Die Straße über den Splügen
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Die STRASSE über den SPLÜGEN
In des stolzen Mailands Mitte ist ein Berg zu des heiligen Grabes Ehren aufgethürmt aus weißem Marmor. Weißer Marmor sind die Stämme des Waldes, über welchen der Berg sich wie ein Himmel wölbt. Aber durch dieses Himmelsgewölbe wachsen die Gipfel der Bäume hinaus, und hast Du den Berg erstiegen, so wandelst Du zwischen Tausenden von weißen Marmorblumen, marmorner Epheu rankt sich um hundert Ehrenbogen und Thore, marmorne Lauben winken an den kühnen Pfaden der hängenden Gärten des Bergs, und tausend marmorne Gestalten stehen und knien Gott zum Preise zwischen den Blumen und Ranken, in dem Geäste und Gezweige der Baumgipfel, bald versteckt in unnahbaren Winkeln, bald blüthenweiß im Dunkelblau des Aethers schwebend. Du bist stumm vor dem Wunder der Kunst des Menschengeistes und der Menschenhände, – bis Du des Bergrückens Thurm erklommen und von da rings in weiter Ferne den Kranz erschaut hast, den Kranz von blauen und weißen Blumen, welchen der Schöpfer um den immergrünen Teppich herum gelegt hat, auf dem der weiße Marmorberg mit den Baumwipfeln über den enggereiheten Häuserfirsten seiner Stadt emporragt. Die Blumen dieses Kranzes sind die Granitfelsen und Gletscherkronen, mit welchen Alpen und Apenninen die ewig blühende Ebene des Lombardenlands umschlingen. Vor diesem Rundbilde versickert in Dir das überwältigende Gefühl, mit dem die Pracht und selbst das widerwärtige, mit dem die Kunstvergeudung am Dombau allmählig Dich erfüllt; und endlich schwärmt Dein Auge nur noch in der Herrlichkeit der unermeßlichen Riesenbergwelt, und Dein Herz zittert in Andacht vor dem Geist der Allmacht, die den himmelragenden Felsenkranz gewunden!
Die Alpen sind die Grenzwälle zwischen drei Nationen, die Mauern Italiens gegen Deutschland und Frankreich. Während sie aber winkend und lockend und Sehnsucht erregend vor dem Germanen standen, weil von dort Hügel hinter Hügel, Berge hinter Berge immer höher und höher bis zu den Felsenfirsten und Gletscherhörnern [4] hinansteigen und ihr Anblick das Herz erhebt, bezaubert und entzückt, – traten sie dem Bewohner Italia’s mit zurückschreckender Furchtbarkeit entgegen; dort heben sich aus der wonnigen Ebene die starren Massen bis zur Gletscherhöhe empor, und wo sich ein Thal als Durchweg zu öffnen scheint, endet es in undurchdringlichen Schluchten oder vor unersteiglichen Abgründen. Es gehörte zu dem Entschluß, diesen Völkerburgwall zu durchbrechen, für die Söhne des Südens mehr Muth , als für die Männer des rauhen Nordens, denen die Schrecknisse der Bergwelt erst am Ende der Fahrt entgegen gähnten. Die römischen Adler trieb der Weltbesiegerübermuth zu dem kühnen Wagniß. Es gelang. Geöffnet war das Thor, aber damit auch eröffnet der Kampf zwischen den Völkern Odins und Jupiters, und er dauerte fort, bis über beiden das Kreuz sich erhob. Auf denselben Pfaden, über welche die ersten Legionen zur Eroberung Germaniens zogen, drangen Gallier und Germanen siegreich ein, gossen frisches Blut in die Adern des entmarkten Volks und machten das Land zum Kampfplatz für Jahrhunderte. Auf denselben Saumpfaden führten die deutschen Kaiser ihre Heere nach Welschland und steckten ihr Banner so tief in die Erde Oberitaliens, daß es noch jetzt darin fest steht.
