Auge für Auge
Auge für Auge (hebräisch עין תּחת עין ajin tachat ajin) ist Teil eines Rechtssatzes der Tora für das Volk Israel:
„[…] so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“
Nach dem hebräischen Wortlaut und biblischen Kontext verlangt der Rechtssatz bei allen Körperverletzungsdelikten einen angemessenen Schadensersatz vom Täter, um die im Alten Orient verbreitete Blutrache zu begrenzen oder auszuschließen, durch eine Verhältnismäßigkeit von Vergehen und Strafe abzulösen und rechtliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen, Armen und Reichen, Freien und Abhängigen herzustellen.
Dagegen wurde der Rechtssatz in der Kirchengeschichte als Talionsprinzip aufgefasst, das das Opfer oder seine Vertreter auffordere, dem Täter Gleiches mit Gleichem „heimzuzahlen“ und sein Vergehen zu sühnen („wie du mir, so ich dir“; englisch „Tit for Tat“). Dieser Deutung widerspricht das gesamte rabbinische Judentum, dessen Auslegung die meisten historisch-kritischen Bibelexegeten gefolgt sind.
Beide Auffassungen des Satzes haben die Religions- und Rechtsgeschichte beeinflusst. Die Fehlübersetzung „Auge um Auge, Zahn um Zahn…“ wurde in der Umgangssprache zur Metapher für Rache, gnadenlose Vergeltung und Selbstjustiz.