Seite:Meyers Universum 17. Band 1856.djvu/280
| Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band | |
|
|
Das Polenreich ist nicht wieder erstanden, das Reich der Franzosen aber wieder geworden, was es damals war, als Ludwig ohne Land im Parke von Lazienki hoffnungslos spazieren ging: ein Kaiserthum. Und dennoch gibt es zwischen beiden Ländern wunderliche Leute genug, welche noch in Zweifel darüber sind, wer in der Theilnahme der Welt an seinem Geschick höher zu stehen verdiene – wenn nämlich dieses Verdienst mit dem Maße ihrer Selbstachtung, mit dem Maße der eigenen moralischen Kraft, mit dem Maße der nationalen Ehrenhaftigkeit gemessen wird – ob der schweigende heimathlose Pole, oder der siegeslaute gloireselige Franzose der Gegenwart?
Der Palast Lazienki ist eine Schöpfung des letzten Polenkönigs. Stanislaus August Poniatowski erbaute ihn mitten in einem kleinen künstlichen See, über welchen mehrere Brücken zu Schloß und Park führen. Der Bau ist nicht von großem Umfang, aber er zeugt in allen seinen Theilen von dem feinen Geschmack des Erbauers, der unter dem nordischen Himmel zur schönen Jahreszeit sich in eine italienische Villa versetzt fühlen wollte. Die innere Einrichtung entspricht dem schönen Aeußeren. Werthvolle Gemälde und Bildhauerarbeiten, unter Anderem die Statuen sämmtlicher polnischer Könige, schmücken die Räume; auch die kleine Kapelle ist mit ausgesuchter Pracht ausgeschmückt. Seit Polens Fall haben die russischen Herrscher, wenn sie zur Sommerszeit nach dem Lande kamen, bisweilen ihren Wohnsitz da aufgeschlagen. Die Gegend, in welcher Schloß und Park (die auch kurzweg das Bad genannt werden) angelegt sind, heißt – die neue Welt. Diese polnische neue Welt ist eine Vorstadt von Warschau, – dem ehemaligen Petersburg des Polenreichs, dessen Moskau jetzt in Oesterreich liegt.
Ein Stück der malerischen Kaskaden-Scenerie vom oberen Mississippi, die im 2. und 5. Heft des vorigen Bandes beschrieben steht. Eine Vereinigung von Prärie-Gewässern, die, aus dem Gebiet Minnesota kommend, unterhalb der Fälle von St. Anthony zufließt, stürzt über den 45 Fuß hohen Bluff, kurz ehe sie sich dem Vater der Ströme in die Arme wirft. Das Bildchen ist von einem für amerikanische Großartigkeit ganz ungewöhnlichen Liebreiz.
Joseph Meyer, Herrmann Julius Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1856, Seite 272. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_17._Band_1856.djvu/280&oldid=- (Version vom 26.11.2025)