Aus den Heerstraßen über die Alpen wurden Wege des Verkehrs zwischen den Völkern des Nordens und Südens. Die Kunststraßen der Römer hatten zwar nicht die Breite und Fahrbarkeit der jetzigen Alpenstraßen und boten noch Gefahren und Beschwerden genug, aber es waren doch Straßen. Nach ihrem Verfall bis in das siebenzehnte Jahrhundert hinein führten nur Saumpfade über die Alpen. Noch Albrecht von Haller († 1777) konnte ausrufen: „Ueber die Alpen geht kein Rad!“ – Zwischen Haller und der Gegenwart steht Napoleon. Er baute fünf großartige neue und erweiterte die zwei einzigen damals vorhandenen Fahrstraßen. Nach seinem Fall nahm Oesterreich wieder Frankreichs Stelle in Italien ein und unternahm und vollendete, theils im Vereine mit Sardinien und der Schweiz, theils allein jene Straßenbauwerke, die unbestritten das Kühnste und Größte sind, was in dieser Art in irgend einer Zeit und in irgend einem Lande durch Menschenhand vollbracht worden ist. Gegenwärtig ist Oesterreich durch 10 Straßen und 6 Saumpfade, die Schweiz durch 11 Straßen, von denen jedoch 5 zum großen Theil Oesterreich mit angehören, und 6 Saumpfade, und Frankreich durch 8 Straßen, von welchen 2 wiederum zugleich schweizerisch-österreichische sind, und 4 Saumpfade mit Italien verbunden.
Eine der kühnsten und schönsten dieser 29 Alpenstraßen ist die über den Splügen, über welche der Leser heute im Geiste mit mir geht. Ich führe ihn gewissenhaft und genau, denn ihm zu Liebe bin ich selbst diese Straße zu Fuß und mit dem Skizzenbuche in der Hand gewandert. Folge mir der Leser mit Vertrauen, aber auch, wo er den Adlerkiel des großen Gründers dieses Werks in meinen Schilderungen vermißt, mit der Nachsicht und Milde, womitman ja allerwege die ersten Schritte von „Nachfolgern“ zu beurtheilen pflegt.
[5] Zwischen Mailand und Chiavenna, deutsch Kläven, dem Schlüssel (clavis, chiave) zu den drei Alpenpässen über den Splügen, den Septimer und der Maloja, ist durch die Eisenbahn nach Como und die Dampfschifffahrt auf dem Comosee die Entfernung sehr gemindert. Chiavenna ist die letzte lombardische Stadt auf diesem Wege nach Deutschland. Aus ihr schritt ich, das Ränzchen an der Seite, den Stock in der Faust, am Himmel die freundlichste Herbstmorgensonne und den Allerheiligenfesttag im Kalender. Von den beiden Thälern der Flüßchen Mera und Lira, die bei Chiavenna mit brausendem Jubel ihre Zusammenkunft feiern, hatte ich dem letzteren zu folgen. In der Stadt und auf allen Bergkirchen läuteten die Glocken das Fest ein, das ich heute mit feiern sollte zwischen den Gletschersäulen des unermeßlichen Alpentempels. Das Steigen beginnt gleich hinter Chiavenna. Von da an kommt das Auge nicht mehr zur Ruhe, ob es vorwärts oder rückwärts blicke. Lassen wir denn die wechselnden Bilder bei rüstigem Vorwärtsschreiten an uns vorübergehen.
Die Lira bleibt uns stets zur Linken. Ihre zahlreichen Wasserfälle brausen bald fern in der Tiefe, bald sehen wir das prächtige Grün und Weiß der Fluth und des Schaumes zwischen den mächtigen Blöcken der Bergstürze neben uns dahin toben. Jetzt treten hohe Felswände links hervor, überragt von grünen Waldhöhen, auf welchen vier Kirchlein mit ihren schlanken Thürmen und halbversteckte Häusergruppen sichtbar werden. Die Glockenlaute hallen auch von dort herab. Rechts rollt von hoher Felswand ein lustiges Wasser und blinkt prachtvoll in der Sonne. Jenseits der Lira beginnt hier ein wunderherrliches Naturspiel. Zwischen den waldigen Vorhügeln sieht eine Reihe grauer Bergfelsköpfe in’s Thal herein, mit jedem Schritt ein anderer, jeder Kopf mit anderer Haltung, bald hoch, bald gebückt, bald neugierig vorgebogen, bald rückwärts, bald seitwärts geneigt, kurz, so lebhaft, daß mir es endlich war, als hört’ ich’s in die Ohren, wie die sich zuraunten: Wo will das kleine Ding da unten hin? – Und nun sind wir im Jakobsthal, das uns mit frühlingsgrünen Wiesenflächen in den Gründen und an den Hügeln begrüßt; die Kastanien, die bis jetzt in Reihen die Straße begleiteten, treten in Gruppen wie kleine Wälder zusammen, aber zugleich beginnen die mühsamen Schlangenwindungen der Straße das steiler werdende Gebirg aufwärts. – An den Mauern eines Kirchleins links lesen wir: Vicolo per Pedemonti und gehen dahinter an einer tiefen Felsenschlucht, in welcher ein Bach herabspringt, vorbei. Wir sind schon merklich höher gestiegen. Die Felsenköpfe treten näher an das Thal, die grünen Bergwände sind bewohnt bis an die Felsengrenze und oft geschmückt mit Kirchlein und Kapellen. Die Häuser am Wege, alle nach italienischer Weise von Stein, sind oft halb Ruinen, oft