Helsingfors mit Sweaborg

DCCLXXIII. Die Adelsberger Höhle Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXXIV. Helsingfors mit Sweaborg
DCCLXXV. Galveston
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SWEABORG und HELSINGFORS

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DCCLXXIV. Helsingfors mit Sweaborg.




Wir stehen wieder einmal an einer Pause des hundertjährigen Streites, den zwei unversöhnliche Principien, welche das östliche vom westlichen, das slavische vom romano-germanischen Europa scheiden, das konservative und agressive Princip, gegen einander kämpfen. Es ist ein Kampf, der mit der vollständigen Niederlage des einen oder des anderen und mit der unbestrittenen Herrschaft des Siegers über Europa enden muß. Eitle Parteilichkeit hat ihn einen Kampf der Barbarei gegen die Civilisation genannt, und kurzsichtige Ausleger der Geschichtsräthsel wollen in ihm die Vollstreckung eines politischen Testaments erkennen, das aus dem Kopf eines großen Mannes stamme und in der Herrscherfamilie der Romanow erblich sey. Beide verwechseln die äußere Erscheinung mit dem inneren Wesen. Die barbarische Sitte, Krieg und Blutvergießen, sind nur die Blitze, die sich bei’m Zusammenstoß feindlicher Elemente entladen, und das politische Vermächtniß eines Despoten ist bloß der Wegweiser, der dem innern Bewegungsdrang einer jungen, ungestümen Kulturentwickelung die Richtung anzeigt. Es ist der natürliche und berechtigte Zug im Charakter eines auf dem Kulturweg vorwärts drängenden Volkes, seiner Kraftentwickelung Raum zu schaffen, und nach Thaten zu verlangen. Die Ziele aufstrebender Völker liegen immer außerhalb; nur eine ältere, fertige, abgeschlossene Kultur findet Befriedigung in sich selbst und sorgt bloß noch für Erhaltung und Fortbildung des eigenen selbstgeschaffenen Werks. Sie fürchtet und scheut jede Störung von außen im Genuß ihrer einmal erfaßten Ziele; ihr wesentlichstes Interesse ist beständig das der Stabilität. Solcher Art aber ist die westeuropäische Kultur. Offen bekennt sie, daß die Politik ihrer Träger, der geistigen und weltlichen Machthaber, auf Selbsterhaltung allein gerichtet sey. Sie kann nicht anders. Die materielle Kraftentwickelung hat ja längst ihren Höhepunkt überschritten, der Vegetationstrieb, welcher neue Zweige aus dem Stamm wachsen läßt, ist längst erstorben, die überlebende Kraft geht im Reifen der Früchte auf und in der Erhaltung der alten Aeste, die er zum [67] eigenen Schutze ausstreckt. In jenen jüngeren Kulturstämmen hingegen, die viel später die Völkerwiege Asiens verlassen haben, als die germanischen und romanischen Raçen, und welche jetzt das slavische Reich ausmachen – in diesen wuchert der Trieb und Saft zum Wachsen noch in voller Kraft, und die Entwickelung von schlummernden Kulturelementen ist unaufhaltbar. Es ist eben so falsch, die Eroberungslust im Slavenreich auf Rechnung des Barbarismus zu stellen, als wenn man den Geist der römischen Republik, Alt-Englands oder des heutigen Amerika’s, welche die großartigsten Länder-Erwerbungen zur Basis ihrer Entwickelung gemacht haben, mit der Civilisation unverträglich nennen wollte. Jede Nation, wie jedes Individuum muß ihr materielles Wachsthum bis zu dem Maß fortgehen lassen und fördern, welches seinen Lebenszielen dient, jedes Volk muß den Raum gewinnen, den es zu seinem Wirken und Schaffen als Schau- und Tummelplatz braucht, und wo es Schranken findet, da muß es Schranken brechen.

