Eine Soiree in den Tuilerien

DCCXV. Der Bischofspalast in St. David Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Sechzehnter Band (1854) von Joseph Meyer
DCCXVI. Eine Soiree in den Tuilerien
DCCXVII. Prairie du Rocher in Illinois
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EINE SOIRÉE IN DEN TUILERIEN
(PARIS)

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DCCXVI. Eine Soiree in den Tuilerien.




Civilisation ist ein sehr dehnbarer und beziehungsreicher Begriff, und wenn man von einem Volke sagt, es habe den Beruf, zu civilisiren, oder es stehe an der Spitze der Civilisation, so ist dies immer mit Vorbehalt zu verstehen. Jede Nation hat eine eigenthümliche Civilisation, wie ein eigenes Leben. Persien und Byzanz, Griechenland und Rom hatten ihre eigene Kultur, China und Japan haben die ihrige; aber welche Verschiedenheit zwischen diesen Allen! Die Civilisation – die Verbindung der individuell-geistigen Bildung mit dem geistigen und gesellschaftlichen Leben der Völker – ist von der Gesittung wohl zu unterscheiden. Die Civilisation kann eine barbarische seyn, wie in Byzanz sie war, wie in China sie noch ist; wo aber wahre Bildung für ein ächt-menschliches Daseyn und Wirken vorhanden ist, da ist das Wort „Gesittung“ der rechte Ausdruck. Ist die Civilisation der Gesittung fremd, so führt sie nicht zum Leben, sondern zum Tode. Die wahre, von sittlicher Kraft getragene Gesittung allein ist’s, welche segensreich den Gedanken des Einzelnen über das gemeinsame Volksleben ausbreitet, das Daseyn veredelt; das Volksthum zur Menschheit erhebt und dadurch Stämme und Völker verbindet. Die falsche Civilisation dagegen lügt äußeres Leben bei innerem Tod, birgt Rohheit unter äußerem Glanze, bedeckt die Verworfenheit mit dem glänzenden Gewande gesellschaftlicher Formen, und bahnt der Barbarei den Weg durch gleißende Aeußerlichkeit. Die Gesittung eines Volks nach den äußern Erscheinungen seiner Civilisation zu bemessen, ist daher nicht minder thöricht, als die Höflichkeit zum Maßstabe der Sittlichkeit oder die konventionelle Ehre zur Stellvertreterin der Tugend zu machen.

Hiernach ist die stolze Behauptung der eitelsten Nation der Erde zu schätzen, sie stehe an der Spitze der Civilisation und diktire deren Gesetze der Welt. Die Franzosen verwechseln das Aeußerliche, Nichtige, mit dem [22] Wesentlichen, Beständigen. Sie oktroyiren der sogenannten gebildeten Gesellschaft die Vorschriften der Form, reguliren mit unbestrittener Alleinherrschaft den Schnitt ihrer Kleider, die Dekoration ihrer Zimmer, die Gestalt ihrer Geräthe; aber im Reiche der Gesittung wird ihre Macht von der der Deutschen bei weitem übertroffen. Der französische Einfluß auf die übrige Welt ist in der That im Sinken – in demselben Verhältniß, wie das französische Volk ärmer wird an den sittigenden Elementen, Gütern und Eigenschaften, welche ein geistig erhabenes, edles Volksthum recht eigentlich bezeichnen. Frankreich hätte wohl die Rolle einnehmen können, welche es prätendirt, hätte es nicht den Schein für das Wesen hingenommen, hätte es mit Ernst und Selbstverleugnung an seiner Gesittung gearbeitet. Die Verhältnisse waren günstig. Aber die Zeit ist vorüber; seine Ansprüche können sich nicht mehr verwirklichen.