an oder in Ruinen hineingebaut, oder zwischen die ungeheueren Felsblöcke, die jetzt immer häufiger den Weg einsäumen, so eingezwängt, daß man sie kaum davon unterscheiden kann. Eine Schaar Mädchen, im Feststaat, mit glänzenden Pfeilen im Haar, zieht singend vorüber. Wir sind bis zur achten Straßenwindung hinauf gekommen. Ein Rückblick zeigt uns die grüne und goldene Pracht des Herbstlaubes, [6] den Glanz der Wasserfälle an den Felswänden und im Hintergrund übereinander geschobene Eiszackenreihen in Einem Bilde. Das Felsenspalier zu beiden Seiten des Thals gewinnt mit jedem Schritt an Reichthum des Wechsels durch mächtige Vorsprünge, tiefe Einschnitte und den mannichfaltigsten Schmuck der Baumgruppen. Dazu sind die kühnen Mauern und Bogen, welche die Straße an den steilen Bergwänden dahin tragen, oft weithin sichtbar. Aber all unser Steigen hilft uns nichts, die Felswände steigen mit der Straße, stehen schnurgerade, ja überhängend da und strecken noch allerlei wunderherrlich gestaltete Brocken, wie Fäuste und Nasen, weit in die Luft hinaus. Die Häupter sind allenthalben mit dunklem Nadelholz oder gelbrothem Laubwald gekrönt.
Das Dorf S. Giacomo, welches dem ganzen Thal den Namen Val San Giacomo, Jakobsthal, gibt, und das nun schon eine Stunde weit hinter uns liegt, tritt bei einer neuen Wegwendung uns noch einmal vor die Augen und bietet nun, mit seinem gewaltigen Hintergrund ein großartigeres Bild, als in der Nähe. Jetzt erhebt sich rechts das Dorf S. Maria Gallivaggio. Der schlanke, weiße Kirchthurm steht gerade vor einem himmelhohen, steilen grauen Felskoloß und erscheint so wie auf eine Riesenleinwand gemalt. Wir steigen weiter. Eine Kapelle zur Linken ist der Madonna, als der Beschützerin der Jungfrauen, gewidmet. – Die zehnte Straßenwindung leitet uns durch ein Felsenthor, das durch ein unumgängliches Querstück des Bergs gehauen ist. Dahinter führt eine lange Brücke über die Lira zu den jenseits im Thal zerstreuten Wohnungen. Eine Heerde klettert zwischen dem Gestein. Um einen Felsblock herum schwingt sich die Straße auf hohen Mauern und Bogen am Berg und an der Lira hin; das Jakobsthal zeigt sich in seiner ganzen Tiefe, von den Gletscherspitzen des Tambo überragt. Immer aufwärts in neuen Krümmungen der Straße. Rechts Steinhäusertrümmer, zwischen die Felsen hineingezwängte Häuschen, Alles Stein, Alles grau, ein eisernes Kreuz auf einem Felsstück. Nur die Reihen und Gruppen der Kastanien, die den ganzen Weg begleiten, ihn mit Herbstlaub und süßen Früchten bestreuen, bringen buntes Leben in das graue Steinmeer zu beiden Seiten der Straße. Das lieblichste Leben höre ich da von Weitem. Eine Schaar Kinder springt lachend des Wegs her und ruft mir ihr fröhliches „Salute!“ entgegen.
Vor der dreizehnten Windung der Straße sagt uns der Höhenmesser links an einem Hause, daß wir uns 857 Meter über dem Meeresspiegel befinden. Eine Viertelstunde später erreichen wir, nachdem die Straße sich noch zweimal über die Trümmerhaufen der Bergstürze emporgearbeitet hat, abermals ein Oertchen aus Steinblöcken und Steinhäusern von gleicher Größe durcheinander und Alles im dunklen Schatten eines Kastanienwäldchens. Bis hierher nahm die Bergaufwanderung, von Chiavenna aus, drei Stunden in Anspruch. – Die Felsenreihen treten immer näher, das Thal wird zur Schlucht. Die Straße geht, auf mächtige Streben [7] und Mauern gestemmt, am Abhange immer höher und kühner hinauf, die Lira tobt tief unten zwischen grauen Felsstücken und Häusern dahin, und geradaus sperren die sich übereinander aufgipfelnden Schneerücken und Eishörner des Val Loga das Thal. – Hier muß die Natur fürchterlich gehaust haben, um solche Felsblöcke übereinander zu werfen, wie sie rechts in aufgethürmten Terrassen die Straße begrenzen und links die Abhänge und das Thal bedecken. Eine Viertelstunde wandern wir in dieser trostlosen Umgebung dahin, dann tritt der Fels zur Rechten, der bis jetzt nur die langen Füße des Berges Stozzo bis in das Thal vorgeschoben hatte, selbst so steil heraus, daß die Straße sich mehre hundert Fuß über dem Bette der Lira durch den Felsen hindurch und an ihm hin bohren mußte. Hohe Seitenmauern trennen die Straße von dem Abgrund zur Linken, rechts ragt schwindelnd hoch der Fels empor. So gelangen wir zu einem zweiten Thor, vor welchem Steinbänke den Wanderer zur Ruhe und zum Lesen der Inschrift einladen, die ihm gegenüber in die Granitwand eingehauen ist. Sie sagt uns, daß es Kaiser Franz war, der diesen Weg von Kläven zum Rhein über den Rücken des Traversede habe bauen lassen, und zwar durch seinen Baumeister Karl Donegani.
