Galveston

DCCLXXIV. Helsingfors mit Sweaborg Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Siebenzehnter Band (1856) von Joseph Meyer
DCCLXXV. Galveston
DCCLXXVI. Das Siegesthor in München
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GALVESTON in TEXAS

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DCCLXXV. Galveston.




Gerade achtzig Jahre sind’s, seit am Firmament der westlichen Hemisphäre ein leuchtend Sternbild aufstieg, das sich im Licht der neugeborenen Freiheitsidee wiegte und mit seinen glänzenden Strahlen die Nacht erhellte, welche dazumal auf dem gesammten Völkerleben lagerte. Es war eine enggeschlossene Gruppe von dreizehn jungen Staatenkörpern. Das Licht aber erzeugte Licht; die ausgestreueten Atome schossen zu immer neuen Sternen zusammen, reiheten sich als neue Glieder dem Gebilde an und trugen die Aufklärung weiter in’s Dunkel der westlichen Völkernacht. Fast verdreifacht hat sich seitdem die Zahl jener Lichtkörper und in blendendem Glanze spannt sich das Gestirn über den weiten Horizont; in verschwimmender Ferne aber erkennt das scharfe Auge des Sehers noch manchen schimmernden Nebelfleck, die Embryo’s noch immer neu sich bildender Trabanten der amerikanischen Freiheitssonne. Und welch kurze Spanne Zeit in der Schöpfungsgeschichte sind achtzig Jahre! – noch ein solcher Zeitraum und es wird kein dunkler Fleck mehr am westlichen Staatenhimmel zu entdecken seyn. Von Meer zu Meer, von Pol zu Pol wird der Geist amerikanischer Gesittung seine Schwingen über den Kontinent strecken und sein Glanz wird Tageshelle auf die Erde breiten.

„Manifest destiny“ – ihre „offenbare Bestimmung“ nennen die Amerikaner diese sprudelnde Quelle der Kraft, diesen ungestümen Drang der Zeugung und des Wachsthums, der ihrem Staatenleben innewohnt; und wohl ist’s eine offenbare Bestimmung, daß das Licht geistiger Aufklärung die Finsterniß des Aberglaubens durchdringe, daß die rohe Kraft der Macht der Idee unterliege, daß der starke thatkräftige Wille der Jugend über das impotente Alter gebiete, daß die grüne Saat sittlicher Emancipation die dürren Halme des absterbenden Feudalismus überwuchere, – offenbare Bestimmung ist’s, daß die anglosächsische Raçe die neue Welt ihr eigen nenne und die unermeßlichen Schätze der Macht und des Reichthums, welche die Natur dahin gelegt, aus ihrem Grab wecke und der Welt zum Genuß darreiche. Der germanische Geist soll neuen Lebenssaft in die schlaffen Glieder der romanischen Völkerreste impfen und die Keime einer jungen kulturfähigen Generation unter sie säen; er soll die zu Fall gekommene Menschenwürde regeneriren, auf daß die Fackel geistiger und bürgerlicher Freiheit vor der Welt leuchte, auf [74] daß das Beispiel einer auf neuen Grundlagen ruhenden staatlichen Entwickelung gegeben werde, auf daß durch ihn die Probleme der neuen Zeit, die großen gesellschaftlichen Fragen, gelöst werden, auf daß von ihm aus die Blitze der geistigen Erlösung nach der alten Welt hinüber zünden und die Fesseln zerschlagen, in denen dort die feudalen Gewalten und bigotter Glaubenszwang noch die Entfaltung des Menschengeistes gebunden halten; und wenn das Werk der Erlösung vollbracht ist und die befreiten Nationen sich die Bruderhand über der Stätte ihrer Zwingburgen reichen, dann ist’s die offenbare Bestimmung Amerika’s, den Vor- und Ehrensitz im Völker-Kongreß zu führen und das theure Kleinod der Freiheit zu hüten vor allen Gefahren, die im Schooße der Zukunft verborgen seyn mögen.