Das einflußreichste und für die Interessen der Civilisation in Europa unheilvollste Ereigniß war ohne Zweifel jenes Compromiß des französischen Königthums mit der römischen Kirche, durch welches die Entwickelung der reformatorischen germanischen Volkselemente in Frankreich für immer gebrochen und das Land dem Romanismus für alle Zeiten überliefert wurde. Die nächste Folge war die Ausrottung des germanischen Geistes in Staat und Kirche, durch den Mord und die massenhafte Vertreibung der edelsten Geschlechter besiegelt. Es gab Frankreich, an die Stelle der germanischen Monarchie, welche auf demokratischer Theilung der Gewalten ruhete, das absolute Königthum, es gab ihm die Centralisation statt der Selbstverwaltung der Gemeinden, es machte es unfähig, etwas Anderes als den Despotismus zu ertragen, – Form und Name der Regierung mögen seyn, welche sie wollen. Frankreich konnte eine untheilbare Republik werden ohne Freiheit, die Gleichheit proklamiren ohne Selbstregierung, mit einer Literatur glänzen ohne wahre Gelehrsamkeit, eine Kirche haben ohne sittlichen oder religiösen Ernst, eine Poesie ohne Begeisterung, eine Rhetorik ohne Wahrheit, eine Manier ohne Styl, die Mode, statt der Sitte. Frankreich, statt den Fortschritt anderer Völker zu fördern, hat Europa eine Kunst aufgedrängt ohne Natur, das Akademische statt des Antiken, das Konventionelle statt des Wahren, das Gefällige und Buhlende statt der unbewußten Anmuth, Zopf, Perücke und Rococco statt des Menschlichen, die Oper statt des Schauspiels, das Melodrama statt der Tragödie. Aber der französische Stern neigt seinen Lauf – Frankreichs Prätensionen auf Kultur-Herrschaft und Einfluß verlieren täglich mehr an Gewicht und Geltung. Die Erniedrigung der Nation, der eine Rotte von Abenteurern, Schurken und Fanatikern der Selbstsucht das schmählichste Joch aufgelegt hat, welches je ein Volk getragen, ist jetzt so groß und so augenfällig, daß die Mißachtung der Anmaßung nothwendig Eintrag thun muß. Unfehlbar muß die geistige Machtstellung eines Volkes sinken, welches, nachdem es zwei Menschenalter hindurch die Lehren so vieler sozialen Experimente genossen, herabgebracht ist, eine Regierung zu ertragen, welche den Menschen das Sehen und Denken untersagen würde, wenn [23] sie könnte; eine Regierung, der beim Anblick jedes uncensurirten Zeitblattes eine Gänsehaut überläuft; eine Regierung, die der Nation offen in’s Angesicht sagt: „weil Einige das Licht mißbraucht haben, so sollt ihr Alle im Finstern wandeln; weil Schwärmer und Schwindler die Freiheit zum Schreckbilde gemacht haben, so sollt ihr mit Stock und Säbel regiert werden; weil Leute von hohem Charakter und Geist bei früheren Revolutionen zu diesen übergetreten, sollen jetzt Schwachköpfe und Nichtswürdige die Ordnung stützen“. Die Leute, die dies den heutigen Franzosen in’s Angesicht werfen, merken nicht, welchen Vortheil sie ihren Todfeinden, den Kommunisten, den Theilern, den Jakobinern dadurch in die Hand geben, daß sie sich mit diesen auf eine Basis stellen; denn auch jene Herrschsüchtigen wollen ja nur Unwissende, Plünderer und Niedersäbler.

Es ist der ärgste Fluch des Despotismus, daß das beständige Streben desselben, sich und seine Handlungen dem Volke als heilig und verehrungswürdig darzustellen, zur Selbstanbetung hinführt. Fast alle Tyrannen und Autokraten wurden zu ihren eigenen Götzen. Warum sollte sich Derjenige, der angebetet wird, nicht für anbetungswürdig halten? Der Despot sieht jede seiner Handlungen, auch die schauerlichsten, empörendsten, grausamsten, rechtlosesten, von seinen Dienern und Sklaven als gut, schön, nachahmungswürdig, gesellschaftsrettend, groß und herrlich gepriesen; warum sollte er nicht fortfahren in seinem Lasterleben und Unrechtthun? Gegen diese Adoration erscheint die Anbetung der Thiere bei den Völkern des Alterthums noch erhaben. Der Aegyptergott Krokodil besaß keine Eitelkeit, und keine Theorie von Erbweisheit und Gottesgnadenthum gab Alles, was er that, für unfehlbar, untadelhaft, heilig und unverletzlich aus; er dachte nicht daran, sich vermöge seines Krokodilinstinkts über den Menschengeist zu erheben. Unter beiden Kulten, dem ägyptischen Thierkultus und demjenigen, den in unsern Zeiten manche Fanatiker aus Ueberzeugung, viele „ehrenfeste“ Leute aber aus Klugheit üben, ist meines Erachtens der ägyptische der weniger verächtliche.


