13, 24. Α. 17, 11.

Die διάνοια oder γνώμη des Täters, die Τ. 107, 25. Η. 14, 2. Α. 17, 10. Sopatros bei Sard. 101, 24 (Rabe praef. XXVII) nun bringen (bei Emporius p. 565, 18 H. steht a consilio an erster Stelle), fehlt bei N., der sie vielleicht mit zu sechs gerechnet hat, weil es sich bei beiden um eine διαβολή handelt.

7. τὰ τελικὰ κεφάλαια (44, 19), vor ἡ τοῦ ἐλέου ἐκβολή, während Α. 17, 13 sie nachstellt und Η. 14, 6 sie überhaupt nur als Unterteil der ἐκβολή bringt Vier κεφάλαια (συμφέρον, δίκαιον, νόμιμον, δυνατόν) stimmen mit Η. und Α. überein, nur stellt N. das von ihm besonders betonte συμφέρον voran. Das ἔνδοξον findet sich nur noch bei A., das ἀναγκαῖον und ῥᾴδιον bei keinem. Daß nicht immer alle κεφάλαια nötig sind [435] (44, 23), zeigt auch A. dadurch, daß er bei seinem Musterbeispiel gegen den Tyrannen nur vier von seinen sechs anwendet (Rabe ed. A. praef. XXX).

8. ἡ ἐκβολὴ τοῦ ἐλέου (45, 4) geschieht auch nach N. wie nach H. durch die τελικὰ κεφάλαια und die ὑποτύπωσις (dieser Ausdruck auch H. 12, 10, der 14, 8 dafür ὑπογραφή sagt), welche T. 109, 1 wie N. 45, 15 διατύπωσις nennt. Das Verbot, bei der ὑποτύπωσις die Beschreibung von αἰσχρά zu bringen (45, 11), stimmt zu dem von T. 71, 26 in anderem Zusammenhang Gesagten. Eine παράκλησις am Schlüsse (H. 14, 12) kennt N. nicht, wie ja auch H. selbst 12, 11 bei der ersten Aufzählung der Unterteile sie wegläßt.

VII. ἐγκώμιον und ψόγος. Die Frage, wie das Enkomion als eine der drei Redearten unter die Progymnasmen kommt, hatte T. 61, 20 rein praktisch damit beantwortet, daß den jüngeren oft Enkomien zu schreiben aufgegeben würden; N. 48, 5 hilft sich damit, das Enkomion bald als ὅλον, bald als μέρος aufzufassen. Die Definition 48, 19 weicht ab von den früheren (εὐφημία hatte A. 13, 25 beim Prooimion der κατασκευή verwendet; bei [Aristid.] rhet. I p. 60, 23. 61, 21 Schm. ist sie einer der vier τρόποι für ἔπαινοι). Nur der Zusatz διεξοδικῶς γινομένη deutet auf H. 15, 8 (ἐν μακροτέρῳ διεξόδῳ). Die Unterscheidung von ἔπαινος erfolgt ähnlich wie bei H. 15, 6 und A. 21, 10 (vgl. Alex. IIΙ 2, 11ff. Sp. [Aristid.] rhet. I p. 60, 18ff. Schm. Aristot. rhet. A. 9, 1367b 27). In der διαίρεσις des Enkomion im engeren Sinne folgt N. 50, 1 nicht der von ihm erwähnten Einteilung Platons in τὰ περὶ ψυχήν, τὰ περὶ σῶμα, τὰ ἐκτός, sondern der κρατοῦσα διαίρεσις. Diese Dreiteilung hatte T. 109, 29 der Einteilung der ἀγαθά zugrunde gelegt, während er dann in der χρῆσις der Topoi 111, 12 davon abwich; H. 16, 4 brachte mitten unter den anderen Topoi die φύσις ψυχῆς καὶ σώματος und, davon getrennt durch ἐπιτηδεύματα und πράξεις, erst später τὰ ἐκτός; A. 22, 6 aber ordnete die drei den πράξεις unter, während umgekehrt bei T. die πράξεις ein Unterteil von τὰ περὶ ψυχήν τε καὶ ἦθος waren. Das Verfahren des N. ähnelt also noch am meisten dem T.s, während er sich anderseits in der Aufzählung der körperlichen Vorzüge mehr H. anschließt. Die Topoi N.’ im einzelnen weisen wieder manche Übereinstimmungen mit den Vorgängern auf.

1. προοίμιον (50, 10) ~ T. 111, 12. A. 22, 1.

2. ἀπό τοῦ γένους (50, 14) ~ T. 111, 13. Η. 15, 18. A. 22, 2. Mit A. stimmt N. darin überein, daß γένος Oberbegriff ist, während bei Η. ἔθνος, πόλις, γένος gleichwertig nebeneinander stehen.

3. τὰ ἀπὸ τῆς γενέσεως (51, 21): DieserTopos findet sich weder bei T. noch bei dem Anon. des Pap. gr. Vindob. 29789 (Gerstinger Mitt. Ver. klass. Philol. Wien IV 1927, 46) und bei A., sondern nur bei H. 15, 20, dessen Unterteil ἐξ ὀνειράτων bei N. durch ein Beispiel illustriert wird. Vgl. auch Quintil. ΙII 7, 11.

4. τὰ ἐκ τῆς ἀνατροφῆς (52, 5) entspricht der Sache nach der τροφή des H. 16, 1, der auch ein ganz ähnliches Beispiel über Achill [436] hat (bei N. aber Mark von Hirschen, bei H. von Löwen; vgl. Apollod. III 172. Menand. III 371, 24 Sp.); der Terminus ἀνατροφή aber findet sich bei A. 22, 3. Bei T. ist der entsprechende Topos 111, 14 τὰ περὶ σῶμα.

5. ἃ ἐν τῇ νέᾳ ἡλικίᾳ ἐπετήδευσεν (52, 10). Hier ist das vereint, was H. 16, 3. 8 als ἀγωγή und ἐπιτηδεύματα getrennt aufgeführt hatte; das wird dadurch bestätigt, daß N. 57, 19 bei Enkomien auf πράγματα für diesen Topos die ἀγωγή einsetzt. Als Beispiel erscheint bei beiden die Rhetorik. A. macht die ἐπιτηδεύματα (22, 4) zu einem Unterteil der ἀνατροφή, bei T. fehlt ein entsprechender Topos ganz.

6. τὰ ὑπ’ αὐτὸν πεπραγμένα (52, 12) ~ T. 112, 3. Η. 16, 10. A. 22, 5. N. betont hier, in Übereinstimmung mit T. 111, 15. 112, 6, das εἰς ἀρετὰς ἀναφέρειν τὰς πράξεις. Die σύγκρισις soll angewandt werden; diese zählt A. 22, 9 nach den πράξεις als nächsten Topos, während sie bei H. 17, 3, der mehr einen ἐπιτάφιος im Auge hat und darum noch mehr diesbezügliche Topoi aufzählt, als μεγίστη ἀφορμή bezeichnet wird, die je nach dem καιρός einzuordnen ist. Das Beschönigen der ἐλαττώματα verlangt N. 52, 20 im Anschluß an T. 111, 21 und stark an Quintil. ΙII 7, 25 erinnernd (weitere Stellen über die vicinitas virtutum ac vitiorum bei Radermacher Wien. Stud. XXXVIII 72—80. Prinz ebd. XL 90—92), die ἀντίθεσις will er 53, 6 nur in besonderen Fällen zulassen im Enkomion, wie T. 112, 8 die διαβολαί.

Daß der ψόγος ἀπὸ τῶν ἐναντίων auszugehen hat, sagen alle: N. 53, 20. T. 112, 17. H. 15, 9. A. 27, 17. Auch Sopatros hat wohl den ψόγος ebenso kurz erledigt (Rabe ed. Sardian. praef. XXIX). N. wiederholt dann 54, 11 den Unterschied des ψόγος vom κοινὸς τόπος, worin er mit A. 27, 14 übereinstimmt. Eingeschoben ist ein langer Exkurs über die Einteilung der Rhetorik in 3, 4 oder noch mehr Redearten.

Erst 57, 9 geht die Behandlung des Enkomions weiter mit der πραγμάτων εὐφημία. Während T. 112, 14 μέλι auf der einen, ὑγεία und ἀρετή auf der anderen Seite unter dem Namen ἄψυχα vereinigt, scheidet N. zwischen ἄψυχα (ἀσπίς, δόρυ, λίθος) und ἀσώματα (ῥητορική, ἐπιτηδεύματα). Η. 17, 13 und Α. 21, 15 nennen unter den πράγματα nur Beispiele, die zu den ἀσώματα des N. gehören würden. Bei der διαίρεσις dieser Enkomien sind nach N. 57, 18 statt γένος ,οἱ εὑρόντες ἢ πρῶτοι χρησάμενοι’ einzusetzen, was Η. 17, 13 entspricht. Die ἔπαινοι auf ἔμψυχα teilt N. 58, 1 wieder in κοινοὶ (ἄνθρωπος, ἵππος) und ἴδιοι (Σωκράτης). Diese Unterscheidung stammt nicht aus A. 21, 18, sondern aus H. 14, 18 oder einer Quelle ähnlicher Richtung. Zu den κοινοί sind auch die von H. 17, 5 gesondert angeführten Enkomien auf ἄλογα ζῷα und 17, 23 auf φυτά zu rechnen. Wie N. 58, 4 betont, daß bei den κοινοί nur τὰ ἐνδεχόμενα κεφάλαια zu verwenden sind, so erwähnt H. 17, 5 (κατὰ τὸ ἐγχωροῦν) dasselbe für die ἄλογα ζῷα.

[437] VIII. σύγκρισις. Diese Vorübung, die von manchen nicht mit aufgenommen wurde (vgl. N. 59, 2 und die einleitenden Worte H.s), z. B. von Sopatros (Rabe ed. Sard. praef. XXIX), nennt N. 60, 3. 13 ein διπλοῦν ἐγκώμιον wie A. 31, 11 (vgl. auch Quintil. II 4, 21 duplicat materiam). Die Definition N. 60, 6 stimmt mit T. überein in der Teilung πρόσωπα — πράγματα, mit A. 31, 8 in der Vermeidung der σύγκρισις πρὸς τὸ ἔλαττον, während nur die σύγκρισις πρὸς τὸ μεῖζον und πρὸς τὸ ἴσον (nach Rabe bei Α. nur πρὸς τὸ μεῖζον) erlaubt sind. Daß die διαίρεσις dieselbe ist wie beim Enkomion, darin stimmen H. 19, 3. A. 31, 20 und N. 61, 1 überein. N. 61, 5f. stimmt auffallend mit A. 31, 15 überein. N. 61, 9 (wir dürfen nicht καθαιρέσει τῶν ἀντεξεταζομένων αὔξειν τὰ ἡμέτερα) läuft auf dasselbe hinaus wie H. 19, 16. Zuletzt 63, 3 erwähnt N. die σύγκρισις von ἄνθη oder φυτά, die auch H. 19, 7 und A. 31, 17 genannt hatten, dagegen übergeht er wie H. und A. das, was T. 114, 7ff. (vgl. Excerpta rhet. p. 588, 11 H.) über die beiden τρόποι des Vergleichs mehrerer mit mehreren sagt, wahrscheinlich, weil diese Art zu ihrer Zeit nicht mehr geübt wurde.

