Dresdens alte Rathäuser
[Einband]
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Dresden um das Jahr 1500
nach einem Holzmodell (im Grünen Gewölbe) gezeichnet

Stadtsiegel vom Jahre 1309
Die alten Pläne der deutschen Städte zeigen trotz der Mannigfaltigkeit ihrer Anlage manches Übereinstimmende. Hauptstraßen leiteten den Verkehr nach dem Mittelpunkte der Stadt, dem Markt, als dem Herzen des Gemeinwesens. Es war ein von Häuserreihen umgebener Platz, an dessen Seiten die Hauptstraßen vorüberführten. Ungestört konnte sich der Marktverkehr abwickeln. In der Nähe des Marktes, auf einem kleineren ruhigeren Platze, auf den enge Zugangsstraßen mündeten, stand meist die Kirche. Vielfach tritt bei den mittelalterlichen Stadtanlagen noch ein drittes Gemeinsames hinzu, die Wohnstätte eines Fürsten, die Burg, die immer an der für die Verteidigung wichtigsten Stelle zu finden war, auf dem die Stadt überragenden Hügel, an dem Kreuzungspunkte der Hauptverkehrsstraßen, an besonders wichtigen Flußübergängen. Burg, Kirche und Markt vergegenwärtigen die drei Machtvollkommenheiten, welche das Leben, Gedeihen und die Schicksale der deutschen Städte im Mittelalter wesentlich beeinflußten und bestimmten. Die Burg der Sitz des weltlichen Machthabers, die Kirche das Bereich der Geistlichkeit, der Markt der Mittelpunkt des bürgerlichen Gemeinwesens. An ihm erbaute sich dieses von alters her sein Haus, in dem sich auswärtiger Handel vollzog, in dessen Saale die Bürger zusammentraten, um über Wohl und Nutzen der Stadt zu beraten, freudige Ereignisse und Hochzeiten, an denen oft die ganze Bevölkerung teilnahm, zu feiern. Im Stadt- oder Rathaus und seiner Einrichtung sehen wir somit den Sammelplatz des bürgerlichen Lebens, an seinem Baue können wir meist auch die Geschichte der Stadt verfolgen. Es erzählt uns von ihrer einstigen Größe und von einem Rückgang durch Kriegszeiten und Not, Belagerung, Brand und Pest, oder es ist ein Zeuge dafür, wie aus kleinen, bescheidenen Anfängen sich die Stadt im Laufe der Jahrhunderte zu der heutigen Blüte und Größe entfaltet hat. Glücklich die Stadt, deren Rathaus von letzterer Entwicklung berichtet. Mit Genugtuung kann man feststellen, daß Dresden zu diesen glücklichen Städten zählt.
In einem Schiedsspruche des Markgrafen Dietrich vom 31. März 1206 wird Dresden zum erstenmal urkundlich genannt. Die Regelmäßigkeit der alten Stadtanlage beweist die Erbauung nach einem vorher festgestellten Plane. Markgraf Dietrich kann man, nach allem bisher Bekannten, als den Begründer der Stadt und das Jahr 1216, nach einer von ihm in diesem Jahre ausgestellten Urkunde, als das der Vollendung des Stadtbaues bezeichnen. Im Gegensatze zu dem auf dem rechten Elbufer gelegenen alten Dorfe Altendresden, der ältesten Ansiedelung, wird die neu gegründete Stadt Dresden auch Neudresden genannt. Altendresden und Neudresden haben dann mit verschiedenen Wochenmarkttagen, Montags in Dresden und Freitags in Altendresden, nebeneinander bestanden, bis es 1549 zur Vereinigung beider Orte kam. Seitdem fand der Markt an beiden Tagen, Montags und Freitags, nur noch in Dresden statt. Altendresden war zur Vorstadt herabgesunken, bis im 18. Jahrhundert ein neuer Aufschwung dieses Stadtteiles eintrat und Altendresden, von nun an Neustadt genannt, wieder jeden Dienstag und Donnerstag Wochenmärkte erhielt. Von seinem Neuerblühen im 18. Jahrhundert legt auch sein Rathaus Zeugnis ab.
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Einleitung
Die wichtigste Aufgabe einer Stadtverwaltung bestand vor allem in der Ausübung des städtischen Marktrechtes. Mit dem Marktrechte hingen die Regelung der Zunftordnungen, die Abgaben, die Zölle, der ganze Verkehr zusammen. Deshalb baute man das Stadt- oder Rathaus an der Stelle, wo der größte Verkehr stattfand, wo sich Fremde und Einheimische, Käufer und Verkäufer trafen, am Markte. Den verschiedenen Zwecken, denen dieses Haus dienen mußte, entsprachen auch seine Bezeichnungen im Volksmunde. Das alte Dresdner Rathaus wird zuerst im Jahre 1380 urkundlich genannt. Es kann jedoch mit Berechtigung angenommen werden, daß ein solches schon viele Jahre vorher bestanden hat. Diese Annahme wird durch die im Mittelalter vorhandenen sozialen Verhältnisse bestärkt. Außerdem sind auch Urkunden aus den Jahren 1295 und 1362 bekannt, die es unter der Bezeichnung Kaufhaus erwähnen. Dieses Wort drückt die Verwendung des Hauses aus, der es hauptsächlich zu dienen hatte. Auch späterhin war das Amtshaus den Kaufzwecken gewidmet. In ihm befanden sich die Gewand-, Schuh-, Brot- und Fleischbänke. Erst später, nach Einsetzung des Rates und nachdem die Stadtregierung an Bedeutung zugenommen hatte, trat die frühere Zweckbestimmung in den Hintergrund und bürgerte sich die Bezeichnung Rathaus fester und bleibender ein. Das Dresdner Rathaus kommt wie in anderen deutschen Städten immerhin auch noch nach 1380 unter verschiedenen Bezeichnungen urkundlich vor. Um 1400 wird es praetorium nach seinen Verwaltungszwecken genannt, 1405 theatrum wegen der in ihm abgehaltenen Fastnachtsspiele und öffentlichen Festlichkeiten, 1418 heißt es einfach „das hus“.
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Das erste Dresdner Rathaus

Das Rathaus vor dem Abbruche 1707
nach Kupferstichen von M. Bodenehr
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Das älteste Dresdner Rathaus stand völlig frei auf dem nördlichen Teile des Marktes ungefähr vor der Häuserreihe zwischen Schloßstraße und Schössergasse. Sein Aussehen ist uns durch Kupferstiche von Mor. Bodenehr überliefert, die als Jllustrationen dem kleinen Werkchen von J. C. Knauth „Das alte Rat-Hauss in Neu-Dressden, Dressden 1708“, das seinerseits wieder auf Wecks Chronik fußt, beigegeben sind. Die Blätter Bodenehrs zeigen das Rathaus in der Gestaltung, die es im Jahre 1707 bei seinem Abbruche hatte. Leider fehlt ein sachgemäßer Grundriß, so daß man zwar angeben kann, welche Räume das Haus enthielt, aber über deren Lage und Größenverhältnisse sich keine genügende Vorstellung mehr machen kann.
Betrachtet man die Abbildungen, die uns über seine äußere Gestalt Aufschluß geben, so gewahrt man als erstes, daß wir es hier nicht mit einem einheitlichen Baue aus ein und derselben Zeit zu tun haben, sondern daß erst durch gelegentliche An- und Umbauten das Haus sein malerisch reizvolles Gewand erhielt. Ein zweites sehr beachtenswertes Merkmal alter Bauwerke können wir hier von außen ablesen, zumal wenn wir die Verteilung und die verschiedenen Größen der Fenster, die Dachgestaltung und die Anbauten berücksichtigen, nämlich daß sich hier nur Räume fanden, die in dauernder Benutzung waren und ihren Zweck auch nach außen hin kenntlich machten. So ist z. B. der bedeutendste Raum, die große Ratsstube, durch große Fenster mit schönem Gitterwerk ausgezeichnet; in das obere Geschoß führende Treppen erhalten ihr Licht durch Fenster mit schrägen Gewänden, die uns durch diese Schrägstellung das Aufsteigen der Treppe im Innern von außen anzeigen. Konnte ein solcher Bau nicht mehr allen Anforderungen entsprechen und kam eine neue Verrichtung hinzu, für die das Rathaus in Anspruch genommen wurde, so schuf man durch einen kleineren Um- oder Anbau den nötigen Raum. So hat das Haus mannigfach seine Gestalt geändert. Die uns erhaltenen Abbildungen zeigen es mit den Kennzeichen von Bauperioden aus verschiedenen Jahrhunderten und dementsprechend verschiedenen Stilarten. Gerade dieser alte ehrwürdige Bau ist ein bezeichnendes Beispiel für die Ehrlichkeit und das starke Selbstbewußtsein der Zeiten alter Kunstausübung. Wir sehen an ihm einzelne Teile im gotischen Stil, in Früh- und Spätrenaissance und in der Art des Barock ausgeführt. So sprechen Jahrhunderte zu dem Beschauer, jeder Baumeister schuf in dem Stile seiner Zeit.
Die nach dem Markte zu gelegene südliche Fassade zeigt uns, daß das Gebäude ein dem alten Maße nach etwa 75 Ellen breites dreistöckiges Haus war, das mit hohem ausgebautem und mit zwei Giebeln geschmücktem Satteldache, auf dem westlich links ein sechseckiges Glockentürmchen als Dachreiter saß, versehen war. Auf der rechten östlichen Seite, bei der Schössergasse, befand sich der älteste Teil des ganzen Baues, die im Jahre 1407 erbaute Rathauskapelle mit ihrem überaus schlanken spitzen Turme, der als Abschluß auf dem Dache der fünfseitigen Kapelle saß. Beide Türmchen, der westliche kleine Glockenturm, wie auch der Dachreiter der Kapelle, mehr aber noch eine andere Bedachung, [11] eine sogenannte welsche Haube, die neben der Kapelle im Osten einen Teil des Baues turmartig abschloß, hatten verhältnismäßig nur sehr geringe Höhenmaße. Ein Rathausturm in unserem heutigen Sinne war demnach nicht vorhanden. Die Sitte, das Rathaus durch einen sehr hohen, weit sichtbaren Turm auszuzeichnen, kam erst in späterer Zeit auf. Insbesondere bei benachbarten, miteinander wetteifernden Städten wurden die hohen Rathaustürme zum trutzigen Ausdruck selbstbewußten Bürgerstolzes.
Das ganze Erdgeschoß, in dem sich auch die Trinkstube befand, war von kleinen Anbauten umgeben, die fast nur die in das Innere des Gebäudes führenden Türen und den Zugang zu dem sehr geräumigen Ratskeller frei ließen. Diese Anbauten bestanden in Läden und Verkaufsständen für Kaufleute, einer offenen, auf Säulen rubenden Halle mit der Wachtstube für die Wache und einem Platz für die öffentliche Wage. Dicht am Eingange zum Ratskeller lag die Garküche. Zwischen und an diesen kleinen ziegelgedeckten Anbauten standen

