Das Kosciusko-Denkmal zu Westpoint

DCCXIX. Die St. Antoniusfälle des Mississippi Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXX. Das Kosciusko-Denkmal zu Westpoint
DCCXXI. Die Dardanellen
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Das GRAB COSCIUSCO’S
zu Westpoint am Hudson
(VEREIN. STAATEN)

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DCCXX. Das Kosciusko-Denkmal zu Westpoint.




Ich bin ein Ketzer vor jedem Gnadenbilde und Reliquienkasten, ich bin ein Profaner bei jedem Festmahl der Adepten, mich dünkt die heilige Salbe für die Häupter der Könige ranzig und vor dem Canon der Autorität in Kirche und Staat, in Wissenschaft und Kunst ist mein Respekt nicht groß; – ich spotte der Tyrannin Meinung, welche, wie die Mode, Schnitt und Farbe mit jedem Tage wechselt; ich verachte den Wetterhahn Volk – jenes Lumpen-Volk nämlich, das den Götzen, welchen es heute anbetet, morgen in die Gosse wirft und mit Füßen tritt, und mit bitterer Ironie blicke ich in die eigene Seele voller Widersprüche, auf den Geist, der, wie ein Adler mit gelähmten Flügeln, sehnsüchtig den Blick nach der Sonne wendet, und bei jedem Versuche, den Flug hinan zu richten, zur Erde niederflattert. Nur Eins kann mich erheben und nur das Eine kann mir Ehrfurcht abnöthigen: die Betrachtung der Natur und großer Menschen. Wenn ich die Runen der Erdgeschichte lese in jeder Handvoll Kies, die ich aufraffe vom Pfade meines Gartens; wenn der bewaffnete Blick, dringend in die Tiefen des Weltraums, die Seele mit den Schauern der Ewigkeit, der Unendlichkeit, der Allmacht und der Allgesetzlichkeit übergießt, so fühle ich mich leicht unter meiner Erdenlast, und obschon vor der Fackel der Geschichte die Fabeln der Kindheit von verlorenen Paradiesen und untergegangenen goldenen Zeitaltern längst verschwunden sind, so richtet sich doch mein Auge immer dankbar und ehrerbietig empor zu den Marksteinen und Wegsäulen, die aus dem Grase der Menschensteppe ragen. – Seht hin! Dort steht der Gründer eines tausendjährigen Weltreichs, hier die höhere Gestalt eines Apostels der Wahrheit und der Tugend; dort ein Lehrer der Menschen für Jahrhunderte; da ein Entdecker im Gebiete des Geistes, oder ein Held, der für die höchsten Güter der Menschheit sich geopfert; da ein Engel, welcher sich aus den Flammen des Scheiterhaufens aufschwingt; dort ein Gekreuzigter, der Vergebung [38] erfleht für seine Feinde vom Allerbarmer. Unvergängliche Namen verklären die Felsen der Thermopylen, und Du kannst Andacht halten auf der Schädelstätte zu Arad und St. Jakob, auf den Gräbern der Brigittenau und Sempach. Die größten Heiligen haben keine Kenotaphe, die ehrwürdigsten Thaten sind nicht in Erz gegraben. Doch obschon wir in manchen Denkmälern ein überflüssiges und kindisches Spiel der Eitelkeit sehen, so wird doch Niemand gleichgültig vorübergehen an Erinnerungsmalen, welche uns Menschen in’s Gedächtniß zurückrufen, die wir verehren und die uns bei allem tüchtigen Streben als Stab oder als Vorbilder dienen. Der Gedanke: an dieser Stelle ist ein großer Mensch gestorben; hier wandelte sein Fuß, hier hat er Pläne gemacht für die Veredelung seines Geschlechts; da wurden die Leuchten der Menschheit, die großen Ideen, Entdeckungen und Erfindungen des Fortschrittes geboren; hier stritten Helden, hier weilten Menschen mit gewaltigem Geist, welche Völker beglückten durch Lehre und Leben; hier haben die Größten, Besten, Liebenswürdigsten des Geschlechts gelebt: – dieser Gedanke hat allemal Etwas, was unser Herz erhebt und unsern Geist kräftigt.


Am Rheine der neuen Welt – am Hudson, – eine halbe Tagereise von New-York, bei Westpoint, auf einem als Vorland in den Strom hinaustretenden Hügel und inmitten einer Parkanlage, steht ein einfaches Denkmal. Düstere Cypressen schatten im Hintergrunde und einige Trauereschen und Thränenweiden neigen ihre Zweige herab. Ein schmaler Kiespfad führt durch Blumengebüsch und über Grasplätze hin zu dem stillen Plätzchen. Auf dem Steine ist zu lesen: „Kosciusko, dem Helden zweier Welten“.