IX. ἠθοποιία. Die Definition (64, 1) weicht im sprachlichen Ausdruck erheblich von denen der Vorgänger ab, nur das ἁρμόζειν τοῖς ὑποκειμένοις kommt in irgendeiner Form überall vor; bei dessen Erklärung schließt sich N. 64, 4 an T. 115, 23 an, läßt aber nach Nennung des Redenden und des Angeredeten die von T. noch genannte ὕλη weg. Bei H. 20, 7 und A. 34, 2 finden wir auch das ἦθος. Das πάθος aber erwähnt N. allein. Das hängt zusammen mit der bei T. und H. 20, 19 folgenden Unterscheidung von ἠθοποιίαι ἀορίστων und ὡρισμένων προσώπων, die bei N. fehlt oder vielmehr ersetzt ist durch die Gegenüberstellung von Ethos und Pathos. Die Bemerkung von T. 117, 31, daß diese Übung μάλιστα ἠθῶν καὶ παθῶν ἐπιδεκτικόν ist, hat man in der Folgezeit zunächst zur Aufstellung der drei Arten ἠθικαί, παθητικαί, μικταί benutzt (Η. 21, 10. Α. 35, 1. N. 64, 14) und schließlich noch mit obiger Unterscheidung von ἀόριστα und ὡρισμένα πρόσωπα, die zunächst noch fortbestand, verknüpft, so daß N. ἦθος = πρὸς τὰ καθόλου ἀποβλέπειν, πάθος = πρὸς τὸ ἐκ περιστάσεως γενόμενον ἀποβλέπειν setzen kann. Damit war zugleich der Übelstand behoben, daß in der Definition nur von Ethos die Rede war, obwohl dann παθητικαὶ ἠθοποιίαι aufgestellt wurden. Das Beispiel für die μικταί ist bei Η., A. und N. dasselbe, das für die παθητικαί (Andromache) bei H. und N. (der aber noch ein zweites hinzufügt und p. 65, 21 ein drittes, das um 300 schon der Anon. des Pap. gr. Vindob. 29789 bearbeitet hatte: H. Gerstinger 39). T. hat statt der Dreiteilung in ethische, pathetische und gemischte eine Fünfteilung als αἰτούμενοι, προτρέποντες, ἀποτρέποντες, παρηγοροῦντες, συγγνώμην αἰτοῦντες ἐφ’ οἷς ἐπράξαμεν. Da im Anschluß hieran die oben zitierte Bemerkung 117, 31 gemacht wird, könnte man versucht sein, in den ersten drei Arten mehr das Ethos, in den letzten beiden das Pathos vertreten zu finden. Jedenfalls sagt N. weder von dieser Fünfteilung etwas noch von der von H. 20, 24 noch gemachten [438] Zweiteilung in ἁπλαῖ und διπλαῖ. Wohl aber unterscheidet N. 65, 4 wie H. 20, 13 und A. 34, 13 die Ethopoiie von der Prosopopoiie, nachdem er ausdrücklich 65, 1 eine anders begründete Unterscheidung beider abgelehnt hat. T. hatte diesen Unterschied noch nicht. Die dritte Art bei H. 20, 14 und A. 34, 10, die εἰδωλοποιία, läßt N. weg. Für die διαίρεσις hatte T. 116, 24 keine allgemeine Regel gegeben, sondern für jede der fünf Arten ἀφορμαὶ οἰκεῖαι. Hier hat man in der Folgezeit vereinfacht, denn H. 21, 19, der um 300 n. Ohr. schreibende Anonymus des Pap. gr. Vindob. 29789 (Gerstinger 39), A. 35, 13. Emporius p. 563, 19ff. H. (der aber die Vergangenheit vor die Gegenwart stellt) und N. 65, 11 teilen alle nach den drei Zeitstufen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft (ähnlich beim Enkomion schon Quintil. IIΙ 7, 10). Der Ausfall 65, 14 gegen die, welche κεφάλαια nannten, die in Wahrheit Enthymeme über eine der drei Zeitstufen sind, richtet sich wohl gegen T. Die Feinheit, daß nach der Vergangenheit nicht gleich die Zukunft, sondern erst noch einmal kurz die Gegenwart berührt werden soll (wohl ein Ausgleich mit der anderen, bei Emporius überlieferten Zeitenfolge), damit der Übergang nicht ἀμέσως stattfindet, haben die Vorgänger des N. noch nicht in die Theorie aufgenommen, aber A. 36, 11f. hat sich in seinem Musterbeispiel schon danach gerichtet. N. 66, 9 äußert sich noch über die ἀπαγγελία, ausführlicher als es T. 116, 13 und H. 22, 4 getan hatten, eher wie A. 35, 11. Mit fremden Federn schmückt sich N. 67, 12, wenn er hervorhebt, daß ihm diese Vorübung auch für den ἐπιστολικὸς χαρακτήρ nützlich scheine; denn das hat er aus T. 115, 22.

X. ἔκφρασις. In der Definition 68, 8 unterscheidet sich N. dadurch von seinen drei Vorgängern (T. 118, 7. H. 22, 7. A. 36, 22), daß er allein ἀφηγηματικός statt περιηγηματικός sagt. Der Zusatz ὑπ’ ὄψιν ἄγων ἐναργῶς τὸ δηλούμενον stimmt völlig mit Α. überein, bei dem Rabe ed. praef. VI diese Wortstellung auf die Vorliebe für Klauseln zurückführt, während T., sonst gleichlautend, das ἐναργῶς voranstellt. Während nun T. den Unterschied der Ekphrasis vom Topos bringt (119, 6), führt N. die Unterscheidung vom διήγημα 68, 10 an (das διήγημα bringt eine ψιλὴ ἔκθεσις πραγμάτων, die Ekphrasis aber sucht θεατὰς τοὺς ἀκούοντας ἐργάζεσθαι) und kommt 70, 3 noch einmal auf diese Unterscheidung zurück. Wahrscheinlich polemisiert er an beiden Stellen gegen die falsch verstandene Stelle T. 119, 13, der die Ekphrasis vom Topos auch dadurch unterscheidet, daß sie ψιλὴ τῶν πραγμάτων ἀπαγγελία sei, womit er aber nur meint, daß unsere γνώμη bei ihr nicht zum Ausdruck gebracht wird wie beim Topos. Allerdings verwendet T. auch 119, 23 wieder den Ausdruck διήγησις als eine Art Unterteil der Ekphrasis neben κεφάλαια und danach ebenso H. 23, 7; insofern ist die Kritik N.’ berechtigt. Durch die Ausführungen über die Gegenstände der Ekphrasis davon getrennt, bringt N. übrigens noch einen weiteren Unterschied von der διήγησις (68, 19). Den bei T. 119, 27 und H. 23, 9 sich findenden Abschnitt über die ἀρεταί der Ekphrasis läßt er weg, weil ihm diese ἐνάργεια ja schon zur [439] Unterscheidung der Ekphrasis vom διήγημα gedient hat. Als zu beschreibende Gegenstände stehen seit T. 118, 7ff. fest πρόσωπα, πράγματα, τόποι, χρόνοι. Die fünfte Art T.s, die τρόποι, haben keine Beachtung bei den Späteren gefunden, die sechste Art, die μικτή (119, 3), nur bei H. und A. (= συνεζευγμένη). Ebenso ist die Unterscheidung des H. von καιροί und χρόνοι nicht beibehalten worden; A. bringt sogar unter καιροί die unter χρόνοι gehörenden Beispiele. N. 68, 12ff. hat auch jene vier Gegenstände der Ekphrasis, aber die πράγματα sind bei ihm so verblaßt, daß er noch nicht einmal Beispiele dafür gibt (68, 18 nur ὅλως πρὸς πολλά); und die ἑορταί, die bei T. und H. zu den χρόνοι gehörten, hat er zu einem selbständigen Gegenstand der Ekphrasis gemacht und die πανηγύρεις gewissermaßen als Mehrzahl von πρόσωπα diesen nachgestellt, so daß folgende Reihenfolge entsteht: Zuerst das enger zusammengehörige Paar der τόποι und χρόνοι, dann das Paar πρόοωπα und πανηγύρεις und als Abschluß die allgemein gehaltenen πράγματα. N. 69, 4 erwähnt dann als erster Theoretiker (K. Münscher Burs. CLXX 30) die Ekphrasen von ἀγάλματα und εἰκόνες, die ja in dieser Zeit eine so große Rolle spielen und wofür uns viele Musterbeispiele erhalten sind, auch unter N.’ Namen. Er äußert sich aber nicht darüber, in welche Gruppe diese Ekphrasen einzureihen sind. Da er aber nach den folgenden Ausführungen hauptsächlich an Darstellungen von Menschen denkt, würden diese Ekphrasen wohl unter die Gruppe der πρόσωπα zu rechnen sein und der Beschreibung wirklicher Menschen so gegenüberstehen wie die Prosopopoiie der Ethopoiie. Darum verlangt auch N., daß die λογισμοί und πάθη mit angeführt werden. T. hat in seiner fünften Gruppe, den τρόποι, eine Vorstufe zu diesen Ekphrasen über Kunstwerke, denn er führt als Beispiele an die Beschreibung von σκεύη und ὅπλα nach Art der Homerischen Hoplopoiie. Für die διαίρεσις hatte T. 119, 14. 22 geschieden zwischen der der πράγματα, die in chronologischer Reihenfolge zu geschehen hat, und der übrigen Gegenstände der Beschreibung, wo neben der διήγησις auch ἀφορμαὶ λόγων aus den κεφάλαια (καλόν, χρήσιμον, ἡδύ) sich ergeben. Η. 22, 20. 23, 6 hat ähnlich gegliedert. Dagegen sehen wir bei A. 37, 9ff. schon die Ausdehnung der διαίρεσις πραγμάτων auch auf die anderen Gegenstände, z. B. die πρόσωπα und καιροί. In dem von N. 70, 20 über die φράσις Gesagten geht das ἁρμόζειν πρὸς τὴν ὑποκειμένην ὑπόθεσιν über A. 38, 2 und Η. 23, 11 bis auf T. 119, 30 zurück, der Gegensatz γλυκαίνειν — ἐκτραγῳδεῖν oder εὐθυμίαν ἐμποιῆσαι — δεινῶσαι καὶ αὐξῆσαι entspricht dem bei Τ. und H. sich findenden Gegensatz εὐανθές — αὐχμηρόν, φοβερόν. Das ποίκιλον findet sich nur bei A. wieder; die von A. und den von N. 68, 2 kritisierten τινές, welche die Ekphrasis gleich auf die Synkrisis folgen lassen wollten, erwähnte ἀνειμένη φράσις hat N. aber nicht mit aufgenommen in die Charakteristik des Ekphrasenstiles.