Richtschwert mit der Jahreszahl 1537
(im Stadtmuseum)
Holzsäulen mit Laternen. Diese Kramerläden sind kulturell bemerkenswert, insofern sie für die spätere Gestaltung des Kaufmannsladens eine, allerdings recht einfache, Vorstufe zeigen, wie sie bereits im 13. Jahrhundert ausgebildet, sich bis in das 18. Jahrhundert erhalten hatte. Es waren kleine barackenartig aus Brettern oder Fachwerk errichtete Häuschen, entweder mehrere von einem gemeinsamen Dache bedeckt oder einzeln für sich stehend. Jedes Kramerhäuschen hatte eine nach außen aufgehende Türe, die von der Erde bis etwa zur halben Manneshöhe reichte. Fast die ganze obere Hälfte der vorderen Front nahm ein breiter Holzladen ein, der an Ketten auf Rollen herabgelassen werden konnte und von der als Stütze dienenden geöffneten Türe wie ein Tischfuß in horizontaler Lage gehalten wurde. Auf diesem Holzladen legte man die Waren zum Kaufe aus, des Abends wurden sie wieder in dem Inneren des Gewölbes aufbewahrt. Dann wurde der Laden hochgeklappt, die Türe zugemacht und verschlossen. Sonstige Lichtöffnungen besaß ein solcher Verkaufsladen, der auch [12] in vielen Fällen als Werkstatt diente, nicht; er hatte auch keinen Platz, um Kunden eintreten zu lassen, sondern ähnelte in jeder Beziehung unseren Jahrmarktsbuden, nur daß er meist solider gebaut war.
Nach der Abbildung des Rathauses haben die Fenster des ersten und zweiten Stockwerkes, im ersten sieben an Zahl, im zweiten zehn, noch gotische Gewände. Die Fenster sind verschieden groß und ungleichmäßig in der Fassade verteilt. Der oder die Baumeister haben sich bei Errichtung des Hauses nur vom Zwecke, dem der zu gestaltende Raum dienen sollte, leiten lassen, unbekümmert um die äußere Symmetrie. Gerade das aber gibt den alten Bauten ein malerisches Ansehen. Im ersten Stockwerk hinter den drei großen vergitterten Fenstern lag die „große Ratsstube“, der Ratssaal, neben diesem Saale ein mit gewölbter Decke versehener Raum, der als Sitzungszimmer diente, „die ordentliche Ratsstube“, deren Fenster auf der Abbildung der Westseite des Gebäudes zu sehen sind, über dem mit schönem Renaissanceportal geschmückten Haupteingang in dem breiten, massiv dem Baue vorgelagerten turmartigen zweistöckigen Anbau. Dieser Anbau trägt die welsche Haube mit einem gekrönten Windgott als Wetterfahne und an der Ecke einen großen Drachenkopf als Wasserspeier. Im ersten Stockwerk befanden sich noch, wahrscheinlich durch einen Treppenvorplatz getrennt und, wie die Fensterlage zeigt, um einige Stufen erhöht, die Steuerstube des Rates, über deren Türe der Spruch stand „Date Caesari quae sunt Caesaris“, die Kommissionsstube und dieser gegenüber, also auf der gleichen Höhe wie die Ratsstube, wohl auf der dem Markte abgewandten Nordfront des Gebäudes, vielleicht hinter den sechs Fenstern über der offenen Halle, die kurfürstliche Steuerstube. An dieser Seite des Baues war ein zweiter Aufgang zum oberen Stockwerk. Er führte über eine mit einem Geländer versehene Treppe in ein viereckiges Treppenhaus, das mit einem schönen halbrunden Barockgiebel abgeschlossen war, der eine von Stuckornament umrahmte ovale Fensteröffnung enthielt. Über ihm ragte ein schlanker Schornstein empor.
Das zweite Stockwerk, das an seiner östlichen Seite am Ende der Fensterreihe das in Stein gehauene Wappen der Stadt zeigte, umfaßte die Gerichts- und die Vormundschaftsstube, daneben die Rüstkammer des Rates und die Kämmerei. Das Dachgeschoß, in dem die Gerichtsschreiber ihre Amtsstuben hatten und das einen großen Boden zur Aufbewahrung des der Stadt entrichteten Zinsgetreides einschloß, war künstlerisch am reichsten, mit zwei in ihren Formen verschiedenen und wohl auch zeitlich verschieden errichteten Renaissancegiebeln geschmückt. Der eine Giebel stand seinen Formen nach der Frührenaissance näher, der andere wies die gereifteren Formen holländisch-deutscher Renaissance auf. An dem einen gewahrte man eine Sonnenuhr, an dem anderen das Zifferblatt der Schlaguhr. Ein zweites Zifferblatt sah man an dem Giebel der Westseite, nach der Wilsdruffer Gasse zu. Über diesem Westgiebel saß als Dachreiter das schon erwähnte, mit einer auf Säulen ruhenden Zwiebelkuppel bekrönte sechseckige Glockentürmchen. Es war von Holz, mit Schiefer gedeckt und enthielt die Seigerglocke und die Feuerglocke, im Mittelalter „Pempe“ genannt. Auf dieser Westseite befand sich noch ein zweiter etwas niedrigerer Giebel, der aber zum Teil von dem den Haupteingang enthaltenden, bereits erwähnten turmartigen zweistöckigen Anbau verdeckt wurde.
Mit Hilfe der vorhandenen Stadtrechnungen läßt sich das Aussehen des alten Rathauses im Geiste vervollständigen. Wir ersehen daraus, daß das Haus nicht durchgängig mit Ziegeln, sondern ein Teil desselben mit Schindeln gedeckt war. Der Umstand, daß [13] in einer Rathausbaurechnung aus dem Jahre 1564 von einem steinernen und einem hölzernen oder einem großen und einem kleinen Rathause gesprochen wird, läßt die Annahme zu, daß wir es mit zwei in verschiedenen Zeiten nebeneinander errichteten Bauten zu tun haben, von denen der eine wohl als Seitenflügel des Ganzen vorwiegend aus Holz,

Venetianischer Glaspokal mit der Jahreszahl 1511
aus dem Ratsschatze (im Stadtmuseum)
wahrscheinlich Fachwerk, aufgeführt worden war. Daraus erklärt sich auch die verschiedene Fenster-Geschoßhöhe und die unterschiedliche Giebelgestaltung. Abgesehen von den Giebeln und dem Portal war das Gebäude schmucklos. Wir erfahren nur, daß Maler zeitweise für Arbeiten am Rathause beschäftigt waren, es wird von einem Wappen und einem vergoldeten Monde gesprochen. Das Wappen ist jedenfalls das nach der Marktseite im zweiten Stockwerk am Ende der Fensterreihe angebrachte steinerne und wohl bemalte Stadtwappen gewesen und unter dem zu vergoldenden Monde dürfte die in Gold ausgeführte [14] Sonne der Sonnenuhr gemeint gewesen sein. Eine Verwechselung von Mond und Sonne kommt bei Nachrichten über Ausbesserungsarbeiten von Sonnenuhren häufig vor. Man kann auch heute noch beim Volke mitunter die falsche Bezeichnung hören.
Dem einfachen Äußeren entsprach auch das Innere der Einrichtung. Wie von den Wohnungen der Fürsten im Mittelalter macht man sich auch von der Innenausstattung der Rathäuser oft noch eine falsche Vorstellung. Die Wohnungen deutscher Fürsten waren bis zur Renaissancezeit sehr einfach, nach unseren heutigen Begriffen fast ärmlich ausgestattet, nur in seltenen Fällen und da auch nur in einzelnen Räumen kam ein größerer Prunk zur Entfaltung. Das gleiche gilt in erhöhtem Maße für die Rathäuser, da sich bei ihnen für eine besonders glänzende Repräsentation kaum eine Gelegenheit bot. Ein alter Spruch bezeichnet die Zweckbestimmung der Geschosse eines Rathauses nach den Namen antiker Gottheiten, die in ihnen herrschen sollten. Diese Einteilung paẞt auch auf das alte Dresdner Rathaus. Im Keller waltet Bacchus (Ratskeller), im Erdgeschoß Mercur (Verkaufsläden, Wage), im ersten Stock Minerva (Ratsstube und Sitzungszimmer), im zweiten Mars und Jupiter (Rüstkammer und Gerichtsstube) und im Dachgeschoß Ceres (der Raum für das aufgeschüttete Getreide).