Diese Wege seiner Bestimmung geht Amerika raschen und großen Schritts. Jede seiner kurzen Regierungs-Epochen erwirbt ihm neue Staaten und weite Länderstrecken, aber seine Eroberungen hinterlassen nicht so blutige Spuren, wie die Raubzüge der Könige. Die nordamerikanische Politik ist nicht der Sturm, der gewaltsam die Frucht von des Nachbars Zaune bricht, sondern der Sonnenschein, der sie reift und selbst in ihren Schooß fallen läßt; sie schickt Heere von Kolonisten statt Soldaten, die blanke Pflugschaar ist ihre Waffe, Dampfessen sind ihre Batterien und blühende Ansiedelungen ihre Trancheen. Sie setzt zuvörderst den Hebel der Kultur an, statt den der Gewalt, überredet durch die Erfolge des bürgerlichen Fleißes, theilt freigebig die Früchte einer höheren Gesittung mit und bahnt sich durch ihre Achtung vor dem Gesetz den Weg zur Sympathie ihrer Nachbarn. Mit Sorgfalt verpflanzt sie die gährenden Elemente der eigenen treibenden Kraft in die trägen Massen der fremden Bevölkerung, pflegt so die ausgestreuten Keime der Liebe zur Freiheit und Lust, um der vollen Segnungen ihrer eigenen Civilisation theilhaftig zu werden und erst, nachdem der Zweig so weit erstarkt ist, daß er es wagen darf, sich von seinem Stamme zu emancipiren, sich loszukaufen oder gewaltsam zu trennen, erst dann hält sie die Arme auf, ihren Pflegling im eigenen Haus zu empfangen.

Texas ist eine Frucht dieser Politik. Sie that wie sie in Louisiana zuvor gethan, wie sie in Oregon, Kalifornien, Neu-Mexiko nachher that, und wie es in Kanada, Kuba und Nicaragua zunächst geschehen wird. Dieselben rastlosen Kräfte, die kühnen Pioniere amerikanischer Kultur und amerikanischen Staatenbaues, die das schöne Land am mexikanischen Golf aus der Gewalt roher Despoten und finsterer Pfaffenherrschaft erretteten und auf die Basen einer freien Entwickelung, der Blüthe, der Macht und des Glücks seiner Bewohner führten, dieselben muthbeseelten Männer, die von da nach dem Kolchis am stillen Meere auszogen, das goldene Vließ zu holen und den strahlenden Stern von Kalifornien in’s Banner der Vereinigten Staaten zu sticken, dieselben rauhen Gesellen sind’s, die in Westindien und Mittelamerika neue Ziele und neue Gefahren suchen. Flibustier, Abenteurer, Piraten schilt sie der Philister; aber es sind die vom Drang der „Manifest destiny“ am weitesten Getragenen, und wenn ihr Blut [75] die dort keimende Saat der Freiheit düngt, so ist auch ihr Heldenthum in’s Gedächtniß ihres Volkes eingeschrieben. Texas, der blühende Jüngling unter den Staaten, welcher erst vor 20 Jahren die Kette der Knechtschaft brach, dieses zur spanischen Zeit von Pfaffen und Mönchen ausgebeutete Texas, das durch die Wildheit seiner Bewohner, seines Klima’s und seines Bodens verrufene und wegen verfehlter leichtsinniger und bübischer Spekulationen und durch böswillige und urtheillose Berichte verunglückter Ansiedler und unwissender Reisender so verkannte Texas, es kommt endlich zu Ehren; der Knabe hat seine Flegeljahre ausgetobt; eine musterhafte Verfassung und strenge gesetzliche Gewalt ist an die Stelle eines permanenten Kriegszustandes getreten und Gefahren für Leben und Eigenthum, die einst hinter jedem Busch lauerten, sind verschwunden. Die ansässige Bevölkerung, welche aus dem langen Krieg heimgekehrt ist, hat ihre verlassenen Felder und Heerden wieder aufgesucht, um die Früchte ihrer Siege und Unabhängigkeit zu ernten, die Landsknechte der