XI. θέσις. Die Definition 71, 11 ist offenbar nach T. 120, 13 gebildet. Der Unterschied von der Hypothesis 71, 18 wird in der üblichen [440] Weise bestimmt, das Beispiel εἰ γαμητέον für die Thesis hatten schon T. und Η., A. sogar als ausgeführtes Musterbeispiel. N. 72, 9 wendet sich gegen die, welche die διαίρεσις nach den τελικὰ κεφάλαια machen, d. h. z. B. gegen H. 25, 22 und A. 42, 9 (der aber sein Musterbeispiel nach ἐγκωμιαστικὰ κεφάλαια teilt, Rabe ed. A. praef. XXIX), aber auch gegen T. 121, 6. 18. Diese Polemik gegen die κεφάλαια richtet sich nach Sopatros (vgl. u. ,Quellen‘) 68, 107 (Rabe ed. A.) gegen die ἔνστασις, daß die Thesis, wenn sie κεφάλαια habe, eine τελεία ὑπόθεσις sei. Mehrere der von N. genannten κεφάλαια finden sich zwar bei Τ. (κατὰ φύσιν 121, 26; κατὰ νόμον 121, 27. 29; κατὰ ἔθος 121, 27; κατὰ τὸ ὅσιον τὸ περὶ τοὺς τελευτήσαντας 122, 4), aber er bezeichnet diese nicht als κεφάλαια, sondern als τόποι ἐπιχειρημάτων (121, 24) und kennt nicht das ὅσιον περὶ τὴν πατρίδα (N. 72, 17. 21. Vgl. [Aristid.] rhet. p. 60, 5f. Schm.). N. läßt die Thesis mit einem προοίμιον (oder mehreren, wie auch Sopatros bei Rabe ed. A. 66, 29) beginnen wie T. 120, 31 und A. 42, 9. Die drei Möglichkeiten für eine Einleitung entsprechen den bei T. genannten (N. 73, 16 σύστασιν ἔχοντα ~ T. 121, 2 ἐγκώμιον τοῦ πράγματος, διαβολὴν ἔχοντα ~ ψόγος τοῦ πράγματος, ἄλλο τι κατασκευάζοντα ~ Τ. 120, 31 ἀπὸ γνώμης κατασκευαζούσης τὴν θέσιν usw.). Dann sollen also nicht die τελικὰ κεφάλαια folgen, sondern die πανηγυρικά, wobei er sich auf uns unbekannte ἀκριβεῖς τεχνογράφοι beruft: τὰ ἀπὸ γένους, ἐπιτηδεύματα, πράξεις, oder vielmehr die entsprechenden οἱ εὑρόντες καὶ πρῶτοι χρησάμενοι, ἄσκησις τοῦ πράγματος, αἱ ἐξ αὐτοῦ ὠφέλειαι. Die chronologische Reihenfolge, die schon T. 125, 9ff. nebenbei für seine Topoi als möglich hingestellt hatte (τὰ πρὸ τοῦ πράγματος, τὰ παρ’ αὐτὸ τὸ πρᾶγμα, τὰ μετὰ τὸ πρᾶγμα) hat sich also durchgesetzt. Der Unterschied vom Enkomion wird von N. 74, 3 dahin bestimmt, daß dieses nur in besonderen Fällen eine Antithesis zuläßt, bei der Thesis aber die λύσις ἀντιθέσεων nötig ist; das entspricht H. 26, 7 und A. 42, 6. Was N. für die Zurückweisung der Einwürfe gegen die Heirat vorechlägt (75, 7f.), findet sich genau so bei A. 43, 12. 44, 4 in dessen ausgeführtem Musterbeispiel. Von den Unterschieden der Thesis vom κοινὸς τόπος, die N. 75, 13ff. anführt, findet sich der erste schon bei T. 120, 16 und H. 25, 13, der zweite hinsichtlich des Telos entspricht T. 120, 20, der dritte von T. 120, 22 erwähnte Unterschied des Ortes bleibt unberücksichtigt, der vierte hinsichtlich der Hörer (T. 120, 23) wird beim zweiten mit gestreift. Was N. 75, 21 als dritten Unterschied vom Topos bringt, entspricht dem bei T. 120, 25 angeführten Unterschied der Thesis von der Prosopopoiie. Die Unterscheidung von θέσεις ἁπλαῖ (Quintil. II 4, 24 = deliberativae) und συνεζευγμέναι Τ. 128, 3 (Η. 25, 16 = αἱ κατὰ τὸ πρός τι), die Η. noch durch die διπλαῖ (bei Quintil. = comparativae) erweitert hatte, übergeht N. wie schon A. Wenn er sie erwähnt hätte, hätte er sich natürlich entsprechend dem 39, 4 über die διπλοῖ τόποι Gesagten im Sinne des H., nicht des T. entscheiden müssen. Daß A. und N. diese Unterscheidung weglassen, hängt vielleicht mit einer gewissen Unklarheit über die Bedeutung der περίστασις [441] zusammen. Denn während T. 120,13f. jede περίστασις von der Thesis ausschließt, läßt er dann doch 123, 7. 128, 5 eine solche allgemeiner Art zu (H. Throm Die Thesis, Rhet. Stud. 17, Paderborn 1932, 106). Aus T. 61, 6f. ergibt sich, daß 120, 14 hinter ἄνευ προσώπων ὡρισμένων καὶ πάσης περιστάσεως dem Sinne nach zu ergänzen ist ὡρισμένης (πρόσωπα ὡρισμένα = Ἀθηναῖοι, Λακεδαιμόνιοι, περίστασις ὡρισμένη: τόπος = ἡ Σικελία). Der Unterschied zwischen Thesis und Hypothesis läuft also bei T. auf Hinzufügung bestimmter Namen bei letzterer hinaus. Aber in der Folgezeit hat man beobachtet, daß auch ohne die Nennung bestimmter Namen nur durch Häufung allgemeiner Umstände eine individuelle Peristasis entsteht. Die Unterscheidung von φυσικαί und πολιτικαί 76, 18 ist alt: T. 121, 6 θεωρητικαίπρακτικαί (πολιτικώτεραι), Η. 25, 3 οὐ πολιτικαί oder θεωρητικαίπολιτικαί (πρακτικαί), Α. 41, 15 θεωρητικαίπολιτικαί. Wie Ν., sagen auch Τ. und H., daß erstere mehr für die Philosophen geeignet sind als für Redner (auch Quintilian bringt nur Beispiele für die πρακτικαί, Reichel 121). Aber N. ist darin vernünftiger, daß er die διαίρεσις der φυσικαί vollkommen den Philosophen überläßt, während T. die θεωρητικαί hatte nach denselben Topoi bearbeiten wollen wie die πρακτικαί, nur in anderer Reihenfolge (Throm 84). Die Begriffsverengung bei Ν. (φυσικαί statt θεωρητικαί) erklärt sich aus den Beispielen seiner Vorgänger. N.’ Beispiel für die φυσικαί stimmt völlig mit H. und A. überein, das für die πολιτικαί wurde auch von T., Quintilian und A. genannt.

XII. νόμου εἰσφορά. Die Definition von νόμος Ν. 77, 2 stimmt fast völlig mit T. 128, 23 überein, bis auf den Zusatz bei Τ. οὐκ εἴς τινα χρόνον ἀφωρισμένον, der auf die von N. 77, 8 gesondert gebrachte Unterscheidung vom ψήφισμα geht, die auch T. 61, 18f. (vgl. Quintil. II 4, 40) erwähnt. Die weitere Einteilung der νόμοι bei N. 77, 4 steht nicht bei den griechischen Vorgängern, nur bei Quintilian: vgl. die Gegenüberstellung ἀγαθῶν άμοιβάςἀδικημάτων τιμωρίαν mit Quintil. II 4, 38 (res) digna poena vel praemio, die andere aristotelische (Börner De Quintiliani inst. or. dispositione, Lips. 1911, 41f.) von κοινοί und ἴδιοι νόμοι mit Quintil. II 4, 33, der aber drei Arten nennt: sacri, publici, privati iuris. N. 77, 12 bringt dann den Unterschied vom κοινὸς τόπος, während T. 61, 6. Quintil. II 4, 36. H. 26, 14. A. 46, 21 auf den Unterschied von der πραγματική bzw. Hypothesis hinweisen. Die διαίρεσις läßt N. 77, 16 nach den τελικὰ κεφάλαια erfolgen. Wieder wendet er sich, wie bei der Thesis, gegen die, welche unter neuen Namen ἐνθυμηματικαὶ ἀποδείξεις zu κεφάλαια machen. Das wird auf dieselbe Quelle gehen wie dort, also nicht auf T.; denn allerdings hat T. entsprechend dem Verfahren bei der Thesis (121, 26ff.), wie man aus H. schließen kann, von παρὰ τὴν φύσιν, παρὰ τὸ ἔθος, παρὰ τοὺς ἀρχαίους νόμους gesprochen, aber er nennt das wieder τόποι (129, 8), und auch bei H. steht nicht die Bezeichnung κεφάλαια, sondern nur bei A. 47, 12. Die τελικὰ κεφάλαια teilt N. 73, 3 wieder in ἔγγραφον und ἄγραφον, entsprechend der üblichen Einteilung bei der πραγματικὴ στάσις (vgl. bei [442] Aristoteles die Teilung des νόμος ἴδιος in γεγραμμένος und ἄγραφος). Damit werden gewissermaßen zwei von den von Τ., H. und A. genannten κεφάλαια oder τόποι, das νόμιμον und das δίκαιον (κατὰ ἔθος), zu Oberbegriffen gemacht. Was N. 78, 10 über die beiden Arten der γυμνασία sagt (ὅταν πρῶτον εἰσφέρηται, ὅταν πάλαι κειμένου ἐξέτασις γίνηται), stammt im wesentlichen von Τ. 128, 25 (vgl. auch Quintil. II 4, 35 dicitur lata esse vel ferri), während A. nur die erste Art kennt (47, 7 τεθέντος, nicht τιθεμένου, bezieht sich trotzdem auf Neueinbringung eines Gesetzes; vgl. Sardian. 262, 3. 19 R.). Für das, was N. 79, 3 über den Wegfall der διήγησις und 79, 10 über die φράσις sagt, haben wir keine Parallelen bei den Vorgängern. Die Begründung für den Fortfall der Enählung (keine περίστασις) erinnert an T. 121, 3ff., der aber dort von der Thesis spricht. Die συνεστραμμένη φράσις finden wir wieder beim Rhet. Monacensis f. 31 v Col. II (Rabe Rh. Mus. LXVII 346).

Wenn wir zusammenfassend die Entwicklung der Progymnasmen bis auf N. überblicken, so sehen wir, daß bei manchen Definitionen N.’ eine Verengung des Begriffs eingetreten ist teils durch Zusätze (Mythos, Chrie, Gnome, Anaskeue, Enkomion, Synkrisis, Ethopoiie), teils durch Weglassen (Topos). Hinsichtlich der Unterschiede von anderen Progymnasmen bringt N. in der Hauptsache altes Erbgut. Dagegen bei den Unterarten der einzelnen Progymnasmen bringt er manchmal reicheres Material (z. B. bei Gnome und Diegema), läßt aber anderseits auch von den Vorgängern aufgestellte Unterarten weg (z. B. die μικτὴ ἔκφρασις und die ἁπλαῖ und συνεζευγμέναι θέσεις). In der διαίρεσις der einzelnen Progymnasmen wird von T. über H. und A. fortschreitend das Bestreben bemerkbar, die Disposition klarer und übersichtlicher zu machen durch Beschränkung der Zahl der Unterteile oder Ausgehen von einfacheren Gesichtspunkten. Die reichen Winke T.s über die Übungsmöglichkeiten sind sehr zusammengeschmolzen; von den τρόποι γυμνασίας sind die Anaskeue und Kataskeue zum Rang von Progymnasmen erhoben, die Klisis wird abgelehnt; die pädagogische Beweglichkeit T.s in der Einübung ist in festen Bahnen erstarrt.

Der Umfang der Lektüre N.’ (vgl. Index bei Felten) zeigt gegenüber T. eine ähnliche Schrumpfung. Homer wird unter den Dichtern am meisten zitiert, Theognis einmal, Pindar nur genannt; von den Tragikern nur Euripides und ein unbekannter, von den Komikern nur Menandros und ein unbekannter. Bei den Rednern finden sich mehrere Zitate aus Isokrates, weitaus die meisten von Demosthenes und nur eins von Aischines. Mehrmals wird auch Aristeides genannt. Von den Geschichtsschreibern wird Xenophon nur für die Ἀπομνημονεύματα genannt, ferner Herodot und Thukydides. Und auch diese verhältnismäßig wenigen Zitate brauchen nicht alle auf eigener Lektüre zu beruhen, da sich ein Teil davon schon bei früheren Progymnasmatikern findet, also tralatizisches Gut ist.

Der Stil ist, entsprechend dem διδασκαλικὸς χαρακτήρ, einfach und schlicht, ja darüber hinaus arm an Redewendungen, gleiche Gedanken erscheinen bei ihm in bestimmten stereotypen [443] Wendungen. Diese Wiederholungen sind, wie wir oben bei Besprechung der Disposition sahen, zum Teil durch das wenig glückliche Herübernehmen von Stoff aus der Einleitung in die Ausführung verursacht. Aber trotz aller Schlichtheit fehlen doch auch gewisse gezierte Redewendungen nicht ganz (Schissel Gr. Novelle, Halle 1913, 9).

