Tigranes VI.

Tigranes VI. (griechisch Τιγράνης; geboren wohl spätestens in den frühen 20er Jahren des 1. Jahrhunderts; gest. wohl nach 66/7) war seit dem Jahr 60 n. Chr. König von Armenien. Er entstammte der herodianischen Dynastie und war ein Neffe des Tigranes V. Er war der Sohn eines Alexander, der in Ägypten offenbar über Landbesitz verfügte, und ging aus dessen Ehe mit einer namentlich nicht überlieferten Adligen hervor. Dieser Alexander wiederum war der Sohn jenes Alexander – Sohns des Herodes I. – der um 8 v. Chr. einer Hofintrige zum Opfer gefallen war. Jener hatte sich mit Glaphyra, der Tochter des Archelaos Sisines von Kappadokien, vermählt; über diese Verbindung war auch Tigranes wohl entfernt mit dem armenischen Königshaus verbunden.

Benannt wurde Tigranes nach seinem Onkel, der ab etwa 6 v. Chr. in Armenien geherrscht hatte, sich dort aber nicht dauerhaft hatte durchsetzen können. Über Kindheit und Jugend des Tigranes ist nur wenig bekannt. Er erhielt seine Erziehung in Rom, und sein langjähriger Aufenthalt dort gab Anlass zu dem Vorwurf, er habe eine charakterlich sklavische Unterwürfigkeit angenommen.

Als es Domitius Corbulo im Partherkrieg unter Nero vorübergehend gelungen war, den Thronanwärter Tiridates aus dem Feld zu schlagen, wurde Tigranes VI. im Jahr 60 als König eingesetzt und zur Sicherung seiner unbeliebten Herrschaft nach innen mit militärischen Kräften ausgestattet. Zudem wurde die Überwachung der strategisch wichtigen Pässen den an Armenien angrenzenden, mit Rom verbündeten Herrschaften übertragen. Im folgenden Jahr nahm Tigranes – möglicherweise auf Veranlassung Roms – den Krieg gegen die Perser wieder auf und überfiel das parthische Vasallenreich Adiabene. Der Einfall in Adiabene und die Absetzung des Monobazes provozierten den parthischen König Vologaeses I., der mit Tiridates als Gegenkandidat zum Gegenschlag ausholte. Es kam zur Belagerung von Tigranakert, die jedoch erfolgreich abgewehrt werden konnte. Dennoch verlor Tigranes in der Folge das Vertrauen Roms und es wurden Vorbereitungen zur Annexion Armeniens unternommen. Zur Umsetzung dieses Vorhabens kam es allerdings letztlich nicht, da es den Parthern gelang ein römisches Heer unter L. Caesennius Paetus zurückzuschlage. Der Friedensschluss mit den Römern bestimmte die erneute Einsetzung von Tiridates; Tigranes musste daraufhin 63 abdanken. Vereinzelte Münzfunde scheinen auf eine erneute Herrschaft des Tigranes 66/7 n. Chr. hinzudeuten. Tigranes wurde von seinem Sohn Alexander beerbt, der mit Jotape, der Tochter des Kommagener Königs Antiochus, vermählt war und von Vespasian als König der killikischen Inseln eingesetzt wurde – und möglicherweise von einer Tochter namens Iulia. Jedenfalls verweist eine Inschrift aus Falerii in Etrurien, offenbar aus dem 1. Jahrhundert, auf eine „Iulia Tigranis regis f(ilia) Ammia“.

  1. Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse. Sheffield 1998, S. 248, 251.
  2. Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse. Sheffield 1998, S. 247.
  3. Vgl. hierzu Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse. Sheffield 1998, S. 246–51.
  4. Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,140.
  5. Zu diesem Alexander vgl. Martin Schottky: Tigranes 6. In: Der Neue Pauly, Bd. 12,1, Stuttgart/Weimar 2002, Sp. 568
  6. Tacitus, annales 14,26; 15,1.
  7. Tacitus, annales 14,26; Iosephus, bellum Iudaicum 2,222; antiquitates Iudaicae 18,140.
  8. Tacitus, annales 14,26; vgl. hierzu Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse. Sheffield 1998, S. 249.
  9. So Martin Schottky: Tigranes 7. In: Der Neue Pauly, Bd. 12,1, Stuttgart/Weimar 2002, Sp. 568; vgl. auch Fritz Geyer: Tigranes 6. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Bd. VI A,1, Stuttgart 1936, S. 980f.
  10. Dieser war ein Konvertit zum jüdischen Glauben; Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse. Sheffield 1998, S. 250.
  11. Tacitus, annales 15,1–2; Cassius Dio 62,20.
  12. Tacitus, annales 15,4–6.
  13. Tacitus, annales 15,6; andere Darstellung bei Cassius Dio 62,20,4.
  14. Tacitus, annales 15,15–16; Cassius Dio 62,21,1.
  15. Tacitus, annales 24–31; Cassius Dio 62,21,2; vgl. Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse. Sheffield 1998, S. 250.
  16. Frank L. Kovacs: Tigranes IV, V, and VI. New Attributions. In: American Journal of Numismatics 20 (2008), S. 337–50; Torsten Bendschus: Tigranes V. und seine Münzen, Armenische Herrscherlegitimation des frühen 1. Jhdts. n. Chr. im Spiegel der numismatischen Zeugnisse. In: Numismatische Zeitschrift 124 (2018), S. 9–54, hier: S. 16f.
  17. Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,140; zu diesem vgl. Martin Schottky: Iulius II 6. In: Der Neue Pauly, Bd. 6, Stuttgart/Weimar 1999, S. 24f.; Edmund Groag: Iulius 57. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Bd. X,1, Stuttgart 1918, Sp. 150–53.
  18. Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse. Sheffield 1998, S. 251.