Freiheitskämpfe, die Abenteurer, die starken Arme und stolzen Gemüther, denen es in den Schranken der Gesetze zu eng ward und die raub- und beutelustigen Nachzügler, die Marodeurs des Kriegs, denen es vor dem Sheriff und Henker bang wurde, sie alle haben sich verlaufen wie die wilden Wasser nach einer Fluth; eingewanderte Arbeitskraft und Spekulationslust haben den Hebel an die verborgenen Schätze des Landes gesetzt, einen lebendigen, geschäftlichen und geistigen Verkehr angeregt, Zeit, Umsicht und Ausdauer geben allenthalben der Ansiedelung einen festen Halt und die Garantien einer glücklichen Zukunft, blühende Städte entstehen an den Ufern der großen Ströme und natürlichen Häfen der Küste, Dampfboote und Eisenbahnen durchschneiden das Land, die Segnungen des Friedens und der Civilisation kehren ein und fördern neue Quellen des Wohlstandes zu Tage. Zum wohlgeordneten und glücklichen Staat gereift, seit es (1845) der Familie seiner freien Nachbarn sich zugesellt hat, ist Texas vielleicht noch einmal beschieden, an Rang, Reichthum und politischer Wichtigkeit die erste Stelle unter ihnen einzunehmen.

Schon hat Texas viel vor seinen Brüdern voraus. Vor den älteren die jugendliche Frische, mit der sich dort das Leben auf dem jungfräulichen Boden bewegt. Die Thatkraft kennt noch keine Schranken, wie sie auf dem okkupirteren Terrain der Nachbarstaaten durch die Zeit sich aufgebaut haben, und der Spekulation bieten sich fort und fort neue Reize und neue Entdeckungen. Vor den jüngeren, wie Kalifornien und Neu-Mexiko, genießt es den Vorzug der besseren staatlichen Organisation und eines glücklicheren Verhältnisses der Elemente merkantilen und landwirthschaftlichen Gedeihens. Dies Verhältniß schützt vor dem ephemeren Glanz und der schwankenden Macht einer vorherrschend geschäftlichen Erhebung, denn Texas ist seiner Natur nach auserkohren, ein Staat des Ackerbaues zu seyn, dem Handel und Industrie nur fördernd zur Hand gehen sollen. Als der größte unter den älteren Staaten vereinigt Texas auf einer halben Million Quadratmeilen die schönsten Klimate Europa’s, von Holstein bis zum südlichen Spanien, und es könnte der ganzen Bevölkerung, die unter jenen Zonen wohnt, nicht minder schöne, aber [76] geschütztere und ergiebigere Wohnsitze bieten, als die alten Kulturstaaten Europa’s. In drei großen bestimmt abgegrenzten Terrassen steigt das Land von Südosten, am mexikanischen Golf zu den Gebirgen und großen Strömen seiner nordwestlichen Grenze empor. Jede dieser Terrassen hat ihren eigenthümlichen Charakter, ihre üppige Vegetation, ihr besonderes Klima. Ein 30 bis 60 Meilen breiter Gürtel des fettesten Alluvialbodens umgiebt den Fuß des Landes, der das Meer bespült; dieser Wald von uralten Cedern und Lebenseichen harrt noch der Art, um Schiffe daraus zu zimmern, und meilenlange Marschen und Rohrbrüche, welche in die Flußthäler hinaufreichen und an Fruchtbarkeit mit den Niederungen des Mississippi rivalisiren, warten noch des Saatkorns und der Pflege des Pflanzers, um in blühende Reis-, Zucker- und Baumwollplantagen verwandelt zu werden. Der Ueberfluß an gesunderen Gegenden hält die Ansiedelung noch von den Niederungen fern und nur in den oberen Flußthälern wird der Alluvialboden zum Anbau von Zuckerrohr benutzt. Dagegen ist das wellenförmige Land, das eigentliche mittlere Texas, welches die zweite Staffel bildet und sich 150 bis 200 Meilen breit durch den ganzen Staat erstreckt, das Herz