Die Terminologie ist nicht immer konsequent. Nach 47, 12 scheint N. auch keinen besonderen Wert darauf gelegt zu haben; denn es ist ihm ziemlich gleich, ob jemand von μέρη oder εἴδη τῆς ῥητορικῆς spricht. So verwendet er selbst bald das eine, bald das andere, außerdem εἶδος in doppeltem Sinne, meist für eine der drei Redearten, 49, 13 aber für die Unterteile des ἐγκωμιαστικὸν μέρος. Ebenso ist bei ihm 49, 4 ἔπαινος vom ἐγκώμιον unterschieden, anderseits aber sind 57, 8. 58, 2 ἔπαινος und ψόγος Unterteile des Enkomions. Ebenso schwankt er unter dem Einfluß T.s, obwohl er ausdrücklich das διήγημα von der διήγηοις unterscheidet, in der Anwendung beider Termini; O. Schissel Gr. Novelle 9 will deshalb sogar an einer Stelle den Text ändern, wogegen sich K. Münscher Burs. CLXX 202 mit Recht wendet. Die elocutio bezeichnet er meist mit φράσις (11, 3. 58, 9. 63, 3. 70, 20. 79, 10), aber auch mit ἀπαγγελία (66, 9). Die Unterarten der Progymnasmen nennt er statt εἴδη oder γένη ,διαφοραί‘ (darüber s. ,Quellen‘ u. Sirikios). Selten ist er neu in der Terminologie; so nennt er z. B. die θεωρητικαὶ θέσεις ,φυσικαί‘ (s. ο. unter XI).

Quellen. N. selbst sagt 1, 7, daß er in seinem Buche die Lehre anderer vereinigt habe, und erklärt an vielen Stellen, daß er die Meinungen anderer vorbringe oder davon abweiche (vgl. Index Feltens u. τινές). Ja er scheint sogar die Argumente anderer wörtlich ausgeschrieben zu haben (8, 18. 11, 11) und gibt das 1, 10 offen zu. Mit diesem Verzicht auf Originalität verbindet sich eine gewisse Eitelkeit, die ihn auch dort, wo er sich dem κεκρατηκὸς ἔθος (50, 9. 63, 22. 65, 11. 68, 5 usw.) anschließt, die Meinungen anderer anführen läßt, um seine Belesenheit und Stoffbeherrschung zu zeigen. Diese Eitelkeit verführt ihn dann doch, trotz seines ehrlichen Eingeständnisses in der Einleitung, ein paarmal dazu, fremdes Gut als seins auszugeben (21, 14. 67, 12 ἐμοὶ δέ, obwohl er sein Wissen Theon verdankt).

Nach sophistischer Manier nennt N. seine Quellen nicht. Von den vielen Progymnasmatikern, die es gegeben hat, nennt er namentlich nur den Sirikios S. 28, 7 (Zeit Konstantins d. Gr., vgl. Glückner 99. 101. Felten praef. XXVIII). Ihm verdankt N. die Unterscheidung von γνῶμαι προστακτικαί, εὐκτικαί, ἀπαγορευτικαί, κατ’ ἐπίκρισιν und die von ἄδοξοι und ἔνδοξοι. Aus dem Vergleich von 27, 14 und 28, 7 geht hervor, daß Sirikios bei der διαίρεσις nicht von εἴδη, sondern von διαφοραὶ πρὸς ἀλλήλας gesprochen hat; auch N. verwendet diesen Ausdruck wiederholt (12, 7; nur διαφοραί 20, 6. 26, 8 und 55, 21, hier wieder im Gegensatz zu διαίρεσις). Ob man aber daraus auf weitergehende Beeinflussung N.’ durch Sirikios schließen darf, bleibt darum unsicher, weil auch H. 7, 7 und A. 34, 4 in diesem Sinn von διαφοραί sprechen. Ob N. [444] den Sirikios selbst eingesehen hat oder das Zitat aus Sopatros hat, ist unsicher; jedenfalls hat der wohl von N. benutzte Sopatros seinerseits wieder wenigstens die Techne des Sirikios benutzt (Schissel Byzantion ΙII 1926, 205f. Rabe Proleg. Syll. 319, 4. 328, 14).

Daß N. ferner Theon, direkt oder mindestens indirekt, benutzt hat, lehren die von Felten praef. XXVIIIf. und mir oben bei der Besprechung der einzelnen Progymnasmen angeführten Parallelen. Und zwar hat er, was Felten nicht erwähnt, T.’ Buch noch in unversehrtem Zustande gekannt, nicht mit der späteren Umstellung der Progymnasmen, denn er polemisiert gegen T.’ Reihenfolge, und also wohl auch einschließlich der letzten fünf wohl gleichzeitig mit der Umstellung weggelassenen Progymnasmen. Denn diese Umstellung und Verstümmelung dürfte nicht vor dem 6. Jhdt. n. Chr. erfolgt sein (nach Rabe ed. Sardian. praef. XX hat auch der, übrigens von Schissel Byz. Ztschr. XXXI 77 als ‚mythisch‘ bezeichnete, Gewährsmann Sardians T. noch vollständig gelesen). Allerdings erwähnt N. diese fünf Progymnasmen nicht, denn der Hinweis auf die ἀντιρρητικοὶ λόγοι (S. 56f., vgl. 34, 7) geht nicht auf T., sondern wohl auf Sopatros zurück.

Ob N. die Progymnasmen des Minukian benutzt hat, läßt sich nicht nachweisen, da diese verloren sind. An und für sich wäre es ja möglich, einmal, weil Minukians Progymnasmen ja noch fortlebten und im 3. Jhdt. von Alexandros von Laodikeia kommentiert sind, zum anderen, weil sie philosophisch gehalten waren. Da wir wissen, daß Minukian in seiner Techne εἴδη (z. B. ἠθικόν, παθητικόν, μικτόν) und τρόποι προβλημάτων (z. Β. ἔνδοξον und ἄδοξον) unterschieden hat, können die drei Arten der Ethopoiien (N. 64, 14) und die beiden Arten der Gnome (N. 28, 2) zuerst von ihm aufgestellt sein, um so mehr, als ja die Prosopopoiien nach 63, 11ff. mit den Thesen eine gewisse Verwandtschaft haben, die Sueton προβλήματα nannte (Reichel 128). Aber N. braucht diese Unterarten natürlich keineswegs von Minukian zu haben; denn die drei Arten der Ethopoiien sind von H. an Gemeingut; und die beiden Arten der Gnome hat N., wie er selbst sagt, von Sirikios. Für den Fall, daß Emporius in seiner neuplatonisch orientierten Polemik gegen H. wirklich, wie Schissel behauptet (vgl. Stegemann Art. Μinukianos), letzten Endes auf Minukian zurückgeht, ist es immerhin interessant daß N. 39, 4 dieselbe Anschauung über die διπλοῖ τόποι hat wie Emporius 564, 20 H.

Vorsichtig äußert sich Felten praef. XXX über die Benutzung des Ps.-Hermogenes, die er trotzdem für wahrscheinlich hält. Aber mit Recht sagt Rabe ed. A. praef. XXVI betreffs der Benutzung des T. und H. durch A., daß es merkwürdig wäre, wenn von der unendlichen Anzahl von Büchern solcher Art gerade die beiden erhalten wären, die A. benutzt hat. Und so wird man wohl auch hier unbekannte Mittelquellen annehmen müssen. Eine direkte Benutzung des H. ist auch darum wenig wahrscheinlich, weil N. vielleicht, seinem Lehrer Lachares folgend, in einem Schulgegensatz zu Hermogenes [445] gestanden hat (Schmid-Stählin II 2, 1101, 8; vgl. 857, 7. 934, 7), man müßte denn annehmen, daß N. die Ps.-Hermogenischen Progymnasmen nicht unter dem Namen des H., sondern, wie Syrian, unter dem des Libanios gekannt hat.

Die Benutzung des Aphthonios lehnt Felten praef. XXXf. ab, und Schmid-Stählin und Rabe ed. A. praef. ΧΙII folgen ihm darin, während Brzoska o. Bd. I S. 2799, 5 sich für Abhängigkeit N.’ von A. ausgesprochen hatte. Es ist nun zwar zuzugeben, daß N. im allgemeinen mehr mit T. und H. als mit A. übereinstimmt. Aber der Hauptgrund Feltens gegen die Benutzung, daß N. nichts sage von der getrennten Behandlung von ἀνασκευή und κατασκευή und ebenso ἐγκώμιον und ψόγος bei A., ist nicht stichhaltig. Denn der sogenannte Moses von Khorni, der doch A. ausgiebig benutzt hat, allerdings indirekt durch eine Kompilation aus dem 6. Jhdt. (Rabe ed. A. praef. XVII), sagt auch nichts darüber, daß er zwar die Trennung von ἐγκώμιον und ψόγος nach A. beibehält, aber ἀνασκευή und κατασκευή vereinigt, und N. selbst sagt ebensowenig etwas über die fünf letzten Progymnasmen Theons, obwohl er ihn nachweislich direkt oder indirekt benutzt hat. Anderseits sind die Stellen, wo N. mit A. allein übereinstimmt, zahlreicher, als Felten angibt, wie ich oben in der Besprechung der einzelnen Progymnasmen gezeigt habe. Ich halte es also durchaus für möglich, daß N. den A., wenigstens indirekt, gekannt hat.