Die närrischen Menschen! Wie sie sich aufblähen im lichterfüllten Saale des Palastes, an dem jeder Stein die Nichtigkeit menschlicher Hoffahrt und Herrlichkeit predigt, und wie sie das neue Gestirn umkreisen, als wandele es ewige Bahnen! Keiner dieser von Gold und Seide starrenden Menschen denkt daran, daß ihr Gebieter noch vor wenigen Jahren ein Abenteurer war, gemieden von der guten Gesellschaft, und daß sie selbst nur der leichte Schaum sind, den die Woge, welche jenen zum Throne trug, aus der Tiefe an’s Licht gebracht. Wer hat die Helden mit Namen genannt vor den Mordscenen des Decembers, die sich jetzt in Generalsuniform in den kaiserlichen Sälen brüsten? Wer hat früher von den Excellenzen gehört, deren Staatsweisheit heute die Geschicke des kaiserlichen [24] Frankreichs nach dem Kommando des „Herrn“ steuert? Wo ist er hergekommen der Schwarm kaiserlicher Prinzen und Prinzessinnen und welcher Platzregen hat die Fluth der Oberst-Hofdamen und Oberst-Kammerherren, der Herzöge und Barone so urplötzlich in diese Säle ergossen? Wo sind sie her? fragt die Gegenwart; wo sind sie hingekommen? wird die Zukunft fragen! Mit ihrem Herrn und Meister sind sie aus dem Nichts in’s Daseyn getreten, wie Irrlichter aus dem Sumpfe in warmer Sommernacht, lind mit ihm werden sie wieder verschwinden. Die dumme Welt schreit Wunder über den Spuk, und jeder alte Mann hat es doch mit angesehen, wie diese Franzosen weiße Bänder trugen, ihren König neben Gott den Vater setzten, und einen Jeden, der nicht ihres Glaubens war, auf’s Armensünderstühlchen oder als Jakobiner in die Bastille brachten; wie bald darauf diese nämlichen Franzosen die Prätorianer des Königthums aus den Fenstern stürzten und statt der weißen Bänder dreifarbige trugen und wie Jeder, der nicht als Aristokrat am Strick baumeln wollte, in Kamaschen oder in Reiterstiefeln in den Salons der Tuilerien erscheinen mußte, wo die Damen der Halle die Honneurs des Hauses machten. Und wieder ein Weilchen, so sahen wir sie mit goldgestickten Mänteln, Bienen statt der Lilien und den kaiserlichen Namenszug im Knopfloch. In den Nischen der Empfangssäle aber, wo die Statuen der Freiheit und des Brutus gestanden, glänzten die vergoldeten Vögel des Jupiter, die Blitze des Eroberers nach allen vier Himmelsgegenden schleudernd, und in den Soireen drängten sich die Könige und Fürsten, die der Sohn des korsischen Advokaten aus altem und neuem Teig geknetet. Wieder ein Weilchen – so verschwanden Bienen und Adler, noch einmal blühten die Lilien an den Wänden und noch einmal betraten die alten Geschlechter die parquettirten Fußböden der Tuilerien und zauberten die alten Zeiten der Könige zurück: – aber auch sie verschwanden wieder wie Schemen, als mit der wiedererstandenen Republik das Proletariat einzog in den Palast der Herrscher und der Arbeiter Albert gemeinschaftlich mit Arago und Lamartine, dem Weisen und dem Dichter, das stolze Staatsschiff Frankreichs im Sturme lenkten. Noch einmal ließen die Franzosen auch die Republik fallen – ein Abenteurer, ein Emporkömmling, wie er sich selbst genannt hat, warf sie zur Thüre hinaus im Umsehen, und wer es übel nahm, dem gab er blaue Bohnen zu essen, oder hieß ihn Kohl bauen in Cayenne und Algerien. Nun sage man uns, die wir dies Alles erlebt haben, noch von Wundern und Hexerei! – Ist in allen diesem Verstand? Ist nicht Alles wie Schattenspiel gewesen, und haben die Franzosen nicht von Zeit zu Zeit, wie ein mit der Fallsucht Behafteter, ihren Paroxismus gehabt, der sie dumm, kindisch, widerlich, verächtlich, unerträglich machte? Doch – da fällt mir ein, daß man nicht splitterrichten soll, wenn man den Balken im eigenen Auge fühlt. Unsere guten Deutschen haben, Gott sey’s geklagt! auch ihre dummen Zeiten; nur redet man nicht gern davon, weil es Leute gibt, die es nicht hören mögen.