Wir durchschreiten das Felsenthor und stehen vor einer rechts abbiegenden langen düsteren Wegstrecke, die sich am Ursteintrümmerhaufen hinzieht, kühl und öde. Aus einer der Hunderte von Höhlen und Klüften des Gesteins kommt eine zerlumpte, wild behaarte Gestalt hastig auf mich los, aber nur mit der Hast der Noth. Der arme Wanderer bat um un poco di tabacco. Ich gab ihm, und er empfahl mich dankbar dafür der Gnade der Madonna.
Von da an wird der Weg außerordentlich traurig, alles Leben entfernt sich von ihm. Nur hoch von den Abhängen hören wir das Geklingel einzelner Schafherden und tief unter uns erkennen wir einzelne Steinhütten zwischen den Gebirgstrümmern; diese selbst aber zieren in mächtigen Blöcken von den verschiedenartigsten Säulen- und Pyramidenformen die Bergwände und die Thalschlucht. Eine Viertelstunde vergeht in tiefster Einsamkeit, bis wir wieder zu zwei Ortschaften gelangen, die durch eine kurze Wegstrecke von einander getrennt sind. Das Auge kann sich jedoch auch da an keinem lebensfreudigen Bilde laben. Der italienische Steinbau der Häuser läßt zu viel Spielraum für Ruinengestaltung; auch hier sehen wir bald zwischen den bewohnten Gebäuden leere Mauerreste und bald in Mauerresten bewohnte Hütten, an denen die Kleiderfetzen der Armuth im Winde flattern. Oberhalb des zweiten Orts grüßt uns rechts eine Kapelle; eine Brücke wölbt sich über einen von dort herabspringenden Bach. Erst in Campo dolcino regt sich wieder der Verkehr, in den Straßen des Fleckens ist’s laut von geschäftigen Händen, Wägen werden auf- und abgeladen, der Fuhrmann füttert vor dem Gasthause und Leute mit wohlhäbigeren Mienen blicken dem Reisenden nach. Ein campo dolcino, ein süßes Feld, scheint das breitere Thal mit seinen Hügellehnen besonders für die zahlreichen Schafherden zu sein; bald treten an die Stelle [8] der Kastanien hochragende Tannen an den Seiten der Straße, die nun wieder rechts am Bergabhang aufwärts steigt. Im Thale zeugen noch viele Häuser- und Mauertrümmer von der Verheerung, die der Liro tormente, wie das Volk die Lira nennt, zu verschiedenen Zeiten und am schlimmsten im Jahre 1834 angerichtet hat.
