Prairie du Rocher in Illinois
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PRAIRIE DU ROCHER
Etwa ein Dutzend englische Meilen von Kaskaskia, an der Straße nach St. Louis, tritt der Felsgürtel zu Tage, welcher in dieser Gegend die alte Landfeste Amerika’s von jenem Tiefland scheidet, das, tausende von Quadratmeilen groß, als Prairie und Marschboden vom Mississippi durchströmt wird. Die Form jenes Steinwalls, welcher sich viele Stunden weit in die Landschaft hinzieht, läßt seine frühere Eigenschaft als Meerufer deutlich erkennen. Die Wogen haben seinen Fuß tief ausgewaschen, so daß der obere Rand überhängt. Bis zur Zinne hinan ist er besäet mit unzähligen Gehäusen von Madreporen, Korallen, Meerschnecken und anderen Weichthieren, und seine ganze Masse besteht aus den verkalkten Trümmern von Seemuscheln theils noch lebender, theils längst untergegangener Geschlechter. Dünn und kümmerlich bewachsen bald mit verkrüppelten Cedern und krummen, uralten Kiefern und Eichen, deren dürre Häupter der Sturm zerzaust hat, oder mit bemoosten Thränenweiden, deren Zweige den Boden der Tiefe suchen, steigt er, oft bis zur Hohe von 250 Fuß, schroff und kühn aus der Ebene auf und schmückt die Landschaft in seltener, origineller Weise. Die Aussicht von seinen höchsten Zinnen gehört unter die größten, und schönsten. Ungehemmt schweift der Blick über die unabsehlichen Ebenen, über die Schauplätze der jüngsten Kultur, wo die Städte emporschießen, wie die Pilze in warmer Sommernacht, über die Ströme hin, auf denen hochbordige Dampfer die Schaaren der neuen Einwanderer dem Lande der Hoffnung zuführen, über die schon von der Lokomotive durchfurchten Prairien, auf denen der weiße Mensch und seine Kultur sich wohnlich gemacht haben, und über den Urwald hin, aus welchem, vor den Schlägen der rodenden Axt, die alten Besitzer, der Bison, der Wolf und der rothhäutige Indianer, die Flucht ergriffen. Vergeblich sucht das Auge einen Ruhepunkt am Horizonte. Wie der des Meeres ist er unbegrenzt, und wie der Gedanke ist er ohne Schranke. Nur in der Nähe findet er Punkte, wo er ausruhen kann: Da liegt dicht vor ihm eine alte französische Niederlassung, das Städtchen Kaskaskia, das mit seinen beiden Thürmen und seinen weißen
[30] Häuserchen friedlich aus Obsthainen und den röthlich blühenden Tabaksfeldern herausschaut; und etwas entfernter wälzt der Mississippi, der Vater der Ströme, in stiller Majestät seine falben, immer trüben Wogen durch die Wälder von Hikories und Ahorn. Hochbepackt mit Menschen und Gut ziehen auf seinem breiten Rücken die Flöße nach den Städten des Südens hinab, für welche sie, auseinander genommen, das Material zu den Tausenden von neuen Häusern liefern, die Jahr aus Jahr ein diese blühenden Sitze der Menschen vergrößern. Zu beiden Seiten des Stroms aber erblickt das Auge von Strecke zu Strecke lichte Stellen, wo das Beil den Wald geöffnet hat und des Landmanns fleißige Hand Saat ausstreut zu hundertfältiger Ernte. Auf aufgeworfenen Hügeln, gewöhnlich die Fronte gegen den Strom gekehrt, von hochwipfeligen Bäumen beschattet, stehen die Farmerhäuser, meist schmucke, mit Veranden umsäumte zweistöckige Wohnungen, umgeben mit üppigen Maisfeldern und Gärten, welche eine im Zickzack fortlaufende Umzäunung aus gespaltenen Zweigen vor den Beschädigungen des Wildes schirmt. Das schönste Landschaftsbildchen der Gegend aber ist eine tiefe und weite Bucht des Felsgürtels selber. Nach außen mit Hochwald eingefaßt, birgt sie eine mit dem reichsten Graswuchs ausgestattete und mit Bosketts von wilden Rosen und anderen blühenden Sträuchern, hie und da auch mit einzelnen Trauerweiden, Eichen und Wallnußbäumen bewachsene kleine Prairie, in der die Gehöfte der Landleute, zwischen hohen Maisfeldern und Obstgärten versteckt, zerstreut liegen. Es machen diese Farms, vereint, die Gemeinde Prairie du Rocher aus, eine der ältesten und wohlhabendsten Niederlassungen der Gegend. Den Namen entlieh sie von dem Felsen, an dessen schützender Wand der erste Ansiedler sein Haus – Barbeau’s Cottage – gebaut hat. Noch ist es Eigenthum seiner Kinder, und mit seiner idyllischen Umgebung und dem den Wiesengrund durchrauschenden Forellenbach, dessen Rand einige Eichen und Trauerweiden zieren, ein Bild seliger Abgeschiedenheit und Ruhe.
