Im Bosporus (Meyer’s Universum, 1854)
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IM BOSPORUS
LEUCHTTHURM UND FORT FANARAKI IN EUROPA.
Des Italieners Wort: „Hast Du Neapel gesehen, so magst Du sterben!" ist mit noch tieferem Sinn auch auf Stambul anzuwenden. Aber so wenig wie dort gilt es auch hier der Stadt selber. Konstantinopels Bauart ist, nach europäischen Begriffen, eine ganz abscheuliche; die engen, krummen Straßen voller Schmutz mit ihren gebrechlichen, hölzernen Häusern, deren Giebel mit einander zu kosen scheinen, machen das Häusermeer, welches, wie im alten Rom, sieben Hügel bedeckt, eher einem Lagerplatz ähnlich, als der Metropole eines großen Reiches, und man denkt dabei unwillkürlich an die Zelt- und Barackenstädte der Mongolen und turkomannischen Horden, welche Konstantins östliches Weltreich zerstört haben. Der Zauber, die magnetische Anziehungskraft Stambuls, die fast überirdische Herrlichkeit, von der die Dichter aller Zeit reden, ist in der wunderbaren Schönheit der Umgebung zu suchen, in dem Bildercyklus, den die Natur mit ewiger Meisterschaft zwischen dem Pontus Euxinus und dem goldnen Horn den Sterblichen zur Betrachtung und zum Genuß aufgestellt hat. Hier hat des Schöpfers Hand Alles allein gethan und die Herrlichkeit seiner Werke spottet jedem Versuche, mit der Feder oder dem Pinsel sie nach Gebühr zu preisen. Da ist kein Maß und kein Maßstab zu finden.
Es kann mit dem Zweck meines Buches sich nicht vereinigen, von den Panoramen zu beiden Seiten des Bosporus – vom thracischen Hügelland, wie von der anatolischen Berg- und Waldzone, – ausführliche Schilderungen zu geben, und die Namen und Beschreibungen aller Ortschaften, Lustschlösser, Thäler und Berggelände, Eilande, Buchten und Vorgebirge in diesem Paradiese den Lesern vorzuführen. Ich ziehe es vor, ihnen von Zeit zu Zeit einige Blumen dieses entzückenden, in ihrer Mannigfaltigkeit überschwenglichen Flors zu zeigen. Meine flüchtigen Skizzen geben einer lebhaften Phantasie weiten Spielraum. Der Leser mag sich die mit leichten Strichen angedeuteten Einzelheiten dieser Tempebilder – das Koncert der murmelnden Quellen und der rauschenden [33] Bosporusfluth, das Blumenmeer in den Gründen und Auen, die schlanken, in langen Reihen über die Höhen fortziehenden Zypressen, die Schlösser, Dörfer und Gehöfte umhüllenden Fruchtbaumgruppen, den Duft der Rosenhaine und die luftige Pracht der Pinien, den Schirm der Dattelpalme, und das dichte Laubdach der Platanen, die, Schatten spendend, von den Höhen winken, das Spiegeln des Vollmonds und das Geflunker der Sterne in den Wogen, das Zirpen und Summen von Millionen Käfern in lauer Nacht, das Aufhüpfen und Geplätscher der Fische in den spiegelnden Gewässern u. s. w., selbst dazu denken und, wenn er will, seine Einbildungskraft; noch hinter den vergitterten Fenstern der Schlösser und Köschks des Padischah und der Veziere in den von Rosenduft durchfächelten Gemächern auf seidenen Divanen schwelgen lassen.
