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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
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Vor zwei Jahren, im April 1856, schrieb Joseph Meyer für den XVII. Band „seines Buchs“ zu einem Bilde von Helsingfors mit Sweaborg die Schilderung dieses russischen Gibraltars an Finnlands Südküste in einem seiner letzten Artikel, dessen gediegener Inhalt noch heute volle Geltung hat. Nur zu dem dort entworfenen Zukunftsbilde von Rußland hat die Gegenwart neue Züge gethan, von denen wir den hervortretendsten hier aufzeichnen wollen. Er betrifft die vom Kaiser beschlossene Aufhebung der Leibeigenschaft im ganzen Reiche.
Bekanntlich ist die Rangklassenscheidung der gesammten Bewohner Rußlands ein Werk des autokratischen Willens, sie ist geschaffen von den Bedürfnissen und Absichten der unumschränkten Gewalt. Daher in der ersten Rangklasse die Unterordnung des vordem übermächtigen Erbadels unter den kaiserlichen Dienstadel. Die Geistlichkeit, als zweiter Stand, ist des Kaisers willenloses Werkzeug. Neben den sechs Abtheilungen der Bürger oder Städtebewohner, die, als persönlich freie, durch Vermögen und Erwerb aus eigenem Fleiß in Künsten und Handwerken selbstständige Mittelklasse, stets Gegenstand kaiserlicher Bevorzugung waren, finden wir noch das persönlich freie Proletariat der Bewohner von Vorstädten und Flecken (die Rasnotschinski, d. i. Leute verschiedener Klassen) und die Freibauern. Alle übrigen Bewohner Rußlands sind Leibeigene. Sie machen fast acht Neuntel der Volkszahl aus und bilden den Hauptreichthum des Erbadels. Officielle Berichte gaben vor zehn Jahren ihre Anzahl nahe zu 48½ Millionen an, die man in Privat, Kron- und Apanage-Bauern (auf kaiserlichen Domänen) scheidet. Das Eigenthumsrecht der Herren entsprang, wie überall, erst aus kriegerischer Gewalt über Besiegte, dann aus der Geburt auf deren Grund und Boden, und es befestigte sich durch die Verpflichtung der Herren, die Leibeigenen vom Ertrag des Bodens zu nähren. Als aber der Leibeigenen zur Bearbeitung des Bodens zu viele wurden, so war man genöthigt, sie zu anderen Leistungen zu verwenden, sie zu vermiethen, gegen eine entsprechende jährliche Abgabe (Obrok) auch ihrer eigenen Sorge und Arbeit zu überlassen. Von Letzteren sind viele zu großem Wohlstand, ja Reichthum gelangt, namentlich durch Fertigkeit in Künsten
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 160. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/170&oldid=- (Version vom 28.12.2025)