Nach fünfthalbstündigem Bergaufmarsch stehe ich endlich vor den Wunderwerken des Splügenstraßenbaues, die umringt sind von gleich großartigen Wundern der Natur. Hoch über mir auf ungeheuerer Felsenburg erkenne ich die Fortsetzung des Wegs. In welchen Windungen muß da die Straße sich hinaufringen! Ich eile voll Neugier vorwärts, immer den Blick der Höhe zugewendet. Da – entzückendste Ueberraschung! – stürzt gegenüber unweit von dem höchsten Punkt der Straße bis in den Abgrund tief unter mir hinab, wie ein unaufhörliches Herniederwallen glänzender, rauschender, aus Silberstaub gewobener Schleier, ein Bergstrom: es ist der 700 Fuß hohe Fall des gewaltigen Madesimo. – Der Anblick fesselt an die erste Stelle, wo das Auge ihn sieht, aber die in schwindelnde Höhe emporsteigende Straße winkt zu mächtig und verspricht ja, uns die Pracht der Katarakte von oben zu zeigen. Also – aufwärts! Und wahrlich, mit jedem Schritt steigt die Begeisterung für solch ein Riesenwerk der kleinen Menschenhand, für solch ein Werk des Wohls für Tausende! „Man glaubt hier den Finger eines Gottes vor sich zu sehen, der diesen Wegstreifen durch die Wildniß zog, und der hier den bedrohten Menschen vorsichtig Schritt vor Schritt mit Schutz und Hülfe umgab!“ Jede Windung der Straße (deren im Ganzen 10 sind) rückt nordwärts mit Dir bis zum Abgrund vor, aber gefahrlos für das schwerste Fuhrwerk und den raschesten Reiter führt der weite Bogen vorüber, trennt die Schutzmauer vom Absturz, und Mauer über Mauer, bald vom Fels getragen, bald von Gewölben gestützt, hebt sich die Bahn empor, und jede neue Terrasse zeigt Dir in der Tiefe das, was Du bestanden hast, und droben das, was Dich noch erwartet. Nach der sechsten Windung liegt das Jakobsthal nach Norden, wo es zur schauerlichen Schlucht einschrumpft, offen vor Dir bis zu den Schlünden des Cardinell, aus welchen die Lira hervorstürzt, und zutiefst im Thal, da wo kein menschliches Auge noch ein lebendes Wesen gesucht hätte, erkennst Du zerstreute Häusergruppen zwischen dem dunkelen Grün und Grau des Grundes und der Felsen. Es ist das Dorf Isola. Immer an senkrechten Felsabstürzen hin erreichen wir die siebente Windung der Straße, und immer tragen hohe Bogen und Mauern gemeinschaftlich mit dem Fels die ungeheuere Last. Jede neue Terrasse der Bahn zeigt uns jenseits des Jakobsthals neue Granitrücken des Hochgebirgs und neue schimmernde Gletscherreihen. Warum soll ich es nicht gestehen, daß diese Eindrücke so betäubend auf mich einwirkten, daß ich mich oft ernstlich fragte: ist’s denn wahr, daß Du das bist und Deine Augen, die das Alles sehen? – Am Ende der siebenten Biegung der Straße belehrt uns eine lateinische Inschrift in der Mauer, daß dieser Bau nach den Verwüstungen, die das Jahr 1834 über sie gebracht, unter der Regierung des Kaisers Ferdinand I. wieder hergestellt worden sei. Karl Donegani ist
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DIE SPLÜGEN-STRASSE
[9] auch als dieses Ehrenwerkes Meister genannt. Die achte Windung bringt uns dem Sturz des Madesimo gegenüber; wir haben die ganze Tiefe seines Falls unter uns. Hier war es nicht mehr möglich, den Weg weiter außen am Fels hinzuleiten, er mußte durchbrochen werden. So entstanden drei hochgewölbte Stollen, von welchen der erste uns dem Wasserfall noch näher führt; von da beschreiten wir die neunte Windung der Straße, kommen durch das zweite Felsenthor zur zehnten Windung und mit Hülfe dieser zum dritten Stollen, folgen einer Einbucht des Weges rechts in eine Felsenschlucht und betreten hierauf die erste der berühmten Galerien der Splügenstraße.
Diese Galerien sind zum Schutz der Straße gegen die zerstörenden Wirkungen der Lawinen gebaut. Sie bestehen aus festem Quadersteingemäuer, das sich so dicht an den Berg anschließt, daß es mit ihm rein verwachsen erscheint und daß die Bedachung der Gewölbe nur eine Fortsetzung des Bergabhangs bildet. Unsere Stahlplatte zeigt dies vortrefflich. Die von der Höhe selbst mit der furchtbarsten Gewalt herabstürzenden Lawinen und Felsbrocken rutschen und rollen über das schräge Dach hinweg jenseits in den Abgrund. Gegen die Abgrundseite ist das Gemäuer durch sehr starke Pfeiler gestützt und mit schießschartenartigen Licht- und Luftlöchern versehen. Im Winter, wo diese Löcher sich mit Eis und Schnee voll setzen, werden die Galerien durch Laternen erhellt. Uebrigens gelten die Galerien des Splügen für die längsten, die je auf Bergstraßen erbaut worden sind.
Die erste Galerie, die durch einen Durchbruch in der Mitte in zwei Hälften getheilt ist, mag ungefähr 200 Schritte lang sein. Am Ausgang rechts sagt uns eine Höhentafel, daß wir 1400 metri sul livello del mare stehen. Hier braust unter einer starken Brücke der Madesimo vorüber und eilt wenige Schritte links seinem ungeheuren Sturze zu. Jenseits der Brücke führen zwei Seitenmauern zu einer Art Kanzel neben dem Wasserfall hinaus; hier kann ihn das Auge in seiner ganzen Pracht bis in den Abgrund übersehen. Dieser Standpunkt gehört nicht zu den Plätzchen, wo man sich gemüthlich niederläßt, sondern zu den grausenerregenden Dingen, die auf diesem Wege die Seele des Menschen durchschauern.