Wir, die Friedfertigen, sind freilich übel d’ran, wenn der Nachbar sein Haus erweitern will und versucht, uns das Dach abzudecken und die Wände einzureißen. Sind sie morsch und baufällig, so hilft es nichts, daß wir sie mit unsern Armen zu schützen suchen. Wollen oder können wir nicht neu bauen, so thut es der Nachbar – und wollen wir nicht bei ihm zur Miethe wohnen, so müssen wir weiter ziehen. Der wilde Bergstrom, der sich in’s Thal ergießt und den der schmelzende Schnee angeschwollen hat, fragt auch nicht nach den blühenden Kulturen an seinen Ufern, wenn er über die Dämme bricht, die Ernten niederreißt und Fruchtbäume entwurzelt. Er erfüllt seine Bestimmung zu verwüsten und die Keime größerer Fruchtbarkeit auf dem Schauplatz seiner Zerstörung zurück zu lassen. Es walten physische Gesetze im großen Kulturleben, die aller Völkerrechte, Staatsverträge und Menschensatzungen spotten. Wenn das dürre Reiß und die reife Frucht mit dem grünen Stamm einen Vertrag schließen wollten, sich nie von ihm zu trennen, der Wind bräche sie doch; wollte die Luft mit der Erde paktiren, daß kein Hagelschlag mehr auf die Saaten fallen solle; die wetterschwangeren Wolken würden sich doch entladen. Eben so unmöglich ist’s, daß zwei so verschiedene Kulturleben, wie das ost- und westeuropäische, Hand in Hand mit einander gehen und in dauerndem Frieden dasselbe Haus bewohnen.

Peter der Große, der Organisator des jetzigen Slavenreichs und der Apostel seiner Politik, war der Erste, in dem das instinktmäßig treibende Verlangen nach Weltherrschaft im Russenvolke zum Selbstbewußtseyn kam, die zerstreut liegende Kraft sammelte und auf eine Bahn führte, der Erste, der in raschen Erfolgen dieses Volk dem vorgesteckten Ziele näher brachte. Peters großer Geist hat diejenigen Elemente der westeuropäischen Civilisation klar erkannt, welche ihr ein Uebergewicht über die rohe Kraft verliehen und er hat diese Elemente seinem Staatsgebäude eingeflochten, während er sorgsam bemüht war, fern zu halten Alles, was korrumpirend und zersetzend auf dessen Organismus einwirken konnte. Peters verständiger Wille hat seinem Reiche nur die Früchte [68] der Civilisation zu eigen gemacht, die Ideen aber konsequent verfolgt, welchen die europäische Gesittung entsproß. Jene waren ihm ein Werkzeug seiner Macht, in diesen sah er den gefährlichsten Feind seiner Pläne. Seine Nachfolger sind keinen Zoll breit von diesen Grundsätzen abgewichen. So steht nun das heutige Moskowiter-Reich da, wie ein Gebilde aus einem Guß: ein Geist, ein Ziel, ein Wille beleben diesen Riesenkörper bis in seine äußersten Glieder, und erst jetzt hat es der Welt den Beweis geliefert, daß an Kraft und Mitteln es sich mit den vereinigten Großmächten Westeuropa’s zu messen versteht. Der Krieg hat Rußlands Macht erstarkt im Selbstvertrauen, hat ihm selbst die eigenen Schwächen und Gebrechen kennbar gemacht, deren Heilung seine nächste Sorge ist, er hat den Prüfstein an Freund und Feind gelegt und seiner Politik nach außen ein so kluges Spiel gelehrt. Nicht den Westmächten, nein! Rußland muß am Ende der Rechnung der Gewinn zugesprochen werden, wenn man unparteiisch die Bilanz zieht.