Doch war dieses liebliche Stückchen Erde einst der Schauplatz eines grausigen Ereignisses. Ende des vorigen Jahrhunderts, da noch die Gerichtshöfe und Geistlichen von einem Ansiedlerdistrikte zum anderen wanderten, um Gottes Wort zu predigen und Gerechtigkeit zu pflegen, kamen auf einer solchen Tour die Gerichtsherren und der Pfarrer mit ihrem Gefolge und ihren Dienern in diese Gegend. Der Tag war schwül; die Frische des Bachs und der Schatten der überhängenden Felswand waren einladend, – sie machten Halt, ließen ihre Pferde im hohen Grase weiden und bereiteten ihr Mahl. Da ertönte Plötzlich der schrille Laut einer Indianerpfeife aus dem Gestrüpp über dem Felsen, und in demselben Augenblick fällt ein Hagel von Pfeilen auf sie nieder. Die Wenigen, welche nicht getroffen waren, sprangen auf, um zu entfliehen; aber nun stürzten die Rothhäute mit geschwungenen Tomahawks hervor und schlugen sie alle zu Boden. Eine Schaar der Kickapoo-Indianer hatte sie beschlichen. Sie ließen Niemanden am Leben. Doch auch die Rache ließ nicht auf sich warten. Bei der Kunde von dem Geschehenen sammelten sich alle Kolonisten weit und breit mit ihren Waffen auf der Prairie du Rocher, und nicht eher zogen sie [31] wieder heim, bis der letzte der Kickapoos erlegt war. Ein schon fast versunkenes Steinkreuz dicht am Fels erinnert an die tragische Geschichte.
Die Pfarrkirche der Gemeinde liegt romantisch auf einer mit altem Mauerwerk besetzten Anhöhe, – es ist die Kapelle der französischen Veste Fort Chartres, – noch aus der Zeit, wo Law mit seinem Mississippi-Projekt die Welt schwindeln und glauben machte, Frankreich habe in Louisiana das Eldorado gefunden. Law, dem der Staat für seine berüchtigte „Kompagnie des Westens“ Louisiana mit allen Beilanden, von dem Delta des Mississippi an bis zu den Canadischen Seen, verlieh, ließ jene Veste erbauen und machte sie zum Centralsitz seiner kurzen Verwaltung. Nach dem schmählichen baldigen Untergang aller seiner Pläne und Unternehmungen fiel das Land an die Krone Frankreich zurück, und diese machte die Veste zum Stützpunkt ihrer Macht in ihren Fehden mit den Indianern und den nachherigen Kriegen mit den Engländern. 1762 trat Frankreich den Theil von Louisiana, der östlich vom Mississippi lag, den Briten ab. Fort Chartres ward nun Grenzfestung und wurde als solche erweitert und stark besetzt: aber in den späteren Kriegen mit den Engländern ging sie an diese nach einer hartnäckigen Vertheidigung verloren. Eine furchtbare Katastrophe vertrieb die Besatzung im Jahre 1772. Der Mississippi hatte nach und nach den Hügel unterwaschen, auf dem das Fort stand; in einer Nacht stürzten drei Bastionen zusammen, ein Theil der Garnison kam in den Trümmern um, der Rest floh, und da sich erwies, daß der Platz ohne enorme Kosten nicht herzustellen war, so wurde er aufgegeben und verfiel gänzlich. Die Kapelle, die den umliegenden Kolonen überlassen wurde, ist das einzige noch erhaltene Gebäude der in der Geschichte Louisiana’s denkwürdigen Veste.
Um die Trümmer derselben hat sich ein Sagenkreis gebildet, und wie man die Männlein aus Venedig ehedem mit der Wünschelruthe um unsern Kyffhäuser schleichen sah, um die gebannten Schätze zu heben, so finden sich noch zuweilen Leute ein, die in dem Gemäuer nach den goldgefüllten Truhen wühlen, welche der Baumeister dort eingemauert haben soll. Viele Millionen Livres waren nämlich zum Bau der Festung nach Louisiana gegangen – und als sie halb fertig war, verlangte der Architekt weitere Millionen zur Vollendung. Da wurde eine Kommission von Experten aus Frankreich geschickt, um Rechenschaft über die Verwendung so großer Summen zu fordern, und da soll sich erwiesen haben, daß mehre Millionen unterschlagen worden. Der Baumeister wurde in Fesseln geworfen und nach Frankreich abgeführt; aber wo das Geld hingekommen, konnte man mit allen Martern der Tortur von ihm nicht erfahren. Später kam der Glaube auf, er habe es vermauert; und der Glaube mag wahr seyn, auch wenn er keinen Livre veruntreut hat, wie der Unglückliche dieses unter allen Qualen betheuerte. Noch staunt man die bombenfesten Gewölbreste an, denen kein Geschütz etwas anhaben konnte, um sich desto mehr über die minirende Kraft des Stroms zu verwundern, welcher in einer Nacht zerstörte, was Menschenhände für Jahrhunderte aufgerichtet zu haben wähnten. –