Geschichte Jugoslawiens

Die Geschichte Jugoslawiens bezeichnet die Geschichte des Staates Jugoslawien, der in verschiedenen Staatsformen und unter verschiedenen Bezeichnungen existierte. Jugoslawien umfasste Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien mit den autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina.

Zwischen 1918 und 1929 existierte auf dem Westbalkan das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“, welches nach dem Ersten Weltkrieg unter Führung des vorherigen Königreichs Serbien gegründet wurde und dabei die Territorien des vorher unabhängigen Königreichs Montenegro sowie des kurzlebigen und aus den südslawischen Gebieten des im Weltkrieg zerfallenen Habsburgerreiches gebildeten „Staates der Serben, Kroaten und Slowenen umfasste. Nach einer Periode eines instabilen Parlamentarismus, der insbesondere von ethnischen Rivalitäten zwischen Serben und Kroaten geprägt war, ergriff König Alexander I. in einem Staatsstreich 1929 diktatorische Vollmachten und gab dem Staat eine neue Verfassung, der auch die zuvor inoffizielle Bezeichnung „Königreich Jugoslawien“ zum Staatsnamen machte.

Das Königreich Jugoslawien war zwischen 1929 und 1941 ein autoritäres monarchisches System, welches nach der Ermordung des Königs Alexander im Jahr 1934 vom Prinzregenten Paul von Jugoslawien verwaltet wurde. Nachdem sich die von Paul gestützte jugoslawische Regierung im Jahr 1941 bereiterklärte, dem Dreimächtepakt der Achsenmächte beizutreten, kam es zu einem Staatsstreich zugunsten des minderjährigen Königs Peter II., dessen neue Regierung sogleich den Beitritt zum Pakt wieder aufkündigte. Daraufhin griffen die Achsenmächte Jugoslawien in einem Angriffskrieg an und besetzten das Land. Zwischen 1941 und 1945 herrschte in Jugoslawien ein brutaler Bürger- und Partisanenkrieg, in dem sich neben den Besatzungsmächten der Achsenmächte und den mit ihnen verbündeten kroatischen Ustascha-Faschisten auch die kommunistische Volksbefreiungsarmee, die serbisch-nationalistischen Tschetniks sowie kleinere Fraktionen verschiedener Ethnien und Loyalitäten gegenseitig bekämpften. Insbesondere die kroatischen Ustascha waren während dieser Zeit mit deutscher Unterstützung für mehrere gleichzeitige Völkermorde an Juden, an Roma und insbesondere an den Serben verantwortlich.

Nachdem sich 1945 die Kommunisten von Josip Broz Tito als Sieger in Jugoslawien durchgesetzt hatten, wurde der im Jahr 1941 von den Achsenmächten zerschlagene jugoslawische Staat entlang kommunistischer Linien rekonstituiert. Das von Tito geführte Staatsgebilde hieß zunächst ab 1943 vorläufig „Demokratisches Föderatives Jugoslawien“ (DFJ), wurde 1945 „Föderative Volksrepublik Jugoslawien“ (FRJ) getauft und erhielt im Jahr 1963 seine endgültige Bezeichnung „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“ (SFRJ). Der neue Staat erweiterte die vorherige Struktur dreier Hauptvölker auf eine Föderation mit insgesamt sechs Teilrepubliken, indem Montenegro, Nordmazedonien und Bosnien-Herzegowina als gleichberechtigte Teilrepubliken neben Slowenien, Kroatien und Serbien Teil der FRJ wurden. Innerhalb Serbiens erhielten die Vojvodina und Kosovo zudem begrenzte Autonomiestatute, ohne aber vollwertige Teilrepubliken zu werden.

Trotz der Staatsideologie entfernte sich Tito bereits ab 1948 deutlich vom restlichen realsozialistischen Ostblock und beteiligte sich auf internationaler Ebene an der Bewegung der Blockfreien Staaten. Jugoslawien nutzte die Position zwischen den Machtblöcken des Kalten Krieges als diplomatischen und wirtschaftlichen Machtfaktor. Jugoslawien verfolgte aufgrund seiner Blockfreiheit Beziehungen mit beiden Seiten und förderte in Sektoren wie Rüstung oder Filmproduktion auch eigene Wirtschaftszweige.

Tito regierte Jugoslawien bis zu seinem Tod im Jahr 1980, wonach ein kollektives Präsidium der SFRJ die Staatsgeschäfte übernahm. Die ethnischen Rivalitäten hatten in diesem nach Teilrepubliken verteilten Präsidium wieder mehr Relevanz als noch zu Zeiten Titos zentralistischer Kontrolle, wodurch die partikularen Interessen der verschiedenen Teilvölker Jugoslawiens wieder einen stärkeren Platz einnehmen konnten. So hob im März 1989 das serbische Regionalparlament die in den vorherigen Jahrzehnten gewährten Statute für die innerhalb Serbiens autonomen Provinzen Vojvodina und Kosovo wieder auf, was besonders im Kosovo zu Unruhen führte. Gleichzeitig kam es in Slowenien und Kroatien zu starken inneren Forderungen nach einer Lockerung oder sogar Auflösung des jugoslawischen Staatsverbands. Den sezessionistischen Tendenzen der Kroaten und einiger Bosniaken widersetzten sich wiederum die serbischen Minderheiten in Kroatien und Bosnien. Die politisch-demographischen Unruhen wurden durch eine schwere Wirtschaftskrise noch zusätzlich angeheizt.

