Sudauer Büchlein

Das Sudauer Büchlein (litauisch Sūduvių knygelė) ist ein von einem anonymen Autor zwischen 1520 und 1530 im Herzogtum Preußen verfasstes Manuskript, das die heidnischen Rituale, Bräuche und Religionsreste der Sudauer (Jatwinger) im nordwestlichen Samland beschreibt und dabei auch mehrere Sätze, Wörter und Götternamen aus der im 17. Jahrhundert ausgestorbenen jatwingischen Sprache überliefert.

Die ursprünglich im Grenzgebiet zwischen Ostpreußen, heute im Nordteil die russische Oblast Kaliningrad, und dem heutigen Belarus, Litauen und Polen siedelnden baltischen, heidnischen Jatwinger wurden nach Widerständen Ende des 13. Jahrhunderts teilweise vom Deutschen Orden in den sogenannten „Sudauerwinkel“ im Nordwesten des Samlandes an der Ostsee deportiert, wo sich ihre westbaltische Sprache noch bis ins 17. Jahrhundert erhielt.

Die Schrift entstand nach Meinung vieler Historiker und Baltisten nicht allein zum wissenschaftlichen Selbstzweck, sondern sollte im damaligen reformatorischen Zeitgeist indirekt auf die Notwendigkeit evangelischer Missionierung der Landbevölkerung hinweisen.

Die Glaubwürdigkeit der geschilderten Rituale wird kontrovers beurteilt. Ein Teil der Forscher betont, dass einige Götternamen unbekannt seien, die geschilderten Rituale teils aus vorchristlichen deutschen, polnischen und prußischen Traditionen und sogar aus dem Alten Testament kämen, und lehnt sie als nicht authentische Schilderung der Verhältnisse ab. Andere Forscher arbeiten dagegen heraus, dass sich die Götternamen sprachwissenschaftlich erklären ließen, sie vielleicht jatwingische Regionalgötter waren, dass die geschilderten Bauernkulte nur noch ein Rest der ursprünglichen Religion wären, unter die sich auch deutsche, polnische und prußische (altpreußische) vorchristliche Rituale aus der Nachbarschaft gemischt haben könnten, und dass die Ähnlichkeiten zu allgemein sind und ethnologisch zu verbreitet seien, um wirklich aus dem Alten Testament abgeschrieben sein zu müssen. Die überlieferten sprachlichen Reste sind mit heute besserer Kenntnis der jatwingischen Sprache nicht umstritten, was auch ein Argument ist, dass die geschilderten Rituale existiert haben könnten.