Silberne Goëlette, Anfang des 17. Jahrh.
aus dem Ratsschatze (im Stadtmuseum)
Von dem im Jahre 1707 abgebrochenen Rathause war, wie bereits erwähnt, die auf der Ostseite des Hauses befindliche 1407 errichtete Kapelle der älteste damals noch erhaltene Bauteil. Der zierliche Kapellenbau hatte die Form eines fünfseitigen gotischen Chores. Daß die Kapelle gewölbt war, beweisen die schlanken durchbrochenen Strebepfeiler, auf denen zierliche Fialen aufsitzen. Von dem Dachtürmchen wehte zur Kirmeszeit am Trinitatisfeste, an dem die ganze Kapelle mit Grün und jungen Maien geschmückt war, ein gemaltes Kirmesfähnlein herab. Auf dem Bodenehrschen Stiche erscheint die Kapelle der Fensteranordnung nach dreistöckig wie das ganze Rathaus. Die Einteilung des Innenraumes der Kapelle ist jedenfalls nicht die ursprüngliche gewesen. Dem widersprechen die Strebepfeiler, die bei einem dreistöckigen Bau mit flachen Decken keinen Zweck gehabt hätten. Man gewahrt auf allen fünf Wandflächen der Kapelle sehr kräftige spitzbogige Hausteineinfassungen, von denen wir vermuten können, daß sie die Entlastungsbögen für die einstmals von ihnen eingeschlossenen hohen gotischen Fenster mit Maßwerk bedeuten. Entsprechend anderen Kirchenfenstern waren diese Kapellenfenster früher wohl mit Glasmalerei versehen, denn diese Kunst wurde, obwohl nur noch verhältnismäßig wenig Reste vorhanden [15] sind, in früheren Jahrhunderten in Sachsen eifrig betrieben, und die sächsische Glasmalerei war ein angesehenes Gewerbe. Nach einem vor 1489 stattgefundenen Brande wurde die Kapelle umgebaut, sie erhielt dann wahrscheinlich ihre auf dem Stiche befindliche Gestaltung, und die nunmehr verkleinerten Fenster wurden im Jahre 1502 mit venezianischen Butzenscheiben versehen. Ursprünglich enthielt die Kapelle zwei Altäre, deren einer den Heiligen Fabian und Sebastian, der andere der heiligen Dreifaltigkeit geweiht war. Späterhin wurde die Kapelle nicht nur in ihrer Gestalt, sondern auch in ihrer Zweckbestimmung verändert. Nach Einführung der Reformation diente sie als Archiv zur Aufbewahrung für Akten, und aus dem Jahre 1567 hören wir von einem Beschlusse des Rates, daß in sie eine Stube eingebaut werden sollte. Zwei Abendmahlskelche aus der Kapelle befinden sich jetzt im Stadtmuseum. An die Kapelle, zwischen ihre Strebepfeiler nach der Marktseite zu, dicht beim Eingange zum Keller, waren zwei Garbuden, Garküchen, eingebaut, die verpachtet waren. Dort holten sich die Bürger die Speisen, die sie bei ihrem Trunke im Ratskeller verzehrten. Auch bei Festlichkeiten auf dem Rathause wurde das Essen von diesen Garküchen bezogen.