Gekannt hat N. vielleicht auch den von Felten nicht unter den Quellen angegebenen Sopatros (zweite Hälfte des 4. Jhdts. nach Glöckner u. Bd. III Α S. 1006, 34. 61). Denn nach Rabe ed. Ioann. Sardian. praef. XXIVf. hatte Sopatros eine ganz ähnliche Disposition innerhalb der einzelnen Progymnasmen wie N. Sopatros dürfte unter den τινές mit gemeint sein, die nach N. 8, 16 die Nützlichkeit der Mythen für alle drei εἴδη ῥητορικῆς behauptet haben (Sopatr. bei Sard. 11, 14, vgl. Rabe ed. praef. XXVI). Bei N.’ Äußerung 25, 15, daß es noch viele andere Unterschiede zwischen Gnome und Chrie gebe, ist vielleicht an Sopatros (bei Sard. 63, 7, vgl. Rabe praef. XXIX) gedacht, der zu den von A. genannten zwei Unterschieden noch andere hinzufügt. Bemerkenswert ist, daß der Unterschied des κοινὸς τόπος vom ἐπίλογος, auf den N. 46, 15ff. anspielt, sich Sard. 96, 10ff. findet, also vielleicht auch aus Sopatros stammt. Ferner stimmt N. mit Sopatros (vielleicht allerdings auch mit A.; s. ο. VI.) darin überein, daß nur κακά im Topos behandelt werden, weicht aber mit der Unterscheidung vom ψόγος wieder von der Auffassung des Sopatros ab, daß auch das ἁμάρτημα zum Topos gehöre. Vor allem stimmen beide in ihrer Polemik gegen athenische Professoren, die ἐριστικοὺς σοφιστάς oder ἐν ῥητορικῇ βαθείας ὑπήνας καθέλκοντας, wie sie Sopatros nennt (Rabe ed. Sard. praef. XXVI), überein. Wie Sopatros (Rabe ed. A. 68, 107ff.) die Behauptung dieser Leute, daß die Thesis eine τελεία ὑπόθεσις sei, weil sie κεφάλαια habe, damit widerlegt, daß dies keine κεφάλαια seien, sondern nur ἐπιχειρήματα ἐπὶ τῷ κεφαλαίῳ (sc. τῷ καλῷ; vgl. 69, 131. 120) λαμβανόμενα, so erklärt [446] auch N. 72, 3ff. die sog. κεφάλαια als ἐνθυμήματα über ein κεφάλαιον, nämlich das ἀγαθόν. Da N. 65, 11ff. ganz ähnlich sich gegen die wendet, die bei der Ethopoiie von Kephalaia sprechen, während es Enthymeme über eine der drei Zeiten sind, dürfen wir annehmen, daß auch diese Polemik sich bei Sopatros fand. In der damals aktuellen Streitfrage allerdings, zu welchem εἴδος ῥητορικῆς die Rede des Aristeides ὑπὲρ τῶν τεττάρων gehöre, hält sich N. nicht so sehr an Sopatros, als an Athanasios (Mitte des 4. Jhdts. n. Chr.). Dieser hat nach Schol. Aristid. III 456, 23 Dind. diese Rede für eine ἀντίρρησις erklärt und diese wieder mit Theon für ein μερικὸν εἴδος τῆς ῥητορικῆς (ebd. 437, 25, vgl. Glöckner u. Bd. III A S. 1004, 44 und Fr. Lenz Untersuchungen zu den Aristeidesscholien, Berl. 1934 [= Problemata 8] 120f., der aber im Gegensatz zu Glöckner das Theonzitat nicht Athanasios, sondern dem aus der Schule des Sopatros stammenden Verfasser der Hypothesis zuschreibt). Sopatros dagegen hielt (Schol. in Aristid. III 757, 4ff. Dind.) die Rede für einen πανηγυρικὸς λόγος, obwohl er anderseits die Lehre T.’ von der ἀντίρρησις als vierten εἴδος ῥητορικῆς annimmt (Ioann. Sic. VI 456, 2 W. = Rabe ed. A. 57). N. vermittelt; einerseits erklärt er die Rede mit Athanasios für einen ἀντιρρητικὸς λόγος S. 57, 3, anderseits aber rechnet er S. 56 die ἀντιρρητικοὶ zum δικανικόν, so daß also letzten Endes die Aristidesrede doch zum δικανικόν gehört, wogegen gerade Athanasios und Sopatros Einspruch erhoben hatten. Dem Sopatros kommt N. aber wieder dadurch entgegen, daß er Mischungen zwischen δικανικόν und πανηγυρικόν zugibt, wo die ὕλη aus letzterem stammt. Auch Athanasios hatte ja das panegyrische Element nicht ganz leugnen können und die ἀγῶνες nur beim πρᾶγμα gefunden (Schol. in Aristid. IIΙ 438, 33), beim πρόσωπον dagegen ἐγκώμια. Zweimal verwendet N. bei der Rede des Isokrates κατὰ τῶν σοφιστῶν Argumente, die Sopatros für die Aristidesrede herangezogen hatte (N. 54, 6, vgl. Sopatr. Schol. in Aristid. IIΙ 751, 30 Dind.: Die Überschrift allein kann nicht zur Feststellung der Redeart dienen. N. S. 54 vgl. Sopatr. 465, 22: Eine Rede, die nur ψόγος und λοιδορία enthält, keine strafbaren Vergehen, gehört zum πανηγυρικόν).

Für die von N. angeführten Beispiele speziell nimmt Baumgartner ZDMG XL, 1886, 461 ein verlorenes rhetorisches Handbuch als Quelle an, das auch der sog. Moses von Khorni benutzt habe. Aber Rabe ed. A. praef. XVII nimmt an, daß der anonyme Verfasser des ,Buches der Chrie‘ eine Kompilation aus dem 6. Jhdt. in Händen gehabt hat, nicht das Buch des A. selbst. Und so brauchte keine gemeinsame Quelle mit N. vorzuliegen, sondern dieser Kompilator könnte neben A. nebenbei N. benutzt haben.

Außer den Quellen für die Progymnasmen muß N. auch noch Quellen für die Stücke seiner Schrift gehabt haben, die sich auf die gesamte Rhetorik erstrecken (S. 1—5. 54, 22ff.). Hier wird Platon mehrfach erwähnt (Felten praef. XXXI), Aristoteles nur einmal und dazu fälschlich, da er gar nicht der Schöpfer des vierten Teiles der Rhetorik, des ἱστορικόν = μικτόν, ist (Angermann De Aristotele rhet. auct., Lips. [447] 1904, 70). Nach Felten verdankt N. auch diese falsche Nachricht der Techne, aus der der Anonymus Seguerianus eine Epitome darstellt, indirekt dem die Vierteilung liebenden Neokles. Die Lehre des Kornutos hat N. nicht aus dessen τέχναι ῥητορικαί, sondern nur aus Porphyrios kennengelernt. Auf Porphyrios geht auch die 13, 19 von N. den τινές zugeschriebene Lehre vom siebenten στοιχεῖον, der ὕλη, zurück (Felten praef. XXXII). Die Übereinstimmungen mit dem Anonymus Seguerianus, den N. nicht direkt benutzt hat, sondern vielmehr dessen ungekürzte Vorlage, zählt Felten auf (nach Graeven ed. XIX—XXI), ebenso praef. ΧΧΧII A. 1 und XXXIII die Übereinstimmungen mit Rufus, der seinerseits eng mit der Epitome des Anonymus Seguerianus zusammenhängt. Seiner ihm durch die Quelle des Anonymus Seguerianus und ebenso durch Theon (vgl. Stegemann Art. Theon) vermittelten Einstellung nach ist N. Theodoreer in der Betonung des οὐκ ἀεί, des καιρός. N. 14, 6 erwähnt die Theodoreische Lehre von der πιθανότης als einziger ἀρετὴ διηγήσεως, der er sich allerdings nicht anschließt. Wer der N. 2, 12 für die Definition der Rhetorik genannte Θεόδωρος ist (so schreibt Felten statt des hs. Διόδωρος), weiß man nicht (Brzoska o. Bd. V S. 707 Nr. 45); auf keinen Fall ist es Theodoros Gad. Daß sich die einzige Stelle N. 40, 12, wo Apollodoreischer Einfluß erscheint (λόγος ἀκέφαλος), durch N.’ Hinneigung zu Platon erklärt, haben wir oben gesehen. Wenn wir Graeven XXXIX 1 glauben dürfen, wäre allerdings auch die Definition, die N. in seiner Einleitung vom Prooimion gibt, apollodoreisch.

Nachleben. Aus dem von Felten praef. XVIII aufgestellten Stemma soll hervorgehen, daß nur Ioann. Sardianos im 10. Jhdt. (bzw. 9. Jhdt.: H. Rabe ed. Sard. praef. XVII und berichtigend O. Schissel Byz. Ztschr. XXXI 75ff.) N. direkt benutzt hat (vgl. Felten praef. XIV—XVI). Doch ist das strittig; denn Rabe ed. Sard. praef. XXXIII (vgl. XX und Index I S. 276f.) sucht nachzuweisen, daß auch Sardian N. nicht eingesehen habe, sondern die N.-Zitate in seiner Quelle vorfand, während Schissel 78 wieder der Ansicht Feltens zuneigt. Doxapatres schöpft seine N.-Zitate aus den P-Scholien (Felten praef. XVI—XVIII. Vgl. Rabe Rh. Mus. LXII 577f.; ed. Sard. praef. XXXIII), die gleichfalls nur indirekt mit N. Zusammenhängen und aus derselben Quelle (x) geschöpft sind wie die Ac-Scholien des 11. Jhdts. Auch Maximus Planudes hat seine Kenntnis N.’ nur aus Ioann. Sardianos und den Pa-Scholien. Jedenfalls verdanken die Progymnasmen des N. nur dem Umstande ihre Erhaltung, daß sie geeignet erschienen zur Erklärung der Progymnasmen des Aphthonios (Rabe ed. A. praef. XIII).

Handschriften. Vgl. Felten praef., der aber etwas mehr über die Hss. der P-Scholien sagen konnte, z. B. über den Monacensis 8, der die Quelle für Finckhs geistvolle Entdeckung war.

Musterbeispiele

3b. Neben dem wohl aus Vorlesungen für Schüler entstandenen Lehrbuch der Theorie der Progymnasmen sind uns nun praktische Musterbeispiele, die auch ,Progymnasmata‘ [448] genannt werden, erhalten, die in zwei von den vier Hss. unter dem Namen N. gehen.

Diese hat Chr. Walz 1832 ediert Rhet. Gr. I 262—420. Ein Teil von diesen findet sich aber auch im Corpus Libanianum (Libanii op. ed. Förster vol. VIII: Dieg. 32. 34. 36. Enkom. 9. Ekphr. 18—28. Thes. 2. 3. Synegoria). Nachdem schon Förster (209, 2. 438, 2. 443. 549. 567. Vgl. Richtsteig Libanius qua ratione Platonis operibus usus sit, Bresl. 1918, 163) alle Diegemata; Chrie 4; Gnome 2 und 3; Kataskeue 3; Enkomion 9; Ethopoiie 9, 13, 20, 22, 24—27; Ekphrasis 8—30; Thesis 2 und 3 und die Synegorie dem Libanios abgesprochen und für Werke des N. erklärt hatte, hat K. Orinsky in seiner Dissertation De Nicolai Myrensis et Libanii quae feruntur progymnasmatis, Breslau 1920, nachgewiesen, daß gemäß den akzentuierenden Klauseln statt der quantitierenden des Libanios und nach der in Phraseologie, Wortschatz und Syntax mit den übrigen Walz-Progymnasmen übereinstimmenden Sprache die Libanios und N. gemeinsamen Progymnasmen wirklich nicht dem Libanios gehören, sondern mit den übrigen Walz-Progymnasmen einen Verfasser haben, den er nach dem Zeugnis des Paris. gr. 2918 und Barocc. 131 Nikolaos nennt. Nach denselben Gesichtspunkten weist ferner Orinsky noch eine Reihe weiterer Progymnasmen des Libanioskorpus, die noch nicht bei Walz stehen, demselben Verfasser zu. Mit Bestimmtheit zunächst die Ekphr. 17 des Ps.-Libanios, die nur darum noch nicht von Walz mit aufgenommen wurde, weil seine Hs. dort eine Lücke aufwies. Ferner mit ziemlicher Sicherheit Dieg. 19, 22, 24, 31, 37—39. Ethop. 26. Ekphr. 8—16. Ich glaube nach eingehender Nachprüfung, daß man unbedenklich auch diese Gruppe von Progymnasmen für denselben Verfasser in Anspruch nehmen darf, der die Walz-Progymnasmen geschrieben hat.

Abkürzungen. T., Η., A. und N. in derselben Bedeutung wie oben 3a; dazu L. = Ps.-Libanios bzw. Libanios vol. VIII Förster.

Als Progymnasmen des sog. Nikolaos ergeben sich demnach:

I. 10 μῦθοι (266—268 W.), von denen der fünfte (267 W.) dasselbe Thema behandelt wie L. S. 24, 3ff. Weiteres s. u. ,Verfasserfrage‘.

II. 19 διηγήματα (12 bei W. 269—272, zu deren Textkritik man J. Jacobs Diss. Marburg 1899, 9—11 vergleiche, dazu 7 bei L. nr. 19. 22. 24. 31. 37—39). nr. 7 W. stimmt im Thema und den Anfangsworten mit der vierten Erzählung des Libaniosschülers Severus von Alexandreia I 538, 21 W. überein (vgl. Jacobs 22. 24). nr. 8 W. behandelt dasselbe Thema wie L. 35, 5ff. und fängt mit denselben Worten an, nr. 10 W. behandelt dasselbe Thema wie L. 54, 4ff. Einige dieser Diegemata[WS 4] wurden in oft anklingendem Wortlaut auch in die jüngere Fassung der Geoponica aufgenommen (nr. 4 W. ~ Geop. l. XI c. 15, nr. 5 W. ~ a. O. c. 29, nr. 8 W. ~ c. 10, nr. 12 W. ~ c. 4, nr. 3 W. Ἐλαία ist benutzt in der Μυρσίνη c. 6: Jacobs 12. 36. 48f. 58).