seiner Kultur – ein Paradies an Lieblichkeit der Landschaft, Ergiebigkeit des Bodens und Heilsamkeit der Luft. Gar anmuthig wechselt die ewig frische Prärie mit dem duftenden Haine der umhergestreuten Bauminseln, hochgewachsenen Stämmen ohne Unterholz und schön geschwungenen Hügeln mit Buschwerk bewachsen; zahlreiche Quellen und rasch fließende Ströme bewässern und durchfurchen das Land nach allen Richtungen und die Winde, die Jahr aus, Jahr ein, über die Hochplateaus Mexiko’s und des nördlichen Texas streifen, wehen unvergängliche Frische über die Vegetation und gießen Kraft und Gesundheit in alles animalische Leben. So berühmt schon ist die Luft der Prärien geworden, daß die Aerzte aus den nördlichen Staaten ihre Patienten in Menge nach diesem Theil von Texas schicken, um Heilung für ihre kranken Lungen zu suchen. An Erzeugnissen ist der Prärieboden, wenn er umbrochen wird, fast eben so reich, als das Alluvium der Niederungen; alle Getreidearten geben jährlich doppelte Ernten. Die Baumwolle, der Stapelartikel des Landes, wird gleich der besten auf dem Markt geschätzt und Tabak, Wein, Maulbeeren, Farbstoffe und Droguen, die zum Theil wild, in luxuriöser Ueppigkeit allenthalben wachsen, versprechen noch wichtige Produkte des Anbaues und der Ausfuhr zu werden, sobald sich nur hinreichend Hände dafür finden. Die Rinderzucht gedeiht, wo sie versucht wird, fast wie in dem Pampas von Südamerika; der Mangel an Verwendung macht sie noch zum Ueberfluß; die Pferde, Abkömmlinge der spanischen Raçen, schweifen wild in großen Heerden im Lande umher und sind noch ein werthloses Gemeingut eines Jeden, der den Lasso zu handhaben versteht. Im Nordwesten erhebt sich das Prärieland zu einer Hochebene, die sich bis zu den Gebirgen im Norden erstreckt, von denen die Quellen der großen Ströme, des Brazos, Guadeloupe, Trinity und anderer sich ergießen. Das Hochland ist noch die Heimath der westlichen Romantik, der Jagdabenteuer und Indianerkämpfe, der Weglagerer und Gefahren. Doch hat die Civilisation ihre Posten auch schon in diese Wildniß vorgeschoben und hauptsächlich sind es Deutsche, die dort [77] mit dem Bison und Mustang noch die Erzeugnisse des Bodens theilen und mit der Büchse ihren Pflug begleiten müssen. Jede Ansiedelung ist ein Kriegslager und jedes Blockhaus eine Festung; denn in der Nacht ist der Scalp auf keines Weißen Kopf sicher vor den raubmörderischen Ueberfällen der Rothhäute. Beschaffenheit des Bodens und Klima’s sagt in dieser Region dem Deutschen am meisten zu und das Gedeihen seiner Arbeit, Genügsamkeit in seinen Bedürfnissen und das Bewußtseyn vollkommener Unabhängigkeit lassen ihn unter allen Gefahren sich glücklicher fühlen als in Mitten des rastlos beweglichen amerikanischen Volks. Die deutsche Einwanderung nach Texas geht daher seit einiger Zeit vorzugsweise nach jenen nordwestlichen Gebieten, wo sie andere Ziele verfolgt, als die der amerikanischen Pflanzer im Süden und Osten. Letztere kommen hauptsächlich aus den östlichen Grenzländern, aus Louisiana und Mississippi, und haben, neben dem stürmischen Spekulationsgeist und turbulösen Charakter jener Staaten, auch die Sklaverei mit in’s Land geführt. Sie ist ein Fluch; denn wo Sklavenarbeit sich niederläßt, ist des freien Arbeitsmannes Bleiben nicht mehr. Mit der Sklaverei fällt überall die Würde der Arbeit, der weiße freie Arbeiter sinkt sowohl in seiner eigenen Achtung als in der des Arbeitgebers, sobald