Nun kommt die andere Zeit, die Zeit, in der die Saat des nationalen Zerwürfnisses aufgeht, welche zwischen die Alliancen der Westmächte geworfen ist. Der stille Krieg ich an den Platz des lauten Kampfes getreten, der seine Schlachtendonner durch die Berge rollte. Der unter der Asche glimmende Streit unter den Partei-, Volks- und Dynasten-Interessen, er wird von Neuem sich entzünden, er wird die Lebenskraft der Weststaaten verzehren, um Rußlands regenerirter Uebermacht die Gelegenheit zu geben, das prophetische Wort des Gefangenen von St. Helena noch innerhalb der gegebenen Frist in Erfüllung gehen zu lassen.

Eine der frühzeitigsten Bestrebungen Rußlands war das Aufgeben seiner Binnenstellung, die Verbindung mit den Meeren. Es fand ein uraltes Kulturvolk, das vom Altai eingewandert war, die Finnen, welche die Küsten der Ostsee und ihrer beiden Meerbusen bewohnten und ihre Zweige bis nach dem Ural hinstreckten. Die Schweden brachten um’s Jahr 1300 das Christenthum in’s Land; mit dem Kreuz das Schwert. Drei Jahrhunderte hindurch kämpften die Finnen mit abwechselndem Glück um ihre Unabhängigkeit, nicht nur gegen die Schweden, sondern auch gegen ihre deutschen Nachbarn, die mächtige Republik Nowgorod, und gegen die kriegerischen russischen Könige. Die schwedischen Waffen waren siegreich. Der große Schwedenkönig Gustav Adolph sah nicht bloß Finnland, sondern auch Esthland, Lievland und Kurland unter seinem Scepter vereint und zur lutherischen Lehre bekehrt. Da erhielt Rußland seinen Peter den Schaffenden, und dieser große Mann schob den Riegel zurück, welcher die Entwickelung Rußlands hemmte. Kühn beanspruchte er die Küstenländer, um Petersburg zu bauen und sein Reich zur Seemacht ersten Ranges heranzubilden. Der Sieg von Pultawa erwarb ihm die werthvollsten finnischen Provinzen und befreite sein junges Petersburg für immer von gefährlicher Nachbarschaft. Noch widerstand zwar der Patriotismus des eigentlichen Finnlands den Eroberungsgelüsten der Nachfolger Peters, bis unter der Regierung des letzten Wasa auch an ihm das lang vorbereitete Geschick sich erfüllen sollte. Napoleon verlangte den Zutritt Schwedens zum Kontinentalverein [69] gegen England, und Rußland eilte, auf dessen Weigerung, an Finnland Exekution zu vollziehen. Alle Anstrengungen der schwedischen Tapferkeit blieben fruchtlos. Beim Tilsiter Frieden gab Napoleon Rußland die Einwilligung zum Verschmelzen Finnlands mit dem russischen Völkerkoloß. Schweden selbst mußte im Frieden von Fredriksham 1809 die Abtretung ganz Finnlands und der Alands-Inseln und das volle Besitzthum Rußlands anerkennen und somit die älteste und theuerste seiner Eroberungen verloren geben. Das russische Scepter gebot seitdem bis zum Nordkap; es herrschte über sämmtliche finnische Stämme.