III. 4 χρείαι (272—278 W.). Die erste behandelt ein auch von L. ausgeführtes Beispiel mit Benutzung desselben (Förster 74. 1). Die [449] zweite behandelt das Theano-Thema, das von T. 98, 3 für die πυσματική genannt wurde.

IV. 4 γνῶμαι (278—288 W.). Die zweite behandelt dasselbe Thema wie L. 117, 3ff. und weist Berührungspunkte damit auf.

V. 7 άνασκευαί (4 auf S. 284—291 W., 3 auf S. 307—314 W. mitten unter den κατασκευαί).

VI. 9 κατασκευαί (292—307. 314—319 W.). Die erste behandelt dasselbe Thema wie L. 138ff., nicht ohne viele Anklänge an diesen.

VII. 5 κοινοὶ τόποι (319—328 W.). Der erste behandelt dasselbe Thema wie L. 171, die Anfangsworte stimmen ganz überein (Förster A. 18).

VIII. 7 ἐγκώμια (329—341 W.). Das dritte behandelt dasselbe Thema wie L. 267, 15ff. und ahmt ihn nach (Förster 268 A. 1).

IX. 11 ψόγοι (341—355 W.). Der dritte behandelt dasselbe Thema wie L. 324, 12ff. in ähnlicher Weise (Förster A. zu 324, 13).

X. 14 συγκρίσεις (355, 20—381, 3 W.). Die zweite benutzt L. 342, 15ff., der dasselbe Thema behandelt, die fünfte ebenso L. 349, 18ff. (Förster A. zu 342, 16 und 351, 10). Allgemeine Literatur zur Synkrisis vgl. E. Orth Photiana, Lpz. 1928, 111.

XI. 14 ἠθοποιίαι (13 auf S. 382, 9—394, 18 W., dazu Ethop. 26 L. 434, 10). Das Thema der ersten, die völlig dem Musterbeispiel des A. gleicht, hat L. auf zwei verschiedene Weisen behandelt (391, 7. 394, 16). Die zweite klingt nur in der Einleitung an das gleiche Thema bei L. 423, 16 an.

XII. 21 ἐκφράσεις (11 auf S. 394, 21—414, 26 W., dazu 10 bei L. nr. 8—17 S. 483, 1—507, 18). Zur Einreihung dieser Schilderungen in die Geschichte der rhetorischen Ekphrasen vgl. A. Frey-Sallmann Aus dem Nachleben antiker Göttergestalten (Erbe d. Alt. 2. R. XIX, Lpz. 1931) 11. 13—23. Über das Fortleben der Ekphrasen und der Progymnasmen überhaupt im modernen Aufsatzunterricht vgl. O. Immisch Das Nachleben der Antike (Erbe d. Alt. 2. R. I, Lpz. 1919) 48.

XIII. 2 θέσεις (415, 3—418, 31 W.).

XIV. 1 συνηγορία νόμου (419, 4ff. W.).

Die (wie bei dem sog. Moses von Khorni und Nikephoros Basilakes I 421ff. W.) ganz verschiedene Zahl der Beispiele für die einzelnen Progymnasmen ist (soweit sie nicht durch Auswahl aus einer ursprünglichen größeren Zahl zu erklären ist) ein Zeichen für den Geschmack der Zeit und für das, was man unterrichtlich für das Wichtigste hielt; daher die hohe Zahl der Beispiele für Erzählung und Ekphrase und umgekehrt die geringe für Thesis und Eisphora, die manche Lehrer als zu schwer überhaupt wegließen (Rabe ed. A. praef. ΧIIΙ).

Der Stil dieser Progymnasmen ist arm an Redewendungen, Figuren und Tropen (Orinsky 39). Den Mangel an Geist sucht der Verfasser durch eine gekünstelte Ausdrucksweise zu verdecken. Statt geläufiger Ausdrücke gebraucht er geschraubte, z. B. für γίγνομαι = nasci stets προέρχομαι. Statt des einfachen Verbs verwendet er mit Vorliebe, jedoch ohne jede Nuance des Sinnes, Umschreibungen mit ἐπίσταμαι, οἶδα, [450] γιγνώσκω, ebenso Verbindungen von einem Substantiv mit einem Verb (z. B. ἐπίδειξις γίνεται). Er hat eine Vorliebe für Verbalsubstantivs auf -μα (z. B. προκάλυμμα statt ἐσθής) und -σις. Substantiva von Abstrakten gebraucht er im Unterschied von Isokrates und Chorikios nie im Plural (Orinsky 43). Personifikationen von Abstrakten liebt er sehr. Hervorzuheben ist die Verwendung des Artikels in der Funktion des Demonstrativs vor dem Relativ (z. B. τῶν ὅσα). Für αὐτῷ sagt er immer οἱ, das aber in den Walz-Progymnasmen nicht vorkommt. Beim Verb hat der Verfasser eine große Vorliebe für Komposita (Schmid Attiz. IV 441), namentlich solche mit κατα- (Orinsky 44) und die sog. τριπλᾶ; die τετραπλᾶ werden vermieden. Sehr gern verwendet er solche, die mit zwei Präpositionen gebildet sind. Sonst gebräuchliche Präpositionen sind durch andere verdrängt (Orinsky 45f.); z. B. sagt er παρά und πρός c. Gen. statt ὑπό c. Gen., ἔξω und χωρίς für ἄνευ, πρός c. Acc. für διά c. Acc. = wegen, εἰς c. Acc., ἐπί c. Dat., κατά c. Acc., περί c. Acc. sehr häufig für ἐν.

Der Hiat wird im allgemeinen streng vermieden (Orinsky 30). Der Verfasaer verwendet nur die Akzentklausel zum Unterschied von Libanios (Orinsky 16—29).

In der Wortwahl macht sich das Streben bemerkbar, gewähltere Worte zu gebrauchen (z. B. γονή, βλέπω, θεάομαι, θεωρεῖν, κλῆσις, προσηγορία, δέος: Orinsky 38) und attisch zu schreiben (Jacobs 45 über κατόπιν). Nicht selten folgt der Verfasser hier aber auch dem Sprachgebrauch seiner Zeit (z. B. ἀφίημι oder καταλείπω statt ἐάω, ὥρα statt κάλλος). Im ganzen scheint sein stilistisches Vorbild eher Thukydides zu sein als Demosthenes (so Richtsteig Diss. Bresl. 1918, 163f. und in der Rezension Orinskys, Förster-Münscher o. Bd. XII S. 2521, 61; zu Ekphr. 11 notiert Förster allein sieben Parallelen aus Thukydides, zu Ekphr. 8 deren drei). Auch darin unterscheidet er sich von Libanios, daß sich Platonnachahmung bei ihm viel seltener konstatieren läßt (Richtsteig a. O.). Inwiefern der Verfasser dieser Progymnasmen die stilistischen Unterschiede beachtet hat, wodurch z. B. nach der Lehre des N. in den προθεωρίαι sich die einzelnen Übungen voneinander unterscheiden, bleibt noch zu untersuchen, etwa in der Art, wie das für Ethopoiien des Severus von Alexandreia Schissel Byz.-Neugr. Jahrb. VIII 12f., Karnthaler ebd. 329f. und Glettner ebd. IX 102f. geleistet haben, für eine Ethopoiie des Theodoros von Kynopolis Schissel ebd. VIII 342—347.

Quellen. Der Verfasser der Progymnasmen zeigt sich einmal als ein eifriger, aber beschränkter Nachahmer des Libanios (Orinsky 8—16). Er nimmt seine Gedanken immer nur aus denjenigen Progymnasmen des Libanios, die dasselbe Thema behandeln wie er; neunmal stimmen beide im Thema überein. In einer Chrie stammt der Gedankengang der einzelnen Sätze Stück für Stück aus jenem. Bei dieser Unselbständigkeit nimmt Orinsky, wohl mit Recht, an, daß der Verfasaer auch in den drei Progymnasmen, die keine oder wenige Reminiszenzen [451] aus Libanios aufweisen, ein uns verlorenes Muster nachgeahmt hat.

Zum andern finden wir, worauf Rabe ed. A. praef. XIV 1 hinweist, an unzähligen Stellen Worte und Gedanken der Musterbeispiele A.’ wieder. Rabe notiert nur darum sehr wenige Parallelen, weil der Text der Walz-Progymnasmen so wenig feststeht. Hiervon wird noch zu reden sein. Jedenfalls ist das Verhältnis der Musterbeispiele A.’ zu denen des sog. N. höchst wichtig für die Feststellung des Verfassers.

Verfasserfrage. Felten ed. N. praef. XXVII hatte noch mit berechtigter Vorsicht gesagt, daß die Beziehungen zwischen N. und den unter seinem Namen von Walz edierten Musterbeispielen noch nicht feststünden. Dagegen Orinsky (3) bezweifelt nicht, daß sowohl das theoretische Lehrbuch als die Musterbeispiele von einem Verfasser, eben N., sind und führt dafür S. 16 den recht allgemeinen Grund an, daß N. in den Musterbeispielen dieselbe Unselbständigkeit zeige wie in seinem Lehrbuch. Auch Förster-Münscher o. Bd. ΧII S. 2529, 30ff. halten N. für den Verfasser. Rabe ed. A. praef. XIV weist zunächst mit Recht auf die vielen Übereinstimmungen der Musterbeispiele des A. mit denen des sog. N. hin. Er hat zunächst daran gedacht, daß die Walz-Progymnasmen auch von A. verfaßt wären, ist aber davon abgekommen.

Was zunächst die hs. Überlieferung betrifft, so läßt sich noch nicht feststellen, wie die Textgeschichte der προθεωρίαι mit der der Musterbeispiele zusammenhängt. Jedenfalls hat in den Sammlungen solcher Beispiele eine große Verwirrung geherrscht was schon aus der Tatsache hervorgeht daß eine große Reihe von sog. N.-Progymnasmen unter dem Namen des L. umliefen. Aber wenn im Barber. 240 und Paris. 2918 (I 381 W.; vgl. Rabe ed. A. praef. XIV) die Beispiele zur Ethopoiie mit dem Musterbeispiel des A. (Niobe) beginnen und davor noch der ὅρος ἠθοποιίας des A. steht, wenn in einigen Hs. (vgl. Furia Fab. Aesop., Lips. 1810, p. LXXVIII über einen Cod. Pal., Sylburg 156, und Barocc. 50. Von den A.-Fabeln drangen einzelne auch in das Korpus der äsopischen ein; vgl. Chambry Aesopi Fab., Paris 1925, 20 über Vat. 777; 22 über Par. 2494; 23 über Par. 2900) 40 μῦθοι Ἀφθονίου ῥήτορος erhalten sind, die ebenfalls mit dem einen Musterbeispiel des A. 2, 3—12 beginnen (vgl. Brzoska o. Bd. I S. 2800, 37), wenn Paris. 3032 (Ph) mit dem κοινὸς τόπος κατ’ ἀνδροφόνου beginnt (den ich übrigens auch für Aphthonianisch halte), dann 17v den τόπος κατὰ ἀργοῦ (= 323, 13—20 W.) und 22r die ἔκφρασις κήπου (= L. 485, 4—486, 10) bringt mitten unter Stücken aus A. und mit der Subscriptio f. 22v ,Προγυμνάσματα Ἀφθονίου‘, so macht das doch stutzig, und es fragt sich, ob darauf nicht mehr Nachdruck zu legen ist als auf die bloße Nennung des N. als Verfasser der Walz-Progymnasmen im Paris. gr. 2918 und Barocc. 131.

