Ockhams Rasiermesser
Ockhams Rasiermesser – auch Prinzip der Parsimonie, lex parsimoniae oder Sparsamkeitsprinzip – ist das bekannteste Beispiel eines philosophischen Rasiermessers, also eines heuristischen Forschungsprinzips, das überflüssige Annahmen systematisch ausscheidet. Es entstammt der Scholastik und gebietet bei der Bildung von erklärenden Hypothesen und Theorien höchstmögliche Sparsamkeit. Außer Occam's Razor ist im Englischen die Wendung law of parsimony verbreitet. Die lateinische Bezeichnung lautet novacula Occami, die traditionelle deutsche Ockhams Skalpell. Im Französischen findet sich 1746 bei Étienne Bonnot de Condillac die Formulierung rasoir des nominaux.
Das nach Wilhelm von Ockham (1288–1347) benannte Prinzip findet seine Anwendung in der Wissenschaftstheorie und der wissenschaftlichen Methodologie als heuristisches Prinzip. Vereinfacht ausgedrückt besagt es:
- Von mehreren möglichen hinreichenden Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
- Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält und diese in logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt folgt.
Mit der ockhamschen Regel verbunden ist die Forderung, für jeden Untersuchungsgegenstand nur eine einzige hinreichende Erklärung anzuerkennen. Nach der heutigen wissenschaftlichen Praxis muss diese Erklärung nicht monokausal sein; sie kann aus mehreren zusammenhängenden Sätzen bestehen. Die metaphorische Bezeichnung als Rasiermesser ergibt sich daraus, dass überflüssige Elemente einer Erklärung – wie überstehendes Haar – mit einem Rasiermesser einfach und auf einmal entfernt werden können.
Die Befolgung dieses Prinzips bietet den Vorteil, dass eine Theorie mit wenigen und einfachen Annahmen leichter falsifizierbar ist als eine mit vielen und komplizierten. Ockhams Rasiermesser ist aber nur eines von mehreren Kriterien für die Qualität von Theorien. Mit ihm lässt sich kein Urteil über die Gültigkeit von Erklärungsmodellen fällen, wohl aber lassen sich unnötige Annahmen aussondern. Ein moderner reduktionistischer Ansatz in ähnlichem Geist ist das KISS-Prinzip. Eine Ausfaltung des Sparsamkeitsprinzips findet sich in der Mathematik im Permanenzprinzip.
Wilhelm von Ockham selbst hat das Prinzip nie explizit in dieser Form formuliert, es aber implizit in seinen Schriften angewendet. So forderte er: „Nichts darf man ohne eigene Begründung annehmen, es sei denn es sei evident oder aufgrund von Erfahrung gewusst oder durch die Autorität der Heiligen Schrift gesichert.“ (Kommentar zu den Sentenzen, I, d. 30, q. 1)
- ↑ Étienne Bonnot de Condillac: Essai sur l'origine des connaissances humaines. Band I. Mortier, Amsterdam 1746, S. 248 (wikisource.org – Fußnote).
- ↑ Zitiert nach: Richard Heinzmann: Philosophie des Mittelalters. 2. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 1998, ISBN 978-3-17-015529-9, S. 249.