sein Werk gleich Sklavenwerk geschätzt wird; jener entartet im Umgang mit dem Sklaven, in der Gleichstellung seines Lohnes und seiner Behandlung mit der des Sklaven; seine Natur verdirbt zur Sklavennatur, weil sich sein Stolz nicht mehr empören darf gegen den Schimpf und die Beleidigung, die in der Degradation der nämlichen Kraft, welche er wie die der Sklaven handhabt, ihm selbst widerfährt. Ist er auch sein eigener Herr und baut sein eigenes Feld, ertheilt dennoch mit den Sklaven des Nachbarn diesen Schimpf; denn der freie Sklavenhalter läßt auch ihn die Verachtung fühlen, die er vor den Schwielen in seinen Händen hegt; wie der adelige Junker über den freien Bauer die Nase rümpft, der selbst hinter’m Pflug geht. Was der Freie thut, thun ja für ihn die Knechte! Eben so wenig, wie die gesellschaftlichen, vertragen sich die ökonomischen und politischen Interessen des kleinen, freien Landbauers mit der Plantagenwirthschaft des großen Sklavenbesitzers. Kann auch auf den Pflanzungen des texanischen Binnenlandes die Arbeit vom Weißen so gut gethan werden, wie vom Neger, so bleiben doch der kleinen Bewirthschaftung die besonderen Vortheile eines großartigen Betriebs, die leichte Benutzung der Verkehrsverhältnisse und für Hauptprodukte, wie Zucker und Baumwolle, selbst die Möglichkeit einer vortheilhaften Erzeugung, wegen der Kostspieligkeit der Anlagen, entzogen. Der kleine Landwirth wird erdrückt von der Konkurrenz des großen, ärger noch, als in Europa der kleine Bauer vom großen Gutsbesitzer, oder der Handwerker vom reichen Fabrikanten erdrückt wird. Noch nachtheiliger wird dies Verhältniß in Texas durch seine Wirkung auf die öffentlichen Angelegenheiten in Verwaltung, Justiz und Gesetzgebung; denn in allen dahin bezüglichen Fragen steht das Interesse des Sklavenhalters der Emancipation der Arbeit feindlich entgegen und sogar das allgemeine patriotische Interesse ist zwischen ihnen gespalten. Der freie Ansiedler, namentlich der Deutsche, sucht sich einen dauernden Besitz zu gründen, um ihn für sich und seine Familie [78] zur beständigen Quelle des Erwerbs zu machen; sein Interesse ist innig mit der wachsenden und dauernden Prosperität des Landes verknüpft. Der Sklavenhalter hingegen ist, wenigstens jetzt noch, nur Spekulant im Landbau; er trachtet, in kürzester Frist die Strecken rohen Bodens, welche er für ein Weniges erwirbt, durch Sklavenarbeit in einen werthvollen Gegenstand der Spekulation umzuschaffen, setzt sie in kulturfähigen Stand, gibt ihnen ein Schock schwarzer Arme bei, sucht einen Käufer und zieht stilles Weges weiter, um anderen Orts dasselbe Geschäft zu wiederholen. Auch sein Käufer betrachtet die erworbene Plantage als Geschäft, das ihn in kurzer Zeit bereichern soll, um es sodann mit Vortheil weiter zu veräußern. Es liegt in der Natur der Sklavenwirthschaft, daß sie nicht den Mann dauernd an den Besitz fesselt, den er geschaffen. Es fehlt ihr das Element der Verwandschaft, in die der freie Arbeiter zur selbstgepflügten Scholle tritt. Dort steht der Sklav zwischen dem Herrn und der freundlichen Natur, die ihr Füllhorn vor ihm ausschüttet; dem freien Arbeiter reicht sie ihre Gaben in die eigene Hand; dieser gewinnt die Erde lieb, auf der er seinen Schweiß vergießt; jener aber schätzt sie nur noch nach dem Ertrag, den sie ihm abwirft. So verschieden, wie die Farbe ihrer Haut, so verschieden und so fremd sind sich die Interessen, die Impulse, die Sympathien