Zu diesen schon von Rabe bemerkten Tatsachen der hs. Überlieferung kommt aber der unbeachtet gebliebene Umstand hinzu, daß sämtliche zehn Mythen des sog. N. sich in der eben [452] erwähnten Sammlung der 40 Aphthonios-Mythen wiederfinden, und zwar ist N. 1 = A. 8, N. 2 = A. 10, N. 3 = A. 13, N. 4 = A. 17, N. 5 = A. 21, N. 6 = A. 22, N. 7 = A. 24, N. 8 = A. 29, N. 9 = A. 30, N. 10 = A. 23. Mit Ausnahme von N. 10, das eigentlich zwischen N. 6 und N. 7 stehen müßte, hat also der Zusammensteller der Auswahl die Reihenfolge der A.-Sammlung bewahrt. An A. als Verfasser dieser Sammlung zu zweifeln ist um so weniger Grund, als man ja auch die das rhetorische Fabelkorpus einleitende knappe Äsiopbiographie dem A. zuschrieb (z. B. im Cod. Paris. 690 und 2825; vgl. A. Chambry 5, 15. Hausrath o. Bd. VI S. 1734, 34). Wenn man den Text der betreffenden zehn Mythen in der A.-Sammlung (ed. Neveletus Mythologia Aesopica, Frankfurt 1610, 322—353. — Furia 85—91 gibt als nr. 200—222 nur 23 Fabeln, zu denen in der lateinischen Übersetzung II 89—96 die betreffenden Nummern bei Neveletus genannt werden) mit dem Walz-Text vergleicht, kommt man zu dem Ergebnis, daß der von Walz benutzte Paris. 2918 eine bessere Textgestalt bietet als der vom ersten Herausgeber der A.-Sammlung Kimedoncius ausgeschriebene und von Neveletus erneut verglichene Palatinus (P.). Meist sind die Varianten nur gering.

Von der Seite der hsl. Überlieferung her wird also die Annahme, N. sei der Verfasser der fraglichen Musterbeispiele, schwer erschüttert, und auch ein Vergleich mit der Lehre des N. führt zu keinem anderen Resultat.

Der Wert eines Vergleiches zwischen Theorie und Praxis wird allerdings dadurch etwas geschmälert, daß die Rhetoren sich um Widersprüche oft nicht kümmerten (Rabe ed. H. praef. VI). So paßt manchmal das Musterbeispiel des A. nicht genau zu seiner Theorie. Immerhin wird eine Häufung von Übereinstimmungen oder Widersprüchen einen Rückschluß auf den Verfasser der Progymnasmen zulassen. Vergleichen wir darum mit ihnen die theoretischen Anschauungen des N. und A.

I. Die Mythen sind fast alle ἐκ μόνων ἀλόγων nach N. 6, 20 oder ἠθικοί nach A. 1, 13. Auch die Musterbeispiele bei H. und A. waren ἠθικοί. Daß alle zehn ein ἐπιμύθιον haben, was N. allein gelten läßt, während A. 2, 1 auch ein προμύθιον kennt, spricht darum nicht für N., weil A. in seinem Musterbeispiel 2, 11 und ebenso in allen übrigen 39 Mythen seiner Sammlung auch ein ἐπιμύθιον bringt und dies der bei weitem vorherrschende Brauch war.

II. Die Erzählungen sind alle nach der Theorie N.’ ἀφηγηματικά und μυθικά, nach der A.’ δραματικά (πεπλασμένα). Die Mustererzählung A.’ ist ebenfalls ein δραματικὸν διήγημα.

III. Von den Chrien sind nr. 1 und 4 nach N.’ Theorie μικταί, 2 und 3 λογικαί; dagegen nach A. — und dazu stimmen die Benennungen in den Hss. — ist 4 πρακτική, während N. 20, 15 dasselbe Beispiel ohne den Zusatz für die μικτή zitiert. Alle vier würden nach N.’ πρός τι, keine einzige ἁπλῆ sein.

IV. Die Gnomen sind nach den Hss. alle ἀποφαντικαί, ein Terminus, der nur bei T., H. und A. 7, 5 vorkommt, aber nicht bei N. Alle [453] zeigen ὁποῖά ἐστι τὰ πράγματα, nicht ὁποῖα δεῖ εἶναι, so daß diese zweite Art N.’ ganz ohne Beispiel sein würde, wenn die Walz-Progymnasmen wirklich von N. sind, während bei A. wieder als Musterbeispiel eine προτρεπτική vorhanden ist und nur eine ἀποτρεπτική fehlen würde. Die zweite Gnome behandelt das Thema, das A. für die ἀποφαντική gestellt hat.

Die ἐργασία der Chrien und Gnomen stimmt darin mit A. überein, daß auf den Topos ἐκ τοῦ ἐναντίου der ἐκ παραβολῆς folgt, während nach N. 24, 4ff. letzterer zum εἰκός gehört.

V. und VI. Die Trennung der Beispiele für Anaskeue und Kataskeue weist, wie später die von Enkomion und Psogos, auf A. hin, während N. diese Progymnasmen paarweise zusammenfaßt und Kataskeue und Psogos nur kurz berührt; um so bemerkenswerter ist, daß die Walz-Progymnasmen mehr Beispiele für diese bringen als für Anaskeue und Enkomion. Wie A.’ beidemal dasselbe Thema (Daphne) behandelt, so lassen sich in den Walz-Progymnasmen weitere vier Paare für Widerlegung und Beweis zusammenstellen.

VII. Beim Topos würden die von N. 39, 1 genannten διπλοῖ nicht vertreten sein. In der ἐργασία ist wieder Übereinstimmung mit A., nicht mit N. zu konstatieren; denn die Walz-Progymnasmen bringen die zweite Hälfte der Unterteile in derselben Reihenfolge wie A. 17, 10ff.: γνώμη, παρέκβασις, ἐλέου ἐκβολή, τὰ τελικὰ κεφάλαια, während bei Ν. die γνώμη überhaupt fehlt und die τελικὰ κεφάλαια (44, 19) schon vor der ἐλέου ἐκβολή (45, 4) erscheinen. Das zweite Beispiel κατὰ τοῦ ἀργοῦ scheint auf den ersten Blick sowohl den Vorschriften A.’ (27, 14) als auch N.’ (38) zu widersprechen, weil die ἀργία, wie das von N. angeführte Beispiel κατὰ οἰνόφλυγος, eher Gegenstand des Psogos sein müßte als ἁμάρτημα, wofür Sopatros bei Rabe ed. A. 62, 7 ausdrücklich die ἀργία als Beispiel anführt. Allerdings rechnet Sopatros dann auch dieses ἁμάρτημα zu den Gegenständen des Topos, und aus Poll. VI 151 sehen wir, daß die ἀργία unter den strafbaren ἀδικήματα erscheint (vgl. Poll. VII 40 γραφὴ ἀργίας. 42 Drakon, Solon). So widerspricht also dieses Beispiel κατὰ τοῦ ἀργοῦ durchaus nicht den Regeln von A. und N. Nicht zu N. paßt aber das fünfte Beispiel ὑπὲρ ῥήτορος πρεσβευτοῦ, da N. ausdrücklich 37, 4ff. sich gegen die wendet, die auch für jemand sprechen wollen, wohl aber zu A., wo 16, 19 gegen Rabe zu lesen ist κακῶν ἢ καλῶν.

VIII. Von den Arten des Enkomions, die N. kennt, sind unter den Walz-Progymnasmen vertreten die auf πρόσωπα (nr. 7 auf Themistokles), wofür A. ein Enkomion auf Thukydides bringt. Nach der Einteilung der ἔμψυχα bei N. 58, 1 sind beides ἴδιοι ἔπαινοι, während zu den κοινοί nr. 3 zu rechnen wäre. Von den beiden Gegenständen der πραγμάτων εὐφημία (N. 57, 9) sind die ἄψυχα nicht vertreten, die ἀσώματα durch nr. 6 (εὐαρχία); hierfür steht bei A. das Beispiel der σοφία. Außerdem vertreten nr. 1 und 4 die nicht von N., wohl aber von A. aufgeführten Enkomien auf φυτά und 2 und 5 auf καιροί.

IX. Unter den 11 Psogoi bei Walz [454] würde, wenn wir nicht A.’ Musterbeispiel (ψόγος Φιλίππου) dazu nehmen, vollständig ein Psogos eines Menschen fehlen, obwohl z. B. Libanios sogar vier Beispiele dieser Art bringt. Im übrigen sind wieder alle Gegenstände des Tadels, die A. aufführt, vertreten: καιροί (nr. 1. 2. 11), φυτά (8. 7), ἄλογα ζῷα (5. 8), πράγματα (4. 6. 9. 10).

X. Die Gegenstände der Synkrisis stimmen wieder mit den von A. genannten überein, während N. nur die φυτά besonders nennt: nr. 1. 3. 12. 13 behandeln πρόσωπα der Sage, 2. 11. 14 der Geschichte, 8 ἄλογα ζῷα, 6. 7. 9. 10 φυτά, 4 und 5 πράγματα, 6 καιροί. Entsprechend der Anweisung bei A., bei der Synkrisis dieselben Unterteile zu verwenden wie beim Enkomion außer der ,σύγκρισις‘, fehlt in den Walz-Progymnasmen dieser Unterteil.

XI. Die Ethopoiien sind meist παθητικαί, nur zwei ἠθικαί (nr. 9 W. und nr. 26 L.). Eine μικτή ist nicht vertreten, wenn wir nicht nr. 14 W. dafür halten wollen, nr. 9 W. ist eine Ausarbeitung des von A. 35, 5 vorgeschlagenen Themas. Bei der ἐργασία der Ethopoiie scheint zunächst für N. zu sprechen, daß meist nach der Vergangenheit nicht gleich die Zukunft, sondern erst nochmal die Gegenwart erwähnt wird; denn das verlangt ja N. 65, 11ff. ausdrücklich, A. nicht. Aber in seinem Musterbeispiel tut A. 36, 11 dasselbe.

XII. Von den von N. genannten Gegenständen der Ekphrasen sind vertreten: τόπος nr. 8 und 9 L., πρόσωπα nr. 4 und 7 W. nach Dichtung und Natur und besonders nach ἀγάλματα und εἰκόνες nr. 1. 2. 3. 5. 6. 8—11 W. nr. 13—16 L., πράγματα nr. 10 und 11 L. Es fehlen also unter den von A. und N. genannten Gegenständen die καιροί bzw. χρόνοι (Libanios behandelt hier die Kalenden und den Frühling) und die nur von N. aus den πράγματα abgesonderten πανηγύρεις (ein spätes Beispiel dafür, nicht von Libanios, bei Förster Lib. op. VIII 538, 11ff.). Nach der Klassifizierung bei A. 37, 1 fehlen, wie auch bei Libanios, die φυτά, während die gleichfalls dort genannten ἄλογα ζῷα in nr. 4 und 6 W. und nr. 12 L. vertreten sind. Bemerkenswert ist noch, daß nr. 13 und 14 L. dasselbe Thema behandeln.

XIII. Die beiden Thesen scheinen zunächst nur zu der Theorie N.’ zu passen, nicht zu der von A. gegebenen Einteilung in τελικὰ κεφάλαια. Aber das Musterbeispiel des A. 42, 11 ff. (εἰ γαμητέον) ist ebenfalls nach den ἐγκωμιαστικὰ κεφάλαια gearbeitet, was schon den Alten auffiel. Unter Hinzunahme der beiden obigen Thesen sind dann alle drei von A. 41, 7 für die πολιτικαί angeführten Themata bearbeitet.