[25] Langsam, aber sicher, reift dem Napoleoniden die Saat, welche er ausgeworfen hat, zur Ernte. Eidbruch, Arglist und Gewaltthat waren sein Weg zur absoluten Herrschaft; Eidbruch, List und Gewaltthat werden sich gegen ihn richten, wenn die Nemesis ihn vor die Assisen ladet. Verschwörungen brüten in den Winkeln, der bleiche Mord umschleicht ihn; und wenn auch jene nie unentdeckt blieben und diese nie gelingen würden, so werden sie doch sein Verderben dadurch beschleunigen, daß sie ihn nöthigen, die Gesellschaft beständig zum Opfer eines Polizeisystems zu machen, das die Franzosen auf die Dauer nicht ertragen werden. Man sagt, der Kaiser lebe beständig in den Aengsten Tibers; die Ruhe fliehe sein Bett, die Energie seines Willens sey erschüttert und eine beständige Unruhe und Rastlosigkeit seyen an die Stelle der Gelassenheit und des plastischen Phlegma’s getreten, welche als Grundzüge seines Charakters galten. Wer darf sich wundern, wenn die Kunde seines leidenden Zustandes in dem geknebelten Lande die Hoffnungen von Millionen aufrichtet, – stille, stumme Hoffnungen zwar, aber darum nicht weniger brünstige! – Der mit Blut zusammengeleimte, und mit theokratischem Zinsel ausgeschlagene Kaiserthron ist mit Dornen gepolstert. Die Tage von Aranjuez gehen bald vorüber. Auf den tollen Fasching folgt der Aschermittwoch und diesem ist der Kreuzigungstag nicht fern. Eine Illusion nach der andern fällt von ihm und die Ereignisse dürften die Selbstüberschätzung seiner Weltstellung bald genug auf ihr gebührendes Maß zurückführen. Man weiß, daß des Imperators Politik nach Außen, weit entfernt, frei zu seyn, den dunkeln Bewegungen in Frankreichs Innerem folgen muß. Verschlossen, schweigsam, jeder Strömung des Windes lauschend, zusammenfahrend bei jedem Geräusche, beständig in Furcht vor Verschwörungen und Anschlägen auf sein Leben, theilt der Neffe des großen Kaisers in den Tuilerien seine Zeit zwischen dem Brüten über unheimliche Pläne für die Zukunft und betäubenden Festen, während die Welt mit den wichtigsten Veränderungen und den ungeheuersten Katastrophen schwanger geht, und das Schicksal, mit unwiderstehlicher Gewalt, Völker und Herrscher dem reißenden Strome der Geschichte zudrängt, in welchem jeder Einzelwille untergeht. Keck hat er Frankreichs Ehre und Macht und das Leben seiner tapfern Söhne auf die Karte des im Orient entbrannten Kampfes gesetzt und während die Ruhmsucht der Nation und der Thatendurst der Armee und Flotte mit Ungeduld der Ereignisse zu ihrer Befriedigung harrt, erschlaffen Industrie und Handel, und das geängstigte Kapital, leichtsinnig in den Börsenschwindel und das Danaidenfest der Kriegs-Anleihen gelockt, sieht mit stumpfer Resignation auf die Gefahren hin, die ihm aus der dunkeln Politik des Herrschers und der Unsicherheit seiner Herrschaft drohen. Angesichts der ernsten Stellung, in die Frankreich gedrängt worden ist, treten die nachtheiligen Folgen des grausamen Verfahrens jetzt schärfer hervor, welches der Napoleonide, nach dem Staatsstreiche, gegen 21,000 französische Bürger geübt hat, unter denen die Koryphäen des Geistes, die Zierden der Literatur und Wissenschaft, die gefeiertsten Talente, die berühmtesten [26] Feldherren, die stolzeste Geburt, der größte Reichthum, die höchste amtliche Stellung sich befinden, und die ohne Urtheil und Recht, auf den bloßen Wink aus den Tuilerien hin, auf den Todtenacker Cayenne’s und nach Algier geschleppt wurden. Die Armee vermißt auf dem Kriegsschauplatz ihre ruhmreichsten und zuverlässigsten Führer, die Flotte auf den fremden Meeren viele tapfere und erprobte Offiziere, und mit Unwillen sieht ganz Frankreich die unsterblichen Zierden seiner Literatur in der Verbannung, oder, wie Heimathlose, von Land zu Land irren: wandelnde Zeugen der schmachvollen Zustände, unter denen ihr Vaterland seufzt. Wie der Verbrecher fortgetrieben wird von einer Staffel zur andern auf der Leiter des Verderbens, so kann auch der Despotismus nicht stehen bleiben auf der abschüssigen Bahn, die dem Abgrunde zuführt. Der Napoleonide hat die Vertheidiger der gesetzlichen Volksfreiheit, die er selbst beschworen hat, mit unerbittlicher Härte aus dem Wege geräumt; er hat den Terrorismus zum Schild seiner Gewalt gemacht, wie einst die Männer des Konvents in der Schreckenszeit; ja, nicht zufrieden mit der Befestigung seiner Macht durch alle bekannten Mittel der absoluten Herrschaft, stellte er sogar dem schönsten Recht der Könige, dem Begnadigungsrecht, das Recht der willkürlichen Strafschärfung gegenüber, indem er sich anmaßte, Strafen wegen politischer Vergehen als Ergänzung solcher zu verhängen, welche von den Gerichten ausgesprochen wurden, aber dem Staatsoberhaupte nicht genügten – ein Akt, welcher die letzte Schutzwehr der Bürger gegen die Tyrannei zerstörte, die unabhängige Rechtsverwaltung illusorisch machte, der Umkehr aller Begriffe von öffentlicher Moral und Ehre die Krone aufsetzte. Grimmige Erbitterung und tiefer Abscheu durchdringen darob jedes rechtliche Gemüth und der fressende Haß hat sich in alle Schichten der geknebelten Nation verbreitet. Das offizielle Lügengewebe, welches jeden Morgen und jeden Abend aus den publizistischen Bureaus an die Redaktionen der Journale abgereicht wird, um die Nation über ihre eigenen Gedanken und Stimmungen zu hintergehen, und das Ausland zu berücken, täuscht Keinen mehr, und jeder amtlichen Phrase des Lobes und der Verherrlichung der Staatsgewalt gibt der Argwohn eine entgegengesetzte Deutung. Nimmermehr kann ein solcher Zustand dauern! Gerade der ehrenwertheste Theil der Franzosen fühlt sich durch denselben im Tiefsten verletzt und erniedrigt. Er verabscheut zwar den Geist der Verschwörung; er findet jedoch seinen Vereinigungspunkt in der allgemeinen Entrüstung. Der Erfinder und Träger jenes Regierungssystems ist, weil er sich in der Wahl seiner Mittel keinen Skrupel macht, allerdings im Stande, es noch eine Zeit lang zu halten; allein dazu bedarf es einer immer größeren Anspannung der tragenden Kräfte, denn die Last, welche auf seiner Stellung liegt, wird alle Tage schwerer. Und hätte der Napoleonide die Kräfte eines Herkules, die er nicht hat, am Ende muß er unter der fort und fort wachsenden Wucht zusammenbrechen, sofern ihn nicht der Mord früher aus dem Wege schafft, oder ihn irgend ein mißlingender neuer Staatsstreich, welcher die schlummernde Revolution wach ruft, unter die Guillotine, oder an die Laterne bringt. Napoleons III. Tod aber, sey dessen Ursache welche [27] sie wolle, würde unfehlbar das ganze Gebäude seiner kaiserlichen Institutionen und Erbfolgeordnung wie ein Kartenhaus zusammenfallen machen.