jener beiden, scharf getrennten Kulturelemente in Texas; nimmermehr werden schwarze und weiße Arbeit neben einander auf demselben Boden gedeihen. Deshalb hat sich die fremde Ansiedelung, namentlich der deutsche Bauer und Farmer, vor der eindringenden Kolonisation der Sklavenhalter nach demjenigen Theil des Landes zurückgezogen, wo die große Plantagenwirthschaft weniger bekannt ist, als auf dem üppigen Prärie- und Alluvialboden des Südens, nämlich nach dem höher gelegenen und vorzüglich für Getreidebau geeigneten Tafelland des Nordwestens. Gegenwärtig bildet die freie Arbeiterbevölkerung dort eine mächtige geschlossene Partei, welche sich schon mehrmals im Kampf mit dem sklavenhaltenden Süden versucht hat, und da sich ihre Grenzen nach den natürlichen Bedingungen des Bodens so scharf abzeichnen, wie ihre politischen Grundsätze, so wird über kurz oder lang eine Trennung des freien Texas vom Sklavenstaat eine Folge dieses Kampfes werden. Gegenwärtig beträgt die gesammte weiße Bevölkerung von Texas wenig über 300,000, es kömmt also nicht einmal ein Freier auf die englische Quadratmeile. Die Zahl der Sklaven ist größer, hat aber noch keine Rubrik und keinen Census. Unter der nicht anglo-amerikanischen Einwanderung nehmen die Deutschen die bei Weitem größere Ziffer ein; von mexikanischem oder spanischem Blut ist kaum eine Spur mehr zu erkennen und die Indianerstämme, welche bis nach der Nordgrenze zurückgedrängt sind, werden vor der vorschreitenden Kultur und einer energischeren Machtentfaltung des Gouvernements wohl bald ganz aus ihrem angestammten Gebiet weichen müssen.

Unter den wenigen Städten, in denen die so spärliche Bevölkerung sich etwas dichter zusammendrängt, ist Galveston, die Seepforte des Landes, die bedeutendste. Sie liegt, wie Venedig, auf einer Insel in der Bai, [79] hat aber auch sonst nicht das Geringste mit der Königin von Adria gemein. Sie ist zur Zeit noch nichts Besseres, als ein weitläufiges, von ungepflasterten Straßen rechtwinkelig durchkreuztes Baracken- und Budenlager, um den nächsten und dringendsten Bedürfnissen des fremden Handels und der Schifffahrt sowie des Verkehrs mit dem Binnenlande zu genügen; ihre Architektur gehört dem „Scheunenstyl“ an, der nächst-höheren Stufe über dem Blockhausstyl. An Besseres zu denken, dazu findet sich bei der Hast und Geschäftigkeit, mit der die Bewohner die nothdürftigste Ausstattung ihrer städtischen Wirthschaft zusammentragen, keine Zeit. Ungefähr 4000 fest angesiedelte Einwohner leben zur Zeit in Galveston und daneben, namentlich in der Saison der Verschiffungen und der Einwandererzüge, wogt ein buntes Gemenge aller Raçen und Nationalitäten, wie wir sie in allen Seestädten Amerika’s antreffen. Galveston spedirt zwei Drittel der ganzen texanischen Ausfuhr, darunter über 100,000 Ballen Baumwolle, welche ihm größtentheils durch die in die Bai mündenden Flüsse zugeführt werden. Mit New-Orleans und den Hauptplätzen der atlantischen Küste unterhält Galveston regelmäßige Dampf- und Packetboot-Verbindungen. So blühend und rührig auch der Verkehr für den kleinen Ort jetzt schon erscheint, so ist er doch nur ein schwacher Schatten, den er seiner künftigen Entwickelung voraus wirft, wenn wir bedenken, daß das Land, welches hinter ihm liegt, bestimmt ist, die hundertfache Bevölkerung aufzunehmen und einst seine Zuckerplantagen wohl allein mehr produciren werden, als die des übrigen Kontinents zusammen gerechnet.