Nachdem slowenische und kroatische Delegierte aus Protest den 14. Parteikongress (Januar 1990) der herrschenden Kommunistischen Partei verließen, verlor die Staatspartei ihre landesweite Einheit, wodurch die verschiedenen Regionalorganisationen der Partei in den jeweiligen Teilrepubliken graduell die Regierungsgewalt übernahmen. Bei Wahlen in Slowenien und Kroatien im Frühjahr 1990 gingen jeweils nationalistische Parteien als Sieger hervor. Die neuen Regierungen Sloweniens und Kroatiens forderten ultimativ eine konföderierte Neuordnung Jugoslawiens und drohten bei Nichterfüllung die Sezession ihrer Teilrepubliken an. Dies wurde von der serbischen Minderheit in Kroatien mit den Straßenschlachten und Verkehrsblockaden der Baumstammrevolution (August 1990) beantwortet.

Am 28. Februar 1991 gründeten serbische Nationalisten in Kroatien eigenmächtig eine „Serbische Autonome Provinz Krajina“, deren Unterstützer sich ab März 1991 wiederholte Zusammenstöße mit der kroatischen Polizei, kroatischen Einheiten der Nationalgarde und den sich rapide formierenden paramilitärischen Kroatischen Verteidigungskräften lieferten. Diese frühen Gefechte gelten in der Rückschau als die ersten Schlachten der Jugoslawienkriege, die zwischen 1991 und 2001 den Westbalkan erschütterten. Obwohl sich das weit im Nordwesten gelegene und durch seine ethnische Homogenität geschützte Slowenien nach nur kurzen Kampfhandlungen loslösen konnte (10-Tage-Krieg), kam es weiter südöstlich aufgrund der ethnischen Durchmischung zwischen Kroaten, Bosniaken und Serben zunächst zum Kroatienkrieg (1991–1995) und nach der von den ethnischen Serben boykottierten Unabhängigkeitserklärung des neuen Staates Bosnien-Herzegowina (März 1992) auch zum Bosnienkrieg (1992–1995). Die antiserbische Koalition der Kroaten und Bosniaken zerbrach aber bereits im Sommer 1992, als der kroatisch-bosniakische Krieg (1992–1994) ausbrach. Mehrere internationale Interventionen insbesondere der Vereinigten Staaten führten sukzessive zum Washingtoner Abkommen (1994) für den Friedensschluss zwischen Kroaten und Bosniaken und dann zum Abkommen von Dayton (1995) für den Waffenstillstand zwischen Serben, Kroaten und Bosniaken. Die von Serben in Kroatien ausgerufene Republik Serbische Krajina war zwischenzeitlich von den kroatischen Streitkräften zerschlagen worden, aber die in Bosnien gegründete Republika Srpska wurde gemeinsam mit der im Washingtoner Abkommen 1994 gebildeten Föderation Bosnien und Herzegowina eine der neuen Teilentitäten des Staates Bosnien-Herzegowina, in dem alle drei Teilvölker weitgehende Autonomierechte genießen.

Das Daytoner Abkommen beendete zwar die meisten Kampfhandlungen im westlichen Jugoslawien, traf aber keine Vorkehrungen für den mehrheitlich albanischen Kosovo, in dem sich bis 1995 eine starke Widerstandsbewegung der UÇK gegen die serbische Staatsgewalt bildete. Bis 1998 führte die UÇK wiederholte Angriffe auf serbische Patrouillen, Polizeistationen und Behörden aus. Eine Gewaltspirale mehrerer Attacken beider Seiten führte im Februar 1998 in den Kosovokrieg (1998–1999). Ein von der NATO unterstützter Waffenstillstand wurde im Oktober 1998 unterzeichnet, scheiterte aber innerhalb weniger Monate. Im Januar 1999 entschied sich die NATO entgegen der Wünsche der jugoslawischen Regierung, eine militärische Friedensmission in den Kosovo zu führen. Der von der NATO vorgeschlagene Vertrag von Rambouillet (Februar/März 1999) wurde von der jugoslawischen Seite nicht unterzeichnet, woraufhin die NATO mit den schweren Luftangriffen der Operation Allied Force (März 1999) begann. Die Operation wurde beendet, nachdem sich die Belgrader Regierung im Abkommen von Kumanovo (9. Juni 1999) bereit erklärt hatte, die Armee und die serbische Polizei aus dem Kosovo abzuziehen. Einen weiteren Aufstand einer albanischen Minderheit gab es im Mazedonienaufstand 2001, der durch das Rahmenabkommen von Ohrid im August 2001 beendet wurde.

Nachdem durch die Sezessionen Sloweniens (1991), Kroatiens (1991), Bosnien-Herzegowinas (1992) und Nordmazedoniens (1991) nur noch die Teilrepubliken Serbien und Montenegro übriggeblieben waren, war dieser restliche Staatsverband 1992 „Bundesrepublik Jugoslawien“ getauft worden. Stärkere Autonomiebestrebungen der Montenegriner führten schließlich im Jahr 2003 zur Umbenennung der Staatenunion in „Serbien und Montenegro“, wodurch der Name Jugoslawien endgültig von der europäischen Landkarte verschwand. Mit dem Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro 2006 wurde auch diese letzte (post-)jugoslawische Union aufgelöst. Im Jahr 2008 folgte darüber hinaus die förmliche Unabhängigkeitserklärung der Republik Kosovo von Serbien, welche aber von der serbischen Regierung nicht anerkannt wurde.