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Das älteste Dresdner Rathaus stand völlig frei auf dem nördlichen Teile des Marktes ungefähr vor der Häuserreihe zwischen Schloßstraße und Schössergasse. Sein Aussehen ist uns durch Kupferstiche von Mor. Bodenehr überliefert, die als Jllustrationen dem kleinen Werkchen von J. C. Knauth „Das alte Rat-Hauss in Neu-Dressden, Dressden 1708“, das seinerseits wieder auf Wecks Chronik fußt, beigegeben sind. Die Blätter Bodenehrs zeigen das Rathaus in der Gestaltung, die es im Jahre 1707 bei seinem Abbruche hatte. Leider fehlt ein sachgemäßer Grundriß, so daß man zwar angeben kann, welche Räume das Haus enthielt, aber über deren Lage und Größenverhältnisse sich keine genügende Vorstellung mehr machen kann.

Betrachtet man die Abbildungen, die uns über seine äußere Gestalt Aufschluß geben, so gewahrt man als erstes, daß wir es hier nicht mit einem einheitlichen Baue aus ein und derselben Zeit zu tun haben, sondern daß erst durch gelegentliche An- und Umbauten das Haus sein malerisch reizvolles Gewand erhielt. Ein zweites sehr beachtenswertes Merkmal alter Bauwerke können wir hier von außen ablesen, zumal wenn wir die Verteilung und die verschiedenen Größen der Fenster, die Dachgestaltung und die Anbauten berücksichtigen, nämlich daß sich hier nur Räume fanden, die in dauernder Benutzung waren und ihren Zweck auch nach außen hin kenntlich machten. So ist z. B. der bedeutendste Raum, die große Ratsstube, durch große Fenster mit schönem Gitterwerk ausgezeichnet; in das obere Geschoß führende Treppen erhalten ihr Licht durch Fenster mit schrägen Gewänden, die uns durch diese Schrägstellung das Aufsteigen der Treppe im Innern von außen anzeigen. Konnte ein solcher Bau nicht mehr allen Anforderungen entsprechen und kam eine neue Verrichtung hinzu, für die das Rathaus in Anspruch genommen wurde, so schuf man durch einen kleineren Um- oder Anbau den nötigen Raum. So hat das Haus mannigfach seine Gestalt geändert. Die uns erhaltenen Abbildungen zeigen es mit den Kennzeichen von Bauperioden aus verschiedenen Jahrhunderten und dementsprechend verschiedenen Stilarten. Gerade dieser alte ehrwürdige Bau ist ein bezeichnendes Beispiel für die Ehrlichkeit und das starke Selbstbewußtsein der Zeiten alter Kunstausübung. Wir sehen an ihm einzelne Teile im gotischen Stil, in Früh- und Spätrenaissance und in der Art des Barock ausgeführt. So sprechen Jahrhunderte zu dem Beschauer, jeder Baumeister schuf in dem Stile seiner Zeit.

Die nach dem Markte zu gelegene südliche Fassade zeigt uns, daß das Gebäude ein dem alten Maße nach etwa 75 Ellen breites dreistöckiges Haus war, das mit hohem ausgebautem und mit zwei Giebeln geschmücktem Satteldache, auf dem westlich links ein sechseckiges Glockentürmchen als Dachreiter saß, versehen war. Auf der rechten östlichen Seite, bei der Schössergasse, befand sich der älteste Teil des ganzen Baues, die im Jahre 1407 erbaute Rathauskapelle mit ihrem überaus schlanken spitzen Turme, der als Abschluß auf dem Dache der fünfseitigen Kapelle saß. Beide Türmchen, der westliche kleine Glockenturm, wie auch der Dachreiter der Kapelle, mehr aber noch eine andere Bedachung,

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Robert Bruck: Dresdens alte Rathäuser. Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha von Baensch Stiftung, Dresden 1910, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Robert_Bruck_Dresdens_alte_Rath%C3%A4user.djvu/12&oldid=- (Version vom 31.7.2025)