Silberner Pokal, 18. Jahrh.
aus dem Ratsschatze (im Stadtmuseum)
Der Keller selbst, der unter verschiedenen Bezeichnungen wie „Weynkeller“, „der Bürger“ oder „der Herren Bierkeller“, „Statkeller“, "Ratskeller“ und, weil in ihm fremdes, hauptsächlich freibergisches Bier zum Ausschank kam, „der freibergische Keller“ genannt wird, zog sich unter dem Rathause hin und bestand aus mehreren gewölbten Räumen. Die Wölbarbeit im Mittelalter geschah ohne die heutigen Berechnungen, es herrschte dabei mehr handwerkliche Überlieferung vor, und so werden sich wohl manchmal derartige Arbeiten als nicht standhaft genug erwiesen haben. Auch bei dem Dresdner Ratskeller machte sich im Jahre 1481, weil die Kellergewölbe einzustürzen drohten, eine große Ausbesserungsarbeit nötig, die Meister Peter der Steinmetz vollzog. Die Vorräte an Wein und Bier, die im Keller lagerten, gehörten dem Rate und dieser ließ den Ausschank durch einen von ihm besoldeten Schenken besorgen. Mit dem Besitze eines Hauses in der Stadt war auch eine Braugerechtigkeit verbunden, so daß in jedem Hause eine größere oder geringere Menge Bier gebraut werden durfte. Zum Ausschank für fremde Weine und Biere hatte jedoch allein der Rat zu Dresden das vom Landesherrn verliehene Vorrecht. In vielen deutschen Städten wurde der Ausschank im Ratskeller in Pacht gegeben, die meist einen großen Gewinn brachte, zumal in Städten, in deren Nähe kein Weinbau betrieben wurde. Wohl einer der berühmtesten deutschen Ratskellerpächter [16] war der Maler Lucas Cranach in Wittenberg, er dürfte auch mit seiner Kunst das Innere seines Weinschankes ausgeschmückt haben. Aus der Trinkstube des Dresdner alten Ratskellers wird von einem Bilde berichtet. Es stellte eine Hand auf einem Stocke mit aufgelegtem Beile dar. Kein erfreulicher Gegenstand für eine Trinkstube, aber dennoch hier am Platze als mahnendes Zeichen zur Achtung des Gesetzes. Der Ratskeller hatte von alters her das Recht der „Befriedigung“ oder „Befreiung“. Wer gegen diese Kellerbefriedigung verstieß und sich tätlich im Streite an anderen Gästen oder gar am Schenken und seinen Knechten vergriff, wurde mit Abhauen der rechten Hand bestraft, wenn, was wohl nicht selten vorgekommen sein mag, der Rat nicht Gnade walten ließ und die Strafe in eine Geldbuße verwandelte. Als späterhin im Jahre 1564 neben dem Keller zwei, wahrscheinlich besser ausgestattete Trinkstuben, eine kleinere und eine größere, eingerichtet worden waren, ging auch auf diese das Recht der Befriedigung über. Bei dem Bilde las man ein Gedicht, das, von dem Stadtschreiber Michel Weisse verfaßt, folgendermaßen lautete:
„Welcher gast in dyse stuben ßich wil begeben,
Der mercke nachfolgende regel gar eben.
So er wil haben frembd getrenck an weyn und bier,
Dem schenckenn er das zcuvor zcale mit schneller begier.
Der gibt ime vor seyn bargelt das getrenck gut,
Was ime gefellt und hab dorbei frolichen mut.
Hirnebben wolle er auch bei diesem gemelte vorstan,
Das er sal dy freihait alhir unvorletzt lan,
Domit er nicht kom in schaden, hon und spot,
Dartzu auch vorwircke den leiplichen todt.“
Sonst haben wir keine Nachrichten über künstlerische Ausgestaltung der Schankräume überliefert erhalten. Wir können annehmen, daß die Ausstattung eine sehr einfache war. Aus einer Rechnung aus dem Jahre 1526 erfährt man, daß den Gästen die Getränke in Zinnkannen mit eingraviertem Stadtwappen verabreicht wurden. Als ein besonderer Aufwand ist das aber keineswegs anzusehen, denn das Zinn war in jenen Zeiten das übliche Material für Trinkgefäße und nur Fürsten und die Reichen des Landes waren imstande, sich der kostbaren und zerbrechlichen Gläser zu bedienen.
In der Nähe des Einganges zum Ratskeller, nach der Marktseite zu, befand sich in einem kleinen Anbau die Ratswage. Hier vollzog sich unter Beihilfe obrigkeitlicher Unterkäufer und Wäger der Handel. Es war Bedingung bei jedem Kauf und Verkauf, sich dieser Unterkäufer, die selbst keine eigenen Geschäfte machen durften, sowie der amtlichen Messer und Wäger zu bedienen, denn von alten Zeiten her hatte man immer gegen den fremden Verkäufer ein Mißtrauen. Deshalb hatten diese Unterkäufer das Amt, über die Preisbestimmung zu wachen, die Ware zu untersuchen, ob ihr Fehler anhafteten und für richtige Ablieferung des Gekauften besorgt zu sein. Messer und Wäger hatten Maß und Gewicht zu prüfen. Man konnte die Maße nicht ganz vollkommen und genau herstellen, auch besaß fast jede Stadt ihr eigenes Maß, nach dem auf dem Markte öffentlich gemessen werden mußte. Heute, wo der Staat durch Aiche und polizeiliche Nachprüfung kontrollierte Maße und Gewichte jedem zur Benützung in die Hand gibt, kann man sich nur schwer in die Art der früheren Jahrhunderte zurückversetzen. Um Gleichheit zu erzielen,
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Tierhetze auf dem Altmarkte (rechts das Rathaus) 1609
nach einem Wasserfarbenbilde in der Königl. Bibliothek
[18] war das öffentliche Maß und Gewicht in die Hände der oben genannten Beamten gelegt. An der Ratswage hing unter einem kleinen Schindeldache ein kupferner Scheffel an einer Kette, mit dem ein jeder nachmessen konnte, ob ihm sein richtiges Maß auch zugestellt worden war. Vom Jahre 1502 ab fand dieser Scheffel an der Ecke der damaligen großen Webergasse seinen Platz, die davon seitdem den Namen Scheffelgasse führt.
Der wohlhabende Bürger kaufte sich seinen Bedarf in Vorrat auf den Wochen- und Jahrmärkten von den fremden, zu diesen Zeiten zur Stadt kommenden und dort feilhaltenden Markt- oder Kaufleuten. Der weniger Bemittelte, der wie heute noch von der Hand in den Mund lebte, konnte sich nicht für längere Zeit versorgen, er mußte bei Kleinhändlern oder Handwerkern einkaufen, die ihre Verkaufsstellen oder Werkstätten in Buden auf dem Markte, um die Kirchen, an den Toren oder am Rathause hatten. Am Dresdner Rathause, auf beiden Langseiten, waren die Fleischbänke angebracht, ferner die Brotbänke, die 1558 an den hiernach genannten Brotmarkt verlegt wurden und deren alte Stellen dann die Verkaufsbuden der Kramer, „die Kramen“, einnahmen. Außerdem befanden sich am Rathause die Fischbänke und die Schuhbänke. Eines der wichtigsten und vornehmsten Gewerbe im Mittelalter war das der Gewandschneider oder Gadenleute, die sich mit dem Verkauf fremder Tuche befaßten, weil viele Städte keine einheimische Wollweberei besaßen. Späterhin beschränkte sich ihr Gewerbe auf den Vertrieb des niederländischen Tuches, der Seiden- und Baumwollstoffe. Als das Rathaus im wesentlichen noch als zweistöckiges Kaufhaus bestand, fand, wie aus dem Jahre 1297 bezeugt ist, in dem oberen Stockwerke der Verkauf des fremden, im unteren des einheimischen Tuches statt. Während wahrscheinlich schon im 14. Jahrhundert alle Gewandbänke im Erdgeschoß des Rathauses untergebracht waren, legten die Kürschner zu Jahrmarktszeiten in den oberen Räumen des Hauses ihre Waren zum Verkaufe aus. Im Jahre 1453 erkaufte der Rat das ehemalige Judenhaus auf dem Judenhofe, um in ihm während der Jahrmärkte alle Verkaufsstände der einheimischen Gewandschneider unterzubringen. Die fremden Gewandschneider hatten aber ihre eigenen Verkaufsbuden auf dem Markte. Um dieses Gewerbe während der Hauptverkaufszeit zu vereinen, wurde in den Jahren 1591 und 1592 am Neumarkte bei dem alten Judenhof ein neues geräumiges Gewandhaus errichtet, in dem nun alle Gewandbänke Platz fanden. Man war in jenen frühen Jahrhunderten darauf bedacht, ja es war sogar Marktregel, daß die Verkäufer desselben Produktes möglichst nebeneinander feilhielten. Es entstand dadurch ein freier offener Wettbewerb, und den Marktbeamten wurde damit die Ausübung ihres Berufes, die Überwachung des Handels, erleichtert. Aus demselben Grunde verlegte man vielfach die einzelnen Handwerke in bestimmte Straßen. In Dresden erinnern Straßennamen wie Töpfergasse, Webergasse, Gerbergasse, Schuhmachergasse usw. an diesen Gebrauch. Auch die Fleischbänke mußten ihren ursprünglichen Platz am Rathause durch einen Beschluß vom Jahre 1487 ändern. Das „Geniste“ um das Rathaus war dem Rate zu feuergefährlich. Die Bänke wurden abgebrochen und dem heftigsten Widerstande der Fleischerinnung zum Trotze auf einem vom Abt zu Zelle in der kleinen Webergasse erkauften Platze wieder aufgebaut.
Noch eine Stelle am Rathause ist zu erwähnen, die eine bedeutsame Rolle im städtischen Leben des Mittelalters spielte. Es war ein von Schranken eingefaßter Platz bei der Kapelle an der Schössergasse, auf dem sich die Gerichtsbank befand. Im Volksmunde hieß diese Stelle „der Schrank“. Neben dem „Schrank“ stand der Pranger, an [19] dem Trunken- und Raufbolde, klatschsüchtige Weiber, Ehebrecher usw. dem Volke zur Verhöhnung und als abschreckendes Beispiel ausgestellt wurden.
Von den Räumen im Inneren des Rathauses war die „große Ratsstube“, in der die Sitzungen und Amtshandlungen stattfanden, die aber auch als Festsaal und Tanzboden bei Familienfestlichkeiten und Hochzeiten der Bürger benutzt wurde, reicher ausgestattet. Über der eisernen Eingangstüre sah man eine Tafel angebracht, die in goldenen Lettern den Spruch enthielt:
„Eines mans rede ist eine gute
halbe rede, man hore eines
andern mannes rede auch.“
Um die Sitzungstische in der Mitte der Stube waren auf drei Seiten gepolsterte Bänke aufgestellt, von der Decke hingen fünf Leuchter. Zur Erwärmung der Stube diente ein roter Kachelofen; auch wird ein Räuchergefäß in den Rechnungen erwähnt. Der Sitz des Bürgermeisters war besonders ausgezeichnet. Hinter ihm hing ein Richtschwert, das, mit der Jahreszahl 1537 auf der Klinge, noch heute im Stadtmuseum erhalten ist, und ein Bild, das „Tuch des Gerichts“ in den Urkunden genannt, das die Darstellung des jüngsten Gerichtes zeigte und als dessen Verfertiger im Jahre 1511 ein Maler Wolf Süss bezeichnet wird. Im Jahre 1537 hören wir noch von einem zweiten Gemälde daselbst, drei Hirsche darstellend, demnach wahrscheinlich ein Jagdstück, und aus dem Jahre 1578 erfahren wir, daß vier Bildnisse von Landesfürsten vorhanden waren; eins davon, das schöne Bildnis Herzog Heinrichs von Lukas Cranach, ist noch im Besitze der Stadt und hängt jetzt in der Königl. Gemäldegalerie. Im Laufe des 16., 17. und 18. Jahrhunderts gelangten als Geschenke von Mitgliedern und Gönnern des Rates zahlreiche silberne und gläserne Pokale ins Rathaus. Dieser Ratsschatz ist noch wohlerhalten und wird jetzt im Stadtmuseum aufbewahrt; das Glanzstück ist ein kostbarer bunt bemalter venetianischer Glaspokal mit der Jahreszahl 1511.
Mannigfach wie die Schicksale der Erbauung des alten Rathauses waren auch die Umstände, die schließlich seinen Abbruch herbeiführten. Der Markt war der einzige größere Platz in der Stadt und diente deshalb frühzeitig den Landesfürsten zur Abhaltung von Festlichkeiten und Turnieren. So mußten die feilhaltenden Verkäufer im Winter den Markt räumen, wollte der Kurfürst mit seinem Hofe sich dem Vergnügen des Schlittenfahrens hingeben. Das frei auf dem Markte stehende Rathaus wurde schon von Kurfürst August als ein den Platz beengendes und den Verkehr hinderndes Gebäude angesehen und er verlangte im Jahre 1554 dessen Abbruch. Dieser kam jedoch nicht zustande, weil die Mittel zu einem Neubau nicht aufzubringen waren. Kurfürst Christian I. erneuerte im Jahre 1591 den Befehl, das alte Rathaus abzubrechen, und wollte, daß ein neues an dem Neumarkte errichtet werde, zu dem der Oberlandbaumeister Paul Buchner Pläne und ein Modell anfertigte. Der Rat äußerte sich zu dem Entwurfe zwar zustimmend, „daß es von außen gemeiner Stadt ein herrlich und prächtig Ansehen, auch inwendig sehr schöne und bequeme Gemach geben würde“, aber nach dem im gleichen Jahre am 25. September erfolgten Tode des Kurfürsten willfahrte der Kuradministrator dem Wunsche des Rates und genehmigte die weitere Benutzung des alten Rathauses. Ebenso konnte Kurfürst Christian II., als er im Jahre 1610 vom Rate den Abbruch des Hauses forderte, seinen Wunsch nicht erfüllt sehen. Erst den energischen Befehlen Friedrich Augusts I. im Jahre 1707 gelang es, [20] den Rat zur Beseitigung des alten Rathauses zu bewegen. Der Kurfürst schreibt dem Rate am 3. November 1707, das Rathaus auf dem Altmarkt enge den Platz ein und zerstöre dessen Eindruck. Bei seinen großartigen Planungen von Straßenanlagen fand der kunstliebende Kurfürst keine Unterstützung von seiten des Rates seiner Residenzstadt. Im Kurfürsten verkörperte sich in künstlerischer Beziehung die moderne vorwärtsstrebende Richtung, während der Rat das beharrende, am Altgewohnten haftende Element darstellte. Dem Kurfürsten war der mit Buden besetzte Altmarkt und der vor dem Rathause sich drängende Verkehr ein unliebsamer Anblick. Der Neumarkt mit dem zu einem Rathause umzugestaltenden Gewandhause schien ihm dafür der geeignete Platz, und der vom Verkehre dann freiere Altmarkt sollte zu einem vornehmen Platze ausgebaut werden. Er nahm deshalb den von seinen Ahnen Kurfürst August, Christian I. und II. in betreff der Verlegung des Rathauses ausgesprochenen Wunsch auf, befahl den Abbruch des Rathauses und die Einrichtung des Gewandhauses auf dem Neumarkt für die Zwecke des Rates. Bis dahin sollte man für die Akziseinnahme ein Privathaus auf dem Altmarkte mieten. Dem Rate ging damals ein sehr gründlicher und sachverständiger Vorschlag von Knauth zu, wie die Einrichtung des Gewandhauses zu einem Rathause mit allen seinen Bedürfnissen geschehen könne. Das Gutachten ist für die damalige Zeit bemerkenswert. Es gibt uns den Grundriß vom Gewand- und Kommandantenhaus in jener alten unperspektivischen Manier, mit umgeklappten Toren gezeichnet, doch sehr übersichtlich in der Raumverteilung. Es wird darin genau aufgezählt, was der Rat damals für Räume bedurfte, unter denen auch solche für Bilder- und Kupferstichhändler, für Verkäufer von holländischem Porzellan, Waldenburger Gefäßen und Gläsern aufgeführt werden. Der Vorschlag blieb unberücksichtigt, weil er ganz gegen die Wünsche des Rates ging, der an dem belebtesten Platze der Stadt verbleiben wollte und von der Ansicht durchdrungen war, daß Rathaus und Markt wie in ihrem Verkehre auch räumlich zusammengehörten. Bei Kurfürst Christians II. Lebzeiten hatte der Rat verlangt (30. Oktober 1610), daß ihm bei einem etwaigen Abbruch seines Rathauses auf Kosten der kurfürstlichen Kammer oder der Landschaft ein neues Rathaus erbaut werde. An Kurfürst Friedrich August eine solche Forderung zu stellen, wagte der Rat nicht, er verlegte sich auf Ausflüchte und Bitten, z. B. die beim Rate in Verwahrung befindlichen Kaufverträge und Akten seien an einem anderen Platze nicht sicher unterzubringen, oder der Ratskeller hätte früher, bevor es so viele Winkelstuben gegeben habe, viel mehr eingebracht, in diesem Jahre, 1707, nur 900 Gulden; würde der Ratskeller mit dem Rathause auf den vom Verkehr abgelegenen Neumarkt verlegt, sei eine bedeutendere Mindereinnahme sicher. Auch die nahe Nachbarschaft mit der Miliz und dem „Corps de guarde“ auf dem Jüdenhofe würde zu Mißhelligkeiten führen. Vergeblich bemüht sich der Rat, den Kurfürsten zur Rücknahme seines Befehles zu bewegen; dieser läßt schließlich durch seinen Geheimen Rat von Hoymb drohen, er werde es, wenn der Rat mit dem Abbruche noch länger zögere, durch seine Miliz abbrechen lassen. Der Rat erreichte aber wenigstens, daß der Kurfürst von seinem Wunsche, das Rathaus auf den Neumarkt zu verlegen, Abstand nahm. Am 3. Dezember 1707 empfahl er dem Rate das Beuchlingsche Haus am Altmarkte, Ecke der Schreibergasse, bis ein neues Rathaus hergerichtet sei. Trotzdem eine Besichtigung des Beuchlingschen Hauses mit Ausnahme eines Saales nur das Vorhandensein von „ganz finsteren Räumen“ feststellte, richtete der Rat sich in dem Hause ein. Das erste Stockwerk wurde für den Sitzungssaal und für Expeditionsräume verwendet, Erdgeschoß und Keller dienten für die Ratswage [21] und den Bierausschank. Auf einer Abbildung sehen wir das Haus mit seinem schönen Giebel und Erker in seiner Verwendung als Rathaus. Zu seiten des Portals hängen an Tafeln Verordnungen und Bekanntmachungen.
Am 12. Dezember 1707 begann man mit der Niederlegung des Rathauses. Aber schon nach zwei Tagen berichtet der Bürgermeister Vogler in einer Ratssitzung, daß der Kurfürst sehr ungnädig sei über den geringen Eifer beim Abbruch und die kleine Zahl der dazu verwendeten Arbeiter. Mit großer Eile konnte der Rat den Abbruch nicht betreiben, da ein Umzug mit all den vielen Akten nicht so schnell zu bewerkstelligen war. Der Abbruchsvertrag mit dem Maurermeister Fehre ist erst vom 4. Januar 1708 datiert, und am 5. Januar drängt wieder der Geheime Rat von Hoymb, wenigstens die Ecke, wo die Akzisstube und große Stube gewesen seien, abzubrechen, damit der Kurfürst bei seiner Rückkehr nach Dresden einen richtigen Anfang sähe. Die Pranger- und Halsgerichte sollten inzwischen am Gewandhause angebracht und abgehalten werden, weil die Besitzer des Beuchlingschen Hauses, das der Rat bis zum 7. Januar 1709 für jährlich 400 Taler ermietet hatte, es sich zur Bedingung gemacht hatten, daß an dem Hause weder Pranger noch Halseisen angemacht, noch die Missetäter daselbst zur Staupe geschlagen, auch das Halsgericht nicht hier gehalten würde. Diese und alle anderen dergleichen Exekutionen sollten an einem anderen Orte vorgenommen werden. Während des nunmehr beschleunigten Abbruches geht es dem Kurfürsten wieder mit der Abfuhr des Schuttes zu langsam. Es wird erwogen, ob er nicht allen Einwohnern, die Pferde hielten, befehlen sollte, eine oder zwei Fuhren als Frondienste zu tun.
Beim Abbruch des alten Rathauses fand man im Knopf der Kuppel zwei Schriften, eine vom Jahre 1627 und eine von 1701, von denen die letztere bei Gelegenheit einer Reparatur, die erstere bei einem größeren Umbau dort verwahrt worden waren. Die Schrift vom Jahre 1627 ist von Bedeutung, weil uns außer den namhaftesten Persönlichkeiten des damaligen Dresdens auch die vom Kurfürsten und vom Rate mit dem Baue beauftragten Meister darin genannt werden: „Meister Georg Böhme Mäuerer, Meister Lucas Piezsch Zimmermann, Peter de Bruck Kunstmahler von Cöln am Reihn, Hans Tuerbach bestellter Gräbnermeister“.
[22]
Das zweite Dresdner Rathaus
Der Rat sucht nun ein geeignetes Haus am Altmarkt zu erwerben, um seine Ämter dorthin zu verlegen. Immer wieder wird er vom Kurfürsten zur Eile gedrängt, der wiederholt den Wunsch ausspricht, daß das Gewandhaus auf dem Neumarkt als Rathaus benutzt werde, wenn es nicht bald gelinge, ein passendes Haus am Altmarkt zu finden. Kaufgebote von Häusern, die nicht am Altmarkt lagen, z. B. das Klengelsche Haus auf der Kreuzgasse, das zwanzig Stuben und feuerfeste Gewölbe hatte, schlug der Rat aus; seine Absicht, das Gottfried Matthäische Haus, das Gasthaus zum goldenen Ring in der Scheffelgasse, das am Markte neben dem Eckhause an der Webergasse lag, zu kaufen, fand nicht die landesherrliche Genehmigung. Im Jahre 1709 kaufte endlich der Rat mit Zustimmung des Kurfürsten das gräflich Taubesche Haus an der Ecke des Marktes und der Scheffelgasse und richtete es zum Rathause ein. Nicht lange aber genoß er die schwer erkämpfte Freude ungestörter Arbeit. Bereits im Jahre 1729 erkannte man die Baufälligkeit des Hauses, das nicht mehr imstande war, den schweren durch die vier Stockwerke hindurchgehenden Erker, der mit keinem besonderen Fuß versehen war, zu tragen. Das von dem Ratsmaurermeister Johann Gottfried Fehre und dem Ratszimmermeister George Bähr unterschriebene Gutachten vom 1. März 1729 entwirft ein trübes Bild von dem Zustande des Baues. Man kam schließlich dazu, an der Front Anker einzulegen und dem ganzen Gebäude mit Unterzügen zu Hilfe zu kommen. Ähnliche Erhaltungsarbeiten werden auch im Jahre 1732 vorgenommen. Die Baufälligkeit des Hauses war 1740 so weit fortgeschritten, daß der Zustand unhaltbar wurde. Die Holzbalken waren verfault, die Mauern stark ausgewichen, das Dach so schadhaft, daß Kontraktbücher und Akten nicht vor Nässe zu bewahren waren. Der Rat hatte den Beschluß gefaßt, das Haus niederzureißen und von Grund auf neu zu erbauen. Er kaufte am 15. April 1740 das in der Scheffelgasse unmittelbar anstoßende Leporinische Haus hinzu. Hier gewann man einstweilen die nötigen Diensträume und überführte dahin die Ratsakten. Zu dem Neubau erbat sich der Rat die Erlaubnis des Kurfürsten, der sie auch erteilte, jedoch mit der Bedingung, daß ein oder zwei an das Rathaus angrenzende Häuser am Markte hinzugekauft würden. Nach der Hinzuziehung des Leporinischen Hauses waren die hauptsächlichsten und meisten Räume des Rathauses nach der Scheffelgasse zu gelegen. Der künstlerisch so fein empfindende Kurfürst hatte aber den lebhaften Wunsch, daß das Rathaus nach dem Platze, also dem Markte, seine Front entfalte, damit es diesem als ein stattlicher Fassadenbau zum Schmucke gereiche. Für den Rat erwuchsen durch den Wunsch des Kurfürsten nun schwierige Verhandlungen. Das dem Rathause am Altmarkte benachbarte Haus gehörte den Gebrüdern von Döring, die es von ihrem Vater, der es im Jahre 1718 für 7000 Taler erkauft, ererbt hatten. Auf eine Anfrage teilten die Gebrüder von Döring dem Rate mit, daß sie eigentlich nicht gesonnen seien, ihr Haus zu verkaufen, sie wollten aber dem Wunsche des Kurfürsten entsprechen und verlangten 12 000 Taler und 500 Taler Schlüsselgeld, d. h. Vermittlungsgebühren und Kosten. Der Rat hatte 7000 Taler und 500 Taler Schlüsselgeld [23] geboten. Das Angebot wurde von den Besitzern mit der Bemerkung abgelehnt, daß der einst von ihrem Vater bezahlte Preis nicht maßgebend sein könne. Hätte dieser das Haus geschenkt bekommen, so könnte der Rat mit dem gleichen Rechte das Haus als Geschenk verlangen. Sie erklärten sich jedoch bereit, falls der Kauf nicht zustande käme, ihr Haus, wie es der Kurfürst wünsche, in gleicher Symmetrie mit dem neuen Rathause zu erbauen, und wenn der Rat das kleine, zwischen ihrem und der Löwen-Apotheke