Wir kommen nun, noch immer steigend, zu dem armen Dorfe Pianazzo. Die Leute saßen feiertagfroh vor den Thüren, und die Kinder spielten „auf der Gasse.“ Hinter dem Dorfe windet sich die Straße abermals in großem Bogen aufwärts, führt uns wieder vor bis an den Rand des Abgrunds der Cardinellschlucht, noch einmal sehen wir Isola in seinem Felsengrabe liegen, wenden uns mit dem Wege und erblicken zwei scheinbar auf einander gebaute Galerien. Der Irrthum löst sich, nachdem wir eine neue mächtige Straßenwindung betreten haben. Wir überschreiten auf einer stattlichen Brücke eine tiefe Schlucht und stehen vor der ersten der beiden unten gesehenen Galerien. Sie ist 1530 Fuß lang. Noch eine Krümmung der Bahn, und wir durchwandern die andere von 642 Fuß Länge. Hinter derselben bringt uns ein Rückblick das Bild vor Augen, welches der Gegenstand [10] unseres ersten Stahlstichs ist, das Bild von dem Wege, der von der großen Straße und von Pianazzo nach Isola hinab führt. Beide Galerien schützen gegen den Gletscher des Valbianco. Noch einmal folgen wir der Straße in weitem Bogen aufwärts und lernen die erste Casa Cantoniera kennen. Diese Cantoniera’s sind Zufluchts- und Rettungshäuser für Wanderer und Geschirre, die ein Unwetter oder ein Unglück erreicht hat. Es sind dies sehr stark gebaute kasernenartige Häuser, denen man ansieht, daß sie sturmfest sein müssen gegen die Angriffe der feindlichen Naturgewalten der Berge. Ihre gewöhnlichen Bewohner sind die Straßenarbeiter; doch findet man in den großen Cantoniera’s vollkommen wirthschaftliche Einrichtung für Menschen und Thiere.
Hier haben wir eine Höhe von 1654 Metri erreicht. Oberhalb dieser Cantoniera kommen wir zur vierten Galerie. Sie ist 700 Fuß lang und 15 Fuß hoch und dient zum Schutz gegen die Lawinen des Buffaloregletschers. –
Von da bis zur nächsten Cantoniera, die 1770 Metri (also über 5600 Fuß) hoch liegt, ist die Aufsteigung gelind, der Weg selbst, die Umgebung, die nächste, wie die entferntere, entsetzlich traurig. Die totale Oede, die vollkommene Ausgestorbenheit, die uns hier umgibt, beengt und durchfröstelt das Herz! Nichts als Gestein rings umher, kein lebendes Wesen stundenlang, zerfallene Steinhütten als die einzigen Spuren des Menschen, ringsum der Himmel begrenzt mit Schnee- und Eisbergen, rechts die Schneemäntel so tief herabwallend, daß ich bisweilen auf den Zipfeln und Schleppen herumtrete, jenseits zur Linken, der jetzt schon mit undurchdringlicher Nacht bedeckte Abgrund des Cardinello und über ihm die bleichen Gletscherhörner und Schneewände, und vor mir keine andere Ansicht, als in der Nähe die von Eisflächen umgebene Straße und in der Ferne breite schneebedeckte Felsrücken, – dazu die empfindliche Kälte des Spätherbstes auf dieser Höhe, der Kontrast zwischen dem Morgen in der grünen Landschaft der Weinreben, der Feigen- und Granatbäume und dem nahenden Abend zwischen Felsen, kahlen Bergwänden und dem Glitzern von Bildern des tiefsten Winters, das Alles macht hier das Gefühl des Alleinseins drückend, da legt sich „die Hand der Ewigkeit Dir auf das Herz.“ Ungewohnt, romantisch-schauerlichen Eindrücken auf die Länge mich hinzugeben, überlieferte ich mich in seliger Kindheiterinnerung einer Art Knabenübermuth, freute mich der unerwartet bescherten Eisfläche und zischte und rutschte so lange daraufhin, bis ich mich mutterseelenallein in dieser grausen Umgebung selbst auslachte. Endlich sehe ich auf einem Bergabhang zur Rechten die Paar Häuser des Weilers Terginate. Jetzt neigt sich die Straße gelinde abwärts. Da rinnt ein starker Bach uns quer über den Weg. Es ist die Lira, die wir hier wieder sehen, in der Nähe ihrer Geburtsstätte. Eine Brücke, Colmarettabrücke genannt, führt über sie. Hier ist die Stelle, wo der alte Saumpfad, der Lira folgend, durch die Schlucht des Cardinello hinab auf dem kürzesten Wege nach Isola führt und wo die einzige Verbindung mit dem Jakobsthal, Chiavenna und überhaupt Italien vom Splügen aus war, ehe oben an [11] den Berglehnen hin die Straße lief, auf der wir hierher gekommen sind . Durch diesen Abgrund zogen die Heere der Kaiser wie die Lastzüge der Kaufleute Jahrhunderte lang, und gerade hier wüthen die Lawinen am schrecklichsten, hier verwesten Tausende in den Schlünden, hier könnten Geisterheere umgehen; hat doch noch vor 56 Jahren der Marschall Macdonald, der eine französische Heeresabtheilung unter Schneegestöber und Sturm da hinabführte, ein starkes Kontingent dazu gestellt!