Finnlands Wichtigkeit beruht in seiner geographischen Lage. Es ist ein armes, ödes Waldland, das für seine 224 Bewohner auf die Quadratmeile der meisten Mittel des Lebens entbehrt und fast jeden Bissen Brod vom Nachbar, dem wohlhabenderen Esthland, kaufen muß. – Wer Finnland besuchen will, kommt gewöhnlich mit dem Dampfboot von Reval, welches regelmäßig nach Helsingfors fährt. Es ist fast immer eine unruhige Fahrt bei trübem nebligen Wetter mit kurzen scharfen Windstößen und steilem, heftigen Wellenschlag. Unzählige Mövenschwärme, die auf den Ausläufern der Scheeren nesten, verrathen zuerst mit ihrem Blinkern, Glitzern und Flackern den Saum des finnischen Landes und bald nachher tauchen die Felseilande auf, deren halbkreisförmige Stellung vor einer tiefeinschneidenden Bucht zur Anlage von Sweaborg benutzt worden ist. Das Fahrwasser dieser Gegend ist stets sehr gefährlich; zwischen Riffen und Bänken führen nur zwei schmale Einfahrten, für größere Schiffe praktikabel, in das Becken von Sweaborg, dem nordischen Gibraltar, das 1749 die Schweden gegen Rußland aufgeführt haben. Auf Wargö, der größten der Felsinseln, erhebt sich ein terrassenförmig gebautes Kronwerk, die Kommandantenwohnung und das Zeughaus mit bombenfesten, in Fels gehauenen, Magazinen und Kasematten. Grau und finster schauen die Festungsbauten mit ihren drohenden Geschützluken über die See. Rechts und links hin starren sechs kleinere Eilande und Klippen im Granitgewande der Bastionen und Fortifikationen aller Art; sie bilden zusamengenommen jenen weiten Halbkreis von Vesten, welcher, ein undurchdringliches Schild, jeder fremden Gewalt die Annäherung verbietet. Unter seinem Schutz liegt der Kriegshafen, in welchem beständig einige Divisionen der großen Flotte ankern, die Rußlands Herrschaft auf der Ostsee repräsentirt.

Es ist ein großer, doch düsterer Anblick, diese von sieben Felsenforts umkrämpte Bucht von Helsingfors. Hinter dem Festungsgürtel thut sich ein farbloses Gestade auf, dessen Saum von tiefen Schluchten eingeschnitten ist; hie und da klebt ein langgestrecktes rothes Haus. Die eingeschlossene Wasserfläche ist das Bild vollkommener Kriegsbereitschaft. Tonnen, Barken und Flaggen schaukeln sich über verdeckten Klippen und Untiefen, dazwischen schießen die Boote und kleinen Dampfer umher, und die Menschen, denen man begegnet, zeigen sich als die willenlosen Diener der Macht, deren Livree sie tragen. Man gewahrt keine anderen menschlichen Wohnungen als Kasernen und Kasematten, hört nichts als Trommeln, Hörner, Pfeifen und Schießen, oder den langgezogenen Ruf der sich ablösenden [70] Schildwachen; dazwischen das schrille Krächzen der Seemöven, welche schaarenweise dem Dampfschiff folgen; aber keine Spur von dem bunten Treiben und freien Leben eines Handelshafens. Die ganze Erscheinung deutet nur auf das Eine hin – auf den Krieg.

Doch bald thut sich ein anderes, freundlicheres Bild auf. Bei einer Wendung des Dampfers um ein Felseneiland fällt plötzlich der Blick auf den Hafen von Helsingfors. Das ist ein gar herrlicher, überraschender Anblick. Wer erwartet in diesen Riffen ein zweites Petersburg zu finden? Amphitheatralisch steigt es empor, in jenen weitgedehnten Bauten des imponirenden Petersburger Styls, der die italienische Palastarchitektur und den berliner Kasernengeschmack in sich vereinigt und es auf eure Wirkung durch Massenhaftigkeit und Dekoration abgesehen hat. Jene kolossale Gleichmäßigkeit und Uniformirung, welche alle russischen Staatsschöpfungen charakterisirt, findet man auch hier ausgeprägt, und man wird inne, daß der siebenköpfige Cerberus eine köstliche Perle der Czarenkrone zu hüten hat, die er sicherlich nur aus Vorsicht in den öden Klippen bewahrt.