Kosciusko! Wer könnte an dieser Stelle das Wort aussprechen ohne Empfindungen der Ehrfurcht? Hier hat er gestritten, hier hat er als Sieger gestanden neben Washington und Lafayette, hier sahen die drei Männer die Sonne der Freiheit aufgehen über die junge Welt, die nämliche Sonne, die des Helden brechender Blick später untergehen sah über seinem unglücklichen Vaterlande.

Daß dies möglich gewesen! Wie konnte der herrlichste Kampf im Angesichte der gesitteten Welt so entsetzlich endigen? Wie durfte so Großes so schmählich untergehen? – Doch Polens Geschichte ist noch nicht aus. Es kommt ein Tag, da ruft die jauchzende Welt: „Gerechter Gott!“

Was soll ich über Kosciusko sagen? – Bis zum Höchsten, was die Menschheit ehrt und die Geschichte preist, hat die Schlange der Verleumdung sich kriechend und schleichend hinaufgewunden, um es mit ihrem Gift zu bespritzen. Ich nenne unter tausend Zeugen Demosthenes und Scipio, Seneca und Sokrates, Washington und Kossuth. Kosciusko’s makellose Tugend allein hat selbst die Bosheit entwaffnet; sie nahm der Verleumdung [39] ihren Stachel. „Man muß ihn hassen und – bewundern“, sagten von ihm seine Feinde. – „Wenn ich ihm den Kopf abschlagen lassen würde, müßte ich ihm eine Ehrensäule setzen“, antwortete der Czar, als man ihm rieth, lieber dem gefangenen Feldherrn als Rebellen den Prozeß zu machen, als ihn in Freiheit zu setzen.

Kosciusko erhielt seine militärische Erziehung in Frankreich. Als der Kampf der Nordamerikaner gegen den Despotismus des Königthums losbrach, war er polnischer Hauptmann. Sein für das Große und Hohe empfänglicher Sinn ließ ihn nicht ruhen. Er forderte und erhielt den Abschied, eilte nach Boston und stellte sich zum Kampfe für die Menschenrechte dem großen Washington zur Verfügung. Der junge Pole wurde der Adjutant des Feldherrn. Er focht mit Auszeichnung in allen Schlachten. Seine Tapferkeit, seine Kenntnisse, die Hoheit seines Charakters erwarben ihm Washingtons und Lafayette’s Freundschaft; Franklin beehrte ihn mit seinem Umgang; die Generäle und Staatsmänner Nordamerikas überhäuften ihn mit den Zeichen ihrer Hochachtung. – Kosciusko und Lafayette waren die einzigen Europäer, denen der Kongreß den Dank der befreiten Nation votirte und die er mit dem Cincinnatusorden schmückte.