Wir betreten nun einen öden Bergkessel, sehen am Ende desselben eine Häusergruppe und dahinter zwischen mächtigen Gletscherpyramiden einen Berg, dessen Wand mit bekannten Zickzacklinien und dessen Rücken mit Schnee bedeckt ist. Der Bergkessel war einst bewaldet, jetzt dient er zahlreichen bergamasker Schafen in guter Jahreszeit zur Weide. Die Häusergruppe enthält eine österreichische Dogona und ein Wirthshaus. Vor jener wandte sich ein Grenzsoldat an mich mit der europäischen Konversationseinleitung: „Signor’, molto bel tempo!“ – Vor diesem aber hörte ich wieder seit langer Zeit die ersten deutschen Laute aus Volksmund, und wie wohl thaten sie! „Wollet der Herr mitfahre nach Splüge?“ klang die freundliche Frage. – Ich drückte dem Burschen meinen Beifall durch einen großen „Enzian“ aus, und vorwärts ging’s zu den Zickzacklinien der letzten Höhe des Splügen.
Mein Fuhrmann war ein richtiger Alpensohn; er freute sich, daß wir den Abend erreicht hätten nach einem so schönen Tag. Ich verstand seinen Wink, mein Auge folgte seinem Finger, nach der ersten Windung der Straße, die uns den Blick nach Osten öffnete und einen Rückblick nach Süden verstattete. Die Krägen der Schneemäntel waren roth geworden, die Gletscherhäupter prangten in purpurner Pracht, die Herrlichkeit des Alpenglühens entfaltete sich vor mir, ein großer Lohn für mein beharrliches Heraufsteigen den ganzen Tag. Aber beschreiben läßt sich dieses Bild aus Feuer und Schnee und Eiskluftschatten so wenig als malen: nur zerstückeln läßt es sich; aber wie sieht das Ganze aus, das aus solchen Stücken wieder zusammengesetzt wird? – Die Gletscher vor uns gehören dem Soretto. Unwillkürlich folgt man der purpurnen Höhenreihe zurück nach der durchmessenen Bahn. Man möchte seine hohen Nachbarn des Tags im Abendschmucke sehen. Es glüht auch dort, fern und immer ferner verglimmen die rothen Schultern und Häupter. Da trifft unser Auge im Weitergehen auf ein langes schwarzes Grab, und auf dem Rand des Grabes zur Rechten sitzen in langen weißen Hemden die Riesenleichen mit den fahlen bläulichen Gesichtern, am dichtesten zusammengedrängt bei der Gruft des Cardinell, die eine Halle dieses Riesengrabes ist: die Schneewände und Gletscher des Val Loga und S. Giacomo, die gen Morgen blicken und die ihren Schmuck uns am Tage im Glanz der Sonne zeigten. Die Straße biegt jetzt ganz nach Westen um und vor uns thront der König dieser Leichenschaar, der Tambo. Und wie der Weg sich windet, wechselt das Bild, bald Leuchten, bald Leichen. Je höher, desto herrlicher, und desto durchdringender der kalte Athem der Berge; die [12] Räder des Wagens knistern im Schnee. Zur Linken winkt uns das letzte österreichische Rettungshaus, ausgestattet mit einem Glockenthurm. Bei Nebel und Schneegestöber muß hier von Zeit zu Zeit die Stimme der Glocke rufen und warnen, damit die Menschen auf der Straße sich zurecht finden, wenn sie die hohen Stangen nicht mehr sehen können, die des Wegs entlang ausgesteckt sind. Jenseits der Cantoniera, aber noch von keinem Auge entdeckt, zieht quer über die Straße die Grenzlinie zwischen dem lombardisch-venetianischen Königreich und der helvetischen Republik. Jetzt steht zur Rechten der begletscherte Soretto in vollem Ornat. Aber die Zeit, welche auch die Höchsten endlich ihres Glanzes beraubt, eilt mit der Sonne davon. Auch wir eilen. Die Schneewand zu beiden Seiten der Straße wird immer höher, die Luft immer schärfer. Endlich ist der Gipfel des Splügen erreicht, wir stehen 6450 Fuß über dem