Verantwortungsdiffusion

Verantwortungsdiffusion bezeichnet das Phänomen, dass eine Aufgabe, die offensichtlich zu tun ist, nicht ausgeführt wird – obwohl dafür genügend fähige Personen anwesend beziehungsweise verfügbar wären. Die beteiligten Personen hoffen bewusst oder unbewusst, dass eine andere Person schon rechtzeitig einschreiten würde.

Alternativ kann unter dem Begriff eine nicht eindeutige Zuordnung einer Aufgabe einer verantwortlichen Stelle oder Person verstanden werden. Das Problem ist regelmäßig in der freien Wirtschaft und im Umgang mit Behörden bekannt, wenn eine Zuordnung einer fehlerbehafteten Erledigung oder Entscheidung keinem einzelnen Verursacher mehr zugeordnet werden kann.

Der Begriff bezieht sich auf jenen der Verantwortung. Verantwortungsdiffusion wird unter anderem in der Psychologie, der Sozialpsychologie, der Pädagogik und der Organisationssoziologie untersucht.

In der Verhaltensforschung wurde etwa das Verhalten von Zuschauern bei einer Straftat untersucht und festgestellt, dass alleine die Anwesenheit mehrerer Zuschauer die Wahrscheinlichkeit von Hilfeleistungen erheblich senken kann (Bystander-Effekt).

Bei der Untersuchung der Aufgabenverteilung in Organisationen stößt die Soziologie immer wieder auf das Phänomen, dass Tätigkeiten, die von Mitarbeitern durchaus als notwendig eingestuft werden, dennoch nicht ausgeführt werden. Als Erklärung wird etwa genannt, dass die Verbindung zwischen der eigenen organisatorischen Rolle und dem Charakter der Aufgabe für die in Frage kommenden Akteure ungeklärt ist.

Bei der Entstehung von Verantwortungsdiffusion kann auch eine übergeordnete Instanz ursächlich sein: Sie kann etwa durch fehlende oder unklare Zuordnung von Verantwortung oder auch durch gezielte Zuordnung gleicher Aufgaben an mehrere miteinander konkurrierende Stellen bedingt sein (vgl. Königsmechanismus).

Verantwortungsdiffusion kann spieltheoretisch als Trittbrettfahrerproblem oder mit dem Koordinationsspiel als Freiwilligendilemma formalisiert werden.

Ein weiterer Faktor in der Entstehung der Verantwortungsdiffusion ist die Tatsache, dass Menschen oftmals einen Konsens anstreben, und es vermeiden wollen, sich zu exponieren. Im schlimmsten Fall wird befürchtet, als unpopulär oder sogar „streitsuchend“ zu erscheinen.

  1. Xinyu Li, Wendelin Schnedler: Sharing the Fame but Taking the Blame: When Declaring a Single Person Responsible Solves a Free Rider Problem. In: Management Science. Band 71, Nr. 10, Oktober 2025, ISSN 0025-1909, S. 8252–8266, doi:10.1287/mnsc.2024.06567.
  2. Andreas Diekmann: Cooperation in an asymmetric Volunteer's dilemma game theory and experimental evidence. In: International Journal of Game Theory. Band 22, Nr. 1, 1. März 1993, ISSN 1432-1270, S. 75–85, doi:10.1007/BF01245571.