Ich führe den Leser vom Pontus Euxinus (dem Schwarzen Meere) herein durch das hohe Felsenthor in die mäandrische Enge. Wie herrlich hat da die Natur beide Gestade gezimmert! Wie die Höhen aufschwellen aus der Tiefe, bald rundkuppig, bald in leichter Schwingung, bald eingemuldet, bald sanft ansteigend, bald schroff und kühn mit hohen Wänden von braunem Gestein, bald mit niedrigem Felsrand, der gedeckt ist mit weichem Moos und umsponnen von Epheu und wildem Wein! Bald suchen sich die Ufer sehnsüchtig, als wollten sie sich küssen; bald weichen sie wieder zurück, weite Buchten bildend, wo ganze Flotten Schutz und Ankergrund finden; bald geben sie ein Bild tiefer Einsamkeit mit Feld, Wald und Wiese – bald wieder ein Gemälde der reichsten Staffirung mit Schlössern, Vesten, Ortschaften oder altersgrauen Burgen. Es ist ein ewiger Wechsel – so schnell und plötzlich, als im Theater bei dem Verschieben der Coulissen.
Seht das Bild an – ein schwacher Schatten der Wirklichkeit – und doch wie schön! Da schimmern im Gold der Morgensonne aus 2 Welttheilen die Vesten Riva, in alttürkischer Gestalt vom asiatischen und Fanaraki vom europäischen Ufer herüber, – letzteres mit der modernen Zuthat, den neuen Kasernen, dem Kommandantenhause und der hochragenden Seeleuchte, um welche sich die alten Festungswerke gruppiren, welche die Genuesen vor 6 Jahrhunderten zur Stütze ihrer damaligen Herrschaft auf dem schwarzen Meere und seinen Küsten errichteten. Beide Forts bilden ein Glied der Kette von Befestigungen, welche vom Pontischen Thor bis zur Stadt des Konstantin reicht, der Arena, wo sich die Mächte der Erde jetzt einander Schach bieten. Kein Wunder, daß sie wegen dieses Kleinods sich schon bei Lebzeiten des Erblassers in den Haaren liegen! Hat man doch schon vor anderthalb Jahrtausenden die Brücke zwischen Asien und Europa als den natürlichen Sitz der Weltherrschaft betrachtet und in der Uebertragung des Throns derselben von der Tiber zum Bosporus eine Eingebung Gottes sehen wollen! Wo fände sich auch eine solche Lage zum zweiten Male wieder, so gemacht wie die von Konstantinopel für den Austausch der Erzeugnisse aller Länder, so im Mittelpunkt aller 4 Himmelsgegenden, so geeignet zum Markt und Stapelplatz für jedes geistige und materielle Gut der Menschheit?
[34] Das Gelüste ist groß, und der Lusttragenden sind nicht wenig. Aber wie die Alten sagen: „Es ist nicht Jedermanns Sache, nach Korinth zu gehen“. Die Osmanli sind nicht galvanisirte Leichname, wie manche Leute noch immer schwatzen, als wäre die Geschichte dieser Zeit gar nicht vorhanden. Es sind robuste, derbe Naturen, die an Lebensfähigkeit manche jener habgierigen Erbschaftsprätendenten überdauern möchten, welche sich jetzt in ihr Haus drängen, um ihnen den Puls zu fühlen. Konstantinopel, von einem solchen Volke vertheidigt, wie wir es in den Waffenplätzen und Niederungen der Donau gegen des Czaren Heere kämpfen sehen, ist mit seiner Festungskette, – von den Dardanellenschlössern an, bis zur letzten Batterie, welche auf dem äußersten Promontorium des Bosporus gegen den Euxinus Front macht, – die großartigste, unbezwinglichste Festung des Erdbodens, und zu zweifeln oder zu leugnen, daß die Türken um dies Heiligthum ihrer Herrschaft den letzten Para und den letzten Blutstropfen wagen werden, kann nur Denjenigen einfallen, die überhaupt keinen Glauben mehr an die Macht der Ideen haben, mit welcher Religion, Nationalität und Unabhängigkeitsstolz mannhafte, ehrenhafte, unverdorbene und unentnervte Völker durchdringen. Die Türken sind keine Hindu, und auch keine Italiener. Die Ereignisse werden es bestätigen.