Das Beuchlingsche Haus an der Ecke der Schreibergasse rechts
(Rathaus von 1707 bis 1709)
befindliche, dem Goldschmied August Winckler gehörende Haus erkaufe, dessen Platz zu dem ihrigen zu nehmen und dagegen ebensoviel Platz von ihrem Hause zum neuen Rathause abzugeben. Auch die Verkaufsverhandlungen mit dem Goldschmied Winckler, der wegen der bevorzugten Lage am Altmarkt für sein Haus 4800 Taler verlangte, führten zu keinem Ergebnis. Der von Döringsche Vorschlag gefiel dem Kurfürsten. Er erließ am 25. Juli 1740 den Befehl, daß die von Döring ihr Haus mit dem Neubau des Rathauses symmetrisch neu zu errichten hätten, so daß die beiden Häuser als ein Haus erschienen. Wolle der Goldschmied Winckler nicht verkaufen, müsse auch er sein Haus entsprechend neu bauen, so daß es dem Markte zur Zierde gereiche. Der gleichmäßigen äußeren Erscheinung zuliebe sollten alle drei Häuser auch einen übereinstimmenden Anstrich erhalten.
[24]
Grundrisse des zweiten Rathauses und des Döringschen Hauses 1740
(Original in den Ratsakten)

Der Altmarkt im Jahre 1768
nach einem Ölgemälde von Stübner (in Privatbesitz)
[26] Würde seinem Befehle nicht Folge gegeben, so müßten die Gebrüder von Döring und der Goldschmied Winckler sich eine Abschätzung des Oberbauamtes und der vereidigten Baugewerken und einen zwangsweisen Verkauf gefallen lassen. Dem Rate aber wurde befohlen, daß während des Umbaues das erste Stockwerk in dem sogenannten Weißbierhaus in der Scheffelgasse für Expeditionsräume ermietet werden solle und daß er auch in der Scheffelgasse mit der Fassade am Altmarkt übereinstimmend baue.

