Sanfter Despotismus
Der Begriff „sanfter Despotismus“ (im frz. Original despotisme doux, auch als „sanfte Despotie“, „weiche Despotie“, „weicher Despotismus“ wiedergegeben) wurde von Alexis de Tocqueville in seinem Werk Über die Demokratie in Amerika geprägt. Die „sanfte“ Despotie unterscheidet sich von der üblichen „harten“ Despotie dadurch, dass es für das Volk nicht offensichtlich ist, in Unfreiheit zu leben. Sie vermittelt die Illusion, Einfluss auf die Politik und die Regierung zu haben, kann jedoch auch Angst, Unsicherheit und Zweifel hervorrufen. Sie kann in einem Land entstehen, das von „einem Netz kleiner, komplizierter Regeln“ beherrscht wird.
Alexis de Tocqueville stellte fest, dass dieser Trend in Amerika anfangs noch durch die gemeinwohlorientierten „Gewohnheiten des Herzens“ der Bevölkerung des 19. Jahrhunderts vermieden werden konnte. Der Wille zur sozialen Teilnahme schwindet jedoch in dem Maße, wie sich eine privatistische (aufs Privatleben konzentrierte) und konsumorientierte Massenkultur als Folge des gesellschaftlichen Wohlstandes und der Freiheit der Selbstentfaltung ausbreitet. Die sanfte Despotie steht dementsprechend nach Auffassung Charles Taylors am Ende eines Teufelskreises: Der Rückzug der Menschen aus dem Gemeinwesen ins Privatleben verstärkt zentralistische und bürokratische Tendenzen des Staates, diese schließen den einzelnen aus, sodass er sich noch mehr zurückzieht und schließlich apathisch wird, womit er sich dem Staat vollständig ausliefert. Sanfte Despotie ist dabei nicht zu verwechseln mit sanfter Tyrannei, erstere kann wohlwollend sein, die zweite ist immer schädlich, weil im eigennützigen Interesse der Herrschenden begründet.
Vorläufer des Konzepts der sanften Despotie waren Montesquieus Beobachtungen zu negativen Auswirkungen des französischen Zentralismus.
- ↑ Oliver Eberl, David Salomon: Perspektiven sozialer Demokratie in der Postdemokratie. Springer-Verlag, 2016, ISBN 978-3-658-02724-7 (com.ph [abgerufen am 12. Mai 2022]).
- ↑ Amitai Etzioni: The Essential Communitarian Reader. Rowman & Littlefield, 1998, ISBN 0-8476-8827-5, S. 50 (com.ph [abgerufen am 12. Mai 2022]).