Frühsexualisierung

Frühsexualisierung wird heute als politisches Schlagwort zur Kritik an „frühkindlicher Sexualaufklärung“ verwendet. Der Begriff entstammt der Psychologie, ist dort aber veraltet. Eingeführt wurde er wohl 1926 von Werner Villinger. In seiner heutigen Form kam der Begriff mit der gesellschaftlichen Enttabuisierung von Sexualität Mitte des 20. Jahrhunderts auf und wird von Kritikern verwendet, die sich vollständig oder teilweise gegen eine Sexualaufklärung von Kindern oder Jugendlichen wenden.

Seit 2014 wird der Begriff wieder verstärkt genutzt. Soziale Bewegungen im rechten, konservativen und rechtspopulistischen Spektrum verwenden ihn zum Protest gegen die Flexibilisierung und Liberalisierung der zweigeteilten, d. h. heteronormativen Geschlechtsrollen. Da diese in den Augen der Kritiker eine unverzichtbare Basis für die bürgerliche Gesellschaftsordnung (inklusive Ehe und bürgerlicher Familie) seien, wird dies als „Gefahr für den Nahbereich“ und die gesamte Gesellschaft empfunden.

  1. 1 2 Jutta Hartmann: Doing Heteronormativity? Funktionsweisen von Heteronormativität im Feld der Pädagogik. In: Karim Fereidooni, Antonietta P. Zeoli (Hrsg.): Managing Diversity. Die diversitätsbewusste Ausrichtung des Bildungs- und Kulturwesens, der Wirtschaft und Verwaltung. Wiesbaden 2016, S. 124.
  2. Zeitschrift für Kinderforschung. J. Springer, 1926 (google.de [abgerufen am 5. Februar 2018]).
  3. Google Ngram Viewer. In: Begriff „Frühsexualisierung“ in Büchern bei Google Books von 1800–2008. Abgerufen am 12. Juli 2017.
  4. Jürgen Kocka: Das europäische Muster und der deutsche Fall. In: Jürgen Kocka (Hrsg.): Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich. Einheit und Vielfalt Europas. Göttingen 1995, S. 9–75, hier 29 f.
  5. Jasmin Siri: Paradoxien konservativen Protests. Das Beispiel der Bewegungen gegen Gleichstellung in der BRD. In: Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hrsg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3144-9, S. 251.
  6. Heinz-Jürgen Voß: Wenn rechtpopulistische Kreise gewinnen: Zu den Debatten um Sexualpädagogik und Antidiskriminierung. (dasendedessex.de [PDF]).
  7. Ina-Maria Philipps, Ulrike Schmauch, Uwe Sielert, Karlheinz Valtl, Joachim Walter: Kampagnen gegen emanzipatorische sexuelle Bildung. Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats des Instituts für Sexualpädagogik Dortmund (isp). In: Zeitschrift für Sexualforschung. Band 29, Nr. 01, 2016, S. 7389.
  8. Imke Schmincke: Das Kind als Chiffre politischer Auseinandersetzung am Beispiel neuer konservativer Protestbewegungen in Frankreich und Deutschland. In: Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hrsg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld 2016, S. 96 ff.