Die St. Antoniusfälle des Mississippi

DCCXVIII. Im Bosporus Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXIX. Die St. Antoniusfälle des Mississippi
DCCXX. Das Kosciusko-Denkmal zu Westpoint
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THE FALLS OF ST ANTHONY
MISSISSIPPI
(GENERAL VIEW)

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DCCXIX. Die St. Antoniusfälle des Mississippi.




„Ich habe mir’s sauer genug werden lassen“, sagt Goethe von sich im hohen Alter – Goethe, der Dichter und Forscher der Natur und des Lebens. Die Wissenschaft muß dem Dichter, dem Denker, dem Künstler, dem Beschreiber, dem Beobachter die Hand reichen, will er der Dinge Innerstes schauen, will er die ewige Schönheit der Natur klar sehen und immer wiederfinden. Das unbestimmte Ahnen und Fühlen reicht dazu keineswegs aus; das Wandern durch Wald und Flur, über Berg und Thal, auf Strom und See, das bloße Gefallen an der Natur gibt noch lange nicht den hohen, bei jedem Blick sich erneuernden und vervielfältigenden Genuß, welchen das durch die Naturkunde geschärfte Auge der Seele gewährt. Ohne Naturwissenschaft, die ja in unsern Tagen jedem des Lesens kundigen Menschen zugänglich geworden ist, kann man den Dingen nie auf den Grund sehen und das Wie und Warum bei keiner Erscheinung begreifen; mit ihr aber gibt uns die Natur bestimmte, klare Antwort auf jede Frage; wir sehen dem Baume in’s Mark, erkennen in jedem Grashalm die Organismen seines Lebens und die Bedingungen seines Wachsens, lesen in jeder Handvoll Sand die Geschichte der Erde, sehen an jedem Stein die Zeit seines Werdens, im Bau jedes Wurms und Käfers seine Lebensweise, seine Beschäftigungen, und als ewigen Reflex dieser Einsichten bewundern wir Gott, den großen und gütigen Meister alles Erschaffenen. Eine bloß objektive Natur-Anschauung, ohne wissenschaftliches Verständniß, führt zu unklaren, unbestimmten Empfindungen, und bei weichen Seelen zu einer krankhaften Verschwommenheit und Gefühlsseligkeit. Beim Brausen der Wälder und Katarakte, beim Untergang der Sonne und der Betrachtung des Himmels in heller Sternennacht überläuft es sie mit elegischen Gedanken und schmerzlichen Schauern, anstatt daß sie sich erhoben, getragen, verherrlicht und gekräftigt fühlen sollten. „Natur und Leben“, mit den Worten eines Andern zu reden, „sind die beiden großen Spiegel der ewigen Vernunft und Schönheit. Bei dem Ineinandergreifen und dem gegenseitigen Zurückstrahlen dieser Vernunft und Schönheit ist zwischen Natur und Leben keine Grenze, und keines ist ein so eigenes Gebiet für sich, daß man in dem einen zu wandeln vermöchte, ohne das andere entbehren zu können“. Ist es aber des Künstlers höchste Aufgabe, mit schaffendem Geiste sich der Gestalten [36] der Natur zu bemächtigen und beide gleichsam harmonisch zu einigen und miteinander zu versöhnen, so soll er in keinem seiner Bilder jenes innere Ebenmaß vermissen lassen, das in allen Werken Gottes sich wiederspiegelt und ohne welches wahre Schönheit gar nicht gedacht werden kann. Wie viele Künstler gibt es aber, die bei aller technischen Fertigkeit, selbst wenn sie die bloße Nachbildung der Natur versuchen, nur Karrikaturen hervorbringen!

Zu diesen Bemerkungen führte mich das Blättchen, welches diesen Zeilen zur Seite liegt. Ich habe lange kein Bild gesehen, in welchem Zeichner und Stecher so glücklich miteinander gewetteifert hätten.

Sankt Antoniusfälle heißt der berühmte Sturz des Mississippi über einen 60 Fuß hohen Felsdamm oberhalb des Städtchens St. Paul. Der 1900 Fuß breite Strom, zweimal so breit als der Rhein bei Mainz, verengert sich vor dem Fall auf 600 Fuß, und mit ungeheuerer Gewalt, siedend und zischend, stürzen die gestaueten Gewässer, beständig Baumstämme und Felsblöcke vor sich hinwälzend, donnernd über die Barre, in den tief ausgehöhlten Abgrund. Eine Felsinsel, in deren Spalten malerische Baumgruppen wurzeln, theilt, wie beim Schaffhausener Rheinfall, den Strom in 2 ungleiche Hälften. Oberhalb des östlichen, schmalen Sturzes hat der amerikanische Unternehmungsgeist mit unglaublicher Kühnheit einen breiten Steindamm gebaut und auf denselben Schneidemühlen für die Holzstämme aus den Urwäldern des oberen Mississippi angelegt, die den Strom hinabgeflößt werden. So gewinnreich ist diese Benutzung der Wasserkraft geworden, daß man dem Unternehmer für die Anlage im vorigen Jahre ¼ Million Dollars bot und er dieselbe ausschlug.

In neuester Zeit hat sich auf einer Prairie unweit des Falls der Kern einer rasch aufblühenden Stadt angesetzt, Anthony-Falls-City geheißen. Die Dampfschiffe gehen bis zu den Fällen herauf, und an einer Eisenbahnverbindung mit St. Louis wird auch schon gearbeitet in einer Wildniß, wo noch vor wenigen Jahren nur die Zelte der Dakotah-Indianer zu finden waren, welche sich mit dem Prairie-Wolf und dem Adler in das Wild des Urwalds theilten.