Tumult am Rathause am Abend des 9. September 1830
nach einer Lithographie
An der Stelle des früheren Taubeschen Hauses wurde am 18. März 1741 der Grundstein zum neuen Rathause gelegt und am 1. Juli 1745 konnte es bezogen werden. Den Entwurf dazu lieferte der Dresdner Baumeister Johann Christoph Knöffel. Eine Urkunde berichtet, daß bereits im Jahre 1740 ein genaues Modell zum ganzen Hause fertig war. Es war wie ähnliche Modelle aus früherer Zeit so hergestellt, daß man jedes Stockwerk für sich besonders abheben und so durch einen Einblick die Raumgestaltung übersehen konnte. Die angefertigten Pläne, Grundriß, Fassade und Schnitt, hatte der Kurfürst „mit eigener hoher Hand unterzeichnet und approbiret“. Er hatte in der Mitte des Daches die Errichtung eines kleinen Türmchens gewünscht. Vor allem kam es ihm aber aus Schönheitsgründen [27] darauf an, daß der Neubau nach dem Markte zu etwas herausgerückt werde, damit er in gleicher Linie mit der Löwen-Apotheke nach der einen Seite und mit dem Gerberischen Hause an der anderen Ecke der Scheffelgasse zu stehen komme. Auch um die Einzelausgestaltung der Fassade kümmerte er sich. Nach seiner Angabe wurden die Frontons und Fenster gestaltet. Der Bildhauer Christian Gottlieb Thiele legte am 31. August 1741

Das Rathaus am Tage der Übergabe der Verfassung 4. September 1831
nach einer Lithographie
zwei Wachsmodelle zu den Bogenstücken über dem Tor und der Wage vor. Das eine bestand in einer Muschel, von deren beiden Seiten Blumenwerk herabfiel, das andere in dem Ratswappen mit der Jahreszahl MDCCXLI, von dem auf beiden Seiten an Ketten Wagschalen und Gewichte herabhingen. Der Bildhauer forderte für die Ausführung der beiden Arbeiten einen Preis von 40 Talern, von dem der Rat 10 Taler herunterhandelte. Für die Aufstellung der Wetterfahne mit dem Ratswappen wurde im Jahre 1743 nach einem Protokoll des Oberlandbaumeisters Knöffel durch Graf Brühl die Erlaubnis erteilt. Einen weiteren nützlichen Schmuck erhielt das Rathaus im Jahre 1765 durch Anbringung
[28]
Grundriß vom Erdgeschoß des Altstädter Rathauses, des Döringschen
und des Leporinischen Hauses

Grundriß vom 1. Obergeschoß des Altstädter Rathauses, des Döringschen
und des Leporinischen Hauses

Beleuchtung des Rathauses bei der Friedensfeier am 5. März 1871
[31] einer Schlaguhr auf dem Rathaustürmchen. Als infolge der Beschießung Dresdens durch die preußischen Truppen im Jahre 1760 am 19. Juli die Kreuzkirche samt Turm, Glocken, Seiger und Seigerschellen durch Feuer zerstört worden war, hatte die Stadt außer auf dem Schloßturm keine weitere öffentliche Schlaguhr. Die neue Rathausuhr schlug die Stunden und Viertelstunden mittels zweier hierzu neugegossenen Seigerschellen, von denen die eine 3 Zentner 44 Pfund und die andere kleinere 1 Zentner 47 Pfund wog. Außerdem wurde im gleichen Jahre 1765 auf der Front ein neuer Knopf (Vase), von dem Dresdner Klempnermeister Johann Peter Ude verfertigt, angebracht, in den man ein Verzeichnis der

Die große Ratsstube bis 1875
nach einer Zeichnung im Stadtmuseum
damaligen Ratsmitglieder legte. Der Knopf enthielt noch Münzen und ein Gedicht des kurfürstlichen Stallgürtlers Christoph Hänisch, der die 43 Buckeln des Knopfes in Feuer vergoldet hatte.
Im Jahre 1861 wurde das früher von Döringsche nunmehr Künzelsche Haus vom Rate für 80 000 Taler erworben und zu dem Rathause hinzugezogen. In 120 Jahren, also nach vier Generationen, eine Wertsteigerung von 68 000 Talern. In dem folgenden Jahre 1862 hat man die Räume des Rathauses noch insofern verändert, als man das Leporinische Haus in der Scheffelgasse vollständig abtrug und an seiner Stelle einen neuen Anbau an das Rathaus errichtete. Der Haupteingang wurde nunmehr in die Mitte der Altmarktfassade verlegt, durch den man zu einer neuen Haupttreppe gelangte, die 1865 dem Verkehr übergeben wurde. Damit hatte das Rathaus die Gestalt angenommen, in der wir es heute noch sehen.
[32] Der Stadtkeller ward ins Leporinische Haus verlegt, ging aber 1805 ein. Wage und Wachtstube, sowie einige untergeordnete Expeditionen waren im Erdgeschoß des Rathauses untergebracht, während der größere Saal im ersten Obergeschoß, wo noch die Kommissionsstube und die Meißnische Kreissteuereinnahme sich befanden, als Ratsstube diente. Stadtgericht, Kämmerei und Bürgersteuereinnahme waren im zweiten, Vormundschaftsstube, Personensteuereinnahme und die Akteninspektion im dritten Stock eingerichtet.
Der Grundriß des Rathauses zeigt deutlich das Zusammenwachsen aus den verschiedenen, früher selbständigen Grundstücken. Man sieht schon an der alten

Das Altstädter Rathaus im Jahre 1910
Treppenanlage, die nur durch das Vorhaus zugänglich war, daß das einzelne Haus als Einfamilienhaus gedacht war. Es ist jetzt ein dreistöckiger schlichter Bau, über dessen Hauptgesims sich noch ein Halbgeschoß erhebt. Die bezeichnende Grundform der Häuser um 1750 ist die Gliederung durch einfaches Lisenenwerk. Die Fassade hat 13 Fenster Front und ist durch zwei Vorlagen von je drei Fenstern rythmisch gegliedert. Die ruhige schlichte Gliederung wird durch die einfache Liseneneinteilung der Obergeschosse hervorgehoben. Schmuck ist nur an den Vorlagen angebracht, im ersten Geschoß auf Konsolen ruhende breite Balkons mit schönen schmiedeeisernen Gittern, über den Fenstern ornamentale Stuckreliefs. Die Vertikalachsen der Vorlagen sind noch besonders betont durch die über den mittleren Stichbogenfenstern angebrachten Stuckmedaillons mit den Bildnissen König Augusts III. und seiner Gemahlin. Über dem Halbgeschoß zeigen mit der Königskrone geschmückte [33] und von Waffen und Fahnen eingerahmte Kartuschen die Sprüche „Soli Deo Gloria“ und „Salus publica suprema lex“. Das Dach ist durch die ausgebauten Fenster gegliedert, auf ihm erhebt sich ein 1744 errichtetes kupfergedecktes Türmchen, das eine Wetterfahne mit dem Stadtwappen trägt.
Das Rathaus als Sitz der Stadtregierung war naturgemäß von jeher eng in die großen geschichtlichen Schicksale der Stadt verkettet: hier im Herzen der Stadt war der Pulsschlag der politischen Bewegungen immer am deutlichsten fühlbar. In den schlimmen Tagen der preußischen Beschießung im Juli 1760 war der Rat Tag und Nacht auf dem Rathause versammelt, um Verfügungen zur möglichsten Einschränkung des wütenden Feuers zu treffen. Dann spielte das Rathaus in den Volksbewegungen der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine große Rolle: eine leidende im Jahre 1830 und eine leitende in den Maitagen 1849. Der Aufruhr vom 9. September 1830, der zunächst mehr der Unzufriedenheit mit den Behörden als dem Streben nach politischen Zielen entsprang, wälzte sich zuerst gegen das Rathaus: die Masse drang ein und zerstörte Geräte und Akten, wandte sich aber dann nach dem Polizeihaus. Im Mai 1849 bemächtigte sich der Aufstand sofort des Rathauses, um sich häuslich dort einzurichten: hier war der Sitz der Provisorischen Regierung und des Hauptquartiers der Aufstandsleitung; vom Balkon aus erließen die Führer Kundgebungen an die auf dem Altmarkt gescharten Revolutionskämpfer – von hier aus wurde aber auch, als der Kampf nach sechs Tagen heißen Ringens verloren war, der Rückzug verkündet. Auf ein freudigeres Treiben sah oft das Rathaus herab in der Zeit der Wiedergeburt des deutschen Vaterlandes durch den großen Krieg und Sieg gegen Frankreich: nach dem Tag von Sedan sammelte sich die begeisterte Bevölkerung vor dem Rathaus zu einem Siegesfeste; und am 5. März 1871 erfüllte eine mächtige und erhabene Friedensfeier den weiten Altmarkt.
[34]
Das alte Rathaus in Altendresden
Das Aussehen des alten Rathauses in Altendresden, das im Jahre 1455 urkundlich erwähnt wird und von dem wir nur wissen, daß es mit Schindeln gedeckt war und ein Glockentürmchen besaß, ist uns in seiner späteren Gestalt, die es im 16. Jahrhundert angenommen hatte, auf einem Gemälde Canalettos überliefert worden. Die sachlich so getreuen, dabei künstlerisch fein empfundenen Stadt- und Straßenansichten Canalettos sind für Sachsen baugeschichtliche Dokumente, nach denen man sich manche alte, heute nicht mehr vorhandene oder veränderte Plätze und Bauten vergegenwärtigen kann.
Auf dem Canalettoschen Bilde sehen wir, daß das Rathaus einstmals am Markte stand, vor den Häusern, die heute zwischen der Hauptstraße und der Kasernenstraße liegen. Daß es von allen Seiten frei stand, beweist der Umstand, daß an seiner Rückfront eine äußere Treppe direkt in das Obergeschoß führte. Das Haus stellt sich dar als ein zweigeschossiger schlichter Bau mit Erdgeschoß und einem Obergeschoß, der von einem hohen Dache, auf dessen Mitte ein Glockentürmchen mit mehrseitiger Zwiebelkuppel saß, bedeckt war. Der Grundriß wie auch das äußere Aussehen des Hauses zeigen, daß es nicht wie die Altstädter Rathäuser aus verschiedenen Bauperioden stammt oder aus mehreren Wohnhäusern zusammengefügt, sondern einheitlich von Grund auf als Rathaus erbaut war. Die beiden Seitenfronten waren mit Renaissancegiebeln, deren Spitzen Obelisken krönten, ausgebildet, während die Hauptfront zwei kleine Eckgiebel in Dreipaßform mit überhöhtem Mittelteil aufweist, Dachausbauten, durch die man abgesonderte kleine Räume im Dachboden gewann. An der Hauptfront führten drei Türen in das Innere des Gebäudes. Links sieht man eine kleine eisenbeschlagene Holztüre und eine schmale Tür an der rechten Hausseite, während im rechten Teile der Front, mehr nach der Mitte zu, der Haupteingang war. An dieser mit steinernen Gewänden versehenen Haustüre dienten unten zu beiden Seiten auskragende Steine als Sitzplätze. Solche Türen sind in Dresden noch an verschiedenen Stellen erhalten, bei vielen sind freilich die Sitzsteine als Verkehrshindernis entfernt worden. Über der Tür war ein von schlanken Säulchen eingefaßtes und durch halbrunde Verdachung geschütztes herzogliches Wappen mit der Jahreszahl 1527 angebracht. Das Haus hatte im ersten Stockwerk links vom Haupteingang, der zum Vorraum und Treppenhaus führte, vier, rechts zwei Fenster. Hinter den vier Fenstern befand sich wohl der Hauptsaal des ganzen Baues, die Ratsstube, die wie in Dresden-Altstadt auch hier den Bürgern gelegentlich als Tanzboden diente. Auch im Altendresdner Rathause war ein Ratskeller, in dem von einem Pächter Wein und Bier und während der Advents- und Fastenzeit auswärtiges Freiberger Bier verschänkt wurde. Damit aber die Besitzer der in der Nähe befindlichen Häuser in ihrer Brau- und Schankgerechtigkeit nicht geschädigt würden, durfte einheimisches Bier nur dann im Ratskeller verschänkt werden, wenn die Nachbarn das Quantum, das sie brauen und ausschenken durften, abgesetzt hatten. Spiel und tätlicher Streit wurde auch hier als Friedbruch bestraft; doch berichten die Akten bereits im 15. Jahrhundert nur von Geldstrafen. Auch hier wie in Neudresden lag die Garküchenbude wahrscheinlich
[35]
Das alte Neustädter Rathaus 1750
nach einer Radierung Canalettos
[36] am Kellereingang, während Brotbänke und Fleischbänke an der Rückseite des Hauses angelegt waren.
Der Baustil des Rathauses, wie ihn das Bild Canalettos zeigt, weist als Zeit der Erbauung ungefähr auf das erste Viertel des 16. Jahrhunderts hin, die Zeit, in der in Sachsen zuerst der Stil der Renaissance Eingang gefunden hat. Als Baumeister wird Melchior Trost genannt. Als im Jahre 1550 die Vereinigung Altendresdens mit der Residenzstadt stattfand, drohte dem Rathause die Gefahr, als Wohnhaus und Werkstätte für den Teppichmacher des Kurfürsten Moritz eingerichtet zu werden. Der Rat wußte jedoch den hierzu bereits erlassenen Befehl des Kurfürsten rückgängig zu machen, indem er hervorhob, daß das Rathaus zur Abhaltung der Altendresdner Gerichte dienen müsse und den Bürgern kein anderer Saal als die große Ratsstube für ihre Hochzeiten und andere Festlichkeiten zur Verfügung stände. So blieb das Altendresdner Rathaus Gerichtsstätte