Meere. Noch einen Blick nach Italien hinüber, es glüht dort noch, rascher rennen die Pferde und plötzlich umfängt uns stockfinstere Nacht. Die große Galerie dieser Hochstraße hat uns aufgenommen. Wir kommen nicht mehr an das Tageslicht, auch wenn wir die Galerie verlassen haben. Die Sonne ist fort mit dem letzten Leuchtchen. Neben uns strecken links die Cornella, rechts der Soretto sich zur Nachtruhe aus; ihre ungeheueren Glieder reichen tief hinab unter die Decke der Nacht. Zwischen beiden senkt sich die Straße und läuft dem Oberhäuslibache nach, eilt noch einmal unter einer Galerie hinweg, und nachdem sie in sechzehn Windungen dreimal über den Bach gesprungen ist und den Grund und Menschenwohnungen begrüßt hat, naht sie sich mit feierlicher Sehnsucht einer bedeckten Brücke, darunter es urkräftig donnert und tobt. Was ist das?
„Was jauchzt in mir die Lust so laut empor?
Ja, ich erkenne dich, du schöner Knabe,
Du wilder Bub’ der Berge, Heldenkind
In deiner Riesenwiege, Rhein! o Rhein!“
Wir sind zur Stelle, das Dorf Splügen liegt vor uns, der Berg Splügen sammt der Splügenstraße hinter uns. Von Splügen aus gehen Wege nach vier Richtungen: drei Straßen und ein Saumweg. Denn neben der Splügenstraße beginnt hier auch die prachtvolle Alpenstraße über den Bernhardin, dem jungen Rhein entgegen; beide aber sind für Deutschland und die Schweiz erst zugänglich gemacht worden durch die großartigen Bauten dem Hinterrhein entlang bis nach Thusis und von da zur Hauptstadt Graubündtens. Der Saumweg führt von Splügen über den Savierberg in das Savierthal. – Wir dürfen jedoch die Wiegenstätte des Rheins nicht verlassen, ohne vorher von einem Vorhügel des Splügenbergs aus in das Rheinwaldthal, in das ich den Leser in dunkler Nacht geführt habe, unter dem Scheine der Morgensonne zu blicken.
Da liegt das Thal mit seiner Smaragdschnur, dem grünen schäumenden Rhein. Zur Linken läuft unsere Straße von Gestern schon wieder den Berg hinan. Jenseits derselben erhebt sich der Stokenwald mit dem Horn. [13] Dahinter steigt, einer Domkuppel ähnlich, der Cukernüll (Cornella) empor und senkt den Fuß hinunter bis zum Rhein. Auf ihn legt sich, wie zur Ruhe ausgestreckt , das spitze Mittagshorn. Hinter diesem glänzt aus sechsstündiger Entfernung der Rheinwaldgletscher hervor und zwischen beide stemmt das Spitzhorn von der andern Seite des Rheins den Fuß. Uns gegenüber dehnen sich das Stozalpenhorn und der mächtige Kalkberg, zu deren Füßen sich das rege Berg- und Postdorf Splügen schmiegt. Von da sehen wir nach Westen den alten Weg und die neue Straße zum Bernhardin ausgehen, während auch nach Osten die alte Straße in’s Schamserthal oberhalb der neuen Straße nach Chur ihre besondere Richtung einschlägt. Alle diese Berge sind bis zum Gürtel bewaldet, auf den Schultern und Häuptern mit Schnee und Gletschereis bedeckt. Dort drüben, wo die alte Schamserstraße in den Wald einbiegt, liegen die Trümmer eines alten Schlosses: das ist die erste Ritterburg des Rheinstroms! Rechts, diesseits des Rheins, blicken wir auf die Felskolosse der Rofflenstraße. Weiter geht unser Rundblick nicht, aber wir werden auf dieser Straße weiter gehen, werden dem Rhein folgen auf seinem gewagten Gang über die hundert Stürze bei den Rofflen, uns mit ihm freuen im lachenden Schamserthal, und noch einmal wird es uns eiskalt durchschauern vor seinem furchtbaren Schicksal im unergründlichen Felsenspalt der Viamala und vor seinem Racheschnauben im verlorenen Loch. Aber nicht heute, sondern ein andermal.