Nach dem vollständigen Triumph der Volksfreiheit in der neuen Welt in sein Vaterland zurückgekehrt, trat er dort bald an die Spitze jener Männer, die das von der Habgier der zum Untergange Polens verschworenen Fürsten zerrissene und niedergetretene Vaterland wieder aufzurichten strebten. Bei der Neubildung der polnischen Nationalarmee 1789 gab ihm der Reichstag das Kommando einer Brigade. Er erklärte sich für eine freie Verfassung und sprach sich kühn für die Aufnahme des großen Kampfes gegen die Uebermacht der nach einer letzten Theilung Polens lüsternen Nachbarn aus. In den Feldzügen von 1791 und 92 bedeckte er sich mit Ruhm. Mit 4000 Mann polnischer Landwehr widerstand er 20 Stunden lang dem Angriff einer Kolonne von 16,000 Mann russischer Kerntruppen bei Dubienka und glücklich führte er sein auf die Hälfte geschmolzenes Häuflein der Hauptarmee zu. Diese That schuf eine große Meinung von seinem Feldherrntalente. Kosciusko sollte an die Spitze des Heeres gestellt werden; doch der schwache König Stanislaus verlor Plötzlich den Muth zum längeren Widerstande gegen die feindliche Uebermacht und in einer bedrängnißvollen Stunde unterwarf er sich dem Willen der Kaiserin Katharina. Kosciusko, unfähig, die Schmach des Vaterlandes zu ertragen, legte hierauf seine Würden und Aemter nieder und suchte in der Nähe von Leipzig ein stilles Asyl. Das war im Jahre 1792. Die Freiheit feierte damals in Frankreich ihren Triumph gegen das verbündete Europa; der Konvent dekretirte Kosciusko das französische Ehrenbürgerrecht ; er lud ihn ein, die Nation als ihren Gast zu ehren. Aber Kosciusko, unfähig jedes andern Gefühls als dem des Schmerzes über die Erniedrigung Polens, auf welchem die russische Faust schwerer ruhte, als die Hand des Herrn auf den Sklaven, dankte und lehnte ab. Später sammelten sich einige Männer aus den edelsten Geschlechtern um Kosciusko, und den Berathungen derselben zur Rettung Polens [40] entsprang jener Plan, welcher mit Hülfe eines Volksaufstandes die Russen aus dem Lande werfen und den Todeskampf um Freiheit und Unabhängigkeit aufnehmen wollte. Die Vorbereitungen geschahen von den Verbündeten in der Stille des treubewahrten Geheimnisses. Noch bestand ein Königreich Polen dem Namen nach; freilich nur ein leerer Schatten. Als aber ein petersburger Ukas befahl, das polnische Heer dem russischen einzuverleiben, und jenes in das Innere Rußlands abgeführt werden sollte: da brach, von den entrüsteten Volksleidenschaften aufgestachelt, der Aufstand vor der Zeit los. Alles griff zu den Waffen und Kosciusko wurde zum Oberfeldherrn berufen. Die russischen Besatzungen wurden aus Krakau, Warschau und vielen andern Städten des Landes verjagt, und zogen sich in die festen Plätze zurück. Kosciusko erließ nun einen Aufruf an die Nation, hielt ihr die ganze Kühnheit und Größe ihrer Aufgabe vor, und zeigte, mit der Begeisterung eines Helden und Apostels, auf den Kampf hin, in welchem jeder Pole Leben und Habe dem Vaterlande willig zum Opfer zu bringen habe, wenn es aus solchem Streite als Sieger hervorgehen wolle. Der Aufruf wirkte. Die Kleinmütigen flohen aus dem Lande; die Festen und Braven griffen zum Schwert, die Bauern zur Sense. Ganz Großpolen stand auf in wenig Tagen und jagte die meisten preußischen Besatzungen fort. In den durch Rußland abgerissenen Provinzen erhob sich ebenfalls die Fahne der Empörung. Ueberall bildeten sich Heerhaufen unter bewährten Führern, oder Freischaaren, welche die Kommunikationen der feindlichen Truppen unterbrachen, die Zufuhren auffingen und ihre Eskorten aufhoben oder niedermachten. Aber ein Zusammenwirken aller Kräfte war in der kurzen Zeit, welche Kosciusko zum Organisiren übrig hatte, nicht zu ermöglichen. Preußische, österreichische und russische Heersäulen drängten von allen Seiten heran. Kosciusko hatte in wenigen Wochen ein Heer von 20,000 alten geübten Truppen und 50,000 Mann Landsturm gesammelt. Es galt, mit diesen gegen vier feindliche Armeen, alles krieggewohnte Kerntruppen, die zusammen 170,000 Mann mit 600 Kanonen zählten, zu operiren. Seine größte Macht war das Vertrauen auf sich selbst und auf Gott; seine stärksten Waffen waren sein Heldenmuth, das Vertrauen seiner Mitbürger und die Hingebung seiner Truppen. Die ältesten Generale, mit denen er früher gedient hatte, ordneten sich seinen Befehlen gehorsam unter; ergraute Legislatoren dienten in seiner Umgebung; die jungen Söhne der Fürsten und Magnaten einigten sich zu Schwadronen, stolz darauf, die Befehle Kosciusko’s zu den härtesten Leistungen und gewagtesten Unternehmungen auszuführen. Der Neffe des Königs selber, einst sein General, blieb, seines Winkes gewärtig, als Adjutant an seiner Seite. Keine Nation hat je schönere Tage der Hingebung für ihre Freiheit und Selbstständigkeit gesehen, als damals Polen. Kosciusko war nicht bloß Feldherr: ausgerüstet vom Reichstage mit unumschränkter Gewalt führte er, zugleich mit dem Schwerte, die Zügel in allen Zweigen der Verwaltung, überall Ordnung schaffend, die Ausgaben regelnd, Verschleuderungen und Veruntreuungen hemmend und hindernd und neue Hülfsmittel erforschend, wenn die alten versiegten. Im Kriege ein [41] Cäsar, vereinigte er den Rechtssinn eines Aristides mit der Bürgertugend und Charaktergröße eines Washington und der Staatsweisheit eines Sully. Manche Woche kam kein Schlaf in seine Augen. Seine Ausdauer schien mehr als die eines Menschen. Aus dem Staatsrath eilte er auf’s Schlachtfeld; von der Rednerbühne in den Kriegsrath, aus der Kanzlei in die Laufgräben. Bald diktirte er einen Feldzugsplan, bald einen Gesetzentwurf für das Wohl des Volks und Reichs. Er hob die Leibeigenschaft auf, reformirte die Gerichtsverfassung, setzte einen Nationalrath ein und bahnte tausend Reformen und Verbesserungen zur Beglückung des Vaterlandes den Weg, während die Kanonen der Schlachten die Erde dröhnen machten. Ein Cincinnatus, größer als der des Alterthums, war er zugleich Bürger und Gesetzgeber, Staatsmann und Feldherr, Regent und Soldat, Unterthan und Diktator. Den schwachen Stanislaus behandelte er mit Achtung, seine Umgebung, den Hof, mit Schonung. Die militärischen Kräfte Polens durch sein Genie vervielfältigend, erschien Kosciusko selbst den Feinden wie ein Halbgott. Der König von Preußen bekannte offen, er sey unüberwindlich. Doch von der Seelengröße des Mannes hatte auch er keine Ahnung; denn er machte ihm glänzende Anerbietungen.