Noch blendet der Glücksschimmer des Mannes, der gegenwärtig in den Tuilerien die Rolle des Hausherrn spielt, die Welt. Durch die nämlichen Mittel, durch welche er den Kaiserthron ergatterte, durch den rücksichtslosen und schlauen Gebrauch der unsittlichsten Waffen und Künste, hat er sich bisher an der Spitze der Macht erhalten. Alle seine Streiche sind ihm gelungen; doch sich dauernd auf der Höhe zu behaupten, dazu ist so wenig Aussicht für ihn, als für den Wolf der ruhige Besitz des Schafstalls, in den er durch nächtlichen Einbruch gedrungen. Die Zeichen reden. Eine Menge Erscheinungen, welche der gedankenlosen Menge entgehen, geben einen klaren Einblick in die Hoffnungslosigkeit seiner Lage, welche der eines Spielers zu vergleichen ist, der mit jedem neuen Einsatz seine ganze Habe wagt. Da hilft kein Gewinnen! So weit ist es schon gekommen, daß die Staatsgewalt die geknebelte, als Sklavin gehorchende Presse nöthigt, die stummen Zeichen der Unzufriedenheit bei dem öffentlichen Erscheinen des Staatsoberhaupts, der Notorietät dieser Thatsache zum Trotz, als Zeichen des Beifalls zu fälschen und die kaiserliche Polizei es für klüger findet, Verschwörungen und Anschläge, die sie entdeckt, zu vertuschen, als an die moralische Entrüstung der Nation zu appelliren. Das alte Wort: „Qualis vita, finis ita“, wird Recht behalten.