XIV. Ebenso bildet die Synegorie ein Gegenstück zu dem bei A. 47, 17ff. stehenden Musterbeispiel einer Kategorie.

Jedenfalls ist festzustellen, daß die ausgeführten Musterbeispiele A.’ nie in ihrem Thema mit einem der vielen sog. N.-Progymnasmen übereinstimmen, wohl aber letztere öfter ein von A. nur genanntes, nicht ausgeführtes Beispiel bearbeiten, oder inhaltlich, weil zu einer andern Unterart gehörig, eine willkommene Ergänzung zu A. bilden; ferner, daß die in den fraglichen [455] Progymnasmen befolgte Theorie eher mit A. als mit N. übereinstimmt.

In diesem Resultat werden wir durch die unzähligen, oben schon erwähnten Übereinstimmungen der sog. N.-Progymnasmen mit den Musterbeispielen des A. bestärkt. Der Verfasser der Progymnasmen entlehnt die ganze Gedankenführung aus A.; die Übergangsformeln stimmen entweder völlig überein oder sind nur leise abgeändert. Es ist hier nicht der Ort, das gesamte Material vorzulegen, für jede Vorübung muß die Angabe einer Parallele genügen (mit Ausnahme des Mythos, der oben schon besprochen ist):

II. A. 3,7 ~ 271,13 W.

III. A. 5,6 ~ 275,27 ~ 277,12 (~ 281,9 W.).

IV. A. 8,20 ~ 278,10 ~ 280,1 ~ 282,22 W.

V. A. 11,5 ~ 284,6 ~ 286,5 ~ 287,22 ~ 289,10 W. (~ 292,6 ~ 294,17 ~ 296,6 usw.).

VI. A. 14,9 ~ 294,11 W.

VII. A. 18,16 ~ 325,25 ~ 327,29 ~ 320,8 ~ 322,15 W.

VIII. A. 22,22 ~ 331,17 ~ 332,22 W.

IX. A. 31,4 ~ 352,26 ~ 355,17 W.

X. A. 32,8 ~ 355,23 ~ 358,15 ~ 361,21 ~ 363,13 ~ 365,10 ~ 366,20 ~ 368,3 ~ 369,9 ~ 371,1 ~ 372,5 ~ 373,15 ~ 376,30 W.

XI. A. 36,16 ~ 385,3. 22 ~ 390,14 W.

XII. A. 41,9 ~ 847,24 ~ 413,24 W.

ΧIII. A. 42,12 ~ 561,10 L.

XIV. A. 51,6 ~ 320,19 ~ 324,14 ~ 326,4 W.

Bemerkenswert ist, daß, wie der Verfasser der sog. N.-Progymnasmen, auch A. sich nicht scheut, diese Übergangsformeln wiederholt zu verwenden (vgl. A. 24, 15 mit 27, 7. 30, 21. A. 18, 6 mit 48, 7. A. 19, 18 mit 48, 4). Allerdings sind einige dieser Formulierungen schon älter als A. So weist Rabe ed. A. praef. XXVI nach, daß A. 20, 15 (vgl. 321, 8. 323, 13. 325, 3. 326, 26. 328, 21 W.) im Grunde auf Anaximenes (I 2 p. 17, 14 Sp.) zurückgeht, und praef. XXVII, daß A. 17, 19 (vgl. 319, 14. 321, 21. 323, 27. 325, 10 W.) auf Libanios VIII 195, 14 F. fußt. Ebenso findet sich die Formulierung A. 19, 6 (vgl. 320, 19. 324, 14 W.) schon bei Libanios 166, 4. Für eine engere Zusammengehörigkeit der sog. N.-Progymnasmen mit den Musterbeispielen A.’ spricht aber die große Zahl der Parallelen und die sonstige Stilverwandtschaft. Wir finden in den Musterbeispielen A.’ fast alle die Stileigentümlichkeiten wieder, die Orinsky für die sog. N.-Progymnasmen festgestellt hat, die Vorliebe für gewählte Worte (προέρχομαι für γίγνομαι, Substantiva auf -μα und -σις), für χωρίς und ἔξω statt ἄνευ usw. Was speziell die Klausel anbetrifft, so hat Orinsky 18 noch behauptet, daß A. sehr unbeständig in den Klauseln wäre. Dagegen Rabe ed. A. praef. VI hat nachgewiesen, daß nur 5% Klauseln nicht rhythmisch sind, und daß wir schon bei A. die akzentuierenden Klauseln haben, die Libanios verschmäht bzw. nur zu 55% verwendet. Auch der andere Libaniosschüler, Severus von Alexandreia, dessen Stil überhaupt manche Ähnlichkeiten mit dem der sog. N.-Progymnasmen besitzt, hat die akzentuierenden Klauseln (Schissel Byz.-Neugr. Jahrb. VIII 347), und [456] v. Wilamowitz Glaube der Hellenen, II 521, 1, hat diese sogar schon bei dem im 3. Jhdt. lebenden Sophisten Minukianos II. festgestellt, übrigens ein weiterer Beweis dafür, daß die Schrift π. ἐπιχειρημάτων Rhet. Gr. I 340 Sp. wirklich von dem jüngeren Minukian, nicht von dem älteren stammt (vgl o. Art. Minukianos S. 1988, 9ff.).

Betrachten wir zum Schluß zusammenfassend die Verfasserfrage, so ist zunächst zu sagen, daß vor Erforschung der Textgeschichte nichts Bestimmtes gesagt werden kann. Jedenfalls hat man zunächst die Frage zu beantworten, ob die Musterbeispiele bei A. und die sog. N.-Progymnasmen beide von einem Verfasser stammen oder von verschiedenen. Wahrscheinlicher erscheint fast das erstere. Denn bei den vielen Übereinstimmungen zwischen beiden müßte der Nachahmer sehr geschickt zu Werke gegangen sein, um eine so weitgehende Anpassung zu erreichen. Jedenfalls sind die Übereinstimmungen des Georgios Pachymeres (13. Jhdt), Nikephoros Basilakes, Nikephoros Kallistos Xanthopulos (beide um 1300), die auch die Musterbeispiele A.’ nachahmen und manchmal wörtlich ausschreiben (J. Glettner Byz. Ztschr. ΧΧΧΙII 262. 265, 268—270), doch lange nicht so zahlreich wie in diesem Falle.

Abgesehen von der Frage der Verfassereinheit oder -zweiheit sind drei Möglichkeiten gegeben: 1. N. ist der Verfasser. Das ist wenig wahrscheinlich, weil N. in den προθεωρίαι nicht besonders stark (nach Felten und Rabe gar nicht) von A. beeinflußt ist und weil die Beispiele in verschiedenen Punkten seiner eigenen Lehre widersprechen würden. Entweder müßten die προθεωρίαι in jüngeren Jahren von N. geschrieben sein; dann hätte sich N. später von seiner eigenen Theorie entfernt und sich ganz A. verschrieben, dessen Lehrbuch gegen Ende des 5. Jhdts. maßgebenden Einfluß gewann. Oder umgekehrt diese Progymnasmen sind Jugendarbeiten N.’, wo er noch ganz unter dem Einfluß des A. stand, und erst später schuf er sich eine eigene Theorie; allerdings widerspräche diese Lösung Rabes Annahme, daß A. erst Ende des 5. Jhdts. anerkannt wurde. Auch der Ausweg, daß N. der Zusammensteller einer Auswahl aus den Musterbeispielen des A. ist, z. B. der 10 Mythen bei Walz aus den 40 bei Neveletus, scheint nicht gut denkbar.

2. Irgendein Nachahmer des A. ist der Verfasser, der A.’ Beispiele ergänzen wollte. Dann wären die Progymnasmen aus dem Schulbetrieb mit Zugrundelegung des Lehrbuches von A. erwachsen zu denken.

3. A. selbst ist der Verfasser auch dieser sog. N.-Progymnasmen. Rabe lehnt das zwar ab, aber unmöglich erscheint es nicht. A. hätte dann zu jeder Protheorie eine ganze Reihe von Musterbeispielen geschrieben, wie er das ja für den Mythos nachweislich getan hat.

Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, daß der Zusammensteller der sog. N.-Progymnasmen nicht nur beim Mythos, sondern auch sonst Beispiele weggelassen hat und die Zahl der A. zuzuschreibenden Progymnasmen noch größer anzunehmen ist. Erst diese Fülle von Beispielen [457] würde uns den Umstand erklären, daß der besondere Ruhm des A. gerade in den Beispielen beruhte (Reichel 46), was bei Hinzufügung von je einem Beispiel nicht recht verständlich wäre. Auch der zweite Vorzug, den man an A. zu rühmen wußte, seine leichte Faßlichkeit ließe sich erst recht verstehen, wenn wir die sog. N.-Progymnasmen für Aphthonianisch halten dürften. Denn gerade die Art, wie dann A. bei jeder Vorübung zeigen würde, daß sich die verschiedensten Themata alle mit entsprechenden Änderungen über einen Leisten bearbeiten lassen, gerade dieses praktische Demonstrieren der verschiedenen Abwandlung des Schemas, mußte den Schülern das Verständnis der Technik und die praktische Nachahmung ungemein erleichtern. Aber als die in der Folgezeit immer fortschreitende Verkürzung der Lehrbücher eintrat, wurde immer nur ein Beispiel zu jeder Vorübung hinzugeschrieben, und zwar fast immer dasselbe, abgesehen von dem hierin eigenwilligen ,retractator Ph‘ (Rabe ed. A. praef. XII) und Moses von Khorni, der meist 5—7 Beispiele bringt und darunter auch manche, die in den sog. N.-Progymnasmen vorkommen. Die übrigen, nicht zu den einzelnen Vorübungen beigeschriebenen Beispiele existierten in einer besonderen Sammlung weiter und gerieten, da immer (außer beim Mythos) das erste fehlte, unter den Namen des N. bzw. Libanios. Daß ein Teil dieser Progymnasmen, wenn sie A. gehörten, fälschlich dem Libanios zugeschrieben werden konnte, ist leicht erklärlich, weil A. der Schüler des Libanios und von diesem in vieler Hinsicht beeinflußt war (trotz Rabe ed. A. praef. XXVIIf.); es liegt hier dann eben derselbe Fall vor, wie bei dem anderen Libaniosschüler Severus von Alexandria, dessen 8. Ethopoiie auch unter den Namen des Libanios gestellt wurde (Schissel Byz.-Neugr. Jahrb. VIII 2). Und ebenso wäre es leicht erklärlich, daß später N. als Verfasser der Beispiele galt, da die Protheorien des N. immer zur Erklärung des A. verwandt wurden; weil N. nun keine ausgearbeiteten Beispiele hatte, bei A. aber zu jeder Vorübung ein Musterbeispiel vorhanden war, schob man die übrigen Beispiele N. unter. Auch die Tatsache, daß mitten unter den sog. N.-Progymnasmen (I 381 W.) A.’ Protheorie und Musterbeispiel zur Ethopoiie stehen, würde sich so am einfachsten erklären, denn daß etwa N. diese beiden Abschnitte aus A. in seine Beispielsammlung übertragen hätte, das lehnt Rabe mit Recht entschieden ab.

So werden wir bis zur endgültigen Erforschung der Textgeschichte dieser Beispielsammlungen nicht N., sondern A. als Verfasser dieser Progymnasmen zu betrachten haben und sie also auch an anderer Stelle in die Reihe der antiken und byzantinischen ,Aufsatzbücher‘ einordnen müssen, die Schissel Byz.-Neugr. Jahrb. VIII 3f. aufzählt. In der Theorie aber des antiken Aufsatzunterrichtes wird das Lehrbuch N.’, weil es einerseits ausführlicher ist als H. und A., anderseits keinen bloßen Kommentar zu A. bildet, stets seine bedeutungsvolle Stellung behalten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ἐξ
  2. Vorlage: κατά
  3. Vorlage: ἐναντιόν
  4. Vorlage: Diegementa