Häftlingsfreikauf
Als Häftlingsfreikauf bezeichnet man den Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland.
Für die Freilassung politischer Gefangener verzichtete die DDR bei selektierten Haftfällen auf einen Teil des Haftanspruchs, wofür die Bundesrepublik die DDR durch Devisen, vornehmlich jedoch durch geldwerte Leistungen in Form von Warenlieferungen entlohnte. Im Westen wurden diese von Rechtsanwälten eingefädelten Transaktionen von den beteiligten Akteuren und in der Öffentlichkeit als Menschenhandel bezeichnet. In der DDR durfte über den Menschenhandel mit der Bundesrepublik nicht gesprochen werden. Daran anschließend forderte die SED-Führung von der Bundesrepublik Diskretion, sukzessive Einschränkungen der Pressefreiheit. Die westdeutschen Medien hielten sich mit der Berichterstattung dann auch etwas zurück, um das Zustandekommen der in größerem Umfang geplanten Freikaufsgeschäfte politischer Häftlinge nicht zu gefährden.
Auf die informierte DDR-Bevölkerung übte die Freikaufoption eine große Sogwirkung aus, weil sich an der menschenrechtsverletzenden Situation in der DDR nichts änderte. Viele Akademiker und Facharbeiter gelangten über den Umweg des Häftlingsfreikaufs in den Westen und der kursierende Witzspruch „Erich macht als Letzter das Licht aus“ bekam durch den Fachkräfteschwund immer mehr Realitätsbezug.
Auf eigenen Wunsch wurden die freigekauften Gefangenen in die Bundesrepublik ausgebürgert; oft direkt aus der Haft heraus und ohne sich vorher von ihren Angehörigen oder Mithäftlingen verabschieden zu können.
Der Häftlingsfreikauf begann Ende 1962 und endete im Herbst 1989 mit der Freilassung der politischen Gefangenen in der Zeit der Wende und friedlichen Revolution in der DDR. Von 1966/67 bis 1989 war das Kaßberg-Gefängnis im damaligen Karl-Marx-Stadt der zentrale Abwicklungsort für den Häftlingsfreikauf aus der DDR aufseiten des ostdeutschen Regimes, nachdem die Haftentlassungen im Rahmen des Freikaufs zuvor über Ost-Berlin abgewickelt worden waren. In der Regel waren die zum Freikauf vorgesehenen Häftlinge im B-Trakt inhaftiert. Heute befindet sich in dem Gebäudeteil der Lernort mit Dauerausstellung des Lern- und Gedenkorts Kaßberg-Gefängnis.
Zwischen 1964 und 1989 wurden insgesamt 33.755 politische Häftlinge für 3.436.900.755,12 D-Mark freigekauft. Außerdem musste die Bundesregierung „Gebühren“ für die Ausreise von etwa 250.000 Ausreisewilligen entrichten.
Dieser Geldfluss von West nach Ost trug zur Stabilisierung der DDR bei, die ab den 1970er Jahren in ständigen Finanznöten steckte.
Das Diakonische Werk der EKD in Stuttgart spielte bei der Vermittlung eine gewisse Rolle. Der DDR-Begriff der daran Beteiligten für den Häftlingsfreikauf war Kirchengeschäft B oder B-Geschäft. Die Kontakte zwischen Kirchen und Kirchengemeinden in Deutschland waren eng und wurden von der SED geduldet.
- ↑ Abgewickelt auf Berechnungsgrundlage von Valutamark; siehe dazu auch Kirchenbauprogramme in der DDR
- ↑ Eckart Conze, Katharina Gajdukowa, Sigrid Koch-Baumgarten, eds.: Die demokratische Revolution 1989 in der DDR. Böhlau Verlag, Köln / Weimar, 2009. S. 64 f.
- ↑ Häftlingsfreikauf: letztes Kapitel, Information der Bundesregierung.
- ↑ Jan Philipp Wölbern: Der Häftlingsfreikauf aus der DDR 1962/63-1989. Zwischen Menschenhandel und humanitären Aktionen. 1. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-525-35079-9, S. 478.
- ↑ Der historische Ort und unser Lern- und Gedenkort mit Dauerausstellung. In: gedenkort-kassberg.de. Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis e. V., abgerufen am 26. Mai 2025.
- ↑ Ludwig Geißel: Unterhändler der Menschlichkeit – Erinnerungen. Quell, Stuttgart 1991, ISBN 978-3-7918-1984-6 (S. 470; S. 328 ff.).
- ↑ Klaus Schroeder: Der SED-Staat : Partei, Staat und Gesellschaft 1949–1990. Haner Verlag, München / Wien 1998, ISBN 3-446-19311-1, S. 191.
- ↑ Kirchengeschäft A oder A-Geschäft war der Begriff für Geschäfte mit der evangelischen Kirche in der Bundesrepublik und Kirchengeschäft C oder C-Geschäft für die mit der römisch-katholischen Kirche in der Bundesrepublik.