Und daß es so sey, daß der Menschheit, wie an Napoleon dem Großen es geschehen, wieder einmal ein erschütternder, leuchtender Beweis vor Augen gestellt werde, daß in der sittlichen Welt höhere Gesetze und Ursachen walten und wirken als in der todten Mechanik, und nicht blinde Naturkräfte allein thätig sich erweisen; daß der Glaube an eine vergeltende rächende Gottheit etwas mehr sey, als eine Mythe, und er an der Schuld auf dem Throne so gut sich bewähre, wie an dem Verbrechen in der Hütte, – ist keiner Zeit nöthiger, als dieser materialistischen, ungläubigen Gegenwart. Ein großes Beispiel der Vergeltung muß die Massen zur Erkenntniß der Sittengesetze und zur Ehrfurcht vor denselben zurück führen. – Frei gegeben ist die Wahl allen Menschen. Der Bauer wie der Kaiser mag nach eigener Willkür sich zum Abfall bestimmen, er mag durch seine Verneinung sich im Unrecht verlieren und sich durch selbstsüchtiges Treiben lossagen von der sittlichen Weltordnung; aber er wird es auf eigene Gefahr thun, der Nemesis soll und darf er nicht entgehen. Wer im Mißbrauch seiner Freiheit von Gott abgefallen und sich ausgeschlossen hat durch eigene Schuld von der Anwartschaft auf ein glückliches, beglückendes Daseyn, wer durch Verbrechen, an dem Höchsten begangen, sein Gewissen wie durch Skorpionbisse vergiftete, dem soll der Schatten des Todes durch das Leben folgen und Arbeit und Freude in peinigendes Mühsal und in stechende Lust sich verwandeln. Tyrannen, auf welchen der Fluch ihrer Thaten lastet, müssen mit jedem Schritt tiefer in die Finsterniß der leeren Scheinwelt hinab tummeln, der tödtende Frost ihrer Selbstsucht muß sie erstarren machen, bis [28] sie, sich des grimmigen Lebenswinters zu erwehren, verzweiflungsvoll und wuthentbrannt irgend etwas Ungeheures wagen, damit es den Zorn Jehova’s wecke, auf daß er die Pforten des Abgrundes aufreiße und die Greuelthäter in die Tiefe stürze. Die Mythe vom Thurmbau zu Babel wird mit jedem Despoten neu. Jeder will ein Kapitol der Zwingherrschaft begründen; jeder opfert blutroth in den Tempeln des Molochs; jeder will seinen langen Arm weiter über die grüne Erde strecken, jeder will seine Krallen tiefer in die Herzen ruhiger Völker schlagen; – alle wollen das Schwert zum Hirtenstabe machen, alle den frohen Frieden von der Erde scheuchen und die Stille des Grabes an seine Stelle setzen; alle verfolgen die Lichtträger, damit die Finsterniß ungestört ihre schwarzen Thaten verhülle. Aber nachdem sie alle Schalen des Frevels über ihre Völker ausgegossen haben, zucken die Erdbeben ohne Unterlaß unter ihren Füßen, schütteln die Furien ihr Schlangenhaar, wühlen die Würmer hörbar im Thronholze, und – dann hebt der Hammer aus, die Stunde zu schlagen, welche ihren Satansreichen ein Ende macht, auf deren Herrschersitzen Sünde und Verdammniß zusammen wohnen. Dann mähet sie weg die Sense des vergeltenden Gottes wie das dürre Unkraut – damit das junge, grünende Leben der Völker mit seinen Blumen von Neuem sprieße.

Und so wird auch Frankreich erlöst werden aus dem Abgrund byzantinischen Herrscherthums, wenn die Zeit gekommen, und die Geschichte der Tuilerien, dieses Hauses des Schicksals, wird sich bereichern um ein neues, inhaltschweres Kapitel. –