Ueber einige Prachtgebäude erheben sich die grandiose Kuppel eines griechischen Domes, die Fronte des Palastes vom Generalgouverneur, die Sternwarte. Man glaubt das Leben und Treiben einer Stadt, wie Petersburg müßte dahinter stecken. Doch ist’s nicht so. Die Bevölkerungsliste zählt nur 16,000 Einwohner auf; in den langen, geradlinigen und breiten Straßen begegnet man wenigen Menschen und kaum stört ein rasselnder Wagen die feiertägliche Stille der Stadt, wenn nicht gerade die Mittagsstunden die elegante Welt an den Hafeneingängen versammeln und dann sind unter Sechsen gewiß Fünf in die russische Uniform gekleidet. Im obersten Stadttheil liegt der Senatsplatz, auf dem sich die Petersburger Häuserpracht so recht entfaltet, zugleich auch die Grenze zwischen dem alten finnischen und dem heutigen russischen Helsingfors. Die eine Seite des Platzes nimmt das imposante Senatsgebäude ein, gegenüber ist die Universität; an der dritten Seite die prachtvolle Nikolaikirche mit granitenen Säulen und Stufen und blauemaillirten, von goldenen Sternen besäeten Kuppeln; den Schluß bildet das Rathhaus zwischen eleganten Privatgebäuden.

Zur Zeit als Finnland noch unter Schweden und selbst noch im Anfang der russischen Czarenschaft sich als selbstständiges Großfürstenthum behauptete, residirte der regierende Rath in Abo, der uralten Hauptstadt des Landes. Damals hatte er fast souveräne Macht. Als Finnland völlig mit Rußland vereinigt wurde, erließ der Czar ein Manifest, welches dem Land die Erhaltung der lutherischen Konfession, seiner Gesetze und Gerechtsame und ursprünglichen Institutionen für ewige Zeiten zusicherte. Das war aber platter Spott, denn der regierende Rath durfte sich nie wieder versammeln und es regierte für ihn fortan nur ein kaiserlich-finnischer Senat. Im Jahre 1825 wiederholte Nikolaus seines Bruders meineidiges Wort. Wenige Jahre später stellte er einen Generalgouverneur russischer Abkunft über den Senat und versetzte ihn aus der alten Landeshauptstadt nach [71] der Festung Helsingfors; bald folgte die finnische Hochschule nach, die seit zwei Jahrhunderten in Abo als Pflanzstätte der Bildung und freien Wissenschaft für den ganzen skandinavischen Norden geblüht hatte und nun die russische Uniformirung der Professoren und Studenten, die Einschränkungen in der Zahl der Fakultäten und der Lehr- und Lernfreiheiten etc., welche das russische Reglement vorschrieb; fünfzig epaulettirte Professoren unter dem Oberkommando eines Generallieutenants der Infanterie bilden gegenwärtig den Generalstab, der ein blau gekleidetes Studenten-Regiment von 500 Mann in fünf Hörsälen und einer Klinik einexercirt, um alljährlich in der Aula ein Parade-Manöver zu exkutiren und nach einer gewissen Reihe von Semestern wohl dressirte Werkzeuge für die große Staatsmaschine des Reichs zu liefern.