Tisch aus dem Altendresdner Rathause um 1500
(im Museum des Altertumsvereins)
und wurde sogar im Jahre 1677 gründlich erneuert. Bei dieser Erneuerung brachte man unter dem Hauptgesims in großen römischen Buchstaben die einzeilige Inschrift an: „Concordia parvae res crescunt, discordia magnae dilabuntur“. Von dem verheerenden Brande vom Jahre 1685 blieb das alte Rathaus verschont. Erst Ende der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts wurde es abgetragen. Nur geringe Reste der Ausstattung des alten Rathauses haben sich in unsere Zeit hinübergerettet. Dazu gehört der oben erwähnte Wappenstein, der sich jetzt im Stadtmuseum befindet; außerdem beherbergt das Museum des Königl. Sächs. Altertumsvereins einen Tisch, dessen Eichenplatte mit tiefem Tischkasten auf breiten Füßen ruht und der an den Kastenseiten innen und außen, sowie an den Fußwänden, mit einem Maßwerk in Flachschnitzerei geschmückt ist. Blaue, weiße und rote Farbspuren seiner einstigen Bemalung sind noch sichtbar. Dasselbe Museum bewahrt zwei Steine in Flaschenform auf, die ebenfalls aus dem Rathause stammen und auf dem Canalettoschen Bilde vor dem Fenster hängend zu sehen sind. Mit solchen Steinen von beträchtlichem Gewichte – denn sie messen 32:34 Zentimeter und sind 13 Zentimeter dick – um den Hals wurden Weiber öffentlich am Pranger ausgestellt oder an einem
[37]
Grund- und Aufriß des alten Neustädter Rathauses vor dem Abbruch 1475
Original in der Stadtbibliothek)
[38] Eisenringe am Rathauseck angebunden, wenn sie durch Streitsucht oder Tätlichkeiten Anlaß zu öffentlichem Ärgernis gegeben hatten. Auf den Steinen sind zwei sich raufende Weiber in Relief dargestellt und eine Inschrift lautet:
„Alle Weiber die sich schlagen
Müssen diese Flaschen tragen“.