Der Krieg rasete durch das unglückliche Land. Es half nichts, daß der Sieg dem polnischen Oberfeldherrn von Schlachtfeld zu Schlachtfeld folgte. Immer neue Heersäulen zogen auf Befehl der Kaiserin Katharina aus ihrem weiten Reiche gegen Polens Grenzen; Preußen drängte von Westen her, Oesterreich von Süden. Gegen so viele Feinde hielten Polens Kräfte nicht aus. Kosciusko, genöthigt, gegen alle Front zu machen, mußte sein Heer theilen, und die Unterbefehlshaber der einzelnen Korps unterlagen bald da, bald dort. Als die Polen unter Sierakowsky im September 1794 in der zweitägigen Schlacht bei Brzec in Litthauen durch die russische Uebermacht überwunden waren, drang Suwaroff mit seinem Heere unaufhaltsam gegen das Herz des Reichs vor, – alles vor sich niederwerfend, was ihn aufhalten wollte. Mit Mühe hatte Kosciusko noch ein Heer von 21,000 Mann, meistens Landwehr, bei Warschau gesammelt. Kühn ging er mit demselben den Russen entgegen, nicht rechnend mit der Ueberzahl der Feinde, deren Muth gehoben wurde durch das Vertrauen, das so viele Siege und Suwaroffs Ruhm einflößten. 12 Meilen von Warschau, bei dem Städtchen Macziewice, trafen die beiden Heere aufeinander. Es war am 10. Oktober. 80,000 Mann waren die Russen stark; 20,000 zählten die Polen. Dreimal stürmten die Russen gegen die polnische Fronte an; dreimal wurden von den Kartätschen ihre Kolonnen gelichtet und ihre Reihen niedergestoßen von den polnischen Bajonetten. Die Bataillone der Polen standen wie eherne Mauern: vor ihnen thürmten die Leichen der Rüsten sich zu Wällen auf. Da rief Suwaroff die Reserven herbei und selbst stürmte er nun zum vierten Male mit verdoppelter Zahl. Die Wucht des Anpralls war so ungeheuer, daß die Linien der Polen durchbrochen, nicht zurückgedrängt wurden. Es entspann sich ein Kampf Mann gegen Mann, oder vielmehr Vier gegen Einen. Vergeblich waren Wunder der Tapferkeit, vergeblich fielen 10,000 Russen; die polnischen Haufen [42] schmolzen zusammen, die meisten Generale und Offiziere waren todt oder verwundet; aber hoch zu Roß kämpfte noch Kosciusko im dichtesten Getümmel, seine Tapfern durch sein Beispiel entflammend, durch seinen Zuruf anfeuernd. Schon blutete der Held aus 5 Wunden und noch blitzte sein Degen: da traf ihn eine Kugel in die Brust: – Nacht umflorte seinen Blick und mit dem Schmerzensruf: „Finis Poloniae!“ sank er bewußtlos vom Pferde. Er wurde, noch athmend, aus einem Haufen Leichen hervorgezogen und als russischer Gefangener fortgeschleppt. Polen war verloren. Suwaroff erstürmte Praga und schändete seinen Sieg durch unmenschliche Grausamkeit gegen die Ueberwundenen. Warschau unterwarf sich am 9. November. Die Preußen drangen durch Großpolen vor; das österreichische Heer bis Lublin. Das übrige Land besetzten die Russen. Die dritte Theilung des Reichs vollendete die schwärzeste That der neueren Geschichte, und die Meinung der Welt brandmarkte sie als ein Verbrechen, das nach Sühne zum Himmel schreit. Polen, als Staat, hatte aufgehört zu seyn.