Helsingfors ist die eigentliche Impfpocke, durch die Finnland mit dem Russenthum inficirt wird. Wer ein Ziel will, muß die Mittel wollen und die Energie, Rücksichtslosigkeit und Willenskraft, mit der Rußland seine Mittel wählt, sind ihrer Erfolge gewiß. Das jetzige Helsingfors hat keine historische Erinnerung, die über 100 Jahre zurückgeht. Gustav Wasa hatte die Stadt eine Meile weiter nördlich angelegt, aber ihr Hafen versandete und die Bürger zogen herunter nach dem wohlgeschirmten Fjord. Die neue Ansiedelung erlag den verheerenden Kriegen, dem Hunger und Feuersbrünsten. Erst nach dem Frieden von Frederikshaven ist’s russisch wieder auferstanden, in seiner jetzigen Uniform. Nur landeinwärts ziehen sich ein paar kleine Quartiere alten finnischen Gepräges; krumm, winkelig, die langen niederen Gebäude in braunem Theeranstrich, schmucklos, aber glänzend von Sauberkeit. Hier in ein Haus zu treten, verlohnt wohl der Mühe. Gastfreiheit gehört mit zu den alten löblichen Sitten, an denen der Finne unverbrüchlich festhält; er redet nicht russisch, wenn er nicht muß, sondern am liebsten seine eigene schöne Sprache, oder schwedisch und deutsch. Sitteneinfachheit und strenge Sparsamkeit charakterisiren bis in die höheren Stände das Hausleben des Finnländers und ermöglichen jene allgemeine Wohlhabenheit, die auch auf dem flachen Land so segnend auf Kultur und Gesittung wirkt. Durch das ganze Haus, dessen Anordnung ausschließlich weiblicher Hand überlassen bleibt, waltet ein stiller, wohlgeordneter Geist; grünes Tannenreißig deckt eine glänzendweiße Diele, gebohnte Truhen und Schränke sind mit solidem Hausrath angefüllt, im weiten Schaukelstuhl am großen Mauerofen wiegt sich der Herr des Hauses, und für Familie, Gesinde und Gäste sind breite Bänke ringsum an der Wand angebracht. Im Verkehr unter sich und mit Fremden gilt noch eine altmodische Rang- und Standesverehrung, die ihrer Form nach weit in’s vorige Jahrhundert zurückreicht und die Etiquette unserer abgelegenen Landstädtchen noch an Strenge und Steife übertrifft. Es tritt diese Förmlichkeit namentlich da auf, wo das Russische sich der Gesellschaft bemächtigt und macht, daß das fremde Element keine Anknüpfung findet. Gesellschaftslokale, Theater, Kurhäuser sind in Helsingfors in großer Pracht vorhanden, werden aber nur von den russischen Militärs und Beamten besucht und bieten deshalb eine traurige Unterhaltung. Selbst von den eleganten Kaufläden der neuen Stadt und [72] den Spaziergängen am Quai halten sich die Finnländer fern, um nur nicht in Berührung mit dem Russenthum zu kommen. Es ist freilich nur noch ein passiver Widerstand, den sie dem Eindringen der verhaßten Fremdherrschaft entgegensetzen können, die übrigens sich wohl bewußt ist, daß sie mit Zwang und Härte nicht viel ausrichten würde und denselben Weg geht, den sie anfänglich mit den Ostseeprovinzen genommen. Sie bietet mancherlei Vortheile mit der einen Hand, während sie mit der andern die Wurzeln aller selbstständigen Entwickelung und nationalen Eigenthümlichkeit unterbindet. Um die Hauptstadt des Landes unter die Batterien von Sweaborg zu legen, wurde das alte Abo seiner historischen Besitzthümer beraubt, sein Seehandel eingeschränkt, sein Hafen vernachlässigt und nach einem großen Brande es selbst dem Verfall anheim gegeben; so ist nun das Gedeihen von Helsingfors ganz an russischen Einfluß gebunden und wirkt mit unwiderstehlicher Gewalt auf das Innere des Landes zurück, das mit allen seinen Interessen von Seestädten abhängig ist. Und trotzdem steht die Russificirung Finnlands noch in ihren ersten Anfängen.

Im letzten Krieg hat Sweaborg, wie Bomarsund, herhalten müssen, den Befehlshabern der französisch-englischen Armada, nachdem sie den Sommer über im baltischen Meer und in sicherer Entfernung von den Kanonen Kronstadts spazieren gefahren, zur Kurzweil an den offenen Küsten der Ostseeprovinzen wehrlose Fischerdörfer in Brand gesteckt und unter unbewachten Viehheerden Razzias gehalten, ein paar, wenn auch noch so armselige, Lorbeeren mit auf den Heimweg zu liefern, um dafür Orden und höhere Staffeln in der Militärhierarchie zu tauschen. Der pariser Taschenspieler hatte die Dreistigkeit, die Beschießung von Sweaborg, bei der ein paar Magazine in Brand geriethen, der öffentlichen Meinung als eine ruhm- und bedeutungsvolle Waffenthat aufzulügen; aber er machte es doch gar zu grob; seine Phrase: „Sweaborg hat aufgehört zu existiren“, machte ihn zum Gelächter der Welt.