[39]
Das neue Rathaus zu Dresden-Neustadt
Obwohl das alte Rathaus die Brandkatastrophe des Jahres 1685 unversehrt überdauert hatte, konnte der altertümliche Bau den Ansprüchen eines mit großen künstlerischen Planungen, neuen Straßenzügen und Errichtung von Prachtbauten sich beschäftigenden Herrschers, wie es Kurfürst Friedrich August I. war, nicht mehr genügen. Im Jahre 1732 wurde auf Befehl des Fürsten die Regulierung des Neustädter Marktes begonnen und die Lindenallee in der Hauptstraße gepflanzt. Er befahl dem Rate, das alte Rathaus abzubrechen und ihm Entwürfe für die Errichtung eines neuen einzureichen. Am 20. März 1732 reichte daraufhin der Rat mit einem Bericht an den Generalfeldmarschall Grafen von Wackerbarth Pläne für den Neubau ein. Das neue Rathaus sollte an der gegenüberliegenden Seite der Hauptstraße erbaut werden, an der Stelle des alten Gewandhauses. Neben dem Gewandhause stand bis zum Brande von 1685 ein Malz- und Brauhaus, die Stätte lag seitdem wüst und war trotz mehrfacher Mahnung des Kurfürsten bislang vom Rate, der sie bereits im Jahre 1686 von dem Handelsmann Christian Zenker für 1275 Gulden Meißnisch erkauft hatte, nicht bebaut worden. Diese Baustelle wurde mit in den Bauplan einbezogen. Der Bau sollte im untersten Stockwerk die Fleisch- und Brotbänke und den Ratskeller enthalten, im oberen Stock die Richterstube und die zugehörigen Räume mit einem geräumigen Vorsaal, in dem die Leinwandhändler zu Jahrmarktszeiten ihre Waren feilhalten konnten. Das dritte und oberste Geschoß war als Gewand- und Tuchhaus vorgesehen und in der Front nach dem damaligen Schulgäßchen, heute Rathausgäßchen, sollte das Brau- und Malzhaus errichtet werden, das in der engen Gasse, nach Ansicht des Rates, wenig zu sehen war und niemanden stören konnte. Vom Rate wird insbesondere darauf aufmerksam gemacht, daß unter allen Umständen die Fleischbänke, 24 an der Zahl, die bisher in dem alten Gewandhause waren, auch in Zukunft bei dem Neubau an derselben Stelle belassen werden müßten. Die Bänke gehörten den in Neustadt wohnenden Meistern der Fleischerinnung und waren mit 800, 1000 Gulden und mehr käuflich erworben worden; außerdem hatte aber die Fleischerinnung, die fast in allen Städten in früheren Jahrhunderten eine der wohlhabendsten und daher einflußreichsten Innungen war, dem Rate Kapitalien vorgeschossen, die gerichtlich auf die Fleischbänke eingetragen waren. Dem Rate war die Rückzahlung dieser Gelder in der damaligen Zeit nicht möglich, wie er auch davor zurückschreckte, die Unzufriedenheit der Fleischerinnung zu erregen. Die eingereichten Pläne fanden die Genehmigung des Kurfürsten, der im Jahre 1732 dem Rate 50 000 Taler zum Zwecke der Wiedererbauung der Kirche und zum Neubau eines Rathauses bewilligte. Doch das Geld reichte nicht einmal zum Kirchenbau aus. Nach wiederholten von seiten des Kurfürsten ergangenen Mahnungen, endlich den Neubau des Rathauses zu beginnen, so vom Jahre 1739, 1744 und 1747, entschuldigt sich schließlich der Rat, er sei durch die Kriegszeiten und Kontributionszahlung finanziell so geschwächt, daß er nicht bauen könne. Der Rat hoffte vergeblich auf bessere Zeiten, um endlich sein neues Rathaus errichten zu können, doch die neuen Anlagen des Kurfürsten nahmen auch den Ratssäckel immer von [40] neuem in Anspruch. So kostete außer dem Kirchenbau der Schleusenbau in Neustadt dem Rate beträchtliche Summen. In Anbetracht des zukünftigen Rathausbaues wurde am alten Gewandhause nichts mehr ausgebessert, das dadurch in einen sehr schlechten baulichen Zustand kam. Ein Bild desselben gibt ein Pro Memoria des Rates vom 22. Dezember 1747. Ein heftiger Sturm hatte das Gewandhaus „als ein an sich ruinöses altes Gebäude“ derart mitgenommen, daß sein Einsturz stündlich zu befürchten war. Die Hauptbalken und der Dachstuhl waren so verfault, daß eine dauerhafte Ausbesserung nicht mehr möglich erschien.
Am 28. April 1750 wurde der Grundstein zu dem neuen Rathause gelegt, nachdem am 18. März desselben Jahres der Kurfürst neue vom Rate eingereichte Pläne genehmigt hatte. Der abgebildete Lageplan zeigt den Platz, den das Rathaus zwischen Markt, Hauptstraße und Schulgäßchen einnimmt. Das Haus wurde mit einem Kostenaufwand von 49 413 Taler 2 Gr. 10 Pfg. durch den Ratsmaurermeister Fehre und den Ratszimmermeister Winckler errichtet und im Jahre 1751 so weit fertiggestellt, daß Fleischer und Bäcker bereits darin feilhalten konnten. Am 14. Juli 1752 hielt das Neustädter Stadtgericht – denn einen eignen Rat hatte die Neustadt seit der Vereinigung der beiden Stadthälften im Jahre 1549 nicht mehr – in dem neuen Hause seine erste Sitzung ab. Erst am 28. Februar 1766 aber fand die Bauabnahme und Prüfung durch den kurfürstlichen Akzis-Rat Hoffmann statt, dessen Bericht auf Grundlage der abgebildeten beiden Grundrisse und der dargestellten Fassade abgefaßt ist. Das Haus bestand in seinem vierstöckigen Aufbau aus drei Flügelgebäuden. Die eine Fassade ging auf den Marktplatz hinaus und lag dem Wortlaute der alten Urkunden zufolge „der neuen Hauptwacht oder dem Obelisko gegenüber“. Es ist damit das jetzige Blockhaus (Neustädter Hauptwache) gemeint, das, wie eine Zeichnung von dem Architekten Longuelune dartut, als Pyramidengebäude mit einem bekrönenden Obelisken geplant war. In dem Marktflügel befand sich der Ratskeller. Im Hauptflügel mit 21 Fenstern Front nach der Hauptstraße waren die Fleisch- und Brotbänke, sowie Räumlichkeiten für die Portechaisen angeordnet, im ersten Stockwerk über dem Ratskeller die Gerichtsstuben und Säle, während an der Hauptstraße große Räume, die im Jahre 1753 ihrer Bestimmung übergeben werden konnten, die Gewandschneider und Tuchhändler einnahmen. Im obersten Stockwerk waren einige Wohnungen eingebaut. Der kleinere Flügel nach der Schulgasse war, wie der Grundriß zeigt, mehr als selbständiger Bau ausgebildet. Er diente als Fronfeste und hatte in zwei Stockwerken gewölbte Räume. Die vierstöckigen Hintergebäude des Rathauses umschlossen zwei Höfe, die durch ein Tor miteinander verbunden waren. Der eine Hof diente den Zwecken des Ratskellers und des Speisehauses, während der andere, in den ein Durchgang von der Hauptstraße führte, den Portechaisen und den Fleischern und Bäckern vorbehalten war. Von der Hauptstraße führten zwei seitliche Türen in die oberen Stockwerke des Gebäudes. Hier waren nach dem Markte heraus im zweiten und dritten Stock und nach der Hauptstraße im ersten, zweiten und dritten Geschoß die schon erwähnten Säle, in denen insbesondere zu Jahrmarktszeiten Tuche und andere Stoffe öffentlich zum Verkaufe ausgelegt wurden. Da durch den Transport der Tuchballen die Fußböden erschüttert werden mußten, sah man in diesen Räumen von der Anbringung von Stuck- oder Kalkdecken ab und brachte Holzdecken an. Die Ecken der Hauptstraßenfassade wurden auf Wunsch des Kurfürsten symmetrisch abgeschrägt und an der Schräge an der Marktecke ein Zierbrunnen als Gegenstück zu dem an der gegenüberliegenden Grundstückecke der Hauptstraße, dort 1741, hier 1742, angelegt, mit einer
[41]
Grundriß vom Erdgeschoß des neuen Neustädter Rathauses
[42] liegenden Frauengestalt, einem Delphin und Putto. Beide Brunnen sind noch erhalten. Sehr bequem waren die Verkaufsbänke eingerichtet, die das ganze Erdgeschoß der Hauptstraßenfassade einnahmen. Jeder Verkaufsstand war wie ein kleiner Laden ausgestaltet. Man trat durch das mittlere Tor des Gebäudes in den nach dem Hofe führenden Gang, der in seiner Mitte von einem das Grundstück durchziehenden Quergang durchschnitten wurde. In diesem befanden sich rechts und links je zwölf Auslagen, neben denen je eine Tür zu einem kleinen Raume führte. Jeder dieser Räume hatte ein Fenster, zwölf nach der Hauptstraße und zwölf nach dem Hofe hinaus.

Das Neustädter Rathaus im Jahre 1910
Bis zum Jahre 1754 wurde am Rathause gearbeitet, am 6. Juli in Gegenwart des Bürgermeisters Christian Weinlig der vergoldete Knopf und die Fahne auf den Dachreiter aufgesetzt. In den Knopf legte man ein kupfernes Kästchen mit verschiedenen Geldsorten und eine lateinische Urkunde, die über die Errichtung des Baues mit den dabei in Betracht kommenden Namen der beteiligten Ratsmitglieder und der beiden Meister Fehre und Winckler Aufschluß gibt. Als Abschluß aller Arbeiten am neuen Rathause ist die Anbringung der Uhr zu betrachten, die am 5. September 1754 von dem Hofuhrmacher Joh. Heinr. Naumann für den Preis von 1000 Talern geliefert wurde. Dadurch war dem lange gefühlten Mangel einer richtig gehenden öffentlichen Uhr abgeholfen. Wie stark dieser Mangel empfunden wurde, ersieht man aus einer Beschwerde des Generalleutnants von Bodt vom Mai 1741, mit welcher der Rat wiederholt um gründliche Reparatur der Uhr [43] auf dem früheren alten Rathause ersucht wird, „da selbige beständig unrichtig gehet, öffters zu viel oder zu wenig, vielfältigmahl aber gar nicht schläget und stille steht“. „Neustadt“, sagt von Bodt, „sei doch eine Stadt mit nicht wenig distinguirten und mit nicht nur vielen, sondern auch meistenteils honorablen Bewohnern angefüllt und mache einen großen Teil der Königl. Residenz aus. Es sei doch sehr schlimm, daß in Neustadt nicht ein accurater Zeiger, oder Schlaguhr, welche man doch wohl auf manchem geringen Dorfe findet, vorhanden sei, nach welchem man sich richten und besonders auch der Soldat die ordentliche Ablösungszeit zuverlässig regulieren könne.“ Die Glocken zum Viertel- und Stundenschlag goß Joh. Gottfried Weinholdt im Jahre 1754 in der königlichen Stückgießerei. Zu dem Gusse erhielt Weinholdt zwei alte Seigerschellen und zwei Glocken vom alten Neustädter Rathause. Der Glockenguß in Gegenwart des Bürgermeisters ist in den über den Neubau des Rathauses handelnden Akten ausführlich beschrieben. Der Uhrturm mit Knopf und Wetterfahne wurde im Jahre 1801 durch einen heftigen Sturm beschädigt und einer gründlichen Ausbesserung unterzogen.
Das Neustädter Rathaus ist im wesentlichen noch heute in seiner ursprünglichen äußeren Gestalt erhalten. Es ist ein sehr schlicht und schmucklos gehaltener Bau, der nur durch die fein empfundenen, sorgfältig abgewogenen Verhältnisse wirkt. Anstelle der früheren Fleisch- und Brotbänke und der Portechaisenstation wurden in den Jahren 1868 bis 1870 zwölf Verkaufsläden eingerichtet, während das Erdgeschoß am Marktplatz ein den Namen Ratskeller führendes Restaurationslokal enthält. In den oberen Stockwerken befinden sich die Räume des im Jahre 1767 begründeten städtischen Leihhauses, sowie Filialen der städtischen Sparkasse und der Stadtsteuereinnahme. Über dem Tore am Markt ist das Stadtwappen angebracht, auf dessen Spruchbande die Jahreszahl der Erbauung „Anno MDCCL“ steht. Als Wetterfahne ziert ein zweites, von einem Löwen gehaltenes Stadtwappen den 17 Meter über den Dachfirst emporragenden hölzernen Turm.
Die Front nach der Hauptstraße ist durch ein Mittelrisalit mit einem Segmentgiebel gegliedert. In dem Giebel steht die Inschrift:
| „Auspiciis |
| Friderici Augusti Reg. Pol. |
| Elect. Sax. Patris Patriae Opt. Pii Fel. |
| Hanc Curiam Exstruxit Senatus Dresd.“ |
[44]
Schluß
Nach mannigfachen und bedeutungsvollen Seiten entwickelte sich die Kultur Dresdens. Glänzend hat die Stadt ihre wirtschaftlichen Kräfte entfaltet: in Handel, Industrie und Verkehr, in allen Äußerungen des modernen Lebens nimmt die Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Sachsen unter den Städten Deutschlands eine der ersten Stellen ein. Der weitverzweigten Verwaltung der Stadt konnten die engen Räume des bisherigen Rathauses nicht mehr genügen. Ein mächtiger schmuckvoller Neubau ist errichtet worden, der die meisten städtischen Ämter in sich aufgenommen hat. In sinniger Weise sind an der Fassade des neuen Hauses neben den Jahreszahlen seiner Erbauung 1904–1910 in goldenen Lettern dieselben Worte angebracht worden, die auch das alte Rathaus am Altmarkt schmücken: „Soli Deo Gloria“ und „Salus Publica Suprema Lex“.

Wappenstein vom Rathause
zu Altendresden 1527