Goldene Regel

Als Goldene Regel (lateinisch regula aurea; englisch golden rule) bezeichnet man einen alten und verbreiteten Grundsatz der praktischen Ethik. Positiv formuliert lautet sie:

„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

Die negative Form ist als gereimtes Sprichwort bekannt:

„Was du nicht willst, das[s] man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“

Anglikanische Christen prägten den Ausdruck golden rule seit 1615 zunächst für die in der Bibel überlieferten Regelbeispiele (Tob 4,15 ; Mt 7,12 ; Lk 6,31 ), die das Toragebot der Nächstenliebe (Lev 19,18 ) als allgemein gültiges und einsehbares Verhalten auslegen. Die christliche Theologie sah darin seit Origenes den Inbegriff eines allgemein einsichtigen Naturrechts, durch das Gottes Wille allen Menschen von jeher bekannt sei.

Ähnliche, negativ oder positiv formulierte Merksprüche oder Lehrsätze sind seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. in religiösen und philosophischen Texten aus China, Indien, Persien, Altägypten und Griechenland überliefert. Diese Texte entstanden teilweise zeitlich parallel und werden nicht auf eine gemeinsame Quelle zurückgeführt. Wie das fortbestehende Vergeltungsprinzip (ius talionis) und das Tauschprinzip (do ut des) sind sie auf Wechselseitigkeit im Sozialverhalten bezogen und wenden sich an jede Person, setzen also ein Individualitäts- und Gattungsbewusstsein in nicht mehr überwiegend tribalistisch organisierten Gesellschaftsformen voraus. Seit außereuropäische Analogien in Europa bekannt wurden, bezog man den Ausdruck Goldene Regel auch darauf. Seitdem bezeichnet er einen angenommenen ethischen Minimalkonsens unterschiedlicher Kulturen und Weltanschauungen und eine „unschätzbare Nützlichkeit“ als ethischer Wegweiser.

Die Regel erwartet Wechselseitigkeit menschlichen Handelns und appelliert daran. Sie verlangt einen Perspektivenwechsel und macht das Sich-Hineinversetzen in die Lage Betroffener zum Kriterium für moralisches Handeln. Das gilt auf jeden Fall als Schritt zu ethischer Eigenverantwortung mit der Kraft zur Selbstkorrektur: Missbräuchliche, wörtliche Anwendungen der Regel können wiederum mit ihr auf moralische Konsistenz befragt werden.

Da sie keine inhaltliche Norm für richtiges oder falsches Verhalten benennt, wurde sie historisch verschieden gedeutet: etwa als Appell an eigennützige Klugheit, die Vor- und Nachteile zu erwartender Reaktionen auf das eigene Handeln zu bedenken, oder als Forderung nach Fairness, die Interessen und Wünsche Anderer als gleichwertig mit den eigenen zu berücksichtigen, oder als Achtung der Menschenwürde Anderer, die allgemeingültige Maßstäbe für ethisches Handeln impliziert. In der Philosophie der Neuzeit wurde sie oft als ethisch untaugliche Maxime verworfen oder auf verschiedene Weisen ergänzt und präzisiert.

  1. Das Relativpronomen „das“ wird oft auch als Konjunktion „dass“ wiedergegeben und leitet dann einen objektlosen Nebensatz ein, jedoch ohne wesentlichen Bedeutungsunterschied. Siehe Georg Büchmann: Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes. (1882) Unveränderter Nachdruck: Outlook, Frankfurt am Main 2024, ISBN 978-3-385-09212-9, S. 54f.
  2. Thomas Jackson: First Sermon upon Matthew 7,12 (1615; Werke Band 3, S. 612); Benjamin Camfield: The Comprehensive Rule of Righteousness (1671); George Boraston: The Royal Law, or the Golden Rule of Justice and Charity (1683); John Goodman: The Golden Rule, or, the Royal Law of Equity explained (1688; Titelseite als Faksimile in der Google-Buchsuche); dazu Olivier du Roy: The Golden Rule as the Law of Nature. In: Jacob Neusner, Bruce Chilton (Hrsg.): The Golden Rule – The Ethics of Reprocity in World Religions. London/New York 2008, S. 94
  3. Oxford English Dictionary, Compact Edition, Vol. I, Oxford University Press, Oxford 1971, S. 280
  4. Maximilian Forschner et al. (Hrsg.): Lexikon der Ethik. 7. Auflage, Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56810-7, S. 118
  5. Wilfried Härle: Goldene Regel. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart Band 3. 4. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-16-146943-7, Spalte 1078
  6. Jeffrey Wattles: The Golden Rule. 1996, S. 6
  7. Bruno Schüller: Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie. 3. Auflage, Patmos, Düsseldorf 1993, ISBN 3-491-77551-5, S. 85–91