Seite:Meyers Universum 19. Band 1857.djvu/226
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band | |
|
|
Eine Rheinreise! Nicht die am alt, groß und breit gewordenen Strome, nicht von Mainz nach Köln, der Modetour aller Flitterwöchner, Ferienzügler, Engländer und Harfenmädchen höherer Ordnung, sondern ein Gang mit dem Kinde von da an, wo es das Laufen gelernt hat.
Der Rhein kommt aus dem Paradiese. Wer das nicht glaubt, frage die Bündtner des Rheinwaldthals. Die einsame Stätte zwischen wilden Urgebirgstrümmern, wo, mit Moos und Flechten ärmlich geschmückt, die Wiege steht, in welcher die Adula, deren Eiszackenkrone 10,000 Fuß hoch in den Wolken glänzt, den Säugling nährt, ist in der kurzen Zeit des höchsten Sommers von italienischen Hirten bewohnt, deren Aeußeres die Bündtner verleitete, das erste Bettchen des Rheins im Paradiese zu sehen. – Im Dorfe Splügen[1] betrat ich die erste Rhein-Brücke. Stahlblau springen die Wellen des Bachs über das dunkle Gestein. Frische Wiesgründe drängen sich an ihn hinan, schlanke Tannen rauschen mit ihm um die Wette, und neckische Felsblöcke und Baumstämme, die den Kleinen im Laufe aufhalten oder gar fangen wollen, erregen seinen ersten Zorn. Derweil wächst der Bub’ zusehends. Und es freut sich Alles darüber, denn die Felsen recken sich immer höher übereinander empor, um ihn zu sehen, die Lärchen und Tannen umstehen fast wälderweise seinen Weg, Berge und Hügel stecken über ihn wonneblickend die Köpfe zusammen, und die ragenden Gletscher schauen theilnehmend dazwischen herab zu dem Knaben, zu dessen Ernährung und angemessener Erziehung auch sie ihre Beisteuer geben.
Wenn wir die erste Ruine der Ritterburgen des Rheins, bei der alten Schamser-Straße am hohen Kalkberg, nicht mehr sehen, so sind wir bald an der Stelle, wo die schöne Straße, von kühner Menschenhand gebaut, sich vom Rheine trennen muß, so gefährlich wird sein Gang. Die Natur bereitet uns durch eine mächtige Felsenpforte auf die Schauer vor, die hierzu erleben sind. Gleich hinter derselben öffnet sich die Schlucht der Rofflen, deren wildeste Partie auch die „innere Viamala“ genannt wird. Im Zickzack abwärts windet das graue Gestein mit immer tiefer und schroffer abstürzenden Wänden und immer trotziger aufgestemmten Zacken und Brocken den Weg für den jungen Riesen. Es wird ihm zu enge, er brüllt vor Wuth und schlägt um sich und schnappt nach Luft, daß der Schaum aufspritzt an seine Kerkermauern. Aber vergeblich. Er muß sich fügen.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Neunzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, New York 1857, Seite 216. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_19._Band_1857.djvu/226&oldid=- (Version vom 30.12.2025)