Das Siegesthor in München
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |

Das SIEGESTHOR in MÜNCHEN
Es war eine Zeit, da wogte ein Volk im Festgewand aus und ein durch die Portiken der Propyläen, da füllte sich das Forum mit den Versammlungen der Bürger, um unter den Denkmalen ihrer großen Zeit und den Bildsäulen ihrer großen Männer Fragen des öffentlichen Wohls zu berathen, da drängten sich Hunderttausende nach den Theatern, um sich an den Tragödien des Aeschylos zu begeistern, oder auch am blutigen Gladiatorenspiel ihre Lust zu kühlen, da feierte alljährlich die Nation in den Hallen des Pantheon das Andenken ihrer großen Todten, da warteten der heimkehrenden Sieger Ruhmes- und Ehrenpforten, und Jung und Alt strömten jubelnd ihnen entgegen, um die Bekränzten nach den Altären ihrer Penaten heim zu geleiten. Das war die Zeit großer Thaten, großer
[80] Impulse, großer Ideen, großer Menschen und großer Werke. Sie ist längst begraben. Die verödeten Tempel, die verschütteten Statuen, die eingesunkenen Arkaden, die verfallenen Amphitheater, die vergras’ten Arenen und Rennbahnen sind nur noch die Leichensteine, die ihre Grabstätte bezeichnen. Später folgte eine Zeit neuer Ideen, neuer Erscheinungen im Volksleben. Heere frommer Beter bedeckten die Landstraßen, pilgerten nach den heiligen Stätten, über denen zur Ehre des Christen-Gottes herrliche Dome zum Himmel ragten und hohe Kuppeln sich wölbten. Da wogte ein Meer von Lichtern und eine Fluth von Engelstönen durch die Hallen, der gläubige Sinn weihte Hab und Gut, Genie und Geschick der Verherrlichung der Symbole seines Glaubens und wetteiferte in dem Glanz und der Pracht seiner Abteien und Klöster, Basiliken und Kapellen, Krypten und Mausoleen. Auch diese Zeit ist im Ersterben, die Ideenwelt, die sie belebte, im Erlöschen und die schöpferische Kraft, die ihren Boden mit Werken der Kunst bepflanzte, im Versiegen.
Der herrschende Geist der Zeit ist’s allein, der seine Ideen in Formen der Kunst ausprägt und die Baukunst ist’s vorzugsweise, in der sich jener Geist am festesten und deutlichsten verkörpert. Wie prägnant scheidet sich in der Kunst die heidnische von der christlichen Richtung, wie bestimmt stellt sich in seinen Monumenten das heitere Götterthum von Hellas dar gegen den düstern Apisglauben der Aegypter, oder die luxuriöse Genußreligion der Römer gegen den feierlichen Ernst des Katholicismus! Nicht minder deutlich spiegelt sich in der Baukunst die Geschichte ab. Die Eigenthümlichkeiten der Nationen, ihre Denk- und Vorstellungsweise, ihre Bedürfnisse, die Zone, der sie angehören, finden in ihren Baustylen Ausdruck; sicher begleitet ihren Kulturgang, ihr Auf- und Niedersteigen und ihre Blütheepochen die Entwickelungsgeschichte ihrer Architektur, in ihren naiven, kindlichen, einfachen Anfängen, in der Fülle und im Reichthum ihrer Formenentfaltung, in ihrer Ueberladung mit Putz und Ornamenten, in der Verarmung der Ideen, in ihrem Zopf- und Schnörkelthum, in ihrem endlichen Versinken zur Unnatur und Häßlichkeit: – immer kommen die Formen naturwüchsig aus dem Boden der Kulturentwickelung, immer sind sie ein unzertrennlich mit ihr verwachsenes Element gewesen, immer leitet ein historischer Pfad durch alle ihre Phasen.
Fragen wir aber nach einer Kunst unserer Zeit, namentlich nach einem Baustyl, welcher den Geist unserer Zeit versinnlicht und vom Genius unserer Kultur getragen wird – was ist die Antwort: Es gibt keine lebende Baukunst. Unser Zeitgeist ist ein Geist, der zerstört, aber nicht schafft, ein Geist der Negation, ein Geist der Kritik, der die herrschenden Ideen ihres Thrones entsetzt, aber keine neuen ideellen Autoritäten an deren Stelle führt, – es ist ein Geist der Fäulniß und Zersetzung, dessen Keimkraft noch im Embryo schlummert. Woher soll das Kunstwerk kommen, wenn die Idee fehlt, woher die Puppe, wenn die Raupe ein leerer Balg ist, woher die neue Form für ein Wesen, das noch nicht geboren ist? Wohl ist unsere Zeit fruchtbar an großen Bauwerken und reich an Baukünstlern; was sind diese aber gewöhnlich? Nichts anders als Kunstliebhaber, die wählerisch in den alten Formen umhersuchen, um Altes nachzubilden. [81] Kirchenbauten, die keinen Funken von religiösem Sinn verrathen, Häuser für Schauspiel, welches das Volk nicht versteht, Monumente, an denen Jedermann theilnahmlos vorübergeht, Museen, welche der Menge nichts weiter sind als Kuriositätenkästen, und Triumphbogen zur Verherrlichung von Thaten feiler, livrirter Knechte, die auf’s Geheiß ihrer Herren würgen, Apotheosen des Fluchs der Menschheit, Denkmale menschlicher Schmach und menschlichen Elends: denn unsere Zeit hat längst den Stab der Verdammung über das Heldenthum des Schwertes gebrochen und vor dem Richterstuhl der Humanität und des Christenthums erblaßt der Kriegsruhm unter der Anklage des Mords. Denkmäler errichtet man den entflohenen Götzen der alten Zeit, aber das einzig wahre und berechtigte Kunstwerk, das einen Geist wiederspiegelt, der seinen Schöpfer beseelt, das eine Idee ausspricht, die in seiner Zeit pulsirt, das an das Herz der Menschen faßt und Erhebung und Begeisterung für seine Ideale ihm einflößt, – ein solches Kunstwerk kann die Zeit nicht schaffen; was uns die Gegenwart als solches bietet, ist eitel Lüge.
Wir wollen nicht wiedersagen, was wir bei dem Anschauen des Münchener Siegesthors gedacht haben. Vom König Ludwig ward es dem Waffenruhme der bayerischen Heere, im Styl der römischen Triumphbogen, aus gelblichem Sandstein errichtet. Es erinnert ein wenig in seiner Anordnung an den Bogen des Konstantin, nur gebricht es ihm an Harmonie der Verhältnisse, und der Eindruck, den es macht, ist nichts weniger als groß. Vier Pilaster und entsprechende vortretende Säulen korinthischer Ordnung theilen die zwei kleinern Portale von dem mittleren 70 Fuß hohen Bogen. Marmorfriese mit allgemeinen Sinnbildern kriegerischer Tapferkeit dekoriren die Façaden und Seiten der kleineren Bogen und vier geflügelte Viktorien schauen von den hohen Sockeln über den Säulenkapitälern herab. An der Attike sind sechs Medaillons eingelassen: – die allegorischen Figuren der acht Kreise Bayerns. Der Entwurf des Siegesthors ist von Fr. von Gärtner, nach dessen Tode Ed. Metzger den Bau vollendete (1850). Die schönen Skulpturen sind nach Modellen von Martin Wagener in Rom in münchener Bildhauerwerkstätten ausgeführt. Auf der Plattform steht eine kolossale Bavaria im Siegeswagen von vier Löwen gezogen: – ein trefflicher Erzguß vom berühmten Ferd. Miller.