Ustascha

Die Ustascha (vollständig kroatisch Ustaša – Hrvatska revolucionarna organizacija, kurz UHRO; d. h. die AufständischeKroatische revolutionäre Organisation) war ein im Jahr 1930 gegründeter ultranationalistisch-terroristischer Geheimbund, der für ein von Jugoslawien unabhängiges Großkroatien kämpfte und sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelte. Die Ustascha errichtete in dem von 1941 bis 1945 bestehenden Unabhängigen Staat Kroatien, der sich de jure im Wesentlichen auf das Gebiet des heutigen Kroatien sowie Bosnien und Herzegowina erstreckte, eine totalitäre Diktatur, die für den Völkermord an Serben, Juden und Roma sowie die Ermordung zahlreicher politischer Oppositioneller und Regimegegner verantwortlich war. Dies sowie ihre zügellose Tyrannei stießen bei einem zunehmend großen Teil der Bevölkerung auf Ablehnung.

Die Ustascha wurde als Reaktion auf die 1929 errichtete jugoslawische Königsdiktatur von Alexander I. (1888–1934) durch Ante Pavelić (1889–1959) gegründet und geführt. Der Name Ustaša (Plural Ustaše) für das einzelne Mitglied wie für die gesamte Organisation wurde in Erinnerung an den bewaffneten Aufstand von Rakovica unter Eugen Kvaternik gewählt, mit dem 1871 ein von Österreich-Ungarn unabhängiges Kroatien erkämpft werden sollte. Die Struktur und Rituale der im Exil in Italien gegründeten Ustascha waren zunächst vergleichbar mit denen anderer national-terroristischer Geheimbünde in Südosteuropa, wie der serbischen Schwarzen Hand oder der bulgarisch-makedonischen IMRO. Nach dem misslungenen Velebiter Aufstand im Jahr 1932 gelang der Ustascha, gemeinsam mit der IMRO, im Jahr 1934 das Selbstmordattentat auf den jugoslawischen König Alexander I. Bis die Ustascha im April 1941 durch Unterstützung der Achsenmächte unerwartet die Macht in einem neugegründeten Vasallenstaat übernehmen konnte, befanden sich ihre Stützpunkte und Ausbildungslager, in denen zuletzt bis zu 300 Personen untergebracht waren, vor allem in Ungarn und Italien. Die Ustascha entwickelte sich nie zu einer Massenbewegung, sondern wurde in den 1930er-Jahren von höchstens 10 % der Bevölkerung unterstützt. Trotz einer anfänglich breiten Schicht von Sympathisanten und Opportunisten betrug die Zahl der formell aufgenommenen Mitglieder in der Heimat und im Exil bis 1941 vermutlich nie mehr als 3000 bis 4000, maximal 10.000, die sich aus Studenten, Professoren, Schriftstellern, Juristen, ehemaligen k. u. k. Offizieren, Mitgliedern katholischer Vereinigungen und Angehörigen sozialer Randgruppen rekrutierten.

Da der Katholizismus wesentliches Abgrenzungsmerkmal der Kroaten gegenüber anderen Ethnien war, wurde dieser von der Ustascha entsprechend instrumentalisiert. Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Ustascha war ambivalent. Viele katholische Geistliche sympathisierten mit der grundlegenden Idee eines kroatischen Staates. Die nationalistisch eingestellten Kleriker kooperierten mit der Ustascha, waren jedoch die Minderheit, und einige Geistliche protestierten gegen deren Verbrechen. Aufgrund der Instrumentalisierung der Religion durch die Ustascha und der Beteiligung von Vertretern des katholischen Klerus bei Aufbau, Organisation und Führung des faschistischen Ustascha-Regimes wird die Ustascha-Diktatur von einigen Historikern dem Klerikalfaschismus zugeordnet.

  1. Historische Hintergründe und Ursachen des Kroatienkrieges 1991 – 1995. Nationalismus, ethnischer Konflikt und nationale (Des-)Integrationsprozesse. Boris Katić, Wien 2012, S. 85.
  2. Bei der verbreiteten Behauptung, die Gründung sei am 10. Januar 1929 erfolgt, handelt es sich um eine Propagandalüge der Ustascha. Siehe Fikreta Jelić-Butić: Prilog proučavanju djelatnosti ustaša do 1941. In: Časopis za suvremenu povijest. Band 1, Nr. 1–2, 1969, S. 55–90, hier 61 (kroatisch, srce.hr).
  3. Ante Pavelić: Eingabe an den Staatsanwalt beim Appellationsgericht in Aix-en-Provence. In: Volk und Reich. Heft 2 (Februar). Volk und Reich, Berlin 1936, S. 160.
  4. Edgar Hösch, Karl Nehring, Holm Sundhaussen: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2004, ISBN 978-3-8252-8270-7, S. 719.
  5. Branimir Jelić: Političke uspomene i rad dra Branimir Jelića [Die politischen Erinnerungen und die Arbeit Dr. Branimir Jelićs]. Hrsg.: Jere Jareb, M. Šamija. Cleveland 1982.
  6. Mark Biondich: Religion and Nation in Wartime Croatia : Reflections on the Ustaša Policy of Forced Religious Conversions, 1941–1942. In: The Slavonic and East European Revue. Jg. 83, Nr. 1, 2005, S. 79.
  7. Holm Sundhaussen: Ustaše. In: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 719.
  8. Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. C.H.Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60645-8, S. 160.
  9. Sabrina P. Ramet: The three Yugoslavias: state-building and legitimation, 1918–2005. Indiana Univ Press, 2006, ISBN 0-253-34656-8, S. 123.
  10. Michael Phayer: The Catholic Church and the Holocaust, 1930–1965. Indiana University Press, Bloomington 2000, S. 35 ff.
  11. Ewa Kobylińska: Religion und Kirche in der modernen Gesellschaft. Polnische und deutsche Erfahrungen. Otto Harrassowitz, 1994, S. 52 sowie Lutz Raphael: Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Europa 1914–1945. C. H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-62353-0, S. 256.