Das Verfahren gegen den gefangenen Helden und seine Leidensgefährten war einer Katharina würdig. Das unedle Weib, berauscht vom Siege, ließ sie in die Kerker werfen. Erst nach der Kaiserin Tode öffneten sie sich. Kaiser Paul I. gab die Männer frei. Er ließ Kosciusko vor sich führen und überreichte ihm seinen Degen; aber der Held antwortete: „Czar, ich brauche ihn nicht, denn ich habe kein Vaterland mehr“. Niemals hat er wieder eine Waffe getragen. Paul, überwältigt von so viel Seelengröße, beschenkte Kosciusko, der auch sein Vermögen auf dem Altar des Vaterlandes geopfert hatte, mit großen Gütern; aber auch diese wies der Cincinnatus mit den Worten zurück: „ich habe genug, mir Rüben zu bauen, und mehr bedarf ich nicht“. Kosciusko ging in Begleitung eines Freundes Niemcewicz nach Frankreich und England, wo ihn eine Botschaft des nordamerikanischen Kongresses überraschte, der ihn als Ehrengast einlud. Er folgte dem Rufe und wurde von dem freien Volke wie ein König empfangen. Alle Parteien suchten einen Wetteifer darin, ihm ihre Verehrung auszudrücken. Der Kongreß votirte ihm einen Jahrgehalt, und bot ihm denselben mit so viel Zartsinn an, daß ihn Kosciusko nicht ausschlagen konnte. Seine Landsleute schickten ihm den Säbel Sobieski’s; – er rührte ihn nicht an. Der Held der Freiheit wollte nur für die Freiheit seines Vaterlandes kämpfen. Als Napoleon aus den Polen im Feldzuge von 1807 ein Werkzeug gegen Rußland schmieden wollte, und denselben Wiederherstellung des Reichs und eine Verfassung versprach, warnte Kosciusko seine Landsleute vor den trügerischen Lockungen. Vergeblich. Die Polen erhoben sich unter Dombrowski und sie sandten eine Deputation ab, um Kosciusko an die Spitze des Heeres zu berufen; er antwortete: er wolle nicht die fremde Lüge mit seinem Degenknopf besiegeln, und damit lehnte er den Ruf ab. Napoleon drohte, ihn, der inzwischen nach Europa zurückgekehrt war, und sich bald in der Schweiz, bald in Paris aufhielt, mit Gewalt nach Polen zu schaffen, – er lachte der Drohung und war unempfindlich gegen die lockenden Anträge, die ihm die kaiserliche Regierung machte, um ihn für ihre Pläne zu gewinnen. Napoleon vergaß sich so weit, daß [43] er im Namen Kosciusko’s einen Aufruf an die Polen im Moniteur einrücken ließ. Der Held hatte die Unerschrockenheit, ihn sogleich, unbekümmert um die Rache der kaiserlichen Allmacht, in den Zeitungen als falsch und untergeschoben zu erklären. Nach dem Sturze Napoleons forderte er den Kaiser Alexander von Rußland auf, Polen mit freier Verfassung wieder herzustellen, und dieser Anregung sind die Koncessionen zu danken, die jener Fürst den Polen gemacht hat. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Kosciusko in stiller Zurückgezogenheit, nur ein Paar Freunden zugänglich, zu Solothurn in der Schweiz. Der 15. Oktober 1817 ist sein Todestag. –

Der Held zweier Welten, welcher Amerika die Freiheit erobern half und seinem Vaterland, dem er sich geopfert, mit der Glorie unvergänglichen Ruhms die Anwartschaft auf Freiheit hinterließ, ist in den Schooß der Gottheit zurückgekehrt. Die Nationen sollten, – mit Mirabeau’s Worten zu reden– nur um ihre Wohlthäter trauern; die Heroen der Menschheit allein sind der Huldigung der Nachwelt würdig. – Amerika, das freie, als es Kosciusko’s Tod vernahm, legte Trauerkleider an, und die civilisirte Welt nahm Theil an dieser Huldigung des Andenkens eines Mannes, der für den Sieg der ewigen Menschenrechte in beiden Hemisphären so Großes gethan und gewirkt hatte. Von ihm gelten die Worte des Dichters:

Städte verwehen im Staub, und Reiche zerfallen in Trümmer;
Aber sein Name erglänzt wie die Sterne am Himmel – ewig.