Existenzielle Psychotherapie

Die Existenzielle Psychotherapie (engl.: existential psychotherapy; auch: existenzialistische Psychotherapie) wurde von Rollo May und Irvin D. Yalom begründet. Diese Form der Einzeltherapie geht von der Einsicht aus, dass viele Menschen als Ergebnis einer Konfrontation mit den existenziellen Grundtatsachen des Menschseins Ängste entwickeln, am Leben verzweifeln und durch kognitiv-rationale Therapieformen nicht erreichbar sind. Solche problem(lösungs)orientierten Therapieformen stoßen hier an ihre Grenzen, da der „Sinn des Lebens“ oder die Frage nach der Sterblichkeit keine „Probleme“ im therapeutischen, sondern eher im philosophischen Sinn darstellen.

Der Psyche kommt die Funktion zu, die vitalen Voraussetzungen der Existenz erlebnismäßig zu repräsentieren und so als Bindeglied zwischen dem Geist und Körper das Wohlbefinden des Menschen und die Erhaltung des Lebens zu hüten. Eine nicht integrierte Psychodynamik führt zu einer Ersetzung des entschiedenen und verantwortlichen Handelns durch psychische Reaktionen und somatische Reflexe. Der therapeutische Zugang erfolgt in diesem Fall durch die Bearbeitung der existenziellen Grundmotivationen.

Yaloms Therapie soll bei der Beantwortung wichtiger Fragen des Klienten rund um den „Sinn des Lebens“ helfen, z. B. in akuten Lebenskrisen, bei Trauerprozessen oder an entscheidenden Lebensübergängen. Sie zielt darauf, den Klienten zu ermutigen, seine eigene Existenz als freie, dabei stets ungewisse anzunehmen, für sie Verantwortung zu tragen und seine Authentizität zu stärken. Yalom steht als Neo-Freudianer teilweise in der Tradition von Sigmund Freud, von dem er insbesondere das Geschichtenerzählen als diagnostisches Instrument übernahm, verwehrte sich jedoch gegen die Nutzung dieser Geschichten zur Pathologisierung der Klienten. Auch arbeitet er nicht mit dem Instinktbegriff, sondern ersetzt diese durch die awareness of ultimate concern, die Wahrnehmung der existenziellen Probleme als universelle Konstante. Von Kierkegaard übernahm er die Einsicht, dass das Sicherheitsempfinden des Menschen extrem zerbrechlich ist und dessen Sinngebungsversuche sich dauernd in der Schwebe befinden, ohne eine endgültige Antwort zu erfahren.

Einige Untersuchungen bestätigen einen positiven Einfluss der Therapie in Lebenskrisen, z. B. bei schweren Erkrankungen.

Ein Vertreter eines ähnlichen Ansatzes ist Viktor Frankl (siehe Logotherapie und Existenzanalyse).

  1. A[lfred] Längle: Grundprinzipien der existenziellen Psychotherapie. In: Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie. 16 (2015) 1, S. 30–35.
  2. R. D. Miars, R. D.: Existential Authenticity: A Foundational Value for Counseling. Counseling and Values, 46 (2002), S. 218–225. doi:10.1002/j.2161-007X.2002.tb0021
  3. Søren Kierkegaard: Die Krankheit zum Tode. München 1969.
  4. Anders Draeby Sorensen, Rosemary Lodge & Emmy Van Deurzen: A Comparison of Learning Outcomes in Cognitive Behavioural Therapy (CBT) and Existential Therapy: An Interpretative Phenomenological Analysis. In: International Journal of Psychotherapy, Vol. 21 (2017), No. 3, S. 45–59.